Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen
Goethe

Hoare-LeviathanEin recht merkwürdiges Buch, von dem gar nicht einfach anzugeben ist, wovon es handelt. Sicherlich: Das meiste, was es enthält, hat mehr oder weniger direkt mit Walen zu tun, aber sein Aufbau ist in weiten Teilen so assoziativ, dass die Kapitelstruktur nur wie übergestülpt erscheint. Manchmal scheint es, als seien die Kapitel jedes für sich und in Unkenntnis der anderen verfasst, dann wieder findet man einen logischen Aufbau, dem man für 30 oder 40 Seiten folgt, bevor dem Autor wieder etwas völlig anderes einfällt. An manchen Stellen liefert das Buch eine hohe Informationsdichte (etwa bei den Zahlen zum Walfang nach dem Zweiten Weltkrieg), an anderen erschöpft es sich in einer eher be­lie­bi­gen Aufzählung von Ereignissen (so etwa bei der Aneinanderreihung von Walstrandungen), dann wird einem englischen Cetologen ein kurzes Denkmal gesetzt und schon geht es wieder zu etwas anderem. Dann folgt völlig unverhofft und unvermittelt eine Passage, in der der Autor vom Sterben seiner Mutter erzählt, was mit gar nichts anderem außer ihm selbst etwas zu tun hat. Hier und da finden sich auch gedanklich eher wirre Passagen wie zum Beispiel diese:

Als man entdeckte, dass die Unterwasserwelt, die alle sich als stumm vorgestellt hatten, von Geräuschen erfüllt war, kam man auf die Idee, dass U-Boote Waltöne aussenden und sich auf diese Weise als Wale tarnen konnten. Ein Jahrhundert zuvor hatten sich Sklavenschiffe als Walfänger getarnt; jetzt bedienten sich Atom-U-Boote eines ähnlichen Tricks. So missbrauchte der Mensch die Mittel der Wale, um in ihre Welt einzudringen, und erzeugte dabei Geräusche, die für sie tödlich waren. (S. 378)

Insgesamt gewinnt man nur bedingt den Eindruck, ein Buch zu lesen, vielmehr ist es, als höre man einem Redefluss zu, der all das an einem vorbeischwemmt, ohne dass hinter dem Ganzen mehr stecken würde als die zufällige Abfolge der Gedanken des Autors.

Das alles soll aber nicht bedeuten, dass ich das Buch ungern gelesen hätte. Nachdem ich mich an seine Unförmigkeit gewöhnt hatte, ging es recht gut, und vieles, was der Autor erzählt ist interessant und manch anderes nimmt man en passant zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Wer sich auf die assoziative Geschwätzigkeit des Autors ein­las­sen kann, findet sich von der Lektüre durchaus belohnt. Das Buch lie­fert ein reichhaltiges Panoptikum zum Thema Wal, Walfang, -strandungen, -forschung, -Watching und -darstellung; es bietet eine Kurzbiographie Herman Melvilles, Reflektionen über „Moby-Dick“ in Wort und Bild, Gedanken über Sklaverei, einen Bericht vom Tauchen mit Pottwalen vor den Azoren, eine kleine Geschichte der Azoren und nicht zuletzt die Information, was der Urgroßvater des Autors beruflich gemacht hat.

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Hamburg: Mareverlag, 2013. Pappband, Lesebändchen, 522 Seiten. 26,– €.

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