Friedhelm Rathjen: Arno-Schmidt-Chronik

Im Jahr 2014 erschien zum 100. Geburtstag Arno Schmidts im Bargfelder Boten eine erste Fassung von Friedhelm Rathjens Arno-Schmidt-Chronik, die soeben in erweiterter und korrigierter Neuauflage in Rathjens eigenem Verlag, der Edition Rejoyce, wieder aufgelegt worden ist. Zumindest bis zum Erscheinen der Arno-Schmidt-Biographie von Sven Hanuschek, aber wahrscheinlich auch darüber hinaus ist dies die zuverlässigste kompakte Quelle für Informationen zum Leben Arno Schmidts. Die Neufassung ist ergänzt um vier Register (Werke Schmidts, Orte, Personen sowie Verlage, Medien, Nachschlagewerke), die es möglich machen, auch thematische Querbezüge herzustellen.

Rathjen verweist im Vorwort darauf, dass Schmidts Werk starke dynamische Veränderungen durch diverse Einflussfaktoren aufweist; Schmidts Lebensumstände waren selbstverständlich einer davon. Von daher liefert eine solche Chronologie eines der Gerüste, an denen entlang die Entwicklung von Schmidts Werk verständlich wird.

Aber das Buch kann nicht nur als Datenquelle benutzt werden, es ist durchaus auch von Anfang bis Ende als dichter biographischer Essay lesbar. Sicherlich werden sich dabei Leser, die Schmidts Werk schon ein wenig kennen, leichter tun als jene, die erst einen Zugang zu Schmidts literarischer Welt suchen.

Friedhelm Rathjen: Arno-Schmidt-Chronik. Daten zu Leben & Werk. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2021. Bedruckter Pappband, 186 Seiten. 30,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Allen Lesern ins Stammbuch (141)

Viele, ihr jungen Leute, sind einer Täuschung darüber erlegen, was ein Gedicht ist. Denn sobald einer einen Vers rhythmisch konstruiert und einen subtileren Gedanken in ein Gefüge von Worten eingeworben hat, meint er sofort, er sei auf dem Helikon angelangt. So hat mancher, der sich in den rhetorischen Pflichten der Gerichtsrede abgemüht hat, zur Ruhe der Dichtung wie zu einem glücklichen Hafen Zuflucht genommen, in dem Glauben, ein Gedicht lasse sich leichter bauen als eine juristische Streitrede, die mit sentenziöser Effekthascherei gespickt ist. Im Übrigen hält ein edlerer kreativer Kopf nichts von hohlem Geschwätz, auch kann der Geist nichts empfangen oder hervorbringen, wenn er nicht von einem gewaltigen Strom an literarischer Bildung durchflutet ist.

Petron
Satyrica

»Katzen kann man alles sagen«

Zum Fressen geboren,
zum Kraulen bestellt
in Schlummer verloren
gefällt mir die Welt.

Goethe zugeschrieben

Auch in der grauen Vorzeit, also bevor es das Zwischennetz gab, gab es schon Katzen-Content. Er musste damals mühsam durch den Druck verbreitet werden; von Zeit zu Zeit passiert das auch heute noch, obwohl es natürlich rettungslos altmodisch ist. Glücklicherweise sind die Katzen in dieser Sache von ihrer gewöhnlichen des­in­ter­es­sier­ten Toleranz: Sie setzen sich sowohl auf das Buch, das man gerade lesen möchte, als auch auf die Tastatur des Laptops, mit dem man gerade arbeitet.

Die vor Kurzem in der Insel-Bücherei erschienene Anthologie mit Katzengedichten und -geschichten fasst einige sehr nette, oft eher unbekannte Texte des 19. und 20. Jahrhunderts über literarische und unliterarische Katzen zusammen. (Das falsche Goethe-Gedicht lassen wir mal durchgehen, weil es ganz nett geraten ist.) Sie hat außerdem den unschlagbaren Vorteil, zahlreiche der subversiv-anarchischen Blätter von BECK zu enthalten, in denen immer Katzen im Fokus stehen. Es handelt sich nicht um Illustrationen zu den Texten, sondern um ein gänzlich eigenständiges Kapitel des Büchleins, vielleicht sogar um das beste.

