Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann

edmons_fischer Das Elend mit diesem Buch beginnt schon beim Titel: Aus dem englischen Bobby Fischer Goes to War (also: »Bobby Fischer zieht in den Krieg«) macht der deutsche Verlag den oben angeschriebenen Titel. Man versucht damit wahrscheinlich, das Buch denjenigen Lesern zu empfehlen, die schon das vorangegangene Opus des Autorenteams David Edmonds und John Eidinow, Wittgenstein’s Poker, gekauft hatten, das bei der DVA den Titel Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte trägt. Nun vertreten die beiden Autoren im Buch leider einen Standpunkt, der dem gewählten Titel ausdrücklich widerspricht:

Tatsächlich war der Weltmeisterschaftskampf keineswegs eine Verkörperung des Ost-West-Konfliktes, sondern fiel zeitlich genau in die Hochblüte der Entspannungspolitik. […] Obwohl nahezu alle westlichen Darstellungen des Fischer- Spasski-Kampfes die Ereignisse in weltpolitische Zusammenhänge rücken, sind sie in dieser Hinsicht seltsam irreführend. [S. 358]

Und genau in diese als irreführend bezeichnete Darstellungslinie ordnet der deutsche Titel das Buch ein. Allerdings ist es auch verständlich, dass sich in der Marketing-Abteilung der DVA keiner bereit fand, das Buch bis dorthin zu lesen. Das ist wesentlich auch der Übersetzung zuzuschreiben:

Fischers taktische Meisterleistung gegen Donald Byrne (den Bruder von Robert) wurde umgehend, auch wenn es vielleicht etwas übertrieben war, als die beste Einzelpartie des Jahrhunderts bezeichnet. Sein Spiel war ein beeindruckendes Kunstwerk, vielschichtig und komplex, mit kühner Weitsicht, und es machte in der Schachwelt Furore. Der Internationale Meister Bob Wade meinte, daß die Partie mit dem siebzehnten Zug, bei dem Fischer (Schwarz) einen Läufer zurücknahm, Le6, und den Angriff auf seine Königin übersah, auf eine »unsterbliche Ebene« gehoben wurde. Tatsächlich hatte Fischer keine vernünftige Alternative zu Le6, da jeder andere Zug zu seiner Niederlage geführt hätte, doch die Schnelligkeit, mit der die Stellung seines Gegners danach zusammenbrach, kam für Schachliebhaber trotzdem fast einem Wunder gleich. Schon beim fünfundzwanzigsten Zug war unübersehbar, daß Byrnes Figuren in einer erbärmlichen Unordnung waren. [S. 22 f.]

Mag man diese und ähnliche Stellen noch den Übersetzern zur Last legen wollen (was ist eigentlich so schwierig daran, ein Buch vor der Drucklegung einem Schachspieler mit einem etwas ausgeprägteren Stilgefühl zur Lektüre anzudienen, um wenigstens solch dilettantische Passagen wie die oben zitierte zu vermeiden?), zeigen andere die Inkompetenz und Geschwätzigkeit der Autoren auf:

Bei ihrer Einzelpartie [in Mar del Plata, 1960] spielte Spasski (Weiß) das Königsgambit, eine ungestüme Eröffnung, bei der Weiß einen Bauern opfert, um die Brettmitte zu beherrschen und die wichtigsten Figuren rasch einsetzen zu können. (Die Eröffnung gilt inzwischen als unvorteilhaft: Bei präzisem Spiel von Schwarz gewinnt Weiß praktisch keinen Ausgleich für den Verlust des Bauern.) [S. 29]

In jedem Gambit wird ein Bauer geopfert; das Wort Gambit meint nichts anderes. Und in jeder Eröffnung geht es darum, die Brettmitte zu beherrschen und die Figuren rasch zur Wirkung zu bringen. Und das Königsgambit galt schon damals bei den meisten Schachspielern als riskante Eröffnung, in der Weiß eher auf Ausgleich spekuliert, als ihn sicher zu erreichen. Die Wahl des Königsgambits durch Spasski besagt eher etwas über seine Einschätzung des jungen Fischer, als es eine Aussage über die Qualität der Eröffnung macht.

Die Eröffnung [die Sizilianische Verteidigung], eine Spezialität des Sizilianers Gioacchino Greco, der im siebzehnten Jahrhundert lebte, wird in dem sowjetischen Film Schachfieber aus dem Jahre 1925 erwähnt, bei dem mit José Capablanca ein echter Weltmeister mitspielte. Die Ehe eines Paars droht auseinanderzugehen, weil der Ehemann schachbesessen ist. Schließlich findet das Paar doch noch sein Glück, da die Frau den Zauber des Spiels schätzen lernt. Ihr letzter Satz, unmittelbar vor der Schlußszene, die mit einem Kuß endet, lautet: »Schatz … laß uns die Sizilianische Verteidigung probieren.« [S. 259 f.]

