Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt III & IV

Ob es sich um die Abschreckung durch Atombomben, um Atomkraftwerke, um die Lagerung von Atommüll, um die Plünderung unseres Planeten usw. handelt, immer reden diejenigen, welche daran glauben, uns ein, wir sollen glauben, was sie tun, sei absolut sicher.

Die 1990 erschienen Stoffe IV–IX unterscheiden sich deutlich von dem beinahe 10 Jahre älteren Band. Dürrenmatts Verleger Daniel Keel hatte gehofft, der zweiten Band könne bereits kurz nach dem ersten erscheinen, doch Dürrenmatts Arbeitsweise, der Tod seiner Frau Lotti im Jahr 1983, seine neue Beziehung zu Charlotte Kerr, die ihn zurück zum Drama brachte, all dies beeinflusste und unterbrach immer wieder die Arbeit an der Fortsetzung. Zudem bewiesen einige der Stoffe sich als so dynamisch, dass sie sich in eigenständige Projekte verwandelten, so etwa den 1989 herausgegeben letzten Roman Dürrenmatts Durcheinandertal.

Es wundert bei der langen Entstehungszeit nicht, dass der zweite Band deutlich uneinheitlicher geraten ist. Der große biographische Bogen wird nur teilweise fortgesetzt, die biographische Erzählung wird insgesamt bruchstückhafter und anekdotischer. Zugleich nimmt der essayistische Anteil des Textes deutlich zu. Auch bleiben die Stoffe selbst eher skizzenhaft und summarisch, wie es auch schon für Der Rebell im ersten Bad festgestellt wurde. Wie man die ausgewählten Stoffe letztendlich beurteilt, hängt sicherlich von zahlreichen Vorbedingungen ab. So ist etwa das abschließende Kapitel Das Hirn, das so etwas wie ein evolutionäres Gesamtbild der Entstehung des Universum als Fiktion eines freischwebenden Bewusstsein versucht, inhaltlich heute kaum mehr überzeugend, was aber auch daran liegt, dass heute selbst der oberflächlichste Konsument des Fernsehen mit so zahlreichen Dokumentationen über alles mögliche zugeschüttet wird, dass ihm das alles als alte Kamellen erscheinen dürfte. Hier war die Rezeptionssituation in den 1980er Jahren, auf die Dürrenmatt zielte, natürlich eine komplett andere. Alles in allem ist eine angemessene Lektüre dieser Texte nicht einfach.

Eine zumindest für Dürrenmatt-Kenner wichtige Ergänzung dürfte seine Rekonstruktion seines ersten Theaterstücks Der Turmbau zu Babel sein, die sich im Anhang zu Band IV dieser Ausgabe findet. Dürrenmatt hatte zumindest einen Teil der ersten Fassung vernichtet; andere Teile sind wohl eher ungewollt erhalten geblieben. Aus demselben Stoffkreis hat Dürrenmatt dann später Ein Engel kommt nach Babylon (1953) entwickelt, eines seiner zahlreichen religiös grundierten Dramen.

Band III liefert unter anderem ergänzend dazu eine ganze Reihe weiterer Stoffe, die es nicht bis in die publizierte Fassung geschafft haben; wichtig ist hier auf jeden Fall Dürrenmatts breite Auseinandersetzung mit dem Prometheus-Mythos.

Diese Reihe von Besprechungen ist von der Frage ausgegangen, ob der hier betrieben Aufwand von den Texten der beiden veröffentlichten Bände gerechtfertigt werden kann. Für Dürrenmatt-Kenner und die -Liebhaber liegt hier eine reiche Fundgrube vor, die sie lange beschäftigen kann; allen, die dem Propheten von Konolfingen – sicherlich mit gutem Grund – eher mit einigen Distanz gegenüberstehen, werden den hier betriebenen archivalischen Eifer wohl übertrieben finden. Aber ein Archiv muss natürlich tun, wozu es da ist. Und zu entdecken gibt es tatsächlich manches, Wenn es eben auch sehr speziell ist.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt I & II

Ich machte eine gut bürgerliche Jugend wie eine Krankheit durch, ohne Kenntnis der Gesellschaft und ihrer Zusammenhänge, behütet, ohne behütet zu sein, immer wieder gegen einen Zustand anrennend, der nicht zu ändern war: Ich selbst war dieser Zustand.

Wie bereits zuvor gesagt, umfassen die Bände I und II die Materialien aus dem Nachlass Friedrich Dürrenmatts zum Stoffe-Projekt bis zu Veröffentlichung des Bands Stoffe I–III im Jahr 1981. Band II enthält den Text dieses Bandes (in der leicht über­ar­bei­te­ten Fassung von 1990, die dem Wunsch des Autors nachkommt, Absätze im Text weitgehend zu vermeiden und so eher einen Textfluss zu erzeugen), Band I chronologisch das seit 1957 bis 1981 aufgelaufene Material des Projektes. Es ist für Einsteiger durchaus zu empfehlen, sich zuerst einmal mit der Lektüre von Band II einen Eindruck von Thematik und Ausrichtung des Gesamtprojektes zu machen und dann erst zum Material in Band I zurückzugehen.

