August von Goethe: Reisetagebücher

AvG-Berlin Im kleinen Goethejahr 2007 hat der Aufbau Verlag das Reisetagebuch der ersten großen Reise August von Goethes nach Potsdam, Berlin, Dessau, Torgau und Dresden veröffentlicht. Die Reise fand zwischen dem 4. Mai und dem 27. Juni 1819 statt. August von Goethe reiste zusammen mit seiner Gemahlin Ottilie, die auf der Reise in der Hauptsache gedachte, ihre Verwandten zu besuchen. Für August war die Reise vom Vater als kleine Bildungsreise gedacht, aber August sollte auch für den Vater die Augen und Ohren offen halten, fleißig Bericht erstatten und schließlich zahlreiche Kontakte pflegen, die der Vater persönlich nicht aufsuchen konnte oder wollte.

Besonders in Berlin werden Ottilie und August denn auch entsprechend behandelt: Neben den verwandten, die Ottilie täglich aufsucht, um mit ihnen Zeit zu verbringen, kommen die beiden zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, werden bei Gelegenheit eines Festes beim Fürsten Radziwill sogar dem König vorgestellt und allseits liebenswürdig und äußerst erfreut aufgenommen. Man redet viel mit ihnen über den Vater. In der übrigen Zeit erledigt August ein umfangreiches Besichtigungsprogramm, schreibt Berichte nach Weimar, die er aus dem regelmäßig geführten Tagebuch extrahiert. Des öfteren verweist er darauf, dass er später mündlich genaueren Bericht zu geben gedenkt; auch hierfür sollte das Tagebuch als Gedächtnisstütze dienen.

Besonders im letzten Abschnitt der Reise verändert sich deren Charakter: Dresden besucht man hauptsächlich mit touristischen Ambitionen. Hier sind keine Visiten zu erledigen und August und Ottilie unternehmen die meisten Besichtigungen und Ausflüge gemeinsam, so auch einen dreitägigen Ausflug in die Sächsischen Schweiz, den man in Begleitung mehrerer Reisebekanntschaften genießt. Gerade für Dresden empfiehlt der Vater denn auch ausdrücklich, sich Zeit zu nehmen, da dort »die Kunstwerke aller Art […] näher beysammen stehen als irgendwo und auf einem echten Grund und Boden«. Er erwirkt daher dem Sohn auch eine Verlängerung seines Urlaubs um acht Tage.

Die Herausgeberin Gabriele Radecke, die sich um August von Goethe schon mit der Mitherausgeberschaft des Italien-Tagebuchs und dem Neudruck von Wilhelm Bodes »Goethes Sohn« verdient gemacht hat, vereint in dem vorliegenden Band das eigentlich Tagebuch mit den Briefen Augusts an Goethe. Hinzukommen Briefe des Vaters an August, zahlreiche weitere Briefe von und an Ottilie von Goethe sowie einige wenige Schreiben von Reisebekanntschaften, die sich im Anschluss direkt an Johann Wolfgang von Goethe wenden. All dies ist so gut es geht in eine chronologische Ordnung gebracht. Zwar ergeben sich dadurch notwendig Doppelungen des Berichteten, was aber – da die Briefe zumeist eine geraffte Fassung des Tagebuchtextes liefern – nicht wirklich stört. Alle Texte sind nach den Handschriften ediert, wobei man nur dort behutsam in die Texte eingegriffen hat, wo es dem Leser beim Verständnis der Lektüre hilft. Der Band ist ausführlich und – wie immer bei Gabriele Radecke – kompetent kommentiert. Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, die Anmerkungen parallel zum Text zu verfolgen.

Durch das breit gewählte Umfeld an Briefen von Bekannten und Verwandten gewinnt das Buch deutlich, denn gerade in die Zeit der Reise des jungen Ehepaars fällt die Finanzkrise der Familie Johanna Schopenhauers, die durch den Konkurs des Danziger Bankhauses Muhl mit dem Verlust eines Großteils ihres Vermögens bedroht ist. Adele von Schopenhauer und Ottilie von Goethe sind langjährige, innigste Freundinnen, und so erfahren wir aus Adeles überschwänglichen Briefen von der Aufregung und den immer wieder wechselnden Reiseplänen der Schopenhauers, die sich am Ende doch entschließen, nach Danzig zu fahren.

Insgesamt bietet das Buch einen lebendigen und facettenreichen Ausschnitt der Goethezeit. Man muss der Herausgeberin sicherlich nicht folgen, wenn sie bereits in den berichten und Briefen von dieser Reise die spätere Zerrüttung der Ehe der jungen Goethes wahrnehmen will. Auch erscheint mir der andeutungsweise Versuch, Ottilie aufgrund ihres während der Reise chronischen Hustens in einer Art Opferrolle zu sehen, ein wenig überspannt. Aber das geschieht aus der Rückschau vom Ende dieser Ehe her natürlich leicht. Im Großen und Ganzen erscheinen Ottilie und August im Jahr 1819 noch als ein weitgehend »normales« bürgerliches Ehepaar; sicherlich keine Ehe, die im Himmel gestiftet wurde, aber auch keine, die geeignet scheint, mehr als das alltägliche Maß an Unglück hervorzubringen.

Eine angenehme und für denjenigen, der am frühen 19. Jahrhundert ein literarisches oder historisches Interesse hat, gewinnbringende Lektüre. Für Goethe-Kenner und solche, die es werden wollen, ohnehin ein Muss. Der einzige Wermutstropfen ist, dass hier einmal mehr Überlegungen der Verkaufbarkeit über die Ansprüche an Qualität gesiegt haben: Ein solches Buch, von dem zu erwarten ist, dass es für lange Zeit die einzige Ausgabe bleibt, hat einen Leineneinband und Fadenheftung verdient, auch wenn das den Verkaufspreis steigern sollte.

August von Goethe: »Wir waren sehr heiter«. Reisetagebuch 1819. Hg. v. Gabriele Radecke. Berlin: Aufbau, 2007. Pappband, Lese- bändchen, 334 Seiten. 24,95 €.