Einmal abgesehen davon, dass dieser Und-das-wissen-wir-auch-noch-Unsinn nahezu die einzige Erläuterung der beiden Autoren zu Fischers meistgespielter Eröffnung darstellt, könnte man wenigstens durch kurzes Nachschlagen in Erfahrung bringen, dass sich Gioachino Greco nur mit einem »c« schrieb und dass die Sizilianische Verteidigung zwar durch Greco benannt, aber schon vor dessen Geburt, spätestens von Giulio Cesare Polerio in die Praxis eingeführt worden war. Außerdem könnte man die kleine Höflichkeit besitzen, den Schachweltmeister von 1921–1927, José Raúl Capablanca, mit seinen beiden Vornamen zu benennen. Was der Rest dieser Passage in dem Buch verloren hat, bleibt völlig unerfindlich. Aber weiter geht’s:

Bei Zug sechzehn [der vierten Partie des WM-Kampfes 1972] brachte Fischer unklugerweise ein Bauernopfer, wonach Spasskis beide Läufer das Brett praktisch in Beschlag nahmen, indem sie die langen Diagonalen kontrollierten. Wenn es dem Weltmeister im komplexen Mittelspiel gelungen wäre, Raum für einen vermeintlich sinnlosen Zug mit seinem Turm zu finden, hätte er Weiß (Fischer) zwingen können, einen Bauern vorzuziehen. Und dieser Bauer hätte anschließend den Fluchtweg blockiert, über den Fischer entkommen konnte. [S. 260]

Leider war es nun aber Spasski, der schon im 13. Zug einen Bauern opferte (der allerdings erst im 16. Zug geschlagen wurde), ein Zug übrigens, der von den Kommentatoren nicht für unklug, sondern für besonders stark gehalten wird, da er, wie auch die beiden Autoren richtig irgendwo abgeschrieben haben, die beiden schwarzen Läufer aktiviert (von denen wiederum nur einer »die lange Diagonale kontrolliert«, während der andere schlicht auf die weiße Königsstellung zielt). Was es mit dem »vermeintlich sinnlosen Zug mit seinem Turm«, für den Spasski angeblich keinen »Raum« hat finden können, auf sich hat, wissen die Götter. Wahrscheinlich ist 29… Td8 gemeint, ein Zug, den Spasski ohne Tempoverlust hätte einschalten können, da Fischer seinen Springer auf d4 mittels 30. c3 hätte verteidigen müssen. Aber auch dabei hat weder die Rede vom mangelnden »Raum« noch vom »blockierten Fluchtweg« einen Sinn.

Wenn man von den zahlreichen sachlichen und sprachlichen Mängeln absieht, ist das Buch eine ganz brauchbare Darstellung der welt- und schachpolitischen Umstände, unter denen der WM-Kampf 1972 in Reykjavík stattgefunden hat. Das Buch macht zum einen deutlich, welche Entwicklungen der WM-Kampf 1972 angestoßen hat, so etwa den Traum von der Vermarktung des Schachspiels im Fernsehen, dem auch heute noch hohe Funktionäre anhängen, oder die Steigerung der Preisfonds, die zu einer ausgeprägten Profi-Elite des Schachs geführt hat. Zum anderen liefert es interessante Einblicke in die Bedingungen, Strukturen und Entscheidungsprozesse auf der sowjetischen Seite, die so detailliert und zugleich kompakt bislang wohl noch nicht zu lesen waren. Dagegen fällt die von den Autoren ausgegrabene Sensation der Entdeckung von Fischers wahrem Vater etwas dünn aus, da der wahre so wenig eine Rolle in Fischers Leben gespielt hat wie der falsche.

Insgesamt ein schlecht geratenes Buch, das durch die Übersetzung keine Aufwertung erfahren hat. Für den echten Fachmann wahrscheinlich weitgehend unerheblich, für den nachgeborenen Schachspieler aber von einigem Interesse, wenn er sich denn entschließen kann, an den Schwächen und Fehlern vorbeizulesen.

David Edmonds / John Eidinow: Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann. Die ungewöhnlichste Schachpartie aller Zeiten. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. München: DVA, 2005. Pappband, 432 Seiten. 22,90 €.

Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren!

broder-kapitulieren Henry M. Broder ist zweifellos der bedeutendste deutschsprachige Polemiker unserer Zeit. Das Wort Polemiker hat seinen Ursprung im altgriechischen Wort für Krieg, πóλεμος. Ein Polemiker ist also ein Kriegstreiber, im besten Fall ein Krieger, jedenfalls jemand, dem es darum geht, einen Konflikt durchzukämpfen, nicht ihn beizulegen oder zu vermeiden. Danach muss man Broders Äußerungen bewerten, nicht entlang der Frage, ob er Recht hat, die Wahrheit vertritt, seine Meinung hilfreich ist oder ähnliches.

In diesem Buch geht es um den Konflikt der islamischen Welt mit dem Westen. Broders Aufhänger ist der sogenannte Karikaturen-Streit, den die dänische Zeitung Jyllands-Posten 2005 durch die Veröffentlichung eines Dutzends von Karikaturen auslöste, die sich mit dem Propheten Mohammed beschäftigten. Die Reaktionen in der islamischen Welt waren aufgeregt und heftig, getragen in der Hauptsache von Gläubigen, die selbst das obskure Objekt des Zorns nie gesehen hatten und blind den Ratschlägen ihrer geistlichen Führer folgten. Der Westen reagierte auf diese Inszenierung religiöser Empörung mit einer Welle von Verständnis, aber auch mit einer Diskussion über die Grenzen und den verantwortlichen Umgang mit der Meinungsfreiheit.

