Armin Eich: Die römische Kaiserzeit

CHB-Geschichte-der-Antike-5Auch Becks „Geschichte der Antike“ (Webseite) folgt der klassischen Dreiteilung der Geschichte des römischen Imperiums in die Epoche der Republik, die Kaiserzeit und die Spätantike. Während sich die Grenze zwischen Republik und Kaiserreich mehr oder weniger von selbst versteht, kann von einem Ende der römischen Kaiserzeit nur in einem metaphorischen Sinn die Rede sein, da in der Zeit der Spätantike mehr Kaiser das römische Reich beherrscht haben als je zuvor.

Armin Eichs „Die römische Kaiserzeit“ schließt daher nahezu nahtlos an den Vorgängerband an und endet mit der Regierungszeit Kaiser Carus (282–283), also vor der Reform der Institution des Kaisertums unter Diocletian (284–305), umfasst also eine Spanne von etwa 310 Jahren. Eichs Darstellung besticht in allen Stufen der Entwicklung des Reiches in dieser Zeit durch Klarheit und Strukturiertheit, wobei die Kapitel der chronologischen Abfolge der Ereignisse durch solche der systematischen Analyse der politischen und soziologischen Verhältnisse ergänzt werden. Auch inhaltlich erscheint Eichs Geschichte der Kaiserzeit tadellos, wenn auch wahrscheinlich Kleopatra etwas gegen die Behauptung einzuwenden gehabt hätte, Gaius Iulius Caesar habe keine „direkten männlichen Nachkommen“ gehabt.

Erstaunlich und letztlich nur ansatzweise zu erklären bleibt aber immer die Stabilität des römischen Imperiums trotz massiver innen- und außerpolitischer Verwerfungen. Besonders im dritten Jahrhundert bewähert sich das Reich als Reich auch gegen massive Angriffe durch Germannengruppen im Westen und das Sasanidenreich im Osten und der schnellen Abfolge von Kaisern, die oft nach nur kurzer Regierungszeit ermordert und ersetzt werden. Auch wenn man aus heutiger Sicht die Krise bzw. Krisen des 3. Jahrhunderts als Anfang vom Ende der römischen Herrschaft über den Mittelmerraum und Westeuropa deuten kann, so ist dies für die Zeitgenossen alles andere als klar. Im Gegenteil beginnt der oben schon erwähnte Kaiser Carus, nachdem sich die Lage im Westen wieder einigermaßen beruhigt hat, umgehend einen neuen Krieg im Osten, offenbar in der Überzeugung, dass sich auch dort die Verhältnisse der Blütezeit römischer Herrschaft wieder würden etablieren lassen. Wie sehr er damit das Kräfteverhältnis zwischen Rom und seinen Nachbarn untzerschätzt haben sollte, werden aber erst die kommenden Jahrhunderte erweisen.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium. C. H. Beck Paperback 6155. München: Beck, 2014. Klappenbroschur, 304 Seiten. 16,95 €.

Wolfgang Blösel: Die römische Republik

Es bleibt immer interessant genug, wie sich da im wilden Westen, in Rom wieder einmal so ein Wolfsstaat (wie damals Sparta) brutal groß frißt.
Arno Schmidt

CHB-Geschichte-der-Antike-4Der Titel des chronologisch vierten Bandes von Becks „Geschichte der Antike“ (Webseite) bezeichnet ebenfalls den Inhalt bloß pars pro toto, da der Band mit der Frühzeit Roms und der mythischen Königszeit beginnt. Er überschneidet sich natürlich zum Teil mit dem Band zum Hellenismus, was aber aufgrund der auf Rom zentrierten Perspektive nicht weiter stört. Dargestellt wird die Geschichte des römischen Stadtstaates und des aus ihm erwachsenden Reichs von 9. Jahrhundert v.u.Z. bis zur Begründung des monarchischen Prinzipats durch Octavian Anfang 27 v.u.Z.

Dabei setzt Blösel den eigentlichen Untergang der Republik auf das Jahr 43 an, als das 2. sogenannte Triumvirat 300 Senatoren und 2.000 Ritter umbringen lässt, um die eigenen Machtbasis zu stabilisieren. Die verbleibende Oberschicht Roms stellt politisch keine Gefahr für die Triumvirn mehr dar, die wohl alle drei das Bündnis eingegangen sind, um auf diesem Weg letztlich zur Alleinherrschaft nach caesarischem Vorbild gelangen zu können.

Die erste Hälfte des Buches gerät etwas zäh, was sich nicht nur aus der vergleichsweise dünnen Quellenlage ergibt, sondern auch daraus, dass der Autor nicht unbedingt zu den begnadetsten Schriftstellern gehört – „Seine Kontrastierung findet ihre Bestätigung in den Befürchtungen“ lässt sich auf Deutsch auch ein wenig eleganter ausdrücken. Spannender wird es erst mit der Zeit der Gracchen, in der dann auch substanziell über politische Motivationen der Protagonisten spekulieren werden kann. Die Darstellung der Karriere Cäsars, des 1. Triumvirats und seiner Folgen ist untadelig, soweit ich das beurteilen kann, auch wenn Blösels Urteil über Cäsar vielleicht ein wenig negativer ausfällt, als es sein müsste.

Für alle, die sich für die Entstehung des römischen Reichs interessieren, eine knappe und durchweg empfehlenswerte Lektüre, die an den historischen Laien aber – wie auch die Bände zuvor – einige Ansprüche stellt. So werden zum Beispiel die Genese, die Aufgaben- und Machtbereiche der römischen Magistrate (Quästoren, Ädilen, Prätoren und Konsulen) eher beiläufig abgehandelt, so dass sich ein unvorbereiteter Leser über diese Strukturen des römischen Staates wird anderswo systematisch kundig machen wollen.

Was mich bei diesem erneuten Durchgang durch die römische Geschichte vor der Zeitwende mehr als je zuvor erstaunt hat, ist, dass sich das politische System Roms trotz aller Willkür und allen Gewalttaten seiner Mitspieler solange als einigermaßen stabil und – im Sinne der Akteure – funktional erhalten hat. Natürlich erklärt sich das aus einem zufälligen Zusammenspiel von individuellen Eigenschaften der Akteure und unvorhersehbaren Umständen, aber die Idee, dass eine Staatsform ihre Stabilität aus dem Gegeneinander intrinsischer Motivationen Einzelner und der gesellschaftlichen Gruppierungen beziehen kann, solange sich die Gegenspieler wenigstens im Großen und Ganzen an einen bestimmten Satz politischer Regeln halten, ist faszinierend. Das bedeutet nicht, dass das System nicht doch am Ende in ein anderes umschlagen wird, aber was die römische Republik alles aushalten konnte, ohne zu kollabieren, ist und bleibt erstaunlich.

Wolfgang Blösel: Die römische Republik. Forum und Expansion. C. H. Beck Paperback 6154. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 304 Seiten. 16,95 €.

Peter Scholz: Der Hellenismus

Niemand hat das Recht zu tun, was er will, doch alles ist zum Besten geordnet.
Ptolemäischer Rechtsgrundsatz

CHB-Geschichte-der-Antike-3Der chronologisch dritte Band von Becks „Geschichte der Antike“ (Webseite) – der Band zur Griechischen Klassik soll im kommenden Jahr erscheinen – ist nach dem originellen Band zum archaischen Griechenland eine kleine Enttäuschung. Es ist dem Autor zugutezuhalten, dass es eine undankbare Aufgabe ist, die Geschichte des Hellenismus nachzuzeichnen, da ein Großteil des historischen Stoffs von den Haupt- und Staatsaktionen der Diadochenreiche gebildet wird. In seinem Resümee schreibt Peter Scholz:

Die von Alexander gleichsam begründete, mit seinem Tod einsetzende Epoche des Hellenismus bietet, was die Lektüre der vorangehenden Seiten vermitteln wollte, eine schwer überschaubare Fülle von Herrschern und ihren Familien, von großen Protagonisten und kleinen Akteuren, eine ermüdende Vielzahl kleiner Konflikte und großer Kriege, von Morden an Herrschern und Mitgliedern der jeweiligen Herrscherfamilien, von schwierigen Herrscherwechseln und damit im Zusammenhang stehenden höfischen Intrigen. Aus den zahllosen Einzelereignissen, die kaum Anspruch erheben können, im allgemeinen historischen Gedächtnis zu verbleiben, lassen sich jedoch im Überblick einige besonders charakteristische Merkmale und Errungenschaften des hellenistischen Zeitalters herausarbeiten, die es verdienen, als Merkmale der hellenistischen Geschichte erinnert zu werden. (S. 302 f.)

Leider liegt das Hauptgewicht des Textes nicht auf den „charakteristischen Merkmalen“, die nur zwischendurch auf wenigen Seiten zusammengefasst werden, sondern auf der Auflistung und Nacherzählung eben der „ermüdenden Vielzahl“ jener Daten, die sich in ähnlicher Zusammenstellung auch in jeder anderen Darstellung der Epoche finden lässt.

Scholz beginnt seine Darstellung mit einer ausführlichen Schilderung der Karriere Alexanders III. als Gewaltmensch, wobei das Bild dieses historischen Protagonisten letztlich widersprüchlich bleibt. Während Scholz einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit Alexanders Egozentrismus betont, kann er es andererseits nicht umgehen, seine innovativen, wenn auch vielleicht ungelenken Versuche zur Vereinigung der griechisch-makedonischen und persischen Kultur zu schildern, die dem Bild des ausschließlich an der Selbststilisierung zum Heros Egomanen widersprechen. Auch Scholz’ These, Alexander habe auf nichtmilitärische Probleme ausschließlich ad hoc und ohne genügendes Gesamtkonzept reagiert, überzeugt nur, wenn man moderne Maßstäbe der Soziologie bzw. politischen Theorie anlegt. Alexanders Gesamtentwurf für sein Reich mag uns unzureichend erscheinen, aber zum einen war etwas ähnliches nie zuvor unternommen worden und zum anderen hatte kein Zeitgenosse jemals auch nur ansatzweise über politische Probleme dieser Größenordnung nachgedacht. Betrachtet man etwa versuchsweise Platons Analyse der Staatsformen als Anhalt für den theoretischen Horizont der Zeit, so kann von Alexander fairerweise kein substantielles Konzept für eine Durchstrukturierung seines Reichs erwartet werden. Reflektiert man gar die Reaktionen von Alexanders Mitstreitern auf seine Annäherung an persische Sitten und Rituale, so kommt man kaum umhin, ihn bei aller Egozentrik immerhin für einen originellen Kopf halten zu müssen, was immer man von seiner allgemeinen Tendenz zu Massenschlächtereien auch sonst halten mag.

Nach Alexanders Tod folgt Scholz all den oben angedeuteten Wirren und Verwicklungen der Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes bis zum Aufstieg der Römer als neue Ordnungsmacht. Warum es den Römern gelingt, eine zwar weiterhin fragile, im Vergleich zur Epoche des Hellenismus aber immerhin kontinuierliche Herrschaft im östlichen Mittelmeerraum zu errichten, wird von Scholz nicht mehr im Detail thematisiert. Bei ihm bleibt es bei einer Kritik des wesentlich auf die Person des Königs bezogene Staatsform der hellenistischen Reiche, in der jeder Herrscherwechsel, ja, sogar jeder militärische Erfolg letztlich zu einer immer erneuten Destabilisierung des gesamten internationalen Systems führen. Der Eindruck, der dem Leser bleibt, ist, dass es keinem der Nachfolger Alexanders gelungen ist, auch nur in Ansätzen die Idee zu einer Staatsform zu finden, die nicht wesentlich von dem Individuum an der Spitze und seiner Individualität abhängig ist. Im Primat der staatlichen Struktur über den Herrscher scheint eine der Pointen der Überlegenheit und des Erfolgs der Römer zu bestehen. Mag sein, dass dies die historische Lehre aus dem Chaos des Hellenismus ist.

Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. C. H. Beck Paperback 6153. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 352 Seiten. 16,95 €.

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland

Stein-Hoelkeskamp GriechenlandZur Ergänzung von Clives „1177 v. Chr.“ habe ich im Anschluss diesen kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum archaischen Griechenland, also der Zeit zwischen dem Ende der sogenannten Dunklen Jahrhunderte bis zum Beginn der Klassischen Zeit (ca. 800–500 v.u.Z.) gelesen. Die Autorin liefert bewusst keine geschlossene historische Erzählung der Epoche, sondern behandelt sie unter verschiedenen thematischen Aspekten, bei denen sie jeweils die schriftlichen und archäologischen Quellen nebeneinanderstellt und abgleicht.

Es beginnt mit einer kurzen Darstellung der Dunklen Jahrhunderte, deren Umfang in den letzten Jahrzehnten nicht nur bedeutend zusammengeschmolzen ist, sondern die sich inzwischen auch als bei weitem nicht so einheitliches Phänomen präsentieren, wie das noch zu meiner Studienzeit der Fall war. Zwar bleibt der allgemeine Niedergang der sogenannten mykenischen Palastkultur festzustellen, doch das übrige Griechenland bietet in dieser Zeit durchaus kein einheitliches Bild von Kulturverfall oder Isolation von der übrigen Welt des östlichen Mittelmeeres.

