Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

978-3-518-42130-7 Je älter ich werde, desto schwerer fällt mir die Bewertung von Nachlass-Editionen. Das mag vielleicht daran liegen, dass mit den Jahren das Empfinden für die Vorläufigkeit von Entwürfen zunimmt, vielleicht auch das Wissen, dass einiges, und nicht immer unbedingt das Unwesentliche, spät und zufällig seinen Platz finden kann, und nicht zuletzt auch das Bewusstsein, dass für ein gelungenes Werk manchmal viel ausprobiert werden muss.

Die nun bei Suhrkamp vorgelegten Entwürfe Max Frischs zu einem dritten Tagebuch wurden von ihm in den Jahren 1982 und 1983 erstellt. Erhalten geblieben ist nicht Frischs Arbeitsexemplar, sondern ein Durchschlag seiner Sekretärin. Frisch hat den Versuch wohl abgebrochen, als sein zweiter Versuch einer Beziehung zu Alice Locke-Carey (dem Vorbild für Lynn aus »Montauk«) im April 1983 endete; ihr sollte das »Dritte Tagebuch« ursprünglich auch gewidmet sein.

Das »Dritte Tagebuch« setzt die Form der ersten beiden fort: Um eine bestimmt Anzahl von Themen entwickelt Frisch in essayistischen Bruchstücken und kurzen Erzählungen ein Mosaik von Meinungen, Zugriffen und Positionen. Als Hauptthemen kristallisieren sich heraus:

  • Der politische Zustand der USA, wie ein Europäer ihn wahrnimmt,
  • das Sterben des Freundes Peter Noll,
  • der Tod und das Sterben,
  • Frischs Verhältnis zu Frauen (welch eine Überraschung!) sowie
  • Wohnorte und Reisen.

Besonders die politische Ebene ist geprägt von einer überraschenden Naivität; ich müsste nun das »Tagebuch 1966–1971« noch einmal anschauen, um zu sehen, ob diese Einschätzung einer Entwicklung von Frischs oder meiner Perspektive geschuldet ist.

Es stellt sich beim Lesen – wie zu Erwarten ist – kein gerundetes Bild ein, auch nicht die Vorstellung, ein gerundetes Werk habe dem Autor vorgeschwebt, als er das vorhandene Material schrieb. Im Gegenteil sind seine Reflexionen über das Anstreichen von Säulchen und Fensterläden eindrücklicher als seine Gedanken zu den USA und ihrer Politik. Das Buch ist also nur jenen alten Frisch-Lesern ans Herz zu legen, die aus Verbundenheit auch diesen letzten Schritt mit dem Autor noch gehen wollen.

Allen anderen sei vor dem Kauf ein Blick auf die Seiten 138 und 139 empfohlen:

Wollen Sie für eine solche Seitenschinderei tatsächlich Geld ausgeben?

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Berlin: Suhrkamp, 2010. Pappband, 215 Seiten. 17,80 €.

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel

978-3-250-60131-9 Das Thema Max Frisch lässt mich doch noch nicht ganz los: Ursula Priess, Tochter aus Frischs erster Ehe, hat ein Erinnerungsbuch über ihren Vater geschrieben, das den nicht unfrischschen Untertitel »Eine Bestandsaufnahme« trägt. Es handelt sich nicht um den Versuch einer auch nur einigermaßen geschlossenen Darstellung, sondern um eine Aneinanderreihung von kürzeren Notizen, Reflexionen, Situationen, Erlebnissen etc., wobei keine chronologische, sondern höchstens eine leichte thematische Ordnung zu erkennen ist.

Das Buch in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil findet sich als eine Art von Rahmenerzählung der Bericht der Autorin über eine Begegnung mit einem offenbar deutlich älteren Mann in Venedig. Sie ist diesem Mann zuvor nur ein einziges Mal begegnet, hat anschließend aber über längere Zeit Telefonate mit ihm geführt. Nun trifft man sich zu einem Rendezvous in Venedig, bei dem sich herausstellt, dass der Mann ein intimer Freund Ingeborg Bachmanns gewesen sein muss, wohl auch zu eben der Zeit, als Bachmann und Frisch versuchten, ein Paar zu sein. Der zweite Teil dreht sich dann in der Hauptsache um die letzten Monate im Leben Frischs.

