Hermann Stresau: George Bernard Shaw

Die inzwischen eingestellte Reihe der Rowohlt-Bildmonographien war in meiner Schul- und Studienzeit die einzige einigermaßen zuverlässige Quelle kurz gefasster biographischer Portraits, die im Umfang zwischen lexikalischen Einträgen und umfangreichen Biographien lagen. Dabei war die Qualität innerhalb der Reihe sehr unterschiedlich: Um rasch an Breite zu gewinnen, ließ der Herausgeber Kurt Kusenberg zum Teil essayistische Texte übersetzen, die kaum dem Anspruch einer Biographie genügten (Edgar Allan Poe; der frühe Band zu Joyce von Jean Paris); zum Teil waren die Autoren mit der Darstellung des Werkes oder Wirkens so beschäftigt, dass sie kaum zur eigentlichen Biographie kamen (Martin Luther); zum Teil waren die Autoren dem Dargestellten gegenüber so feindlich eingestellt, dass man das Büchlein über den Anhang hinaus kaum gebrauchen konnte (Gustave Flaubert). Aber abgesehen von solchen Einbrüchen war die Reihe für einen breit und historisch interessierten Leser völlig unverzichtbar, und es gab eben auch keine Alternative.

Auch die Shaw-Biographie von Hermann Stresau gehört zu den eher problematischen Fällen: Sie wurde 1962 geschrieben und seitdem nur im bibliographischen Anhang überarbeitet. Sie liefert eine Biographie im eigentlichen Sinne nur im ersten Drittel, wobei sie sich hier durch holzschnittartige Darstellung und undifferenzierte Urteile auszeichnet (Vater: Taugenichts; Mutter: nicht hartherzig, aber herzenskühl und lieblos; Shaw selbst: schüchtern bis zur Menschenscheu, aber aktives Vereinsmitglied und bedeutender öffentlicher Redner, immer gerade so, wie es passt). Anschließend geht der Text in eine weitgehend von Metaphern getragene Interpretation der Stücke Shaws über, die großteils für den Orientierung suchenden Leser unbrauchbar ist, weil bei den allermeisten Stücken eine schlichte Inhaltsangabe fehlt. Ohne Kenntnis der Stücke ist die Interpretation Stresaus aber weder nachvollziehbar noch überprüfbar.

Auch dieses, nur noch antiquarisch greifbare Büchlein steht ohne Alternative da; selbst im Englischen scheint es keine auch nur halbwegs aktuelle Biographie Shaws zu geben. Auch die sogenannte Werkausgabe in Einzelbänden bei Suhrkamp ist nur noch zur Hälfte lieferbar; es scheint nicht gut bestellt zu sein um Shaw und sein Werk.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw. rm 50059. Reinbek: Rowohlt, 122001. Broschur, 178 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

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