Allen Lesern ins Stammbuch (138)

Es gibt viele solche Menschen, man kann es kaum fassen, was für Menschen; große und kleine, dumme und gelehrte, sogar Menschen aus dem einfachen Stand – und alle sind eitel. Dieweil sie lesen und ihr Leben lang deuten, sind sie der süßen Bücherweisheit voll, bleiben aber selbst in Zweifel und Unvermögen, etwas zu entscheiden. Manch einer zerstreut sich selber bis auf den letzten Rest und kann auf sich selbst nicht mehr achtgeben. Ein anderer wird härter als Stein, und in seinem Herzen gären die Träume; noch ein anderer ist gefühllos und leichtfertig und kennt nichts Besseres als Spotten und Lachen. Manch einer las aus den Büchern nur die Blümchen heraus, und auch die nur nach eigenem Dafürhalten; selbst aber ist er eitel geblieben und bringt keinen Entschluß zustande. Und was ich noch sagen will: Die Langeweile nimmt kein Ende.

Fjodor M. Dostojewskij
Ein grüner Junge

Allen Lesern ins Stammbuch (137)

Nirgends kann man den Grad der Cultur einer Stadt u überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller u doch zugleich richtiger kennen lernen, als – in den Lesebibliotheken.
Höre was ich darin fand, u ich werde Dir ferner nichts mehr über den Ton von Wirzburg zu sagen brauchen.
»Wir wünschen ein paar gute Bücher zu haben« – Hier steht die Sammlung zu Befehl – »Etwa von Wieland« – Ich zweifle fast – »Oder von Schiller, Göthe« – Die mögten hier schwerlich zu finden sein – »Wie? Sind alle diese Bücher vergriffen? Wird hier so stark gelesen?« – Das eben nicht – »Wer liest denn hier eigentlich am meisten?« – Juristen, Kaufleute und verheirathete Damen. – »Und die unverheiratheten?« – Sie dürfen keine fordern. – »Und die Studenten?« – Wir haben Befehl ihnen keine zu geben. – »Aber sagen Sie uns, wenn so wenig gelesen wird, wo in aller Welt sind denn die Schriften Wielands, Göthes, Schillers?« – Halten zu Gnaden, diese Schriften werden hier gar nicht gelesen. – »Also Sie haben sie gar nicht in der Bibliothek?« – Wir dürfen nicht. – »Was stehn denn also eigentlich für Bücher hier an diesen Wänden?« – Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben. – »So, so.« – –

Heinrich von Kleist
an Wilhelmine Zenge
Würzburg, 14. September 1800

Aus meinem Poesiealbum (XXV) – Sex im Alter

Ich will dir, Sokrates, versetzte er, bei Gott sagen, wie es mir vorkommt. Oftmals kommen unser mehrere zusammen, die in gleichem Alter stehen, das alte Sprichwort in Ehren haltend. Bei diesen Zusammenkünften nun jammern die meisten von uns, indem sie sich nach den Freuden der Jugend sehnen und der Liebesgenüsse gedenken und der Trinkgelage und Schmause und was es sonst noch ähnliches gibt, und sind verdrießlich, weil sie etwas Großes verloren und damals ein glückliches Leben geführt haben, jetzt aber eigentlich gar keines. Einige beklagen auch die Misshandlungen des Alters durch die Angehörigen und stimmen deshalb über das Alter ein Lied an, was es ihnen alles für Unglück bringe. Mir scheint aber, Sokrates, als würden diese nicht den wahren Schuldigen beschuldigen, denn wäre das Alter schuldig, so müsste auch ich um seinetwillen dieselbe Erfahrung gemacht haben, und die übrigen alle, welche diese Lebensstufe erreicht haben. Nun aber habe ich auch schon andere getroffen, bei denen es nicht so war; namentlich war ich einmal dabei, wie jemand an den Dichter Sophokles die Frage richtete: „Wie sieht’s bei dir aus, Sophokles, mit der Liebe? Vermagst du noch einem Weibe beizuwohnen?“ Der antwortete: „Nimm deine Zunge in acht, Mensch; bin ich doch herzlich froh, dass ich davon erlöst bin, wie ein Sklave, der von einem tobsüchtigen und wilden Herrn erlöst worden ist!“ Schon damals dünkte mir das wohlgesprochen und auch jetzt nicht minder […].

Plato: Politeia (Der Staat) I

Allen Lesern ins Stammbuch (136)

Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem phantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein, und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben. Es ist ihm der schöne prächtige Blumengarten vor dem Tore, in dem er zu seinem hohen Ergötzen lustwandeln kann, hat er sich nur entschlossen, die düstern Mauern der Stadt zu verlassen.
Vergiß, sprach Ottmar, vergiß aber nicht, Freund Theodor! daß mancher gar nicht die Leiter besteigen mag, weil das Klettern einem verständigen gesetzten Manne nicht ziemt, mancher schon auf der dritten Sprosse schwindligt wird, mancher aber auch wohl die auf der breiten Straße des Lebens befestigte Leiter, bei der er täglich, ja stündlich vorübergeht, gar nicht bemerkt! – Was aber die Märchen der Tausend und Einen Nacht betrifft, so ist es seltsam genug, daß die mehrsten Nachahmer gerade das übersehen, was ihnen Leben und Wahrheit gibt und was eben auf Lothars Prinzip hinausläuft. All die Schuster, Schneider, Lastträger, Derwische, Kaufleute etc., wie sie in jenen Märchen vorkommen, sind Gestalten, wie man sie täglich auf den Straßen sah und da nun das eigentliche Leben nicht von Zeit und Sitte abhängt, sondern in der tieferen Bedingung ewig dasselbe bleibt und bleiben muß, so kommt es, daß wir glauben, jene Leute, denen sich mitten in der Alltäglichkeit der wunderbarste Zauber erschloß, wandelten noch unter uns. So groß ist die Macht der Darstellung in jenem ewigen Buch.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Zum Tod von Frank Günther

Die Stücke wurden in Wirklichkeit von Königin Elisabeth geschrieben. Aber Elisabeth war nicht Elisabeth. Die richtige Elisabeth ist von ihrer Schwester, der Bloody Mary, ermordet und durch einen jungen Schauspieleleven ersetzt worden. Daraus ergibt sich alles andere schlagend: Der Schauspieler in seiner Lebensrolle als falsche Königin hat in seiner Einsamkeit und auch sexuellen Verzweiflung, weil er ja nicht mehr an die Weiber rankam, diese ganzen eskapistischen Stücke geschrieben, in denen transsexuell verkleidete Menschen aus den Zwängen des Hoflebens in idealische Ardenner Wälder fliehen. Bitte! Warum hat Elisabeth 300 Perücken hinterlassen? Warum hat sie die Schminke so dick aufgetragen? Warum diese Stilisierung zur jungfräulichen Ikone? Warum war Königin Shakesbeth immer so sauer, wenn eine der Hofdamen ein Techtelmechtel mit einem der Earls hatte? Warum kamen die sofort in den Tower? Und warum hat Elisabeth niemals geheiratet? Na, sie konnte nicht, weil sie ein Kerl war. Und warum wurden so viele dieser Stücke von Shakespeare am Hofe aufgeführt? Weil die Königin bei ihrer eigenen Premiere dabei sein wollte, sie konnte ja schlecht ins Puffviertel nach Southwark fahren. Shakespeare war Elisabeth, und Elisabeth eine Drag-Queen aus dem Londoner Schmierentheater. Und jetzt soll mir mal einer das Gegenteil beweisen.

Frank Günther

Allen Lesern ins Stammbuch (135)

Trotz aller neuen Theorien bin ich überzeugt: Der Sinn des menschlichen Lebens liegt in der wissenschaftlichen Erkenntnis. Und es schmerzt mich zu sehen, dass sich heute Milliarden von Menschen von der Wissenschaft distanzieren und ihre Berufung in einem sentimentalen Umgang mit der Natur sehen, den sie als ›Kunst‹ bezeichnen. Dass sie sich damit begnügen, über die Oberfläche der Erscheinungen zu gleiten, was sie ›ästhetische Wahrnehmung‹ nennen … Während die Wissenschaft mit knappen materiellen Ressourcen zu kämpfen hat, malen Milliarden von Menschen Bilder, reimen Wörter – erzeugen also nichts weiter als Eindrücke. Dabei gibt es unter ihnen viele, die sich als hervorragende Arbeiter eignen würden. Menschen voller Tatendrang, geistreich und unglaublich fleißig.

Arkadi und Boris Strugatzki
Der ferne Regenbogen

Allen Lesern ins Stammbuch (134)

Seine Hauptleidenschaft war – Lesen! – Er ging nie aus, ohne beide Rocktaschen voll Bücher gestopft zu haben. Er las wo er ging und stand, auf dem Spaziergange, in der Kirche, in dem Kaffeehause, er las ohne Auswahl alles was ihm vorkam, wiewohl nur aus der ältern Zeit, da ihm das Neue verhaßt war. So studierte er heute auf dem Kaffeehause ein algebraisches Buch, morgen das Kavellerie-Reglement Friedrich Wilhelms des Ersten, und dann das merkwürdige Buch: Cicero, als großer Windbeutel und Rabulist dargestellt in zehn Reden, aus dem Jahre 1720. Dabei war Tusmann mit einem ungeheuren Gedächtnisvermögen begabt. Er pflegte alles, was ihm bei dem Lesen eines Buches auffiel, zu zeichnen und dann das Gezeichnete wieder zu durchlaufen, welches er nun nie wieder vergaß. Daher kam es, daß Tusmann ein Polyhistor, ein lebendiges Konversations-Lexikon wurde, das man aufschlug, wenn es auf irgendeine historische oder wissenschaftliche Notiz ankam. Traf es sich ja etwa einmal, daß er eine solche Notiz nicht auf der Stelle zu geben vermochte, so stöberte er so lange unermüdet in allen Bibliotheken umher, bis er das, was man zu wissen verlangte, aufgefunden, und rückte dann mit der verlangten Auskunft ganz fröhlich heran. Merkwürdig war es, daß er in Gesellschaft, lesend und scheinbar ganz in sein Buch vertieft, doch alles vernahm was man sprach. Oft fuhr er mit einer Bemerkung dazwischen, die ganz an ihrem Orte stand, und wurde irgend etwas witziges, humoristisches vorgebracht, gab er, ohne von dem Buche aufzublicken, durch eine kurze Lache im höchsten Tenor seinen Beifall zu erkennen.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Allen Lesern ins Stammbuch (133)

»Literat sind Sie?«
»Ja«, antwortete ich.
»Wissen Sie, während des Streiks habe ich flüchtig einen Roman gelesen. Ob der von Ihnen war?«
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Worum ging es denn?«
»Nun, ich kann es Ihnen nicht mehr ganz genau sagen. Der Sohn verkrachte sich mit dem Vater und hatte einen Freund, einen unsympathischen Menschen mit merkwürdigem Nachnamen … Er schlachtete Frösche …«
»Ich kann mich nicht erinnern«, log ich. Armer Iwan Sergejewitsch!

Arkadi und Boris Strugatzki
Die gierigen Dinge des Jahrhunderts

Allen Lesern ins Stammbuch (132)

Die scharfsinnigen Untersuchungen darüber kommen mir vor, wie die Abhandlungen der englischen Akademiker, denen der König aufgegeben, zu erforschen, woher es rühre, daß ein Eimer mit Wasser, in den man einen zehnpfündigen Fisch getan, nicht mehr wiege, als der andere bloß mit Wasser gefüllte. Mehrere hatten das Problem glücklich gelöst, und schon wollten sie mit ihrer Weisheit vor den König treten, als einer klugerweise anriet, die Sache selbst erst zu versuchen. Da behauptete denn der Fisch sein Recht, er fiel ins Gewicht, wie er sollte, und siehe, das Ding selbst, worüber die Weisen mittelst scharfsinnigen Nachdenkens die herrlichsten Resultate herausgebracht, existierte gar nicht.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Aus gegebenem Anlass (XXVIII) – Bloomsday

Die Katze umschritt steif ein Tischbein, den Schwanz in der Höh.
– Mkgnau!
– Ah, da bist du ja, sagte Mr. Bloom, sich vom Feuer wendend.
Die Katze maunzte eine Antwort und stakte wieder steif um ein Tischbein, maunzend. Just wie sie über meinen Schreibtisch stakt. Prr. Kraul mir den Kopf. Prr.
Mr. Bloom beobachtete neugierig, freundlich, die geschmeidige schwarze Gestalt. Sauberer Anblick: der Glanz ihres glatten Fells, der weiße Knubbel unter dem Knauf ihres Schwanzes, die grünen blitzenden Augen. Er bückte sich zu ihr hinab, die Hände auf den Knien.
– Milch für das Pussilein, sagte er.
– Mrkgnau! schrie die Katze.
Die sollen nun dumm sein. Dabei verstehn sie besser, was wir sagen, als wir sie verstehn. Die da versteht haarscharf alles, was sie verstehen will. Ist auch nachtragend. Möchte wohl wissen, wie ich so wirke auf sie. Hoch wie ein Turm? Nein, springt mir doch glatt auf die Schulter.
– Angst vor den Hühnerchen hat sie, sagte er spottend. Angst vor den kleinen Putputputs. Wer hat wohl schon mal so ein dummes Pussilein gesehn wie unser Pussilein hier!
Grausam auch. Ihre Natur. Komisch, die Mäuse quieken nie. Scheinens wohl gar zu mögen.
– Mrkrgnau! machte die Katze laut.
Sie blinzelte empor aus ihren gierigen, beschämt sich schließenden Augen, maunzte klagend und lang, ihm die milchweißen Zähne zeigend. Er beobachtete, wie die dunklen Pupillenschlitze sich vor Gier verengten, bis ihre Augen grüne Steine waren. Dann ging er zur Anrichte, nahm den Krug, den der Milchmann von Hanlon’s eben für ihn gefüllt hatte, goß sprudelwarme Milch auf eine Untertasse und stellte sie behutsam auf
den Boden.
– Garrhr! schrie die Katze, hinlaufend, um zu lappen.
Er betrachtete die Schnurrbarthaare, die drahtig leuchteten im schwachen Licht, als sie dreimal in die Milch tupfte und leicht schleckte. Ob das stimmt, daß sie nicht mehr auf Mäuse gehn können, wenn man sie ihnen kappt? Wieso eigentlich? Leuchten vielleicht im Dunkeln, die Spitzen. Oder sind so was wie Fühler im Dunkeln, vielleicht.

James Joyce
Ulysses