Zum Ver- und sich selbst schenken für alle Katzenfreunde mit Humor.

»Katzen kann man alles sagen«. Geschichten und Gedichte. Hg. v. Matthias Reiner. Mit 22 Bildern von Beck. Insel-Bücherei Bd. 1494. Berlin: Insel, 2021. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 101 Seiten. 14,– €.

Helge Hesse: Die Welt neu beginnen

Valeris: Do you not recognize that a turning point has been reached in the affairs of the Federation?
Spock: History is replete with turning points, Lieutenant. You must have faith.

Eine sehr gut geschriebene Geschichte des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts mit dem Fokus auf die entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika, England, Frankreich und Deutschland. Den Auftakt bildet der Beginn der Amerikanischen Revolution, den Schlussstein Napoleons Erklärung, die Französische Revolution sei beendet. Zwischen diesen beiden Punkten verfolgt Hesse die Biographien von etwa drei Dutzend Personen; eine genaue Grenze zwischen diesen Haupt- und den zahlreichen Nebenfiguren lässt sich kaum ziehen. Auswahl und Gewichtung des Hauptpersonals sind recht traditionell; einzig das prominente Auftreten von Captain William Bligh überrascht vielleicht. Dabei darf betont werden, dass Bligh in erstaunlich fairer und neutraler Weise dargestellt wird; er fungiert durchaus nicht als der Bösewicht seiner eigenen Geschichte. Andererseits hat mir persönlich Johann Gottfried Seume gefehlt, dessen Biographie ein zusätzliches Licht auf die Zwangswerbungen und Verschleppung deutscher Bürger als Soldaten für Amerika hätte werfen können. Aber ein Buch kann natürlich nie alles leisten, was man sich wünscht.

Es ist keine leichte Sache, eine vergangene Epoche so interessant und lebendig zu beschreiben, als sei es die Gegenwart der Leser. Das ist hier durchweg gelungen. Es wird vermittelt, dass und wie sich in dieser Zeit moderne Menschen um die Gestaltung ihrer Welt bemühen oder der Beschreibung eben dieser Welt widmen. Dabei werden die Biographien in nach Jahren eingeteilten Kapiteln parallel erzählt und – wo es sich so ergeben hat – miteinander verflochten. Abgesehen von der sehr typischen geographischen Beschränkung entsteht so ein rundes und durchaus schlüssiges Bild einer Zeit, in der sowohl die politischen als auch die technischen Fundamente unserer heutigen Welt gelegt wurden. Sicherlich könnte man hier und da einwenden, dass der Autor den Fortschritt ein wenig zu optimistisch anschaut, die Vernunft etwas zu sehr für eine überaus tolle Sache hält, aber immerhin gibt er auch der pessimistischen Sicht Georg Forsters Raum:

Die Tyrannei der Vernunft, vielleicht die eisernste von allen, steht der Welt noch bevor. Wenn die Menschen erst die ganze Wirksamkeit dieses Instruments kennen werden, welche Hölle um sich her werden sie dann schaffen! Je edler das Ding und je vortrefflicher, desto teuflischer der Missbrauch.

S. 309 f.

Leider muss bei aller Anerkennung des Gelungenen auch festgestellt werden, dass das Buch im Detail sehr flüchtig und oberflächlich gearbeitet ist. Überall, wo ich mich ein wenig auskenne, finden sich zahlreiche Fehler, die mit etwas mehr Sorgfalt einfach zu vermeiden gewesen wären. Auch scheint die naturwissenschaftliche Bildung des Autors lückenhaft zu sein, und selbst in der Philosophie, einem Fach, dass der Autor studiert hat, finden sich grobe Fehler. In den Details sollte man dem Buch also eher nicht trauen. Mag sein, in einer nächsten Auflage lässt sich das eine oder andere verbessern.

Trotzdem eine sehr lesbare und lesenswerte Darstellung des Auftakts der modernen Welt. Besonders für jene Leser geeignet, die einen leichten, nicht akademischen Zugang zu dieser Zeit suchen und denen die Fehler ohnehin nicht auffallen.