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AvG-Italien Das für die Einschätzung der Person August von Goethes sicherlich wichtigere zweite Tagebuch der Reise nach Italien erschien bereits im letzten großen Goethejahr 1999. Es ist umfangreicher und zugleich konzentrierter, da August von dieser Reise seine Tagebuchblätter direkt nach Weimar schickt und nicht zusätzlich darauf fußende Briefe verfasst. Auch hier hat August von Goethe eine Vorstufe in Form von Notizen auf einzelne Blättern geschrieben, was aber nichts daran ändert, dass in diesem Fall die Tagebuchtexte weitgehend für sich allein stehen.

Diese Reise begann am 22. April 1830 und endete bekanntlich mit dem Tod August von Goethes an einem Schlaganfall in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober desselben Jahres in Rom. Diesmal reist August unter deutlich anderen Vorzeichen: Er befindet sich sowohl privat als auch gesundheitlich in einer schweren Krise. Seine Ehe ist offenbar zerrüttet, seine Gesundheit seit längerer Zeit angegriffen. Der Aufbruch aus Weimar kommt einer Flucht gleich: Eigentlich wollten Johann Peter Eckermann und August von Goethe erst am 1. Mai aufbrechen, aber August hällt die Anspannung in Weimar nicht länger aus und drängt Eckermann kurzentschlossen zum verfrühten Aufbruch: »Leben Sie alle wohl ich kann nicht mehr.« (AvG an die Familie Gille am 21. April 1830.) Es ist schwer einzuschätzen, inwieweit August von Goethe seinen gesundheitlichen Zustand hypochondrisch übertreibt, aber er schreibt am 13. Mai aus Mailand in seinem ersten Brief an seine Gattin:

Ich bin nun 150 Meilen weit von Dir entfernt und will Dir doch auch ein vertrauliches Wort zukommen lassen, welches Dir meinen Zustand klar machen soll. Ich ging wirklich so krank aus Weimar daß ich nicht glaubte Frankfurth lebendig zu erreichen, durch die Anstrengung in den letzten 8 Tagen hatten sich alle eine Uebel so gesteigert, daß ich in einem verzweiflungsvollen Zustand den Postwagen bestieg, wie es aber Gott immer mit dem Menschen gut meint so schickte er mir auch hier einen Trost: es war ein gewisser Docter Wapritz Regiments-Arzt beim 1t Garde Regiment in Berlin, welcher nach Paris reißte, ein sehr gebildeter und zugl. lustiger Mann. Ich dachte wenn dir also etwas zustößt so hast du doch ärztliche Hülfe und das gab mir neuen Muth. Bis Frankfurth kam ich also obgleich sehr angegriffen und ohne kaum etwas genossen zu haben denn sogar das Kauen wurde mir beinahe unmöglich schlucken konnte ich auch kaum. Meine Füße waren mir an den Fußsohlen so wund geworden daß ich kaum von der Post in den Gasthoff forthinken konnte und so mußte ich denn in Frankfurth 4 Tage liegen bleiben.

Zumindest subjektiv empfand sich August also zu diesem Zeitpunkt als todkrank. Italien aber lässt ihn aufleben: »alle Systeme kommen ins Gleichgewicht und ich habe die bischen Hoffnung ohne Arzney ganz hergestellt zu werden«. Dies sollte sich letztlich als Trug erweisen.

Auch in Italien ist August im Auftrag des Vaters unterwegs. Das Tagebuch ist direkt an ihn gerichtet und auf die Reiseroute hat Johann Wolfgang von Goethe starken Einfluss genommen. Aber auch so ist sich August in jedem Moment klar, dass er in Stellvertretung reist: Er stellt seine Zeit und seine Wahrnehmung in den Dienst des Vaters und statt in Italien das zu tun, was für ihn am Dringlichsten wäre – sich zu erholen und Abstand zu seiner privaten Misere zu finden –, arbeitet er sich am Auftrag seines Vaters ab.

Und so wie er bis an den Fuß des Vesuv den väterlichen Signalen folgt, zielt auch eine seiner Hauptbeschäftigungen, der Erwerb von Münzen, Medaillen und anderen Kunstgegenständen. auf den kontinuierlichen Ausbau des Bestands der väterlichen Sammlungen. Noch in der Ferne ist August Kustos und Agent des Sammlers und der Seinigen. [Aus dem Nachwort der Hg., S. 286.]

Nicht zuletzt ist es auch sein Alkoholismus, der ihm keine Chance gelassen hat: August lehrte täglich mehrere Flaschen Wein, ein Getränk, an das er bereits von früh an gewöhnt war. August Kestner – der Sohn Charlotte Buffs –, der August von Goethe in seinen letzten Tagen ein Freund war und auch die traurige Pflicht auf sich nahm, den Vater in Weimar zu verständigen und für die Beisetzung auf dem Fremdenfriedhof bei der Pyramide des Cestius Sorge zu tragen, berichtet von Augusts auffallender Trunksucht, ohne dass der davon wirklich trunken geworden wäre. Die Autopsie August von Goethes ergab jedenfalls eine krankhaft vergrößerte Leber und krankhafte Veränderungen des Gehirns, so dass das Urteil der Ärzte lautete, August hätte ohnehin nur noch kurze Zeit zu leben gehabt.

Gerade angesichts der italienische Reise darf man vielleicht die Frage stellen, wie man einem solchen Menschen gerecht werden könnte, außer vielleicht dadurch, dass man zwar seine Existenz zur Kenntnis nähme, ihn aber ansonsten in Ruhe ließe, wie das ja auch bei den Kindern anderer Berühmtheiten hier und da gelingt. Es ist leicht zu urteilen, August von Goethe habe ein verfehltes Leben gehabt; viel schwieriger aber ist es anzugeben, wohin dieses Leben denn hätte zielen sollen, um nicht zu verfehlen, und ob eine solch ganz andere Richtung unter den gegebenen Bedingungen denn überhaupt einzuschlagen gewesen wäre. August von Goethe jedenfalls ist es nicht gelungen, an dem Platz, auf den er gestellt wurde, zu sich selbst zu finden – mag sein, es hat letztlich nur die Zeit dazu gefehlt, mag auch sein, die übermächtige Vaterfigur (die gerade in diesem Fall nicht mit der Privatperson Goethe verwechselt werden sollte) hat dazu keine Chance gelassen. August von Goethe bleibt jedenfalls auch heute noch ein offen am Tage liegendes Rätsel, dem alles Geheimnisvolle zu fehlen scheint.

Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?

Auch dieses Buch ist nach den Handschriften gedruckt. Auf den ersten Blick scheinen die glättenden Eingriffe in den Text geringer zu sein, was aber auch daran liegen kann, dass sich Augusts legasthenische Neigungen mit den Jahren und der Alkoholkrankheit verschlimmert haben. Der Anmerkungsteil ist hier sparsamer gehalten, genügt aber wohl den Ansprüchen der meisten Leser.

August von Goethe: Auf einer Reise nach Süden. Tagebuch 1830. Hg. v. Andreas Beyer und Gabriele Radecke. München: Hanser, 1999. Leinen, Fadenheftung, 335 Seiten. 23,50 €.

Passig / Scholz: Lexikon des Unwissens

passig-scholz Eine nette, kurzweilige Lektüre, von der man nicht zuviel erwarten sollte. Die Autoren informieren im populären Ton über Fragen und gegenstände, zu denen unsere Wissen bestenfalls lückenhaft ist. Die behandelten Wissensbereiche sind Biologie, Physik (besonders die Astronomie), Mathematik, Geologie, die Wirtschafts- wissenschaften und die Anthropologie. Geschichtliche Ereignisse oder philologische Rätsel (»Indus-Schrift« und »Voynich-Manuskript«) stellen Ausnahmen dar. Andere Bereiche, wie etwa die Philosophie, die beinahe per definitionem komplett aus ungeklärten Fragen besteht, sind ausgelassen worden. Wahrscheinlich kennen sich die Autoren da nicht gut genug aus, um das dortige fundamentale Nichtwissen populär vermitteln zu können.

Wirklich harte Kandidaten (Zeit, Energie, Materie, der Kosmos, die Wahrheit, Gott) wurden ausgelassen. Bedingung zur Aufnahme eines Lemmas scheint gewesen zu sein, dass wissenschaftliche Lösungsansätze oder Theorien zu den Stichwörtern bestehen, die aber unzureichend bleiben. Einige Kandidaten sind durchaus überraschend: »Aal« oder »Klebeband« haben mich ebenso überrascht, wie ich die Lemmata »Geld« oder »Trinkgeld« amüsant fand. Überhaupt muss man betonen, dass das Buch in einem lockeren, angenehmen Ton gehalten ist, der sich und die verhandelten Themen nicht besonders ernst nimmt.

Eine leichte und vergnügliche Lektüre für zwischendurch.

Kathrin Passig / Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt. Berlin: Rowohlt Berlin, 2007. Pappband, 255 Seiten, Lesebändchen. 16,90 €.

Wilhelm Bode: Goethes Sohn

bode-AvG Auf meinem Schreibtisch liegt gerade der Band August von Goethe: »Wir waren sehr heiter«. Reisetagebuch 1819, zu dem hier in Kürze eine Rezension zu lesen sein wird. Das Buch ist herausgegeben von Gabriele Radecke, was mich daran erinnerte, dass ich im Jahr 2002 – also lange vor Beginn dieses Blogs – die ebenfalls von ihr herausgegebene Biographie August von Goethes aus der Feder Wilhelm Bodes gelesen und für die Goethe-Mailingliste rezensiert hatte. Ich erlaube mir, diesen Text überarbeitet und gekürzt hier noch einmal herzusetzen.

Wilhelm Bode (1862-1922) war wahrscheinlich der populärste Goethe-Forscher der vorletzten Jahrhundertwende. Immer dankbar wird die Forschung ihm für die drei Bände Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen 1749-1832 sein. Zuletzt wurde diese wichtige Sammlung im Goethejahr 1999 aufgelegt, aber auch diese Neuauflage ist inzwischen nurmehr antiquarisch zu bekommen; sehr schade. Bode hat überraschend wieder einigermaßen Konjunktur; so erschien ebenfalls im Goethejahr 1999 eine Neuauflage von »Goethes Liebesleben«, und schließlich die vorliegende Biographie Augusts von Goethes aus dem Jahr 1918, die sich zurecht dessen erste wirkliche Biographie nennt.

Es bleibt allerdings rätselhaft, warum sich der Aufbau Verlag dazu entschlossen hat, dieses Buch neu zu drucken. Es ist in weiten Teilen überholt, im Stil oft schwülstig und im Umgang mit dem Verbiographierten zum Teil unerträglich gönnerhaft. Zu seinem Vorteil muß gesagt werden, dass Bode an zwei Stellen umfangreiche Originalquellen von Augusts Hand zitiert, die sehr reizvoll zu lesen sind.

Den sachlichen Mängeln hat man versucht dadurch aufzuhelfen, dass man dem Buch einen umfangreichen Anhang beigegeben hat. Darin finden sich nicht nur dankenswerter Weise die Nachweise der Zitate – eine Seltenheit in der Goetheliteratur, die in weiten Teilen nur Daten gibt – und ein Personenverzeichnis mit kurzen einordnenden Kommentaren, sondern auch ein fast 40 Seiten starker Einzelstellen-Kommentar, der die Fehler und Ungenauigkeiten Bodes bereinigt. Allerdings fördert dies nicht gerade den Lesegenuss, da man gezwungen wird, stets vorn und hinten im Buch gleichzeitig zu lesen. Dieser Anhang hat der Herausgeberin viel Arbeit gemacht, aber es bleibt unverständlich, warum sie ihre unbestrittene Sachkenntnis nicht besser dazu genutzt hat, eine eigene Biographie August von Goethes vorzulegen, die dem Forschungsstand entspricht, statt dass ein Buch wieder in Verkehr gebracht wird, das höchstens noch historisch-dokumentarischen Wert hat.

Wilhelm Bode: Goethes Sohn. Aufbau Taschenbuch 1829. Berlin, 2002. 488 Seiten. 12,– €.

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Vorzuziehen ist als Biographie immer noch das Buch von Werner Völker: Der Sohn August von Goethe (Frankfurt/M. u. Leipzig: Insel, 1992), das aber auch nur antiquarisch greifbar ist. Völker hat eine deutlich angenehmere Diktion, versucht, auf gleiche Augenhöhe mit August zu kommen, und ist in den Details deutlich zuverlässiger als der unkorrigierte Bode.

Ergänzend zu den Biographien sollte in jedem Fall hinzutreten: August von Goethe: Auf einer Reise nach Süden. Tagebuch 1830 (Hg. Andreas Beyer u. Gabriele Radecke. München: Hanser, 1999). Es handelt sich um das von Goethe bei seinem Sohn in Auftrag gegebene Reisetagebuch von dessen Italienreise, von der er bekanntlich nicht zurückgekehrt ist, ergänzt um die Briefe Augusts nach Weimar aus derselben Zeit. All dies wird hier zum ersten Mal nach den Handschriften gedruckt, was dem Leser einen sehr unmittelbaren Eindruck gibt. Mehr dazu in der bald folgenden Rezension des Reisetagebuchs von 1819.

Fred Waitzkin: Searching for Bobby Fischer

Waitzkin_SearchingFred Waitzkin, amerikanischer Journalist, ist Vater des Schachspielers Joshua Waitzkin, der in den 80er Jahren eines der begabtesten Schachtalente in den USA war und 1986 zum ersten Mal die nationale Schulmeisterschaft gewann. »Searching for Bobby Fischer« ist Fred Waitzkins Bericht über die etwa drei Jahre von der Entdeckung von Joshs Begabung bis zum Gewinn der Meisterschaft. Das Buch zeichnet sich nicht nur durch seine gute Lesbarkeit aus, sondern vor allem durch die zahlreichen Perspektiven, die es präsentiert: Nicht nur Joshs Entwicklung wird thematisiert, sondern auch Waitzkins persönliche Ängste und Ambitionen als Vater eines Wunderkindes, die erbärmliche ökonomische Perspektive, der sich ein Profi-Schachspieler für gewöhnlich gegenübersieht, die geringe gesellschaftliche Anerkennung, die Schachspieler genießen, die suchtartigen Zustände, die Spieler dem Schach gegenüber entwickeln und die sie – wie alle Süchte – allem anderen gegenüber gleichgültig werden lassen und vieles andere mehr.

In diese Zeit fällt auch eine Reise von Fred, Josh und Joshs Trainer Bruce Pandolfini nach Moskau zum ersten Weltmeisterschaftskampf zwischen Karpov und Kasparov. Während dieser Reise trifft Fred Waitzkin unter anderem Boris Gulko, der als Geächteter des Sowjetsystems mit seiner Frau und seinem Kind am Rande der Armut vegetiert. Er lernt auch bei zwei kurzen Besuchen in Schachklassen die Ausbildung der sowjetischen Schachschule kennen, die ihre Schüler durch kontinuierlichen und konsequenten Unterricht zu der erstaunlichen Höhe und Breite schachlicher Leistungen befähigt, die bis heute in der Schachwelt nachwirkt. Später macht sich Fred Waitzkin auch tatsächlich auf die Suche nach Bobby Fischer, die der Titel verspricht. Auch ihm gelingt es nicht, Fischer persönlich zu treffen, aber das kurze Portrait dieses wohl zutiefst verstörten Menschen, das er aus Gesprächen mit ehemaligen Freunden und Bekannten Fischers entwickelt, ist prägnant und präzise.

Waitzkins Buch ist auch Grundlage eines gleichnamigen Spielfilms geworden – auch unter dem Titel »Innocent Moves« und in Deutschland als »Das Königsspiel« mit einer grauslichen Synchronisation in die Kinos gekommen –, der aus theatralischen Gründen einiges ändern und straffen musste. Allen, die den Film schätzen, ist auf jeden Fall zu empfehlen, auch das Buch zu lesen, um die Anteile von Fiktion und Realität besser einschätzen zu können.

Fred Waitzkin: Searching for Bobby Fischer. New York: Random House, 1988. Penguin Book, 1989 ff. Broschur, 226 Seiten. Ca. 12,– €.

Das Buch vom Buch

buchvonbuchMarion Janzin, Buchwissenschaftlerin, und Joachim Güntner, Kultur-Journalist, legen inzwischen schon in der 3. Auflage eine umfassende und reichhaltig illustrierte Geschichte des Buches vor. Von den Anfängen der Schrift im mediterranen Kulturraum bis zur Digitalisierung großer Buchbestände zu Anfang des 21. Jahrhunderts spannen sie den Bogen.

Auf den über 500 großformatigen Seiten (32×22 cm) sind nicht nur ausführlich Texte zu allen behandelten Epochen zu finden, sondern besonders die Quantität und Qualität der Illustrationen machen das »Buch vom Buch« zu einem Grundlagenwerk, das jeder Buchliebhaber wenigstens einmal in der Hand gehabt und durchgeblättert haben sollte. Abgerundet wird die herausragende Ausstattung durch die sorgfältige Typographie des deutschen »Typographie-Papstes« Hans Peter Willberg.

Die 3. Auflage unterscheidet sich von den Vorgängern wesentlich nur durch das letzte Kapitel, das die Entwicklung der letzten 10 Jahre in Buchherstellung und Buchhandel darzustellen versucht.

Marion Janzin / Joachim Güntner: Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte. 3., überarb. u. erw. Aufl. Schlütersche Verlagsges., 2007. Leinen, fadengeheftet, 512 Seiten (32×22 cm). 88,– €.

Oliver Gehrs: Der Spiegel-Komplex

gehrs_austWeitgehend eine journalistische Luftnummer: Weder für das offensichtlich beabsichtigte Skandalbuch noch für eine Biographie Austs wird ausreichend Material präsentiert. Zudem sollte der Titel besser »Mein Aust-Komplex« heißen, denn bis der Autor mit seinem Objekt tatsächlich beim Spiegel in Hamburg angekommen ist, sind zwei Drittel des Buches vorüber.

