Allen Lesern ins Stammbuch (112)

Vieles Lesen macht stolz und pedantisch; viel sehen macht weise, verträglich und nützlich. Der Leser baut eine einzige Idee zu sehr aus; der andere (der Weltseher) nimmt von allen Ständen etwas an, modelliert sich nach allen, sieht, wie wenig man sich in der Welt um den abstrakten Gelehrten bekümmert, und wird ein Weltbürger.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (H 30)

Allen Lesern ins Stammbuch (111)

Besonders ist, daß unsere Dichter von unsern vernünftigen, Leuten von Stand nicht mit Vergnügen gelesen werden. Der Fehler kann unmöglich in unserm Publikum liegen, er liegt sicherlich in unsern Dichtern, es sind meist junge oder alte Knaben, die im Zirkel unerfahrner Bewunderer aufgewachsen sind, und daher nicht zunehmen können. Wer nicht zu gewissen Jahren oft in Gesellschaft war, wo er nicht die erste Rolle spielte, und seine Kräfte in einer Spannung sein mußten, um nicht eine üble Meinung von sich zu erwecken, wird gewiß ein Tropf werden und das sind gewiß allemal 9 unter 10 unserer gerühmten Dichter. Der Mann der Welt kann nichts von ihnen lernen, er übersieht sie, so wie das handlungsvollste Schauspiel auch noch Bemerkungen enthalten muß, die selbst den Denker bei der Lampe beschäftigen können müssen, so kann selbst die Ode indem sie die Einbildung mit Bildern hinreißt wie das Licht einen, dem der Star jetzt ausgezogen worden, tiefe Bemerkungen enthalten, die den Mann von Überlegung wenn der Rausch verfliegt beschäftigen können. Aber mein Gott wie kann der etwas sagen der nichts weiß?

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (F 613)

Allen Lesern ins Stammbuch (110)

Der Papiersäufer sieht wie ein Kasten aus, der sich nie geöffnet hat, um nichts zu verlieren. Er scheut sich, von seinen sieben Doktoraten zu sprechen und erwähnt nur drei, es wäre ein leichtes für ihn, jedes Jahr einen neuen Doktor zu erwerben. Er ist freundlich und spricht gern, um sprechen zu können, läßt er auch andere zu Wort kommen. Wenn er sagt: ›Das weiß ich nicht‹, ist ein detaillierter und wissender Vortrag von ihm zu erwarten. Er ist rasch, weil er immer nach neuen Leuten sucht, die ihn anhören. Keinen, der ihn angehört hat, vergißt er, die Welt für ihn besteht aus Büchern und Hörern. Das Schweigen anderer weiß er wohl zu schätzen, er selbst schweigt nur kurz, bevor er zu einem Vortrag ansetzt. Eigentlich will niemand etwas von ihm lernen, weil er auch so viel anderes weiß. Er verbreitet Unglauben, nicht etwa, weil er sich nie wiederholen würde, aber er wiederholt sich nie bei ein und demselben Hörer. Er wäre kurzweilig, wenn es nicht immer etwas anderes wäre. Er ist gerecht gegen sein Wissen, alles zählt, man gäbe viel drum, auf etwas bei ihm zu stoßen, das mehr zählt als etwas anderes. Er entschuldigt sich für die Zeit, in der er wie gewöhnliche Leute schläft.

Elias Canetti
Der Ohrenzeuge

Allen Lesern ins Stammbuch (109)

Der Schriftsteller schreibt für Leser; sind diese verdorben, so schreibt jener und der Verleger verlegt für ihren verdorbenen Geschmack. Die vielen schlechten Schriftsteller Deutschlands schreiben alle für ihr Publikum und kennen es sehr gut, ebenso auch die Verleger. Leser zu bilden muß also der Kunstrichter erste Bestrebung sein; die Schriftsteller werden selbst wider Willen folgen. In den höheren Wissenschaften wird jeder Stümper ausgezischt und verachtet; denn sein kleines, aber bestimmtes Publikum ist der Sache verständig.