Helge Hesse: Die Welt neu beginnen. Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775 bis 1799. Stuttgart: Reclam, 2021. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 431 Seiten. 25,– €.

Aus meinem Poesiealbum (XXVIII) – Die Religion der Atheisten

Merkwürdigerweise war sie eine der kompromisslosesten Skeptikerinnen, denen er je begegnet war, und möglicherweise (dies war eine Theorie, die er aufgestellt hatte, um sich Rechenschaft über sie abzulegen, die in mancher Hinsicht so durchschaubar, in anderer so rätselhaft war), möglicherweise sagte sie sich: Da wir eine zum Untergang verurteilte Rasse sind, an ein sinkendes Schiff gekettet (ihre Lieblingslektüre als Mädchen waren Huxley und Tyndall gewesen, und die mochten solche nautischen Metaphern), da das Ganze ein schlechter Scherz ist, wollen wir wenigstens unsere Rolle spielen; die Leiden unserer Mitgefangenen lindern (wiederum Huxley); das Verlies mit Blumen und Luftkissen schmücken; so anständig sein, wie wir können. Diese Rohlinge, die Götter, sollen ihren Willen nicht in allem durchsetzen – ihrer Vorstellung nach waren die Götter, die keine Gelegenheit ungenutzt ließen, Menschenleben zu versehren, zu behindern und zu verderben, ernstlich empört, wenn man sich trotz allem wie eine Dame benahm. Diese Phase setzte gleich nach Sylvias Tod ein – jener schrecklichen Geschichte. Mit eigenen Augen ansehen zu müssen, wie die eigene Schwester von einem umstürzenden Baum getötet wurde (alles Justin Parrys Schuld – alles seine Fahrlässigkeit), noch dazu ein Mädchen auf der Schwelle zum Leben, die Begabteste unter ihnen, wie Clarissa immer sagte, das genügte, um zu verbittern. Später war sie sich vielleicht nicht mehr so sicher; sie glaubte, es gebe keine Götter; niemand habe Schuld; und so entwickelte sie die Religion der Atheisten: Gutes zu tun um der Güte willen.

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway. Stuttgart: Reclam, 2012. S. 88 f.

Dan Diner: Ein anderer Krieg

Hinzu tritt ein weiteres Moment: Mit der militärischen Wende des Jahres 1942/43 war kaum noch daran zu zweifeln, wie der Krieg ausgehen würde; indes war damals keineswegs vorauszusehen, wann er enden sollte. In jenem zeitlichen Hiatus zwischen dem »Wie« und dem »Wann« entschied sich das Schicksal der noch am Leben verbliebenen Juden Europas. Krieg und Vernichtung folgten einem jeweils anderen Modus.

Diese Geschichte des Zweiten Weltkriegs legt den Fokus auf das jüdische Palästina, sowohl was die Interessen der jüdischen Siedler, die konsequent die Eigenstaatlichkeit anstrebten, als auch was seine Rolle innerhalb des strategischen Konzepts der Briten angeht. Großbritannien betrachtete den Nahen Osten und damit auch Palästina als Teil einer westlichen Verteidigungszone für den indischen Subkontinent. Das Interesse der Briten bestand daher in der Hauptsache an einer möglichst stabilen Situation in dieser Region, da sie mit ihren Streitkräften ein unruhiges Empire und zugleich die britische Insel selbst verteidigen müssen.

Die jüdischen Siedler in Palästina orientieren sich in dieser Zeit zugleich weg von der bisherigen britischen Garantiemacht, die sowohl die Zuwanderung neuer jüdischer Siedler beschränkt als auch den Plan einer Eigenstaatlichkeit der Juden in Palästina aufgegeben hat. Stattdessen wenden sich die Hoffnungen der Siedler den Vereinigten Staaten zu, von denen sie eine entsprechende Unterstützung ihrer politischen Ziele erwarten. In Palästina selbst existiert seit April 1936 eine Revolte der Araber gegen die jüdischen Siedler, die sich konsequent zu bewaffnen suchen.

