Ian Kershaw: Wendepunkte

978-3-570-55120-2 Man kommt kaum umhin, diese Studie zu den Kriegsjahren 1940 und 1941 als brillant zu bezeichnen. Kershaw, der durch seine umfangreiche Hitler-Biografie bekannt geworden ist, zeichnet ein umfassendes Bild dieser Jahre, indem er in zehn Kapiteln jeweils eine zentrale Entscheidung einer der Kriegsparteien in den Mittelpunkt stellt und zu jeder dieser Entscheidungen die personellen, strukturellen, historischen, ideologischen, politischen und individuellen Bedingungen darstellt, die zu ihr geführt haben. Besonders beeindruckt hat mich die Darstellung der Lage Japans, für die zum einen der Prozess dokumentiert wird, in dem sich Japan für den Weg in den Krieg entscheidet, zum anderen jener, der zum Angriff auf Pearl Harbor führte.

Will man unbedingt Schwächen des Buches finden, so bieten sich meiner Meinung nach höchstens zwei Punkte an: Einerseits wird die Lage in Nordafrika immer nur am Rande behandelt, zum anderen neigt Kershaw ein wenig dazu, Person und Entscheidungen Roosevelts im günstigsten Licht zu zeigen. Eine gewisse Redundanz der Darstellung, die es erlaubt, die einzelnen Kapitel auch unabhängig von den anderen zu lesen, kann dem Buch nicht als Mangel angelastet werden.

Eine der besten Gesamtdarstellungen der Weltlage in den frühen Kriegjahren, die ich kenne.

Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. München: Pantheon, 2010. Broschiert, 735 Seiten. 18,99 €.

Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

978-3-446-23418-5Breit angelegter Essay über den Rückgang bürgerlicher Freiheit seit dem 11. September 2001. Der Darstellung ist in allen wesentlichen Punkten nur zuzustimmen. Wie so oft haben es die konservativen Kräfte in den westlichen Gesellschaften verstanden, eine äußere – um nicht zu schreiben »äußerliche« – Bedrohung dazu zu benutzen, den Zugriff der abstrakten und konkreten Gewalt des Staates auf seine Subjekte auszubauen. Einerseits muss man den Autoren für den gut lesbaren Überblick über die Veränderungen des letzten knappen Jahrzehnts dankbar sein, andererseits zeigen die Veröffentlichung und der Erfolg des Buches, dass es noch viel schlimmer ist, als sie annehmen. Die Durchdringung unserer Gesellschaft durch die Kontrollorgane ist soweit gediehen, dass auch eine offene Kritik an diesem Zustand ihn nicht mehr gefährden kann. Einmal mehr ist eine Gesellschaftsordnung an einem Punkt angelangt, an dem sich politische Freiheit und Unfreiheit auch mit bewaffnetem Auge kaum mehr voneinander unterscheiden lassen.

Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte. München: Hanser, 22009. Broschiert, 173 Seiten. 14,90 €.

Nicholson Baker: Menschenrauch

978-3-498-00661-7Beeindruckende Sammlung von Quellen im Wesentlichen vom Ende des ersten Weltkriegs bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941. Dokumentiert werden sowohl die Bestrebungen der Kriegstreiber als auch die vergeblichen Bemühungen der Kriegsgegner, den nächsten Krieg zu verhindern bzw. so rasch wie möglich zu beenden. Neben der offiziellen Geschichte werden nahezu gleichrangig Tagebücher und Erinnerungen von Opfern dokumentiert. Einen breiten Raum nehmen auch Zitate aus zeitgenössischen Tageszeitungen ein.

Diese Fleißarbeit Bakers erzeugt ein bislang nicht dagewesenes musivisches Bild der Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg hin und der ersten Kriegsjahre. Für Leser, die sich in dieser Zeit einigermaßen gut auskennen, bereichert die Lektüre des Buches ihren Blick auf überraschende Weise. Besonders die Aktivitäten der Pazifisten und Kriegsgegner waren wenigstens mir so präsent nicht. Auch der nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verbreitete Antisemitismus tritt sehr deutlich hervor.