Das Buch ist geprägt durch einen mäkelnden Grundton, den Gehrs wahrscheinlich für eine Form des kritischen Journalismus hält. Selbst wenn Aust einmal etwas fraglos richtig macht, hat Gehrs noch etwas auszusetzen. Was Gehrs letztlich auszusetzen hat, bleibt aber unklar: Dass Aust sein Fähnlein nach dem Wind hängt, versteht sich von selbst – er ist ein Journalist; dass Aust als Journalist das zum Thema macht, was ihn selbst betrifft, versteht sich ebenso von selbst – er ist ein Mensch; dass Aust (selbst nach dem Urteil Gehrs) viel arbeitet, um Geld zu verdienen, versteht sich wiederum von selbst – auch Gehrs dürfte ein Buch mit dem Titel »Der Spiegel-Komplex« nicht aus rein altruistischen Motiven heraus geschrieben haben.

Gehrs ist seinem Gegenstand weder sprachlich noch intellektuell oder moralisch gewachsen. So deutet er etwa an vier verschiedenen Stellen des Buches eine Beziehung zwischen Kati Witt und Aust an (Witt habe so unsägliche Dinge getan, wie Aust in der Redation des Spiegel abzuholen oder mit ihm im Berliner Restaurant Borchardt zu ›schmusen‹), ohne dass auch nur an einer Stelle klar würde, was er damit eigentlich mitteilen will. Wen geht das etwas an? Und was soll es dem Leser über Aust oder den Spiegel sagen? An anderen Stellen macht er sich über Austs bevorzugte Hemdenfarbe, seine Körpergröße oder seine Brille lustig. Das alles ist sehr dürftig und höchstens ein Beweis von schlechtem Geschmack. Kants Kategorischer Imperativ lautet in Gehrs Fassung: »Handle stets so, wie Du auch behandelt werden möchtest.« Vielleicht erklärt ihm bei Gelegenheit mal ein gutmeinender Philosoph den Unterschied zwischen dem Kategorischen Imperativ und der Goldenen Regel. Zum Ausgleich lernen wir dann noch eine neue Art von Latein kennen:

… nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem Kaspar Hauser am 14. Dezember 1833 von einem Unbekannten mit einem Messer so schwer verletzt wurde, dass an der Stelle nun ein Gedenkstein steht. »Hier wurde ein Geheimnisvoller auf geheimnisvolle Art getötet«, so lautet die lateinische Inschrift.

Nein, die Inschrift des Gedenksteins lautet »Hic occultus occulto occisus est«, was soviel bedeutet wie das, was Gehrs als Zitat anführt. Doch vielleicht meint Gehrs auch, eine laxe Sprache und unpräzise Gedanken seien Tugenden der Polemik. Wenigstens darin würde er sich täuschen.

Die merkwürdigste Stelle im ganzen Buch war für mich aber diese:

Jahre danach stellt Aust einen jungen Redakteur nicht ein, weil der ihm verschweigt, über den Fall berichtet zu haben. »In Bewerbungsgesprächen«, schreibt Aust in den Brief mit der Absage, »wird nicht gelogen.«

Da habe ich mir still ein »inde ira et lacrimae?« an den Rand notiert.

Oliver Gehrs: Der Spiegel-Komplex. München: Droemer, 2005. 335 Seiten. 19,90 €.

No monkey business

dewaalFrans de Waal schreibt seit 15 Jahren Bestseller über Menschenaffen. Das liegt in erste Linie an seinem Talent, komplexe Zusammenhänge in einer klaren und auch dem Laien verständlichen Art und Weise darzustellen. Wie abstrakt auch immer sein Thema zu sein scheint, ihm gelingt es scheinbar mühelos, es mit einer passenden Geschichte aus seinem lebenslangen Umgang mit Primaten und anderen Affen zu illustrieren, ohne die Problemlage zu simplifizieren. Frans de Waal ist ein Erzähler, der in jedem Fall seiner Erfahrung mehr vertraut als jeder noch so ausgefeilten Theorie. In seinem neuen Buch stehen gleich drei Primatenarten im Zentrum seines Interesses: Schimpanse, Bonobo und Mensch.

In »Der Affe in uns« (»Our Inner Ape«) beschäftigt sich de Waal weit stärker als in den vorangegangenen Büchern (»Wilde Diplomaten«, »Der gute Affe«, »Der Affe und der Sushi-Meister«) außer mit Schimpansen und Bonobos auch mit dem Menschen. Ausgehend von den Versuchen anderer Primatologen und Verhaltensforscher, den Menschen durch Vergleiche mit seinen nächsten evolutionären Verwandten zu begreifen und einzuordnen, entwickelt »Der Affe in uns« eine Position, die die Menschen in einer doppelten Perspektive in das Kontinuum der Primaten einzugliedern versucht. Auch de Waal glaubt, dass der Mensch in vielen seiner wesentlichen Eigenschaften eine tiefe Verwandtschaft mit Schimpansen oder Bonobos aufweist, aber er betont eben zugleich, in welchen Fällen, auf welche Weise und unter welchen Umständen der Mensch die Verhaltensweisen unserer gemeinsamen Vorfahren modifiziert und ihre Grenzen im Guten wie im Bösen überschritten hat.

Gab es etwa nach der Entdeckung der Tatsache, dass Schimpansen untereinander Krieg führen und Mitglieder anderer Schimpansengruppen absichtlich töten, den Versuch, den Menschen als ins Extrem pervertierten Raubprimaten zu begreifen, so weist de Waal darauf hin, dass wir nicht nur die Aggressionen mit den Schimpansen teilen, sondern auch das Vermögen, Frieden zu stiften und Konflikte zu vermeiden. Es gelingt ihm mit wenigen, prägnanten Beispielen, Schimpansen und Bonobos mit ihren unterschiedlichen sozialen Gefügen darzustellen und zu zeigen, dass der Mensch seine beiden nächsten Verwandten im Tierreich in beiderlei Hinsicht – Aggression gegen die eigene Art und Fähigkeit, Frieden zu halten – übertrifft: Ihm gelingt es sowohl, sich seine Artgenossen soweit zu entfremden, dass er gewissenlos Genozid betreibt, als auch ist er in der Lage, über lange Perioden in und mit großen Gruppen Frieden zu wahren und Konflikte auszugleichen, anstatt sie eskalieren zu lassen.

Der Leser lernt während der Lektüre Schimpansen und Bonobos als erstaunlich sensible, einsichtsvolle und sozial hoch kompetente Lebewesen kennen. Es entsteht der Eindruck, dass die soziale Komplexität innerhalb einer Gruppe von Primaten, ihr Verständnis für die Zusammenhänge ihrer Gesellschaft und ihre Fähigkeit innerhalb dieser Zusammenhänge die Interessen des Individuums und der Gruppe ins Gleichgewicht zu bringen, mit denen in der menschlichen Gesellschaft durchaus vergleichbar sind. Sicherlich sind die Ausdrucksformen andere, aber wir haben keinerlei Schwierigkeiten, die grundlegenden gesellschaftlichen Bedingungen einer Primatengesellschaft zu verstehen, eben weil wir sie in unseren eigenen Lebenszusammenhängen nur zu gut wiederkennen.

Sicherlich ist auch de Waals Blick auf den Menschen verkürzt, aber das ist dem Autor durchaus bewusst. Er versucht auch nicht, ein Buch über den Menschen als Kulturwesen schlechthin zu schreiben, sondern er blickt auf die Menschen und ihre Gesellschaft mit dem geschulten Blick eines Primatologen. Und er erkennt vieles wieder – und wir mit ihm. Natürlich gibt es im Leben der Menschen noch andere Bedürnisse als Sex und Nahrung. Aber es gibt eben auch diese beiden Bedürfnisse und was sie betrifft, so unterscheiden wir uns zwar deutlich von Schimpansen und Bonobos, aber doch wieder nicht so wesentlich, dass wir uns nicht in de Waals Erzählungen wiedererkennen würden.

Selbst wenn man am Ende einige der Schlussfolgerungen de Waals nicht teilen mag, ist das Buch eine anregende und in vielen Fällen horizonterweiternde Lektüre. Auch wenn es am Ende nicht unseren Blick auf den Menschen verändert haben sollte, so werden wir doch auf jeden Fall für Schimpansen und Bonobos weit mehr Respekt aufbringen, als wir es vielleicht bislang getan haben. In jedem Fall ist das eine Lektüre wert.

Frans de Waal: Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind. Aus dem Amerikanischen von Hartmut Schickert. München: Hanser, 2006. Pappband, 366 Seiten. 24,90 €.

Ein Lesebuch des Aberglaubens

hdwb AbberglaubensEs ist ein seltener Fall, dass ein Nachschlagewerk das erste seiner Art ist und dennoch über viele Jahrzehnte hinweg nach Inhalt und Umfang ein unverzichtbares Standardwerk bleibt. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« ist eine solche Ausnahmeerscheinung. Es wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts konzipiert und erschien unter erheblichen Schwierigkeiten zwischen 1927 und 1942 in zehn Bänden. Viele seiner Einträge sind inzwischen überholt, aber dennoch ist das Lexikon als ganzes bis heute ein unverzichtbares Hilfsmittel für alle, die sich mit Volksglauben, Sagen, Märchen und anderen Formen der Volksliteratur beschäftigen. Nun ist in der Digitalen Bibliothek eine CD-ROM-Ausgabe des Werks erschienen.

Dabei ist das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« (HDA) nicht nur als Nachschlagewerk geeignet, sondern es ist eine nahezu unerschöpfliche Quelle zum Schmökern: Viele Artikel sind eine Sammlung zahlreicher Überlieferungen, die hier zum ersten Mal auf engstem Raum zusammengefasst sind, sich überschneiden, ergänzen, auch widersprechen. Man bekommt ein Eindruck von der reichhaltigen und lebendigen Überlieferung des Volksglaubens, der sich auf alle Lebensbereiche erstreckt und über viele Jahrtausende auch auf die Hochkultur und besonders die Kunst auf vielfältigste Weise eingewirkt hat. Und man lernt von Gebräuchen, die heute nahezu vergessen sind:

Teller (und Tellerwurf). Die alteuropäische, im Kaukasus und wohl auch anderwärts noch bestehende Speisesitte, Fladenbrote als T. für eine Auflage von Fleisch zu benützen, hat vielfach die T.form von Gebildbroten auf Weihnachten und Ostern bestimmt, wie dies Gebäckmodel aus dem 15. und 16. Jh. und neuere Gebäcke in Form von Korb-T.n wie etwa im Lüneburgischen, dartun.

Nach der Bibel hatten die Juden den Brauch nebst einem Widderpaar tellerförmige Brote ins Opferfeuer zu werfen. Vorläufig fehlen Belege dafür, daß eine solche Übung im Mittelmeerkreis etwa zum Aberglauben des T.wurfes geführt hätte, um eine Feuersbrunst zu löschen. Sicher war keine Speisung sondern ein Bannen und Binden des Elementes zu seiner Besänftigung beabsichtigt, wenn es 1601 in den Aufzeichnungen des Pfarrers Noll zu Rüdesheim heißt: »Gegen Blitzfeuer (sic!) Schreibe folgendes (Satorformel) (s.d.) auf einen T. und wirf ihn in das Feuer, dann wird es verlöschen«. Vorschrift und Anwendung sind in späteren Tagen in Süd- und Mitteldeutschland vielfach in Geltung geblieben. Man wirft in der Tat aber auch wohl mit Opferabsicht Speck-T. oder einen T. aus Zinn – dem »Silber der Armen« – ins Feuer.

