Stendhal: Die Kartause von Parma

Schluß damit! immer diese Romane!

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis ich schließlich doch soweit in diesen Roman hineingefunden habe, dass ich ihm bis zum Ende gefolgt bin. Der jetzige Anstoß, es noch einmal zu versuchen, war die erneute Beschäftigung mit Balzac, und nun scheine ich endlich erwachsen genug zu sein, um auch diesen Roman lesen zu können.

Erzählt wird die Geschichte Fabrizio del Dongos, 1798 in Mailand geboren (mutmaßlich außerehelich gezeugt durch einen französischen Besatzungsoffizier), der unter der Aufsicht seiner Mutter und Tante zumeist im Stammschloss der del Dongos am Comer See aufwächst. Fabrizio wird zu einem außergewöhnlich hübschen, idealistischen jungen Mann, der 1815 nach Frankreich aufbricht, um dem von ihm verehrten, seinem Vater verhassten Napoleon Schützenhilfe zu leisten. Er folgt ihm entgegen erheblicher Widerstände bis Waterloo, nimmt auch irgendwie an der Schlacht teil, ohne sich nachher klar darüber werden zu können, ob er denn tatsächlich auch gekämpft habe. Nach weiteren Verwicklungen – Fabrizio wird bei der Auseinandersetzung mit einem französischen Husaren verletzt – gelangt er letztendlich wieder nach Mailand, wo er allerdings inzwischen aufgrund einer Denunziation durch seinen älteren Bruder als Hochverräter gesucht wird.

Zu Fabrizios Glück ist seine Tante Gina, die ein bisschen zu sehr in ihn verliebt ist, derweil in der Welt herum- und heraufgekommen. Sie ist mittlerweile die verwitwete Gräfin Pietranera (leider hat ihr ihr Ehemann nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen) und hat beim Besuch der Mailänder Oper mit einem Grafen Mosca angebandelt, der in Parma Polizei- und sonstiger Minister ist. Graf Mosca, der selbst noch verheiratet ist (jedoch spielt diese Tatsache im Roman kaum eine Rolle) installiert Gina durch eine Alibi-Hochzeit mit einem stets abwesenden alten Herzog in dessen Palazzo in Parma als seine Geliebte. In Parma regiert Ernesto IV., ein reaktionärer und paranoider Despot, bei dem Graf Mosca binnen Kurzem zum Ersten Minister aufsteigt. Gina und Mosca beschließen, dass Fabrizio Erzbischof von Parma werden soll (eine Art von Familientradition) und schicken ihn für drei Jahre zum Theologiestudium nach Neapel.

Im Jahr 1821 kommt Fabrizio dann nach Parma und stellt sich dort den oberen 100 und auch dem Erzbischof vor, der ihn sofort ins Herz schließt und ihm eine Stelle mit der Aussicht verpasst, bald zu seiner rechten Hand und designiertem Nachfolger zu werden. Leider hat sich Fabrizio, der sich für unfähig zu wahrer Liebe hält, in Neapel eine Neigung zu sexuellen Affären zugezogen. So verliebt er sich in Parma augenblicklich in die Schauspielerin Marietta, die allerdings bereits über einen eifersüchtigen Liebhaber verfügt. Mosca, der trotz eigener Eifersucht auf Fabrizio, der von seiner Tante Gina zu offensichtlich angehimmelt wird, eine väterliche Hand über den jungen Mann hält, verbannt die Schauspieltruppe aus Parma, nur um damit ungewollt eine Zufallsbegegnung zwischen Fabrizio und den Schauspielern zu provozieren. Bei dieser Begegnung greift der Liebhaber Mariettas Fabrizio an und wird von ihm getötet. Diese Notwehr wird in Parma als Mord ausgeschrien, und die politischen Gegner Moscas hoffen, darüber ihn und seine geliebte Herzogin zu Fall bringen zu können.

