Ein Prüfling

Ich spreche hier von längst vergangenen Tagen, wie Sie zu bemerken geruhen. Eine solche Prüfung sah etwa folgendermaßen aus: Man ruft beispielsweise Wojnizyn auf. Wojnizyn, der eben noch reglos und kerzengerade auf seiner Bank gesessen hat, erhebt sich schweißgebadet, langsam und stumpfsinnig in die Runde schauend, knöpft hastig seinen Uniformrock bis oben hin zu und schleicht, sich windend, zum Tisch der Examinatoren. »Ziehen Sie bitte ein Kärtchen«, sagt der Professor liebenswürdig. Wojnizyn streckt die Hand aus und berührt mit bebenden Fingern den Stapel mit den Fragekarten. »Aber bitte nicht auswählen«, sagt in schneidendem Ton ein nicht für ihn zuständiger, doch leicht aufbrausender alter Mann, Professor einer anderen Fakultät, den plötzlich eine Abneigung gegen den unglücklichen […] erfasst hat. Wojnizyn fügt sich in sein Los, nimmt eine Karte, gibt die Nummer an, setzt sich ans Fenster, bis sein Vorgänger die ihm gestellte Frage beantwortet hat. Am Fenster lässt Wojnizyn kein Auge von der Karte, nur hin und wieder schaut er wie zuvor langsam in die Runde, im Übrigen aber rührt er sich nicht. Sein Vorgänger hat mittlerweile geendet; man sagt ihm: »Gut, Sie können gehen« oder gar »Gut, sehr gut«, je nach seiner Leistung. Nun wird Wojnizyn aufgerufen; er steht auf und nähert sich festen Schrittes dem Tisch. »Lesen Sie die Frage vor«, heißt es. Wojnizyn hält sich das Kärtchen mit beiden Händen direkt vor die Nase, liest langsam vor und lässt dann, ebenso langsam, die Arme sinken. »Nun, mein Herr, dann antworten Sie bitte«, sagt der Professor bedächtig, lehnt sich zurück und kreuzt die Arme über der Brust. Grabesstille. »Was haben Sie denn?« Wojnizyn schweigt. Der alte Professor von der anderen Fakultät verliert die Geduld. »So sagen Sie doch etwas! « Mein Wojnizyn schweigt wie ein Grab. Sein rasierter Nacken ragt steil und reglos vor den neugierigen Blicken der Kameraden auf. Dem alten Professor quellen beinahe die Augen aus dem Kopf: er hasst Wojnizyn nun endgültig. »Das ist aber seltsam«, bemerkt ein anderer Examinator, »wieso stehen Sie da, als wären Sie stumm? Wissen Sie es denn nicht? So sagen Sie es doch!« — »Erlauben Sie mir, ein anderes Kärtchen zu ziehen?« fragt der Unglückliche tonlos. Die Professoren werfen sich Blicke zu. »Gut, tun Sie das«, antwortet der Hauptprüfer und macht eine wegwerfende Bewegung. Wojnizyn zieht ein neues Kärtchen, geht wieder zum Fenster, kehrt wieder zum Tisch zurück und schweigt wieder wie ein Toter. Der Professor von der anderen Fakultät ist drauf und dran ihn lebendig zu verspeisen. Schließlich schickt man ihn fort und trägt eine Null ein. Sie denken, dass er zumindest jetzt hinausgeht? Aber nein! Er kehrt zurück auf seinen Platz und bleibt wie zuvor reglos sitzen, bis die Prüfungen zu Ende sind, und ruft beim Fortgehen: »Die machen einem aber die Hölle heiß! Was das für Aufgaben waren!« Und dann wandert er den ganzen Tag durch Moskau, fasst sich hin und wieder an den Kopf und verwünscht bitter sein unglückliches Los. Mit den Büchern beschäftigt er sich natürlich nicht, und anderntags wiederholt sich dieselbe Geschichte von vorn.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. München: Hanser, 2018. S. 379 ff.