Ursula Priess erzählt von einem schwierigen und belasteten Verhältnis zu ihrem Vater, das allerdings immer wieder durch Momente des Verständnisses, des Verzeihens und der unverstellten Zuneigung zwischen Vater und Tochter konterkariert wird. Priess hat, wenn ich es richtig verstanden habe, lange Zeit darunter gelitten, als Tochter des berühmten Vaters wahrgenommen zu werden und weniger als sie selbst. Auch die Trennung des Vaters von ihrer Mutter und seinen Entschluss, als Schriftsteller zu leben, scheint sie ihm zu Lebzeiten nie recht verziehen zu haben. Noch der letzte Streit zwischen Tochter und Vater, als Frisch schon todkrank ist und seine eigene Todesanzeige entwirft – öffentliche Selbstinszenierung bis über den Tod hinaus! –, dreht sich um Priess’ Mutter und Frischs Dasein als öffentliche Person.

Man muss dem Buch zugutehalten, dass es eine aufrichtige und gut lesbare Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem sicherlich nicht einfachen Vater ist. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass Priess auf jeder Seite darum bemüht ist, nichts zu beschönigen, ihr eigenes Versagen ihrem Vater gegenüber genauso darzustellen wie seine Härte, Unnachgiebigkeit und Schwierigkeit. Diese Aufrichtigkeit ist es, die das Buch auszeichnet und über die biografischen Details zu Frisch hinaus interessant macht. Ein wirklich gutes Buch ist es aber wohl dennoch nicht geworden. Dazu fehlt es ihm an Struktur und letztlich auch an dem Willen oder dem Vermögen, das Verhältnis zwischen Vater und Tochter wirklich auf den Begriff zu bringen oder wenigstens ein klares Bild von ihm zu zeichnen. So werden die letzten Seiten etwa mit einigen Traumberichten gefüllt, von denen mir vollständig unklar ist, was sie zum verhandelten Thema beitragen; die Tochter träumt vom Vater dies und das – nun gut, und was besagt das? Das ist der Autorin wohl ebenso unklar, wie es mir geblieben ist.

Für Frisch-Kenner ist das Buch eine Pflichtlektüre; dass es darüber hinaus von Interesse ist, würde ich eher bezweifeln.

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel. Zürich: Amman, 2009. Pappband, 171 Seiten. 18,95 €.

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän

978-3-518-37234-0 Im Mittelpunkt dieser Erzählung um Alter und Demenz steht der 73-jährige Herr Geiser, der als Pensionär in einem Bergtal des Tessin, wohl dem Onsernone-Tal, lebt. Die Erzählung umfasst einige Wochen eines verregneten Sommers. Aufgrund eines Erdrutsches ist das Dorf, in dem Herr Geiser lebt, für eine Weile von der Außenwelt abgeschnitten; auch der Strom fällt zeitweilig aus. Herr Geiser langweilt sich, er mag auch nicht immer nur lesen. Die Gartenarbeit fehlt ihm, und außerdem macht er sich Sorgen, dass der Berghang, an dem sein Haus liegt, abrutschen könne.

In dieser weitgehend isolierten Lage beginnt Herr Geiser sich um sein Gedächtnis zu sorgen. Er versucht mithilfe eines 12-bändigen Brockhaus und einiger anderer Bücher, die Geschichte des Tessin und die Erdgeschichte überhaupt zu rekapitulieren. Als Gedächtnisstütze schneidet er aus den Büchern kleine Abschnitte aus, die er an die Wand heftet; das Buch dokumentiert einen Teil dieser Ausschnitte.

Höhepunkt der sprachlich schlichten und weitgehend ereignislosen Erzählung stellt ein Fluchtversuch Geisers dar: Er versucht in einem Gewaltmarsch Locarno zu erreichen, von wo aus er mit dem Zug nach Basel reisen könnte, bricht das Unternehmen aber nach ¾ des Weges ab, da er nicht mehr weiß, was er überhaupt in Basel will. Heimgekehrt erleidet er offensichtlich einen Schlaganfall und wird schließlich von seiner Tochter aus seiner Isolation befreit.

Die Erzählung beeindruckt durch die personale Erzähl-Perspektive, durch die der Leser ganz eng mit dem Erleben Geisers verbunden ist. Der Verfall seines Gedächtnisses, der Kampf um das Wissen, der Schritt für Schritt verloren geht und letztlich in die Repetition des bereits einmal Gesagten übergeht, der beinahe schon gewaltsame Versuch, sich aus all dem zu befreien, das alles ist in einer sehr zurückhaltenden Prosa überzeugend dargestellt.