Die Lage der Juden in Palästina spitzt sich dann bis zum Jahr 1942 zu, als Rommel entscheidende Erfolge in Nordafrika erzielt und zu befürchten ist, dass er über Ägypten hinaus nach Norden vorstoßen wird. Zugleich droht von Norden her eine Gegenbewegung deutscher Truppen, die aus Russland kommend nach Süden vorstoßen könnten, um die Ressourcen des Nahen und Mittleren Ostens zu erobern. Beide Bedrohungen lösen sich erst mit den deutschen Niederlagen von El-Alamein und Stalingrad auf, so dass sich die jüdischen Siedler ab dem Frühjahr 1943 wieder dem lokalen Kampf um Palästina zuwenden können. Diner verschweigt auch nicht die zumeist ungläubigen Reaktionen der Juden Palästinas auf die ersten Nachrichten vom Holocaust, die sie genau in dem Moment erreichen, als die konkrete Bedrohung Palästinas vorübergegangen ist.

Diner liefert keine chronologische Darstellung der Ereignisse, sondern beschreibt in immer neuen Ansätzen die Lage Palästinas, des britischen Empires und der europäischen Juden, die nicht nur von der deutschen Vernichtungsmaschine bedroht sind, sondern auch zum Spielball unterschiedlichster Interessen werden, wenn ihnen die Flucht aus dem deutschen Einflussbereich gelingt. Diese Verschiebung der Perspektive vom gewohnten Blick auf die europäischen und pazifischen Schlachtfelder ergibt neue, ungewöhnliche Einsichten in das Gesamtgeschehen des Krieges.

Insgesamt ein sehr originelles und interessantes Buch, das die komplexen Strukturen, aus denen heraus der Staat Israel erwachsen wird, erstaunlich klar strukturiert und verständlich durchleuchtet. In jeder Hinsicht zu empfehlen.

Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942. München: DVA, 2021. Pappband, 347 Seiten. 34,– €.

Gustave Flaubert: Bibliomanie

Die Bände der Insel-Bücherei sind einerseits beliebte Geschenk-Bücher, andererseits gesuchte und teils sehr rare Sammlerstücke. Viele Titel erinnern noch an die Zeit, als der Insel-Verlag in der Hauptsache als Verlag für Klassiker geglänzt hat; immer sind die Bände für ein kleines, aber besonderes Lesevergnügen gut. So auch diese Neuausgabe der allersten Veröffentlichung Gustave Flauberts. Die düstere, romantische Schauer- und Mordgeschichte um die Bücherleidenschaft eines ehemaligen Mönchs ist sehr üppig mit atmosphärisch passenden Bildern von Burkhard Neie ausgestattet.

Zum Inhalt der Erzählung habe ich bei der Neu-Übersetzung durch Elisabeth Edl schon das Wichtigste gesagt; es muss hier nicht wiederholt werden. Bei der Übersetzung hat man bei Insel leider ein wenig gespart und die schon recht betagte Na-ja-so-ungefähr-Übersetzung von Erwin Rieger gewählt. Aber dennoch ist der Band ein hübsches Präsent für jeden Buchliebhaber. Ostern steht vor der Tür, und Lesern sind die achteckigen Eier oft die liebsten.

Gustave Flaubert: Bibliomanie. Aus dem Französischen von Erwin Rieger. Illustriert von Burkhard Neie. Berlin: Insel, 2021. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 68 Seiten. 8,– €.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust

Nur aus der sorgsamen Sammlung und Vergleichung solcher Einzelzüge kann in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung das Gesamtbild erarbeitet, kann die Intuition geklärt werden.

Es ist immer gut, wenn ein Text von Ernst Robert Curtius neu gedruckt wird. Das vor allem muss man im Gedächtnis halten!

Ernst Robert Curtius (1886–1956) war ein bedeutender deutscher Romanist und akademischer Lehrer. Er hat mit seinem Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948) einen Neuansatz der philologischen Beschäftigung mit den Traditionslinien der Literaturvermittlung zwischen Antike und Neuzeit geschaffen. Was aber viel wichtiger ist: Er war einer der wenigen außergewöhnlichen Leser der Literatur der Moderen. Curtius war nicht nur in der Lage, den Joyceschen Ulysses unmittelbar nach dem Erscheinen angemessen zu rezipieren, sondern er hat auch einen Essay über das Buch geschrieben, der für Jahrzehnte alles überragte, was von Deutschen über dieses Buch geschrieben wurde. Ebenso ist es mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, über das bereits 1925 ein umfangreicher Essay von Curtius erschienen ist, also noch bevor die beiden letzten Bände aus dem Proustschen Nachlass herausgegeben wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Proust in Deutschland noch nahezu unbekannt. Diesen Text – oder beinahe diesen Text – drucken Schöffling & Co. nun wieder nach.

Curtius beschäftigt sich nur en passant inhaltlich mit den Romanen; stattdessen nähert er sich unter verschiedenen Schlagwörtern immer weiter der schriftstellerischen Arbeit und der Weltsicht Prousts an. Man sollte also weder eine Einführung noch eine biografische Studie erwarten, sondern hier schreibt ein Literaturwissenschaftler für akademische Leser über die Bedeutung des Proustschen Werks für die moderne Literatur und unsere Verständnis von Kunst überhaupt. Es ist eines von den Büchern, die man, selbst wenn man einzelnen Gedanken nicht zustimmen mag oder sich Details als obsolet erweisen, dennoch mit großem Gewinn und Vergnügen liest; das gilt auch für jemanden wie mich, der einen kompletten Durchgang durch den Romanzyklus trotz mehrerer Anläufe bisher nicht geschafft hat.1

Der philologische Leser sollte allerdings wissen, dass Schöffling & Co. sich dazu entschlossen haben, in den Text insoweit einzugreifen, als die Passagen aus den Schriften Prousts, die bei Curtius selbstverständlich in der Originalsprache zitiert wurden, im laufenden Text durch Übersetzungen von Michael Kleeberg ersetzt werden; die Original-Zitate werden im Anhang mitgeliefert, so dass nichts wirklich verloren geht außer dem Text, den Curtius verfasst hat. Das wird die meisten Leser des Bandes nicht stören und wahrscheinlich auch die Anzahl der Käufer des Bandes deutlich erhöhen. Aber es ist eben auch die Art von Entscheidung, die vor dem imaginierten Publikum und den sogenannten Gesetzen des Marktes kapituliert, noch bevor es zur eigentlichen Auseinandersetzung gekommen ist. Und über das Nachwort Kleebergs möchte ich lieber ganz schweigen.

Wer Curtius noch nicht kennt, findet hier die Gelegenheit, einen der ganz großen Leser des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Es ist ein Einstieg in eine ganz eigene, originelle Lesewelt.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust. Frankfurt/M.: Schöffling & Co., 2021. Pappband, Lesebändchen, 200 Seiten. 24,– €.


1 Ich hoffe immer noch darauf, dass mein zentrales Problem durch die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer behoben wurde, da für mich das Deutsch von Eva Rechel-Mertens auch in der überarbeiteten Neufassung gänzlich unverdaulich ist.

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

Und Richard und Elizabeth waren ziemlich froh, dass es vorbei war …

Ein kleiner Roman, 1925 erschienen, der offensichtlich eine der frühen Reaktionen auf den Ulysses von James Joyce (1922) darstellt. Woolf experimentiert mit fließenden Über­gän­gen zwischen personalem Erzählen mit wech­seln­dem Fokus, erlebter Rede und stream of conciousness. Nachgebildet werden darüber hinaus hauptsächlich Er­zähl­tech­ni­ken aus dem Irrfelsen-Kapitel. Erzählt werden ungefähr 12 Stunden eines Tages im Sommer 1923, an dessen Abend Clarissa Dalloway einen Empfang in ihrem Haus gibt, der den Gipfel und zugleich das Ende des Romans bildet. Dabei ist Mrs. Dalloway kaum mit der Vorbereitung des Empfangs beschäftigt – das einzige, was als Vorbereitung zählen kann, ist, dass sie ihr Kleid, an dem eine Kleinigkeit genäht werden muss, für den Abend herrichtet –, auch wenn ein bedeutender Teil ihres Denkens um die Bedeutung und den Erfolg des Abends kreist.

