Allen Lesern ins Stammbuch (143)

Winston hörte auf zu lesen, vor allem um die Tatsache zu genießen, dass er tatsächlich las, in Behaglichkeit und Sicherheit. Er war allein; kein Teleschirm, kein Ohr am Schlüsselloch, kein nervöser Drang, über die Schulter zu blicken oder die Seite mit der Hand zu verbergen. Über seine Wange strich milde Sommerluft. Von irgendwoher wehte fernes Kindergeschrei herbei; im Zimmer selbst gab es keinen Laut außer dem Insektenzirpen der Uhr. Er schmiegte sich tiefer in den Lehnsessel und legte die Füße aufs Kamingitter. Es war Seligkeit, es war Ewigkeit.

George Orwell
1984

Allen Lesern ins Stammbuch (142)

Ich bin längst kein feuriger Jüngling mehr; die Zeiten sind lang vorbei, da ich mit jedem neuen Werk die Menschheit zu beglücken oder wenigstens aufzuklären meinte. Ich weiß seit Ewigkeiten nicht mehr, warum ich schreibe. An Ruhm reicht mir der, den ich habe; wie zweifelhaft er auch sein mag – es ist meiner. Geld verdienen lässt sich leichter mit Schund als mit ehrlicher schriftstellerischer Arbeit. Und die sogenannte Freude am Schöpferischen wurde mir kein einziges Mal im Leben zuteil. Was bleibt da noch? Die Leser? Über die weiß ich doch gar nichts. Für mich sind es einfach nur sehr viele, völlig fremde Leute. Und warum sollte mich die Meinung völlig fremder Leute interessieren? Ich weiß doch genau: Wenn ich verschwände, würde es keiner von ihnen bemerken. Mehr noch: Hätte es mich gar nicht gegeben oder wäre ich Stabsübersetzer geblieben, hätte das nichts, aber auch gar nichts in ihrem Leben geändert, weder zum Guten noch zum Schlechten.

Arkadi und Boris Strugatzki
Das lahme Schicksal

Allen Lesern ins Stammbuch (141)

Viele, ihr jungen Leute, sind einer Täuschung darüber erlegen, was ein Gedicht ist. Denn sobald einer einen Vers rhythmisch konstruiert und einen subtileren Gedanken in ein Gefüge von Worten eingeworben hat, meint er sofort, er sei auf dem Helikon angelangt. So hat mancher, der sich in den rhetorischen Pflichten der Gerichtsrede abgemüht hat, zur Ruhe der Dichtung wie zu einem glücklichen Hafen Zuflucht genommen, in dem Glauben, ein Gedicht lasse sich leichter bauen als eine juristische Streitrede, die mit sentenziöser Effekthascherei gespickt ist. Im Übrigen hält ein edlerer kreativer Kopf nichts von hohlem Geschwätz, auch kann der Geist nichts empfangen oder hervorbringen, wenn er nicht von einem gewaltigen Strom an literarischer Bildung durchflutet ist.

Petron
Satyrica

Allen Lesern ins Stammbuch (140)

«Sie müssen ein gutes Gedächtnis haben, dass Sie solche Verse einfach so aus dem Ärmel schütteln können.»
«Allerdings, Sir. Ich verfüge über ein Gedächtnis, das man, wie ich meine, ohne die Grenzen der Bescheidenheit zu verletzen, durchaus als zyklopädisch bezeichnen kann. Wäre es eine angeborene Gabe, so müsste ich schamhaft erröten und schweigen, doch da es das Resultat vierzigjähriger Studien des Besten ist, was die Menschheit an epischer Lyrik und dramatischer Literatur hervorgebracht hat, habe ich das Gefühl, es könnte andere, die ebenfalls den Pfad zur Erleuchtung und persönlicher Vervollkommnung eingeschlagen haben, vielleicht ein wenig ermutigen, auf diesen Umstand hinzuweisen.»