Mag ein solcher Eintrag eher obskur erscheinen, so liefern die umfangreichen Einträge etwa über den Glauben an eine »Endschlacht«, der sich in zahlreichen Kulturen wiederfindet, oder auch der gleich nachfolgende über »Engel« ein unvergleichlich reiches Bild von den Weltkonzepten früherer Zeiten, die heute in unserer mehr und mehr dem Glauben an die Vernunft anhängenden offiziellen Kultur drohen, komplett vergessen und durch gänzlich andere Glaubenskonzepte ersetzt zu werden. Mit dem Vergessen geht aber auch einher, dass uns Nachgebornenen eine wesentliche Grundlage zum Verständnis der Kultur, Kunst und Literatur früherer Epochen verloren zu gehen droht.

Ich will nicht verschweigen, dass das HDA auch seine Schwächen hat: Es ist besonders in den späten Bänden lückenhaft geblieben. Bei wichtigen Stichwörter wie z. B. »Teufel« oder »Zahl« wird zwar auf den Nachtrag verwiesen, die entsprechenden Artikel sind aber nie geschrieben oder gedruckt worden. Auch bemängeln moderne Kritiker, dass der dem HDA zugrunde gelegte Begriff des Aberglaubens zu eng war und bestimmte Geheimkünste und magische Wissenschaften ausschloss. Diese Kritik ist berechtigt, ändert aber garnichts an der Fülle des gelieferten Materials und ebensowenig daran, dass das HDA bis heute keinen gleichwertigen oder gar überlegenen Nachfolger gefunden hat. Wer sich mit dem Phänomen des Volksglaubens beschäftigen will, kommt auch heute noch am HDA nicht vorbei!

Das HDA ist 1986 erstmals wieder nachgedruckt worden und erfreut sich seitdem ungebrochener Beliebtheit bei Laien und Fachleuten. Die gedruckte Fassung in 10 kartonierten Bänden kostet derzeit 148,– €; die CD-ROM der Digitalen Bibliothek wird bis zum 31.12.2006 für 75,– € (danach 90,– €) angeboten und hat den für ein Nachschlagewerk unersetzlichen Vorteil einer Volltextsuche. Außerdem lassen sich durch das Register der digitalen Ausgabe auch die Einträge des Nachtragbandes nahtlos in die Stichwortliste einfügen. Kopier-, Markierungs- und Notizfunktionen gehören zum Standard der Software der Digitalen Bibliothek und genügen allen praktischen Ansprüchen. Alle Einträge der CD-ROM sind mit einer wortgenauen Konkordanz zur gedruckten Ausgabe versehen, so dass Zitate aus der digitalen Ausgabe auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Der CD-ROM liegt eine gedruckte Einführung in die Benutzung der Software bei. Inzwischen bietet die Digitale Bibliothek auch Software für MAC- und Linux-User an, die von der Homepage des Verlages heruntergeladen werden können.

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hg. v. Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer. Digitale Bibliothek Bd. 145. Berlin: Directmedia Publishing, 2006. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) – MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis bis 31.12.2006: 75,– €, danach 90,– €.

Die Britannica lesen …

britannicaIn der westlichen Welt, dem Gebiet der sogenannten christlich-abendländischen Kultur wird man heute schon als Ausnahme-Erscheinung angesehen, wenn man die Bibel, das Buch der Bücher, komplett gelesen hat. Aber es gibt ein Buch, bei dem es noch weitaus ungewöhnlicher ist, es komplett gelesen zu haben: Die Enzyclopædia Britannica! Die Britannica oder die EB, wie Ihre Benutzer sie liebevoll abkürzen, ist das umfangreichste moderne Lexikon der westlichen Welt. Und sie ist nicht nur umfangreich, sie ist auch gut! Der amerikanische Journalist A. J. Jacobs hat es unternommen, die rund 33.000 Seiten der Britannica zu lesen. Und er hat ein Buch darüber geschrieben! Nun wird manch einer denken, was soll schon dabei herauskommen, wenn einer über eine so langweilige Sache wie das Lesen eines Lexikons ein Buch schreibt. Sie werden sich wundern, was für ein erstaunlich lebendiges und witziges Buch dabei herausgekommen ist!

Die Geschichte, die Jacobs von seiner Lektüre erzählt, ist von Anfang an eine sehr persönliche: Er versucht nämlich mit seiner Lektüre der Britannica seinen Vater zu übertreffen, einen erfolgreichen Anwalt, der auch einmal damit begonnen hatte, die EB zu lesen, aber früh schon stecken geblieben war. Außerdem versuchen Jacobs und seine Frau seit einiger Zeit ein Kind zu bekommen und angesichts der von seinem Sprößling zukünftig zu erwartenden Fragen will Jacobs dringend etwas für seine Bildung tun. Er arbeitet als Journalist beim New Yorker Magazin »Esquire«, und wie viele Menschen fürchtet er, langsam zu verblöden, nachdem er mit dem aktiven Lernen aufgehört hat. Und last not least will er mit seinem neu erworbenen Wissen auch ein wenig angeben und auftrumpfen – aber das legt sich mit der Zeit.

All dies führt dazu, dass er sich die aktuelle Ausgabe der EB (2002) bestellt und einfach bei A mit dem Lesen beginnt. Dazu muss man denjenigen, die nie in die EB hineingeschaut haben, erklären, dass die EB grob gesprochen in zwei Teile gegliedert ist (eigentlich sind es mehr, aber das soll uns hier nicht interessieren): Von den 29 Lexikon-Bänden sind nur die ersten zwölf so aufgebaut, wie man es von einem »normalen« Lexikon kennt: Viele Stichwörter und zu jedem eine mehr oder weniger kurze Erklärung, eventuell einige Hinweise zur weiteren Lektüre – fertig, nächstes Stichwort. Diese Bände 1–12 heißen Micropædia, durchlaufen das gesamte Alphabet und umfassen gut 13.000 Seiten. Auf sie folgen 17 weitere Bände (13–29), die Macropædia, etwa 20.000 Seiten (jede Seite der Britannica umfasst dabei den Text von mehr als vier (!) Schreibmaschinenseiten), die nur durch etwa 600 Stichwörter gegliedert sind. Zu jedem dieser Stichwörter bietet die Macropædia einen umfassenden Einführungstext. Um das in diesen umfangreichen Texten enthaltene Wissen sinnvoll aufzuschlüsseln, verfügt die EB über zwei zusätzliche Indexbände.