Ein wenig ist allerdings zu befürchten, dass sich Leser, die sich mit Hilfe dieses Buches erstmals mit der Epoche auseinandersetzen, ein etwas eigentümliches Bild zusammenstellen könnten. Besonders als Deutscher hegt man Zweifel, ob sich etwa zur Judenvernichtung ein historisch korrekter Eindruck ergibt, wenn pseudorationale Argumente von Antisemiten oder Nationalsozialisten scheinbar gleichrangig neben Klagen von Juden oder jüdischen Hilfsorganisationen stehen. Da die Quellen zudem im Dezember 1941 enden, wird die entsetzlichste Phase des Holocaust nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 ausgeblendet. Die Sammlung zeichnet von daher trotz aller dargestellten Gräuel ein schiefes Bild der deutschen Verbrechen an den Juden. Hier liegen Grenzen der auf den ersten Blick durchaus faszinierenden Methode des Buches, die Quellen weitgehend selbst sprechen zu lassen.

Nicholson Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Deutsch von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Reinbek: Rowohlt, 2009. Pappband, Lesebändchen, 639 Seiten. 24,90 €.

Herbert Rosendorfer: Deutsche Geschichte 6

978-3-485-01310-9Der abschließende Band von Herbert Rosendorfers groß angelegter Deutscher Geschichte. Rosendorfer ist inzwischen 76 Jahre alt, und es ist verständlich, dass er sich weitere Bände nicht mehr zumuten möchte, insbesondere weil die Erzählung, je näher sie an die Gegenwart heranrückt, immer detaillierter und die Recherche dafür immer aufwendiger werden muss. Schon diesem letzten Band merkt man an, dass der Autor sich passagenweise zu sehr auf sein Gedächtnis verlässt, was zu dem einen oder anderen vermeidbaren Fehler führt. Besonders in der einleitenden Übersicht über die Literatur der Jahre zwischen 1750 und 1806 finden sich zahlreiche grobe Patzer: Lenz trug den Vornamen Jakob, nicht Konrad; bei Klingers »Faust« handelt es sich um einen Roman, nicht um ein Theaterstück; Klingers Drama »Sturm und Drang« wurde auf Vorschlag von Christoph Kaufmann so benannt, nicht »von einem Theaterdirektor«; und das Zitat von Lichtenberg lautet richtig:

Er las immer Agamemnon statt »angenommen«, so sehr hatte er den Homer gelesen.

Und nicht, wie Rosendorfer schreibt: »Er las versehentlich immer Agamemnon statt Angenommen, so gebildet war er.« All das findet sich auf nur einer Seite, und der Autor hätte es nachschlagen oder dem Lektor auffallen müssen. Ganz zu schweigen von dem Trauerspiel der Darstellung der deutschen Philosophie der Zeit, der fraglos peinlichsten und dümmsten Passage der Deutschen Geschichte, wenn nicht in Rosendorfers Gesamtwerk überhaupt. Der Leser, der sich sein Bild ungeschmälert erhalten will, sollte das erste Kapitel komplett überschlagen, und die Lektüre mit dem zweiten beginnen.

Die eigentlich historische Darstellung ist getragen von einer in den vorangegangenen Bänden seltenen Bewunderung für wenigsten einen der historischen Protagonisten, Friedrich II. Auch Maria Theresia und Katharina die Große bekommen ihr Teil Lob zugeteilt, aber Rosendorfers Held der Zeit ist eindeutig Friedrich. Rosendorfers Haltung zu Napoleon, der naturgemäß im letzten Drittel des Buches eine bedeutende Rolle spielt, kann als durchaus neutral bezeichnet werden, auch wenn die Erzählung mit der Gründung des Rheinbundes und der Aufhebung des Deutschen Reichs endet. Sicherlich wünschte man sich hier eine ausführlichere Weiterführung der Erzählungen bis zu den Folgen des Wiener Kongresses, aber angesichts der Tatsache, dass es sich bei diesem Band ohnehin schon um den umfangreichsten der Reihe handelt, kann man die Beschränkung verstehen.

