Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts

Wenn ein Mensch die Wahrheit sagt und in längerem Zusammenhang redet, ist es alle Male ein großes Werk.

Ludwig Hohl

Es war immer Theater, selbst wenn das Gefühl echt wahr. Vor allem dann.

Der erste Band einer fünfbändigen dokumentarischen Romanreihe, in deren Zentrum das Leben Benito Mussolinis von 1919 bis zu seinem Ende steht. Für seinen Umfang mit knapp 3.000 Seiten ist dieser Zyklus in der ungewöhnlich kurzen Zeit zwischen 2018 und 2025 erschienen. Die ersten Bände waren in Italien ein Skandalerfolg, so dass die deutschen Übersetzungen zeitnah zu den italienischen Publikationen entstanden sind; seit diesem Jahr liegt auch der letzte Band auf Deutsch vor.

Dieser erste Band umfasst die Zeit zwischen 1919 und 1924. Im Jahr 1919 gründet Mussolini in Mailand die faschistische Bewegung, deren politische Stoßrichtung zu diesem Zeitpunkt noch eher unklar ist. Mussolini ist Leiter der von ihm begründeten, noch nicht sehr bedeutenden oppositionellen Zeitung Il Popolo d’Italia. Vor dem Großen Krieg war Mussolini Sozialist und Chefredakteur des Avanti!, wurde jedoch aufgrund seiner nationalistischen Tendenzen und seines Plädoyers für einen Kriegseintritt Italiens aus der Partei ausgeschlossen und als Chefredakteur abgesetzt. Offenbar waren seine Kontakte zu dieser Zeit schon gut genug, um in kurzer Zeit das Geld für die Gründung seiner eigenen Zeitung aufzutreiben.

Das Kriegsende, das Italien nominell als einer der Kriegsgewinner erlebt, sorgt im Land für eine Serie zunehmend ernsterer politischer Krisen, auf die die demokratisch gewählten Regierungen nicht angemessen reagieren: Es gibt eine bedeutende Menge von ehemaligen Kriegsteilnehmern, die ohne Arbeit haben und von staatlicher Seite nur unzureichend bis gar nicht versorgt werden; die bedeutender Teil der Arbeiter in den Städten und der Tagelöhner auf dem Land setzen ihre Hoffnung in einen kommunistischen Umsturz nach dem Vorbild Russlands, der aber von den linken Parteien nie realisiert wird, da sie untereinander verstritten sind; das Bürgertum möchte zu den Vorkriegsverhältnissen zurückkehren, findet aber kein Rezept, um die real bestehenden sozialen Spannungen in der Gesellschaft auszugleichen; die Nationalisten beklagen die Behandlung Italiens durch die anderen Siegermächte, die unter der Führung Woodrow Wilsons den Ko-Sieger Italien marginalisieren. In dieser Situation gründet Mussolini zusammen mit anderen nationalen Kräften die faschistischen Bewegung, die sich besonders auf die in ganz Norditalien verstreuten ehemaligen Soldaten der Arditi stützt.

Den Mangel der neuen Bewegung an Mitgliedern gleicht sie durch eine extreme Gewaltbereitschaft aus. Als sich die von der Linken koordinierten Aktionen der Arbeiterschaft in Norditalien zuspitzen und sich die Regierung auch in dieser Sache als weitgehend hilflos erweist, ist es die faschistische Bewegung, die vorgeben kann, den Kommunisten durch das Herstellen bürgerkriegsähnlicher Zustände Einhalt geboten zu haben. Und die ehemaligen Arditi spielen auch eine zentrale Rolle bei der Besetzung Fiumes unter der Führung Gabriele D’Annunzios, der für lange Zeit einer der wichtigsten Gegenspieler Mussolinis innerhalb der nationalistischen Rechten ist.

Und Mussolini gelingt auch der nächste Schritt: Er verwandelt die Bewegung in eine politische Partei. Aufgrund der erheblichen Präsenz der faschistischen Gewalt gelingt es der Partei auf Anhieb mit Mussolini als führendem Kopf ins Parlament einzuziehen. Durch sein burschikoses Auftreten als Abgeordneter gelingt es ihm, sich binnen Kurzem als potenzieller Retter Italiens vor der Bedrohung einer kommunistischen Revolution zu inszenieren. Gleichzeitig schüchtert er die Parteien der politischen Mitte mit der immer latent vorhandenen Drohung einer Wiederaufnahme des Bürgerkrieges ein.

Als Benito Mussolini um 11:05 Uhr an jenem 30. Oktober 1922 die Stufen des Quirinalspalastes erklommen hatte, um vom italienischen König mit der Regierung betraut zu werden, wurde der aus einfachen Verhältnissen stammende Polit-Zigeuner und Autodidakt der Macht mit nur neununddreißig Jahren der jüngste Premierminister seines Landes und zu diesem Zeitpunkt der jüngste Staatschef der Welt. Er hatte keinerlei Regierungs- oder Administrationserfahrungen, war erst sechzehn Monate zuvor in die Abgeordnetenkammer eingetreten und trug das Schwarzhemd, die Uniform einer bis dahin in der Geschichte beispiellosen, bewaffneten Partei. Als der Sohn des Schmieds – der Sohn des Jahrhunderts – die Stufen zur Macht derart emporstieg, öffnete sich das neue Jahrhundert unter seinen Schritten und schloss sich sogleich wieder.

