Hartmut Lange: Der Therapeut

lange_therapeut Im Rahmen der Vorbereitung für einen Vortrag über Geschichte und Begriff der Novelle habe ich zum ersten Mal auch Hartmut Lange gelesen, der sich von den lebenden deutschsprachigen Autor wahrscheinlich am intensivsten mit der Form auseinandersetzt. Der Therapeut enthält drei Texte, die alle in Berlin spielen und in deren Zentrum jeweils ein alleinstehender, älterer Mann steht. In allen drei Texten bleibt ein wesentliches Element vom direkten Erzählen ausgespart und lässt sich nur vage aus dem Erzählten erschließen.

So erzählt Der Hundekehlesee vom Berliner Kunstprofessor Wernigerode und seiner arabischen Lebensgefährtin Alima, die allerdings zu Beginn der Erzählung verschwindet oder bereits verschwunden ist. Je weiter die Erzählung fortschreitet, desto unklarer wird die Geschichte um Alima, so dass am Ende bezweifelt werden kann, ob es eine Beziehung zwischen Wernigerode und Alima überhaupt je gegeben oder Wernigerode sie sich nur eingebildet hat, ob Alima Selbstmord am Hundekehlesee begangen oder zu ihrer Familie nach Tunesien zurückgekehrt ist, oder ob Wernigerode sie gar umgebracht und die Tat mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hat.

Der von Der Hundekehlesee angeschlagene Ton setzt sich auch in den Erzählungen Der Therapeut und Die Kränkung fort, wenn diese beiden Erzählungen auch thematisch deutlich anderes gelagert sind. Insgesamt steht dieser Novellen-Band Langes klar in der Erzähltradition, deren hervorragende Protagonisten Heinrich von Kleist, dessen Erzählungen sich dadurch auszeichnen, dass sie umso unklarer werden, je genauer man sie anschaut, oder Franz Kafka sind. Alle drei Novellen Langes lohnen die Lektüre, nur darf man als Leser eben keine glatten und abgeschlossenen Texte erwarten.

Hartmut Lange: Der Therapeut. Drei Novellen. Zürich: Diogenes, 2007. Leinen, 148 Seiten. 18,90 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (13)

Da es Menschen gibt, die nicht lesen können, ohne nach den Modellen der lasterhaften oder lächerlichen Gestalten zu suchen, die sie in einem Werke finden, so erkläre ich diesen boshaften Lesern, daß sie nur zu Unrecht die im vorliegenden Buch enthaltenen Porträts auf lebende Vorbilder beziehen könnten. Ich beteure öffentlich: Mein Ziel war einzig, das Leben der Menschen darzustellen, wie es ist; Gott verhüte, daß ich irgend jemanden hätte insbesondere kennzeichnen wollen! Also nehme auch kein Leser für sich in Anspruch, was sich, so gut wie auf ihn, auf andere beziehen kann; oder, wie Phädrus sagt, er verrät sich törichterweise: Stulte nudabit animi conscientiam.

Alain-René Lesage
Gil Blas

Erinnerungslücke

Das Thema Karl May und Arno Schmidt scheint gerade in der Luft zu liegen: Nun hat die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff die Karl-May-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin besucht und bei der Süddeutschen Zeitung (Nr. 201, Samstag/Sonntag, 1./2. September 2007, S. 13) einen Bericht darüber abgeliefert. Darin erinnert sie sich nicht nur daran, ein Indianer sein gewollt, sondern auch Arno Schmidts »Sitara und der Weg dorthin« gelesen zu haben. Zumindest an letzterem sind berechtigte Zweifel angebracht. Lewitscharoff schreibt:

Man nehme als Beispiel Arno Schmidt, ein radikal Faszinierter, dem Karl May wie ein Alb auf der Brust lag, der sich fast ein Leben lang mit ihm beschäftigte, um den falschen Bruder schließlich mit hohem Aufwand von sich wegzustoßen. In meiner Erinnerung ist sein „Sitara und der Weg dorthin“ eher ein verzweifeltes denn bewunderungswürdiges Werk der Affektsezierung und Affektverpuffung. Zweifellos hatte Amo Schmidt recht, wenn er im Marterpfahl den Phallus erkannte und in zig Landschaftsbeschreibungen eine weibliche Topographie aus Busen und Schößen beschrieben sah. Doch mit Skalpell, Pinzette und vulgär-freudianischem Besteck rückte Meister Schmidt dem toten May derart verbohrt zu Leibe, dass er im Pathologenkittel so komisch wirkte wie sein hassgeliebtes Opfer.