John Dos Passos
Der 42. Breitengrad

Allen Lesern ins Stammbuch (139)

Der Leser wird so freundlich sein, sich zu erinnern, daß wir ihm zu Anfang des zweiten Buches dieser Geschichte einen Wink über unsere Absicht gegeben haben, verschiedene lange Zeitperioden, in denen nichts vorgefallen ist, was in der Chronik aufgezeichnet zu werden verdiente, zu überschlagen. Dabei haben wir nicht nur unsere eigene Würde und Bequemlichkeit im Auge, sondern auch den Nutzen und Vorteil des Lesers, denn abgesehen davon, daß wir es ihm ersparen, seine Zeit mit Lektüre zu vergeuden, die ihm weder Nutzen noch Vergnügen schafft, geben wir ihm bei allen diesen Stellen eine Möglichkeit, den prächtigen Scharfsinn, der ihm zu Gebote steht, anzuwenden, indem er diese leeren Zeiträume mit eigenen Vermutungen ausfüllt, weshalb wir auf den vorhergehenden Seiten dafür gesorgt haben, ihn zu diesem Unternehmen tüchtig zu machen.

Henry Fielding
Tom Jones

Allen Lesern ins Stammbuch (138)

Es gibt viele solche Menschen, man kann es kaum fassen, was für Menschen; große und kleine, dumme und gelehrte, sogar Menschen aus dem einfachen Stand – und alle sind eitel. Dieweil sie lesen und ihr Leben lang deuten, sind sie der süßen Bücherweisheit voll, bleiben aber selbst in Zweifel und Unvermögen, etwas zu entscheiden. Manch einer zerstreut sich selber bis auf den letzten Rest und kann auf sich selbst nicht mehr achtgeben. Ein anderer wird härter als Stein, und in seinem Herzen gären die Träume; noch ein anderer ist gefühllos und leichtfertig und kennt nichts Besseres als Spotten und Lachen. Manch einer las aus den Büchern nur die Blümchen heraus, und auch die nur nach eigenem Dafürhalten; selbst aber ist er eitel geblieben und bringt keinen Entschluß zustande. Und was ich noch sagen will: Die Langeweile nimmt kein Ende.

Fjodor M. Dostojewskij
Ein grüner Junge

Allen Lesern ins Stammbuch (137)

Nirgends kann man den Grad der Cultur einer Stadt u überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller u doch zugleich richtiger kennen lernen, als – in den Lesebibliotheken.
Höre was ich darin fand, u ich werde Dir ferner nichts mehr über den Ton von Wirzburg zu sagen brauchen.
»Wir wünschen ein paar gute Bücher zu haben« – Hier steht die Sammlung zu Befehl – »Etwa von Wieland« – Ich zweifle fast – »Oder von Schiller, Göthe« – Die mögten hier schwerlich zu finden sein – »Wie? Sind alle diese Bücher vergriffen? Wird hier so stark gelesen?« – Das eben nicht – »Wer liest denn hier eigentlich am meisten?« – Juristen, Kaufleute und verheirathete Damen. – »Und die unverheiratheten?« – Sie dürfen keine fordern. – »Und die Studenten?« – Wir haben Befehl ihnen keine zu geben. – »Aber sagen Sie uns, wenn so wenig gelesen wird, wo in aller Welt sind denn die Schriften Wielands, Göthes, Schillers?« – Halten zu Gnaden, diese Schriften werden hier gar nicht gelesen. – »Also Sie haben sie gar nicht in der Bibliothek?« – Wir dürfen nicht. – »Was stehn denn also eigentlich für Bücher hier an diesen Wänden?« – Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben. – »So, so.« – –

Heinrich von Kleist
an Wilhelmine Zenge
Würzburg, 14. September 1800

Allen Lesern ins Stammbuch (136)

Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem phantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein, und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben. Es ist ihm der schöne prächtige Blumengarten vor dem Tore, in dem er zu seinem hohen Ergötzen lustwandeln kann, hat er sich nur entschlossen, die düstern Mauern der Stadt zu verlassen.
Vergiß, sprach Ottmar, vergiß aber nicht, Freund Theodor! daß mancher gar nicht die Leiter besteigen mag, weil das Klettern einem verständigen gesetzten Manne nicht ziemt, mancher schon auf der dritten Sprosse schwindligt wird, mancher aber auch wohl die auf der breiten Straße des Lebens befestigte Leiter, bei der er täglich, ja stündlich vorübergeht, gar nicht bemerkt! – Was aber die Märchen der Tausend und Einen Nacht betrifft, so ist es seltsam genug, daß die mehrsten Nachahmer gerade das übersehen, was ihnen Leben und Wahrheit gibt und was eben auf Lothars Prinzip hinausläuft. All die Schuster, Schneider, Lastträger, Derwische, Kaufleute etc., wie sie in jenen Märchen vorkommen, sind Gestalten, wie man sie täglich auf den Straßen sah und da nun das eigentliche Leben nicht von Zeit und Sitte abhängt, sondern in der tieferen Bedingung ewig dasselbe bleibt und bleiben muß, so kommt es, daß wir glauben, jene Leute, denen sich mitten in der Alltäglichkeit der wunderbarste Zauber erschloß, wandelten noch unter uns. So groß ist die Macht der Darstellung in jenem ewigen Buch.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Allen Lesern ins Stammbuch (135)

Trotz aller neuen Theorien bin ich überzeugt: Der Sinn des menschlichen Lebens liegt in der wissenschaftlichen Erkenntnis. Und es schmerzt mich zu sehen, dass sich heute Milliarden von Menschen von der Wissenschaft distanzieren und ihre Berufung in einem sentimentalen Umgang mit der Natur sehen, den sie als ›Kunst‹ bezeichnen. Dass sie sich damit begnügen, über die Oberfläche der Erscheinungen zu gleiten, was sie ›ästhetische Wahrnehmung‹ nennen … Während die Wissenschaft mit knappen materiellen Ressourcen zu kämpfen hat, malen Milliarden von Menschen Bilder, reimen Wörter – erzeugen also nichts weiter als Eindrücke. Dabei gibt es unter ihnen viele, die sich als hervorragende Arbeiter eignen würden. Menschen voller Tatendrang, geistreich und unglaublich fleißig.

Arkadi und Boris Strugatzki
Der ferne Regenbogen

Allen Lesern ins Stammbuch (134)

Seine Hauptleidenschaft war – Lesen! – Er ging nie aus, ohne beide Rocktaschen voll Bücher gestopft zu haben. Er las wo er ging und stand, auf dem Spaziergange, in der Kirche, in dem Kaffeehause, er las ohne Auswahl alles was ihm vorkam, wiewohl nur aus der ältern Zeit, da ihm das Neue verhaßt war. So studierte er heute auf dem Kaffeehause ein algebraisches Buch, morgen das Kavellerie-Reglement Friedrich Wilhelms des Ersten, und dann das merkwürdige Buch: Cicero, als großer Windbeutel und Rabulist dargestellt in zehn Reden, aus dem Jahre 1720. Dabei war Tusmann mit einem ungeheuren Gedächtnisvermögen begabt. Er pflegte alles, was ihm bei dem Lesen eines Buches auffiel, zu zeichnen und dann das Gezeichnete wieder zu durchlaufen, welches er nun nie wieder vergaß. Daher kam es, daß Tusmann ein Polyhistor, ein lebendiges Konversations-Lexikon wurde, das man aufschlug, wenn es auf irgendeine historische oder wissenschaftliche Notiz ankam. Traf es sich ja etwa einmal, daß er eine solche Notiz nicht auf der Stelle zu geben vermochte, so stöberte er so lange unermüdet in allen Bibliotheken umher, bis er das, was man zu wissen verlangte, aufgefunden, und rückte dann mit der verlangten Auskunft ganz fröhlich heran. Merkwürdig war es, daß er in Gesellschaft, lesend und scheinbar ganz in sein Buch vertieft, doch alles vernahm was man sprach. Oft fuhr er mit einer Bemerkung dazwischen, die ganz an ihrem Orte stand, und wurde irgend etwas witziges, humoristisches vorgebracht, gab er, ohne von dem Buche aufzublicken, durch eine kurze Lache im höchsten Tenor seinen Beifall zu erkennen.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder