Mark Greengrass: Das verlorene Paradies

Diese Geschichte Europas der frühen Neuzeit (1517–1648) gehört in die Reihe der Penguin Geschichte Europas, aus der hier schon der Band von Ian Kershaw zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besprochen wurde. Es scheint mir interessant, dass man bei Random House offenbar nicht davon überzeugt ist, dass die gesamte Reihe für die eigene Verlagsgruppe attraktiv ist, so dass wir einzelne Bände wohl noch in anderen Verlagen erwarten dürfen. Die Reihe lässt sich aus zwei Bänden natürlich nicht beurteilen, aber der allgemeine Eindruck ist durchaus positiv.

Der Originaltitel des Bandes ist etwas deutlicher als der der Übersetzung: “Christendom Destroyed” macht eines der zentralen Konzepte des Autors sofort deutlich, während der literarischere deutsche Titel suggeriert, beim späten Mittelalter habe es sich um eine Art von Paradies gehandelt, wovon in keiner Weise die Rede sein kann und im Buch auch nicht ist.

Der Autor liefert eine sehr detailorientierte Geschichte der Zeit, die bei sehr konkreten Lebensumständen (Wohnverhältnisse, Siedlungsformen, Lebenserwartung, Familienplanung, Ehe, Erbrecht, Primogenitur, Krieg und Krankheiten, Hungersnöte, Klima, Sonnenflecken, Vulkanausbrüche, Essensgewohnheiten und unklare Todesursachen – alles in dieser Reihenfolge) beginnt und sich langsam zu dem vorarbeitet, was man gemeinhin als große Geschichte von einem Geschichtsüberblick erwartet. Wie schon angedeutet, legt der Autor ein bedeutendes Gewicht auf das religiöse Schisma der Reformation, das er einerseits für mitverantwortlich macht für einen wesentlichen Wandel im Verhältnis zwischen Untertanen und herrschender Klasse. Andererseits sieht er ein, dass nicht alles, was in der frühen Neuzeit nach einem religiösen Konflikt aussieht, tatsächlich religiöse Ursachen hat oder religiöse Ziele verfolgt.

Es lassen sich dem Buch eine Vielzahl interessanter Details entnehmen, wenn auch die Darstellung hier und da seltsame blinde Flecken aufweist: Kein einziger Satz zur Entstehung der King James Bible, obwohl andere Bibelübersetzungen ausführlich besprochen werden, eine einzige flüchtige Erwähnung der Mayflower und was der Kleinigkeiten mehr sind.

Als ganz und gar missraten muss aber die deutsche Übersetzung angesehen werden, die das Buch gänzlich unnötig aufbläht und den eher lakonischen Stil des Autors durch eine besserwisserische Geschwätzigkeit ersetzt:

auswird
“The Ottomans also turned themselves into a naval power.”„Die Osmanen betrieben auch Flottenbau, um Seemacht zu werden.“
“Protestant reformers undermined pilgrimage to the Holy Places.”„Die Reformatoren hielten Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten ohnehin für unwichtig.“
“By 1650, over 180 tons of gold had been exported from the Indies, and 16,000 tons of silver from the New World.”„Bis 1650 waren mehr als 180 Tonnen Gold aus Ostindien und 16.000 Tonnen Silber aus der Neuen Welt nach Europa gelangt.“

Gerade dieser letzte Zusatz aus der Phantasie des Übersetzers ist besonders ärgerlich, da wenige Seiten zuvor ausdrücklich thematisiert wurde, dass ein bedeutender Anteil des Peruanischen Silbers nach China exportiert wurde.

Zum Ausgleich dafür lässt der Übersetzer an anderen Stellen willkürlich Wörter und auch schon einmal ganze Sätze weg, ändert die Reihenfolge der Sätze, die er doch noch die Freundlichkeit besitzt zu übersetzen, und nimmt sich auch sonst all die Freiheiten heraus, die sein Gewerbe früher einmal zu einem der phantasievollsten im holzverarbeitenden Gewerbe machten. Gleichgültig, wo man die Übersetzung aufschlägt, bietet sich einem dasselbe Bild. Kurz gesagt: Die Übersetzung macht das Buch für einen ernsthaft interessierten Leser vollständig unbrauchbar. Mit ist unklar, warum eine Organisation wie die Wissenschaftliche Buchgesellschaft eine solche Katastrophe zum Druck befördert.

In Details durchaus interessant, im Ganzen wenig überraschend, auf Deutsch ungenießbar.

Mark Greengrass: Das verlorene Paradies. Europa 1517–1648. Aus dem Englischen von Michael Haupt. Darmstadt: wbg Theiss, 2018. Pappband, 781 Seiten. 39,95 €.

Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg

Im Vergleich zu dem emsigen Herzog Maximilian von Bayern, war der „Bierjörge“ ein fauler Gesell, der die eine Hälfte seiner Zeit mit Jagen und Saufen verbrachte und die andere mit Saufen und Jagen (zwischen 1611 und 1653 soll der Kurfürst sage und schreibe 113 629 Stück Wild erlegt haben).

Vorausschauend aufs nächste Jahr bringt der Theiss Verlag, mithin die Wissenschaftliche Buchgesellschaft die Übersetzung eines englischen Buches aus dem Jahr 2009 auf den Markt. Wilsons Darstellung des Krieges sowie seiner Vorgeschichte und seinen Nachwirkungen umfasst beinahe 1000 Seiten, mit dem Anhang 1144. Es handelt sich um ein de­tail­lier­tes, eng an den historischen Daten geführtes und weitgehend ideologiefreies Bild der Kriege zwischen 1555 und 1648, ihrer Vorgeschichte, den Zusammenhängen zwischen ihnen und ihrem jeweiligen Einfluss auf das weitere Geschehen.

