Theodor Fontane: Mathilde Möhring

»Ach Thilde, was unsereiner auch alles erleben muß. Und das nennen sie dann Fügungen, und man soll sich auch noch bedanken.«

Fontane_MöhringFontanes letzter Roman, obwohl er von der Länge her kaum diesen Namen verdient. Fontane ist vor der Endredaktion verstorben, so dass der Text erst 1907 aus dem Nachlass erschienen ist und das zudem in einer starken herausgeberischen Bearbeitung. Erst Ende der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde erstmals eine sich enger am Manuskript orientierende Edition gedruckt. Das alles bedeutet allerdings nicht, dass es sich um ein Fragment handelt. Man weiß zwar, dass Fontane immer ziemlich lange an seinen Text gefeilt und verändert hat, aber die Fabel ist vollständig aus- und zu Ende erzählt. Sicherlich könnte man spekulieren, dass besonders der in Westpreußen spielende Teil der Fabel noch hätte ausgeweitet werden können, aber wie Fontane gegen Ende deutlich macht, war die Kürze der politischen Karriere der Großmanns beabsichtigt.

Die Titelfigur Mathilde Möhring ist die Tochter eines früh verstorbenen Berliner Exportkaufmanns, die sich zusammen mit ihrer Mutter in kleinbürgerlichen Verhältnissen über Wasser hält, indem sie eines ihrer Zimmer an Studenten vermieten. Als der etwas verbummelte und der schönen Literatur zugeneigte Jura-Student Hugo Großmann bei den Damen Möhring einzieht, wittert Mathilde ihre Chance. Eine Erkrankung Hugos bietet den Anlass zum familiären Anschluss, und der kaum Genesene verlobt sich wie geplant mit Mathilde. Die nimmt daraufhin Hugos Leben in die Hand, treibt ihn systematisch durchs Examen und besorgt ihm anschließend eine Stelle als Bürgermeister in einem Kleinstädtchen in Westpreußen. Dort beginnt sie, mit Hilfe ihres leicht regierbaren Ehemanns erfolgreich Politik zu machen.

Doch natürlich kommt es, wie es kommen muss: Der gesundheitlich empfindliche Hugo erkältet sich gleich beim ersten scharfen Wind und kommt mit einer Lungenentzündung nieder. Zwar erholt er sich noch einmal, aber zu Ostern erleidet er aus heiterem Himmel einen Rückfall und stirbt. Mathilde, nur wenig erschüttert, kehrt zu ihrer Mutter nach Berlin zurück und bessert ihre Witwenpension auf, in dem sie Lehrerin wird.

Von Hugo Großmann wird selten gesprochen, seine Photographie hängt aber mit einer schwarzen Schleife über der Chaiselongue, und zweimal im Jahre kriegt er nach Woldenstein hin einen Kranz. Silberstein legt ihn nieder und schreibt jedesmal ein paar freundliche Zeilen zurück.

Es ist erstaunlich, dass dieser kleine Roman Fontanes nicht viel bekannter ist. Vielleicht liegt es dran, dass der Autor selbst nicht richtig warm geworden ist mit seiner berechnenden, sich kaum je ihren Gefühlen überlassenden Protagonistin. An Mathildes Karriere zeigen sich die Vorurteile, der Standesdünkel und die Enge der preußischen Gesellschaft, ohne dass Mathilde dem Leser dadurch sympathischer wird oder er sich auf sonst einem Wege mit ihr identifizieren kann. Auch jede Tragik verweigert ihr der Autor: Hugos Tod ist zwar bedauerlich, aber nicht das Ende der Welt. Mathilde weiß sich durchzuschlagen und gerät so zu einer Gegenfigur zu Effi Briest, was der Autor durch einige Anspielungen auch deutlich zu machen weiß.

Alles in allem ein kleines Meisterwerk, das ein weiteres, wichtiges Segment in Fontanes Panorama der Rolle der Frau in der preußischen Gesellschaft hinzufügt.