Der 1981 erschienene Band enthält, wie der Titel schon sagt, drei von Dürrenmatts Stoffen, die ihn lange begleitet und dabei durchaus wesentliche Veränderungen erfahren haben. Der erste, Winterkrieg in Tibet, spiegelt Dürrenmatts Auseinandersetzung mit seinen Kriegs- (als Schweizer war er ein eher ferner Beobachter des Geschehens im Zweiten Weltkrieg) und Militärerfahrungen, dem Mythos vom Minotaurus, der auch in anderen Texten und insbesondere auch in Gemälden von ihm eine bedeutende Rolle spielt, und damit unmittelbar zusammenhängend dem Motiv des Labyrinths. Erzählt wird die Geschichte eines Offiziers, der sich in der letzten gigantischen Schlacht des III. Weltkriegs wähnt, der weite Teile der Welt zerstört hat. Er sitzt als General ohne Truppen im Rollstuhl, durchfährt die Höhlengänge unter einem Bergmassiv und schreibt den Text, den der Leser liest, in absoluter Dunkelheit in langen Zeilen an die Höhlenwände. Durchbrochen wird dieser quasi autobiographische Bericht durch eine Art von Herausgeberfiktion, die die Wiedergabe des Textes als Dokumentation eines Fundes der nach dem III. Weltkrieg wieder erstandenen Zivilisation ausweist. Der Text enthält nicht nur die Geschichte und Vorgeschichte des Generals, sondern auch umfangreiche essayistische Passagen, deren Gehalt durch die Figur ihres Erzählers stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Entscheidend für die Lektüre dürfte der Hinweis Dürrenmatts sein, dass die zentrale Figur des Textes nicht Minotaurus repräsentiert, sondern einen Theseus, der seinen Ariadnefaden längst verloren hat und nicht in der Lage ist, einen eigenen zu knüpfen. Die Erzählung dürfte eine der dichtesten sein, die sich in Dürrenmatts erzählerischem Werk findet, und setzt einem einfachen Verständnis massive Widerstände entgegen.

Der zweiten Stoff, Mondfinsternis, ist die Quelle von Dürrenmatts wohl erfolgreichstem Theaterstück Der Besuch der alten Dame. In einem entlegenen Bergdorf der Schweiz, in dem außer Pfarrer, Polizist und Lehrerin nur 14 Familien leben, kommt ein alter, reicher Kanadier an, der nahezu sofort beginnt, alle jungen Frauen des Dorfes intensiv zu begatten. Außerdem verspricht er jedem Haushalt im Dorf eine Million, wenn beim nächsten Vollmond (in zehn Tagen) der Ehemann seiner ehemaligen Geliebten, die der Alte einstmals schwanger zurückgelassen hat, umgebracht wird. Der Betroffene ist angesichts des Reichtums auch für seine Familie durchaus mit dem Plan einverstanden und endet, nach einigem retardierenden Füllstoff, unter einer gefällten Buche. Es erweist sich aber, dass der Verursacher dieser Affäre eigentlich gar nicht an Tod und Rache interessiert ist (ebenso wenig wie an dem Geld, das er zurücklässt), sondern sich in Angst und Not wegen seines Herzens befindet. Als er das Dorf verlässt, erleidet er einen weiteren, diesmal tödlichen Herzanfall.

Der Text ist ohne jegliche Psychologie geschrieben: Eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt, die für eine moderne Erzählung eigentlich fatale Wartezeit von zehn Tagen bis zum Vollmond-Termin wird einfach übersprungen, die titelgebende Mondfinsternis findet zwar statt, hat aber trotz der kurzzeitigen abergläubischen Panik der Bauern keinerlei praktische Auswirkung. Interessant ist aber, dass Dürrenmatt weder in der Erzählung selbst, noch in den reflektierenden Texten, die sie umgeben, auf das Motiv des Menschenopfers zu sprechen kommt. Nichts scheint einleuchtender, als den Ankommenden als einen neuen Gott zu lesen, der allgemeine Wohlfahrt verspricht, wenn man nur bereit ist, ihm einen Menschen als Opfer darzubringen. Und nichts ist einleuchtender, als dass ein Gott an nichts weniger interessiert sein kann als daran, ob die Menschen das Opfer tatsächlich vollziehen. Dass Dürrenmatt an diesem Aspekt seines Stoffes weitgehend uninteressiert gewesen zu sein scheint, mag daran liegen, dass in den beiden mythologischen Systemen, die sein Denken geprägt haben (das der griechischen Antike und das des Christentums). Menschenopfer nur eine randständige Rolle spielen.