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän. Suhrkamp Taschenbuch 734. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 172006. 147 Seiten. 6,50 €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Sterben der Pythia

978-3-257-23064-2 Dürrenmatts Auseinandersetzung mit dem Ödipus-Stoff. Der Text entstand zwischen 1974 und 1976 innerhalb des sogenannten Mitmacher-Komplexes, der aus dem Stück Der Mitmacher, einem umfangreichen Nachwort zum Stück und einem Nachwort und einem Nachwort zum Nachwort besteht. Die selbstgestellte Aufgabe der Erzählung besteht darin, den Ödipus aus dem Schicksalhaften ins Zufällige zu übersetzen. Ödipus wird daher nicht Opfer des Ratschlusses der Götter, sondern der delphischen Orakelpriesterin, der Pythia, die, um Ödipus von seinem Aberglauben an die Orakelsprüche zu heilen, ihm eine gänzlich unwahrscheinliche Zukunft voraussagt.

Natürlich erweist sich der Orakelspruch als ein Volltreffer, wenn auch nicht in dem Sinne, wie uns der Ödipus-Mythos durch die Sophokleische Tragödie bekannt ist. Dürrenmatt behandelt im Gegenteil diese klassische Deutung des Mythos als oberflächlichste Variante, der er eine psychologische, eine politische und eine individualistische zur Seite stellt. Das ganze ist sehr überzeugend gemacht und darf wohl als eine der originellsten und intelligentesten Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts mit dem Ödipus-Stoff gelten.

Friedrich Dürrenmatt: Das Sterben der Pythia. In: Der Sturz, Abu Chanifa und Anan ben David, Smithy, Das Sterben der Pythia. detebe 23064. Zürich: Diogenes, 1998. 162 Seiten. 7,90 €.

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte

978-3-406-58663-7 Der Band entstammt der Reihe der Oxford University Press A Very Short Introduction, aus der hier zuletzt Bände von Leofranc Holford-Strevens und Harry Sidebottom vorgestellt wurden. Nicholas Boyle ist in Deutschland bekannt durch seine großangelegte, bislang aber fragmentarisch gebliebene Goethe-Biografie. Seine Kleine deutsche Literaturgeschichte zielt wohl in der Hauptsache auf Studenten des Blütenfachs Germanistik an englischen und amerikanischen Universitäten. Es ist daher verständlich, dass Boyle einen bedeutenden Teil des Bändchens darauf verwendet, die historischen und sozialen Bedingungen zu vermitteln, unter denen die deutsche Literatur entstand. Dabei werden die Literaturen Österreichs und der Schweiz in kurzen getrennten Kapiteln behandelt, die allein vom Umfang her nur als ungenügend bezeichnet werden können.

Aber auch die im engeren Sinne deutsche Literatur wird in einer so abstrakten und oberflächlichen Weise vorgeführt, dass bezweifelt werden darf, ob das Buch überhaupt jemandem einen angemessenen Eindruck der deutschen Literatur vermittelt. So führt Boyle etwa die wichtigen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts, die sich heute in der deutschen Literatur als wirksam zeigen, ausschließlich auf einen Konflikt innerhalb des bürgerlichen Lagers zurück: Hier habe es einen gesellschaftlichen Gegensatz von Staatsbeamten einerseits, die eine rationalistische Aufklärung betrieben hätten, und einer bürgerlich-liberale Aufklärung andererseits gegeben. Eine solche Dichotomie, die als hauptsächliches Erklärungsmuster Boyles bis ins 19. Jahrhundert hinein dienen muss, greift für die komplexe Lage des geistigen Umbruchs im 18. Jahrhundert offenbar zu kurz. Sie negiert, dass sich die Emanzipation des Bürgertums gegen eine höfisch geprägte Kultur mit zahlreichen aufklärerischen Bestrebungen kreuzt und auf diese Weise die unterschiedlichsten Position hervorbringt. Lessings Die Erziehung des Menschengeschlechts etwa als »Demontage der christlichen Heiligen Schriften« zu charakterisieren, beweist ein grundlegendes Unverständnis für bedeutende Teile der deutschen Aufklärung, zu deren Hauptforce neben Lessing auch Kant gehörte. Während sich diese deutschen Aufklärer einem französischen Projekt der Ersetzung des Christentums durch einen Kult der Vernunft gegenübersahen, versuchten sie selbst zu zeigen, dass sich Vernunft und ein Kernbestand an göttlicher Offenbarung nicht widersprachen, sondern als einander ergänzend gelesen werden konnten.