Unterbrochen werden diese Gedanken durch den Besuch ihrer Jugendliebe Peter Walsh, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist, um in London die Scheidung seiner unglücklichen Ehe zu betreiben. Walsh hat sich auf seine alten Tage (er ist 52 Jahre alt) in eine junge, verheiratete Frau verliebt; ob dies mehr als eine Phantasie ist, lässt sich aus dem Text heraus kaum beurteilen. Außerdem verfolgt der Text für eine Weile den Tag von Richard Dalloway, der nach einer etwas merkwürdigen Einladung bei einer Lady Bruton in einem plötzlichen emotionalen Überschwang seiner Frau einen großen Strauß Rosen vorbeibringt, sich aber nicht dazu überreden kann, ihr zu sagen, dass er sie liebe. Auch von der gemeinsamen Tochter Elizabeth erfahren wir das eine oder andere, ebenso wie von einigen anderen Freunden und Bekannten der Dalloways.

Als soziales Gegengewicht zu dem ansonsten durchweg der Oberschicht angehörenden Personal fungiert das Ehepaar Septimus und Lucrezia Warren Smith. Septimus ist mit einem unerkannten psychischen Trauma aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Aus Italien, wohin es ihn im Krieg verschlagen hatte, hat er seine Ehefrau nach London mitgebracht. Er hat seine alte Stellung in einem Büro wieder angetreten, ist aber mit den Jahren mehr und mehr in eine Psychose abgerutscht, die sich nun in Visionen seines im Krieg gefallenen Vorgesetzten manifestiert. Seine Frau, die angesichts seines immer merkwürdiger werdenden Verhaltens langsam verzweifelt, bringt ihn an diesem Tag erstmals zu einem berühmten Nervenarzt, der wenigstens den Zusammenhang mit dem Kriegserleben erkennt und ihn für mindestes sechs Monate in einem Sanatorium unterbringen will. Man muss feststellen, dass diese Nebenhandlung wohl die aussagekräftigste und interessanteste im ganzen Buch ist.

Bei aller Anerkennung der artistischen Anstrengung bleibt leider festzustellen, dass das Buch an seinem weitgehend unerheblichen Personal scheitert. Es mag sein, dass es sich dabei um eine milde Satire auf die englische Oberschicht handeln soll – besonders die Schilderung des sozialen und intellektuellen Leerlaufs beim abendlichen Empfang im Hause Dalloway nährt diesen Verdacht –, doch ist das Objekt dieser Satire inzwischen so weit von uns entfernt, dass wir ihren Biss kaum mehr empfinden, sondern uns konstruieren müssten. Doch dafür ist der Text eindeutig zu lang geraten. Am Ende geht es uns so, wie Richard und Elizabeth: Wir sind ziemlich froh, dass es vorüber ist.

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. RUB 18886. Stuttgart: Reclam, 2012. Broschur, 231 Seiten. 6,80 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (140)

«Sie müssen ein gutes Gedächtnis haben, dass Sie solche Verse einfach so aus dem Ärmel schütteln können.»
«Allerdings, Sir. Ich verfüge über ein Gedächtnis, das man, wie ich meine, ohne die Grenzen der Bescheidenheit zu verletzen, durchaus als zyklopädisch bezeichnen kann. Wäre es eine angeborene Gabe, so müsste ich schamhaft erröten und schweigen, doch da es das Resultat vierzigjähriger Studien des Besten ist, was die Menschheit an epischer Lyrik und dramatischer Literatur hervorgebracht hat, habe ich das Gefühl, es könnte andere, die ebenfalls den Pfad zur Erleuchtung und persönlicher Vervollkommnung eingeschlagen haben, vielleicht ein wenig ermutigen, auf diesen Umstand hinzuweisen.»

John Dos Passos
Der 42. Breitengrad