Jonas Grethlein: Prometheus

Jonas Grethlein ist Altphilologe und lehrt in Heidelberg. Er hat schon mehrere auf eine eher breite Leserschaft abzielende Bücher geschrieben, zuletzt ein Buch über die Odyssee. Nun also verfolgt er das Motiv des Prometheus-Mythos von der Antike bis in die Gegenwart. Grethlein betont einerseits gleich zu Anfang, dass er keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt (was bei weniger als 350 Seiten Text auch nicht erwartet werden darf). Andererseits stellt er fest, dass der Prometheus-Mythos wohl als der in unserer Zeit immer noch vitalste der antiken Mythen angesehen werden darf. Nicht zuletzt seine journalistische Verwendung zur Charakterisierung Elon Musks dient Grethlein als Beleg hierfür.

Schwerpunkte der Darstellung und Interpretation bilden Aischylos’ „Der gefesselte Prometheus“ sowie die englische Romantik, denen breiter Raum gewidmet wird. Daneben neigt Grethlein zu langen Passagen von Namedropping, in denen zahlreiche Philosoph(inn)en, Historiker(inne)n, Soziolog(inn)en und Schriftsteller(innen) schlaglichtartig zitiert werden, selbst wenn sie sich nicht direkt auf den Mythos bezogen haben. Diese Passagen erzeugen einen Eindruck von Breite, tragen aber nicht wirklich zum Verständnis der Bedeutung des Mythos in unserer Kultur bei.

Grethlein gibt vor, das von ihm gesammelte Material unter drei Hauptthemen einzuordnen: Technik (dies hätte wohl besser Fortschritt geheißen), Freiheit und Arbeit. Er erkennt aber selbst, dass diese Einteilung nur bedingt glücklich ist, da diese drei Themenbereiche „auf vielfache Weise miteinander verschränkt“ sind (Seite 328). Eine stärkere theoretische Durchdringung des Materials hätte dem Eindruck der beiläufigen und sprunghaft chronologischen Reihung wahrscheinlich aufhelfen, eventuell aber auch zu einer ungewollten Einengung der Zielgruppe führen können. Zu einem nur halbwegs geschlossenen und prägnanten Bild der Rolle des Mythos auch nur in der Kultur der Moderne etwa, gelangt das Buch nicht. Es bleibt über weite Strecken der Eindruck der Reihung und Beliebigkeit.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Autor sein Buch nutzt, um en passant ein moralisch höchst fragwürdiges Bild der deutschen Gesundheitspolitik während der Corona-Pandemie zu zeichnen. Vom Corona-Virus, so meint Grethlein, sei nur „eine sehr kleine Gruppe, die nicht ausschließlich, aber vor allem aus ohnehin multimorbiden Hochbetagten bestand“ (Seite 35), bedroht gewesen.

Eine Zahl von 300 Toten täglich klingt erschreckend, wenn man deren durchweg hohes Alter verschweigt und auch nicht erwähnt, dass in Deutschland jeden Tag durchschnittlich 2800 Menschen sterben.

(Seite 36)

Wie schrieb dagegen der Dichter?

Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen – du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!

Was für ein durch und durch unangenehmer Mensch!

Jonas Grethlein: Prometheus. Die Macht eines Mythos. Von der Antike bis zu Elon Musk. München: C. H. Beck, 2026. Pappband, Lesebändchen, 384 Seiten. 32,– €.

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