Der dritte Stoff, Der Rebell, ist der am wenigsten ausgearbeitete; es handelt sich mehr um eine Prosa-Skizze als um eine Erzählung. Erzählt wird in wenigstens zu Anfang spätromantischer Manier vom Sohn eines Philologen, der in den Aufzeichnungen seines verschollenen Vaters eine altertümliche Sprache entdeckt, die er erlernt, um sich dann auf eine ziellose Reise zu machen, die ihn natürlich an die Grenze jenes Landes bringt, deren fremde Sprache er erlernt hat. Dort wird er als eine Art Messias empfangen, als der Retter und Befreier, der die Tyrannis des zuletzt erschienen Befreiers (der möglicherweise sein Vater ist) zerschlagen und wahrscheinlich durch seine eigene ersetzen wird. Warum Dürrenmatt dachte, diese Messias-Allegorie sei geeignet, seine eigene Rebellion gegen die Eltern darzustellen, die eigentlich nur in einem heimlichen und drückebergerischen Ungehorsam bestand, wie ihn jeder zweite junge Mann in der Weltliteratur zustande bringt, ist wenigstens mir unerfindlich geblieben.

Umschlossen sind diese drei Erzählungen von einer Autobiographie, die jeweils passend zu den Erzählungen gewichtet und reflektiert wird. Eine solche offene und zugleich enge Verquickung von autobiographischer und literarischer Erinnerungsarbeit dürfte in der deutschsprachigen Literatur weitgehend singulär sein. Die Materialien in Band I vertiefen diese beiden Aspekte der Stoffe, wobei das Material nicht nur die Stoffe I–III umfasst, sondern natürlich auch auf den späteren Band ausgreift. Hier ist besonders die Wiedergabe der Rekonstruktionen hervorzuheben, eines geschlossenen Textes von 1978, der so bislang unveröffentlicht war und der Dürrenmatt als Steinbruch für spätere Veröffentlichungen diente. Hier ist noch einmal ein Text zu entdecken, der es an Gehalt und Komplexität mit den beiden Nachworten zum Mitmacher-Komplex aufnehmen kann.

Bereits diese beiden Bände enthalten eine kaum auszuschöpfende Quelle für eine Auseinandersetzung mit Dürrenmatt, die mir aber leider, je älter ich werde und je weiter die Texte in der Vergangenheit liegen, um so mehr eine obsolete Angelegenheit zu werden scheint. Es ist zu befürchten, dass Dürrenmatt den Status eines Klassikers, den man ihm offenbar zuzumuten gedenkt, nicht lange innehaben wird. Dafür scheinen einerseits die Voraussetzungen für eine Lektüre zu hoch, andererseits ist der Anschluss zu den Themen der Gegenwart zu dünn. Ich fürchte, er wird trotz seines Reichtums an Reflexion und Erfindung bald nur noch ein Autor für einige wenige Fachleute sein.

Wird fortgesetzt …

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt

Je älter man wird, desto stärker wird der Wunsch, Bilanz zu ziehen. Der Tod rückt näher, das Leben verflüchtigt sich. Indem es sich verflüchtigt, will man es gestalten; indem man es gestaltet, verfälscht man es: So kommen die falschen Bilanzen zustande, die wir Lebensbeschreibungen nennen, manchmal große Dichtungen – die Weltliteratur beweist es –, leider oft für bare statt für kostbare Münze genommen.

Seit dreißig Jahren beschließe ich nach jedem neuen Buch aus dem Nachlass von Friedrich Dürrenmatt, dass ich nun nichts weiter mehr von ihm kaufen werde. Bislang hat es nicht geklappt.

Dürrenmatt ist einer der ersten Schriftsteller, von denen ich eine Werkausgabe besessen habe. Er war meine wichtigste Schullektüre und hat in den letzten beiden Schuljahren einen großen Einfluss auf mein Verständnis von Poetik und Dramaturgie gehabt. Noch am Ende meines Universitätsstudiums stand eine Klausur zu den Konzepten von Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt. Das war etwa um die Zeit herum, als Dürrenmatt gestorben ist. Seitdem habe ich in didaktischem Zusammenhang noch das eine oder andere von ihm wiedergelesen, auch seinen Briefwechsel mit Max Frisch und die Biografie von Peter Rüedi. So sehr ich mich auch bemühe, ich werde diesen Einfluss nicht los.

