Joseph Conrad: Lord Jim

Es war eine merkwürdige, melancholische Vorstellung, aus dem Halbbewussten hervorgekommen wie alle unsere Illusionen – die, vermute ich, einfach nur Bilder einer fernen, unerreichbaren Wahrheit sind, die wir nur undeutlich erkennen.

Joseph Conrad gehört zu meinen eher frühen Lektüren, als ich in Schriftstellern noch Denker vermutete und in ihren Büchern einen tieferen Sinn. Gerade hierfür ist Joseph Conrad ein nahezu idealer Kandidat, da er wohl selbst glaubte, dass allem ein geheimer Sinn innewohnt, den er nur nicht recht in Worte zu fassen, den er aber durch eigenes und nacherzähltes Raunen dem Leser anzudeuten vermochte. Insbesondere die unmittelbare Begegnung des Menschen mit den Naturgewalten, vorzüglich dem Meer in seiner Schönheit und Gefährlichkeit führen ihn zu den existentiellen Einsichten, die die Bücher durchraunen. Dabei sind attraktive, zum Teil spannende, immer gut lesbare Texte entstanden.

Lord Jim, das durch sein Erscheinungsdatum die Jahrhundertgrenze markiert, ist einer der langen Romane Joseph Conrads. Man merkt ihm seine Entwicklung aus einem wesentlich kürzeren Entwurf an, da die erzählerische Konstruktion, dass es sich bei mindestens 70 % des Romans um die Erzählung Charles Marlows an einem einzigen Abend handelt, doch sehr strapaziert wirkt. Überhaupt leidet auch dieses Buch unter der Pest des 19. Jahrhunderts, dass alles zu Ende erzählt werden muss und es deswegen mindestens 100 Seiten mehr hat, als ihm gut tut. Es ist wohl nicht falsch, das Buch in zwei Hauptteile einzuteilen, die durch Einleitung, Überleitung und Ende gerahmt sind: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Reise des Pilgerschiffs Patna, der zweite Teil mit der Karriere des Titelhelden als Eingeborenenkönig irgendwo in Südostasien. Nach einer auktorialen Einführung der Figur Jims nutzt Conrad den Wechsel zum Erzähler Marlow – den er später unter anderem auch für sein berühmtes Herz der Finsternis gebrauchen sollte – um den Leser für weitere 50 Seiten über den Ausgang der ersten Krise in Jims jungem Leben im Unklaren zu lassen.

Jim jedenfalls versagt für einen Augenblick in einer Krisensituation und wird von der Ironie des Schicksals sofort für dieses Versagen heftig niedergeschlagen: Er verliert sein gerade erst erworbenes Offizierspatent und ist in ein Leben entlang der Küste gezwungen, wo er sich für verschiedene Schiffsausstatter als Hafenagent verdingt. Immer, wenn ihn die Geschichte seiner Schande einholt, zieht er weiter nach Osten. Schließlich trifft er in Mr. Stein einen ihm geneigten Menschen, der ihm einen entlegenen Handelsposten im fiktiven Patusan anbietet, wo Jim als einer von nur zwei Weißen Karriere als eigentliche Macht vor Ort macht, sich in ein Mädchen verliebt und endlich einen kleinen Platz auf der Welt gefunden zu haben scheint, wo er seine Jugendträume von Bedeutung, Einfluss und Verantwortung ausleben kann. Natürlich muss auch hier ein Ende gefunden werden, weshalb das Buch leider in einer Art von Piratengeschichte endet, die nur als angeklebt bezeichnet werden kann.

Abstrakt betrachtet haltet es sich bei Lord Jim um eine Variation auf den im 19. Jahrhundert beliebten Entwicklungsroman mit der besonderen Pointe, dass die Gesellschaft, in der Jim nach seinem Fall seinen Ort und seine Bestimmung findet, am gegenüberliegenden Längengrad der Welt liegt. Man kann dies sowohl als Kritik der westlichen Welt und ihrer unmoralischen Moral verstehen wollen oder auch als Missbilligung der merkwürdig hochgespannten Persönlichkeit Jims, der erst sehr spät und sehr endgültig zu einer Einsicht in die tatsächliche Verfasstheit der Welt gelangt. Gerade die letzte Lesart sollte in der Wahrnehmung des Lesers gekontert werden durch die Sympathie, die beide Erzählerfiguren Jim entgegenbringen, indem sie immer und immer wieder betonen, Jim sei „einer von uns“ (diese Formel wird mindestens acht Mal auf den knapp 500 Seiten des Romans benutzt).