Aus meinem Poesiealbum (XXVII) ‒ Die jungen Frauen von heute von gestern

Ich wünschte, die jungen Frauen von heute würden sich ein Beispiel an ihr nehmen. Wenn sie sich aufmerksam vor Augen führten, wie Camilla als selbstbestimmte erwachsene Jungfrau nach Lust und Laune mit dem Köcher um die Schulter die weiten Felder, Wälder und Verstecke der wilden Tiere durchstöberte, wie sie sich ständig bemühte, alle verführerischen körperlichen Gelüste zu unterdrücken, wie sie jeglichen Genuss und jegliche Sinnlichkeit, alle erlesenen Speisen und Getränke ablehnte und mit Beharrlichkeit nicht nur die Umarmungen von, sondern auch die Unterhaltungen mit gleichaltrigen Männern zurückwies, würden sie lernen, was für ein Verhalten für sie im väterlichen Haus angemessen wäre, was für einen in den Tempeln und was für eines im Theater, wo eine große Menge an Zuschauern und die strengsten Sittenwächter zusammenkommen. Sie würden auch lernen, ehrlosen Menschen kein Gehör zu schenken, ihre Zunge in Schweigsamkeit zu zügeln, ihre Blicke mit Ernsthaftigkeit zu kontrollieren, ihre Manieren im Zaum zu halten und ihre gesamte Gestik anständig zurückzuhalten sowie Müßiggang, Festmähler, übermäßigen Luxus, Tanzen und die Gesellschaft junger Männer zu meiden. Sie würden merken, dass es unfromm und mit Keuschheit unvereinbar ist, nur das zu begehren, was einem gefällt, und alles zu tun, was erlaubt ist. So würden sie einsichtiger werden und, ihren Eltern gehorchend, in der Blüte ihrer lobenswerten Jungfräulichkeit als reife Frauen zum Altar schreiten.

Giovanni Boccaccio: Von berühmten Frauen. S. 44 f.

Zum 100. Geburtstag von John Rawls

Ich behaupte, daß die Menschen im Urzustand zwei ganz andere Grundsätze wählen würden: einmal die Gleichheit der Grundrechte und -‍pflichten; zum anderen den Grundsatz, daß soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht, nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft.

John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. stw 271. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 122001. S. 31 f.

Aus meinem Poesiealbum (XXVI) ‒ Romantische Liebe

… und hätte sie sich nicht zweitens in einen jungen, durchreisenden Studenten verliebt, mit dem sie sogleich in einen emsigen, leidenschaftlichen Briefwechsel trat; in ihren Episteln erteilte sie ihm ihren Segen für ein gottgefälliges, herrliches Leben, wie das in derartigen Fällen üblich ist, brachte »ihr ganzes Sein« zum Opfer, verlangte nichts als seine Schwester zu sein, erging sich in Naturbeschreibungen, ließ auch Goethe, Schiller, Bettina und die deutsche Philosophie nicht unerwähnt und stürzte den armen jungen Mann schließlich in schiere Verzweiflung. Doch die Jugend nahm sich ihr Recht: eines schönen Tages erwachte er mit einem derart brennenden Hass auf seine »Schwester und beste Freundin«, dass er rasend vor Zorn um ein Haar seinen Kammerdiener verprügelt hätte und noch lange Zeit danach bei der geringsten Anspielung auf eine erhabene und selbstlose Liebe in Wut geriet …

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. München: Hanser, 2018. S. 285

Allen Lesern ins Stammbuch (139)

Der Leser wird so freundlich sein, sich zu erinnern, daß wir ihm zu Anfang des zweiten Buches dieser Geschichte einen Wink über unsere Absicht gegeben haben, verschiedene lange Zeitperioden, in denen nichts vorgefallen ist, was in der Chronik aufgezeichnet zu werden verdiente, zu überschlagen. Dabei haben wir nicht nur unsere eigene Würde und Bequemlichkeit im Auge, sondern auch den Nutzen und Vorteil des Lesers, denn abgesehen davon, daß wir es ihm ersparen, seine Zeit mit Lektüre zu vergeuden, die ihm weder Nutzen noch Vergnügen schafft, geben wir ihm bei allen diesen Stellen eine Möglichkeit, den prächtigen Scharfsinn, der ihm zu Gebote steht, anzuwenden, indem er diese leeren Zeiträume mit eigenen Vermutungen ausfüllt, weshalb wir auf den vorhergehenden Seiten dafür gesorgt haben, ihn zu diesem Unternehmen tüchtig zu machen.