Es folgt eine knappe Behandlung der Frage, inwieweit sich in Homers Epen die Darstellung der fiktiven, heldischen Vorzeit und der rezenten Kultur zur Zeit der schriftlichen Fixierung der Epen mischen. Auch wird die Frage kritisch erörtert, wie wahrscheinlich es ist, dass für „Ilias“ und „Odyssee“ eine längere orale Tradierung existierte, bevor sie niedergeschrieben wurden. Anschließend wird die Lebenswelt des archaischen Griechenland anhand der Themenkomplexe Kolonisation, Polis, Bauern, Aristokraten, Tyrannis und Bürgerschaft aufgefächert. Im Zentrum jedes Abschnitts stehen konkrete Fallstudien, in denen für konkrete Orte das Bild der schriftlichen Überlieferung mit den archäologischen Befunden abgeglichen wird. Es entsteht auf diese Weise ein differenzierter Überblick der archaischen Griechen Kultur, Politik und Gesellschaftsstruktur. Der einzige Aspekt, der stets nur am Rande behandelt wird, ist der Krieg als zentrale Form der außenpolitischen Auseinandersetzung. Bis auf diesen einzigen Mangel fand ich die gesamte Darstellung exzellent und jeweils auf den Punkt. Es ist erfreulich zu sehen, dass inzwischen die eher märchenhaft gehaltenen Einführungen, die noch zu meiner Studienzeit durchaus gängig waren und die die Komplexität der antiken Welt prinzipiell verflachten, durch differenzierte und durchweg anspruchsvolle Darstellungen abgelöst wurden.

Das Buch ist in einer leicht akademischen Diktion geschrieben und zielt daher wohl eher auf Leser mit einer historischen oder archäologischen Vorbildung oder einem akademischen Hintergrund. Zahlreiche historische oder archäologische Begriffe werden schlicht als bekannt vorausgesetzt, so dass dem echten Laien das eine oder andere  Nachschlagen während der Lektüre nicht erspart bleiben dürfte. Der Band ist Auftakt einer insgesamt sechsteiligen „Geschichte der Antike“ (von der bis dato fünf Bände erschienen sind); es ist nicht unwahrscheinlich, dass der ein oder andere Band dieser Reihe hier noch besprochen werden wird.

Elke Stein-Hölkeskamp: Das archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer. C. H. Beck Paperback 6151. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 302 Seiten. 16,95 €.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr.

Cline-1177vChrEs ist bei populären wissenschaftlichen Sachbüchern eher selten der Fall, dass es ihr Autor wagt, das Wir wissen es nicht als die derzeit gültige Antwort auf ein Problem hinzustellen; umso angenehmer, wenn es einem dann doch hin und wieder begegnet. Eric H. Cline, Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington University, gibt in diesem Buch einen umfassenden Überblick über den derzeitigen Kenntnisstand zu Entstehung und Untergang der bronzezeitlichen Kulturen im östlichen Mittelmeerraum.

Mehr als 300 Jahre lang – von der Herrschaft der Hatschepsut ab ca. 1500 v. Chr. bis zum Zusammenbruch nach 1200 v. Chr. – war das Mittelmeer der späten Bronzezeit Schauplatz einer komplexen internationalisierten Welt, in der Minoer, Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitani, Kanaaniter, Zyprer und Ägypter miteinander interagierten. Es war eine kosmopolitische und globalisierte Welt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bis heute nur selten gegeben hat.

Cline macht einsichtig, wie sich über mehrere Jahrhunderte hinweg in diesem Gebiet zahlreiche Kulturen entwickelten und komplexe politische und ökonomische Beziehungen miteinander unterhielten. Er schildert dabei ausreichend detailliert und zugleich für den Laien nachvollziehbar, auf welche archäologischen Funde und schriftlichen Quellen sich unser momentanes Bild dieser Epoche stützt. Dabei findet stets eine ebenso zurückhaltende wie sichere Bewertung der vorgeschlagenen Deutungen der Artefakte statt: Cline nennt eine Spekulation eine Spekulation, eine Vermutung eine Vermutung und eine sichere Erkenntnis eine sichere Erkenntnis. Beim Leser entsteht so zugleich sowohl ein reiches Bild der bronzezeitlichen Welt im Großen als auch ein Bewusstsein davon, auf einer wie schmalen Grundlage von Funden bzw. Quellen dieses Bild basiert.

Das eigentliche Problem oder Rätsel der bronzezeitlichen Welt im Mittelmeerraum stellt aber ihr weitgehender Zusammenbruch im 12. Jahrhundert v.u.Z. dar, dem dann die sogenannten Dunklen Jahrhunderte folgen, bis – insbesondere in Griechenland – eine neue Kultur wieder archäologisch und historisch greifbar wird. Seit dem 19. Jahrhundert wird eine kontinuierliche, wissenschaftliche Diskussion über diesen Zusammenbruch der bronzezeitlichen Zivilisation(en) geführt, wobei dafür abwechselnd barbarische Eroberer (eine von den Griechen der klassischen Zeit selbst vertretene These; leider taugen die von ihnen angezeigten Dorer aufgrund der heute bekannten Faktenlage nicht als Täter), Naturkatastrophen (Erdbeben, Vulkanausbrüche), Klimawandel (Dürre), Hungersnöte, Seuchen (die einzige inzwischen wohl nicht mehr vertretene Erklärung, wenn man ihr Fehlen in Clines Buch als Indiz dafür nehmen darf) oder allgemein humane oder organisatorische Degenerationserscheinungen verantwortlich gemacht wurden.

