Allen Lesern ins Stammbuch (127)

Im allgemeinen verschwinden bei uns, wenn ich mich erkühnen darf, auch meine Meinung zu einem derart heiklen Kapitel zu äußern, all diese Herren Talente mittlerer Güte, die gewöhnlich zu Lebzeiten fast wie Genies gefeiert werden, nicht nur nach ihrem Ableben nahezu spurlos und irgendwie plötzlich aus dem Gedächtnis der Menschen, sondern werden manchmal sogar schon zu Lebzeiten unvorstellbar schnell von allen vergessen und mißachtet, sobald eine neue Generation heranwächst und die vorhergehende, in der sie wirkten, ablöst. Das geht bei uns irgendwie schlagartig vonstatten, wie ein Kulissenwechsel auf der Bühne. Oh, das läuft ganz anders ab, wie mit diesen Puschkins, Molières, Voltaires, mit all diesen Größen, die gekommen sind, um ihr eigenes neues Wort zu sagen! Es stimmt, daß diese Herren Talente mittlerer Güte sich an ihrem ruhmreichen Lebensabend gewöhnlich auf die kläglichste Weise leergeschrieben haben und es nicht einmal merken. Es zeigt sich gar nicht so selten, daß ein Schriftsteller, dem Jahre hindurch außerordentliche Gedankentiefe zugeschrieben und von dem ein außerordentlicher und ernstzunehmender Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft erwartet wurde, am Ende eine solche Dürftigkeit und Winzigkeit seiner sogenannten Grundidee erkennen läßt, daß sogar kein Mensch bedauert, daß er sich leergeschrieben hat. Aber die weißhaarigen alten Herren merken es nicht und ärgern sich. Ihr Ehrgeiz nimmt zuweilen, besonders gegen Ende ihrer Laufbahn, wahrhaft erstaunliche Ausmaße an. Gott allein weiß, für wen sie sich nun halten – mindestens für Götter.

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

1000 Einträge

An einigen runden Zahlen kann auch ich nicht vorbeigehen, so sehr ich auch aller Zahlenmystik und anderem Aberglauben persönlich abgeneigt bin. Pünktlich zum Jahresende und nach etwas mehr als 14 Jahren sind auf Bonaventura 1.000 Einträge erschienen. In ihnen wurden mehr als 700 Bücher von beinahe 600 Autoren besprochen; der Rest besteht hauptsächlich aus den von mir so geliebten Zitaten mit der größten Kategorie Allen Lesern ins Stammbuch. Mehr Statistisches gibt es immer aktuell im Menü rechts.

Ich danke all den treuen und untreuen Lesern dieses Lektüre-Blogs und bin gespannt, ob ich das zweite Tausend auch noch vollmachen kann – niemand von uns wird jünger, selbst das Medium nicht.

Jahresrückblick 2019

Das Lesejahr war aufgrund diverser Umstände nicht so ergiebig wie die letzten Jahre, aber dafür war der Anteil an schlechten oder überflüssigen Lektüren diesmal vergleichsweise gering.

Wirklich schlecht, da komplett stammtischgeschwätzig, war nur Rainer Erlingers Warum die Wahrheit sagen? Überflüssige Lektüren waren Martin Amis’ Gierig – was nur bedingt gegen das Buch spricht; es passt einfach nicht in meine Lektüregeschichte, weil es Türen einrennt, die bei mir nie geschlossen waren – und Iwan Bunins Ein unbekannter Freund, das ich wegen der Übersetzerin gelesen habe, das sich aber als gehaltlos erwies.

Auf der positiven Seite stand in diesem Jahr in der Hauptsache die Neu- und Wiederlektüre der Werke Dostojewskijs, die auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden wird. Da ist – vor allem Dank der Übersetzerin Swetlana Geier – zur Zeit jedes neue Buch eine Freude. Hier ist auch die musterhafte Biographie Dostojewskijs von Andreas Guski hervorzuheben. Gern weise ich auch noch einmal auf die gesammelte Prosa H. C. Artmanns und auf die gelungenen Neuübersetzungen der Bücher Raymond Queneaus durch Frank Heibert hin.