Allein auf die Vorgeschichte der Serie von Auseinandersetzungen, die wir gemeinhin den Dreißigjährigen Krieg nennen, verwendet Wilson etwa 340 Seiten, auf denen er eine europäische Umschau über die Interessen der einzelnen internationalen Mitspieler (die beiden Zweige Habsburgs, das Heilige Römische Reich, die niederländischen Generalstaaten, Dänemark, Schweden und Polen sowie Frankreich, England, Ungarn und nicht zuletzt die Türkei) hält. Aufgrund dieser Bestandsaufnahme sieht sich Wilson gerechtfertigt, seine Darstellung des Kriegsgeschehens, das mit dem Böhmischen Auf­stand beginnt und dem Westfälischen Frieden endet, wesentlich unter drei Voraussetzungen zu schreiben, die in dieser Kombination nicht von allen anderen Historikern geteilt werden:

  1. Es hilft nicht, den Krieg sowohl in seinem Anfang als auch in seinem Verlauf auf einen oder wenige Ursachen zu reduzieren. Stattdessen muss versucht werden, der außerordentlichen Komplexität des Geschehens gerecht zu werden.
  2. Der Dreißigjährige Krieg war nicht in erster Linie ein Religionskrieg:

Der Dreißigjährige Krieg war nur insofern ein Religionskrieg, als der Glaube in der frühen Neuzeit das leitende Prinzip in allen Bereichen öffentlichen oder privaten Handelns lieferte. Um den tatsächlichen Zusammenhang zwischen dem militärischen Konflikt und den theo­lo­gi­schen Streitigkeiten innerhalb des Christentums zu verstehen, müssen wir zwischen militanten und gemäßigten Gläubigen unterscheiden.

  1. Der Dreißigjährige Krieg war nicht unvermeidlich.

Entlang dieser Grundthesen entwickelt Wilson dann auf über 500 Seiten ein Panorama des Krieges, das an Faktenreichtum seines gleichen sucht: Niemals ist ein Heer einfach nur ein Heer, sondern immer erfahren wir seine Stärke, seine Zusammensetzung und wer es wann angeworben und wieviel er dafür bezahlt hat bzw. hätte bezahlen müssen. Einfache ö­ko­no­mi­sche Zwänge der Kriegsführung wie etwa die Tatsache, dass man ein Heer bei seiner Auflösung auszahlen muss, weshalb man es lieber in den näch­sten Konflikt entsendet, in der berechtigten Hoffnung, dass sich zahl­rei­che der Soldforderungen im Laufe der Zeit von selbst erledigen werden, werden von Wilson auf derselben Ebene diskutiert wie territoriale, genealogische, hierarchische oder religiöse Ziele der handelnden Parteien.

Doch Wilsons Darstellung ist nicht nur minutiös, sie ist auch weitgehend frei von übergeordneten ideologischen Konzepten, die versuchen, den Krieg in einen großen Zusammenhang einzubinden, in dem das immer mehr oder weniger zufällige Nacheinander sich zu einem sinnfälligen Prozess gestaltet. Dies geht soweit, dass Leser sich eventuell zuerst andernorts einen Überblick über den Kriegsverlauf im Großen verschaffen sollten, bevor sie versuchen, Wilson zu folgen. Wilsons Erzählung ist oft dem konkreten Geschehen so nah, dass der Leser sich in die Perspektive des Zeitgenossen versetzt fühlt, der den Abläufen nur mehr beobachtend, nicht verstehend folgen kann. Nach einer ebenso exakten wie um­fas­sen­den Darstellung des Krieges und Friedensschlusses klingt das Buch mit 100 Seiten über seine Nachwirkungen aus: Politische, ökonomische, demographische, soziale und kulturelle Folgen werden thematisiert.

Ich muss unmittelbar nach der Lektüre zugeben, dass es mir schwerfällt, einen kritischen Standpunkt gegenüber Wilsons überwältigender Kriegs­ge­schich­te zu entwickeln. Beinahe war ich erleichtert darüber, dass jedes einzelne Urteil Wilsons (so sehr viele sind es nicht) über Friedrich Schiller und dessen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Dreißigjährigen Krieg mit Fehlern behaftet ist – was für eine Erleichterung!

Ein sehr gründliches und überzeugendes Geschichtsbuch. Es stellt wahr­schein­lich für die meisten Leser eine Zumutung dar, da es das historische Geschehen nicht in einer einzigen überlegenen und sou­ve­ränen Ein­ord­nung handhabbar und verständlich macht, sondern es als einen le­ben­di­gen, sich aus sich selbst fortzeugenden Prozess behandelt, der nur aus seinen direkten und immer konkreten Voraussetzungen heraus ver­ständ­lich wird. Wahrscheinlich sollte alle Geschichte so oder so ähnlich ge­schrie­ben werden; durchsetzen wird es sich nicht, allein schon wegen der Mühsal, die der Autor damit gehabt haben muss, sich die Grund­la­gen für eine solche Erzählung zu erarbeiten. Ein Buch für alle, die sich entweder für die komplexe und faszinierende Welt des 17. Jahrhunderts oder für historisches Erzählen überhaupt interessieren.

Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie. Aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt. Stuttgart: Theiss, 2017. Pappband, Lesebändchen, 1144 Seiten. 49,95 €.