S. 589

Als Regierungschef muss Mussolini einerseits die immer noch gewalttätigen Unter-Organisationen der faschistischen Partei unter Kontrolle halten, andererseits die Furcht der politischen Mitte vor dem Wiederaufflammen der politischen Unruhen lebendig halten, damit er weiterhin von ihr unterstützt wird. Um den nächsten Schritt zur absoluten Macht zu tun, nutzt er eine Wahlrechtsreform, die seiner Partie eine Zweidrittelmehrheit nach den nächsten Wahlen garantieren würde. Auch für Mussolini selbst überraschend erweist sich dieser Schachzug im Nachhinein als überflüssig, da die Faschisten bei der Wahl einen überwältigenden Erfolg feiern können.

Das Buch endet mit der Krise um die Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti im Jahr 1924. Matteotti ist einer der schärfsten Kritiker der faschistischen Regierung, dessen Hauptargumente die verfilzte und inkorrekte Haushaltsführung und die weit verbreitete Korruption unter den faschistischen Funktionären sind. Als Folge eines spontanen Wutausbruchs des Duces fühlen sich einige der fürs Grobe zuständigen Parteigänger dazu aufgefordert, Matteotti wenigstens für eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen. Leider wehrt sich Matteotti heftig gegen seine Entführung, so dass er eher beiläufig ermodert wird; die Leiche verscharren die Mörder nur oberflächlich in einem Waldstück. Das Verschwinden Matteottis entwickelt sich zu einer ernsthaften Krise der faschistischen Regierung, da die demokratischen Strukturen zwar schon unterwandert, aber immer noch zu lebendig sind, dass man den Mord einfach vertuschen könnte. Trotz einem faschistischen Polizeichef werden die Mörder dingfest gemacht, nachdem der Wagen, der für die Entführung angemietet wurde, entdeckt wurde. Zwar versuchen die Verdächtigten ihr Bestes, die Entführung zu verharmlosen und von Mussolini als Initiator abzulenken, aber die Verdachtsmomente verdichten sich immer weiter, besonders nachdem die Leiche Matteottis aufgetaucht ist. Auch das Bauernopfer gleich mehrerer enger Mitarbeiter kann Mussolini nicht retten, so dass er sich Ende 1924 quasi dem Gottesurteil des Parlaments stellt, das einmal mehr überraschend zu seinen Gunsten ausgeht.

Erzählt wird all dies in zumeist nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln, die dann und wann zusammenfassende Überschriften aufweisen, zumeist aber nur mit dem Namen einer Person und Angabe von Ort und Zeitpunkt der Handlung überschrieben sind. Im Zentrum der Erzählung, die immer wieder auch rein historische Passagen aufweist und mit kurzen Zitaten aus Originalquellen belegt, steht natürlich Benito Mussolini, der als machtbesessener, genusssüchtiger, promisker und impulsiver Instinktmensch dargestellt wird. Er steht der Gewalt der Faschisten weitgehend gleichgültig gegenüber, hält sie mehr für ein notwendiges Übel als für einen Zweck an sich. Sein psychologisches Profil bleibt – zumindest in diesem ersten Buch – eher undeutlich: Woher sein Wille zur politischen Macht und sein Wahn, der Auserwählte zu sein, der Italien zur Größe und Bedeutung des alten Roms zurückführen kann, stammen, bleibt eine ungeklärte Voraussetzung des Romans.

Neben denen zu Mussolini finden sich auch Abschnitte, die von zahlreichen Personen aus seinem Umfeld oder politischen Gegnern erzählen: seine frühe Förderin und Geliebte Margherita Sarfatti, der Draufgänger Italo Balbo, der gewissenlose Amerigo Dùmini, der verstiegene Gabriele D’Annunzio, der sozialistische Führer Giacomo Matteotti und viel andere mehr. Was dem Roman deutlich fehlt, ist ein umfassenderes Bild der italienischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Besonders das bürgerliche und das südliche Italien dieser Zeit werden nur skizzenhaft dargestellt. Sicherlich kann man dieser Kritik mit dem Hinweis begegnen, dass es sich eben um einen Roman und um den Roman eines einzigen Protagonisten handelt, doch für einen nicht mit der Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert vertrauten Leser bleibt der Eindruck vom gesellschaftlichen Umfeld des Erzählten unzureichend. Aber das kann sich natürlich in den noch folgenden Bänden ändern.

Wird fortgesetzt …

Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Stuttgart: Klett-Cotta, 42025. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 830 Seiten. 32,– €.