Jahresrückblick 2015

Auch für das vergangene Jahr die Höhen und Tiefen der Lektüre in einem kurzen Überblick diesmal mit einer sich zufällig ergebenden Aufteilung zwischen Belletristik und Sachbuch.

Die drei besten Lektüren des Jahres 2015:

  1. Philip Roth: Der menschliche Makel – ein sehr fein gearbeiteter Roman über grobe Vorurteile und die Macht des moralischen Klatsches.
  2. William Faulkner: Absalom, Absalom! – einer der ganz großen US-amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts über Folgen des Rassismus und anderer Lügen.
  3. Henry James: Die Gesandten – subtile Neuübersetzung eines der bedeutenden Spätwerke Henry James’, in dem beinahe nichts passiert und sich dennoch alles ständig in Bewegung befindet.

Die drei schlechtesten Lektüren des Jahres 2015:

  1. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit – ein gutes Beispiel dafür, wie man mit einem halbverstandenen und gar nicht durchdachten Konzept die Welt nicht begreifen kann.
  2. Hazel Hutchison: Henry James – eines der schlampigsten Bücher, das ich je in der Hand gehabt habe: Inhalt, Übersetzung und Lektorat sind indiskutabel.
  3. Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution – ein weiteres Exemplum für ein schludriges Sachbuch eines eigentlich versierten Historikers, das auf ein breites Publikum abzielt, das es ohnehin nicht besser weiß.

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution

Sämtliche Revolutionen beruhen zum Teil auf Mythen.

Figes-100-Jahre-RevolutionOrlando Figes, ein renommierter, auf Russland spezialisierter Historiker, möchte auch vom Jubiläum der Oktoberrevolution im Jahr 2017 profitieren und legt mit diesem Buch etwas vorzeitig eine kurze, auf eine breite Leserschaft zielende Darstellung der Entwicklung der Sowjetunion unter Lenin und Stalin vor. Um das Buch dem Anlass anzupassen und für den Markt attraktiv zu machen, wird es zur Geschichte einer einhundert Jahre andauernden Revolution zwischen 1891 (einem russischen Hungerjahr) und 1991 (dem Ende der Sowjetunion) aufgepeppt, unabhängig davon, ob es solch einen konstanten revolutionären Prozess tatsächlich gegeben hat oder nicht.

Das Buch gehört trotz seinem vergleichsweise geringen Umfang in die Kategorie „viel Soße, wenig Fleisch“. Die detailliertere Darstellung der Russischen Revolutionen beginnt mit den Ereignissen im Jahr 1905 und endet im wesentlichen mit Stalins Tod im Jahr 1953 (diese 48 Jahre nehmen etwa 260 der knapp 360 Seiten des Buches in Anspruch). Schon zur Ära Chrustschows weiß Figes kaum noch etwas zu sagen, das über eine Klippschulgeschichte hinausgehen würde. Da er sich zudem weitgehend auf das innenpolitische Geschehen der UdSSR beschränkt, entstehen am Rande Perlen der Geschichtsschreibung wie diese:

Nach dem amerikanischen Versuch, Castros Regierung im April 1961 durch die Schweinebucht-Invasion zu stürzen, begann Chrustschow, der gelobt hatte, Castros Revolution mit Sowjetraketen zu verteidigen, atomare Gefechtsköpfe in unmittelbarer Nähe der USA auf Kuba installieren zu lassen. Damit hatte er jedoch sein Blatt überreizt: Die Raketen wurde von CIA-Spionageflugzeugen entdeckt, und dreizehn Tage lang stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg, bis Chrustschow im Oktober 1962 schließlich einlenkte und sich bereit erklärte, die Raketen aus Kuba abzuziehen. Diese Demütigung besiegelte seinen Niedergang und das Ende der Reformen. (S. 311 f.)

Andererseits kann man froh sein, dass die Kuba-Krise überhaupt erwähnt wird und nicht wie etwa der Kroea-Krieg oder das komplexe und spannungsreiche Verhältnis der UdSSR zur VR China schlicht unter den Tisch fällt.

Wer wenig Ahnung von Geschichte hat und sich für die Entstehung und die ersten gut drei Jahrzehnte der Sowjetunion unter Lenin und Stalin interessiert, ist mit dem Buch vielleicht gut bedient; allerdings ist man nach der Lektüre einiger Artikel aus der Enzyklopædia Britannica oder auch der Wikipedia wohl besser und konziser informiert. Für alle anderen ist die Lektüre des Buches wohl eher Zeitverschwendung; dass der Autor zudem zu Platituden, wie der oben als Motto zitierten, neigt, hat mir die Lektüre des Buches zusätzlich verleidet. Schade um das Geld und die Zeit.

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin: Hanser Berlin, 2015. Pappband, Lesebändchen, 383 Seiten. 26,– €.