Warum sollte den Erzähler, der getreu den kleinsten Einzelheiten, der ihm überlieferten Geschichte folgt, irgendeine Schuld treffen? Ist es sein Fehler, wenn die Figuren, von Leidenschaften verführt, die er zu seinem Unglück nicht teilt, zutiefst unmoralische Handlungen begehen? Freilich geschehen Dinge dieser Art nicht mehr in einem Land, in dem die einzige Leidenschaft, die alle anderen überlebt hat, das Geld ist, ein Werkzeug der Eitelkeit.

S. 147 f.

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Roman als ein etwas eindimensional geratener Entwicklungsroman lesen, doch erweist es sich nun, dass der Autor für den zweiten Teil etwas vollständig anderes im Sinn hat: Fabrizio flieht vor der Verfolgung durch die Sbirren Parmas über Ferrara nach Bologna, wo er von der Herzogin Gina mit Geld versorgt wird. In Parma wütetet der Kampf um seine Verurteilung in Abwesenheit als Mörder, der schließlich darin gipfelt, dass Fabrizio mittels gefälschter Briefe der Herzogin in eine Falle gelockt und verhaftet wird. Man bringt ihn in die Zitadelle Parmas, das Gefängnis für Staatsverbrecher, aus dem eine Flucht aussichtslos erscheint. Aber Fabrizio gelingt es auch unter diesen Umständen, einer Frau den Kopf zu verdrehen: die Tochter des Gouverneurs der Zitadelle, Clelia verfällt seinem Liebreiz und wird zu einem maßgeblichen Instrument in den Fluchtplänen, die die Herzogin Gina schmiedet. Um Fabrizio vor einer drohenden Vergiftung zu retten, schmuggelt sie unter den unwahrscheinlichsten Umständen Seile in die Zitadelle, mit deren Hilfe sich Fabrizio tatsächlich aus der Gefangenschaft retten kann.

Von seiner Tante in ein Dorf im Piemont gebracht, erlebt Fabrizio die nun folgenden politischen Umstürze in Parma nicht mit: Der alte Fürst stirbt, und sein Tod wird Anlass zu einem Volksaufstand, der von dem Arzt und Dichter Ferrante Palla angeführt wird, der wiederum von der Herzogin in die Pläne zur Befreiung Fabrizios eingeweiht und mit Geld ausgestattet wurde. Es erweist sich, dass zumindest ein Teil dieses Geldes zur Finanzierung des Aufstandes verwendet wurde. Nach dem Umsturz wird die Herzogin zur Oberhofmeisterin der Fürstinmutter berufen und Mosca bleibt an der Spitze der Regierung unter dem neuen Fürsten Ernesto V. Doch bleibt beider Position prekär, da sie zum einen weiterhin versuchen, Fabrizio rehabilitieren zu lassen, zum anderen fürchten müssen, dass der geflohene Palla gefasst wird und sie als Unterstützer des Aufstandes benennt. Hinzu kommt, dass sich nun auch noch Ernesto V. in die Herzogin verkuckt und von ihr eine Nacht in seinem Bett fordert, um Fabrizio einen gerechten Prozess mit Freispruch zu garantieren.

Alles geht sich aus, aber die Hauptfiguren bleiben beschädigt zurück: Die Herzogin hat sich zur Rettung Fabrizios prostituiert und flieht nach Bologna, Fabrizio wird zwar die rechte Hand des Bischofs, leidet aber unter seiner aufrichtigen Liebe zur verheirateten Clelia und vice versa, Graf Mosca heiratet zwar die Herzogin, muss aber zeitweilig seinen Posten in Parma aufgeben und sich mit seiner Gattin in bescheidene Verhältnisse fügen. Schließlich überspringt Stendhal drei Jahre um ein Resümee zu ziehen: Clelia hat einen außerehelich gezeugten Sohn von Fabrizio, Mosca ist wieder Erster Minister in Parma, Fabrizio ist Bischof und hat sogar nach dem Tod seines älteren Bruders das Familienvermögen geerbt. Die titelgebende Kartause von Parma kommt überhaupt erst auf der letzten Seite vor als Zufluchtsort Fabrizios, nachdem sein Sohn und seine geliebte Clelia verstorben sind. Aber auch er ist da schon dem Tode geweiht und auch die Herzogin überlebt die letzte Seite des Romans nicht.

Bei mir hat besonders der zweite Teil des Romans (Buch II setzt ein, als die politischen Feinde Moscas versuchen, Fabrizio in Abwesenheit als Mörder verurteilen zu lassen) einen etwas schwankenden Eindruck hinterlassen, als ob der Autor sich weder sicher gewesen ist, was genau er erzählen möchte, welchen Umfang die einzelnen Passagen haben sollten und wie er zwischen einer zu banalen, den Leser langweilenden Fabel einerseits und einer zu komplexen, den Leser überfordernden Fabel andererseits den richtigen Weg zu dem angestrebten tragischen Ende finden kann. Besonders der Eindruck der Unsicherheit, was die Länge der jeweiligen Passage betrifft, wird verstärkt durch immer wieder vom Erzähler eingeflochtene Bemerkungen wie „der Leser mag dieses Gespräch endlos finden“, „vielleicht hat der Leser diese Verfahrensfragen satt“, „es würde zu lange dauern“ oder noch ganz am Schluss: „Hier bitten wir um die Erlaubnis, ohne ein weiteres Wort eine Spanne von drei Jahren zu überspringen.“

Während einerseits die Schwierigkeit der politischen Intrigen in breiten Gesprächen vorgeführt wird, die die Handlung immer nur um ein Weniges weiterführen, werden andererseits ganze Entwicklungspassagen mit einem Satz übersprungen. Bei der ersten Festungshaft Fabrizios, die mehr als drei Monate umfasst, kommt die Erzählung über Seiten hinweg nahezu vollständig zum Stillstand, da Stendhal die Fluchtvorbereitungen nur en passant, dafür aber den verbotenen Flirt zwischen Clelia und Fabrizio in unnötiger Breite behandelt. Die zweite Festungshaft Fabrizios wiederum wird ausschließlich erfunden, um in einer hoch dramatischen Szene Clelias Liebe zu Fabrizio unter Beweis stellen zu können. Auch dies hätte sich anders und mit weniger dramatischem Aufwand lösen lassen.

Überhaupt stellt sich dem Leser, der sich nicht von dem ungerechten Schicksal Fabrizios mitreißen lässt, die Frage, was dieser zweiten Teil eigentlich erzählen soll: Der Protagonist durchläuft keine weiterführende Entwicklung mehr – er wird nur zunehmend depressiver –, der reaktionäre politische Zustand Parmas ließe sich auch deutlich konziser darstellen, und falls der zweite Teil mehr als nur eine Abenteuerscharteke à la Dumas (mir ist der Anachronismus, der in dieser Charakterisierung steckt, durchaus bewusst) auf hohem Niveau mit tragischen Ausgang darstellen soll, sind die Windungen und Wendungen der Fabel unnötig kompliziert. Nimmt man zu diesem Befund nun noch hinzu, dass Stendhal den Roman in weniger als zwei Monaten niedergeschrieben bzw. diktiert hat und zudem durch seinen Verleger immer wieder gedrängt wurde, den Roman kurz zu halten, da dieser keine drei oder gar vier Bände produzieren wollte (ein Potenzial, das Balzac in dem Stoff des Romans augenblicklich erkannt hat), wird das Bild der formalen Vagheit des Buches komplett.

Stendhal hat am Ende seines zu kurzen Lebens an einer Überarbeitung des Romans gearbeitet; leider sind hiervon nur Bruchstücke erhalten, die in dem auch diesmal umfangreichen und hervorragenden Anhang zum Roman dokumentiert sind. In diesem Fall wäre es wirklich einmal interessant gewesen zu sehen, wie der Autor besonders den zweiten Teil bei einem zweiten, reflektierteren und langsameren Durchgang gestaltet hätte.