James Joyce: Dubliner

Die unterhaltsame Musik von Whisky, der in Gläser fiel, ergab ein angenehmes Zwischenspiel.

Seit Anfang 2012 die Werke James Joyce’ gemeinfrei geworden sind, sind einige Neuübersetzungen erschienen, darunter eine des Portraits durch Friedhelm Rathjen bei Manesse und eine der Dubliners durch Harald Raykowski bei dtv. Nun legt Manesse die Dubliners auch in Friedhelm Rathjens Übertragung vor, zudem in der schönen Manesse Bibliothek, deren Format dem kleinen Büchlein wie auf den Leib geschnitten ist.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hatte Joyce einige Schwierigkeiten für sein erstes Buch einen Verlag zu finden. Seine Schilderung der Menschen und des Lebens in Dublin kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert war, obwohl sie sich in die Literatur der Moderne stilistisch weitgehend unproblematisch einfügte, für die provinziellen irische Verhältnisse eindeutig zu progressiv, was nicht ohne Ironie ist, da gerade diese Provinzialität eines der wichtigen Themen des Buches bildet.

Rathjens Neuübersetzung kann als die mit Abstand beste in deutscher Sprache bezeichnet werden. Sie nimmt es in Sachen sprachlicher und struktureller Präzision mit Leichtigkeit mit der alten von Dieter E. Zimmer (1969) auf und liefert zugleich einen flüssigen, dem heutigen Sprachstand nahen Lesetext, ohne dabei vergessen zu machen, dass Joyce die Erzählungen des Bandes vor über 100 Jahren geschrieben hat. Rathjens Übersetzung ist sowohl für eine Erst- als auch für eine wiederholte Lektüre zweifellos die erste Wahl.

Die Freude wird etwas getrübt durch die Tatsache, dass der Band mit größerer Sorgfalt hätte korrigiert werden dürfen: Neben dem fehlenden Inhaltsverzeichnis fallen bei sorgfältiger Lektüre überdurchschnittlich viele Fehler auf, was den positiven Gesamteindruck aber nur wenig einschränkt.

James Joyce: Dubliner. Aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen. Zürich: Manesse, 2019. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 444 Seiten. 24,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (126)

So brauchten etliche unserer jungen Damen sich nur den Zopf abzuschneiden, blaue Brillen aufzusetzen und sich Nihilistinnen zu nennen, um sofort davon überzeugt zu sein, zugleich mit der Brille auch eigene »Überzeugungen« erworben zu haben. So brauchten einige in ihrem Herzen auch nur den Hauch einer allgemein menschlichen positiven Empfindung zu verspüren, um augenblicklich davon überzeugt zu sein, daß niemand sonst so zu empfinden imstande sei und daß sie die Spitze des allgemeinen Fortschritts bildeten. So brauchte mancher nur einen fremden Gedanken aufs Wort zu übernehmen oder irgendwo mitten heraus eine Seite zu überfliegen, um sofort zu meinen, dies seien seine »eigenen Gedanken«, seinem eigenen Gehirn entsprossen.

Fjodor M. Dostojewskij
Der Idiot

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot

Gut, so was steht in Romanen! Das, lieber Fürst, sind alte Märchen, heute ist die Welt viel klüger geworden, und nun ist das alles Unsinn!

Der zweite der letzten fünf großen Romanen Dostojewskijs erschien 1869 nach einem Zeitungsvorabdruck als Buch. Dostojewskij lebte während der gesamten Niederschrift mit seiner Frau Anna im Ausland, hauptsächlich in der Schweiz und in Italien. Der Idiot war eines der Projekte, mit denen Dostojewskij einen Teil seiner Schulden in Russland abzahlen und seine Rückkehr ermöglichen konnte.