Es ist zu bedauern, dass die Serie mit diesem Band endet, denn trotz der hier und früher erhobenen Einwände handelt es sich bei Rosendorfers Deutscher Geschichte um ein Projekt, das in Umfang und Stil in der deutschen Literatur seinesgleichen sucht. Selbstverständlich ist diese Deutsche Geschichte in keinem Sinne vollständig und kann nicht für sich stehen, aber sie bietet dem historischen Laien einen wirklich originellen und spannenden Einstieg und Überblick.

Herbert Rosendorfer: Deutsche Geschichte. Ein Versuch. Friedrich der Große, Maria Theresia und das Ende des Alten Reichs. München: Nymphenburger, 2010. Pappband, 383 Seiten. 22,95 €.

Daniel Schönpflug: Luise von Preußen

Populäre, oberflächlich bleibende Biografie Luises von Preußen als »Königin der Herzen«, wie sie der Untertitel bezeichnet. Der Ausdruck wurde übrigens von August Wilhelm Schlegel in einem Gedicht anlässlich der Berliner Huldigungsfeier für Friedrich III. geprägt. Die Biografie dokumentiert umfangreich die Kleidung der Prinzessin und späteren Königin, auch erfährt man viel über die Inneneinrichtung der von ihr bewohnten Schlösser. Darüber hinaus ist zu lesen, dass Ende des 18. Jahrhunderts »außerhalb der Stadt [Berlin] ländliche Gegenden« lagen (S. 95) und »im Inneren der Stadtmauern […] etwa 170 000 Menschen« lebten (S. 96). Ähnlich überraschend dürfte sein, dass Friedrich Wilhelm II. »eine enge Beziehung mit seiner langjährigen Mätresse« (S. 91) hatte. Überhaupt die Sexualität im 18. Jahrhundert:

Was sich hinter den geschlossenen Türen vollzog, darüber schweigen sich die Quellen aus. Angesichts des Fehlens einer sexuellen Erziehung muss man sich, auch wenn die Prinzen eventuell Erfahrungen mit Mätressen haben konnten, wohl eher ungelenke Versuche vorstellen. Doch erst durch den «Vollzug» galt die Eheschließung als unauflöslich. Abgesehen davon musste sich so bald wie möglich Nachwuchs einstellen, denn das war ja der Hauptzweck der Heirat. Lassen wir also Luise und Friedrich Wilhelm in diesem Moment allein. Ob ihre Hochzeitsnacht schüchtern oder stürmisch, innig oder kühl, albern oder ehrfürchtig war, das kann kein Historiker wissen. Denn auch wenn die Urtriebe des Menschen bleiben, die Masken des Begehrens ändern sich mit den Jahrhunderten. Tatsache ist allerdings, dass kaum zehn Monate nach der Hochzeitsnacht das erste Kind des Kronprinzenpaares zur Welt kam. [S. 85]

Oh goldene Zeiten, in denen sich die Quellen noch ausschwiegen! Und noch andere intime Tätigkeiten gab es:

Auch wenn aufwändige Staatsakte unweigerlich zum Königsein gehörten, war das eigentliche Regieren eine zurückgezogene, ja nahezu geheime Tätigkeit. Selbst Luise dürfte ihren Schwiegervater wohl nie dabei beobachtet haben. Der König hatte keinen dauerhaften Arbeitsplatz, sondern er regierte immer in der Residenz, wo er sich gerade aufhielt. [S. 89]

Man denke: Obwohl der Schwiegerkönig immer in all den Residenzen herumregierte, durfte selbst Luise nie dabei zusehen! Potztausend! Möglicherweise hat sie auch sonst nicht bei allem dabei sein dürfen?

Es ist doch bedauerlich, dass ein Verlag wie C. H. Beck anlässlich des 200. Todestages der Luise von Preußen nichts besseres als diesen Schmonzes auf den Markt zu bringen versteht.

Daniel Schönpflug: Luise von Preußen. Königin der Herzen. München: C. H. Beck, 2010. Leinen, 286 Seiten mit gut 30 Abbildungen. 19,95 €.