Ich habe hier, da der Hintergrund der Lektüre einmal mehr ein didaktischer ist, aus praktischen Gründen den von Gotthard Erler edierten Text bei dtv zugrunde gelegt, wie er auch in der Hanser-Ausgabe der Werke Fontanes abgedruckt ist. Philologisch orientierten Lesern ist aber natürlich anzuraten, den von Gabrielle Radecke edierten Text in der »Großen Brandenburger Ausgabe« (Bd. 20, Aufbau Verlag, 2008) heranzuziehen, der den Zustand des Fontaneschen Manuskript ungeschönt wiedergibt. Auch ist die Entscheidung des Deutschen Taschenbuch Verlages, die Anmerkungen der Hanser-Ausgabe unbearbeitet zu übernehmen, als eher unglücklich anzusehen, da diese nicht nur an einzelnen Stellen sachlich falsch sind, sondern zum Teil auch auf Kommentare zu anderen Texten innerhalb der Hanser-Ausgabe verweisen, die dem Leser des Taschenbuchs naturgemäß nicht verfügbar sind.

Theodor Fontane: Mathilde Möhring. dtv 13113. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 32005. Broschur, 158 Seiten. 6,50 €.

Vladimir Nabokov: Maschenka

Morgen kam seine ganze Jugend, kam sein Rußland wieder zu ihm zurück.

nabokov_werke_01Nachdem ich in den letzten Tagen nebenher das Hörbuch von Nabokovs »Pnin« noch einmal angehört habe, bekam ich Lust, auch wieder etwas von ihm zu lesen. Seit einiger Zeit kaufe ich peu à peu die deutsche Werkausgabe Nabokovs zusammen und habe vor, sie in den nächsten Jahren systematisch durchzulesen. Es bot sich also an, mit seinem ersten Roman »Maschenka« anzufangen.

»Maschenka« ist im Jahr 1925 auf Russisch entstanden und im Jahr darauf in einem Berliner Exilverlag für russische Literatur erschienen, der zu Ullstein gehörte. Durch diese Verbindung erschien bereits 1928 auch eine erste deutsche Übersetzung im Mutterverlag, was für den Erstling eines russischen Exilautors kein kleiner Erfolg gewesen sein dürfte. Der Roman spielt an einigen wenigen Tagen im Jahr 1924 in Berlin und erzählt die Geschichte Lew Glebowitsch Ganins (Ganin ist allerdings nur sein nom de guerre, den er sich im Widerstand gegen die Bolschewisten zugelegt hat; seinen echten Namen erfährt der Leser nicht), der zusammen mit einer kleinen Gruppe von russischen Exilanten in einer russischen Pension lebt. Ganin schlägt sich wie viele seiner Schicksalsgenossen mit Gelegenheitsarbeiten – etwa als Filmstatist – durch. Ihn treibt es fort aus Berlin, aber er kann sich nicht entschließen abzureisen, da er eine erotische Affäre mit einer jungen Frau, Ljudmila, hat und sich nicht durchringen kann, diese zu beenden.

Erzählanlass ist, dass Ganins Zimmernachbar Alexej Iwanowitsch Alfjorow ihm erzählt, dass am Ende der Woche seine Frau aus Russland nach Berlin kommen wird, die er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Als Alfjorow Ganin ein Bild seiner Gattin zeigt, erkennt der in ihr seine erste Jugendliebe Maschenka wieder. Augenblicklich fasst er den lange aufgeschobenen Entschluss: Schon am nächsten Tag trennt er sich von Ljudmila und bereitet seine Abreise aus Berlin vor. Er will Maschenka bereits am Bahnhof abfangen und umgehend mit ihr nach Süden abreisen, bevor sie überhaupt Gelegenheit hatte, ihren Ehemann wiederzusehen.

Die wenigen Tage bis zu Maschenkas Ankunft verbringt Ganin hauptsächlich damit, sich an seine Liebe zu ihr zu erinnern. Es handelt sich zuerst um eine Sommerverliebtheit, die im folgenden Jahr noch einmal kurz auflebt, aber erst nach der erneuten Trennung der beiden unerwartet ernst wird. Ganin befindet sich bereits beim Militär, als er von Maschenka Briefe erhält, in denen sie ihm ihre immer noch bestehende Liebe und ihre Sehnsucht nach ihm gesteht. Ganin aber wird als Kriegsverwundeter eher zufällig aus Russland herausgespült, landet zuerst in Istanbul und reiht sich in den Strom der Exilrussen ein, der vor der bolschewistischen Revolution nach Westeuropa flieht. Und nun findet er aus purem Zufall seine Geliebte als Ehefrau seines Zimmernachbarn wieder.