Erzählt wird die Geschichte des Fürsten Myschkin, ein etwa 25 Jahre junger Mann, der nach über vier Jahren Behandlung in einem Schweizer Sanatorium nach Russland zurückkehrt. Er ist Epilektiker und war vor seiner Behandlung aufgrund der Krankheit kaum lebens- oder kommunikationsfähig. Im Zug nach Petersburg lernt er Pafjon Rogoschin kennen, dessen Vater gerade gestorben ist und der aus der Provinz nach Sankt Petersburg fährt, um sein Erbe anzutreten und um eine Frau zu werben, in die er verliebt ist. In Sankt Petersburg angekommen, begibt sich Myschkin zur Wohnung des Generals Jepantschin, mit dessen Frau Lisaweta er weitläufig verwand ist. Hier wird er von der Familie überraschend freundlich aufgenommen und lernt auch die drei unverheirateten Töchter des Ehepaars kennen, von denen die jüngste, Aglaja, eine wichtige Rolle im weiteren Roman spielen wird.

Noch am selben Abend lernt er auch die Frau kennen, um die Rogoschin wirbt: Nastassja Filippowna  Baraschkowa stammt aus einfachen Verhältnissen, wurde aber aufgrund ihrer überragenden Schönheit von ihrem Gutsbesitzer ausgewählt und zur Kurtisane erzogen und ausgehalten. Aus diesem Zwangsverhältnis hat sich Nastassja befreit und verdreht nun als selbstständige Frau in Sankt Petersburg den Männern die Köpfe. Auch Myschkin verfällt ihrer Schönheit bereits beim Betrachten eines Porträts, um so mehr als er ihr persönlich begegnet. Bei dieser ersten Begegnung bei Nastassjas Geburtstagsfeier erweist sich Myschkin auch eindeutig als äußerst merkwürdige Natur, denn er macht Nastassja, kaum hat er sie kennengelernt sogleich einen Heiratsantrag, offenbar in der Absicht, sie vor einer Beziehung mit Rogoschin zu retten.

Nach der Zuspitzung gleich dieses ersten Tages verschwinden zuerst Rogoschin und Nastassja nach Moskau; Myschkin folgt ihnen unmittelbar. Der zweite von vier Teilen des Romans beginnt etwa sechs Monate nach diesen Ereignissen als Myschkin nach Sankt Petersburg zurückkehrt und sehr bald  erfährt, dass sich Nastassja in Pawlowsk – der Sommerresidenz des Zaren – aufhält. Er reist ihr nach, mietet sich bei einer der Nebenfiguren des Romans ein und kommt hier auch wieder in Kontakt mit der Familie Jepantschin. In den Kreisen, in denen Myschkin verkehrt, weiß man, dass er in der Zwischenzeit wenigstens eine Weile lang mit Nastassja im selben Haushalt zusammengelebt hat, sie ihm am Ende aber weggelaufen sei. Einerseits erklärt Myschkin sein Interesse an Nastassja als vom Mitleid mit dieser Frau getragen, die er mehrfach als wahnsinnig bezeichnet, andererseits scheint Myschkin sich nun für Aglaja Iwanowna Jepantschin zu interessieren, der er während seines Aufenthalts in Moskau auch einen merkwürdig vertraulichen Brief geschrieben zu haben scheint. Aglaja ist wiederum einerseits offensichtlich von Myschkin und seinem Außenseitertum fasziniert, andererseits scheint er ihr aufgrund seiner gesellschaftlichen Ungeschicklichkeit und seiner großen Naivität als Ehemann vollkommen ungeeignet. Ein bedeutender Teil der Erzählung beschäftigt sich nun mit der langsamen Zubereitung Myschkins als Ehekandidaten für Aglaja, eine Hoffnung, die bei dem ersten großen Empfang, bei dem Myschkin in den Freundes-, Bekannten- und Gönnerkreis der Jepantschins eingeführt werden soll, musterhaft scheitert, als sich Myschkin nicht nur anlässlich einer religiösen Frage in Rage redet, sondern die Feier auch noch dadurch beendet, dass er einen epileptischen Anfall erleidet.