Robert Menasse: Permanente Revolution der Begriffe

978-3-518-12592-2 Ein Bändchen mit acht Sonntagsreden Menasses, eine davon über Sonntagsreden. Diese Lektüre hat meine Auseinandersetzung mit Menasse beendet. An einer Stelle heißt es:

Alle wirtschaftlichen Blütezeiten seit den bürgerlichen Revolutionen waren Zeiten, in denen die Politik, nicht zuletzt auch durch gesellschaftlichen Druck, stärker war als »die Wirtschaft«. Alles Elend und alle Menschheitskatastrophen aber geschahen in Zeiten, in denen »die Wirtschaft« der Politik ihre Interessen diktieren konnte.

Si tacuisses, …

Robert Menasse: Permanente Revolution der Begriffe. Edition Suhrkamp 2592. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2009. 124 Seiten. 9,– €.

Lutz van Dijk: Geschichte der Juden

978-3-593-38537-2 Eine kurze, für Jugendliche verfasste Geschichte des jüdischen Volkes von den babylonischen Anfängen bis zur Gegenwart. Die Darstellung konzentriert sich in den verschiedenen Epochen immer wieder auf einzelne Figuren, die entweder in erfundenen Monologen oder aber auch mit ihren eigenen Schriften zu Wort kommen. So berichtet einerseits etwa Abrahams Sklavin Hagar davon, wie sie die Mutter Ismaels wurde, oder Aaron erzählt, wie es zum Tanz um das goldene Kalb kam. Andererseits kommen zum Beispiel Anne Frank und Hanna Arendt in Zitaten zu Wort.

Das Buch kann seinen Charakter als Jugendbuch nicht verleugnen, ist aber auch für erwachsene Leser als eine erste, rasche Einführung ins Thema durchaus geeignet.

Lutz van Dijk: Geschichte der Juden. Frankfurt/M.: Campus 32008. Pappband, 213 Seiten. 19,90 €.

Kleine Geschichte der Zeitrechnung …

holford-streven_zeitrechnun … und des Kalenders. Eine kurze, dichte und informative Einführung in das Gebiet von Leofranc Holford-Strevens, einem der beiden Autoren des hervorragenden Oxford Companion to the Year. Behandelt werden alle wichtigen Details der bedeutenden Kalendersysteme von der Antike (inklusive des präkolumbischen Kalenders Mittelamerikas) bis in die Neuzeit; selbst einige afrikanischen Besonderheiten finden Erwähnung. Das Kapitel zur Historie der Osterberechnung ist das ausführlichste und beste, das ich bislang in einer vergleichbaren Veröffentlichung gelesen habe. Ebenso findet man wohl nirgendwo sonst eine so knappe und zugleich detaillierte chronologische Darstellung der Einführung des Gregorianischen Kalenders in Europa.

Für alle, die sich für verschiedene Kalendersysteme interessieren oder mit ihnen im Sinne einer Hilfswissenschaft umgehen müssen, stellt diese Einführung eine kleine und preiswerte Alternative zum Oxford Companion dar, natürlich ohne diesen ersetzen zu können. Aber auf sehr viele Fragen wird man schon hier eine Antwort finden.

Leofranc Holford-Strevens: Kleine Geschichte der Zeitrechnung und des Kalenders. Aus dem Englischen übersetzt von Christian Rochow. RUB 18483. Stuttgart: Reclam, 2008. 192 Seiten. € 5,–.

Harry Sidebottom: Der Krieg in der antiken Welt

sidebottom_krieg Eine interessante kleine Studie, wenn mich auch der Titel zuerst ein wenig in die Irre geleitet hat. Das Buch beschäftigt sich mit dem »Krieg in der antiken Welt« selbst eher unsystematisch; in der Hauptsache handelt es vom ideologischen Konzept der »abendländischen Art der Kriegführung«. Dies soll nicht bedeuten, das Buch sei nicht informativ; das Gegenteil ist der Fall. Nur wird die Darstellung der antiken Sachverhalte nicht in einer vermeintlich objektiven und neutralen Art und Weise versucht, sondern sie werden stets durch eine spezifische Interpretation dieser Sachverhalte vermittelt. Diese Interpretationen können sowohl der Antike selbst als auch der neueren Geschichtsschreibung entstammen. Dabei ist Sidebottom nicht kleinlich, was die Art der »Geschichtsschreibung« angeht: An gleich drei Stellen ist Ridley Scotts Film »Gladiator« Auslöser seiner Ausführungen.