Henry Fielding
Tom Jones

Allen Lesern ins Stammbuch (138)

Es gibt viele solche Menschen, man kann es kaum fassen, was für Menschen; große und kleine, dumme und gelehrte, sogar Menschen aus dem einfachen Stand – und alle sind eitel. Dieweil sie lesen und ihr Leben lang deuten, sind sie der süßen Bücherweisheit voll, bleiben aber selbst in Zweifel und Unvermögen, etwas zu entscheiden. Manch einer zerstreut sich selber bis auf den letzten Rest und kann auf sich selbst nicht mehr achtgeben. Ein anderer wird härter als Stein, und in seinem Herzen gären die Träume; noch ein anderer ist gefühllos und leichtfertig und kennt nichts Besseres als Spotten und Lachen. Manch einer las aus den Büchern nur die Blümchen heraus, und auch die nur nach eigenem Dafürhalten; selbst aber ist er eitel geblieben und bringt keinen Entschluß zustande. Und was ich noch sagen will: Die Langeweile nimmt kein Ende.

Fjodor M. Dostojewskij
Ein grüner Junge

Allen Lesern ins Stammbuch (137)

Nirgends kann man den Grad der Cultur einer Stadt u überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller u doch zugleich richtiger kennen lernen, als – in den Lesebibliotheken.
Höre was ich darin fand, u ich werde Dir ferner nichts mehr über den Ton von Wirzburg zu sagen brauchen.
»Wir wünschen ein paar gute Bücher zu haben« – Hier steht die Sammlung zu Befehl – »Etwa von Wieland« – Ich zweifle fast – »Oder von Schiller, Göthe« – Die mögten hier schwerlich zu finden sein – »Wie? Sind alle diese Bücher vergriffen? Wird hier so stark gelesen?« – Das eben nicht – »Wer liest denn hier eigentlich am meisten?« – Juristen, Kaufleute und verheirathete Damen. – »Und die unverheiratheten?« – Sie dürfen keine fordern. – »Und die Studenten?« – Wir haben Befehl ihnen keine zu geben. – »Aber sagen Sie uns, wenn so wenig gelesen wird, wo in aller Welt sind denn die Schriften Wielands, Göthes, Schillers?« – Halten zu Gnaden, diese Schriften werden hier gar nicht gelesen. – »Also Sie haben sie gar nicht in der Bibliothek?« – Wir dürfen nicht. – »Was stehn denn also eigentlich für Bücher hier an diesen Wänden?« – Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben. – »So, so.« – –

Heinrich von Kleist
an Wilhelmine Zenge
Würzburg, 14. September 1800

Aus meinem Poesiealbum (XXV) – Sex im Alter

Ich will dir, Sokrates, versetzte er, bei Gott sagen, wie es mir vorkommt. Oftmals kommen unser mehrere zusammen, die in gleichem Alter stehen, das alte Sprichwort in Ehren haltend. Bei diesen Zusammenkünften nun jammern die meisten von uns, indem sie sich nach den Freuden der Jugend sehnen und der Liebesgenüsse gedenken und der Trinkgelage und Schmause und was es sonst noch ähnliches gibt, und sind verdrießlich, weil sie etwas Großes verloren und damals ein glückliches Leben geführt haben, jetzt aber eigentlich gar keines. Einige beklagen auch die Misshandlungen des Alters durch die Angehörigen und stimmen deshalb über das Alter ein Lied an, was es ihnen alles für Unglück bringe. Mir scheint aber, Sokrates, als würden diese nicht den wahren Schuldigen beschuldigen, denn wäre das Alter schuldig, so müsste auch ich um seinetwillen dieselbe Erfahrung gemacht haben, und die übrigen alle, welche diese Lebensstufe erreicht haben. Nun aber habe ich auch schon andere getroffen, bei denen es nicht so war; namentlich war ich einmal dabei, wie jemand an den Dichter Sophokles die Frage richtete: „Wie sieht’s bei dir aus, Sophokles, mit der Liebe? Vermagst du noch einem Weibe beizuwohnen?“ Der antwortete: „Nimm deine Zunge in acht, Mensch; bin ich doch herzlich froh, dass ich davon erlöst bin, wie ein Sklave, der von einem tobsüchtigen und wilden Herrn erlöst worden ist!“ Schon damals dünkte mir das wohlgesprochen und auch jetzt nicht minder […].