Broders Behandlung dieses Falles genügt als Beispiel, um das ganze Buch in seiner Methode und Tendenz darzustellen. Für Broder liegt der Fall ganz einfach: Meinungsfreiheit ist eine westliche Errungenschaft, ein Erfolg der Aufklärung, ein Zeichen der Fortschrittlichkeit unserer Gesellschaft und alles in allem beinahe so etwas wie ein Wert an sich. Dagegen stellt er den Versuch der islamischen Welt, alle Menschen unter ihre Wertordnung zu zwingen und auch solchen Menschen, die durchaus keine Moslems sind, Vorschriften darüber zu machen, wie sie zu leben und was sie zu sagen oder gar denken haben. Nachdem die Welt erst einmal in diese Alternative zerlegt worden ist, fällt die Wahl der richtigen Seite leicht: Der Westen hat Recht, die islamische Welt Unrecht.

Und statt vor den lautstarken Forderungen der Moslems einzuknicken, sollte der Westen seine Wertordnung aktiv – und wahrscheinlich ebenso lautstark – verteidigen, also wahrscheinlich den aufgeregten Moslems mitteilen, sie sollten die Schnauze halten und sich um ihren Dreck kümmern. Es heißt hier »wahrscheinlich«, weil Broders Buch genau in diesem Teil ein wenig dünn ausgefallen ist. Während er nicht maulfaul die öffentliche Reaktion des Westen anprangert, sind bei ihm die Vorschläge alternativen Handelns etwas kurz gekommen. Was alle Welt falsch macht, weiß jeder Stammtisch-Idiot – nicht, dass er es auch so schneidig formulieren könnte wie Broder –, wenn man aber fragt, was denn stattdessen hätte geschehen sollen, so versandet das Repertoire an Vorschlägen rasch im Banalen. Natürlich weiß Broder das, und deshalb versucht er auch nicht einmal ansatzweise, konstruktive Vorschläge zu machen.

Broders Position markiert deutlich die Voraussetzungen des Polemikers: Der pubertäre Glaube daran, dass man im Besitz der Wahrheit ist, ein nicht weniger pubertäres Bewusstsein von der eigenen Bedeutung und eine ausgeprägte Neigung zur Kritik anderer Positionen. Bei Broder kommt – zum Glück – noch das schriftstellerische Talent für scharfe und pointierte Formulierungen hinzu, und fertig ist die Laube.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, und ich halte Broders Stil für eine ebenso befruchtende wie notwendige Abgrenzung zu dem journalistischen Sumpf, dem sich ein Leser sonst allenthalben gegenübersieht. Broders Polemiken machen in aller Schärfe deutlich, welch rückgratloses und fatalistisches Gelaber heute die Szene des politischen und gesellschaftlichen Feuilletons beherrscht. Allerdings an und für sich genommen sind sie gänzlich belanglose Aufgeregtheiten, ähnlich relevant wie das Verbrennen einer dänischen Fahne durch eine Horde aufgehetzter Muslims in Riad.

Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Berlin: wjs, 2006. Pappband, 168 Seiten. 16,– €.

Die eine Hälfte des Verfalls

gibbon_printEs ist ein merkwürdiger Torso, den dtv im November 2003 mit seiner neuen, anspruchsvollen Übersetzung des Gibbon dem deutschen Publikum vorgelegt hat: Mit Michael Walter übersetzt einer der profiliertesten und besten Kenner des Englischen des 18. Jahrhunderts das bedeutende Geschichtswerk der vorromantischen Epoche neu und – lässt es zugleich bleiben. Edward Gibbons »Decline and Fall of the Roman Empire« ist im englischsprachigen Raum wahrscheinlich die bis heute meistgelesene umfangreiche geschichtliche Darstellung überhaupt. Das Buch sorgte aufgrund seines distanzierten Blicks auf das frühe Christentum im Römischen Reich schon während seines Erscheinens europaweit für Aufregung, und die ersten Bände wurden bereits vor Abschluss des Gesamtwerks erstmals ins Deutsche übersetzt. Seitdem hat Gibbons monumentale Darstellung immer neue Auflagen sowohl des Gesamtwerks als auch diverser Ausgliederungen erlebt.

Der Text der neuen dtv-Ausgabe umfasst die ersten drei der insgesamt sechs Bände des Originals und endet mit dem Untergang des Weströmischen Reiches. Die nachfolgenden drei Bände, die die Geschichte Ostroms, sprich Byzanz’ bzw. Konstantinopels bis zur Eroberung der Stadt im Jahr 1453 enthalten, fehlen kommentarlos. Es findet sich weder eine herausgeberische Reflexion zu dieser Halbierung noch etwa die Ankündigung einer Fortsetzung oder Vervollständigung der vorgelegten Ausgabe.

