Jahresrückblick 2020

Das Lesejahr 2020 war zum Glück überwiegend positiv. Es waren eigentlich nur zwei Titel, bei denen ich die Lesezeit tatsächlich bereut habe:

  • August Lafontaines Quinctius Heymeran von Flaming wurde aufgrund einer späten Empfehlung Arno Schmidts erneut ediert. Das Buch selbst ist höchstens in historischer Perspektive von Interesse, an sich handelt es sich nur um routiniert geschriebene Unterhaltungsliteratur des 18. Jahrhunderts.
  • Orlando Figes’ Die Europäer ist ein weiteres oberflächliches, populär geschriebenes Buch aus der Feder eines Historikers, der es eigentlich besser wissen sollte.

Dem standen zahlreiche gute Lektüren gegenüber:

  • George Eliots Middlemarch hat das Lesejahr sicherlich überstrahlt: Der Roman, gegen den ich lange Zeit unbestimmte Vorbehalte gehegt hatte, erwies sich in der Neuübersetzung von Melanie Walz als eine große, humorvolle und realistische Erzählung, die die Literatur ihrer Zeit souverän überblickt.
  • Salman Rushdies Quichotte hat mich, nachdem ich eine Zeit gebraucht hatte, mich einzulesen, wahrhaftig überwältigt. Ein grandioser und phantasievoller moderner Roman von einem der wirklich großen Erzähler unserer Zeit.
  • Hinzu kommen die Fortsetzung der Dostojewskij-Lektüre mit Böse Geister und dem mich weniger überzeugenden Ein grüner Junge sowie die Lektüre der restlichen drei Bände der Serapionsbrüder E. T. A. Hoffmanns. Auch bei diesen Autoren wird die systematische Lektüre sicherlich fortgesetzt werden.
  • Als interessante Entdeckung standen am Ende des Jahres zwei Texte von Marguerite Duras, von der ich sicherlich noch das eine oder andere lesen werde.

3 Gedanken zu „Jahresrückblick 2020“

  1. Dass es der Figes auf die SWR-Bestenliste geschafft hat, kann ich noch immer nicht verwinden.
    Der Quichotte steht auf der Leseliste.
    Die Walz-Übersetzung von Middlemarch lese ich gerade und ich kann die Qualität der Neuübersetzung natürlich nicht beurteilen – allerdings hat die Titanic (in der Humorkritik) die Walz-Übersetzung als eher gleichwertig gegenüber der Zerbst-Übersetzung beurteilt. Die Walz-Übersetzung sei prägnanter; die Zerbst-Arbeit wortgetreuer. (Den Kritiker hat bei Walz allerdings die Übersetzung „Sie wissen schon“ für „you know“ geärgert.)

  2. Ich habe die Zerbst-Übersetzung nicht angeschaut, kann sie also auch nicht einschätzen. Walz habe ich stellenweise verglichen, und sie hat sich immer bewährt. Wie ich auch geschrieben hatte, lese ich Walz sehr gern, und ihre Übersetzungen waren für mich persönlich immer ein Fortschritt. Wie eine Übersetzung wortgetreu sein und “you know” nicht mit „Sie wissen schon“ übersetzen kann, ist mir auf Anhieb nicht verständlich, you know? Naja, das sind so Verwerfungen des Literaturmarktes, die ich selbst lange schon nicht mehr aktiv verfolge, sondern nur am Rande noch mitbekomme.

    Dir ein gutes neues Lesejahr!

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