Als ebenso fragwürdig muss der Versuch angesehen werden, die Romantik in eine kritisch-fortschrittliche und eine »preußisch-eskapistische« aufteilen zu wollen. Die Behandlung Tiecks, Hoffmanns und Eichendorffs als Vertreter letzterer Richtung, die auf nicht mehr als 1½ Seiten geschieht, wird weder deren Einzelwerken noch deren Entwicklung innerhalb der Romantik in irgendeiner Weise gerecht.

Da sich Boyle nicht nur der Belletristik widmet, sondern sich immer auch Ausflüge in die Philosophie erlaubt, lässt sich leicht denken, dass man eine Rezension des Bändchen allein mit der Aufzählung all jener Schriftsteller füllen könnte, die Boyle nicht einmal erwähnt. Wenn dem wenigstens eine empathische und sinnvermittelnde Behandlung der erwähnten Werke gegenüberstünde, so wäre dies verzeihlich. Da Boyles Darstellung aber abgehoben und akademisch bleibt, ist das Buch für deutsche Leser überflüssig, und für die englischsprachige Welt ist seine Existenz nur zu bedauern.

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München: C. H. Beck, 2009. Pappband, 272 Seiten. 17,90 €.

Max Frisch: Homo faber

978-3-518-36854-1 Wie schon erwähnt, ist bei mir gerade aus didaktischen Gründen Max Frisch »dran«. Ich hatte eigentlich vor Jahren innerlich mit der Frisch-Lektüre abgeschlossen. Frisch war bei mir einer der ganz frühen, wichtigen Autoren in der Lesegeschichte, aber eines Tages war es dann soweit, dass ich alles Belletristische von ihm wenigstens einmal gelesen hatte – von den architektonischen Texten fehlt mir das meiste, aber das hat mich nie sonderlich interessiert, und auch viele der politischen Traktate und Reden habe ich übersprungen –, die wichtigen Romane und Erzählungen auch mehrfach, so dass ich beruhigt denken durfte, es sei nun genug und es gäbe auch noch soviel anderes zu lesen. Nun habe ich aber vor einiger Zeit angefangen, Literatur zu unterrichten, und so kommt man zu den alten Texten doch noch einmal zurück. Im nächsten Semester steht dann auch Dürrenmatt wieder einmal auf dem Plan.

Homo faber ist bei der nun fünften oder vielleicht auch sechsten Lektüre wieder einmal ein Buch vor dem ich mit Staunen und Schrecken stehe. Schrecken über die streckenweise hölzerne, ungelenke Sprache, bei der ich mir auch heute noch nicht sicher bin, wie viel von ihr der Rollenprosa Walter Fabers geschuldet ist und wie viel schlicht dem Unvermögen des Autors. Da geht Faber ein »Ristorante […] durch den Kopf«, das Wort »komisch« wird ständig für »seltsam« oder »merkwürdig« eingesetzt, auch dort, wo sich daraus kein Doppelsinn ergibt, Vorzeitigkeit zum erzählerischen Präteritum wird mit dem Perfekt gebildet, ein Nominativ ersetzt einen Akkusativ, hier und da fehlt eine Negation im Satz, um ihn logisch konsistent zu machen, da gibt es »jüdische Pässe« und was der Flausen mehr sind. Wie gesagt: Einiges davon mag man auf das Konto des Erzähler Fabers buchen wollen, aber auch in anderen Texten Frischs geht es zuweilen sprachlich recht locker zu. Ich erinnere mich an eine Stelle aus Montauk:

BLUE RIBBON, die Lichtschrift rot wie Limonade in der Dämmerung.

Staunend allerdings stehe ich auch diesmal – und diesmal wohl mehr als je zuvor – vor dem motivischen Reichtum des Textes, vor der sorgfältigen Gestaltung der Erzählerfigur, vor dem Verzicht darauf, seinen Erzähler wenigstens bis zur der Einsicht gelangen zu lassen, die der Autor ihm voraushaben muss, weil der Autor weiß, dass ihm auch dieses Bildnis von sich und der Welt nichts helfen würde. Faber ist nicht mehr zu helfen, aus seiner Verblendung gibt es keinen anderen Weg als den Tod – und so stirbt er, als er endlich mit seinem Schreiben in seiner Gegenwart angekommen ist. Da Faber eine Figur ohne Zukunft ist, gibt es weiter nichts zu schreiben.

08.05 Uhr
Sie kommen.

Mit manchen Dingen schließt man vielleicht doch nie ab …

Max Frisch: Homo faber. Suhrkamp Tacshenbuch 354. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1977. 208 Seiten. 8,– €.

