Nikolaus Wachsmann: KL

Die überwiegende Mehrheit der bis zu sechs Millionen Juden, die unter dem NS-Regime ermordet wurden, kam anderswo um, erschossen in Gräben und Feldern irgendwo in Osteuropa oder vergast in besonderen Vernichtungslagern wie Treblinka, die getrennt von den KL operierten.

Nikolaus Wachsmann hat eine zugleich minutiöse und umfassende Geschichte der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Konzentrationslager geschrieben. Er verwendet zur Bezeichnung dieser Lager nicht die heute geläufige Ab­kür­zung KZ, sondern die von der Verwaltung des Mordens benutzte: KL. Seine Darstellung beginnt mit den nach der Machtübernahme durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in allen Teilen Deutschlands unorganisiert und illegal entstandenen Lager, die der Schutzhaft, sprich: der rechtswidrigen, polizeilichen Inhaftierung politischer Gegner dienten, zeigt dann Organisation, Ausbau und Aufbau der Verwaltung der Lager, deren Übergang in die alleinige Verantwortung der SS, die für die Bewachung und den Betrieb der KL einen eigenen Truppenteil – die Totenkopfverbände – begründete, die Kommerzialisierung dieser Ungeheuerlichkeit unter der Führung Heinrich Himmlers und schließlich die unvorstellbare Pervertierung dieser Per­ver­sion nach Ausbruch des Krieges und ihre unbegrenzte Verhöllung, nachdem der Krieg mit der Sowjetunion begonnen hatte.

Ich betrachte mich selbst als einen Leser, der emotional nicht leicht durch die Schilderung von Verbrechen oder gar Morden zu beeindrucken ist. Dieses Buch allerdings hat meine Grenze deutlich überschritten. Es ist eine sich immer wiederholende, sich bei jeder Wiederholung un­glaub­li­cher­wei­se immer noch einmal steigernde Schilderung von Schrecken, von denen wir alle natürlich in einem abstrakten Sinne Kenntnis haben, die aber hier in einer Verdichtung vorgeführt werden, die das Buch für seine Leser nur schwer erträglich macht. Ich will mir nicht realistisch vorstellen, wie es gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Dabei verliert die Dar­stel­lung an keiner Stelle ihre historische Objektivität; wahrscheinlich ist es diese Position, die das Schreiben und Lesen eines solchen Buches überhaupt nur möglich macht.

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Die Objektivität der Darstellung wird nicht dadurch erkauft, dass sich der Autor von den geschilderten Schrecken distanzieren würde oder auch nur könnte; im Gegenteil trägt er dafür Sorge, dass nahezu alle der allgemeinen Schilderungen des unsäglichen Schreckens durch konkrete Einzelschicksale illustriert werden. Nie weicht der Autor aus, nie erlaubt er es dem Leser sich in eine Distanz vom Geschehen zu­rück­zu­ziehen, in der ihn das alles nur so weit angeht, wie für ihn etwa der Einfall der Mongolen in Europa relevant ist. Das Buch ist fürchterlich und notwendig, seine Lektüre für all die eine beinahe – für einige sicherlich auch tatsächlich – unerträgliche Pflicht, die das 20. Jahrhundert verstehen möchten, was der Mensch ist und was aus ihm werden kann und wahrscheinlich auch, was uns noch bevorsteht.

Vermutlich die wichtigste Lektüre in diesem Jahr!

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, 2016. Pappband, 1016 Seiten. 39,99 €.

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