Als sei dies nicht genug, kommt es zu einem weiteren Skandal, als Myschkin Aglaja auf deren Wunsch hin zu Nastassja begleitet, die Aglaja mehrfach geschrieben hat, angeblich um deren Hochzeit mit Myschkin zu befördern. Es kommt zu einer exzessiven Eifersuchtsszene zwischen den beiden Frauen, und anstatt Aglaja bei deren wütendem Abgang zu folgen, bleibt Myschkin bei der nervlich zerrütteten Nastassja. Nun scheint seine Hochzeit mit ihr eine beschlossene Sache zu sein. Aber auch dieser Plan scheitert und der Roman endet in einer größtmöglichen Katastrophe. Myschkin wird durch die letzten Ereignisse des Romans so erschüttert, dass er in den katatonischen Zustand zurückkehrt, in dem er fünf Jahre zuvor in die Schweiz gebracht worden war. Er wird in dasselbe Hospital gebracht, doch diesmal erklärt der Schweizer Doktor ihn für unheilbar.

Der Idiot ist unzweifelhaft ein sehr ungewöhnlicher Roman: Auf der einen Seite arbeitet er als ein Liebes- und Eheanbahnungsroman eines der trivialen Muster der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts ab, auf der anderen führt er aber ein diesem Muster offensichtlich zuwiderlaufendes Gedankenexperiment durch, das in dem Versuch besteht, einen weitgehend unsozialisierten Menschen – Myschkin wird mehrfach als Kind bezeichnet und hat seine einzigen sozialen Kontakte in der Schweiz mit Kindern gehabt – auf die russische Gesellschaft mit all ihren Ritualen, Rangstufungen und Intrigen loszulassen. Myschkin ist ein weiteres Exemplar des Naturmenschen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, in diesem Fall nicht durch seine Herkunft, sondern durch seinen Lebensweg und seine Krankheit von der Sozialisation abgeschnitten. Ihm ist jede Boshaftigkeit fremd, jede Lust daran, anderen zu schaden, jegliche Leidenschaft, jegliche Gier, jegliche Selbstsucht. Seine Liebe erscheint stets uneigennützig und rein, wenn sie auch zu Aglaja und Nastassja sicherlich unterschiedlich motiviert ist. Myschkin ist der von der Gesellschaft  noch nicht verdorbene Mensch. Sein Schicksal ist eine scharfe Kritik des Christen Dostojewskij an der Gesellschaft seiner Zeit, auch wenn Myschkin letztlich nicht an dieser Gesellschaft, sondern an einem Verbrechen scheitert, das offenbar aus Leidenschaft begangen wird. Myschkin zerbricht an der Realität des Menschen, nicht nur an der Konstruktion seines Zusammenlebens.

Auch diesmal hat sich für mich wieder die Übersetzung Swetlana Geiers bewährt: Der Idiot ist der einzige Roman Dostojewskijs, den ich in der Übersetzung Hermann Röhls komplett gelesen hatte, aber ohne mich mit ihm anfreunden zu können. Die differenzierte und oft lakonische Sprache Geiers hat auch diesen Roman für mich geöffnet.

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Lizenzausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995. Pappband, Fadenheftung, 911 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Zum 300. Jubiläum seines Erscheinens ist mir dieser Roman wieder in die Hände geraten.  Robinson Crusoe war wahrscheinlich das erste Buch für Erwachsene, das ich jemals gelesen habe. Ein gutmeinender Bekannter meiner Mutter, der sah, dass ich Karl May las, erbarmte sich wohl und wollte mir ein anständiges Abenteuerbuch zukommen lassen. Es war tatsächlich eine vollständige Übersetzung des ersten Teils, und ich habe mich damals brav durch das Buch hindurch gearbeitet – ich war als Karl-May-Leser einiges an langweiligen Passagen gewohnt und dachte, das müsse so sein. Später dann habe ich den Roman noch einmal kursorisch angeschaut, weil das Insel-Motiv bei Arno Schmidt nicht unwichtig ist und Defoes Buch für zahlreiche Variationen die Folie geliefert hat. Damals erfuhr ich dann auch, dass der Roman eigentlich zwei oder gar drei Teile hat (wenn man den 1720 nachgeschobenen Essayband, mit dem Defoe den Erfolg der ersten beiden Teile noch weiter melken wollte, als Teil eines Gesamtwerks gelten lassen will).