Leider taugen alle diese Gründe nicht, um jeweils für sich allein den Untergang der Zivilisationen des östlichen Mittelmeerraums zu begründen. Die einzige tatsächlich fassbare Gruppe von Eroberern, die sogenannten Seevölker, deren genaue Herkunft und Zusammensetzung bis heute unklar sind, hat sicherlich einige Unruhe und Zerstörung verursacht, ist aber zu unbedeutend, um den ganzen Kulturraum zu destabilisieren. (Im titelgebenden Jahr 1177 v.u.Z. gab es eine Schlacht zwischen besagten Seevölkern und den Truppen des ägyptischen Pharaos Ramses III., in der die Ägypter siegreich blieben; ansonsten spielt das Jahr keine bedeutende Rolle im Buch und markiert höchstens symbolisch den Zeitpunkt des Untergangs der bronzezeitlichen Welt.) Auch hat es nachweislich in dieser Zeit Erdbeben, Trockenheit und Hungersnöte gegeben, doch auch mit ihren Folgen schien man in der Bronzezeit bereits einigermaßen umgehen zu können. Es wurde daher in den letzten Jahren vorgeschlagen, dass die bronzezeitliche Kultur einfach an sich selbst untergegangen ist: Sie soll so komplex geworden sein, dass es einer Reihe von Ereignissen, die jedes für sich genommen nicht ausgereicht hätten, den Untergang herbeizuführen, in der Kombination gelungen ist, das Gesamtsystem Bronzezeit zum Kollaps zu bringen. Es ist Cline hoch anzurechnen, dass er diese Theorie wie folgt einordnet:

Trotz allem kann es auch sein, dass wir mit der Komplexitätstheorie zur Analyse der Ursachen des Kollapses der Spätbronzezeit lediglich einen wissenschaftlichen (möglicherweise sogar pseudowissenschaftlichen) Begriff auf eine Situation anwenden, über die wir schlichtweg nicht genügend wissen, um überhaupt irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Wer sich einen Überblick über die Hochzeit der Zivilisation des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens in der späten Bronzezeit verschaffen will, dem sei dieses inhaltlich hervorragende, sehr gut lesbare Buch unbedingt empfohlen. Selbst demjenigen, der sich in der Welt der griechischen und ägyptischen Bronzezeit schon einigermaßen auskennt, bietet der präzise und ausgewogene Überblick über die Faktenlage, den Cline liefert, ein so konzises Bild dieser Epoche, wie es sich derzeit geben lässt. Eine der besten Einführungsdarstellungen überhaupt, die ich seit langem gelesen habe.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Darmstadt: Theiss, 2015. Pappband, 336 Seiten. 29,95 €.

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution

Sämtliche Revolutionen beruhen zum Teil auf Mythen.

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Orlando Figes, ein renommierter, auf Russland spezialisierter Historiker, möchte auch vom Jubiläum der Oktoberrevolution im Jahr 2017 profitieren und legt mit diesem Buch etwas vorzeitig eine kurze, auf eine breite Leserschaft zielende Darstellung der Entwicklung der Sowjetunion unter Lenin und Stalin vor. Um das Buch dem Anlass anzupassen und für den Markt attraktiv zu machen, wird es zur Geschichte einer einhundert Jahre andauernden Revolution zwischen 1891 (einem russischen Hungerjahr) und 1991 (dem Ende der Sowjetunion) aufgepeppt, unabhängig davon, ob es solch einen konstanten revolutionären Prozess tatsächlich gegeben hat oder nicht.

Das Buch gehört trotz seinem vergleichsweise geringen Umfang in die Kategorie „viel Soße, wenig Fleisch“. Die detailliertere Darstellung der Russischen Revolutionen beginnt mit den Ereignissen im Jahr 1905 und endet im wesentlichen mit Stalins Tod im Jahr 1953 (diese 48 Jahre nehmen etwa 260 der knapp 360 Seiten des Buches in Anspruch). Schon zur Ära Chrustschows weiß Figes kaum noch etwas zu sagen, das über eine Klippschulgeschichte hinausgehen würde. Da er sich zudem weitgehend auf das innenpolitische Geschehen der UdSSR beschränkt, entstehen am Rande Perlen der Geschichtsschreibung wie diese:

Nach dem amerikanischen Versuch, Castros Regierung im April 1961 durch die Schweinebucht-Invasion zu stürzen, begann Chrustschow, der gelobt hatte, Castros Revolution mit Sowjetraketen zu verteidigen, atomare Gefechtsköpfe in unmittelbarer Nähe der USA auf Kuba installieren zu lassen. Damit hatte er jedoch sein Blatt überreizt: Die Raketen wurde von CIA-Spionageflugzeugen entdeckt, und dreizehn Tage lang stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg, bis Chrustschow im Oktober 1962 schließlich einlenkte und sich bereit erklärte, die Raketen aus Kuba abzuziehen. Diese Demütigung besiegelte seinen Niedergang und das Ende der Reformen. (S. 311 f.)

Andererseits kann man froh sein, dass die Kuba-Krise überhaupt erwähnt wird und nicht wie etwa der Korea-Krieg oder das komplexe und spannungsreiche Verhältnis der UdSSR zur VR China schlicht unter den Tisch fällt.

Wer wenig Ahnung von Geschichte hat und sich für die Entstehung und die ersten gut drei Jahrzehnte der Sowjetunion unter Lenin und Stalin interessiert, ist mit dem Buch vielleicht gut bedient; allerdings ist man nach der Lektüre einiger Artikel aus der Enzyklopædia Britannica oder auch der Wikipedia wohl besser und konziser informiert. Für alle anderen ist die Lektüre des Buches wohl eher Zeitverschwendung; dass der Autor zudem zu Platituden, wie der oben als Motto zitierten, neigt, hat mir die Lektüre des Buches zusätzlich verleidet. Schade um das Geld und die Zeit.

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin: Hanser Berlin, 2015. Pappband, Lesebändchen, 383 Seiten. 26,– €.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora

«Dann muss Deutschland eben zugrunde gehen!»
Erich Ludendorff
«Das wird unser böses Erbe sein, oder unser gutes Erbe, auf jeden Fall unser unwiderrufliches Erbe – und wir werden für immer an unsere Erinnerungen gekettet sein.»
Paolo Monelli

Leonhard-BuechseMit „Die Büchse der Pandora“ legt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard die wohl umfassendste Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs vor, die bislang verfasst wurde. Dies nicht nur im Sinne der 1014 Seiten, die seine Schilderung füllt, sondern besonders auch was deren Breite angeht. Während Herfried Münkler in seinem Buch „Der Große Krieg“ einen Schwerpunkt auf die militärischen Operationen und die deutsche politische Perspektive des Krieges legt, bezieht Leonhard auch die Entwicklungen an der sogenannten Heimatfront aller großen Kriegsteilnehmer kontinuierlich mit ein. Münklers und Leonhards Bücher liefern daher zusammen so etwas wie eine nahezu ideale Geschichte des Ersten Weltkriegs, wenn man sich der Mühe unterzieht, beide umfangreichen Bücher zur Kenntnis zu nehmen. Zusammen mit Christopher Clarks minutiöser Vorgeschichte „Die Schlafwandler“ ergibt sich ein Gesamtbild des Geschehens von bislang wohl nicht erreichter Genauigkeit sowohl im Detail, als auch, was die großen Zusammenhänge angeht.

