Allen Lesern ins Stammbuch (127)

Im allgemeinen verschwinden bei uns, wenn ich mich erkühnen darf, auch meine Meinung zu einem derart heiklen Kapitel zu äußern, all diese Herren Talente mittlerer Güte, die gewöhnlich zu Lebzeiten fast wie Genies gefeiert werden, nicht nur nach ihrem Ableben nahezu spurlos und irgendwie plötzlich aus dem Gedächtnis der Menschen, sondern werden manchmal sogar schon zu Lebzeiten unvorstellbar schnell von allen vergessen und mißachtet, sobald eine neue Generation heranwächst und die vorhergehende, in der sie wirkten, ablöst. Das geht bei uns irgendwie schlagartig vonstatten, wie ein Kulissenwechsel auf der Bühne. Oh, das läuft ganz anders ab, wie mit diesen Puschkins, Molières, Voltaires, mit all diesen Größen, die gekommen sind, um ihr eigenes neues Wort zu sagen! Es stimmt, daß diese Herren Talente mittlerer Güte sich an ihrem ruhmreichen Lebensabend gewöhnlich auf die kläglichste Weise leergeschrieben haben und es nicht einmal merken. Es zeigt sich gar nicht so selten, daß ein Schriftsteller, dem Jahre hindurch außerordentliche Gedankentiefe zugeschrieben und von dem ein außerordentlicher und ernstzunehmender Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft erwartet wurde, am Ende eine solche Dürftigkeit und Winzigkeit seiner sogenannten Grundidee erkennen läßt, daß sogar kein Mensch bedauert, daß er sich leergeschrieben hat. Aber die weißhaarigen alten Herren merken es nicht und ärgern sich. Ihr Ehrgeiz nimmt zuweilen, besonders gegen Ende ihrer Laufbahn, wahrhaft erstaunliche Ausmaße an. Gott allein weiß, für wen sie sich nun halten – mindestens für Götter.

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

Allen Lesern ins Stammbuch (126)

So brauchten etliche unserer jungen Damen sich nur den Zopf abzuschneiden, blaue Brillen aufzusetzen und sich Nihilistinnen zu nennen, um sofort davon überzeugt zu sein, zugleich mit der Brille auch eigene »Überzeugungen« erworben zu haben. So brauchten einige in ihrem Herzen auch nur den Hauch einer allgemein menschlichen positiven Empfindung zu verspüren, um augenblicklich davon überzeugt zu sein, daß niemand sonst so zu empfinden imstande sei und daß sie die Spitze des allgemeinen Fortschritts bildeten. So brauchte mancher nur einen fremden Gedanken aufs Wort zu übernehmen oder irgendwo mitten heraus eine Seite zu überfliegen, um sofort zu meinen, dies seien seine »eigenen Gedanken«, seinem eigenen Gehirn entsprossen.

Fjodor M. Dostojewskij
Der Idiot

Allen Lesern ins Stammbuch (125)

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und läßt sich von diesen alles gefallen.

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre

Allen Lesern ins Stammbuch (124)

Die Illusion der Klarheit kommt zustande, sagte Linda, weil der Text immer deutlicher ist als das Leben dessen, der ihn geschrieben hat. Der Text ist sogar klarer als das Leben jedes beliebigen Lesers. Darin liegt die fürchterliche Verlockung der Literatur; das Leben soll endlich dem Text folgen, es soll sich in Klarheit verwandeln.

Wilhelm Genazino
Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Allen Lesern ins Stammbuch (122)

«Ihr tut meinem Beruf zu viel Ehre an», sagte Yoomy. «Wir Sänger singen unsre Lieder ganz unbekümmert, edler Herr Media.»
«Ja und umso mehr Unheil verursachen sie.»
«Doch manchmal sind wir Dichter auch lehrreich.»
«Lehrreich und öde. Viele von euch langweilen allzu gern, außer sie sind boshaft.»
«Doch in unseren Versen, edler Herr, führen nur wenige von uns Böses im Schilde.»
«Seid ihr auch für euch selbst harmlos, so doch nicht für Mardi.»
«Entspringen schmutzige Flüsse nicht oftmals klaren Quellen, edler Herr?», bemerkte Babbalanja. «Die Essenz alles Guten und Bösen ist in uns und nicht außerhalb. Die Blumen, auf denen sich Bienen und Wespen nebeneinander niederlassen, enthalten weder Gift noch Honig. Natur ist eine unbefleckte Jungfrau, edler Herr, die stets unverhüllt vor uns steht. Echte Poeten malen nur den Zauber, den alle Augen schauen. Die Verderbten wären auch ohne sie verderbt.»

Herman Melville
Mardi

Allen Lesern ins Stammbuch (121)

»Was lesen Sie denn zum Beispiel jetzt?«

Fr. Rat. Morgens nach dem Kaffee – und dazu trink ich eine Bouteille Wasser, weil mir aus Eifer das Blut in den Kopf steigt – les ich zwei Stund und länger, aber alle Augenblick muß ichs Buch hinlegen und mich verwundern. Vorige Woche fing ich ein Buch an über die Inquisition von Goa. Da muß ich sagen, wenn auch mein Glauben mir bis zum Bergversetzen gelungen wär, so versetzt solch ein Buch mitsamt denen Bergen mich außer allen Glauben!

»Wär’s da nicht besser, Sie lesen solche Bücher nicht? – die nur Ihr Gemüt beunruhigen und Ihnen keine Erheiterung sind.«

Fr. Rat. Was halten Sie von mir, daß Sie mir einen so schwächlichen Rat geben? – Sollt ich meinen Geist mehr schonen als meinen Leib? – Der kann auch nicht auf Rosen gebettet liegen! und die Seel würde samt ihm zugrund gehen, die kein ander Exerzitium hätt als bloß Wohlbehagen. – Der Geist ist grad dazu gemacht, sich durch Dorn und Distel zu reißen, ich kann den Rat von Ihnen nicht gut heißen, ihn wie einen Schlemmer zu behandlen!

Bettina von Arnim
Dies Buch gehört dem König

Allen Lesern ins Stammbuch (119)

Die meisten Schriftsteller sind zugleich ihre Leser – indem sie schreiben – und daher entstehn in den Werken so viele Spuren des Lesers – so viele kritische Rücksichten – so manches, was dem Leser zukömmt und nicht dem Schriftsteller. Gedankenstriche – großgedruckte Worte – herausgehobne Stellen – alles dies  gehört in das Gebiet des Lesers. Der Leser setzt den Accent willkührlich – er macht eigentlich aus einem Buche, was er will.

Novalis

Allen Lesern ins Stammbuch (118)

Unser Publikum ist noch so jung und einfältig, daß es eine Fabel nicht versteht, wenn es am Schluß keine Moral findet. Es errät keinen Scherz, spürt keine Ironie; es ist einfach schlecht erzogen. Es weiß noch nicht, daß in anständiger Gesellschaft und in einem anständigen Buch offenkundiges Schimpfen keinen Platz finden darf; daß die gegenwärtige Bildung eine schärfere, nahezu unsichtbare und nichtsdestotrotz tödliche Waffe erfunden hat, die, im Gewande der Schmeichelei, den unabwendbaren und sicheren Schlag versetzt. Unser Publikum gleicht einem Provinzialen, der, da er das Gespräch zweier Diplomaten belauscht hat, die einander feindlichen Höfen angehören, versichert bleibt, daß jeder der beiden seine Regierung hintergeht zugunsten ihrer gegenseitigen, zärtlichsten Freundschaft.

Michail Lermontov
Ein Held unserer Zeit