Diesmal war es dann eine gründlichere Lektüre der beiden erzählerischen Teile. Das Buch erfüllt in etwa die Erwartungen, die man an einen Erstling eines geschäftstüchtigen Journalisten und religiösen Agitators haben kann: Es zielt auf die damals vorherrschende Neugier des Lesepublikums auf exotische Sensationen ab, rührt die Pauke für eine protestantische, nichtkirchliche, atheologische Frömmigkeit, die eine direkte Beziehung des Einzelnen zu Gott aus der Bibel-Lektüre gewinnen will, und spiegelt ansonsten das hartherzige und kalkulierende Gemüt eines Engländers des frühen 18. Jahrhunderts. James Joyce hat das einmal ganz gut zusammengefasst:

In Crusoe ist der ganze angelsächsische Geist: die männliche Unabhängigkeit, die unbewußte Grausamkeit, die Ausdauer, die langsame aber wirkungsvolle Intelligenz, die sexuelle Apathie, die praktische und ausgewogene Religiosität. Die berechnende Schweigsamkeit. Wer dieses schlichte, bewegende Buch im Hinblick auf die nachfolgenden geschichtlichen Ereignisse wieder liest, kann sich seinem prophetischen Bann nicht entziehen. [aus: Daniel Defoe (1911/1912). In: Kleine Schriften, S. 244.]

Der zweite Teil ist offensichtlich aufgrund des überraschend großen Erfolges rasch nachgeschoben worden und bei weitem nicht so dicht wie der erste. Während sich etwa zwei Drittel mit Robinsons Rückkehr zu seiner Insel und der Rettung des Seelenheils der dort inzwischen ansässigen Engländer und Wilden befassen, wird dann zur Erreichung des notwendigen Volumens noch eine 10-jährige Weltreise (Madagaskar–Indien–China–Russland–Deutschland–England) angeklebt, die allerdings einige erstaunliche Passagen aufweist. So begeht die Schiffsbesatzung, mit der Robinson unterwegs ist, auf Madagaskar aus Rache ein ungeheuerliches Massaker an der einheimischen Bevölkerung, nachdem einer der Seeleute eine Einheimische vergewaltigt hatte und dafür von den Einheimischen getötet wurde. Sehr zu belasten scheint das aber niemanden, wenn auch Robinson moralische Bedenken deswegen hegt, weil die Europäer den Konflikt immerhin begonnen hatten. Als er aber Jahre später auf sogenannte tatarische Heiden trifft, von denen er erzählt bekommt, sie hätten einen christlichen Missionar, der sich an ihrem Götzen vergriffen habe, auf grausame Weise getötet, schlägt er vor, man solle an ihnen doch ein Exempel statuieren, wie es damals auf Madagaskar so erfolgreich exerziert worden sei. Zum Glück kann er von seinem Vorhaben abgebracht werden.

Dass es diese Abenteuer-Scharteke in den Rang bedeutender Literatur und eines Klassikers gebracht hat, ist wohl in der Hauptsache Jean-Jaques Rousseaus Schuld, der in seinem Emile oder Über die Erziehung den Roman als erste und einzige Lektüre des zu erziehenden Knaben vorschlägt, da er an ihm wahres Menschentum erlernen könne.

Dieser Roman, von allen nebensächlichen Zuthaten befreit, mit Robinson’s Schiffbruche in der Nähe seiner Insel beginnend und mit der Ankunft des Schiffes, welches zu seiner Rettung erscheint, schließend, wird Emil während des ganzen Zeitabschnittes, von welchem hier die Rede ist, zugleich Unterhaltung wie Belehrung verschaffen. Ich will, daß ihm der Kopf darüber schwindele, daß er sich unaufhörlich mit seinem Schlosse, seinen Ziegen und Pflanzungen beschäftige; daß er, nicht aus Büchern, sondern an den Dingen selbst, Alles, was man in einem ähnlichen Falle wissen muß, bis ins Einzelne lerne; daß er sich selbst für einen zweiten Robinson halte, daß er sich in Felle gekleidet, mit einer großen Mütze auf dem Kopfe, einem furchtbaren Säbel an der Seite, kurz in dem ganzen grotesken Aufzuge der Figur erblicke, nur den Sonnenschirm ausgenommen, dessen er nicht bedürfen wird. [Übers. Hermann Denhardt]