Nun hat Diogenes zu einem weiteren Schlag ausgeholt: In fünf großformatigen Bänden (16 × 24 cm) wird eine Nachlass-Edition des letzten großen Prosa-Projektes Dürrenmatts vorgelegt, der Stoffe. Aus den Stoffen sind 1981 (Stoffe I–III) und 1990 (Stoffe IV–IX) zwei Bände vorgelegt worden, wobei anlässlich des zweiten Bandes auch der erste Band noch einmal in einer leicht über­ar­bei­te­ten Fassung erschien. Diese Fassung findet sich auch innerhalb der siebenbändigen Werkausgabe von 1991. Damals war aber schon klar, dass dies nur Teile des tatsächlich vorhandenen Materials waren. Die nun erfolgte Edition aus dem Nachlass lässt diese beiden Publikationen als „zwei Spitzen eines riesigen Eisbergs“ – so die Herausgeber im Vorwort – von über 30.000 Ma­nu­skript­sei­ten erscheinen.

Die ersten Anfänge dieses sowohl zeitlichen als auch stofflichen Le­bens­pro­jek­tes verorten die Herausgeber bereits im Jahr 1957, also nach Dür­ren­matts ersten großen Erfolgen als Theater- und Krimiautor, aber noch bevor er mit Das Versprechen bzw. Es geschah am hellichten Tage vorerst Abschied vom Genre der Kriminalerzählung nahm. Der erste Band ist der Ent­wick­lung des Projektes bis zur Veröffentlichung der Stoffe I–III (1981) gewidmet; der zweite Band präsentiert dann diesen Text mit einer umfangreichen Dokumentation weiteren Materials und zahllosen Querverweisen. Der dritte und vierte Band verfahren in gleicher Weise mit den Stoffen IV–IX (1991). Der fünfte Band schließlich liefert eine Chronik der Genese, eine Do­ku­men­ta­tion der Quellen, Anmerkungen zum Text und ein Register. Begleitet wird all das durch eine Online-Edition des gesamten Projektes, die derzeit noch nicht ganz fehlerfrei ist, aber auch das wird sich sicherlich mit der Zeit finden.

Es wird sich in einer erneuten Lektüre weisen müssen, ob die Texte Dür­ren­matts den hier betriebenen Aufwand am Ende rechtfertigen. Und es wird diesmal bestimmt meine letzte Beschäftigung mit dem Propheten aus Konolfingen sein.

Wird fortgesetzt …

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust

Nur aus der sorgsamen Sammlung und Vergleichung solcher Einzelzüge kann in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung das Gesamtbild erarbeitet, kann die Intuition geklärt werden.

Es ist immer gut, wenn ein Text von Ernst Robert Curtius neu gedruckt wird. Das vor allem muss man im Gedächtnis halten!

Ernst Robert Curtius (1886–1956) war ein bedeutender deutscher Romanist und akademischer Lehrer. Er hat mit seinem Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948) einen Neuansatz der philologischen Beschäftigung mit den Traditionslinien der Literaturvermittlung zwischen Antike und Neuzeit geschaffen. Was aber viel wichtiger ist: Er war einer der wenigen außergewöhnlichen Leser der Literatur der Moderen. Curtius war nicht nur in der Lage, den Joyceschen Ulysses unmittelbar nach dem Erscheinen angemessen zu rezipieren, sondern er hat auch einen Essay über das Buch geschrieben, der für Jahrzehnte alles überragte, was von Deutschen über dieses Buch geschrieben wurde. Ebenso ist es mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, über das bereits 1925 ein umfangreicher Essay von Curtius erschienen ist, also noch bevor die beiden letzten Bände aus dem Proustschen Nachlass herausgegeben wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Proust in Deutschland noch nahezu unbekannt. Diesen Text – oder beinahe diesen Text – drucken Schöffling & Co. nun wieder nach.

Curtius beschäftigt sich nur en passant inhaltlich mit den Romanen; stattdessen nähert er sich unter verschiedenen Schlagwörtern immer weiter der schriftstellerischen Arbeit und der Weltsicht Prousts an. Man sollte also weder eine Einführung noch eine biografische Studie erwarten, sondern hier schreibt ein Literaturwissenschaftler für akademische Leser über die Bedeutung des Proustschen Werks für die moderne Literatur und unsere Verständnis von Kunst überhaupt. Es ist eines von den Büchern, die man, selbst wenn man einzelnen Gedanken nicht zustimmen mag oder sich Details als obsolet erweisen, dennoch mit großem Gewinn und Vergnügen liest; das gilt auch für jemanden wie mich, der einen kompletten Durchgang durch den Romanzyklus trotz mehrerer Anläufe bisher nicht geschafft hat.1