Dass ich Lord Jim gerade jetzt wieder gelesen habe, verdankt sich eher einem Zufall: Im letzten Jahr wurde Conrads Die Schattenlinie neu übersetzt – ebenfalls in nächster Zeit hier zu besprechen – und in diesem Zusammenhang habe ich meinem Buchhändler gegenüber einmal mehr die Übersetzung von Herz der Finsternis durch Manfred Allié gelobt; mein Buchhändler fand rasch heraus, dass Allié inzwischen auch den Lord Jim ins Deutsche übertragen hatte. Und auch diesmal hat sich der Übersetzer am Text bewährt. Es ist nicht einfach, das Raunende und Indirekte Conrads zu übersetzen: Es gerät leicht ins mystische Schwafeln oder in die blanke Undeutlichkeit, aber Allié ist es auch hier gelungen, den Grundton Conrads und seine Indirektheit sehr angemessen ins Deutsche zu übertragen.

Das Buch als Buch allerdings ist leider eines der Ärgernisse, wie sie sich immer öfter im Buchhandel finden: Für das sogenannte Hardcover (was einen festen statt eines flexiblen Pappkarton als Umschlag bedeutet, nicht mehr) wurde der Satzspiegel des Taschenbuchs schlicht optisch aufgeblasen (dieses Verfahren hat eine ganze Reihe von Großdruck-Büchern erzeugt), und man hat sich bei Fischer nicht einmal die Mühe gemacht, eine eigenes Cover-Bild für den Schutzumschlag zu entwerfen, sondern einfach den Umschlag des Taschenbuchs benutzt. Daher ziert dieses Hardcover das Logo der Fischer Taschenbuchreihe. Was der Käufer also für die 8,– €, die das Hardcover mehr kostet als das Taschenbuch, bekommt ist ein optisch hässlicher Buchsatz und ein fester Pappendeckel um das Buch geklebt; auch ein angeklebtes Stofflesezeichen findet sich. Zum Ausgleich kostet wenigstens das E-Book, zu dem ich angesichts der Qualität der gedruckten Ware raten würde, nur 3,99 €.

Joseph Conrad: Lord Jim. Eine Erzählung. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Frankfurt: S. Fischer, 2014. Pappband, Lesebändchen, 493 Seiten. 22,99 €.

Zwei neue Conrad-Biografien

Im Conrad-Jahr 2007 (am 3. Dezember war der 150. Geburtstag) sind zwei neue, umfangreiche Biographien zu Joseph Conrad erschienen:

  • John Stape: Im Spiegel der See. Die Leben des Joseph Conrad.
  • Elmar Schenkel: Fahrt ins Geheimnis. Joseph Conrad.

stape_conradJohn Stapes Im Spiegel der See liefert eine Biografie im klassischen Sinne, ja, er betont sogar gleich im Vorwort, dass er sich mit den Schriften Conrads nur in biografischer, nicht in literaturwissenschaftlicher Hinsicht beschäftigen wird. Außerdem betont er, sein Ziel sei Kürze gewesen. Das überrascht auf den ersten Blick, da das Buch immerhin mehr als 540 Seiten hat und über Conrad so viel eigentlich nicht bekannt ist. Nun sollte man nicht erwarten, dass Stape den Forschungsstand zu Conrad wesentlich erweitert. Stattdessen finden sich häufig Passagen wie diese:

Mademoiselle Renouf mag eine herzlose coquette gewesen sein, oder einfach eine Frau, die versuchte, einer arrangierten Ehe aus dem Weg zu gehen. Vielleicht war der Flirt auch weitgehend einseitig, oder Conrad hatte einfach spontan gehandelt. Vermutlich hat er davon geträumt, sich mit Eugénie Renouf in Australien oder auf Mauritius niederzulassen, doch darüber gibt es keine Aufzeichnungen.

Kurz zusammengefasst: Wir wissen nichts darüber, warum die bereits verlobte Eugénie Renouf sich auf die Werbung Conrads eingelassen hat oder warum Conrad nichts von dem schon bestehenden Eheversprechen wusste. Aber natürlich kann man ganz allgemein darüber spekulieren und auf diese Weise einen Absatz füllen. Dabei muss man Stape zugestehen, dass er zwischen dem, was sich belegen lässt, und dem, was sich die Conrad-Forschung so mit der Zeit zusammenphantasiert hat, immer deutlich trennt. Da die Spekulationen aber mit den Jahren den dünnen faktischen Gehalt überwuchert haben, hat der Leser einige Mühe, die wenigen harten Fakten aus dem allgemein vorherrschenden »Es könnte sein« herauszufiltern.

Auch enthält Stapes Buch immer wieder gänzlich wirre Abschnitte:

Conrad schnappte ein paar Brocken Handelsmalaiisch auf, pasar Melayu, einen Grundstock an Wendungen, die ihm Nahrung, Schutz und Transport sicherten, dazu ein paar nautische Begriffe. Er lernte das Verhalten und Denken dieses Volks genauer kennen, auch wenn er überwiegend Kontakt mit dessen raueren Vertretern hatte, den Seemännern, mit denen er fuhr. Hugh Clifford, ein Kolonialbeamter und Schriftsteller, mit dem sich Conrad anfreundete, nachdem seine ersten Romane erschienen waren, kritisierte, dass Conrad «von den Malaien nicht die geringste Ahnung» habe. Das räumte dieser auch bereitwillig ein. Sein Interesse war kein anthropologisches. Wie seine Schriften zeigen, war er von dem, was er sah, tief bewegt.

So etwas ist Geschwätz ohne Hand und Fuß, und es ist einfach ärgerlich, solch einen Unsinn aufgetischt zu bekommen.

Hervorzuheben ist aber die schöne Ausstattung des Bandes: Zwar ist er nicht fadengeheftet, verfügt aber über eine leserfreundliche, elegante Typographie und ein schön gestaltetes Vorsatzpapier.

schenkel_conrad Deutlich angenehmer liest sich Elmar Schenkels Fahrt ins Geheimnis. Schenkel verzichtet auf den Versuch, eine chronologisch konsequente Biographie Conrads zu liefern.  Statt dessen kreisen die einzelnen Kapitel jeweils um einen thematischen Schwerpunkt: ein biographische Ereignis, ein literarisches Motiv, eine Reise, eine Person oder ein Werk. Diese Form ist nicht immer streng durchgehalten; so geht etwa das Kapitel über Conrads Beschäftigung mit Napoleon über in eine Betrachtung zu Conrads Geburtsort, Balzac (der dort geheiratet hat) und die Polnischen Teilungen. Aber darüber lässt sich hinwegsehen.

Insgesamt erscheint die Auswahl der Themenschwerpunkte gut und ausgewogen. Auch Schenkels Darstellung leidet natürlich unter dem Mangel an konkreten Lebensdaten für bestimmte Phasen in Conrads Biographie, was bei ihm aber nicht so auffällig wird wie bei Stape, da er nicht der Chronologie verpflichtet ist. Auf der anderen Seite wird es Lesern, die Conrads Leben nicht wenigstens in den Grundzügen kennen, schwer fallen, sich ein einigermaßen geschlossenes Bild zu erarbeiten. Für sie gibt es am Ende des Bandes zwar eine 15-seitige Chronik, die eine traditionelle Biografie aber nicht wirklich ersetzen kann. So ist zu befürchten, dass dieses Buch Einsteiger eher enttäuscht zurücklassen wird. Ihnen wäre zu empfehlen, zuvor zumindest eine Kurzbiographie wie etwa die von Renate Wiggershaus aus der Reihe »dtv portrait« zu lesen.

John Stape: Im Spiegel der See. Die Leben des Joseph Conrad. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Hamburg: marebuchverlag, 2007. Pappband, Lesebändchen, 543 Seiten. 39,90 €.

Elmar Schenkel: Fahrt ins Geheimnis. Joseph Conrad. Eine Biographie. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2007. Pappband, Lesebändchen, 368 Seiten. 24,90 €.

Joseph Conrad: Jugend / Herz der Finsternis / …

conrad_jugend … Das Ende vom Lied. Drei Erzählungen Joseph Conrads, die in dieser Zusammenstellung zum ersten Mal 1902 erschienen sind. In dem mitgelieferten Vorwort Conrads aus dem Jahr 1917 weist der Autor jegliche Idee einer zyklischen Anlage der Sammlung zurück und betont, dass die Texte nur aufgrund ihrer in etwa zeitgleichen Entstehung zusammengehören. Karriere gemacht hat bekanntlich Herz der Finsternis, das spätestens durch die freie Variation in Apocalypse Now in der westlichen Kultur Kultstatus bekommen hat.

Allerdings lag bislang keine wirklich gute Übersetzung vor. Ich selbst hatte mir nach der ersten Lektüre der englischen Originale Conrads eigentlich vorgenommen, keine weiteren Übersetzungen seiner Bücher ins Deutsche zu lesen. Doch als mir letztens von meinem Buchhändler der hier vorgestellte Band in die Hand gedrückt wurde, war ich erstaunt, wie genau der Ton der ersten Seite von Herz der Finsternis meiner Erinnerung an das Original entsprach. Dieser erste Eindruck hat sich gehalten: Die Übersetzungen haben durchgängig ein hohes Niveau und ein genaues Gespür für die von Conrad tonal erzeugten Stimmungen. Das lässt sich natürlich nicht in allen Fällen nachbilden, ist aber hier besser gelungen, als ich es bislang in irgend einer der älteren Übersetzungen gefunden habe.

Die beiden ersten Erzählungen haben eine Rahmenerzählung, in der Conrads Erzählerfigur Marlow in einem Kreis Londoner Bekannter eigene Erlebnisse berichtet: Jugend von seiner ersten Fahrt als Zweiter Offizier auf einem heruntergekommenen Frachter, der schließlich auf hoher See Opfer eines Schwelbrandes in der Ladung wird, Herz der Finsternis von seiner Zeit als Kapitän auf dem Kongo und seiner Begegnung mit dem Handelsagenten Kurtz, der – halb wahnsinnig, halb hybrider Philosoph – im Kern die Faszination und begriffliche Hilflosigkeit der Weißen angesichts der Konfrontation mit dem schwarzen Kontinent widerspiegelt.

Die wohl insgesamt weniger bekannte Erzählung Das Ende von Lied (deren Originaltitel The Ende of the Tether den sprichwörtlichen Geduldsfaden mit ins assoziative Spiel bringt), ist die Geschichte des alternden Kapitän Whalley, der sich, um seine verheiratete Tochter finanziell unterstützen zu können, noch einmal für drei Jahren als Kapitän verpflichtet. Dies erweist sich für ihn als ein Wettlauf mit der Zeit und der eigenen Gesundheit. Diese Erzählung kann als ein Musterstück retardierenden Erzählens gelesen werden, denn die Fabel bleibt wesentlich anekdotisch und ließe sich ohne großen Verlust auf zwei Seiten zusammenfassen. Doch die ausführliche Beschreibung zahlreicher Nebenfiguren, ihrer Motive und Geschichte sowie die beinah quälende Verzögerung der Auflösung des Rätsels um Kapitän Whalley machen diesen Text mit beinahe 130 Seiten zum längsten des Bandes.

Wer mit der Lektüre Conrads beginnen möchte, dem sei dieser Band ans Herz gelegt; die anderen, die Conrad nicht im Original lesen, mögen hier nachschauen, was einem sorgfältigen Übersetzer im Deutschen möglich ist.

Joseph Conrad: Jugend / Herz der Finsternis / Das Ende vom Lied. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2007. Pappband, Lesebändchen, 379 Seiten. 19,90 €.