Eine weitere Merkwürdigkeit tritt hinzu: Mit Michael Walter zeichnet, wie bereits gesagt, ein profilierter und stilistisch brillanter Übersetzer für den deutschen Text dieser Teil-Ausgabe verantwortlich, wenigstens für einen Teil des Teils. Denn Walter scheint seine Übersetzung nach dem Kapitel XXXII abgebrochen zu haben; alle Fußnoten, die Kapitel XXXIII bis XXXVIII und die den dritten Band des Gesamtwerks abschließenden »General Observations on the Fall of the Roman Empire in the West« sind von Walter Kumpmann übersetzt. Auch diesen Umstand thematisiert die Ausgabe so wenig wie möglich, geschweige denn, dass sie ihn erklärt.

gibbon_fallAls sei dies alles nicht merkwürdig genug, hat sich der Verlag der Digitalen Bibliothek, die normalerweise für umfängliche und möglichst vollständige Ausgaben steht, entschlossen, den Torso des dtv-Verlages unverändert (inklusive der Druckfehler) und ohne Ergänzungen auf einer CD-ROM zu publizieren. Dabei ist das mit den »Ergänzungen« allerdings auch leichter hingeschrieben als getan, denn die letzte einigermaßen vollständige Ausgabe des »Verfalls und Untergangs« stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts und dürfte vermutlich in einem auffälligen stilistischen Kontrast zu Walters Übersetzung stehen. Und die Beigabe des englischen Textes hätte die digitale Ausgabe nicht nur im Preis bedeutend teurer (und damit unverkäuflicher) gemacht, sondern den fragmentarischen Charakter dieser deutschen Ausgabe entweder verdoppelt oder überaus auffällig gemacht, je nachdem ob man nur drei oder alle sechs Bände im Englischen beigegeben hätte.

Sieht man von all diesen Halbheiten einmal ab, so präsentieren die beiden Ausgaben den seit ungefähr 200 Jahren vollständigsten und sicherlich lesbarsten Gibbon in deutscher Sprache. Für den heutigen Leser ist weniger die sachliche Richtigkeit der Darstellung Gibbons en détail entscheidend als vielmehr sein erzählender Stil, sein origineller Blick und sein Humor, denn dies sind die Eigenschaften, die den konstanten Erfolg des Buches über die Jahrzehnte hinweg garantiert haben.

Mit dem ehrwürdigen Prokonsul [Gordian] wurde zugleich sein Sohn, der ihn als Legat nach Africa begleitet hatte, zum Kaiser erklärt. Er war weniger sittenstreng, doch im Wesen ebenso liebenswürdig wie sein Vater. Zweiundzwanzig anerkannte Konkubinen und eine zweiundsechzigtausend Bände umfassende Bibliothek bezeugten die Vielfalt seiner Neigungen, und wie seine Hervorbringungen beweisen, dienten beide Sammlungen mehr dem Gebrauch als zur Prahlerei.

Die Ausgabe wird ergänzt durch zahlreiche Bibliographien, ein Personenregister und einen hervorragenden, knapp 100 Seiten langen Essay von Wilfried Nippel über Gibbon. Zwischen der gedruckten und der digitalen Ausgabe besteht ein Preisunterschied von 48,– € und dies könnte ein Vermarktungsmodell für die Zukunft darstellen: Umfangreiche Werke, die im Taschebuch erscheinen, werden nach einigen Jahren als digitale Ausgaben auf den Markt gebracht, die so zum Taschenbuch des Taschenbuchs werden könnten. Die üblichen Vorteile einer digitalen Ausgabe mit der bewährten Software der Digitalen Bibliothek mit Volltextsuche, Lesezeichen, Notizen und Markierung verstehen sich als Dreingaben inzwischen ja beinahe von selbst.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. 6 Bde. dtv, 2003. Kartoniert, 2296 Seiten. 78,– €.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. Digitale Bibliothek Band 161. Berlin: Directmedia Publishing, 2007. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Deutsche Geschichte

dt-geschDie Digitale Bibliothek hat ihr ohnehin schon breites Angebot an elektronischen Werken zur Geschichte um die 10 grundlegenden Bände der »Deutschen Geschichte« aus dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht ergänzt. Diese Bände gehören seit Jahrzehnten zur studentischen Grundaustattung der meisten Historiker und decken die deutsche Geschichte von den Anfängen bis zum Jahr 1945 ab. Die CD-ROM enthält die vollständigen Texte aller Bände mit zusammen etwa 2.500 Buchseiten in den aktuellen, derzeit lieferbaren Auflagen zu einem unschlagbaren Preis.

Highlight der Buchreihe war und ist mit Sicherheit Band 9, Hans-Ulrich Wehlers »Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918«, der für das historische Verständnis dieser Zeit Maßstäbe gesetzt hat:

Über zwei Jahrzehnte lang hieß es an historischen Seminaren deutscher Universitäten ehrführchtig nur ›das blaue Buch‹. Niemand, der sich auf akademische Weise mit neuerer deutscher Vergangenheit beschäftigen wollte, kam daran vorbei. […] Mit dem ›blauen Buch‹ vollzog Wehler den vielleicht folgenreichsten Paradigmenwechsel in der (alt-)bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft […].

Sven Felix Kellerhoff, Die Welt

Zu dem Preisvorteil von knapp 80,– € kommen die üblichen Vorteile von Ausgaben der Digitalen Bibliothek hinzu: Eine ausgereifte, professionelle Software, die Volltextsuche, Paste & Copy auch längerer Passagen (mit exakter Seitenreferenz zur gedruckten Ausgabe), Lesezeichen, farbliche Textmarkierungen, das Ablegen von Notizen und Ausdrucke in individueller Formatierung erlaubt; dies ermöglicht ein intensives und zeitsparendes Arbeiten mit den Texten. Zusätzlich verfügt die elektronische Ausgabe über ein Gesamtregister der in allen Bänden verwendeten Abkürzungen. Diese CD-ROM ist auch geeignet, um eventuell bereits vorhandene Einzelbände der Reihe zu ergänzen.

Deutsche Geschichte. Hg. v. Joachim Leuschner. Digitale Bibliothek Band 151. Berlin: Directmedia Publishing in Kooperation mit Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Nicht allein der Untergang des Abendlandes …

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Der Status von Spenglers Hauptwerk als Klassiker ist allein dadurch belegt, dass sein Titel als eine feste Größe in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist und sich der Name des Autors fest mit dieser Phrase verbunden hat, ohne dass der Großteil der heutigen Benutzer mehr als eine vage Vorstellung davon haben, welche Gedanken und Begründungszusammenhänge am Ursprung der Phrase mit diesen Worten verbunden wurden. Spenglers Hauptwerk ist dazu auch zu umfang- und voraussetzungsreich; zudem ist seine Sprache dicht und durchweg anspruchsvoll und verstellt eine Kenntnisnahme en passant. Trotz diesen einigermaßen hohen Hürden muss man den ersten Band des »Untergangs« wahrscheinlich als eines der einflussreichsten philosophischen Werke der Weimarer Zeit ansehen: Am Ausgang des Ersten Weltkrieges erschienen, erlebte er in kürzester Zeit zahlreiche Auflagen; 1922 erschien der zweite Band und ein Jahr später die Neubearbeitung des ersten, ohne den anfänglichen Erfolg wiederholen zu können, der im Jahr 1918 sicherlich wesentlich dem Zusammentreffen von Katastrophenstimmung und Titel zu danken gewesen war.

»Der Untergang des Abendlandes« war vielfältiger und nicht immer sachlicher Kritik ausgesetzt. Allerdings stammt die einsichtsvollste Rezeption des Buches wahrscheinlich von Theodor W. Adorno, dessen immer noch sehr lesenswerter Aufsatz »Spengler nach dem Untergang« (auf der Grundlage eines Vortrags von 1938 in Englisch bereits 1941 erschienen; auf deutsch 1950 im »Monat«) eine intensive und Spengler durchaus sehr ernstnehmende Auseinandersetzung dokumentiert.

Wenn die Geschichte der Philosophie nicht so sehr in der Lösung ihrer Probleme besteht als darin, daß die Bewegung des Geistes jene Probleme wieder und wieder vergessen macht, um die sie sich kristallisiert, dann ist Oswald Spengler vergessen worden mit der Geschwindigkeit der Katastrophe, in die, seiner eigenen Lehre zufolge, die Weltgeschichte überzugehen im Begriff ist. Nach einem populären Anfangserfolg hat sich die öffentliche Meinung in Deutschland sehr rasch gegen den ›Untergang des Abendlandes‹ gekehrt. Die offiziellen Philosophen warfen ihm Flachheit vor, die offiziellen Einzelwissenschaften Inkompetenz und Scharlatanerie, und im Betrieb der deutschen Inflations- und Stabilisierungsperiode wollte niemand etwas mit der Untergangsthese zu schaffen haben. Spengler hatte sich mittlerweile durch eine Reihe kleinerer Schriften anmaßenden Tones und wohlfeiler Antithetik so exponiert, daß die Ablehnung dem gesunden Lebenswillen leicht genug wurde. [GS 10., S. 47.]

Die digitale Ausgabe von Spenglers Hauptwerk innerhalb der Digitalen Bibliothek versammelt zusätzlich auch die von Adorno angeführten ›kleineren Schriften‹, so dass eine konzise Ausgabe Ausgewählter Schriften entstanden ist, die – und das ist ein besonderer Vorzug dieser Ausgabe – durch die Fragmente von Spenglers »Frühzeit der Weltgeschichte« abgerundet wurde.

Dass es bis heute ein populäres Interesse an Spenglers »Untergang« gibt, belegen die zahlreichen Buchausgaben. Allerdings lohnt eine gründliche Spengler-Lektüre nicht nur aus modisch-pessimistischer Perspektive, sondern auch aus kulturhistorischer: Bei Spengler überschneiden sich zwei bedeutende Einflusslinien des 19. Jahrhunderts – sowohl Goethe als auch Nietzsche haben Spenglers Denken geprägt, wie Spengler selbst gleich zu Anfang seines »Untergangs« betont.

Während Spengler von Goethe wesentlich die morphologische Grundidee seines Geschichtsbildes bezieht, also die Vorstellung davon, auch Kulturen besäßen als quasi organische Entitäten natürliche Phasen wie Jugend, Reife und Alter, liefert ihm Nietzsche die Vorstellung eines auf Macht und Erweiterung der Herrschaft gerichteten Willens, der als natürliche Triebfeder des geschichtlichen Prozesses begriffen wird. Diese Kombination, die dem Goetheschen Menschen- und Weltbild letztendlich wesentlich fremd werden muss, muss als eine der eingängigsten konservativ-pessimistischen Geschichtsphilosophien des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Sie hat in ihrer grundlegenden Simplizität durchaus die Kraft zur Mythenbildung.

