Aus meinem Poesiealbum (XXIV) – Männer von Geist

War, wie der geneigte Leser schon vernommen, der Begriff von Schönheit, wie ihn Herr Dapsul von Zabelthau statuierte, auch himmelweit von dem Begriff verschieden, wie ihn junge Mädchen in sich tragen, so hatte er doch wenigstens so viel irdische Erfahrung, um zu wissen, daß besagte Mädchen meinen, Verstand, Witz, Geist, Gemüt seien gute Mietsleute in einem schönen Hause, und daß ein Mann, dem ein modischer Frack nicht zum besten steht, und sollte er sonst ein Shakespeare, ein Göthe, ein Tieck, ein Friedrich Richter sein, Gefahr läuft, von jedem hinlänglich angenehm gebauten Husarenlieutnant in der Staatsuniform gänzlich aus dem Felde geschlagen zu werden, sobald es ihm einfällt, einem jungen Mädchen entgegen zu rücken.

E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut. SW IV, 1178.

Allen Lesern ins Stammbuch (131)

Vor etwa einem Jahr hatte ich in einer Zeitschrift einen Artikel von ihm gelesen, der mit einem gewaltigen Anspruch auf naivste Poesie und auch noch Psychologie abgefaßt war. Er schilderte darin den Untergang eines Dampfers, irgendwo vor der englischen Küste, den er als Augenzeuge erlebt und dabei gesehen hatte, wie Ertrinkende gerettet und Ertrunkene geborgen wurden. Dieser ganze Artikel, ziemlich lang und weitschweifig wie er war, diente einzig und allein der Selbstdarstellung. Man konnte förmlich zwischen den Zeilen lesen: »Schaut doch mich an, es geht doch in diesen Minuten um mich! Was kümmert euch dieses Meer, der Sturm, die Felsen, das Schiffswrack? Dies alles habe ich euch schon hinlänglich mit meiner kraftvollen Feder geschildert! Wieso schaut ihr euch diese Ertrunkene mit dem toten Kind in den toten Armen an? Schaut doch lieber mich an, wie ich, von diesem Schauspiel überwältigt, mich von ihnen abwende! Da, ich wende ihnen den Rücken zu; da, ich bin entsetzt und bringe es nicht über mich, einen Blick zurückzuwerfen; ich schließe die Augen – sehr interessant, nicht wahr?«

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

Welttag des Buches – Geschmack des Publikums

„Oh, daß ich auch einer der Glücklichen wäre,“ dachte ich, als jetzt die Leihbibliothek sich öffnete und ein Gemisch von bordierten Bedientenhüten und hübschen Mädchengesichtern sich zeigte, „einer jener Glücklichen, deren zweiter Teil mit so großer Sehnsucht erwartet wird!“ Nicht ohne Neid blickte ich auf die Bände, die der kleine Bibliothekar mit der wichtigen Miene eines Bäckers zur Zeit einer Hungersnot verteilte. – Er hatte die dringendsten Kunden befriedigt, das Geld oder die Leseschulden ein­ge­schrie­ben, und ich konnte jetzt eine wichtige Frage an ihn richten, die mir schon lange auf den Lippen schwebte, die Frage über den Geschmack des Publikums.
„Er ist so verschieden“, antwortete er, „und ist oft so sonderbar wie der Geschmack an Speisen. Der eine will süße, der andere gesalzne; der eine Seefische, Austern und italienische Früchte, der andere nahrhafte Haus­manns­kost; in einem Punkte stimmen sie aber alle überein: sie wollen gut speisen.
„Das heißt?“
„Sie wollen unterhalten sein; natürlich jeder auf seine Weise.“
„Aber wer ist der Koch“, rief ich aus, „der für diese verschiedenen und verwöhnten Gaumen das Schmackhafte zubereitet? Wie kann man es allen oder nur vielen recht machen? Denn darin liegt doch der Ruhm des Autors.“
„Sie sind nicht so verwöhnt, wie man glaubt“, entgegnete er; „die Mode tut viel, und wenn nur die Schriftsteller fleißiger die Leihbibliotheken be­such­ten, mancher würde finden, was ihm noch abgeht oder was er zuviel hat. Kann doch keiner ein guter Theaterdichter werden, der nicht mit der ganzen Stadt vor seinem eigenen Stücke sitzt, aufmerksam zuschaut und lauscht, was am meisten Effekt macht.“
Der Mann sprach mir aus der Seele; er hatte ausgesprochen, was auch ich mir schon lange zugeflüstert hatte. „Die Leihbibliotheken studiere, wer den Geist des Volkes kennenlernen will“, fuhr er mit Pathos fort. „Sehen Sie einmal, Bester, jene lange Reihe von Bänden an; die weißen Per­ga­ment­rü­cken sind so rein, als hätte man sie nie oder nur mit Handschuhen angefaßt. Wer ist wohl der Autor, der so vergessen und gleichsam in Ruhestand versetzt dort steht?“
Ich riet auf eine Reisebeschreibung oder ein naturhistorisches Werk.
„Letzteren Artikel führen wir gar nicht“, antwortete er wegwerfend; „nein – es ist Jean Paul.“
„Wie!“ rief ich mit Schrecken, „ein Mann, der für die Unsterblichkeit geschrieben, sollte schon jetzt vergessen sein? Hat er denn nicht alles in sich vereinigt, was anzieht und unterhält, tiefen Ernst und Humor, Wehmut und Satire, Empfindsamkeit und leichten Scherz?“
„Wer leugnet dies?“ erwiderte der kleine Mann. „Alles hat er in sich vereint, um die verschiedensten Gaumen zu befriedigen; aber er hat jene In­gre­dien­zien klein gehackt, wunderlich zusammengemischt und mit einer Sauce piquante gekocht; als es fertig war und das Publikum kostete, fand man es wohlschmeckend, delikat, aber – es widerstand dem Magen, weil niemand seine Kraftbrühen, den sonderbaren dunkeln Stil ertragen konnte. Dort stehen alle seine Gerichte unberührt, und nur einige Gourmands im Lesen nehmen hier und da ein ‚Kampanertal‘ oder einen ‚Titan‘ nach Hause und schmecken allerlei Feines heraus, das ich und mein Publikum nicht verstehen.“

Wilhelm Hauff:
Die Bücher und die Lesewelt

Allen … ins Stammbuch (130)

Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z. B. der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tod, daß er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche. Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen, oder beunruhigt, oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen. – Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Mißgeschicks anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen andern, noch sich selbst anzuklagen.

Epiktet
Handbüchlein

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin

Der Sommer

Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, daß sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Friedrich Hölderlin

Allen Lesern ins Stammbuch (129)

Der wunde Punkt bestand darin, daß Andrej Antonowitsch gleich am Anfang ein Lapsus unterlaufen war, indem er ausgerechnet ihm von seinem Roman erzählte. Da er sich einbildete, einen feurigen jungen Mann voller Poesie vor sich zu haben, und schon längst einen Zuhörer herbeigesehnt hatte, las er ihm, gleich in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft, eines schönen Abends zwei Kapitel daraus vor. Jener hatte zugehört, ohne seine Langeweile zu verhehlen, hatte rücksichtslos gegähnt, kein einziges Mal gelobt, aber beim Weggehen sich das Manuskript ausgebeten, um sich zu Hause, in aller Ruhe, ein Urteil zu bilden. Und Andrej Antonowitsch hatte ihm das Manuskript mitgegeben. Seither hatte er das Manuskript nicht zurückgebracht, obwohl er täglich vorbeischaute und auf die Frage danach nur lachte. Schließlich erklärte er, daß er das Manuskript schon damals auf der Straße verloren hätte.

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

Allen Lesern ins Stammbuch (127)

Im allgemeinen verschwinden bei uns, wenn ich mich erkühnen darf, auch meine Meinung zu einem derart heiklen Kapitel zu äußern, all diese Herren Talente mittlerer Güte, die gewöhnlich zu Lebzeiten fast wie Genies gefeiert werden, nicht nur nach ihrem Ableben nahezu spurlos und irgendwie plötzlich aus dem Gedächtnis der Menschen, sondern werden manchmal sogar schon zu Lebzeiten unvorstellbar schnell von allen vergessen und mißachtet, sobald eine neue Generation heranwächst und die vorhergehende, in der sie wirkten, ablöst. Das geht bei uns irgendwie schlagartig vonstatten, wie ein Kulissenwechsel auf der Bühne. Oh, das läuft ganz anders ab, wie mit diesen Puschkins, Molières, Voltaires, mit all diesen Größen, die gekommen sind, um ihr eigenes neues Wort zu sagen! Es stimmt, daß diese Herren Talente mittlerer Güte sich an ihrem ruhmreichen Lebensabend gewöhnlich auf die kläglichste Weise leergeschrieben haben und es nicht einmal merken. Es zeigt sich gar nicht so selten, daß ein Schriftsteller, dem Jahre hindurch außerordentliche Gedankentiefe zugeschrieben und von dem ein außerordentlicher und ernstzunehmender Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft erwartet wurde, am Ende eine solche Dürftigkeit und Winzigkeit seiner sogenannten Grundidee erkennen läßt, daß sogar kein Mensch bedauert, daß er sich leergeschrieben hat. Aber die weißhaarigen alten Herren merken es nicht und ärgern sich. Ihr Ehrgeiz nimmt zuweilen, besonders gegen Ende ihrer Laufbahn, wahrhaft erstaunliche Ausmaße an. Gott allein weiß, für wen sie sich nun halten – mindestens für Götter.

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

Allen Lesern ins Stammbuch (126)

So brauchten etliche unserer jungen Damen sich nur den Zopf abzuschneiden, blaue Brillen aufzusetzen und sich Nihilistinnen zu nennen, um sofort davon überzeugt zu sein, zugleich mit der Brille auch eigene »Überzeugungen« erworben zu haben. So brauchten einige in ihrem Herzen auch nur den Hauch einer allgemein menschlichen positiven Empfindung zu verspüren, um augenblicklich davon überzeugt zu sein, daß niemand sonst so zu empfinden imstande sei und daß sie die Spitze des allgemeinen Fortschritts bildeten. So brauchte mancher nur einen fremden Gedanken aufs Wort zu übernehmen oder irgendwo mitten heraus eine Seite zu überfliegen, um sofort zu meinen, dies seien seine »eigenen Gedanken«, seinem eigenen Gehirn entsprossen.

Fjodor M. Dostojewskij
Der Idiot

Allen Lesern ins Stammbuch (125)

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und läßt sich von diesen alles gefallen.

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre