Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg

Das menschliche Leben ist, melde gehorsamst, Herr Oberleutnatnt, so kompliziert, dass das Leben des einzelnen Menschen dagegen ein Witz ist.

Hasek-SvejkEinhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs und neunzig Jahre nach der bis dahin ersten und einzigen Übersetzung von Hašeks weltberühmten Roman legt Reclam eine lange überfällige Neu­über­set­zung des „Švejk“ vor. Die frühe Übersetzung durch Grete Reiner, die bis dato die deutsche Rezeption des Romans geprägt hat, war bereits von Kurt Tucholsky unter den Verdacht gestellt worden, das Original zu verfälschen.

Die neue Übersetzung durch Antonín Brousek räumt den deutschen Text jedenfalls umfassend auf: Das Böhmakeln Švejks wird komplett beseitigt (mit dem berechtigten Hinweis, dass sich im Original nichts findet, was diesem Dialekt entsprechend würde), Austriazismen und veraltete Wendungen werden ersetzt, die deutsche Umschrift tsche­chi­scher Eigennamen rückgängig gemacht, einige antideutsche Passagen wieder hergestellt und der Text insgesamt für den heutigen Leser zugänglicher gemacht. Eine tatsächliche Beurteilung der Übersetzung muss ich aber jenen überlassen, die sie mit dem Original vergleichen können.

Unabhängig von der Frage nach der Übersetzung wurde mir die er­neu­te Lektüre des „Švejk“ aber an einigen Stellen lang. Es wird doch sehr deutlich, dass Hašek eigentliches Talent bei den kurzen literarischen Formen lag, und er einen Roman im Wesentlichen dadurch erzeugte, dass er anekdotische Stücke schlicht aneinanderklebte. Zwar gibt es den großen Plan, das Buch mit der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand beginnen und „nach dem Krieg um sechs Uhr abends“ enden zu lassen, aber bis auf diesen großen Rahmen (der tausende von Seiten hätte füllen müssen, hätte Hašek ihn jemals ausführen können) sind nur Rudimente einer erzählerischen Struktur erkennbar. Mehr als verzeihlich ist dies nur wegen des die formlose Geschwätzigkeit des Textes widerspiegelnden Protagonisten, der dem Leser in einer nicht anders als genial zu nennenden Weise zugleich auf die Nerven geht und ihn in seinen Bann schlägt. Švejk ist eine einzige, sich per­pe­tu­ie­ren­de Variation des Unfug sprechenden Menschen. Der spezifische Unfug Švejks ist eine unendliche Folge von Anekdoten, die alle mit dem Ereignis, das sie auslöst, nichts, aber auch rein gar nichts zu tun haben. Ich habe mich am Ende gewundert, dass ich es tat­säch­lich geschafft habe, die knapp 900 Seiten des Romans zu lesen, ja, dass es gegen Ende sogar wieder mit zunehmendem Vergnügen war.

Abgesehen von diesem beherrschenden Mangel an Struktur enthält der Roman eine scharfe Kritik sowohl der k.u.k. Monarchie als auch ihres Militärs und des Krieges. Der überall vorherrschende Grundtypus ist der des Idioten, wobei das Bild durch einige wenige halbwegs der Vernunft gehorchende Figuren abgemildert wird: der Oberleutnant Lukaš, der Einjährigfreiwillige Marek, vielleicht gerade noch der Hauptmann Ságner – alle anderen Figuren scheinen mehr oder weniger vom wilden Affen gebissen zu sein. Insofern sind „Die Abenteuer des guten Sol­da­­ten Švejk im Weltkrieg“ eines der großen pessimistischen und mis­­an­thro­pi­schen Bücher des 20. Jahrhunderts.

Ergänzt wird der Text in der Reclam-Ausgabe um ein sehr informatives Nachwort des Übersetzers und einen lesenswerten Essay von Jaroslav Rudiš. Ich kann daher nur jedem die Anschaffung und Lektüre dieses Buches empfehlen: Es ist hier ein bedeutender literarischer Klassiker des letzten Jahrhunderts zu entdecken und wieder zu entdecken.

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg. Aus dem Tschechichen übersetzt von Antonín Brousek. Stuttgart: Reclam, 2014. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 1008 Seiten. 29,95 €.

Aber wehe, wenn er losgelassen!