Johann Gottfried Herder

Allen Lesern ins Stammbuch (107)

Das gleiche trifft auf Handkes berühmte Reizwörter zu. Sie bringen jenen Teil des Publikums in Rage, der sich von ihnen in Rage bringen läßt. Dieses Publikum wird nicht über das Reizwort an sich, sondern mit Recht dadurch zornig, weil es das Reizwort von einem Schauspieler auf der Bühne hört. Indem der Schauspieler das Reizwort auf der Bühne spricht, ahmt er einen Provokateur nach, der das Publikum zornig machen will, was ihm erfreulicherweise bei jenem Publikum gelingt, das noch naiv mitgeht – dieses Publikum ist immer noch das dankbarste –, während jenes Publikum, das sich durch die Reizwörter nicht in Rage bringen läßt, sich auch mit Recht nicht in Rage bringen läßt, weil es nicht so naiv ist, zu glauben, die Schauspieler, die es in Rage bringen wollen, seien wirkliche Provokateure. Dieses Publikum müßte, um in Rage zu kommen, jenes Publikum nachahmen, das in Rage kommt, das heißt, die Zuschauer, die nicht in Rage kommen, müssen die Rolle spielen, die ihnen Handke zuschreibt, um in Rage zu kommen; sie müssen die Spießer nachahmen, die sie nicht sind, weil sie nicht in Rage kommen, eine Rolle, die ihnen jedoch nicht liegt, weil sie keine Spießer sein wollen, weshalb sie denn auch klatschen: bei Handke klatschen alle, die nicht Spießer sind oder nicht Spießer sein wollen. Hat sich das einmal herumgesprochen, klatscht alles.

Friedrich Dürrenmatt
Sätze über das Theater

Allen Lesern ins Stammbuch (106)

Der Triumphwagen der Zivilisation ist grausam, wie jener des Götzenbildes von Jaggernat. Begegnet er auch manchmal einem Herzen, das weniger leicht zu zermalmen ist, so ist das Hemmnis doch bald überwunden, und weiter geht der große Siegeszug. So werdet auch ihr es machen, die ihr dieses Buch in eurer weißen Hand haltet, euch im behaglichen Sessel zurücklehnt und bei euch denkt: ›Hoffentlich ist die Geschichte unterhaltend!‹ Nachdem ihr das heimliche Elend des Vaters Goriot gelesen habt, werdet ihr mit Appetit zu Mittag speisen und eure Gefühllosigkeit auf Rechnung des Autors setzen, werdet ihn der Übertreibung, der Phantasterei bezichtigen. O wißt es nur: dieses Drama ist weder eine Erfindung noch ein Roman, ›All is true‹; es ist so wahr, daß jeder bei sich selbst, in seinem eigenen Herzen vielleicht, die Grundelemente findet, aus denen es entstanden ist.

Honoré de Balzac
Vater Goriot

Allen Lesern ins Stammbuch (105)

Die Philosophie ist Tochter deines Denkens und der ganzen Welt und wohnt in dir selbst; zwar noch nicht in klarer Gestalt, doch ähnlich der Erzeugerin Welt in ihrem gestaltlosen Anfang. Du mußt verfahren wie die Bildhauer, die durch Bearbeitung der gestaltlosen Materie mit dem Meißel die Gestalt nicht bilden, sondern aus ihr herausholen. Ahme der Schöpfung nach. Über den verworrenen Abgrund deiner Spekulationen und Experimente möge (wofern du willens bist, dich ernstlich um die Philosophie zu mühen) dein Denken emporgetragen werden. Das Verworrene muß zerteilt und unterschieden werden und jegliches, nachdem es die ihm zukommende Bezeichnung erhalten hat, seinen festen Platz bekommen, d.h. es bedarf einer Methode, die der Schöpfung der Dinge selbst entspricht.

Thomas Hobbes
Grundzüge der Philosophie

Allen Lesern ins Stammbuch (104)

Es gibt keinen höheren Zweck der Kunst, als in dem Menschen diejenige Lust zu entzünden, welche sein ganzes Wesen von aller irdischen Qual, von allem niederbeugenden Druck des Alltagslebens wie von unsaubern Schlacken befreit und ihn so erhebt, daß er, sein Haupt stolz und froh emporrichtend, das Göttliche schaut, ja mit ihm in Berührung kommt. – Die Erregung dieser Lust, diese Erhebung zu dem poetischen Standpunkte, auf dem man an die herrlichen Wunder des Rein-Idealen willig glaubt, ja mit ihnen vertraut wird und auch das gemeine Leben mit seinen mannigfaltigen bunten Erscheinungen durch den Glanz der Poesie in allen seinen Tendenzen verklärt und verherrlicht erblickt – das nur allein ist nach meiner Überzeugung der wahre Zweck des Theaters.

E. T. A. Hoffmann
Nachricht von den neuesten Schicksalen
des Hundes Berganza