Der Titel von Leonhards Buch geht auf die nette Anekdote zurück, dass die Kinder von Thomas Mann (der nach meinem gänzlich unmaßgeblichen Geschmack mit seinen Meinungen im Buch etwas zu präsent ist) Ende Juli 1914 zusammen mit Nachbarskindern die Aufführung eines mythologischen Stücks „Die Büchse der Pandora“ nach Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ planten, die Generalprobe am 1. August aber vom Kindermädchen der Familie Mann mit der Mitteilung abgebrochen wurde, dass der Krieg ausgebrochen und deshalb an eine Aufführung nicht mehr zu denken sei; die Büchse der Pandora war bereits an anderer Stelle geöffnet worden.

Leonhard nimmt, wie oben bereits gesagt, die nicht unerhebliche Mühe auf sich, neben der militärischen und politischen Entwicklung auch immer die gesellschaftlichen Veränderungen der großen, kriegsteilnehmenden Gesellschaften zu schildern. Die Haltungen und Handlungen der Kleinbürger und Arbeiter sowie der Gewerkschaften, das Schicksal von Minderheiten und feindlichen Ausländern, die Dynamik in multiethnischen Gesellschaften – nicht nur der Österreich-Ungarns und denen des Balkans, sondern auch der USA – nehmen einen erheblichen Teil der Darstellung ein. Leonhard wählt dabei allerdings mit den Kalenderjahren der Kriegszeit ein chronologisch so großschrittiges Ordnungsprinzip, dass dem Leser an vielen Stellen ein erhebliches Erinnerungsvermögen abgefordert wird, wenn er alle geschilderten Ereignisse und Zustände in eine korrekte chronologische Ordnung zueinander bringen will. Es ist Leonhard dabei allerdings zugute zu halten, dass jede andere Anordnung der Fülle an historischem Material, die er präsentiert, wahrscheinlich zu nicht geringeren Problemen geführt haben würde.

Leser, die zuvor Münklers Buch gelesen haben, könnten sich im Vergleich auch an dem deutlich akademischeren Stil Leonhards stören, der dem historischen Laien sicherlich ein wenig Gewöhnung abverlangt. Auch setzt Leonhard deutlich mehr historisches Vorwissen voraus als Münkler oder Clark; die Zielgruppe von Leonhards Buch ist eindeutig eine andere. So mühsam es auch scheint, kann daher dem historischen Laien oder demjenigen, der sich in diese Zeit überhaupt erst einarbeiten will, nur die Lektüre aller drei Bücher angeraten werden: Clark, Münkler, Leonhard, und wohl am besten in dieser Reihenfolge (zusammen knapp 3.000 Seiten!).

Leonhard führt im Gegensatz zu Münkler seine Geschichte des Ersten Weltkriegs zudem über den 11. November 1918 fort, mit dem wichtigen Hinweis, dass dieses Datum nur das Ende der Kampfhandlungen im Westen markiert, während sich im Osten Europas und im Nahen Osten an den Großen Krieg nahtlos andere Kriege und Bürgerkriege anschlossen, die bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und darüber hinaus reichen, ja, dass einige der heutigen sogenannten Krisenregionen erst durch die Entscheidungen der Großmächte während des Ersten Weltkriegs konstituiert wurden. Auch weist Leonhard immer wieder darauf hin, dass zahlreiche Kolonialgebiete mit ihrer Teilnahme am Großen Krieg die Hoffnung auf nationale Souveränität oder zumindest größere politische Einflussnahme verbunden hatten, Erwartungen, die nach dem Ende des Krieges in Westeuropa nicht erfüllt wurden und so als internationales Konfliktpotenzial mit dem Krieg erst geschaffen wurden und nach ihm in oft zunehmend brisanter Weise fortbestanden. Auch wird in Leonhards Darstellung klar, wie der Erste Weltkrieg bereits die komplexen Grundlagen für den Zweiten liefert, ohne dass der Autor der bei einigen Historikern zuletzt beliebten Lesart von einem zweiten 30-jährigen Krieg (1914–1945) beitreten würde.

Wer nur die Zeit für eine große Darstellung des Ersten Weltkriegs aufbringen kann oder möchte, dem sei Leonhards Buch als die umfassendste empfohlen, allerdings eben mit dem Hinweis, dass seine an einigen Stellen recht kompakte Darstellung einiges an historischem Vorwissen fordert.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München: Beck, 2014. Leinen, Lesebändchen, 1157 Seiten. 38,– €.

Zweimal Buschkowsky

Es wird wohl so sein, dass es klügere Menschen als mich gibt.

Buschkowsky-Neukoelln„Wer ein Buch schreiben will,“ heißt es bei Arno Schmidt, „muß viel zu sagen haben : meistens mehr, als er hat.“ Das gilt umso mehr, wenn einer zwei Bücher schreiben will. Heinz Buschkowsky hat im Nachgang der Aufgeregtheiten um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) mit großem Erfolg ein Buch verfasst, in dem er als Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln seine Erfahrungen mit Migranten und der Integration thematisierte: „Neukölln ist überall“ (2012). Angetrieben vom Erfolg dieses Buches und sicherlich auch vom Verlag, der weitere fette Beute witterte, hat er zwei Jahre später einen weiteren Band unter dem Titel Buschkowsky-Gesellschaft„Die andere Gesellschaft“ folgen lassen. Es ist mehr als angemessen diese beiden Bücher in einer Rezension zu besprechen, denn im Wesentlichen sagt das zweite Buch nichts anderes als das erste, es sagt es bloß ein wenig anders und mit anderen Beispielen illustriert. Da sich bereits das Original in Wiederholungen erging, ist man gut beraten, sich das Geld für das zweite Buch (wenn nicht überhaupt für beide) zu sparen, so wie man sich ja auch nicht die zweite Nummer derselben Tageszeitung vom selben Tag kauft. Normalerweise lese ich solche auf ein eher breites Publikum zugeschnittenen, politischen Sachbücher nicht, aber in diesem Fall gab es einen sehr äußerlichen Anlass, mich mit den Büchern zu befassen.

Buschkowsky hat die angenehme Eigenschaft, dass er nicht gegen Einwanderung ist, sie im Gegenteil angesichts der mangelnden Reproduktionsbereitschaft der Deutschen für eine Notwendigkeit hält, um auch zukünftig in Deutschland den Lebensstandard und die Sozialsysteme wenigstens einigermaßen aufrecht zu erhalten. Die Probleme, die Buschkowsky in seinen Büchern schildert, sind also Probleme, die – so sie denn tatsächlich in bedeutendem Umfang bestehen sollten – notwendig durch einen Prozess der Integration gelöst werden müssen, da sie nicht durch eine Isolation Deutschlands gegenüber den Problemgruppen und ihren Herkunftsländern gelöst werden können. Integration oder vielleicht auch nur ein schlichtes Auskommen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – Buschkowsky möchte gern von Parallelgesellschaften sprechen, weil das die Sache dramatischer klingen lässt – miteinander ist also eine wichtige Voraussetzung für das zukünftige Funktionieren Deutschlands.

Buschkowsky ist auch alles andere als ein Panikmacher: Er kennt und benennt Beispiele gelungener Integration, bestreitet auch nicht, dass diese gar nicht so selten sind wie Xenophobe das gern hätten, sondern meint eben nur, so solle es immer gehen. Als Bürgermeister von Neukölln aber hatte er in der Hauptsache mit den eher schwierigen oder auch nicht gelingenden Fällen von Integration zu tun. Dabei liegt das Hauptgewicht seiner Darstellung auf Konflikten mit muslimischen Zuwanderern, einerseits türkischer, andererseits arabischer Herkunft. An dieser Stelle beginnen für den intelligenteren Leser nun die Schwierigkeiten: Buschkowskys Denken neigt sehr zur Vereinfachung komplexer Sachverhalte, zu pauschalisierenden Schwarzweiß-Malereien und geradlinigen Schuldzuweisungen. Verantwortlich für den Großteil der Schwierigkeiten, die die deutsche, bürgerliche Gesellschaft mit den muslimischen Migranten hat, ist eine Gruppe, die bei Buschkowsky Unterschicht heißt. Diese muslimische Unterschicht (ob es auch eine christliche Unterschicht gibt, erfahren wir nicht explizit, es wird aber auch nicht ausgeschlossen) zeichnet sich im Wesentlichen durch folgende Eigenschaften aus: Hartz-IV-Bezug (deshalb auch immer kinderreich), trotzdem in umfangreichem Besitz teurer Konsumgüter (Autos, Unterhaltungselektronik), bildungsfern, unzureichend Deutsch sprechend, desinteressiert an der Schulkarriere der eigenen Kinder, patriarchalisch organisiert, Frauen und Kinder schlagend, friedliche, besonders ältere Bürger verschreckend, die Polizei missachtend und einer archaischen Religion (Islam) und barbarischen Traditionen (Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Kriminalität und Bezug von Sozialleistungen) anhängend, um nur die schlimmsten zu nennen. Buschkowsky gibt sofort zu, dass nicht alle Muslime so sind, auch dass es „biodeutsche“ (das ist inklusive der Anführungszeichen der von ihm verwendete Terminus) Mitglieder der Unterschicht gibt, auf die einiges aus dem oben angeführten Katalog zutrifft, aber im Großen und Ganzen stimmt es eben doch.

Zum Glück gibt es ein Rezept gegen diese Unterschicht: verpflichtenden Ganztagesunterricht ab dem Kindergartenalter! Zwar sind die Schulen bereits jetzt mit den Kindern der Unterschicht überfordert, aber wenn man nur den Einfluss der religiösen, mittelalterlichen und gewalttätigen Unterschicht-Väter, die zwar ihre Kinder gern schlagen, sich aber sonst nicht weiter um sie kümmern, reduzieren kann, wird bald alles gut werden. Für die, bei denen das dennoch nicht klappt, verschärft man das Jugendstrafrecht, um Schulschwänzern und Serientätern konsequent zu zeigen, was sie sich in einer freiheitlichen Gesellschaft einhandeln, wenn sie nicht so wollen, wie es ihnen die Erfinder und Bewahrer der herrlichen Freiheit vorschreiben.

An zwei Stellen steht Buschkowsky gefährlich nah vor einer wirklichen Einsicht, kann aber den letzten Schritt glücklich vermeiden: Zum einen stellt er verwundert fest, dass in Glasgow Muslime und Nicht-muslime ganz entspannt nebeneinander leben; auch erwähnt er den Umstand, dass es dort eine sehr lange Tradition des Zusammenlebens gibt, zieht aber keine weiteren Schlüsse daraus. Noch einmal begegnet ihm das Phänomen in gewandelter Form, als er über die Italiener in Deutschland nachdenkt:

Ein Phänomen sind die Italiener. Sie gelten in der soziologischen Forschung und Integrationsbetrachtung als eine recht schlecht integrierte Volksgruppe. Auch italienischen Eltern sagt man nach, dass sie über die gleichen erzieherischen Unarten verfügen wie problembeladene türkisch- oder arabischstämmige Eltern. Sie kümmern sich nur nachlässig um ihre Kinder, insbesondere wenn es um die Schule geht. Sie gelten als bildungsfern und haben auch Probleme mit der Berufsqualifikation. Trotzdem ist die italienische Bevölkerung [er meint den italienischstämmigen Teil der deutschen Bevölkerung], pauschal betrachtet, durchaus beliebt. Man sieht ihnen fast alles nach, denn »Italiener sind halt so«.

Dies ist die Stelle, wo man den Kopf einschalten müsste, und sich zum Beispiel zu fragen, ob das immer schon so war. (Als Kind aus einer italienisch-deutschen Partnerschaft kann ich versichern, dass das nicht immer so war.) Und man könnte versuchen herauszufinden, wie sich das Bild der Italiener in Deutschland seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gewandelt hat und wie und wann ihre Stellung als gesellschaftliche Parias auf die Türken übergegangen ist. Stattdessen liefert Buschkowsky folgende Erklärung:

Irgendwie [sic!] muss die Schönheit des Heimatlandes und die Urlaubstradition ein Höchstmaß an Empathie bewirken. So betrachtet, macht das für die Türkischstämmigen Hoffnung.

Wenn nur die Türkei ein bisserl schöner wäre …

Ich will es dabei belassen – es ist ohnehin schon zu lang geworden – und nicht noch die Begrifflichkeit Buschkowskys im einzelnen betrachten und fragen, was denn zum Beispiel „bildungsfern“ genau bedeuten soll. Ist einer schon bildungsfern, der einen Satz wie diesen schreibt:

Die Chinesen sagen nicht umsonst: »Du kannst nicht Diener zweier Herren sein.«

Aus meiner Sicht ist das ziemlich bildungsfern, aber wer bin ich, so etwas zu beurteilen.

Zwei sehr redundante Bücher voller oberflächlicher Urteile, Schwarzweiß-Zeichnungen, harscher Rhetorik, schiefer Analysen und mangelnder Selbstreflexion. Heinz Buschkowsky ist mit seinen Büchern nicht auf dem Weg zu einer Lösung, er ist selbst ein Teil der Integrationsproblematik dieses Landes.

Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall. Berlin: Ullstein, 92012. Pappband, 399 Seiten. 19,99 €.

Ders.: Die andere Gesellschaft. Berlin: Ullstein, 2014. Pappband, 302 Seiten. 19,99 €.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Einmal mehr zeigt sich hier die Tendenz, die in der Argumentation so vieler Akteure in der Krise zu beobachten ist: nämlich sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der unter unwiderstehlichen externen Zwängen handelt, während die Verantwortung für die Entscheidung über Krieg und Frieden eindeutig dem Gegner aufgebürdet wird.

Clark-SchlafwandlerChristopher Clark, der als Historiker in Deutschland wegen seiner konzisen Biographie Wilhelms II. bekannt sein sollte, es aber wohl eher wegen der verschnarchten „Deutschland-Saga“ des ZDF ist, hat zeitig zu den 100-Jahr-Gedenktagen zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine umfangreiche Studie zu den Vorbedingungen vorgelegt, die den Ausbruch des Krieges ermöglicht und befördert haben. Das Buch ist in den Feuilletons ausgiebig besprochen worden, in der Hauptsache deshalb, weil sich Clark der traditionellen Schuldfrage konsequent entzieht und an ihre Stelle eine Darstellung und Analyse der Akteure und Umstände in allen kriegsbeteiligten Nationen setzt.

Clarks Darstellung ist in drei Teile gegliedert: Der erste stellt ausführlich die politische Situation in Serbien nach dem gewaltsamen Umsturz im Jahr 1903 bis ins Jahr 1914 dar: Der alte König Aleksandar Obrenović wird zusammen mit seiner Frau ermordet und durch eine deutlich schwächere Figur – Petar I. Karađorđević – ersetzt, Teile des Militärs, die sich zudem noch in Geheimbünden organisieren, übernehmen hinter den Kulissen die Macht und das nationale politische Programm kreist im Wesentlichen um den Gedanken eines Großserbiens, für dessen Verwirklichung Österreich-Ungarn eines der Haupthindernisse darstellt. Der zweite Teil beschreibt für denselben Zeitraum die internationale und besonders die Lage der europäischen Teilnehmer am späteren Großen Krieg: den wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg Russlands, der von allen anderen europäischen Großmächten zudem noch deutlich überschätzt wird, den scheiternden Versuch Deutschlands, Frankreich international zu isolieren, die erfolgreiche Bündnispolitik der Franzosen, die sich Russland als natürlichen Verbündeten gegen Deutschland verpflichten können und Serbien als Gegner Österreich-Ungarns auf dem Balkan fördern, die schwankende und sich nach allen Richtungen absichern wollende Politik der Engländer, das mit seinen internen strukturellen Problemen kämpfende Österreich-Ungarn usw. usf. In diesem Teil wird auch die Entwicklung des 1. und 2. Balkankrieges und deren Folgen beschrieben, die Verwerfungen der Staaten auf dem Balkan untereinander und als Folge der schwindenden Macht des Osmanischen Reiches. Der dritte Teil schließlich widmet sich detailliert dem Attentat von Sarajevo und der daraus folgenden Juli-Krise.

Das erste, was man wohl hervorheben muss, ist Clarks unglaublicher Fleiß und seine umfassende Kenntnis der historischen Lage und Akteure. Trotz der äußerst komplexen Sachverhalte, die Clark vermitteln muss, ist seine Darstellung immer klar strukturiert; die aufgrund der Aufteilung des Buches unvermeidlichen Redundanzen sind auf ein Mindestmaß beschränkt; alle zentralen Akteure werden auch an jenen Stellen verständlich, an denen sie sich auf den ersten Blick inkonsequent und selbstwidersprüchlich zu verhalten scheinen. Clark erzeugt im Leser die Illusion, er könne die Vernünftigkeit des Weltgeistes, die konsequent in das erste ungeheuerliche Gemetzel des 20. Jahrhunderts geführt hat, wenigstens für einen Augenblick begreifen. Dass dies notwendig eine Illusion ist, weiß Clark natürlich selbst:

Selbst wenn wir annehmen, dass kompakte Exekutiven mit einer einheitlichen und kohärenten Zielsetzung die Außenpolitik der europäischen Mächte vor dem Krieg formulierten und steuerten, wäre die Rekonstruktion der Beziehungen unter ihnen dennoch eine beängstigende Aufgabe, wenn man bedenkt, dass man die Beziehung zwischen zwei Mächten nie ganz verstehen kann, ohne auf die Beziehungen zu den anderen zu verweisen. Doch im Europa der Jahre 1903 bis 1914 war die Wirklichkeit sogar noch komplexer, als das »internationale« Modell vermuten lässt. [S. 315]

Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Aber sie war darüber hinaus multipolar und wahrhaft interaktiv – genau das macht sie zu dem komplexesten Ereignis der Moderne, und eben deshalb geht die Diskussion über den Ursprung des Ersten Weltkrieges weiter, selbst ein Jahrhundert nach den tödlichen Schüssen Gavrilo Princips an der Franz-Josephs-Straße. [S. 717]

Das Buch ist für das Verständnis des Prozesses, der zum Ersten Weltkrieg geführt hat, unverzichtbar; nach seiner Lektüre lässt sich weder die Frage nach der Kriegsschuld, noch die nach der Unvermeidlichkeit des Krieges noch sinnvoll stellen: Selbst ein so zögerlicher und eigentlich unwilliger Kriegsteilnehmer wie Großbritannien, das noch die besten Bedingungen dafür auswies, dem Großen Krieg auszuweichen, sieht sich schließlich dazu genötigt, dem allgemeinen Gang der Dinge nachzugeben und sich auf ein Unternehmen einzulassen, das am Ende aller politischen und militärischen Vernunft Hohn sprechen sollte. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich ernsthaft mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, selbst für jene, die seiner grundsätzlichen These von der überbordenen Komplexität des Prozesses prinzipiell skeptisch gegenüberstehen.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. München: DVA, 2013. Pappband, 895 Seiten. 39,99 €. (Es liegt inzwischen auch schon eine broschierte Ausgabe vor.)