Es ist wohl diese Passage, die im 18. und 19. Jahrhundert die Produktion eines ganzen Füllhorns pädagogischer Variationen und Bearbeitungen des Insel-Stoffs ausgelöst hat. Keinen der zahlreichen Nachfolger Rousseaus scheint dabei gestört zu haben, dass Robinson eine zutiefst durch die Zivilisation geprägte Figur ist: Wäre es ihm nicht gelungen, vom Wrack seines Schiffes Waffen, Werkzeuge und Vorräte zu retten (er unternimmt immerhin ein Dutzend Fahrten zum Schiff, bis dies endgültig untergeht), so hätte er wohl kaum die ersten Wochen auf der Insel überstanden. Die wahren Naturkinder des Buches sind die kannibalischen Wilden, die Robinsons Insel von Zeit zu Zeit besuchen, die aber so märchen- und schemenhaft bleiben, dass in aufklärerischer Absicht mit ihnen schlicht nichts anzufangen ist.

Für den heutigen Leser liest sich das Buch befremdend: Robinsons Egozentrik und Selbstgefälligkeit, seine christliche Arroganz, seine moralische Engstirnigkeit lösen bei Erwachsenen wahrscheinlich nur noch Kopfschütteln aus. Breite Passagen des Buches haben sich schlicht überlebt, und Robinson Crusoe ist heute wohl wieder das, was es ehemals war: eine Abenteuer-Scharteke, etwas zu lang, aber sonst ganz nett, wenn man nicht zu genau hinschaut. Weltliteratur durch sein Alter, Hochliteratur eher nicht.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Zwei Teile in einem Band. Aus dem Englischen von Lore Krüger. München: C. H. Beck, 31997. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 415 + 368 Seiten. Derzeit noch für 9,90 € lieferbar.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Die Tochter des Vercingetorix

Asterix lebt! Mit diesem Band beweist das neue Autorenteam und auch der deutsche Übersetzer Klaus Jöken, dass sie durchaus in der Lage sind, an alte Höhen anzuknüpfen. Der Band hat nicht nur eine akzeptable Geschichte zu erzählen, sondern auch die Wortspiele und Anspielungen funktionieren diesmal und das übergeordnete Thema der Jugendkultur ist einigermaßen überzeugend durchgehalten, wenn auch hier sicherlich die Einschränkung zu machen ist, dass es sich einmal mehr um eine Jugendkultur handelt, wie sie sich jene vorstellen, die an ihr nicht teilhaben.

Die Geschichte knüpft sehr locker an den Vorläufer Asterix und der Avernerschild an und vermeidet zugleich, Asterix und die Normannen zu kopieren: Adrenaline, die Tochter des Häuptlings Vercingetorix, der bei Alesia vor Cäsar kapitulieren musste und als Gefangener nach Rom geführt wurde, wird von den Römern verfolgt, da sie im Besitz des Wendelrings ihres Vaters ist; mit diesem Symbol väterlicher Macht könnte das Mädchen zum Kristallisationspunkt eines neue gallischen Aufstands werden. Um das Mädchen vor den Römern zu schützen, wird sie in das berühmte kleine gallische Dorf gebracht, wo selbstverständlich Asterix und Obelix mit ihrer Bewachung beauftragt werden. Ebenso selbstverständlich kann Adrenaline entkommen, läuft den Piraten in die Hände, die wiederum von Asterix und Obelix verfolgt und erreicht werden, als deren Schiff von einer römischen Galeere aufgebracht wird. Nach der unvermeidlichen Schlägerei wird auch diesmal alles gut, und Adrenaline erfüllt den Auftrag ihres Vaters „Widerstand zu leisten und frei zu bleiben“ auf ihre ganz eigene Weise.

Alles in allem nach langer Zeit wieder einmal ein runder Asterix-Band, der weitgehend funktioniert. Wie schon beim letzten Band gesagt: „Wir heißen Euch hoffen“.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Die Tochter des Vercingetorix. Asterix Bd. 38. Berlin: Egmont Ehapa, 2019. Bedruckter Pappband, 48 Seiten (28,8 × 22,4 cm). 12,– €.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen.

