Anthony Burgess: Jetzt ein Tiger

Weißt du, die Wirklichkeit ist immer langweilig, aber wenn wir einsehen, dass sie alles ist, was wir haben – dann hört sie wundersamerweise auf, langweilig zu sein.

Bei Jetzt ein Tiger (Time for a Tiger) handelt es sich um Burgess’ ersten Roman, der 1956 erschien. Er bildet den Auftakt zur sogenannten Malayan Trilogy, deren übrige Bände bis 1959 herausgebracht wurden. Seitdem wurden sie in allen englischen Ausgaben nur noch zusammen gedruckt und haben den Übertitel The Long Day Wanes (Der lange Tag schwindet) bekommen. Alle drei Romane sind jeweils etwa 200 Seiten stark, so dass sie zusammen einen ganz ansehnlichen Band ergeben. Zusammengehalten werden sie durch den gemeinsamen Protagonisten Victor Crabbe, einen Engländer, der in Malaya (dem Vorgängerstaat des heutigen Malaysia) als Lehrer die letzten Jahre der britischen Herrschaft (1955–1957) erlebt.

Crabbe ist verheiratet, etwas unglücklich, da seine Frau Fenella nach Europa zurück will und er sich Vorwürfe macht, sie nicht genug zu lieben, wenigstens weniger als seine erste Frau, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, bei dem Crabbe am Steuer saß. Er ist Lehrer an einer englisch geprägten Privatschule im Norden Malaya und ist bei seinen Schülern ebenso beliebt wie bei der Schulleitung unbeliebt. Crabbe unterrichtet Geschichte und ist sich der prekärer politischen Lage Malayas bewusst: Im Dschungel drohen kommunistische Terroristen, die von China unterstützt werden, mit dem Umsturz des Staates, die soziale Spanne zwischen Ober- und Unterschicht ist erheblich und die diversen Ethnien und Religionen (Malaien, Chinesen, Inder und Europäer bzw. Moslems, Buddhisten, Hindus und Christen) hegen solide Vorurteile gegeneinander, was auch den Schulalltag nicht eben leichter macht. Am Ende von Jetzt ein Tiger wird Crabbe die Schule verlassen und an die Ostküste der malaiischen Halbinsel wechseln.

Neben Crabbe, der die Trilogie als Protagonist zusammenhält, gibt es in Jetzt ein Tiger weitere Hauptfiguren: Den ewig betrunkenen Polizei-Leutnant Nabby Adams, der ständig auf der Suche nach dem nächsten Tiger ist – einer bis heute in Südostasien beliebten Biermarke – und den in halbwegs nüchternem Zustand die Liste seiner untilgbar erscheinenden Schulden plagt. Und seinen Sancho Pansa Alladad Khan, der – ähnlich unglücklich verheiratet wie Crabbe – heimlich in Crabbes Frau verliebt ist und im Laufe des Buches für einen Moslem erstaunliche Mengen Alkohol konsumiert. Dieses Trio (bzw. Quartett, wenn man Fenella mit dazu zählt) ist umringt von einer ganzen Schar von schrägen und interessanten Nebenfiguren: Dem schwulen, aber verheirateten Koch der Crabbes, dem ebenso überforderten wie cholerischen Schulleiter Boothby, einem jungen chinesischen Schüler, aus dem weder Crabbe noch Boothby richtig schlau werden, einem Kollegen Alladad Khans, den Khan um dessen Kenntnisse der englischen Sprache beneidet, Crabbes malaiischer Geliebten, die versucht sich an ihm mit Gift zu rächen, als er sie verlässt usw. usf.

Eine Handlung hat das Buch zwar, aber es lohnt kaum, sie nachzuerzählen. Seine Qualität bezieht das Buch vielmehr aus der Beschreibung des Lebens, der Konflikte, der Bestrebungen, Hoffnungen und Träume seiner Protagonisten. Für die nur gut 200 Seiten, die das Buch umfasst, ist es erstaunlich welthaltig und liefert mit seinem Gemisch aus englischen und malaiischen Dialogen (auf die Wiedergabe des von Adams und Khan gebrauchten Urdu verzichtet Burgess glücklicherweise) einen sehr lebendigen Ausschnitt dieser malaiisch-britischen Welt. Für einen Erstling ein ganz erstaunlich reichhaltiges Buch.

Die deutsche Übersetzung habe ich nur stichprobenartig geprüft, und sie hat sich an allen Stellen bewährt. Auch schwierige Stellen sind durchaus witzig gelöst – so heißt Adams Hündin Cough im Deutschen Issdich – und mit der Entscheidung, die malaiischen Passagen unübersetzt ins Deutsche zu übernehmen – Burgess hat ein Glossar erstellt, das natürlich ebenfalls übersetzt wurde –, hat man dem Buch seine sprachliche Vielfalt belassen.

Es ist zu hoffen, dass dieses überraschend gute Buch auf genügend Interesse stößt, dass sich Verlag und Übersetzer entschließen können, auch die beiden übrigen Teile der Malayan Trilogy ins Deutsche zu transportieren.

Anthony Burgess: Jetzt ein Tiger. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Coesfeld: Elsinor, 2019. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen,  231 Seiten. 26,– €.

J. M. G. Le Clézio: Der Afrikaner

978-3-446-20948-0 Als Jean-Marie Gustave Le Clézio im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, war er zumindest in Deutschland wohl einer der unbekanntesten Autoren der Weltliteratur. Einige Feuilletonisten machten sich über die Wahl Le Clézios ein wenig lustig, indem sie andere, ob ihrer Belesenheit berühmtere Feuilletonisten befragten, die ihre Unkenntnis wenn nicht des Autors so doch seines Werks so offen zugaben, als handele es sich dabei um ein Verdienst. Überrascht mussten dann alle zusammen aber feststellen, dass Le Clézios Schriften in einem so bedeutenden Umfang auf Deutsch vorlagen, dass es zu seiner Unbekanntheit in einem nahezu erschütternden Verhältnis stand.

Mir ist nun eher zufällig als erstes ein kleines autobiographisches Bändchen in die Hand geraten: Der Afrikaner ist ein Erinnerungsbuch an Le Clézios Vater, der den Hauptteil seines Lebens als Arzt in Afrika zugebracht hat. Er war durch den Zweiten Werltkrieg von seiner Frau und seinen beiden jungen Söhnen getrennt, die, als sie den Vater im Jahr 1948 endlich kennenlernten, in ihm einen strengen, autoritären Patriarchen fanden, den sie nicht zu lieben vermochten. Le Clézios Buch ist ein Dokument des späten Verständnisses, das der Autor für seinen Vater entwickelt hat. Es schildert das einsame und verzehrende Leben des Vaters in Afrika, geboren aus einer Ablehnung der englischen Gesellschaft und ihres Kolonialismus. Und auch nach seiner Rückkehr nach Europa bleibt der Vater ein isolierter Mann, da ihm seine afrikanischen Erfahrungen eine Eingliederung in die europäische Gesellschaft verstellt.

Ein lesenswertes kleines Buch eines Sohnes, der aus seinem Zorn und seiner Enttäuschung dem Vater gegenüber herausfindet und sein schwieriges Verhältnis zu ihm überwinden kann. Sicher wäre auch manch anderen eine solche Annäherung an den eigenen Vater zu wünschen.

Als Obskurität ist anzumerken, dass sich die Vornamen des Autors nur auf dem Waschzettel, nicht aber im Buch finden lassen.

Jean-Marie Gustave Le Clézio: Der Afrikaner. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. München: Hanser, 22008. Pappband, 136 Seiten. 14,90 €.