Eine insgesamt sowohl formal als auch inhaltlich interessante Lektüre. Bei der Übersetzung habe ich diesmal auf die Zuverlässigkeit Elisabeth Edls vertraut und mir nicht die Mühe gemacht, einzelne Passagen zu prüfen, weil einerseits auch sonst genug im Text los war und mir andererseits auch keine Stellen aufgefallen sind, die mich an den übersetzerischen Entscheidungen hätten zweifeln lassen.

Stendhal: Die Kartause von Parma. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 32008. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 998 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

William Beckford: Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten

Dieses Buch hat eine recht merkwürdige Entstehungs- und Publikationsgeschichte: Beckford wurde 1780 im Alter von 20 Jahren von seiner Familie auf die unter Adeligen und reichen Bürgern nicht unübliche Grand Tour geschickt, bei der die jungen Männer Europa kennenlernen, sich eine gewisse Weltläufigkeit und eventuell auch eine sexuelle Vorschule für ihr späteres Eheleben aneignen sollten. Beckford füllte auf der Reise eine Reihe von Notizbüchern, auf deren Grundlage er dann eine Art Gedächtnisprotokoll in Form von Briefen an einen fiktiven Freund, einen Maler entwarf. Das Buch wurde 1783 abgeschlossen und gedruckt, dann aber auf Druck der Familie zurückgezogen und eingestampft; 5 von 500 Exemplaren haben überlebt. Beckford hat das Material dann in seinem sehr viel kon­ven­tio­nel­le­ren Reisebuch Italy, with sketches from Spain and Portugal (1834) verwendet. Die ursprüngliche Fassung wurde erst 1891 im Umfeld der Wiederentdeckung von Beckfords Vathek publiziert. Nun liegt die erste deutsche Übersetzung des Buches vor.

Beckford erweist sich auch hier als ein durchweg origineller Kopf. Im Text zeigt er sich als einen klassisch breit gebildeten Autor, der in der Hauptsache an Malerei interessiert ist und das für seine reisenden Zeitgenossen übliche Abklappern der anerkannten Sehenswürdigkeiten eher für Zeitverschwendung hält. Reizvoll ist die Lektüre besonders im Vergleich mit anderen Reiseberichten der Zeit (Smollett, Sterne (der vom Verlag auf dem Pappschuber zum Buch unternommene Versuch, Beckfords Buch mit dem Sternes in Verbindung zu bringen, ist natürlich Unfug), Goethes Vater, Herder, Goethe, Goethes Sohn etc. pp.), wobei Beckford durchaus eine sehr bestimmte und eigenständige Stimme liefert.

Eine recht vergnügliche Lektüre, wenn man keine konventionelle Reiseliteratur erwartet. Zu empfehlen ist, das Buch in eher kleinen Portionen zu sich zu nehmen, um nicht die Geduld mit dem sprunghaften und selbstverliebten Erzähler zu verlieren.

William Beckford: Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten in einer Reihe von Briefen aus verschiedenen Gegenden Europas. Aus dem Englischen von Wolfram Benda. Berlin: Aufbau, 2022. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 351 Seiten. 44,– €.

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise

Ja, ich kann sagen, dass ich die höchste Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen habe und nun wenigstens einen äußersten Punkt kenne, nach welchem ich das Thermometer meiner Existenz künftig abmessen kann.

Nach zehn Jahren in Weimarischen Diensten schleicht sich der Minister Dr. von Goethe am 3. September 1786 von Karlsbad aus fort und reist endlich dorthin, wohin er schon 1775, vor seinem kurzen Abstecher nach Weimar, unterwegs gewesen war: nach Italien. Dies sollte sich als wichtigste Epoche seines Lebens erweisen, als die Zeit, in der er sich endgültig für ein Leben als Schriftsteller und Künstler entschied. Seine Rückkehr nach Weimar war – aus emotionalen wie aus ökomischen Gründen – unausweichlich, doch hatte er in Rom die Form der Existenz gefunden, die seinen Talenten und seine Bedürfnissen angemessen war.

