Hans Peter Duerr: Die Fahrt der Argonauten

978-3-458-17469-1Duerrs Leser haben lange auf dieses Buch warten müssen: Es ist seit über zwei Jahren angekündigt gewesen, und das Vorwort ist mit »Herbst 2009« datiert, wobei ungeklärt bleibt, warum das Buch erst zur Frankfurter Buchmesse 2011 tatsächlich erschienen ist. Es handelt sich um eine unmittelbare Fortsetzung des Buchs über Rungholt; dort war in den letzten Kapiteln thematisiert worden, dass es sich beim Argonauten-Mythos um einen Reflex kretischer Fernreisen in den Norden Europas handeln könnte. Diese These wird hier nun ausführlich vorgeführt.

Dabei nimmt die Darstellung der oben genannten These nur einen relativ schmalen Raum ein: Es wird wahrscheinlich gemacht, dass kretische Seefahrer der Bronzezeit vom Mittelmeer aus über die Aude bis etwa Carcassonne und von dort über Land bis zur Garonne in der Gegend von Toulouse und anschließend über die Garonne in den Atlantik gelangt seien und sich so die zeitraubende und von widrigen Strömungen behinderte Fahrt durch die Straße von Gibraltar und nördlich entlang der spanischen und portugiesischen Atlantikküste erspart hätten. Der Transport des Schiffes Argo über Land findet sich denn auch in der Argonautensage bei Apollonios widergespiegelt und kann zudem durch schiffsbautechnische Erkenntnisse durchaus gestützt werden.

Ein Großteil des Buches ist aber der Deutung des Argonautenmythos als Fahrt ins Totenreich und der Rückkehr von dort als Variation des Fruchtbarkeitsmythos gewidmet. Dabei erzeugt Duerrs immer schon bestehende Neigung zum Enzyklopädischen diesmal noch mehr als sonst den Eindruck eines umgestülpten Zettelkastens. Wie immer bei Duerr besteht das Buch zu knapp 50 % aus Anhang (276 von 1111 Seiten sind mit Anmerkungen, 227 Seiten mit Literaturnachweisen und 22 Seiten mit einem Register gefüllt), wobei sich allerdings ein bedeutender Teil des Textes von dem in den Anmerkungen aufgeführten zusätzlichen Material kaum anders als durch die gewählte Schriftgröße unterscheidet. Lange Passagen des Buches enthalten einfach umfangreiche Auflistungen von motivisch verwandtem Material aus diversen Kulturen zumeist des Mittelmeerraums, aber oft auch darüber hinaus. So finden sich unzählige Beispiele vom Vorkommen von Widdern in den unterschiedlichsten Fruchtbarkeitsritualen und -mythen, ebenso unzählige Beispielen für die Verbindung von Unterwelts- und Fruchtbarkeitsmythen, ebenso unzählige für die Verwendung des Motiv des Hieros gamos in den diversen Kulturen etc. pp. All dies bezeugt einmal mehr Duerrs Fleiß und seine ungeheuerliche Belesenheit bzw. seine Fähigkeit, große Mengen von Material zu organisieren, die allerdings in Zeiten elektronischer Datenbanken nicht nur an Überzeugungskraft, sondern auch an Bedeutung zu verlieren scheint. Die in weiten Teilen hauptsächlich reihende Präsentation des Materials ergab bei mir jedenfalls eine eher ermüdende Lektüre.

Hans Peter Duerr: Die Fahrt der Argonauten. Berlin: Insel, 2011. Pappband, 1111 Seiten. 34,90 €.

Hans Peter Duerr: Rungholt

55130855_164688ede0Ein weiteres Buch in Duerrs üblicher Manier: Von 768 Seiten sind etwa 410 Text, 190 Anmerkungen, die zum großen Teil weitere detaillierte und wichtige Informationen enthalten und 140 Bibliographie. Den Rest bilden Impressum, Inhaltsverzeichnis und Register.

Duerr hat also den Kampf gegen Elias’ Theorie vom Prozess der Zivilisation vorerst eingestellt und sich einem archäologischen Thema zugewandt. Auch dafür hat er und wird er noch Schläge der etablierten Wissenschaft beziehen. Rungholt ist daher aus zwei Gründen interessant:

Zum einen präsentiert das Buch – hauptsächlich im ersten Viertel – ein Possenspiel des akademischen Betriebs, enthaltend die beiden Akte Duerr kommt zur Bremer Universität und Duerr und das Archäologische Landesamt Schleswig-Holsteins. Ein bedeutender Teil der Auseinandersetzung hat Ende der 90-er Jahre in der regionalen und überregionalen Presse stattgefunden, und es ist ein Vergnügen der besonderen Art, Duerrs Version der Vorgänge zu lesen. Duerr erweist sich einmal mehr als Eulenspiegel der akademischen Szene, an dessen Einbindung und Zähmung die festgefahrenen und dogmatischen Institutionen Mal um Mal scheitern. Dabei ist Duerr eigentlich das Muster eines Gelehrten: Unglaublich gebildet, misstrauisch gegen überlieferte Vorurteile und stets bemüht um originelle Zugriffe und neue Interpretationen. Er ist der klassische Konservative, der inzwischen so obsolet geworden ist, dass er gleich wieder die Speerspitze der Avantgarde bildet. Und immer geht es ihm um die Sache, mehr noch, um die Wahrheit. Was kann man sich von einem Professor im eigentlichen Sinne mehr wünschen, wenn man nicht gerade sein Dekan oder Rektor ist.

Zum anderen vertritt das Buch in Bezug auf sein Thema zwei neue Thesen:

1. Rungholt lag nicht dort, wo die Forschung es bisher vermutet hat, sondern wahrscheinlich ein ganzes Stück weiter nördlich.

2. Rungholt wurde nicht erst im Mittelalter besiedelt und nach der Sturmflut von 1362 endgültig aufgegeben, sondern Duerr dokumentiert in der Umgebung Rungholts Siedlungsspuren bereits aus dem Neolithikum. Er behauptet explizit nicht eine ununterbrochene Besiedlung der Gegend, sondern weist nur einen bereits sehr viel früheren vor dem bislang angenommenen Zeitpunkt der Erstbesiedlung nach.

Das letzte Viertel des Buches beschäftigt sich mit der Möglichkeit, dass ein minoisches Schiff bereits im 14. oder 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Gegend um Rungholt erreicht haben könnte, und breitet dann viel gelehrtes und sicherlich für sich genommen interessantes Material über die antike Vorstellung vom Nordens Europas aus. Dies alles hängt nur über den Fund einer einzelnen Scherbe einer mutmaßlich minoischen Gebrauchskeramik im Rungholtwatt mit dem Hauptthema des Buches zusammen. Man wird selbst entscheiden müssen, wie weit man als Leser diesen Weg mitgeht.

Für Duerr-Leser und Rungholt-Interessierte ein Muss, für die anderen ein anspruchsvolles Abenteuerbuch.

Duerr, Hans Peter: Rungholt. Die Suche nach einer versunkenen Stadt
Insel, 2005; ISBN 3-458-17274-2
Gebunden
768 Seiten – 28,00 Eur[D]