Else Lasker-Schüler: Die kreisende Weltfabrik

kreisende-weltfabrikElse Lasker-Schüler ist in meiner Lektürehistorie eine regelmäßig wieder auftauchende Verbindungsperson zwischen den unterschiedlichsten Bereichen: Die Freundschaften mit Gottfried Benn und Karl Kraus zeichnen sie ebenso aus wie die mit Franz Marc und nicht zuletzt ihr verwandtschaftliches Verhältnis zum Schachweltmeister Emanuel Lasker, dessen Schwägerin sie war. Entgegen all diesen Anknüpfungspunkten bin ich über eine oberflächliche Bekanntschaft mit ihrem Werk bislang nie hinaus gekommen, und das nicht, weil mir das wenige, das ich kenne, missfallen hätte – im Gegenteil. Und dennoch blieb sie immer am Rand des Lesegangs.

Allen, denen es ähnlich geht, aber auch allen, die Lasker-Schülers Schriften kennen und schätzen, sei die CD von Claudia Gahrke empfohlen, die eine schöne und sehr gut gesprochene Auswahl von Gedichten, Erzählendem und Briefen präsentiert und so ein bei aller von der Auswahl erzwungenen Kürze erstaunlich vielfältiges Porträt dieser enthusiastischen und kompromisslosen Dichterin und Malerin zeichnet. Natürlich fehlt der paradigmatische »Tibetteppich« ebenso wenig wie »Mein blaues Klavier«, aber fast noch beeindruckender sind die Beispiele der Liebeslyrik Lasker-Schülers: »Ein Liebeslied« oder die von Franz Marc illustrierte »Versöhnung« sind von erstaunlicher Konzentration und Originalität. Und Texte wie zum Beispiel »Der Kartoffelpuffer« zeigen die Autorin von einer zumindest mir bislang gänzlich unbekannten humoristischen Seite.

Erwähnt werden sollte auch noch, dass die CD dankenswerter Weise dem Klischee entgeht, Lasker-Schüler als jüdische Dichterin zu verkaufen. Nicht, dass ihr Judentum, das ihren Lebensweg tief geprägt hat, ignoriert wird, aber man verzichtet auf die so gern mit Lasker-Schülers Texten kombinierte Klezmer-Musik, die die Schriftstellerin selbst wohl nie besonders geschätzt hat. Stattdessen lockern kurze Musikstücke von Jojo Wolter und Herbert Mischke die Präsentation der Texte auf.

Eine rundherum gelungene und empfehlenswerte Produktion.

Else Lasker-Schüler: Die kreisende Weltfabrik. Claudia Gahrke liest Else Lasker-Schüler. Solingen: Valve-Records, 2011. 1 CD. Laufzeit: 1:16 h. Ca. 12,– €.

3 Gedanken zu „Else Lasker-Schüler: Die kreisende Weltfabrik“

  1. lockern kurze Musikstücke […] Texte auf.

    Das ist doch pervers, und deshalb sind solche Literaturveröffentlichung unerträglich und ungenießbar. Warum immer dieser Mischmasch. Während eine Sinfoniekonzerts laufen doch auch keine Nummerngirls vorm Orchster mit Bilder von van Gogh oder Rubens hin und her.

  2. Das ist, mit Verlaub, Unfug! Es wird hier kein geschlossenes Werk präsentiert – es handelt sich also nicht um eine Symphonie –, sondern eine Sammlung von über 20, zum Teil sehr unterschiedlichen, zum Teil sehr dichten Texten, die alle zuerst einmal für sich allein wirken müssen. Auch im Konzert gehen die Musiker zwischen zwei Streichquartetten zumindest kurz von der Bühne und lassen eine Pause eintreten, damit der Zuhörer Gelegenheit hat, sich auf etwas neues einzustellen. Solch gliedernde und Distanz schaffende Pausen stellen auch die kurzen Musikstücke auf dieser CD dar. Daran ist nichts pervers.

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