Täglich wird mir’s deutlicher, dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und dass ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf, dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ.

In Rom erst ist Goethe zu dem Goethe geworden, der in den nächsten zumindest 100 Jahren zu einer kultischen Figur der deutschen Kultur werden sollte. Er konnte von Glück sagen, dass der Weimarer Herzog Karl August ihm in echter Freundschaft verbunden war und die Verschiebung des Lebensschwerpunktes Goethes vom Staatsbeamten zum Künstler nicht nur akzeptiert, sondern in den folgenden Monaten und Jahren auch tatkräftig ermöglicht hat.

Die Italienische Reise ist von Goethe als der zweite Teil seiner Autobiographie begriffen und gearbeitet worden. Der vorliegende Text stellte eine – durchaus uneinheitliche – Bearbeitung von Tagebüchern, Briefen und anderen Texten dar, die während der Reise entstanden waren. Nachdem er im Sommer 1813 die Arbeit an Dichtung und Wahrheit vorläufig abgebrochen hatte (der dritte Band erschien 1814, der vierte erst 1833 postum), wendet er sich dem Material zu, das seine erste Reise nach Italien dokumentiert. Es setzt nun – mit langen Unterbrechungen – über mehr als drei Jahre hinweg eine Auswahl und Überarbeitung dieser Aufzeichnungen und Briefe ein, die 1816 und 1817 zur Veröffentlichung der ersten beiden Bände führen. Erst 1829 wird Goethe dann den geplanten Abschlussband Zweiter Römischer Aufenthalt fertigstellen, der sich in Aufbau und Sprache deutlich von den beiden vorangegangen Teilen unterscheidet. Erst mit dem Erscheinen des dritten Bandes wählt Goethe für alle drei Teile den Titel Italienische Reise, wohl als Versuch, die innere Zusammengehörigkeit der sonst recht disparaten Texte zu betonen.

Ich bin im Dante-Jahr eher zufällig wieder einmal in die Italienische Reise hineingestolpert auf der Suche nach einer vage erinnerten Stelle, an der Goethe mit einem italienischen Dante-Enthusiasten aneinandergerät, der Nicht-Italienern schlicht jede Möglichkeit abspricht, die Commedia verstehen zu können. Die Lektüre von nur wenigen Seiten hat mir ein so überraschendes Vergnügen bereitet, dass ich das Buch zum ersten Mal komplett und in einem Zug gelesen habe. Besonders der erste Teil, der ganz nah am unmittelbaren Erleben geschrieben zu sein scheint, ist in einer so beweglichen und ansprechenden Prosa geschrieben, wie sie sich andernorts bei Goethe nur selten findet. Besonders meine letzten Lektüren seiner späteren Romane (Wahlverwandtschaften, Lehrjahre und Wanderjahre) hatten mich höchst unzufrieden mit der trockenen und weltarmen Prosa Goethes zurückgelassen. In der Italienischen Reise nun findet sich ein komplett anderer Ton und eine Welthaltigkeit, mit der ich bei ihm nicht mehr gerechnet hatte.

Natürlich fällt der späte, dritte Teil in dieser Hinsicht ab: Die Aufteilung des Textes in Wiedergabe von Korrespondenz und Bericht unter zusätzlicher Einschiebung essayistischer Teile (einer sogar aus der Feder von Karl Philipp Moritz), von denen der Leser nicht so ganz sicher ist, warum er das gerade hier lesen soll, macht den Text deutlich steifer und weniger lebendig; auch der Versuch der Einflechtung einer Liebesgeschichte hilft dem nicht auf.

Wer sehen will, was Goethe als Prosaautor konnte und vielleicht auch als Roman-Autor hätte können können (auf einen berechtigten Zuruf hin sei der Werther von diesem Urteil ausdrücklich ausgenommen), dem seien besonders die ersten beiden Teile der Italienischen Reise zur Lektüre anempfohlen. Eine – für mich wenigstens – überraschende Wiederentdeckung im Ozean der Goetheschen Schriften.

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Kindle-Ausgabe. Stuttgart: Reclam, 2020. 605 Seiten (Druckausgabe). 9,99 €.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Asterix in Italien

obs/Egmont Ehapa Media GmbH„Naja, so lala“, hätte mein Vater gesagt. Der neue Asterix gehört zu den akzeptablen Stücken; dass er derzeit über den grünen Klee gelobt wird, liegt wohl daran, dass sich die Rezensenten nicht mehr an die wirklich guten Asterix-Abenteuer erinnern können.

Die Fabel ist ebenso dünn wie rasch erzählt: Ein korrupter römischer Politiker, der für den Straßenbau in Italien zuständig ist, erfindet ein internationales Auto Wagenrennen, um vom schlechten Zustand der Straßen abzulenken. Wie das funktionieren soll, bleibt unklar. Cäsar besteht darauf, dass ein römischer Wagen gewinnen muss, koste es, was es wolle. In Obelix erwacht durch eine Reihe schicksalhafter Zufälle der Wille, Wagenlenker zu werden. Die Gallier fahren beim Rennen durch Italien mit. Wer gewinnt, verrate ich nicht!

Insgesamt ist der Band ein zweiter Aufguss aus Tour de France mit dem Internationalismus aus Obelix auf Kreuzfahrt aufgekocht und mit einigen übrig gebliebenen Tourismus-Witzen aus Asterix in Spanien abgeschmeckt. Was den Lesern auffallen darf, ist, dass es sich bei Italien wie bei allen europäischen Staaten um einen Vielvölkerstaat handelt, dessen einzelne Völker ihre nationale Eigenständigkeit zwar aufgegeben, ihre Identität aber nicht vergessen haben. Sollte das ankommen, wäre es einen mittelmäßigen Asterix wert. „Wir heißen Euch hoffen“.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Asterix in Italien. Asterix Bd. 37. Berlin: Egmont Ehapa, 2017. Bedruckter Pappband, 47 Seiten (28,8 × 22,4 cm). 12,– €.

 

Ian Kershaw: Wendepunkte

978-3-570-55120-2 Man kommt kaum umhin, diese Studie zu den Kriegsjahren 1940 und 1941 als brillant zu bezeichnen. Kershaw, der durch seine umfangreiche Hitler-Biografie bekannt geworden ist, zeichnet ein umfassendes Bild dieser Jahre, indem er in zehn Kapiteln jeweils eine zentrale Entscheidung einer der Kriegsparteien in den Mittelpunkt stellt und zu jeder dieser Entscheidungen die personellen, strukturellen, historischen, ideologischen, politischen und individuellen Bedingungen darstellt, die zu ihr geführt haben. Besonders beeindruckt hat mich die Darstellung der Lage Japans, für die zum einen der Prozess dokumentiert wird, in dem sich Japan für den Weg in den Krieg entscheidet, zum anderen jener, der zum Angriff auf Pearl Harbor führte.

Will man unbedingt Schwächen des Buches finden, so bieten sich meiner Meinung nach höchstens zwei Punkte an: Einerseits wird die Lage in Nordafrika immer nur am Rande behandelt, zum anderen neigt Kershaw ein wenig dazu, Person und Entscheidungen Roosevelts im günstigsten Licht zu zeigen. Eine gewisse Redundanz der Darstellung, die es erlaubt, die einzelnen Kapitel auch unabhängig von den anderen zu lesen, kann dem Buch nicht als Mangel angelastet werden.

Eine der besten Gesamtdarstellungen der Weltlage in den frühen Kriegjahren, die ich kenne.

Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. München: Pantheon, 2010. Broschiert, 735 Seiten. 18,99 €.