Plato: Politeia (Der Staat) I

Allen Lesern ins Stammbuch (136)

Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem phantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein, und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben. Es ist ihm der schöne prächtige Blumengarten vor dem Tore, in dem er zu seinem hohen Ergötzen lustwandeln kann, hat er sich nur entschlossen, die düstern Mauern der Stadt zu verlassen.
Vergiß, sprach Ottmar, vergiß aber nicht, Freund Theodor! daß mancher gar nicht die Leiter besteigen mag, weil das Klettern einem verständigen gesetzten Manne nicht ziemt, mancher schon auf der dritten Sprosse schwindligt wird, mancher aber auch wohl die auf der breiten Straße des Lebens befestigte Leiter, bei der er täglich, ja stündlich vorübergeht, gar nicht bemerkt! – Was aber die Märchen der Tausend und Einen Nacht betrifft, so ist es seltsam genug, daß die mehrsten Nachahmer gerade das übersehen, was ihnen Leben und Wahrheit gibt und was eben auf Lothars Prinzip hinausläuft. All die Schuster, Schneider, Lastträger, Derwische, Kaufleute etc., wie sie in jenen Märchen vorkommen, sind Gestalten, wie man sie täglich auf den Straßen sah und da nun das eigentliche Leben nicht von Zeit und Sitte abhängt, sondern in der tieferen Bedingung ewig dasselbe bleibt und bleiben muß, so kommt es, daß wir glauben, jene Leute, denen sich mitten in der Alltäglichkeit der wunderbarste Zauber erschloß, wandelten noch unter uns. So groß ist die Macht der Darstellung in jenem ewigen Buch.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Zum Tod von Frank Günther

Die Stücke wurden in Wirklichkeit von Königin Elisabeth geschrieben. Aber Elisabeth war nicht Elisabeth. Die richtige Elisabeth ist von ihrer Schwester, der Bloody Mary, ermordet und durch einen jungen Schauspieleleven ersetzt worden. Daraus ergibt sich alles andere schlagend: Der Schauspieler in seiner Lebensrolle als falsche Königin hat in seiner Einsamkeit und auch sexuellen Verzweiflung, weil er ja nicht mehr an die Weiber rankam, diese ganzen eskapistischen Stücke geschrieben, in denen transsexuell verkleidete Menschen aus den Zwängen des Hoflebens in idealische Ardenner Wälder fliehen. Bitte! Warum hat Elisabeth 300 Perücken hinterlassen? Warum hat sie die Schminke so dick aufgetragen? Warum diese Stilisierung zur jungfräulichen Ikone? Warum war Königin Shakesbeth immer so sauer, wenn eine der Hofdamen ein Techtelmechtel mit einem der Earls hatte? Warum kamen die sofort in den Tower? Und warum hat Elisabeth niemals geheiratet? Na, sie konnte nicht, weil sie ein Kerl war. Und warum wurden so viele dieser Stücke von Shakespeare am Hofe aufgeführt? Weil die Königin bei ihrer eigenen Premiere dabei sein wollte, sie konnte ja schlecht ins Puffviertel nach Southwark fahren. Shakespeare war Elisabeth, und Elisabeth eine Drag-Queen aus dem Londoner Schmierentheater. Und jetzt soll mir mal einer das Gegenteil beweisen.

Frank Günther