Robert Louis Stevenson: Stimmen

Die gordischen Knoten des Lebens lassen sich nicht durchhauen; ein jeder will lächelnden Angesichts entschnürt sein.

Stevenson_StimmenDer Autor, Übersetzer und Verleger Friedhelm Rathjen hat in der von ihm selbst verlegten Edition ReJoyce vier seiner kleineren Stevenson-Übersetzungen, die einst für den Haffmans Verlag – Gott hab ihn selig – erstellt wurden, in einer limitierten Kleinauflage von 99 nummerierten und vom Übersetzer signierten Exemplaren neu gedruckt. Es handelt sich um:

Die verdrehte Janet (1881) – die Geschichte eines jungen, intellektuellen Pastors, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts in einer schottischen Gemeinde das Amt des Seelsorgers übernimmt und als Haushälterin die übel beleumundete Janet einstellt, die sich schließlich als vom Teufel besessen erweist. Das alles wird 50 Jahre nach den Ereignissen von einem Augenzeugen im breitesten schottischen Lowland-Dialekt erzählt, den Rathjen erstmals ins Deutsche transportiert.

Der Flaschenkobold (1891) ist eine der bekannteren Südsee-Erzählungen Stevensons, vielleicht auch aufgrund der Tatsache, dass sie wenigstens eine Zeitlang im Curriculum deutscher Schulen zu finden war. Sie stellt jedenfalls meine erste Begegnung mit Stevenson dar, wobei ich beim jetzigen Wiederlesen bemerkt habe, dass ich die hawaiianische Einkleidung der Geschichte komplett vergessen hatte, mich dafür aber ein ein viel dramatischeres Ende der Geschichte erinnere, bei dem ein Schiff explodiert – wahrscheinlich eine die Lektüre überlagernde Erinnerung an eine Verfilmung des Stoffs, die ich aber auch nicht mehr identifizieren kann. Hübsch ist, dass es sich beim »Flaschenkobold« um ein Plagiat eines Plagiats handelt, nämlich um die kreative Bearbeitung eines englischen Theaterstücks vom Anfang des 19. Jahrhunderts, das wiederum ein österreichisches Theaterstück plagiiert, das eine Dramatisierung von Friedrich de la Motte Fouqués »Das Galgenmännlein« (1810) darstellt.

Erzählt wird die Geschichte des Matrosen Keawe, der in den Besitz einer Flasche kommt, die von einem Kobold bewohnt wird. Wer die Flasche besitzt, dem werden vom Flaschengeist alle seine Wünsche erfüllt, doch hat die Sache natürlich einen Haken: Wer im Besitzt der Flasche stirbt, fährt direkt zur Hölle, und loswerden kann man die Flasche nur zu einem niedrigeren Preis, als man sie selbst erworben hat. Keawe nutzt die Flasche klug und mit Maßen, verkauft sie auch bald an einen Bekannten und könnte daher glücklich und zufrieden sein Leben verbringen, doch als er die Liebe seines Lebens gefunden hat, muss er feststellen, dass er am Aussatz erkrankt ist. Er jagt also der Flasche nach, bringt sie ein weiteres Mal in seinen Besitz, nun aber schon zu einem so niedrigen Preis, dass er Gefahr läuft, dass sie bei ihm hängen bleiben wird. Doch seine kluge Frau weiß Rat und so machen sie die beiden auf den Weg ins französische Tahiti, wo es Münzen mit noch geringerem Wert als einen Cent gibt. Wie das ganze ausgeht, soll mit Rücksicht auf jene, die die Geschichte noch nicht kennen, nicht verraten werden.

Die Insel der Stimmen (1893) erzählt die Geschichte Keolas, eines etwas faulen Gesellen, der die Tochter eines Zauberers heiratet. Eines Tages wird er von seinem Schwiegervater in das Geheimnis eingeweiht, woher dieser zu seinem Reichtum kommt: Er versetzt sich durch Zauberei auf eine andere Insel, an deren Strand er Muscheln einsammelt, die sich bei seiner Rückkehr in blanke Dollars verwandeln. Leider wird Keola, nachdem er dies erfahren hat, noch fauler und ein wenig habgierig und versucht, seinen Schwiegervater zu erpressen, woraufhin ihn dieser zu einer Bootsfahrt einlädt und ins Meer wirft. Wie durch ein Wunder wird Keola aber von einem Schiff aufgefischt und landet nach einer langen Reise genau auf jene Insel, an deren Strand sein Schwiegervater sein Geld schöpft. Auch hier will ich das Ende verheimlichen.

Eine Weihnachtspredigt (1888) schließlich ist ein moralisierender Erguss über die Notwendigkeit von Demut und Zurückhaltung des Christenmenschen bei der Be- beziehungsweise Verurteilung anderer ob ihrer Sünden. Wahrscheinlich ist der Text für heutige Leser ausschließlich des stilistischen Kontrastes wegen interessant, um zu sehen, dass Stevenson auch diesen Ton beherrschte.

Ein hübsches, exklusives Bändchen, das allen Stevenson-Freunden ans Herz gelegt sei. Es bleibt zu hoffen, dass auch Rathjens »Schatzinsel«-Übersetzung in nächster Zeit wieder einen Verleger findet – bei mare würde sie doch eigentlich ganz gut ins Programm passen, oder?

Robert Louis Stevenson: Stimmen. Drei höllische Geschichten und eine himmlische Plauderei. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Edition ReJoyce, 2013. Auf 99 Exemplare limitierte, nummerierte und vom Übersetzer signierte Auflage. Bedruckter Pappband, 111 Seiten. 25,– €. Bestellung direkt an: rejoyce@gmx.de

5 Gedanken zu „Robert Louis Stevenson: Stimmen“

  1. Korrektur zu »Thrawn Janet«. Die Geschichte wurde von Jorge Luis Borges für den Stevenson-Band der »Bibliothek von Babel« ausgewählt; für die deutsche Ausgabe wurde die Übersetzung von Richard Mummendey verwendet, 1960 Winkler Verlag.

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