Allen Lesern ins Stammbuch (146)

Die Guten lassen leider fast überall eine Sitte durchgehen, die eine saubere Buchkritik auf das schärfste kompromittiert. Es ist da ein Lobgehudel ausgebrochen, das jede Empfehlung wertlos macht: es gibt keinen Verlag mehr, der nicht für jedes seiner Bücher ein Zeugnis vorweisen kann, wie es Dante, Balzac, Strindberg, Tolstoi und Dostojewski zusammen nicht bekommen haben. Das ist leicht erklärlich: es gehört nämlich gar nichts dazu, leere Ballons aufzupusten – und nichts wiegt leichter als diese kleinen Lobeshaufen, die man an jeder Straßenecke zusammenfegen kann. Da schreibt jeder über jedes, da wissen alle alles – Aber es ist doch eine Lüge und ein Schwindel, wenn jede neue Verlagsentdeckung (»In Amerika 80000000000000 Exemplare verkauft«) vier, zehn, hundertundzehn Literaten findet, die nur darauf gewartet haben, dergleichen hochzuloben. Diese Snobs, die einen neuen Modeschriftsteller wie eine Krawatte tragen, sollte man nach Hause jagen – bald wird das Publikum auf kein Lob mehr hören und nichts mehr glauben, wenn man es so anlügt.

Gesammelte Werke, Bd. 6 (1928), S. 57.

Kurt Tucholsky
Auf dem Nachttisch

Allen Lesern ins Stammbuch (145)

Meine Unmöglichen.Seneca: oder der Toreador der Tugend. – Rousseau: oder die Rückkehr zur Natur in impuris naturalibus.Schiller: oder der Moral-Trompeter von Säckingen. – Dante: oder die Hyäne, die in Gräbern dichtet.Kant: oder cant als intelligibler Charakter. – Victor Hugo: oder der Pharus am Meere des Unsinns. – Liszt: oder die Schule der Geläufigkeit – nach Weibern. – Georg! Sand: oder lactea ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit »schönem Stil«. – Michelet: oder die Begeisterung, die den Rock auszieht. – Carlyle: oder Pessimismus als zurückgetretenes Mittagessen. – John Stewart Mill: oder die beleidigende Klarheit. – Les frères de Goncourt: oder die beiden Ajaxe im Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. – Zola: oder »die Freude zu stinken«. –

Friedrich Nietzsche
Götzen-Dämmerung

Zum 700. Todestag von Dante Alighieri

Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem außerordentlichen Manne, nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte: jeder Ausländer müsse Verzicht tun auf das Verständnis eines so außerordentlichen Geistes, dem ja selbst die Italiäner nicht in allem folgen könnten. Nach einigen Hin- und Widerreden verdroß es mich denn doch zuletzt und ich sagte: ich müsse bekennen, daß ich geneigt sei, seinen Äußerungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen können, wie man sich mit diesen Gedichten beschäftigen möge. Mir komme die Hölle ganz abscheulich vor, das Fegefeuer zweideutig und das Paradies langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus ein Argument für seine Behauptung zog: dies eben beweise, daß ich nicht die Tiefe und Höhe dieser Gedichte zum Verständnis bringen könne. Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mir sogar einige schwere Stellen, über die er lange nachgedacht und über deren Sinn er endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklären.

MA XV, 461 f.

Johann Wolfgang von Goethe
Italienische Reise

Allen Lesern ins Stammbuch (144)

Panchin brachte das Gespräch auf Literatur, wobei sich herausstellte, dass sie genau wie er einzig französische Werke gelesen hatte: George Sand löste Unmut bei ihr aus, Balzac schätzte sie, auch wenn er sie ermüdete, in Sue und Scribe sah sie große Kenner des menschlichen Herzens, Dumas und Féval vergötterte sie. Insgesamt zog sie ihnen allen jedoch Paul de Kock vor, dessen Namen sie freilich nicht erwähnte. Im Grunde konnte sie mit Literatur aber überhaupt nichts anfangen.

Iwan Turgenjew
Das Adelsgut

Allen Lesern ins Stammbuch (143)

Winston hörte auf zu lesen, vor allem um die Tatsache zu genießen, dass er tatsächlich las, in Behaglichkeit und Sicherheit. Er war allein; kein Teleschirm, kein Ohr am Schlüsselloch, kein nervöser Drang, über die Schulter zu blicken oder die Seite mit der Hand zu verbergen. Über seine Wange strich milde Sommerluft. Von irgendwoher wehte fernes Kindergeschrei herbei; im Zimmer selbst gab es keinen Laut außer dem Insektenzirpen der Uhr. Er schmiegte sich tiefer in den Lehnsessel und legte die Füße aufs Kamingitter. Es war Seligkeit, es war Ewigkeit.

George Orwell
1984

Bloomsday 2021

– Erinnerst du dich an den Tag, wo ich das erstemal wieder zu euch ins Haus kam nach dem Tod meiner Mutter?
Buck Mulligan runzelte behende die Stirn und sagte:
– Was? Wo? Ich kann mich an gar nichts erinnern. Ich behalte nur Ideen und Empfindungen. Wieso? Was ist denn da passiert, um alles in der Welt?
– Du warst gerade am Teemachen, sagte Stephen, und ich ging über den Flur, um noch etwas heißes Wasser zu holen. Deine Mutter kam mit irgendeinem Besuch aus dem Salon. Sie fragte dich, wer da bei dir im Zimmer wäre.
– Ja? sagte Buck Mulligan. Und was hab ich geantwortet? Ich weiß es nicht mehr.
– Deine Antwort, sagte Stephen, lautete: Och, das ist bloß Dedalus, dessen Mutter dreckig verreckt ist.
Eine Röte, die ihn jünger erscheinen ließ und anziehender, stieg Buck Mulligan in die Wangen.
– Hab ich das gesagt? fragte er. Na und? Was soll denn so schlimm daran sein?
Er schüttelte seine Befangenheit nervös von sich ab.
– Und was ist denn der Tod, fragte er, der deiner Mutter oder deiner oder mein eigener? Du hast bloß deine Mutter sterben sehen. Ich seh’ die Leute jeden Tag abkratzen im Mater und Richmond, seh’ wie man ihnen in den Kutteln rumschneidet im Seziersaal. Eine Dreckerei ist das und nichts sonst. Hat einfach gar nichts zu besagen. Du wolltest nicht niederknien, um zu beten für deine Mutter an ihrem Sterbebett, als sie dich bat. Warum? Weil du den verfluchten Jesuitenzug in dir hast, bloß daß er dir verkehrtherum eingeimpft worden ist. Für mich ist das alles urkomisch und dreckig. Ihre Gehirnlappen funktionieren nicht mehr. Sie nennt den Doktor Sir Peter Teazle und pflückt sich Butterblümchen von der Steppdecke. Halt sie bei Laune, bis es vorbei ist. Ihren letzten Wunsch im Tode hast du durchkreuzt, und trotzdem schmollst du mit mir, weil ich nicht flenne wie irgendein gedungener Sargschlepper von Lalouette. Absurd! Kann ja sein, daß ich’s gesagt hab. Aber ich wollte damit nicht das Andenken deiner Mutter beleidigen.

James Joyce
Ulysses

Allen Lesern ins Stammbuch (142)

Ich bin längst kein feuriger Jüngling mehr; die Zeiten sind lang vorbei, da ich mit jedem neuen Werk die Menschheit zu beglücken oder wenigstens aufzuklären meinte. Ich weiß seit Ewigkeiten nicht mehr, warum ich schreibe. An Ruhm reicht mir der, den ich habe; wie zweifelhaft er auch sein mag – es ist meiner. Geld verdienen lässt sich leichter mit Schund als mit ehrlicher schriftstellerischer Arbeit. Und die sogenannte Freude am Schöpferischen wurde mir kein einziges Mal im Leben zuteil. Was bleibt da noch? Die Leser? Über die weiß ich doch gar nichts. Für mich sind es einfach nur sehr viele, völlig fremde Leute. Und warum sollte mich die Meinung völlig fremder Leute interessieren? Ich weiß doch genau: Wenn ich verschwände, würde es keiner von ihnen bemerken. Mehr noch: Hätte es mich gar nicht gegeben oder wäre ich Stabsübersetzer geblieben, hätte das nichts, aber auch gar nichts in ihrem Leben geändert, weder zum Guten noch zum Schlechten.

Arkadi und Boris Strugatzki
Das lahme Schicksal

Aus meinem Poesiealbum (XXIX) – Mietendeckel

Er hatte einen einträglichen Grünkramhandel betrieben und machte es wie viele in Berlin. Als er ebensoviel erworben hatte, daß er die notwendige Anzahlung leisten konnte, kaufte er ein Haus und setzte sich damit zur Ruhe, ging in einem blau flanellenen Schlafrock, einer gestickten Hausmütze und Filzparisern mit einer langen Pfeife herum und dachte Tag und Nacht darüber nach, wie er seine Mieter höher schrauben könne.

Heinrich Seidel: Die silberne Verlobung (1893). Gesammelte Werke I. Stuttgart u. Berlin o. J., S. 33.

Welttag des Buches – Am besten Buchhändler

Auf diese Weise ermutigt, klopfte Oliver an die Tür des Studierzimmers seines Wohltäters. Auf Mr. Brownlows Herein! trat er näher und stand bald darauf in einem ganz mit Büchern angefüllten Zimmer, das nur ein Fenster hatte. Der Tisch war ins Helle gerückt, und davor saß Mr. Brownlow mit einem Buch in der Hand. Als er Oliver erblickte, legte er es beiseite und forderte ihn auf, näher zu kommen und sich niederzusetzen. Oliver gehorchte. Er wunderte sich, woher nur alle die Leute kommen möchten, die so viel Bücher schrieben, und was für unendliche Weisheit es auf Erden geben müßte.
»Es ist eine recht große Bibliothek, nicht wahr, mein Junge?« fragte Mr. Brownlow, als er Olivers neugierigen Blick auf die Regale bemerkte.
»Sehr, sehr viel Bücher, Sir,« antwortete Oliver, »so viel hab‘ ich noch nie in meinem Leben beisammen gesehen.«
»Du sollst sie lesen, wenn du brav bist; dann werden sie dir viel besser gefallen als jetzt von außen. In manchen Fällen ist es wenigstens so; allerdings es gibt auch Bücher, bei denen der Rücken und der Einband weitaus das beste sind.«
»Das gilt wohl von den dicken Bänden dort, Sir?« fragte Oliver und deutete auf ein paar ungeheure Quartbände, deren Einbände nur so strotzten von goldenen Verzierungen.
»Nein, nicht doch, so ganz stimmt das nicht,« antwortete der alte Herr und strich Oliver lächelnd mit der Hand über den Kopf. »Es sind da noch andere ebenso dick, wenn auch kleiner, – aber was meinst du, wenn du einmal ein gescheiter Mann würdest und selber Bücher schriebst, wie?«
»Es würde mich wohl mehr freuen, sie bloß zu lesen, Sir,« sagte Oliver.
»Was? Du hast also keine Lust, Schriftsteller zu werden?« fragte der alte Herr.
Eine Weile überlegte Oliver, dann sagte er, am besten wäre es wohl, wenn man Buchhändler wäre.
Darüber mußte der alte Herr herzlich lachen und meinte, Oliver habe da etwas recht Gescheites gesagt. Der Kleine freute sich, wenn er auch nicht wußte, inwiefern er eigentlich so gescheit gewesen sei.

Charles Dickens: Oliver Twist. München: Albert Langen, 1914. S.96 ff.

Allen Lesern ins Stammbuch (141)

Viele, ihr jungen Leute, sind einer Täuschung darüber erlegen, was ein Gedicht ist. Denn sobald einer einen Vers rhythmisch konstruiert und einen subtileren Gedanken in ein Gefüge von Worten eingeworben hat, meint er sofort, er sei auf dem Helikon angelangt. So hat mancher, der sich in den rhetorischen Pflichten der Gerichtsrede abgemüht hat, zur Ruhe der Dichtung wie zu einem glücklichen Hafen Zuflucht genommen, in dem Glauben, ein Gedicht lasse sich leichter bauen als eine juristische Streitrede, die mit sentenziöser Effekthascherei gespickt ist. Im Übrigen hält ein edlerer kreativer Kopf nichts von hohlem Geschwätz, auch kann der Geist nichts empfangen oder hervorbringen, wenn er nicht von einem gewaltigen Strom an literarischer Bildung durchflutet ist.

Petron
Satyrica