Der philologische Leser sollte allerdings wissen, dass Schöffling & Co. sich dazu entschlossen haben, in den Text insoweit einzugreifen, als die Passagen aus den Schriften Prousts, die bei Curtius selbstverständlich in der Originalsprache zitiert wurden, im laufenden Text durch Übersetzungen von Michael Kleeberg ersetzt werden; die Original-Zitate werden im Anhang mitgeliefert, so dass nichts wirklich verloren geht außer dem Text, den Curtius verfasst hat. Das wird die meisten Leser des Bandes nicht stören und wahrscheinlich auch die Anzahl der Käufer des Bandes deutlich erhöhen. Aber es ist eben auch die Art von Entscheidung, die vor dem imaginierten Publikum und den sogenannten Gesetzen des Marktes kapituliert, noch bevor es zur eigentlichen Auseinandersetzung gekommen ist. Und über das Nachwort Kleebergs möchte ich lieber ganz schweigen.

Wer Curtius noch nicht kennt, findet hier die Gelegenheit, einen der ganz großen Leser des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Es ist ein Einstieg in eine ganz eigene, originelle Lesewelt.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust. Frankfurt/M.: Schöffling & Co., 2021. Pappband, Lesebändchen, 200 Seiten. 24,– €.


1 Ich hoffe immer noch darauf, dass mein zentrales Problem durch die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer behoben wurde, da für mich das Deutsch von Eva Rechel-Mertens auch in der überarbeiteten Neufassung gänzlich unverdaulich ist.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew

Als ich neulich wieder einmal bei Turgenew vorbeikam, fiel mir auch dieses lang eingestaubte Insel-Taschenbuch in die Hand. Diesmal habe ich hineingeschaut; ich hätte es besser gelassen.

Der Text wurde in Deutschland als Biographie verkauft, obwohl ihn sein Autor im Vorwort völlig zu Recht einen Essay nennt, und man darf hier ungeniert an Tucholsky denken: „Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“ Das Büchlein präsentiert weitgehend nichts als wirres Geschwätz, zusammengesuchte Einsichten, die in lockerer assoziativer Manier aneinandergereiht werden, ohne dass sich aus ihnen mehr ersehen ließe, als dass eben dieser und jener mal dies oder das über Turgenew gesagt habe und was man sonst noch so denken könne.

Von sehr jung an war er sich bewußt, daß er auf Frauen attraktiv wirkte, und in einigen Fällen lässt sich beobachten, wie er diese Macht sogar bei denen ausübt, die reine ›Vermittlerinnen‹ waren, eine Kategorie, in welche die Frau von Traditionen und weltlichem Leben gerne eingereiht wird.

Und solche Sätze sind bei weitem nicht die Schlimmsten.

Das ganze Buch ist ein unlesbares Gewäsche. Dass es überhaupt übersetzt und gedruckt wurde, lässt mich einen internationalen Mangel an soliden Turgenew-Biographien vermuten; wenigstens scheint auf Deutsch derzeit überhaupt nichts Vernünftiges lieferbar zu sein. Hinweise dazu wären sehr willkommen.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew. Eine Biographie. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. it 2744. Frankfurt/M.: Insel, 2001. Broschur, 277 Seiten. Zum Glück nur noch antiquarisch greifbar.

Robert Walser: Fritz Kocher’s Aufsätze

Weihnachten? O! Das wird den schlechtesten Aufsatz geben; denn über etwas so Süßes kann man nur schlecht schreiben.

Anlässlich des Erscheinens dieses kleinen Büchleins möchte ich auf die Berner Ausgabe der Werke Robert Walsers hinweisen, die – in weitgehender Stille – vor zwei Jahren mit zwei Briefbänden und einem zugehörigen Kommentarband begonnen wurde und inzwischen bei acht, zumeist schmalen Bändchen angekommen ist. Insgesamt soll sie einmal 31 Bände umfassen; einen vollständigen Editionsplan habe ich allerdings nicht finden können. Heuer sind zwei Bände dazugekommen, darunter eben auch eine Neuausgabe der ersten Buchs von Robert Walser: Fritz Kocher’s Aufsätze (Insel, 1904). Der dünne Band ist für alle, die Robert Walser kennenlernen wollen, ein nahezu idealer Einstieg.

Walser hat mit dem Verlag lange um sein erstes Buch ringen müssen, bis Insel sich dazu entschließen konnte, diesem sehr eigenwilligen Autor eine Chance zu geben. (Der Verlag sollte mit seiner Skepsis vorerst recht behalten: Das Buch verkaufte sich miserabel.) Die titelgebenden Aufsätze sind vorgebliche Schulaufsätze – Walser hatte in seiner Schulzeit tatsächlich einen Mitschüler mit dem Namen Fritz Kocher –, gehalten in einer naiven, jungenhaften Weltsicht und einem manieristischen Stil, der wohl zu Recht Abiturientenprosa genannt werden darf. Themen sind die für die Schulzeit vieler Genrationen üblichen: Der Mensch, Der Herbst, Die Schule, Der Beruf, Meine Stadt und was dergleichen mehr ist. Überall findet sich Walsers luzides Spiel mit der Rolle des schreibenden Schülers, der die Dinge aus seiner mangelnden Lebenserfahrung heraus notwendig falsch und doch immer ein wenig richtiger sieht, als es der Lehrer Leser erwartet. Es wundert daher nicht, dass der Lehrer offenbar gleich den ersten Aufsatz mit der Anmerkung „Stil erbärmlich“ versehen hat.