Dies soll nicht bedeuten, dass sich Spenglers komplexes und kenntnisreiches Werk, das sich mit einer Fülle von kulturellen Formen und Erscheinungen auseinandersetzt, auf eine solch einfache Formel reduzieren ließe oder dass eine solche Reduktion wünschenwert wäre. Im Gegenteil spiegeln Spenglers Werke in mehrfacher Brechung den widersprüchlichen Reichtum an lebensweltlichen und philosophischen Konzepten der Weimarer Kultur und erhellen manche Züge im Denken etwa Stefan Georges, Gottfried Benns oder Ernst Jüngers.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Ausgewählte Schriften. Digitale Bibliothek Band 152. Berlin: Directmedia Publishing, 2007. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Butz Peters: Der letzte Mythos der RAF

peters_kleinenEin beinahe schon zu gründliches Buch: Einige der Argumentationslinien wiederholt der Autor so oft, dass man den Eindruck bekommt, er müsse sich selbst überzeugen. Abgesehen von diesen Redundanzen ein durchweg lesbares und lesenswertes Buch, das von der langen Beschäftigung des Autors mit der RAF und ihrem Umfeld profitiert. Es enthält unter anderem auch eine kurzen Überblick über die Geschichte der RAF, der als Einführung in das Thema ausgezeichnet ist. Und obwohl Peters an keiner Stelle darüber Zweifel lässt, dass er keinerlei Sympathien für die Terroristen hegt, ist der Text von einer untadeligen Objektivität.

Peters räumt mit der Mythenbildung im Umfeld der RAF und ihrer Geschichte auf. Im Zentrum stehen die Ereignisse in Bad Kleinen am 27. Juni 1993 und die sich anschließende Diskussion des Einsatzes in den Medien. Peters rekonstruiert nicht nur ein vollständiges Bild der Ereignisse selbst und der nachfolgenden polizeilichen, kriminaltechnischen und forensischen Untersuchungen inklusive aller Pannen und Versehen, die dabei geschehen sind, sondern er demontiert auch minutiös die beiden sogenannten Zeugenaussagen, auf die die These gestützt wird, die Vorgänge von Bad Kleinen seien bis heute »ungeklärt«. In der Tat bleiben nach der Lektüre des Buches kaum mehr Fragen offen, und es ist in keiner Weise verwunderlich, dass keines der vier Gerichte, die sich mit dem Fall Bad Kleinen befasst haben, zu dem Ergebnis gekommen ist, es gäbe ausreichende Hinweise darauf, dass Oliver Grams von einem GSG-9-Beamten aus nächster Nähe getötet worden ist. Der tödliche Schuss ist vielmehr – und dies war immer unstrittig – aus Grams Waffe abgefeuert worden, und für den von der klagenden Seite immer wieder behaupteten »Entwindungsgriff« gibt es weder ausreichende Indizien noch auch nur eine einzige Zeugenaussage. Daher bleibt als einzig mögliches Fazit: Oliver Grams hat sich in Bad Kleinen selbst getötet, um sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen.

Butz Peters: Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen. Berlin: Ullstein, 2006. 311 Seiten. 18,– €.

Überflüssige Zweitverwertung

herzogImmer, wenn jemand sich mit Hitler und dem Dritten Reich auf humoristische Weise auseinandersetzt, diskutiert das Feuilleton einmal mehr die Frage, ob man über Adolf Hitler lachen dürfe. Einen interessanten Aspekt dieser Frage eröffnen die sogenannten Flüsterwitze des Dritten Reichs, die gern als Teil des alltäglichen Widerstandes gegen das Regime gewertet werden. Von daher wäre eine systematische Sammlung, klug kommentiert und unterfüttert mit Erfahrungsberichten von Zeitgenossen ein verdienstvolles Unternehmen. Um es kurz zu machen: Dies ist Rudolph Herzogs Buch nicht.

Das Buch ist offensichtlich als Parallelprojekt zu einem entsprechenden Film entstanden, in dem der Autor – er ist im Hauptberuf Regisseur und Drehbuchautor – sein Recherche-Material zum Film nochmals verwertet. Präsentiert wird nur eine kleine Auswahl von Witzen, ohne dass der Leser den Eindruck gewinnt, einen vollständigen oder wenigstens systematischen Überblick über das Phänomen zu bekommen. Alle Witze sind in kommentierenden Text eingebettet, der oft oberflächlich und zufällig bleibt. Das allgemeine Niveau mag für die eher flüchtige Präsentationsform eines Films genügen; für das Medium des Buchs fallen die Darstellung und die erreichten Einsichten zu oft zu kurz. Der vom Autor selbst formulierte Anspruch, durch »die Analyse politischer Witze« käme »man ungewöhnlich nah heran an das, was die Menschen des untergegangenen ›Tausendjährigen Reichs‹ wirklich dachten«, wird nur an den wenigsten Stellen eingelöst.

Insgesamt hat das Buch nur den einen Vorteil, die Lücke, die sein Titel vorgibt zu schließen, deutlich zu markieren. Wollen wir hoffen, dass sie in absehbarer Zeit durch eine solide, umfangreiche historische Untersuchung wenigstens annähernd geschlossen wird.

Rudolph Herzog: Heil Hitler, das Schwein ist tot! Lachen unter Hitler – Komik und Humor im Dritten Reich. Eichborn, 2006. Pappband, 267 Seiten. 19,90 €.

Rosendorfers »Deutsche Geschichte« (Bände 1–5)

dtgeschvDas Erscheinen des fünften Bandes von Herbert Rosendorfers »Deutsche Geschichte. Ein Versuch« habe ich zum Anlass genommen, auch die vorhergehenden Bände noch einmal zu lesen und mir so einen Überblick über den Stand des Projektes zu verschaffen. Mit bislang über 1.300 Seiten dürfte Rosendorfers »Deutsche Geschichte« der anspruchsvollste Versuch eines historischen Laien sein, eine Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte für historische Laien zu schreiben.

Der erste Band erschien 1998 und umfasst die Zeit von den historisch nur ungenau zu fassenden Anfängen der deutschen Geschichte bis zum Wormser Konkordat (1122), der derzeit letzte Band treibt die Erzählung bis ins Jahr 1740, in dem Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der »Soldatenkönig«, und Kaiser Karl VI. sterben. Dabei ist der Ausdruck ›Erzählung‹ nicht zufällig gewählt. Rosendorfer betont in seinen Nachworten, dass er ausdrücklich nicht den Anspruch habe, ein Geschichtsbuch im traditionellen Verständnis zu schreiben, sondern eine Erzählung der deutsche Geschichte. Das hat für die Leser in aller erster Linie den Vorteil, dass sie von Fußnoten und Quellenzitaten weitgehend verschont bleiben. Die Bücher erfüllen tatsächlich in weiten Teilen den Ansatz, dass sich einer die Mühe macht, uns den Gang der Geschichte zu erzählen, Personen wie Figuren einzuführen, die Ereignisse als Stoff zu betrachten, der von sich aus Interesse verdient und nicht erst durch das Einbinden in ein Geschichtsverständnis interessant wird.

Dabei konzentriert sich Rosendorfer durchaus nicht nur auf die Geschichte im engeren Sinne, sondern zu nahezu jeder Epoche gibt er auch einen Überblick über die kulturelle Entwicklung, den Stand von Kunst und Wissenschaften, und er thematisiert vom ersten Band an auch die Lage jener, die in der ›großen Geschichte‹ gewöhnlich nicht vorkommen, der sogenannten kleinen Leute. Dabei ist ihm durchaus klar, dass seine Sympathie für den ›kleinen Mann‹ anachronistsch ist und den Personen seiner Haupterzählung wesentlich fremd. Überhaupt zeigt Rosendorfer nicht häufig Sympathie für eine der historischen Personen seiner Erzählung; die allermeisten kommen schlecht weg im Urteil des Autors. Rosendorfer neigt zu einem Geschichtspessimissmus, nicht ideologischer Natur, sondern aus einem insgesamt zum Pessimistischen tendierenden Menschenbild heraus. Unbedingt erwähnt werden müssen auch seine massiven und immer präsenten Vorbehalte gegen die katholische Kirche – weniger gegen das Christentum –, später auch gegen bestimmte Zweige der protestantischen Richtung und eine ungewöhnlich scharfe allgemeine Ablehung des Islam, die besonders im letzten Band hinzugekommen ist. Dies wird die Lektüre für bestimmte Personen über Strecken wahrscheinlich etwas mühsam machen. Wenn man, wie ich, das alles in einem Zug liest, verspürt man irgendwann die Neigung, dem Autor ein »Ja, ja, schon gut« an den Rand zu schreiben.

Entscheidend für Rosendorfers Zugriff auf die deutsche Geschichte dürfte aber sein, dass er sich keiner Geschichtstheorie verschreibt, weder was das Große und Ganze angeht noch bei der Darstellung der Details und der einzelnen historischen Person. Rosendorfer glaubt offenbar nicht, dass sich das geschichtliche Geschehen einem systematischen Zugriff öffnet oder das sich Ereignisse oder Entscheidungen besser verstehen lassen, wenn sie streng unter ein psychologisches, ökonomisches, soziologisches oder sonstiges Theoriegerüst gezwungen werden. Das bedeutet nicht, dass Rosendorfer nicht alle diese Aspekte heranziehen würde, wenn es ihm sinnvoll erscheint, aber die Zugriffe bleiben eklektizistisch und immer eng orientiert am jeweiligen Ereignis. Eine solche Grundhaltung gibt dem Autor auf der einen Seite eine große Freiheit der Gewichtung der diversen Aspekte, auf der anderen Seite bringt es die Gefahr mit sich, dass seine Erzählung ins Beliebige und Anekdotische abgleitet. Dies mag auch hier und da tatsächlich geschehen, bleibt aber mit Blick auf das Ganze unerheblich.

Resümierend muss man den Büchern sicherlich die Einmaligkeit des Projektes zugute halten. Jeder Leser, der nicht ganz unbeleckt in Geschichte und Kultur der Deutschen ist, wird in jedem Band schnell auf Punkte stoßen, an denen er nicht einverstanden ist mit Darstellung und Urteil des Autors, aber dem steht auf der anderen Seite die alles in allem gelungene Darstellung der deutschen Geschichte als interessanter und spannender Prozess gegenüber, dessen einzige wirkliche Konstante seine stetige und unberechenbare Veränderung ist. Rosendorfers »Deutsche Geschichte« macht Lust auf mehr Geschichte, auf die Lektüre der einen oder anderen Biografie oder auf eine tiefergehende Beschäftigung mit der einen Epoche oder dem anderen Aspekt. Als historisches Lesebuch scheint es mir konkurrenzlos gelungen zu sein. Es an der Anzahl seiner vermeintlichen Fehler oder Schwächen zu messen, erscheint kleinlich angesichts dessen, was hier gelungen ist.

