Bloomsday 2022

Mutterschoß? Müde?
Er ruht. Er ist gereist.

Mit?
Sindbad dem Seefahrer und Tindbad dem Teefahrer und Findbad dem Feefahrer und Rindbad dem Rehfahrer und Windbad dem Wehfahrer und Klindbad dem Kleefahrer und Flindbad dem Flehfahrer und Drindbad dem Drehfahrer und Schnindbad dem Schneefahrer und Gindbad dem Gehfahrer und Stindbad dem Stehfahrer und Zindbad dem Zehfahrer und Xindbad dem Ehfahrer und Yindbad dem Sehfahrer und Blindbad dem Phthefahrer.

Wann?
Es begab sich zu finsterem Bette ein vierschrötig rundes Sinnbad des Sehfragers Rock Alkes Ei in der Nacht des Bettes der Alke aller der Rocke von Finstbatt dem Helltagler.

Wohin?

James Joyce
Ulysses

Welttag des Buches – Verhältnis zum Publikum

Noch ein viel Mehrers wäre über das Verhältnis des Schriftstellers zum Publikum zu reden. Jede Gattung der Skribenten schreibt für ihre Gattung Leser, die sie ihr Publikum, ihre Welt nennen. Aus fröhlichen oder traurigen Erfahrungen, welche Schriften am meisten gelesen werden, kann man also auf den Geschmack, auf das Maß der Bildung des Publikums schließen, dem diese Schriften vor andern oder ausschließend wohltun. Die mittelmäßigen, die leichten, üppigen, lüsternen finden natürlich die meisten Leser; viele gerühmte Schriftsteller haben nur durch Zeugnisse anderer ihren Ruhm erlangt und stehn auf guten Glauben, ungelesen, in den Bibliotheken. Das Publikum hallet nur ihre Namen wider. Deshalb aber wird kein guter Kopf, wenn er es nicht des Bauchs wegen tun muß, sich unwürdig, (wie man sagt,) zum Publikum herabstimmen oder seinem lüsternen, falschen Geschmack frönen. Der Schriftsteller soll das Publikum, nicht dies den Schriftsteller bilden. Delila schnitt Simson das Haar ab, und übergab ihn kraftlos den Philistern; sie verspotteten ihn, und er mußte vor ihnen spielen.

Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität.

Allen Lesern ins Stammbuch (151)

Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und unlustig, nicht den Mut verspürt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte besser, zu graben oder zu pflügen, als so mit unnützem Lesen müßig zu gehn.

Joseph von Eichendorff
Ahnung und Gegenwart

100 Jahre Ulysses

Gob, the devil wouldn’t stop him till he got hold of the bloody tin anyhow and out with him and little Alf hanging on to his elbow and he shouting like a stuck pig, as good as any bloody play in the Queen’s royal theatre:
—Where is he till I murder him?
And Ned and J. J. paralysed with the laughing.
—Bloody wars, says I, I’ll be in for the last gospel.
But as luck would have it the jarvey got the nag’s head round the other way and off with him.
—Hold on, citizen, says Joe. Stop!
Begob he drew his hand and made a swipe and let fly. Mercy of God the sun was in his eyes or he’d have left him for dead. Gob, he near sent it into the county Longford. The bloody nag took fright and the old mongrel after the car like bloody hell and all the populace shouting and laughing and the old tinbox clattering along the street.
The catastrophe was terrific and instantaneous in its effect. The observatory of Dunsink registered in all eleven shocks, all of the fifth grade of Mercalli’s scale, and there is no record extant of a similar seismic disturbance in our island since the earthquake of 1534, the year of the rebellion of Silken Thomas. The epicentre appears to have been that part of the metropolis which constitutes the Inn’s Quay ward and parish of Saint Michan covering a surface of fortyone acres, two roods and one square pole or perch. All the lordly residences in the vicinity of the palace of justice were demolished and that noble edifice itself, in which at the time of the catastrophe important legal debates were in progress, is literally a mass of ruins beneath which it is to be feared all the occupants have been buried alive. From the reports of eyewitnesses it transpires that the seismic waves were accompanied by a violent atmospheric perturbation of cyclonic character. An article of headgear since ascertained to belong to the much respected clerk of the crown and peace Mr George Fottrell and a silk umbrella with gold handle with the engraved initials, crest, coat of arms and house number of the erudite and worshipful chairman of quarter sessions sir Frederick Falkiner, recorder of Dublin, have been discovered by search parties in remote parts of the island respectively, the former on the third basaltic ridge of the giant’s causeway, the latter embedded to the extent of one foot three inches in the sandy beach of Holeopen bay near the old head of Kinsale. Other eyewitnesses depose that they observed an incandescent object of enormous proportions hurtling through the atmosphere at a terrifying velocity in a trajectory directed southwest by west. Messages of condolence and sympathy are being hourly received from all parts of the different continents and the sovereign pontiff has been graciously pleased to decree that a special missa pro defunctis shall be celebrated simultaneously by the ordinaries of each and every cathedral church of all the episcopal dioceses subject to the spiritual authority of the Holy See in suffrage of the souls of those faithful departed who have been so unexpectedly called away from our midst. The work of salvage, removal of débris, human remains etc has been entrusted to Messrs Michael Meade and Son, 159 Great Brunswick street, and Messrs T. and C. Martin, 77, 78, 79 and 80 North Wall, assisted by the men and officers of the Duke of Cornwall’s light infantry under the general supervision of H. R. H., rear admiral, the right honourable sir Hercules Hannibal Habeas Corpus Anderson, K. G., K. P., K. T., P. C., K. C. B., M. P., J. P., M. B., D. S. O., S. O. D., M. F. H., M. R. I. A., B. L., Mus. Doc., P. L. G., F. T. C. D., F. R. U. I., F. R. C. P. I. and F. R. C. S. I.

Allen Lesern ins Stammbuch (149)

Wie anders aber ist das Los und wie verschieden das Schicksal des Schriftstellers, der so tollkühn ist, all das ans Licht zu holen, was uns jeden Augenblick vor Augen steht und was die gleichgültigen Augen nicht sehen wollen, diesen ganzen schrecklichen, erschütternden Alltagssumpf, der unser Leben auffrisst, die ganze Unergründlichkeit der kalten, zerrissenen alltäglichen Charaktere, von denen unser irdischer, mitunter bitterer und langweilig-beschwerlicher Lebensweg wimmelt, und der so tollkühn ist, sie aller Welt mit der ganzen Kraft seines unerbittlichen Meißels plastisch und klar vor Augen zu führen! Keinen Beifall wird er von der Menge ernten und weder dankbare Tränen sehen noch das einmütige Entzücken der von ihm aufgewühlten Seelen; kein sechzehnjähriges Mägdelein wird ihm mit verwirrten Sinnen und heroischer Begeisterung entgegenfliegen; kein Vergessen wird er finden im süßen Zauber der von ihm hervorgelockten Töne; und er wird schließlich auch dem Urteil unserer Zeit nicht entkommen, dem heuchlerisch-fühllosen Urteil unserer Zeit, das die von ihm umhegten Geschöpfe für null und nichtig erklärt, ihm einen schändlichen Winkel in der Reihe jener Schriftsteller zuweist, die die Menschheit schmähen und ihm die Eigenschaften der von ihm erschaffenen Helden andichtet und ihm Herz und Seele und die göttliche Flamme des Talents abspricht.

dtv 14263, S. 198.

Nikolai Gogol
Tote Seelen

Allen Lesern ins Stammbuch (148)

Der […] Leser hat das Buch für baares Geld gekauft und fragt, was ihn schadlos hält? – Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viele andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.

WWuV I. Zürich: Haffmans, 1988. S. 13.

Arthur Schopenhauer
Die Welt als Wille und Vorstellung

Allen Lesern ins Stammbuch (147)

Betrachtet man die Mehrzahl der beklagenswerthen Köpfe, welche heut zu Tage die belletristischen Recensenten spielen, und sie bloß deshalb spielen können, weil das Drucken eben so leicht geworden ist, als in einer Thee-Versammlung den Mund aufzuthun und zu schwatzen, so begreift es sich, wie diese Leute, wo sie eine Autorität sehen, derselben durch Dick und Dünn nachfolgen, wie die Esel einem vorgehaltenen Bündel von Disteln. […] Großentheils bestehen die ästhetischen Recensenten, Referenten, die romantischen Erzähler, die Dichterlinge, aus überspannten Menschen, welche dadurch zu ihren Kritiken und Productionen gelangt sind, daß sie in der Jugend echte Bildung versäumten, lieber Romane lasen als Kunst und Wissenschaft studirten, und daß sie jetzt, wo sie nirgends nütz und einheimisch sind, sorgen müssen, durch armseelige Productionen ihr bischen Brod zu verdienen. Wären unter diesem Volke nur noch Genie oder Gedanken, die Geist verriethen, man verziehe ihm die albernen und leider so oft lügenhaften Faseleien. Das Gesindel hätte denn doch den Geschmack ausbilden sollen, weil Jeder, der nicht ganz bornirt ist, das kann. Dieses geht bei einigem Fleiße. Aber man lese, man spreche die Leute, – (Gott behüte mich davor, ich habe Beispiele,) schwerlich 12 unter ihnen, die nicht nach alter Weise frech über Homer, Sophokles, Dante, Shakspeare, Schiller, Goethe ableierten, ohne die Schriftsteller selbst zu kennen, – schwerlich 6 belletristische Blätter in denen nicht jedesmal auf der 3ten Seite ein grober Schnitzer gegen Kunst oder Wissen enthalten wäre. Ein Journal über die Journale, welches deren Fehler aufzeichnete, würde dicker als manches der besten derselben. Bloß Journalliteratur ist die Wissenschaft der meisten Journalcorrespondenten, – der Leser hat in der Regel etwas Ernsthafteres zu thun, als weitläuftig ihren Fehlern und Lügen nachzuspüren, – er nimmt ihre Aussagen als ein Amusement auf Glauben an. Ein schlechtes Amusement verdirbt aber zuletzt den Geist auch.

HKA IV, S. 106 f.

Christian Dietrich Grabbe
Etwas über den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

Allen Lesern ins Stammbuch (146)

Die Guten lassen leider fast überall eine Sitte durchgehen, die eine saubere Buchkritik auf das schärfste kompromittiert. Es ist da ein Lobgehudel ausgebrochen, das jede Empfehlung wertlos macht: es gibt keinen Verlag mehr, der nicht für jedes seiner Bücher ein Zeugnis vorweisen kann, wie es Dante, Balzac, Strindberg, Tolstoi und Dostojewski zusammen nicht bekommen haben. Das ist leicht erklärlich: es gehört nämlich gar nichts dazu, leere Ballons aufzupusten – und nichts wiegt leichter als diese kleinen Lobeshaufen, die man an jeder Straßenecke zusammenfegen kann. Da schreibt jeder über jedes, da wissen alle alles – Aber es ist doch eine Lüge und ein Schwindel, wenn jede neue Verlagsentdeckung (»In Amerika 80000000000000 Exemplare verkauft«) vier, zehn, hundertundzehn Literaten findet, die nur darauf gewartet haben, dergleichen hochzuloben. Diese Snobs, die einen neuen Modeschriftsteller wie eine Krawatte tragen, sollte man nach Hause jagen – bald wird das Publikum auf kein Lob mehr hören und nichts mehr glauben, wenn man es so anlügt.

Gesammelte Werke, Bd. 6 (1928), S. 57.

Kurt Tucholsky
Auf dem Nachttisch

Allen Lesern ins Stammbuch (145)

Meine Unmöglichen.Seneca: oder der Toreador der Tugend. – Rousseau: oder die Rückkehr zur Natur in impuris naturalibus.Schiller: oder der Moral-Trompeter von Säckingen. – Dante: oder die Hyäne, die in Gräbern dichtet.Kant: oder cant als intelligibler Charakter. – Victor Hugo: oder der Pharus am Meere des Unsinns. – Liszt: oder die Schule der Geläufigkeit – nach Weibern. – Georg! Sand: oder lactea ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit »schönem Stil«. – Michelet: oder die Begeisterung, die den Rock auszieht. – Carlyle: oder Pessimismus als zurückgetretenes Mittagessen. – John Stewart Mill: oder die beleidigende Klarheit. – Les frères de Goncourt: oder die beiden Ajaxe im Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. – Zola: oder »die Freude zu stinken«. –

Friedrich Nietzsche
Götzen-Dämmerung