Fangen wir mit dem Gröbsten an: Lewitscharoff behauptet, Schmidt habe in den Landschaftsbeschreibungen Mays »eine weibliche Topographie aus Busen und Schößen beschrieben« gesehen. Nun besteht ja die Grundthese von Schmidts Buch gerade darin, dass die Mayschen Landschaften Ausdruck einer unterdrückten Invertiertheit des Autors waren, also durchweg Repräsentationen männlicher Hintern darstellen. Diese Behauptung durchzieht das Buch mit einer solchen Penetranz, dass es schon ein sehr merkwürdiger Erinnerungsfehler ist, das aus der Landschaft herausgelesene Geschlecht zu verwechseln. Wie konnte es dazu kommen?

sitara-1 Schmidt hat für die Erstausgabe des Buches zwei kleine Zeichnungen angefertigt, die vom Verlag als Vorsatz vorn und hinten im Buch eingesetzt wurden. Die vordere ist links zu sehen und zeigt das Schema der Mayschen Landschaften: Eine Wüste oder Ebene durchzogen von einer Schlucht, in deren Mitte sich ein meist kreisrunder See findet. Dieses Muster findet Schmidt immer und immer wieder, und es bestimmt – um einen weiteren Schritt abstrahiert – auch den Aufbau jenes Planeten Sitara in Mays »Das Märchen von Sitara«. Von Busen und Schößen keine Spur.

sitara-2Wendet man sich aber dem hinteren Vorsatzpapier zu, findet man dort eine ganz andere Zeichnung. Hier lässt die skizzierte Landschaft leicht die von Lewitscharoff angeführten Assoziationen zu. Nun muss man das Buch allerdings gelesen haben, um auf den letzten Seiten zu erfahren, dass hier gar keine Landschaft Mays abgebildet ist, sondern die idealtypische Landschaft bei Adalbert Stifter, wenigstens in Schmidts Lektüre. Schmidt führt diesen zweiten Fall als Unterstützung seiner allgemeinen These von der »unbewußten Abbildung von Leibreizen in der Literatur« an, wie das Phänomen in »Kundisches Geschirr« genannt wird. Ob etwas und eventuell was an Schmidts These dran ist, kann hier getrost unerörtert bleiben.

Dass Lewitscharoff über ein Buch schreibt, das sie entweder nicht gelesen oder nicht verstanden oder dessen Inhalt sie gleich wieder vergessen hat, ist eine Sache. Dass sie Schmidts humoristisches Buch über den Schwachkopf May, den Schmidt als Schriftsteller im Großen und Ganzen ganz richtig einzuschätzen wusste (»ein gewaltiger Pfuscher«, »einwandfrei […] ein unerschöpfliches Chaos von Kitsch & Absurditäten« und so passim), zu einem verzweifelten Werk kleinredet und vom Autor statt dem Buch behauptet, komisch zu sein, ist eine andere. Das beweist entweder hochgradige Humorlosigkeit oder aber Unaufrichtigkeit und Eitelkeit. Wollen wir für sie hoffen, dass sie einfach zu dumm war, um über das Buch lachen zu können.

Von der Höhe der Alpen (12)

Diesmal ein Gastbeitrag von Connie Müller-Gödecke:

Die Vernunfft sieht jezt über das Reich der dunckeln aber warmen Gefühle so hervor wie die Alpen Spitzen über die Wolcken.
Sie sehen die Sonne reiner und freundlicher, aber sie sind kalt und unfruchtbar. Brüstet sich mit ihrer Höhe.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (L 406)

Zum Welttag des Buches

Schreibt man denn Bücher bloß zum Lesen? oder nicht auch zum Unterlegen in die Haushaltung? Gegen eins, das durchgelesen wird, werden Tausende durchgeblättert, andere Tausend liegen stille, andere werden auf Mauslöcher gepreßt, nach Ratzen geworfen, auf andern wird gestanden, gesessen, getrommelt, Pfefferkuchen gebacken, mit andern werden Pfeifen angesteckt, hinter dem Fenster damit gestanden.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (E 311)

Deutsche Geschichte

dt-geschDie Digitale Bibliothek hat ihr ohnehin schon breites Angebot an elektronischen Werken zur Geschichte um die 10 grundlegenden Bände der »Deutschen Geschichte« aus dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht ergänzt. Diese Bände gehören seit Jahrzehnten zur studentischen Grundaustattung der meisten Historiker und decken die deutsche Geschichte von den Anfängen bis zum Jahr 1945 ab. Die CD-ROM enthält die vollständigen Texte aller Bände mit zusammen etwa 2.500 Buchseiten in den aktuellen, derzeit lieferbaren Auflagen zu einem unschlagbaren Preis.

Highlight der Buchreihe war und ist mit Sicherheit Band 9, Hans-Ulrich Wehlers »Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918«, der für das historische Verständnis dieser Zeit Maßstäbe gesetzt hat:

Über zwei Jahrzehnte lang hieß es an historischen Seminaren deutscher Universitäten ehrführchtig nur ›das blaue Buch‹. Niemand, der sich auf akademische Weise mit neuerer deutscher Vergangenheit beschäftigen wollte, kam daran vorbei. […] Mit dem ›blauen Buch‹ vollzog Wehler den vielleicht folgenreichsten Paradigmenwechsel in der (alt-)bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft […].

Sven Felix Kellerhoff, Die Welt

Zu dem Preisvorteil von knapp 80,– € kommen die üblichen Vorteile von Ausgaben der Digitalen Bibliothek hinzu: Eine ausgereifte, professionelle Software, die Volltextsuche, Paste & Copy auch längerer Passagen (mit exakter Seitenreferenz zur gedruckten Ausgabe), Lesezeichen, farbliche Textmarkierungen, das Ablegen von Notizen und Ausdrucke in individueller Formatierung erlaubt; dies ermöglicht ein intensives und zeitsparendes Arbeiten mit den Texten. Zusätzlich verfügt die elektronische Ausgabe über ein Gesamtregister der in allen Bänden verwendeten Abkürzungen. Diese CD-ROM ist auch geeignet, um eventuell bereits vorhandene Einzelbände der Reihe zu ergänzen.

Deutsche Geschichte. Hg. v. Joachim Leuschner. Digitale Bibliothek Band 151. Berlin: Directmedia Publishing in Kooperation mit Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Eine dumme Geschichte

lewyckaWieder einmal habe ich mich durch einen originellen Titel auf der Bestsellerliste verführen lassen: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch ist verführerisch, leider ist es auch schon das Originellste am ganzen Buch! Marina Lewycka erzählt die Geschichte einer »späten Liebe«: Der 84-jährige, verwitwete Nikolai Majevski, gebürtiger Ukrainer, ehemaliger Ingenieur und nach dem Zweiten Weltkrieg englischer Staatsbürger geworden, verliebt sich in eine 36-jährige Ukrainerin Valentina, die sich von ihrem ukrainischen Ehemann, mit dem sie einen Sohn hat, scheiden lässt, um Nikolai zu heiraten. Offensichtlich hat es Valentina auf einen Tausch abgesehen: Sie prostituiert sich ein wenig und erhält im Gegenzug dafür einen – in ihren Augen – begüterten Ehemann und die englische Staatsbürgerschaft für ihren Sohn und sich. Soweit ist das nichts besonderes.

Erzählt wird die Geschichte durch Nadia, eine der beiden Töchter Nikolais, die sich nach anfänglichem Zögern mit ihrer Schwester Vera verbündet, um der neuen Ehe ihres Vaters ein rasches Ende zu bereiten. Die beiden Schwestern intrigieren, so gut sie können; Valentinas ungezügelter Egoismus tut das seine dazu, und das schließliche Auftauchen von Valentinas Ex-Ehemann, der als Deus ex machina nach einigen belanglosen Verwicklungen Valentina und ihren Sohn wieder mit sich zurück in die Ukraine nimmt, lässt alles »ein gutes Ende« nehmen.

Bis hierhin möchte das alles einigermaßen angehen und einen halbwegs akzeptablen Unterhaltungsroman abgeben. Was das Buch über weite Strecken ungenießbar macht, ist die rücksichtslose Verwendung von Klischees durch die Autorin. Am schlimmsten trifft es Valentina, der keine Dummheit erspart wird, kein menschlich-sympatischer Zug auch nur für einen einzigen Moment gegönnt wird. Das Peinlichste am Buch aber ist, dass der durchgespielte Konflikt durch den uneingeschränkten »Sieg« der beiden Schwestern über die unerwünschte Rivalin aufgelöst wird. Valentina erscheint als Täterin, die schließlich ihre gerechte Strafe erhält: Autorin, Erzählerin und Figuren geben sie der Lächerlichkeit preis, die sie selbst ihr zugeschrieben haben. Das ist so plan und einfallslos, zugleich so unmenschlich und selbstgerecht wie ein Buch nur sein kann. Leider überlagert diese Dummheit des Textes all das, was hätte gelingen können: Den Versuch der Tochter, sich in die Lebensgeschichte ihrer Eltern einzufühlen, die Versöhnung der Schwestern miteinander, die durch die gemeinsame Opposition gegen Valentina eingeleitet wird, das aus Naivität und schmerzlicher Erinnerung gespeiste Buch Nikolais über die Geschichte des Traktors und schließlich auch jeden Hauch von Humor, den das Buch vielleicht hätte haben können.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006. Broschur, 359 Seiten. 14,– €.