Durch diesen Aufbau ist die EB wie kein anderes Lexikon für eine vollständige Lektüre geeignet, denn die Nutzer bekommen in der Macropædia große Wissensgebiete in systematischer Darstellung präsentiert. Und so liest Jacobs sich durch beide Teile der EB zugleich, immer dem Alphabet folgend. Das Glück für die Leser des Buches ist nun, dass Jacobs ein witziger Kopf ist, der uns nicht nur an ausgewählten Stichwörtern seiner 15 Monate dauernden Wissens-Odysee teilnehmen lässt, sondern der uns auch erzählt, wie seine Frau, seine Verwandten und Bekannten, nicht zuletzt seine Kollegen auf sein Projekt reagieren, wie ihn das Wissen verändert, was ihn betroffen macht, was ihm merkwürdig vorkommt usw. usf. Jacobs kümmert sich überhaupt um die Kultur und den Kult der Information: Er interviewed den Moderator von »Jeopardy!« und wird Kandidat beim amerikanischen »Wer wird Millionär?«, nur um an der 32.000-$-Frage zu scheitern, weil sein Gedächtnis und sein »allwissender« Telefonjoker versagen. Und schließlich besucht er die Redaktion der Britannica in Chicago und macht unmittelbare Bekanntschaft mit der mühsamen Arbeit der Lexikon-Recherche.

Und nebenher versöhnt er sich mit seinem Vater, zeugt mit seiner Frau endlich ein Kind, lernt lauter Sachen, die er vorher nicht wusste, erinnert sich an Dinge und Zusammenhänge, die er schon einmal vergessen hatte, und behält zugleich seine Distanz zu all dem, was er da liest. Mit der Zeit kennt er den Jargon der Britannica und benennt ihn auch, er lernt ihre Vorlieben und Idiosynkrasien (gleich mal im Lexikon nachschlagen, was das nun wieder bedeutet!) erkennen, schärft seinen Blick für Skuriles, Absurdes und Erschreckendes. Und das wichtigste: Er hält durch! Nach 15 Monaten kommt er tatsächlich beim Stichwort »Żywiec« an und hat es geschafft. Er gibt zu, nicht jedes Wort und nicht jede Seite stets mit der gleichen Aufmerksamkeit studiert zu haben, aber er hat alle Seiten gelesen. Was er tatsächlich davon behalten hat und wird, wird keiner – auch er selbst nicht – jemals wirklich wissen.

Das Buch ist vom Verlag List sorgfältig und liebevoll ausgestattet worden: Es hat einen Goldschnitt (sogar an allen drei Schnitten, wo sich die EB mit einem vergoldeten Kopfschnitt begnügt), ein Lesebändchen, trägt das Markenzeichen der EB, die schottische Distel, auf dem Umschlag und am Fuß jeder Seite, hat lebende Kolumnentitel, die das jeweilige Stichwort, bei dem man sich gerade befindet, anführen und – natürlich! – ein Register. Einzig Kunstledereinband und Fadenheftung fehlen, aber die hätten das Buch nur unvernünftig teuer gemacht. Ein Reiseabenteuer durch die Wissenskreise, eine äußerst vergnügliche und intelligente Unterhaltung zwischen Sachbuch und Autobiographie. Ich habe mich lange nicht mehr so vergnügt mit einem Buch unterhalten!

A. J. Jacobs: Britannica & ich. Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden. Aus dem Amerikanischen von Thomas Mohr. List, 2006. Pappband mit Schutzumschlag und Lesebändchen. 427 Seiten. 19,95 €.

Richard P. Feynman: Sechs physikalische Fingerübungen

121017246_120fbf6982Laut Vorwort des amerikanischen Originalverlages handelt es sich bei dem Buch um die »sechs einfachsten Kapitel« der »Lectures on Physics«, die unter den Einführungen für Physikstudenten eine Art Kultstatus inne haben. Dass die Originalausgabe dieser Auswahl 1995 erschienen ist, also 30 Jahre nachdem Feynman den Physik-Nobelpreis erhalten hat, zeugt von der ungebrochenen Popularität, die er in den Vereinigten Staaten besitzt. Es gibt zahlreiche Zeugnisse dafür, dass Feynman als akademischer Lehrer und als Persönlichkeit zahlreiche Menschen beeinflusst und tief beeindruckt hat.

Durch die Auswahl sind die Kapitel natürlich wenig miteinander verbunden und auch was den Anspruch an das Verständnis der Leser recht unterschiedlich. Das Büchlein beginnt mit einem Kapitel, das sich auf einem sehr allgemeinen Niveau mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die Welt aus Atomen zusammengesetzt ist, es folgt ein Kapitel zur Entwicklung der Quanten- und Elementarteilchenphysik, eines zum Verhältnis der Physik zu anderen Naturwissenschaften – mit einem Schwerpunkt auf der Biologie, mit der sich Feynman im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere ebenfalls intensiver beschäftigt hat –, eines zum Energieerhaltungssatz, eines zur Gravitationstheorie und ein letztes, doch schon recht anspruchsvolles, zur Quantenmechanik und der Heisenbergschen Unschärferelation.

Für naturwissenschaftlich Interessierte, die ihre Schulphysik einmal wieder auffrischen und vielleicht auch etwas erweitern wollen, eine anregende und lohnende Lektüre. Für die allermeisten Nichtphysiker wird der eine oder andere anregende Gedanke oder neue Perspektive abfallen. Mir etwa ist nie zuvor die enge Abhängigkeit zwischen Quantenmechanik und der Unschärferelation auf so einfache und einleuchtende Art klar gemacht worden.

Feynman, Richard P.: Sechs physikalische Fingerübungen. Aus dem Amerikan. von Inge Leipold.
Piper, Sonderausgabe 2004. ISBN 3-492-04665-7
Gebunden – 224 Seiten – 12,90 Eur[D]