Aus meinem Poesiealbum (XXIII) – Freiheit

Der Mensch liebt die Freiheit nicht, alles andere ist Lüge, er kann mit der Freiheit nichts anfangen, kaum ist er frei, beschäftigt er sich mit dem Öffnen von Kleider- und Wäschekommoden, mit dem Ordnen von alten Papieren, sucht er Fotografien, Dokumente, Briefe, geht er in den Garten und gräbt um oder läuft vollkommen sinn- und zwecklos in irgendeine Richtung, gleich, wie das Wetter ist, und nennt es Spaziergang.

Thomas Bernhard
Der Keller

Aus meinem Poesiealbum (XXII) – Boshafte Tiere

Ich schäme mich der Menschheit; ich erröte über das Jahr­hun­dert. Lasset uns die Wahrheit gestehen: Philosophie und Künste verbreiten sich nur auf eine geringe Zahl Menschen. Die große Masse, das Volk und der gemeine Adel bleiben das, wozu sie die Natur gemacht hat, boshafte Tiere.

Friedrich II.
(zitiert nach Herders „Briefen
zur Beförderung der Humanität“)

Aus meinem Poesiealbum (XXI) – Laokoon

„Laocoon Pio-Clementino Inv1059-1064-1067“ von Hagesandros, Athanadoros, und Polydoros - Marie-Lan Nguyen (2009). Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Laocoon_Pio-Clementino_Inv1059-1064-1067.jpg#mediaviewer/Datei:Laocoon_Pio-Clementino_Inv1059-1064-1067.jpg
„Laocoon Pio-Clementino Inv1059-1064-1067“ von Hagesandros, Athanadoros und Polydoros – Marie-Lan Nguyen (2009). Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Sausages are human history. Laocoön, who tried to stop the Trojans from hauling the wooden horse inside the walls of Troy, was a prominent sausage merchant of the town who got into an argument with two of his sons about the flavouring in a couple of long links of liverwurst the boys had made and the whole argument ended up with not only the three of them all tangled up in the liverwurst but as a statue, possibly by Athenodorus or maybe Agesander, in the Vatican in Rome. It is an absolute masterpiece of anatomical knowledge.

Richard Condon
The Final Addiction

Aus meinem Poesiealbum (XX) – Richard Wagner

(Er zieht sie mit wüthender Gluth an sich; sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust. – Der Vorhang fällt schnell.)

Richard Wagner
Die Walküre, Ende des 1. Aufzuges

Er [Wagner] hat mir seine Trilogie geschickt. Der Kerl ist ein Dichter und kein Musiker. Es kommen allerdings tolle Dinge da vor. Einmal heißt es, der Vorhang fällt rasch. Wenn er aber nicht rasch fällt, dann kriegen wir böse Dinge da zu sehen.

Arthur Schopenhauer

Aus meinem Poesiealbum (XIX) – Journalisten

Als ich noch Bücher las, habe ich irgendwo das Diktum gefunden, daß der Mensch nie verzweifeln könne, denn es bleibe ihm auch beim schlimmsten Zahnweh immer die tröstliche Möglichkeit des Selbstmordes.

Ich habe ein Analogon dazu; ich sage mir: Du kannst zwar versumpfen, aber es bleibt Dir immer noch die Möglichkeit, Journalist zu werden.

Otto Julius Bierbaum
Stilpe

Aus meinem Poesiealbum (XVIII) – Bildung

Die ganze Welt ist voll gelahrter Männer, hochbelesener Lehrer, voll reichbegabter Büchersäl, und dünket mich daß eine solche Bequemlichkeit der Studien wie man itzo siehet, weder zu Plato noch Cicero Zeiten, noch Papiniani gewesen sey. Und wird sich künftig in Gesellschaft gar keiner mehr herfürtraun dürfen, der nicht in der Minerva Werkstatt recht aus dem Grund poliret ist. Ich seh, es sind die Strassenräuber, Stallbuben, Waghäls und Henkersknecht itzund gescheiter als die Doctoren und Prediger zu meiner Zeit.

François Rabelais
Gargantua und Pantagruel

Aus meinem Poesiealbum (XV) – Ostern

Im Schweitzerland, allwo die frömmsten Leute wenn’s wohl gerät jährlich einmal, um die Osterzeit, in die Kirche kommen, schickte ein achtzigjähriger Vater seinen fünfundzwanzigjährigen Sohn das erstemal ins Tal. Und als er wieder nach Hause kam, examinierte er ihn, was Jener dort gehört und gesehen? Da erzählte denn der Sohn: es hätte ein Kerl, die lang die breit, von einem Andern daher gesagt: wie man den verraten & verkauft, gefangen & gebunden, geschleifet & geschlagen, und endlich gar gekreuziget hätte. »Ja, Vater,« sagte er: »So übel ist man mit ihm umgangen, daß er mich derb daurete.« / »Herrgott, Herrgott!« sagte darauf der Alte: »Ist denn dieser Handel immer noch nicht ausgemacht?! Es ist wohl 20 Jahr, daß ich das letztemal in der Kirchen gewesen: da hatte man diese Sache auch schon unterhanden! Es wundert mich, was nur unsere Regierung tut, daß sie es nicht einmal vollends erörtern!«

Arno Schmidt
Die Gelehrtenrepublik

Aus meinem Poesiealbum (XIV) – Rechenkünstler

Angeregt durch dies kleine Rechenkunststück des Dr. Köllerer

ist mir folgendes wieder in den Sinn gekommen:

»Kann man ungleichnamige Größen miteinander multiplizieren?«
»Man kann es.«
»So? Also multiplizieren Sie mir siebzehn Pfund mit drei Ellen, was kommt denn da heraus?«
»Siebzehn Pfund, multipliziert mit drei Ellen, das macht netto sechs Kilogramm, dreizehn Hektoliter, achtundzwanzig Millimeter, zweieinhalb Gallonen, sechs Yards.«
»Sie wissen gar nichts.«
»Rechnen S’ nur nach!«

Johann Nestroy
Die schlimmen Buben in der Schule