Herbert Rosendorfer: Deutsche Geschichte. Ein Versuch.

  • I – Von den Anfängen bis zum Wormser Konkordat. Nymphenburger, 1998. Pappband, 253 Seiten. 18,90 €. Auch dtv 12817. 9,– €.
  • II – Von der Stauferzeit bis zu König Wenzel dem Faulen. Nymphenburger, 2001. Pappband, 319 Seiten. 19,90 €. Auch dtv 13152. 9,50 €.
  • III – Vom Morgendämmern der Neuzeit bis zu den Bauernkriegen. Nymphenburger, 2002. Pappband, 351 Seiten. 19,90 €. Auch dtv 13282. 9,50 €.
  • IV – Der Dreißigjährige Krieg. Nymphenburger, 2004. Pappband, 191 Seiten. 19,90 €. Auch dtv 13484. 9,50 €.
  • V – Das Jahrhundert des Prinzen Eugen. Nymphenburger, 2006. Pappband, 312 Seiten. 22,90 €.

P.S.: Besprechung des abschließenden sechsten Bandes.

Die Rückseite des Hakenkreuzes

rueckseiteIch war schon seit längerer Zeit immer wieder an dem Buch vorüber gekommen, hatte mich aber leider bislang nie entschließen können, es zu lesen. Die Sammlung ist zum ersten Mal 1993 bei dtv erschienen und hat dort bis 2001 vier Auflagen erlebt. Zurzeit ist es in einer Sonderausgabe beim Matrix Verlag greifbar. Das Buch enthält – spärlich kommentiert – Originaltexte aus den Akten des Dritten Reiches. Dabei kreisen die allermeisten Fundstücke um Hitler und seine Führungsriege und präsentieren auf absonderliche, beinahe absurde Weise die bürgerliche Normalität, die das Grauenhafte dieses Regimes begleitet hat.

Wichtig für die Wirkung des Buches ist es, es nicht als Nachschlagewerk zu benutzen, sondern es von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen. Nur durch die Ballung der Doppelmoral, Eitelkeiten, Intrigen, Verleumdungen, Vertuschungsversuche, Diebstähle, des hohlen Pathos, der Phrasen und offensichtlichen Lügen entsteht der Eindruck davon, welch einer durch und durch schuftigen Verbrecherbande die Deutschen 1933 ihr Land zur Regierung überantwortet hatten und mit welcher Lammfrommheit bis weit in die Katastrophe hinein immer noch Deutsche sich bereit fanden, dieser Clique die Stange zu halten.

Natürlich reizt es, Beispiele zu zitieren. Aber zum einen wird jeder Leser seine eigenen Favoriten finden und zum anderen hieße das genau jene Wirkung aufheben, die das Buch im Ganzen erreichen kann: Die grauenvolle Normalität und Banalität, mit denen diese Menschen agiert haben, nicht zur Anekdote zu reduzieren, sondern in ihrer Alltäglichkeit begreiflich zu machen. – »Was ist der Mensch, und was kann aus ihm werden?«

Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderlichkeiten aus den Akten des »Dritten Reiches«. Hg. v. Beatrice u. Helmut Heiber. Lizenzausgabe Wiesbaden: Matrix Verlag, 2005. Pappband; 413 Seiten. 9,95 €.

James Risen: State of War

100244076_49372c6bcdEin recht oberflächlich informierendes Buch, dem es hauptsächlich darum geht, sogenannte Sensationen über die Unfähigkeit der Regierung Bush und des CIA zu versammeln. Das Buch ist flüchtig und daher schlecht übersetzt, aber es hat sich im Laufe der Lektüre in mir der Eindruck verfestigt, dass es auch schon flüchtig und schlecht geschrieben wurde. Risen kann – aus verständlichen Gründen – seine Quellen nicht benennen und ist in vielen Details auf Einschätzungen von ungenannten Insidern angewiesen, deren Urteilsfähigkeit und Einsicht in die Sache man nicht einschätzen kann. So bleibt das allermeiste auf der Ebene des Hörensagens. Der durchweg journalistische Stil, der mehr Vorgängen als deren Analyse verpflichtet ist, tut ein Übriges.

Einige wenige Geschichten sind interessant, so etwa der Versuch der CIA sich über familiäre Kontaktpersonen Informationen über das Programm des Irak zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu verschaffen, was durchweg zu dem Ergebnis geführt hat, dass ein solches Programm bereits vor langer Zeit aufgegeben wurde und aufgrund der internationalen Boykott-Maßnahmen gegen den Irak auch nicht wieder würde aufgenommen werden können. Diese Informationslage wurde aber laut Risen der Regierung Bushs nie zur Kenntnis gebracht, da sich die CIA darüber im Klaren war, dass derartige Einschätzungen dort nicht erwünscht waren.

Empfehlenswert für diejenigen, die sich ihre antiamerikanischen Ressentiments bestätigen wollen; zur soliden Information kaum geeignet.

Risen, James: State of War. Deutsch von Norbert Juraschitz, Friedrich Pflüger und Heike Schlatterer.
Hoffmann und Campe, 2006. ISBN 3-455-09522-4
Gebunden – 180 Seiten – 19,95 Eur[D]