P. S.: Die gleichnamige Romantrilogie Hermann Brochs, von der ich vermutete, sie habe zur Wahl des Titels geführt, scheint Clark gar nicht zu kennen; jedenfalls wird sie weder zitiert, noch im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Herfried Münkler: Der Große Krieg

Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei, und die von Hegel in seiner Vorrede zur Rechtsphilosophie apostrophierte «Eule der Minerva» inspiziert eine Landschaft, in der die mit den Ursachen und dem Verlauf des Ersten Weltkriegs befasste Forschung inzwischen ihr Grau in Grau malt. Eindeutige Antworten sind dadurch ebenso unmöglich geworden wie eindeutige Schuldzuweisungen.

Muenkler_KriegHerfried Münklers Geschichte des Ersten Weltkrieges ist die erste von mindestens drei großen Darstellungen des Ersten Weltkriegs, die ich in diesem Jahr zu lesen vorhabe (Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ und Jörn Leonhards „Die Büchse der Pandora“ sollen folgen). Münkler ist zwar Politologe, hat sich aber schon in zahlreichen anderen Veröffentlichungen mit spezifisch historischen Themen beschäftigt, so dass dieses Buch keine wirkliche Überraschung darstellt.

Das Schwergewicht von Münklers Darstellung liegt auf dem Kriegsverlauf im militärischen Sinne (ohne dass sein Buch zu einer Militärhistorie im engeren Sinne wird), also der Entwicklung der Operationen, den Motiven der jeweiligen militärischen Führungen, den Bedingungen, unter denen an den diversen Fronten gekämpft wurde, den Auswirkungen von Siegen und Niederlagen für die den Krieg betreibenden Nationen. Außerdem kreist Münklers Erzählung des Kriegsverlaufes in der Hauptsache um das Geschehen im Deutschen Reich bzw. Einflussbereich, so dass der Untertitel „Die Welt 1914–1918“ vielleicht ein wenig in die Irre führen könnte.

In diesen von Münkler selbst gewählten Grenzen ist sein Buch, soweit ich das beurteilen kann, tadellos. Sicherlich kann man sich über Einzelheiten streiten, etwa über die genaue Rolle, die die politische Führung des Reiches in der Juli-Krise gespielt hat, also ob es tatsächlich so war, dass der Wille zum Krieg im Wesentlichen von den Militärs gegen die Regierung durchgesetzt wurde, aber insgesamt informiert Münkler exzellent über das Geschehen und liefert eine überzeugende Deutung, wie aus dem Anlass von Sarajevo ein nicht mehr zu begrenzender europäischer Krieg geworden ist.

Der Frage nach der Kriegsschuld weicht Münkler zu Recht aus, oder anders gesagt: Er zeigt auf, dass diese Frage falsch gestellt ist. Münkler macht deutlich, dass im Denken der Führung des deutschen Militärs und zumindest auch eines bedeutenden Teils der Politiker ein Krieg als eine unausweichliche Folge der geopolitischen Lage verstanden wurde, den es je eher, je besser auszukämpfen galt. Hinzukommt bei allen späteren Kriegsteilnehmern das Phänomen, dass man einen politischen „Gesichtsverlust“ und damit eine Einbuße von Einfluss auf das internationale politische Geschehen befürchtete, wenn man in der Juli-Krise keine Stärke bewies. Hinzukommen konkrete machtpolitische Konflikte auf dem Balkan, auf dem die k.u.k. Monarchie ihren Führungsanspruch und damit indirekt auch ihren Anspruch, als eine europäische Großmacht begriffen zu werden, massiv in Frage gestellt sah. Am Ende lassen sich alle Teilnehmer mehr oder weniger darauf ein, dass dies eben eine  günstige Gelegenheit ist, die anliegenden politischen Konflikte mit dem bewährten Mittel eines Krieges zu klären, um wenigstens zu einem neuen politischen Gleichgewicht zu gelangen. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass die meisten der Entscheider in Militär und Politik tatsächlich der Überzeugung waren, dass der Krieg innerhalb von fünf Monaten wieder beendet sein würde.

Zuzustimmen ist Münkler jedenfalls in der Einschätzung, dass der Regierung Bethmann Hollwegs spätestens mit Ausbruch des Krieges die eigentliche politische Führung des Deutschen Reiches von einer Allianz aus Kaiser und Militär aus der Hand genommen wurde und später allein in die Hände der Obersten Heeresleitung geraten ist. Erst mit dem Eingeständnis der Unmöglichkeit, den Krieg noch weiterzuführen, wird die politische Macht wieder den zivilen politischen Akteuren übergeben, die damit vor die Aufgabe gestellt werden, die innen- und außenpolitischen Folgen des ersten Versuchs eines „absoluten Krieges“ wenigstens einigermaßen in den Griff zu bekommen. So ist für Münkler weniger die Kriegsschuldfrage wichtig als vielmehr die, warum es nicht  gelingen konnte, den Krieg zu einem deutlich früheren Zeitpunkt zu beenden. Ihm ist wohl zuzustimmen, dass dies wesentlich auch an der strukturellen Machtlosigkeit der deutschen Politik vor der Allianz von Kaiser und Militärs liegt.

Was man in Münklers Darstellung vermissen kann, ist die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Folgen dieses Krieges. Zwar werden alle wichtigen Phänomene kurz angerissen, auch ist Münkler in seiner These zuzustimmen, dass der Erste Weltkrieg das Ende der bürgerlichen Kultur im engeren Sinne bedeutet, aber alle daraus resultierenden Folgen bleiben bei Münkler ausgeblendet. Auch die gesellschaftlichen Unruhen in Deutschland gegen Kriegsende kommen eher am Rande vor, soweit es sich nicht um militärische Ereignisse (Kampfstreiks, Meutereien etc.) handelt. Hier hätte zumindest ich mir eine etwas andere Gewichtung gewünscht; aber man darf nicht alles, von einem einzigen Buch erwarten.

Hinzuzufügen ist, dass Münklers Buch auffallend angenehm zu lesen ist. Seine Erzählung ist in allen Teilen klar strukturiert, und ihm gelingt es, auch komplexe Vorgänge systematisch aufzuarbeiten und in den Zusammenhängen deutlich zu machen. Das Buch schöpft aus einer beeindruckenden Quellenkenntnis, die weit über den Rahmen dieses konkreten Buches hinausgeht. Alles in allem eine beeindruckende Geschichte des Ersten Weltkrieges vom Attentat in Sarajevo bis zum Waffenstillstand vom 11. November 1918, wenn ihre Lektüre allein auch nicht ausreicht, die komplexen Umbrüche in der europäischen Kultur, die er hervorbringt, auch nur annähernd zu begreifen. Sie bietet aber ein solides Rückgrat für jede weiterführende Lektüre.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918. Berlin: Rowohlt Berlin, 2013. Pappband, Lesebändchen, 924 Seiten. 29,95 €.