Es ist ein stilles, leicht melancholisches und zugleich sehr witziges Buch, das Walser hier geschrieben hat, und es weist schon auf seine späteren, stilistisch schlichten und zugleich schillernden Meisterwerke voraus. Noch einmal: Wer neugierig auf Walser ist, findet hier eine gute Gelegenheit. Zudem bekommt man noch die Illustrationen der Erstausgabe von Roberts Bruder Karl, ein kluges Nachwort und Erläuterungen mitgeliefert. Und wer daran Spaß gefunden hat, kann in derselben Ausgabe auch gleich noch Der Gehülfe lesen.

Robert Walser: Fritz Kocher’s Aufsätze. Berner Ausgabe. Werke Band 4. Hg. von Dominik Müller und Peter Utz. Berlin: Suhrkamp, 2020. Broschur, 180 Seiten. 22,– €.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels

Ein schmales Bändchen mit drei Aufsätzen des Shakespeare-Übersetzers Frank Günther, dem nur noch ein Band in der Gesamtausgabe bei ars vivendi fehlt, um als erster Mensch den Stratforder Meister vollständig in eine andere Sprache übersetzt zu haben.

Im ersten plädiert er für die Aktualität der Dramen, bzw. dafür, dass jeder heutige Zuschauer oder Leser vor der Aufgabe stünde, diese Aktualität durch Rekurs auf seine eigenen Lebenserfahrung herzustellen. Der zweite beschäftigt sich mit der Metamorphose Bottoms in einen Esel, der literarischen Tradition dieser Metamorphose und schließt ab mit einer überraschenden Aktualisierung dieser Metamorphose aus seiner eigenen Lebenserfahrung. Im dritten schließlich antwortet er auf die zehn ahnungslosen Bemerkungen Roland Emmerichs zur Frage der Autorschaft Shakespeares.

Für Shakespeare-Kenner und -Freunde eine amüsante Lektüre an einem verregneten Nachmittag.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels. Cadolzburg: ars vivendi, 2019. Klappenbroschur, 48 Seiten. 10,– €.

Wolf Wondratschek: Erde und Papier

Normalerweise kaufe ich solche Sammelbände nicht, die in den meisten Fällen nichts anderes darstellen als eine ausgefegte Schreib­tisch­schub­la­de des Autors. Doch diesmal stand ich in der Buchhandlung, sah verwundert auf den Autor und dachte: „Ach, den gibt’s noch?“ Ich schlug den Band auf und las:

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Mir ist es nicht einmal gelungen, ein irgendwie besonderes Interesse dem eigenen Leben gegenüber aufzubringen. Dagegen bewunderte ich immer schon, und das fast neidisch, die Klugheit der Tiere. Keines nimmt sich wichtig. Ein Vogel fällt tot vom Ast, ohne sich leidzutun.

2. Warum?

Ich schaue gern vom Spielfeldrand zu und erwarte den Abpfiff. Das Menschengeschlecht war ein Irrtum, eine Ungeheuerlichkeit, eine Zumutung. Schluss damit! Angesichts der Ewigkeit, also historisch gesehen, wird das Auftauchen des Homo sapiens und sein Verschwinden ohnehin eine Unwichtigkeit gewesen sein.

Die Fragen erkannte ich sofort. Auch ich hatte einmal – in pubertärer Verwirrung – versucht, die Fragebögen aus Max Frischs Tagebuch 1966–1971 zu beantworten und war an der Spannung zwischen Idealismus und Pessimismus in mir gescheitert. Aber diese Antworten waren mir jetzt ganz nah. So hätte ich damals wohl auch antworten mögen, ohne es zu können.

Der Band versammelte essayistische Texte von den 70-er Jahren bis nah an die Gegenwart heran. Ton und Inhalt sind ganz und gar eigenständig und weit von der allgemeinen Albernheit unseres offiziellen Kulturbetriebs entfernt. Man muss nicht alles teilen – so finde ich etwa die Begeisterung von Intellektuellen für Leute, die sich gegenseitig in die Fresse schlagen, einfach abstoßend –, aber selbst das, was mir fremd geblieben ist, habe ich mit Interesse gelesen. Mal schauen, wohin es führt.