Im September 1905 veröffentlichten die »Annalen der Physik« einen Aufsatz Albert Einsteins, in dem der Zusammenhang zwischen Materie und Energie auf die handliche Formel E = mc² gebracht wird. Damit war die Idee geboren, dass Materie in irgendeiner Weise vollständig in Energie umgewandelt werden könnte und dass dabei gewaltige Mengen von Energie freigesetzt würden.

Noch bevor eine technische Anwendung dieser Idee auch nur absehbar war, erschien 1922 in der Tschechoslowakei ein utopischer Roman von Karel Čapek: »Továrna na absolutno«, auf deutsch »Das Absolutum oder die Gottesfabrik«. Čapek lässt im Jahr 1943 einen Ingenieur das Problem der Materieumwandlung lösen: Er baut eine Maschine, den Karburator, der in einem geregelten Prozess Materie vollständig in Energie überführt. Leider hat dieser Prozess einen unangenehmen und nicht vorhergesehen Nebeneffekt.

Es stellt sich nämlich heraus, dass die Pantheisten mit ihrer Theorie richtig lagen: Die Materie ist aufs Engste mit dem Göttlichem, dem Absoluten verbunden, und der Karburator, der die Materie vollständig verschwinden läßt, setzt das in ihr gebundene Absolutum frei. Freies Absolutum hat nun in der Hauptsache zwei Effekte: Es verwandelt Menschen, die ihm ausgesetzt sind, in religiöse Eiferer, und es setzt den göttlichen Drang zum Erschaffen in eine ungebremste Tätigkeit um. Das Absolutum übernimmt die Maschinen der Fabriken, in denen ein Karburator eingesetzt ist, und produziert ungebremst und in höchster Geschwindigkeit riesige Mengen aller möglichen Güter. Es lässt sich leicht denken, dass dies binnen kurzem zum Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystem führt. Parallel dazu verschenken die vom Absolutum durchtränkten Bankangestellten alles verfügbare Geld an Arme und Bedürftige – in nur wenigen Monaten ist das Chaos perfekt.

Binnen Jahresfrist bricht ein Weltkrieg aus, der bis in den Herbst 1953 andauert und 198 Millionen Todesopfer kostet.

Sehen Sie, das ist Geschichte. Ein jeder von diesen hundert Millionen kämpfender Menschlein hatte vorher seine Kindheit, seine Lieben, seine Pläne; er hatte manchmal Angst, wurde manchmal zum Helden, war aber gewöhnlich zu Tode ermattet und hätte sich gern friedlich auf dem Bette ausgestreckt; und wenn er starb, so tat er’s gewiß nicht gern. Und aus dem allen kann man nur eine Handvoll trockener Begebenheiten herausnehmen: hier und dort eine Schlacht, soundso viel Verletzte, dieses oder jenes Resultat. Und zu alldem hat dieses Resultat gar keine Entscheidung gebracht.

Zum Glück ist es das vornehmste Ziel aller kriegsführenden Parteien, feindliche Karburatoren zu zerstören. Erst als annähernd alle Karburatoren vernichtet sind, erschöpft sich der Krieg. Am Ende treffen sich die letzten 13 Krieger unter einer Birke und beschließen spontan, es nun gut sein zu lassen und heim zu gehen. Mit der Zerstörung des wahrscheinlich letzten kleinen Karburators schließt der Roman.

Das Buch könnte nach der Dürrenmattschen Regel geschrieben sein, jedes Stück habe zu zeigen, was wahrscheinlich geschieht, wenn etwas Unwahrscheinliches geschieht, und müsse dabei die schlimmstmögliche Wendung nehmen. Die Satire Čapeks hat keinen exakten Fokus, sondern spielt auf verschiedenen Ebenen den ebenso einfachen, wie weitreichenden Einfall durch, was geschähe, wenn Gott tatsächlich auf Erden wandeln würde. Dass die moderne Welt und der Mensch schlechthin dabei nicht besonders gut abschneiden, versteht sich beinahe von selbst. Keine besonders überraschende Erkenntnis, aber ein beinah prophetischer kleiner Roman.

Karel Čapek: Das Absolutum oder die Gottesfabrik. Berlin: Das Neue Berlin, 1976. 256 Seiten.

Das Buch ist derzeit nicht lieferbar.