Aus meinem Poesiealbum (IX)

»Man gewöhnt sich quasi daran«, wiederholte er. »Fünfzig Prozent der Tröstungen der Philosophie in fünf Wörtern. Und die restlichen fünfzig Prozent lassen sich in acht ausdrücken: Bruder, wenn du tot bist, bist du tot. Oder wer es vorzieht, kann neun daraus machen: Bruder, wenn du tot bist, bist du nicht tot!«

Aldous Huxley
Das Genie und die Göttin

Aus meinem Poesiealbum (VIII)

»Verrätst du mich aber«, sagte Neary, »so wirst du den Weg Hippasos’ gehen.«
»Des Akusmatischen, nehme ich an«, sagte Wylie. »Seine Strafe fällt mir gerade nicht ein.«
»In einem Pfuhl ertränkt«, sagte Neary, »weil er ausgeschwatzt hatte, daß Seite und Diagonale inkommensurabel sind.«
»So gehen alle Schwätzer zugrunde«, sagte Wylie.

Samuel Beckett
Murphy

Aus meinem Poesiealbum (VII)

Die Philosophie ist ihrer Natur nach etwas Esoterisches, für sich weder für den Pöbel gemacht noch einer Zubereitung für den Pöbel fähig; sie ist nur dadurch Philosophie, daß sie dem Verstande und damit noch mehr dem gesunden Menschenverstande, worunter man die lokale und temporäre Beschränktheit eines Geschlechts der Menschen versteht, gerade entgegengesetzt ist; im Verhältnis zu diesem ist an und für sich die Welt der Philosophie eine verkehrte Welt.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt …

Aus meinem Poesiealbum (VI)

Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftiger Weise fragen solle. Denn, wenn die Frage an sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andre ein Sieb unterhält.

Immanuel Kant
Kritik der reinen Vernunft
B 82 f.

Aus meinem Poesiealbum (V)

Weltverbesserung

»Zu ungleich ist’s in dieser Welt,
Das Kleine muß vom Großen leiden –
Wie wäre alles wohlbestellt,
Wenn Gleichheit herrschte zwischen beiden!«

So klingt das Klagelied der Tadler,
Sie finden alles schlecht umher,
Die winzige Mücke schmäht den Adler,
Weil sie nicht fliegen kann wie er.
Der Riese soll wie Zwerge klein,
Der Zwerg so groß wie Riesen sein.

Verbessern wir der Schöpfung Fehler:
Hinfort soll Gleichheit sein auf Erden,
Die Berge sollen tief wie Täler,
Die Täler hoch wie Berge werden.

Was groß ist, soll sich nun verkleinern,
Besonders sich verallgemeinern,
Die Klugheit soll der Dummheit weichen,
Der Diamant dem Kiesel gleichen,

Und wenn das alles ist geschehn,
Ruft mich – das Wunder möcht’ ich sehn!

Friedrich von Bodenstedt

Aus meinem Poesiealbum (I)

Die Trompeten der Apokalypse ertönen seit einigen Jahren vor unseren Toren, und wir verstopfen uns die Ohren. Diese neue Apokalypse galoppiert, wie die alte, in Gestalt von vier Reitern heran, die Überbevölkerung – als erstem, als dem Anführer, der das schwarze Banner schwenkt –, der Wissenschaft, der Technik und der Medien. All die anderen Übel, die über uns hereinbrechen, sind nur deren Folgen. Die Medien rechne ich ohne Zögern zu den apokalyptischen Reitern.

Luis Buñuel