Wolf Wondratschek: Erde und Papier. Hg. v. Claudia Marquardt. Berlin: Ullstein, 2019. Pappband, 329 Seiten. 24,– €.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey

Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.

Kurt Tucholsky

Am 18. März vor 250 Jahren starb mit Laurence Sterne einer der bekanntesten, einflussreichsten und umstrittensten Schriftsteller seiner Zeit. Er ist nur 54 Jahre alt geworden, von denen er nur die letzten gut 8 Jahre als Schriftsteller bekannt war. In dieser Zeit machte er eine glanzvolle Karriere, die er selbst geschickt anzuheizen verstand, mit zwei Romanen, die die zeitgenössischen literarischen und sittlichen Grenzen mit Humor und  Geschicklichkeit austesteten. Wie groß der Erfolg seiner Bücher war, lässt sich auch daran messen, wie umgehend sie in andere europäische Sprachen übersetzt wurden: Zum Ende seines Lebens hin wartete man etwa in Deutschland so dringend auf den neuen Sterne, dass die Bücher immer schon im Erscheinungsjahr der Originale auch auf Deutsch vorlagen. Und gerade in Deutschland fanden sich zahlreiche treue Epigonen seines Stils, auch solche, die es verstanden, weit über ihn hinauszukommen.

Anlässlich dieses Jubiläums ist bei Wagenbach in der hübschen SALTO-Reihe ein Essay von Hans von Trotha erschienen. Das Büchlein bemüht sich, eine Art von Hommage an Sterne zu liefern, in dem es wenigstens in Teilen vorgibt eine Sentimentale Reise von London nach Coxwold, dem letzten Wohnort Sternes in Yorkshire, zu beschreiben. Ganz im Sinne Sternes wird das alles natürlich konterkariert durch das, was dem Autor sonst noch einfällt, und das hat hier und da auch schon mal nur wenig oder gar nichts mit Sterne zu tun, liest sich aber immer nett, und wenn man vom 18. Jahrhundert, Sterne und England nur wenig weiß und es mit Wahrheit und Stil nicht so genau hält, ist das sicherlich eine nette Lektüre.

Mir ist besonders der erste Teil, in dem der Autor versucht, sich abwechselnd dumm und schlau zu stellen, erheblich auf die Nerven gegangen, nicht nur wegen seines schiefen Bildes der Aufklärung, nicht nur, weil er die Geschichte des englischen Königshauses falsch wiedergibt, nicht nur wegen seines aufgeblasenen und oft inhaltsfreien Stils, nicht nur wegen des falschen Deutschs, das ihm offenbar keiner im Verlag korrigieren konnte, nicht nur wegen seiner hohlen Pauschalisierungen, sondern besonders deswegen, weil ich trotz alledem spätestens auf jeder dritten Seite eine Kleinigkeit gefunden habe, die ich zuvor nicht wusste oder irgendwann schon wieder vergessen hatte. So gern ich das Buch zugeklappt und weggelegt hätte, immer war ich zu neugierig, was mich um die Ecke der nächsten Seite erwartet. Und auch das ist sternesch im besten Sinne.

Ein im Kern schöner Essay in einem schrecklich gewollten und missratenen Stil, den ich trotzdem nur empfehlen kann, besonders da er, so weit ich sehe, konkurrenzlos dasteht.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Laurence Sterne in Shandy Hall. Berlin: Wagenbach, 2018. Leinen, Fadenheftung, 140 Seiten. 17,– €.

Zur Besprechung der Sterne-Werkausgabe bei Galiani

Heinrich Heine: Die romantische Schule

Die Literaturgeschichte ist die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist.

Nachdem sich Heinrich Heine 1831 dem immer drohenden staatlichen Zugriff auf seine Person durch eine Auswanderung nach Frankreich, genauer nach Paris entzogen hatte, sah er sich vor die Aufgabe gestellt, seinen Lebensunterhalt wenigstens teilweise durch seine Schriftstellerei zu finanzieren. Er verfiel auf den naheliegenden Gedanken, seine Kenntnisse der deutschen Kultur den Franzosen und sein wachsendes Wissen über die französische Kultur den Deutschen nahe zu bringen. Er verfasste daher eine ganze Reihe von Essays für französische und deutsche Zeitungen, die später als Zweitverwertung auch in Buchform erschienen, so auch „Die romantische Schule“ aus dem Jahr 1836.

Heine versteht seinen Text als Ergänzung und Korrektur des Bildes von der neuesten deutschen Literatur, das Franzosen aus Germaine de Staëls „Über Deutschland“ (1813), der allein schon aufgrund des napoleonischen Verbotes einflussreichsten französischen Darstellung der deutschen Gesellschaft und Kultur, beziehen konnten. Abgesehen von der publizistischen Wirksamkeit eines Widerspruchs gegen diese Autorität, genügt schon Heines eher kritische Haltung den Brüdern Schlegel gegenüber, um eine ausreichende polemische Distanz zu Staëls Urteilen zu erzeugen.