Hat man sich einmal auf den ideologiekritischen Ansatz des Autors eingelassen, so liefert das Buch zahlreiche interessante Aspekte des antiken Kriegswesens. Die Mehrzahl der Beispiele entstammt der griechischen und römischen Antike; Perser, Germanen, Gallier etc. kommen nur insoweit vor, als sie Gegner der Griechen oder Römer waren und damit zugleich auch ihr ideologisches Gegenbild darstellten. Behandelt werden sowohl der Krieg als Aspekt der griechischen und römischen Gesellschaften, als Teil ihres Selbstverständnisses, aber auch der konkrete Aufbau der Armeen, ihre Kampftechniken, Probleme der Logistik und der Ökonomie.

Insgesamt eine lesenswerte und anregende Einführung in das Thema mit einem anspruchsvollen Ansatz, die aber die Erwartungen historischer Laien wohl nur teilweise erfüllen wird.

Harry Sidebottom: Der Krieg in der antiken Welt. Aus dem Englischen übersetzt von Florian Himmler. RUB 18484. Stuttgart: Reclam, 2008. 224 Seiten. € 5,60.

Johannes Willms: Napoleon III

willms_napoleon-IIINach der umfangreichen Biografie über den Onkel hat Johannes Willms nun auch dem Neffen und letzten französischen Kaiser eine Biografie gewidmet. Sie ist – fast möchte man sagen glücklicherweise – bei weitem nicht so umfangreich geraten wie der Vorläufer, was aber sowohl dem Gegenstand als auch der Interessenlage deutscher Leser angemessen ist. Willms wirbt für ein gerechteres Bild dieses Mannes, der aus deutscher Sicht oft nur von seinem geschichtlich unglücklichen Ende her als Opfer der Bismarckschen Politik eines deutschen Nationalstaates begriffen wird.

Das Leben Louis-Napoleon Bonapartes ist schon früh von einem Verlangen nach politischem Einfluss und Fortsetzung der Herrschaft seines Onkels geprägt, was der Familienpolitik der Bonapartes entgegensteht, die bestrebt waren, in Ruhe ihre Pfründe zu verzehren. Prägend für die Karriere des späteren Kaisers waren sicherlich die beiden früher, eher phantastischen Versuche eines Staatsstreiches, dessen zweiter ihn immerhin für sechs Jahre ins Gefängnis gebracht hat.

Man muss nach der Lektüre von Willms’ Biografie zugestehen, dass sich Louis-Napoleon in der Folgezeit der Revolution von 1848 als vorausschauender und seinen Konkurrenten überlegener Politiker erwies, der es mit großem Geschick verstanden hat, seine Popularität bei weiten Teilen der Bevölkerung in konkrete politische Macht umzumünzen. Auch sind seine innenpolitischen Erfolge beeindruckend, doch die außenpolitischen Ambitionen erscheinen anfänglich überzogen, später dann teils abenteuerlich, teils naiv angesichts des Standards, den die Bismarcksche Behandlung desselben Terrains setzt. Gerade hier muss man Willms’ Darstellung loben: Die der europäischen Außenpolitik Napoleon III. gewidmeten Teile seiner Biografie sind – angesichts der verwickelten Sachlage – von musterhafter Stringenz und Klarheit. Die internationalen Verwicklungen werden insgesamt deutlicher und strukturierter herausgearbeitet als die innenpolitischen Verhältnisse, denen sich der Kaiser gegenübersah. Sicherlich wird an einigen wenigen Stellen eine unangemessene Antipathie Bismarck gegenüber spürbar, aber das mag bei einer Biografie über Napoleon III. nahezu unvermeidlich sein.

Insgesamt eine sehr gut lesbare, kurze und informative politische Biografie, die das Bild Frankreichs im 19. Jahrhundert um wichtige Aspekte ergänzt.

Johannes Willms: Napoleon III. München: Beck, 2008. Pappband, 311 Seiten. 24,90 €.