Urs Bircher: Max Frisch

3-85791-286-3 Die bislang einzige umfangreiche biografische Darstellung des Lebens von Max Frisch, die inzwischen auch nicht mehr lieferbar ist. Wer sich derzeit über Frischs Leben informieren möchte, ist – wenn er nicht antiquarisch suchen will – auf die inzwischen ebenfalls mehr als zehn Jahre alte, dünne Rowohlt-Monographie von Volker Hage angewiesen. Das ist kein gutes Zeichen für einen Autor.

3-85791-297-9 Die beiden Bände von Urs Bircher behandeln sowohl die eigentliche Biografie als auch das Werk umfassend und – soweit ich das beurteilen kann – sorgfältig. Die Darstellung der Werke hat zumeist einführenden Charakter, was dem Rahmen des Buches aber ganz angemessen ist. Hier und da merkt man, dass das Buch von einem Fan geschrieben wurde, da kritische Stimmen zwar in Auswahl zitiert werden, die Zustimmung von Rezensenten und Kollegen zum Werk aber nahezu immer im Vordergrund steht. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Schwächen des Autors Frisch sollte man nicht erwarten. Auch eine Auseinandersetzung mit der Nachwirkung zumindest für das knappe Jahrzehnt nach Frischs Tod fehlt. Die zahlreichen Überschriften und ein Namen- und Werkregister in beiden Bänden erlauben den gezielten Zugriff auf bestimmte Themen oder Werke. Etwas lästig ist für den Leser allein die Marotte, die Legenden zu allen Bilder am Ende des jeweiligen Bandes zu versammeln.

Urs Bircher: Max Frisch 1911–1955. Vom langsamen Wachsen eines Zorns. Zürich: Limmat Verlag, 1997. Bedruckter Pappband, 287 Seiten. Derzeit nicht lieferbar.

Ders.: Max Frisch 1956–1991. Mit Ausnahme der Freundschaft. Zürich: Limmat Verlag, 2000. Bedruckter Pappband, 276 Seiten. Derzeit nicht lieferbar.

Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel

978-3-257-06174-1 Ein mit 36 Briefen dünner Briefwechsel dieser beiden prominentesten Schweizer Autoren des vergangenen Jahrhunderts, den ich aus didaktischem Anlass wieder einmal aus dem Schrank geholt habe. Natürlich erklärt sich der geringe Umfang hauptsächlich daraus, dass Frisch und Dürrenmatt sehr vieles mündlich verhandelt haben bzw. sich später nur noch wenig zu sagen hatten. Man merkt beiden am Ende die gute Absicht an, mit der der jeweils andere nichts mehr anzufangen weiß. Dennoch waren sie wohl bis zum Schluss mit dem Gegenüber innerlich mehr beschäftigt, als es die äußerlich bleibenden Briefe ahnen lassen.

Daher ist das beinahe das Wichtigste an dem Buch der umfangreiche Essay Fast eine Freundschaft des Herausgebers Peter Rüedi, der die Bekanntschaft der beiden Autoren sorgfältig aufarbeitet und darstellt. Rüedi hat zudem die einzelnen Briefe sorgfältig kommentiert, so dass das Bändchen eine Fülle von biografischen Materialien zu beiden Autoren liefert. Die Texte sind ergänzt um einige Brief-Faksimiles und Bilder sowie eine parallele Chronik zu beiden Autoren. Ein Personen- und Werkregister erschließt das Buch.

Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel. Hg. v. Peter Rüedi. Zürich: Diogenes, 1998. Leinen, Lesebändchen, 240 Seiten. 19,90 €.

Markus Werner: Festland

werner_festland Virtuose Erzählung, die drei Zeitebenen miteinander verbindet. Protagonistin und Erzählerin Julia hat gerade ihr Studium abgeschlossen und ist anschließend in eine depressive Verstimmung geraten. Aus dieser befreit sie ein Anruf ihres Vaters, zu dem sie nur wenig Kontakt hat. Aufgewachsen ist sie nach dem Freitod ihrer Mutter bei den Großeltern, die den unehelichen Vater vom Leben Julias ferngehalten haben. Nun ist Julia aber neugierig auf die Geschichte ihrer Eltern und ihrer Zeugung. Sie sucht daher ihren Vater auf und findet diesen ebenfalls von einer Depression befallen. Der Vater erzählt seiner Tochter nun die Geschichte seiner unerwiderten Liebe zu Lena, Julias Mutter, aus der Julia als Kind eines einzigen Beischlafs hervorgegangen ist. Als dritte Zeitebene tritt der eigentliche Erzählzeitpunkt hinzu, zu dem sich Julia im Haus ihres Vaters im piemontesischen Orta aufhält. Auf dieser Ebene wird von der Trennung Julias von ihrem Geliebten Josef, einem Mediziner, erzählt.