Heine thematisiert nicht nur die Romantische Schule – darunter versteht er im Wesentlichen das, was Germanisten heute zumeist als Jenaer Romantik bezeichnen –, sondern liefert eine breitere deutsche Literaturgeschichte, deren zweiter und dritter Teil sich auf die Autoren der Romantik konzentriert. Im ersten Teil finden sich Reflexionen über die bis dahin edierte mittelalterliche deutsche Literatur, die Anfänge der bürgerlichen Literatur im 18. Jahrhundert (besonders gelobt werden Lessing und Herder) und Goethe. Zusätzlich gibt es im dritten Teil ein maßvolles Lob Jean Pauls, den Heine mit Laurence Sterne vergleicht:

Wie Lorenz [!] Sterne hat auch Jean Paul in seinen Schriften seine Persönlichkeit preisgegeben, er hat sich ebenfalls in menschlicher Blöße gezeigt, aber doch mit einer gewissen unbeholfenen Scheu, besonders in geschlechtlicher Hinsicht. Lorenz Sterne zeigte sich dem Publikum ganz entkleidet, er ist ganz nackt; Jean Paul hingegen hat nur Löcher in der Hose.

Heinrich von Kleist oder Friedrich Hölderlin kommen als Außenseiter der großen Literaturströmungen in Deutschland beide nicht vor.

Im großen und Ganzen folgt Heine eher der Tendenz, mehr über die Autoren im allgemeinen als über bestimmte Werke zu reden. Zwar erwähnt er immer wieder einzelne Titel, insbesondere vermerkt er für die französischen Leser, welche davon ins Französische übersetzt wurden, aber die Darstellung liefert meist nicht mehr als eine grobe Übersicht der Fabel und vielleicht einige Glanzpunkte, wie sie einem auch nach länger zurückliegender Lektüre noch gewärtig sind. Hauptsächlich aber schreibt Heine mehr oder weniger spitze, aber immer zugespitzte Portraits der behandelten Autoren und eine in beinahe allen Fällen auch heute noch als ziemlich präzise anzusehende literargeschichtliche Einordnung. Heines salopp erscheinende, aber immer exakte Sprache, seine Kunst des Ab- und Ausweichens – so erzählt er etwa über Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“, den er möglicherweise nicht einmal gelesen hat, eine halb sentimentale, halb ironische Liebesgeschichte um ein junges, engelsgleiches Mädchen, in dessen Händen er das Buch immer gesehen habe – bereiten den eigentlich trockenen, akademischen Stoff einer Literaturgeschichte zu einer vergnüglichen Lektüre für den französischen Zeitungsleser auf.

Was mir bei dieser erneuten Lektüre allerdings zum ersten Mal so deutlich aufgefallen ist, ist Heines rabiate Opposition gegen den deutschen Katholizismus (den seines Gastlandes beurteilt er aus verständlichen Gründen weit milder), die sich natürlich aus Heines Konfrontation mit katholischen Kreisen in München erklärt, die gegen die Professur eines protestantisch getauften Juden erfolgreich intrigiert hatten. Heine lässt zwar erkennen, dass er die Motive wohl nachvollziehen kann, aus denen heraus sich die Romantiker der anscheinend dem Mittelalter noch näher stehenden Glaubenswelt des Katholizismus anschlossen, doch lässt er am deutschen Katholizismus selbst kein gutes Haar. Es mag nicht zuviel gesagt sein, dass am Ende die Neigung zum Katholizismus den Haupteinwand Heines gegen die „romantische Schule“ bildet, ja, eventuell sogar das Hauptmotiv dafür liefert, warum Heine sich selbst nur sehr eingeschränkt als Erbe dieser Literaturtradition begreifen möchte.

Wie ich selbst beim Wiederlesen feststellen durfte, taugt Heines „romantische Schule“ nur bedingt für den diejenigen, die sich zum ersten Mal dieser – frei nach Elias Canetti – „Hölle der deutschen Literatur“ nähern und ein solides Bild gewinnen wollen (was insofern keine kleine Kritik darstellt, als der Essay primär für ebensolche Leser geschrieben wurde), aber für alle, die sich selbst dort schon umgetan haben, ist es ein großes Vergnügen, Heine als Führer zu folgen.

Heinrich Heine: Die romantische Schule. In: Sämtliche Schriften, Bd. 3. Hg. v. Klaus Briegleb. u. Karl Pörnbacher. München: Hanser, 31996. S. 357–504. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen. 54,– €.

Selbstverständlich auch in diversen anderen Ausgaben lieferbar.