Am Samstagmorgen wird Maschenka ankommen, und Ganin macht sich eine kleine Feier in der Pension am Vorabend zunutze, um den Alfjorow betrunken zu machen, sorgt dann dafür, dass er verschlafen wird, und verlässt mit seinen gepackten Koffern das Haus, um Maschenka am Bahnhof abzufangen. Ich werde hier nicht verraten, wie der Roman endet, denn ein wesentlicher Teil seiner Wirkung beruht auf der Spannung, wie der Autor seinen Protagonisten wohl aus dieser Zwickmühle der eigenen Phantasie wieder herauszuführen gedenkt.

Vieles an diesem Roman ist konventionell und nicht weiter erwähnenswert, und es ist gut, dass er nur ungefähr 180 Seiten lang ist. Dabei wirkt vieles nur resümiert, und es zeugt von einiger Disziplin des jungen Autors, dass er nicht in selbstverliebtes Schwärmen verfallen ist, sondern eine schlanke, adrette Erzählung abgeliefert hat. An einer einzigen Stelle aber kann man schon den späteren Meister herausspüren: Am Tag, bevor Maschenka eintreffen wird, begleitet Ganin den alten Dichter Podtjagin, der ebenfalls in der Pension lebt und seit Wochen verzweifelt versucht, eine behördliche Ausreisegenehmigung nach Frankreich zu erhalten, aufs Amt und erreicht es tatsächlich, dass der Alte den ersehnten Stempel in seinen Pass bekommt. Anschließend fahren die beiden auf dem offenen Oberdeck eines Busses zum französischen Konsulat, und Podtjagin legt, um den Fahrschein zu lösen, seinen Pass für einen Moment auf die Sitzbank. Und dann schreibt Nabokov nur noch diesen einen Satz:

Podtjagin rollte erstaunt mit den Augen, und plötzlich griff er nach seinem Hut – es wehte ein heftiger Wind.

Das ist alles, was es braucht, um eine Katastrophe eintreten zu lassen – der Hergang der Katastrophe selbst bleibt ungeschildert!

Die vorliegende deutsche Übersetzung benutzt als Vorlage die von Nabokov begleitete englische Übersetzung aus dem Jahr 1970. Sie weicht nur in wenigen Einzelheiten vom alten russischen Original ab. Was bei mir ein wenig Irritation ausgelöst hat, ist, dass der erste Band der deutschen Werkausgabe, der die ersten beiden Romane Nabokovs enthält, kein Inhaltsverzeichnis hat und die Nachworte von Autor und Herausgeber nicht am Ende des Bandes zusammengefasst sind, sondern unmittelbar auf die Texte folgen. Ansonsten ist der Band sorgfältig gemacht und bringt mit einem Leineneinband und Fadenheftung eine für diesen Preis sehr ordentliche Ausstattung mit.

Vladimir Nabokov: Maschenka. Aus dem Englischen von Klaus Birkenhauer. In: Gesammelte Werke I. Frühe Romane 1. Hg. v. Dieter E. Zimmer. Reinbek: Rowohlt, 21999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 183 (von 591) Seiten. 27,– €.

Ferdinand von Schirach: Verbrechen

978-3-492-05362-4 Stilistisch erstaunlicher Erstling. Der Band enthält elf kurze Kriminalerzählungen, die in einem markanten, lakonischen und sehr präzisen Stil erzählt sind. Nicht alle Erzählungen können die Stilhöhe halten, aber die besten zeigen einen abgeklärten Erzähler, der keinen Satz zu viel gebraucht. Alle sind aus der Ich-Perspektive eines Strafverteidigers heraus erzählt, wobei die Schilderung der Fälle in einer weitgehend auktorialen Perspektive geschieht, die die deutliche Distanz des Erzählers zum Geschehen noch weiter erhöht.

Die meisten Erzählungen scheinen mir zudem auch stofflich originell zu sein, wobei ich als Nicht-Krimileser zugestehen muss, das nicht gut beurteilen zu können; mich jedenfalls haben die meisten überrascht. Auch die kurzen Darstellungen exzessiver Gewalt haben mich wahrscheinlich mehr berührt, als dies dem abgeklärten Krimileser passieren wird.

Ein bisschen ärgerlich fand ich die Verlagswerbung, die penetrant auf die Wahrheit der geschilderten Fälle abhebt. Das Buch selbst ist zum Glück deutlich intelligenter als diese Sensationsmache: Es schließt mit dem schönen Satz René Magrittes »Ceci n’est pas une pomme.«

Ferdinand von Schirach: Verbrechen. München: Piper, 2009. Pappband, Lesebändchen, 208 Seiten. 16,95 €.