Mit Orta und dem nahen Sacro Monte di Varallo geraten die beiden scheiternden Liebesbeziehungen des Buches unvermittelt in die Nähe der gescheiterten Liebe Nietzsches zu Lou Andreas-Salomé. Dabei lassen sich nicht ohne weiteres allegorisierende Parallelen ziehen, sondern der Ort und die beiden Spiegelfiguren Andreas-Salomé und Nietzsche dienen eher als Vexierbild der erzählten Ereignisse.

Der Text präsentiert einen souveränen und artistischen Erzähler, dem es ohne große Schwierigkeiten gelingt, seine im Grunde recht simple Liebesgeschichte nicht nur durch eine komplexe Erzählstruktur anzureichern, sondern ihr durch die literarisch-biographische Unterfütterung zudem einen auf Anhieb interessanten assoziativen Hallraum mitzugeben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es sich nicht erweisen könnte, dass hier letztlich die Trivialität – die ja wesentlich diejenige des Stoffs ist – mehr verschleiert als gehoben wird. Es mag aber auch sein, dass diese reklamierte Differenz am Ende nicht nachweisbar sein wird.

Markus Werner: Festland. dtv 12529. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 42003. 142 Seiten. 8,– €.

Max Frisch: Schwarzes Quadrat

frisch_quadratDas Bändchen bringt erstmals zwei Poetik-Vorlesungen aus dem Nachlass von Max Frisch, die im November 1981 am New Yorker City College vor großem Publikum gehalten wurden. Die erste Vorlesung thematisiert in der Hauptsache das Verhältnis von Fiktion und Erfahrung, die Fragen nach dem Grund des Schriftstellerseins und nach der konkreten Arbeitsweise Frischs. Die zweite kreist um Fragen nach der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung des Schriftstellers sowie nach der Wirkung von Literatur bzw. Kunst schlechthin.

Aus dem zuletzt genannten Thema heraus gewinnt das Bändchen auch seinen Titel: Frisch erzählt die Anekdote eines Handels-Ambassadors, der in Petersburg nach erfolgreichem Abschluss seiner Verhandlungen mit offizieller Begleitung die Eremitage besucht und es dahin bringt, dass man für ihn auch Malewitschs Schwarzes Quadrat – eine radikale Absage an die Gegenständlichkeit in der Malerei – aus dem Keller holt:

Schliesslich durfte der Ambassador es sehen für ein paar Minuten. Ein schwarzes Quadrat. Und sie begeisterten sich beide vor Malewitsch. Aber ich verstehe, sagte der Ambassador, ich verstehe, das würde dem sowjetischen Volk nichts bedeuten, sowenig wie dem schweizerischen, ein Quadrat und schwarz und weiter nichts, warum hängt ihr das nicht ein Mal neben die Gemälde des Sozialistischen Realismus, wo das sowjetische Volk sich erkennt bei der Arbeit für die Gesellschaft, und das Volk würde sehen, Malewitsch ist Quatsch! Die Dame hörte zu. Im Ernst, sagte der Ambassador, Sie brauchen doch Malewitsch nicht im Keller zu verstecken, das Volk würde ihn gar nicht ansehen! Die Dame lachte: Sie irren sich – das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat.

Dies illustriert die von Frisch vertretene Ansicht, die Literatur bzw. die Kunst überhaupt bilde keine Gegenmacht, sondern eine »Gegen-Position zur Macht«. Dies und das abschließende »Manifest« zur Poesie sind die spannendsten Teile der beiden Vorlesungen.

Das Büchlein ist sicherlich nur etwas für eingeschworene Frisch-Leser, die auch an seinen poetologischen Gedanken Interesse haben oder ihre Bibliothek vervollständigen wollen. Ich habe es aus einer alten Sentimentalität heraus gekauft und gelesen und einmal mehr bemerkt, wie sehr sich die literarische Wahrnehmung mit der Zeit wandelt: Ich scheine den Punkt meiner größten Entfernung von Frisch bereits durchlaufen zu haben.

Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Hg. v. Daniel de Vin unter Mitarb. v. Walter Obschlager. Mit einem Nachwort v. Peter Bichsel. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008. Broschur, 93 Seiten. 14,80 €.