David Lodge: Autor, Autor

188967399_14e15afd94David Lodge, englischer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, hat sein neues Buch einem Klassiker der englischsprachigen Literatur gewidmet: Es erzählt die Lebensgeschichte des amerikanischen Autors Henry James (1843–1916). Doch »Autor, Autor« ist keine Biografie, sondern ein Roman, der sich aber in nahezu allen Details an die Tatsachen hält.

Henry James hat heute in der englischsprachigen Welt in etwa den Status, den Theodor Fontane in der deutschsprachigen Literatur einnimmt: eine der wichtigen Stationen auf dem Weg zum modernen Roman. Das war aber nicht immer so. David Lodge konzentriert sich im Hauptteil seines Buches auf eine Zeit der Krise im Leben von Henry James, der seit Ende 1876 hauptsächlich in London lebte. Ende der 1880er Jahre ist sein Ruhm als Autor im Schwinden begriffen, der Absatz seiner Bücher geht von Jahr zu Jahr zurück und James sieht sich auf lange Sicht einer ernsthaften finanziellen Notlage gegenüber.

Da kommt es ihm gerade recht, dass er Ende 1888 die Anfrage einer englischen Theatertruppe bekommt, die ihn bittet, seinen Roman »Der Amerikaner« zu einem Theaterstück umzuarbeiten. Nach anfänglichem Zögern begreift James dieses Angebot als Chance, seine finanzielle Lage dauerhaft abzusichern. Er geht nicht nur auf das Angebot ein, sondern entwirft zugleich den Plan, eine Karriere als Bühnenautor zu beginnen. Erst nach mehr als fünf Jahren wird James die Fruchtlosigkeit seiner Versuche endgültig einsehen. Lodge beschreibt die Hoffnungen, Anstrengungen, Erfolge und Niederlagen, die James in diesen Jahren durchlebt, mit großer Sensibilität und Empathie.

Begleitet wird die Erzählung dieser Lebensphase von der Darstellung zweier wichtiger Freundschaften mit anderen Autoren: George du Maurier (dem Großvater von Daphne du Maurier), eigentlich Zeichner, der 1894 mit seinem Roman »Trilby« einen Megaseller schreibt, und Constance Fenimore Woolson, der Frau, die dem lebenslang keuschen Henry James wohl am nächsten stand; auch sie war als Autorin kommerziell wesentlich erfolgreicher als James.

Dieser Hauptteil wird durch die Erzählung der letzten Wochen gerahmt, die Henry James durchlebt: Seinem langsamen geistigen Verfall nach einem Schlaganfall, der Ehrung durch das englische Königshaus mit dem Order of Merit, seinem Tod und schließlich einem Ausblick auf seinen Nachruhm, der in der englischsprachigen Welt bis heute anhält.

Lodges »Autor, Autor« ist ein ruhig und sorgfältig erzählter Roman, was seinem Inhalt auch ganz angemessen ist. An einer Stelle macht sich Lodge beinahe ein wenig lustig über Henry James und zugleich über sich selbst:

Das Thema […] war reizvoll, aber er gab bereitwillig zu, daß der Roman mit zu vielen Kommentaren behaftet und im Tempo zu gemächlich war. [S. 137]

Doch wer ein wenig Geduld für das Buch aufbringt und sich für Schriftsteller und das späte 19. Jahrhundert interessiert, sollte »Autor, Autor« auf jeden Fall lesen.

David Lodge: Autor, Autor. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, 2006. Fadenheftung; 544 Seiten. 17,90 €.

Thomas Lehr: 42

75985124_b71c24fe58Erzählt wird die Geschichte von Adrian Haffner, einem Münchner Journalisten, der zusammen mit einer größeren Besuchergruppe einen Detektor des Kernforschungszentrums CERN besichtigt und bei seiner Rückkehr an die Erdoberfläche zusammen mit 70 anderen Chronifizierten feststellen muss, dass derweil die Zeit stehengeblieben ist. Nur für die besagten 70 existiert die Zeit in ihrer nächsten Umgebung weiter, sie tragen eine Chronosphäre um sich herum; das ganze übrige Universum steht still. Man kann sich denken, dass dies einige Verwirrung auslöst. So ist dann der Roman auch geworden.

»42« gehört nicht zu der Sorte von Büchern, die ich normalerweise lese; ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt zu einer Sorte von Büchern gehört, aber es mag sein, dass dort draußen inzwischen eine neue Art von Literatur existiert, mit der ich hier erstmalig in Berührung gekommen bin. Das erstaunlichste an dem Buch war für mich die nahezu komplette Weltlosigkeit des Textes, anders gesagt: Das ganze Buch, seine Handlung, seine Gespräche, seine Figuren sind vollständig dem Kopf des Autors entsprungen. Dass reale Orte wie Genf, Zürich, München, Berlin oder Florenz im Buch vorkommen, ist gänzlich zufällig und gleichgültig; wichtig an diesen Orten ist auch nicht ihr Da- oder So-sein, sondern nur ihre Entfernung voneinander, die der Ich-Erzähler zu Fuß zurücklegt, damit er überhaupt irgendetwas zu tun hat außer die ewig gleichen wirren Gedankengänge zu Papier zu bringen.

Das Buch hat insgesamt wenig zu erzählen, viel zu wenig für die 368 Seiten, die der Autor letztendlich gefüllt hat. Es verbreitet daher über weite Strecken die fürchterlichste Langeweile: Immer erneut wird beschrieben, wie irgendwelche als »Fuzzis« bezeichneten Menschen regungslos irgendwo herumstehen, wie sich das sich nicht verändernde Licht nicht verändert und die gleichbleibende Hitze gleich bleibt. Zwischendurch ein, zwei sexistische Phantasien und dann geht es mit der nächsten wirren Reflexionskaskade weiter. Und was vielleicht das schrecklichste ist: Das Buch ist weitgehend humorfrei – »die Nullzeit ist ernst.« [S. 191]

Sehr merkwürdig erscheint mir allerdings, dass der Autor sich die Mühe macht, seinen doch recht dünnen Phantasieanlass – die Zeit bleibt stehen und nur einige wenige Menschen sind nicht betroffen – überhaupt mit einer pseudonaturwissenschaftlichen Rahmung zu versehen, da er selbst recht bald einsehen muss, dass es auch nicht den Hauch einer möglichen wissenschaftlichen Erklärung für das phantasierte Ereignis geben könnte. Ob nun CERN oder ein falsch montierter Haushaltsmixer die Katastrophe verursacht haben soll, ist für das Buch völlig unerheblich. Am merkwürdigsten dann schließlich das gänzlich unsinnige Geschwurbel, mit dem das Buch endet und das noch weniger einleuchtend wäre als alles Vorangegangene, wenn das denn überhaupt möglich wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!

Nur an einer Stelle hat mir der Autor so recht aus dem Herzen gesprochen: »Mir ist völlig rätselhaft und auch ziemlich gleichgültig, weshalb er ausgerechnet mir etwas anvertrauen möchte« [S. 336].

Lehr, Thomas: 42
Aufbau-Vlg, 2005. ISBN 3-351-03042-8
Gebunden – 368 Seiten – 21,5 × 12,5 cm – 22,90 Eur[D]

Gert Loschütz: Dunkle Gesellschaft

60652369_86ce5fb369Ein ungewöhnliches Buch, auf das ich über die Shortlist des Deutschen Buchpreises gestoßen bin.

Loschütz arbeitet mit dem bewährten Muster von Rahmen- und Binnenerzählungen: In der Rahmenhandlung lebt der Erzähler und Protagonist Thomas in einem kleinen Dorf, das er in nächtlichen Spaziergängen erkundet. Beherrschendes Element des Rahmens ist der kontinuierliche Regen, der schließlich in einer Flutkatastrophe kulminiert, aus der der Erzähler mit den anderen Bewohnern des Dorfes in ein Flüchtlingslager gerettet wird. Während seiner nächtlichen Gänge durchs Dorf erinnert sich der Erzähler an zehn Episoden aus seinem bewegten Leben, beginnend mit seiner Ausbildung zum Schiffskapitän in der Nähe von London, über unterschiedlichste Beschäftigungen auf diversen Schiffen und an unterschiedlichen Orten bis hin zur Affäre mit einer Nachbarin in dem Dorf, das schließlich überflutet wird.

Allen zehn Binnenerzählungen ist gemeinsam, dass sie rätselhafte Elemente enthalten: Phantastisches, Unheimliches, Ominöses, Traumhaftes – jede Erzählung präsentiert eine andere Spielart des Mysteriösen. Keines dieser Elemente wird aufgelöst, keine der Episoden wird erklärt oder erklärt eine andere. Verbunden sind sie bloß als Erinnerungen des Erzählers und Protagonisten; eigentlich kann der Leser nicht einmal sicher sein, dass es sich tatsächlich in allen Details um Erinnerungen handelt und nicht um Phantasien, die die Erinnerungen überlagern.

Ich muss zugeben, dass mir Literatur dieser Art nicht sehr liegt; ich habe eine Abneigung gegen Erzählungen, die aus dem Umbestimmten und Undeutlichen versuchen, Stimmungen zu erzeugen und damit einen Mangel an konkreten Inhalten, an Handlung und Gedanken zu überspielen. Aber dieser erste Eindruck (wahrscheinlich genährt aus meinem Vorurteil) hat sich im Laufe der Lektüre verloren, was auch daran liegen mag, dass die Variation von Stimmungen, Motiven und Erzählton in den Binnenerzählungen und die immer detaillierter werdende Rahmenerzählungen eine gelungene Mischung von Abwechslung und Kontinuität bilden.

Wie gesagt: Ein ungewöhnliches Buch, das im Laufe der Lektüre gewinnt und dem man deshalb einige Seiten mehr als gewöhnlich Kredit einräumen sollte, falls es einen nicht gleich zu Anfang packt.

Loschütz, Gert: Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten
FVA, 2005; ISBN 3-627-00129-X
Gebunden
219 Seiten – 19,90 Eur[D]