Der kleine Roman aus dem Jahr 1887 spielt in Berlin in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre und erzählt die Liebesgeschichte zwischen der Näherin Lene Nimptsch und Baron Botho von Rienäcker. Kennengelernt haben sich die beiden, als Botho Lene und eine Freundin bei einem Bootsausflug aus einer Notlage errettet und anschließend nach Hause begleitet. Seitdem ist Botho regelmäßiger Gast in der beim Zoologischen Garten gelegenen Gärtnerei, bei der Lene zusammen mit ihrer Ziehmutter wohnt. Für Lene ist es nicht die erste Freundschaft mit einem Adeligen; für Botho ist es eine entspannende Auszeit vom Umgang in der adeligen Gesellschaft, den er als bemüht und anstrengend empfindet. Die Beziehung der beiden gipfelt in einer gemeinsamen Nacht, die sie in einem etwas abgelegenen Gasthaus miteinander verbringen. Doch ist dies zugleich der Anfang vom Ende.

Botho steht von Seiten seiner Familie unter Druck, eine schon lange verabredete Verlobung mit seiner wohlhabenden Kusine endlich zu realisieren. Die Familie Bothos ist auf das Geld angewiesen, und Botho gibt den Vernunftgründen nach, trennt sich von Lene und heiratet das Geld. Seine Frau Käthe erweist sich als eine fröhliche, wenn auch etwas oberflächliche Natur, mit der sich gut auskommen lässt. Dennoch hängt Botho auch nach seiner Hochzeit immer noch seiner Liebe zu Lene nach. Auch Lene macht die Trennung zu schaffen, aber sie bewältigt ihre Trauer: Sie sorgt für den Umzug mit ihrer Mutter in eine bessere Gegend und lernt einen soliden, älteren Mann kennen, der sie trotz ihrer Vorgeschichte heiratet. Sowohl Botho als auch Lene wachsen am Ende über ihre Liebe hinaus und werden vom Autor in eine ernüchternde Normalität entlassen.

Fontane selbst hat Irrungen, Wirrungen ebenso wie den nachfolgenden Roman Stine, der von einer ganz ähnlichen Beziehung erzählt, als „harmlos“ bezeichnet. Offensichtlich handelt es sich in beiden Fällen um Literatur aus Literatur, also eine Variation eines damals populären und in der Trivialliteratur der Zeit viel behandelten Stoffs. Doch das von Fontane gewählte Ende von Irrungen, Wirrungen, das sich sowohl einer Tragödie als auch dem Happy End der Komödie verweigert, hebt seine Abwandlung aus dem zeitgenössischen Schema heraus: Nichts Dramatisches ereignet sich, niemandes Leben wird zerstört, aber es werden auch keine Standesgrenzen gesprengt und das kleine, private Glück der Liebe gefeiert. Lene und Botho bleiben beide mit einem „Knax für’s Leben“ zurück – um noch einmal Fontane selbst zu zitieren –, doch bleibt es bei der „Berliner Alltagsgeschichte“, als die der Roman im Zeitungsvorabdruck bezeichnet wird.

Neben der Liebesgeschichte liefert Fontane besonders im ersten Teil ein breit ausgemaltes Bild vom einfachen Leben im Berlin der 1870er Jahre. Für wie gelungen man das hält, muss jede und jeder für sich entscheiden; mir ist der darin vorherrschende etwas süßliche Idyllenton schon ein wenig auf die Nerven gegangen.

Das Buch hat bei der Vorab-Veröffentlichung einen ziemlichen Skandal gemacht; besonders die gemeinsame Übernachtung der beiden Unverheirateten hat damals einige Gemüter in Wallung gebracht, obwohl es sich gerade bei dieser Passage um die noch dezenteste des ganzen Buchs handelt. An anderen Stellen werden die Umstände, unter denen der „Storch“ die Kinder in die Welt bringt, weit deutlicher angesprochen. Auch wenn sich das für heutige Leser alles gänzlich harmlos liest, kann man hier gut erkennen, welchen Empfindlichkeiten sich ein Autor am Ende des 19. Jahrhunderts noch gegenüber sah.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. RUB 18741. Stuttgart: Reclam, 2010. Broschur, 199 Seiten. 4,40 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (125)

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und läßt sich von diesen alles gefallen.

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre