Zum Tod von William Goldman

»Erstes Kapitel. Die Braut.« Er hielt das Buch hoch. »Ich lese es dir vor. Zur Aufheiterung.« Er rieb mir das Buch fast unter die Nase. »Von S. Mor­gen­stern. Großer florinesischer Schrift­steller. Die Brautprinzessin. Er ist auch nach Amerika gekom­men. S. Mor­gen­stern. Ist jetzt gestorben, in New York. Das Englische ist von ihm. Er konnte acht Sprachen.« Hier legte er das Buch hin und streckte alle Finger aus. »Acht. Einmal, in Flo­rin, war ich in seinem Café.« Nun schüttelte er den Kopf; so machte er es immer, mein Vater, wenn er etwas falsch gesagt hatte, er schüttelte dann den Kopf. »Nicht in seinem Café. Er war drin, ich auch, zur gleichen Zeit. Ich sah ihn. S. Mor­gen­stern. So einen Kopf, so groß«, und er zeigte mit seinen Händen, was für ein dicker Ballon es war. »Großer Mann in Florin, nicht so sehr in Amerika.«
»Kommt auch Sport drin vor?«
»Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Ra­che. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in man­nigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Ver­fol­gungs­jag­den. Ent­kommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.«
»Klingt gut«, sagte ich und machte ein bißchen die Augen zu. »Ich will sehen, daß ich wach bleibe … aber ich bin furchtbar schläfrig, Papa …«

William Goldman
Die Brautprinzessin

Zum Tod von Philip Roth

(Thus, with only a moment’s more insanity on his part—a moment of insane excitement—he throws everything into his bag—except the unread manuscript and the used Lonoff books—and gets out as fast as he can. How can he not [as he likes to say]? He disintegrates. She’s on her way and he leaves. Gone for good.)

Philip Roth
Exit Ghost

Zum Tod von Paul Wühr

3. Juni 1986, München

Diana Kempff ruft an. Ich hätte zu ihr einmal gesagt, nach meinem Tod soll sie anderen sagen: ich habe Gott geliebt. Ein anderer Ausbruch: Scheißkonjunktive, ScheißGötter. Aussprüche eines Richtigen? – Ich nütze nichts aus in diesem Leben. Das ist der Rest von Tugend. Sonst war ich immer bemüht, mich aus unguten, peinigenden oder auch belästigenden Empfindungen zu befreien. – Was ich Diana erzählte: Heute im Luitpoldpark ein Augenblick großer Ruhe, auch im Zusammenhang mit der Empfindung des Augenblicks (mehr kann ich darüber nicht sagen: vergessen). Meine Formulierung noch im Park: Das einzige aktuelle Erfassen dieser Welt ist mystisch. Man muß Mystiker werden. Ich werde es mir nicht erlauben. Diana sagte noch viel Gutes, Liebes zu mir.

Paul Wühr
Der faule Strick

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Ich finde dieses Buch unerträglich, das ist ein unerträgliches Buch! Es ist – ich spüre es, da ist was Poetisches, was Balladeskes, was Bemühtes. Es sind lauter Mythen, die da konstruiert, zitiert und erfunden werden, mit Frauen, aus denen Pferde werden, mit der großen Einsamkeit und dem einsamen Dorf im Norden. Es wird immer gesagt, 1.100 Kilometer nördlich von Stockholm. Mir ist das vollkommen fremd! Es lässt mich ganz kalt! Es langweilt mich! Ich spüre, das ist keine schlechte Literatur, aber es ist mir gänzlich fremd.

Zum Tod von Herbert Rosendorfer

Prinz Garibald zählte. Er zählte nicht Fliegen, Fenster, Autos oder was immer; er zählte abstrakt. Er hatte sich, als er achtzehn Jahre alt war, zur Lebensaufgabe gestellt, zu zählen. Das war 1922 gewesen. Er zählte manchmal laut, manchmal zählte er nur innerlich für sich; meist zählte er ganz leise und bewegte dabei ein wenig die Lippen. Aber immer zählte er gewissenhaft. In einem kleinen Notizbuch vermerkte er, mit welcher Zahl er aufgehört hatte. Am nächsten Tag (genauer gesagt: am nächsten Werktag) fing er mit der darauffolgenden Zahl weiterzuzählen an. Er habe keine anderen Interessen und Neigungen, sagte der Prinz. Zum militärischen oder geistlichen Stand fühle er keine Berufung. Wissenschaftliche oder künstlerische Betätigung langweile ihn. Die Jagd sei ihm zu unbequem. Das Zählen fülle ihn aus.

Herbert Rosendorfer
Deutsche Suite

Zum Tod von Ágota Kristóf

In Berlin haben wir am Abend eine Lesung. Leute werden kommen, um mich zu sehen, um mich zu hören, um mir Fragen zu stellen. Über meine Bücher, über mein Leben, über meinen schriftstellerischen Werdegang. Hier die Antwort auf die Frage: Man wird Schriftsteller, indem man geduldig und hartnäckig schreibt, ohne je den Glauben an das, was man schreibt, zu verlieren.

Ágota Kristóf
Die Analphabetin

Zum Tod von Gert Jonke

Höhepunkt und Abschluß des Programmes bildete der sogenannte »Seiltanz«. Die tüchtigen zwei Gehilfen hatten schon vor Beginn der Veranstaltung ein Seil von der Spitze eines Baumes über den Dorfplatz zur Spitze des gegenüberstehenden Baumes gespannt, etwa acht Meter (!) über dem Boden. Der Künstler stieg auf den Baum, erreichte die Höhe des Seiles, stellte sich regelrecht auf das Seil und begann, langsam und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, am Seil in der Luft (!) den Dorfplatz zu überqueren. Der Ast des einen Baumes, an dessen Spitze das Seil angebunden war, wurde durch das Gewicht des Künstlers so stark belastet, daß er brach, und das Seil mit ihm zu Boden sauste.

Der Künstler hatte sich zu diesem Zeitpunkt in der Luft über dem Brunnen befunden, und unser Meister fiel auf solche Art und Weise vom Himmel, daß – keiner hätte es auch nur im entferntesten für möglidi gehalten – sein Rücken genau auf der Stange der Brunnenwinde aufkam, und dadurch seine Wirbelsäule genau in der Mitte (!) entzweibrach, so daß sein Körper vollkommen abgeknickt über dem Brunnen baumelte. Die Leute waren begeistert, bedankten sich mit enthusiastischem Applaus und brachen in frenetische Beifallskundgebungen aus. Allgemein bewundert und auf lebhafteste Weise diskutiert und kommentiert wurde auch die stille Bescheidenheit und Zurückhaltung des Künstlers. Endlich wieder einmal einer, der es kraft seiner edlen Herzensbildung, seiner ergreifenden Lebensweisheit und seines trefflichen und hintergründigen Humors nicht nötig hat, jenen linksfreundlichen, negativen, modernistischen Tendenzen zu huldigen, mit Hilfe derer gewisse subversive Elemente unter dem verhängnisvollen und falschen Deckmantel »Kunst« die natürliche Ordnung, die gesunde Disziplin und das einfache Empfinden der Bevölkerung untergraben möchten; aber es wird nicht gelingen, denn, wie wir sehen, es gibt noch Leute mit Rückgrat und Charakter, die dem Publikum aus tiefster Seele sprechen, das Herz auf dem rechten Fleck haben und wissen, wo der Pfeffer wächst, und wo man die Kirschen holt. Es muß unbedingt auch noch erwähnt werden, daß der Künstler sein Programm vollkommen frei aus dem Kopf (!), auswendig und ohne die Verwendung einer Vorlage bewältigte, was einmalig dastehend auf einsamer Höhe eine kolossale und geradezu phänomenale Gedächtnisleistung darstellt.

Gert Jonke
Geometrischer Heimatroman

Zum Tod von David Foster Wallace

There is something about a mass-market Luxury Cruise that’s unbearably sad. Like most unbearably sad things, it seems incredibly elusive and complex in its causes and simple in its effect: on board the Nadir—especially at night, when all the ship’s structured fun and reassurances and gaiety-noise ceased—I felt despair. The word’s overused and banalified now, despair, but it’s a serious word, and I’m using it seriously. For me it denotes a simple admixture—a weird yearning for death combined with a crushing sense of my own smallness and futility that presents as a fear of death. It’s maybe close to what people call dread or angst. But it’s not these things, quite. It’s more like wanting to die in order to escape the unbearable feeling of becoming aware that I’m small and weak and selfish and going without any doubt at all to die. It’s wanting to jump overboard.

David Foster Wallace
A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again

Zum Tod von Richard Rorty

Zu den üblichen Anwärtern auf den Posten im Zentrum der Kultur zählen Religion, Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Wäre ich gezwungen, zwischen diesen vier Alternativen zu wählen, entschiede ich mich für die Kunst – allerdings nur deshalb, weil der Begriff »Kunst« unter diesen vieren der vagste und daher am wenigsten einschränkende ist. Es wäre aber besser, überhaupt nicht wählen zu müssen. Die beste Art von Kultur wäre eine, deren Schwerpunkt ständig wechselte, je nachdem, welche Person oder Personengruppe zuletzt etwas Anregendes, Originelles und Nützliches geleistet hat. Dies wäre eine Kultur, in der es gar nicht lohnend erschiene, eine Auseinandersetzung über die Frage zu führen, ob eine bestimmte neuartige Errungenschaft als »Kunst« oder als »Philosophie« zu gelten habe.

»Eine Kultur ohne Zentrum«