So isses, klar. Wat sächste? Inner Flüsterkneipe. Stockvoll. Ick säi di, Jung. Bantam, zwo Tage alkoheilfro. Säuft nischt wie billigen Rotwein. Ab durch die Mitte! Hier, kuckmal, kuck doch mal her. Kruzitürken, ich schlag doch lang hin. Und zum Frisör ist er auch gewesen. Zu voll zum sprechen. Mit ’nem Kerl von der Eisenbahn. Wie kommste da denn zu? Ne Oper, die ihm gleicht? Rose of Castille. Rows of cast. Polizei! Bißchen H2O für ’nen Herrn, dem die Sinne schwinden. Kuck doch mal Bantam seine Blümchen. Ach herrjemineh, der fängt gleich an zu hollern. O Colleen Bawn, mein schickes Miezchen. Mensch, halt doch die Klappe! Hau dem Kerl mal die Schluckluke zu, aber feste. Hatte den Gewinner heute, bis ich dann den todsicheren getippt hab. Der Deubel soll dem Stephen Hand die Rübe abreißen, daß er mir die biestige Mähre angedreht hat. Traf ’n Telegrammjungen, der grad ’n Tele von dem graußen Bass sei’m Sattelplatz zum Polizei-Depot brachte. Steckt ihm ’n Vierpenny und macht das Ding über Dampf auf. stute groß in form sofort setzen. Ne ganze Guinee auf so ne Niete. Toller Kram, das. So wahr wies Evangelium. Grober Unfug? Aber sicher, glaub ich ja auch. Klare Sache. Landet er glatt für im Stock, wenn der Polyp hinter das Spielchen kommt. Madden setzt auf Madden seins ’nen madigen Einsatz. O Wollust, du unsere Zuflucht und unsere Stärke. Aufbruch. Mußt du schon gehn? Ab zu Mama. Auf Abruf bereit. Versteck mir bloß einer die roten Ohren. Wenn er mich sieht, sitz ich drin. Muß in die Heia, unser Bantam. Orrevoah, mong viöh. Vergiß nicht die Bliemchen für sie. Von wem hast du den Tip gehabt eigentlich, für das Füllen? Unter uns Pastorentöchtern. Mal ehrlich. Von Meister Iste, ihrem vertrauten Manne. Kein Schmu, von dem ollen Leo. Also alles was recht ist, so wahr mir Gott. Ich laß mich kielholen, wenn ich das. So ein Dreckskerl von einem scheinheiligen Lügner. Weshalb haste mir nischt jesacht davon? Ja, also, sag ich, wenn das nich die typisch jiddsche mloche is, ja, dann will ich ne missemeschune haben. Und von Schäbigkeit zu Schäbigkeit, Amen.
James Joyce:
Ulysses
Patricia Highsmith: Ripley Under Ground
Tom wußte es. Er war ein mystischer Ursprung, ein Quell des Bösen.
Erst im Jahr 1970, also 15 Jahre nach dem Auftakterfolg „Der talentierte Mr. Ripley“ liefert Patricia Highsmith den zweiten Roman um den Betrüger, Hochstapler und Mörder Thomas Ripley. Die Handlung spielt wahrscheinlich im Jahr 1968 in der Hauptsache in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich und London. Tom Ripley führt inzwischen ein zurückgezogenes und unauffälliges Leben als amerikanischer Neureicher in Europa: Er ist verheiratet mit Héloïse, Tochter aus reichen Hause, und vertreibt sich seine Zeit zumeist mit Lesen, Gartenarbeit und Malen. Seine Einkünfte stammen nicht nur aus dem Erbe Dickie Greenleafs, das er sich am Ende des Vorläuferromans zu erschwindeln gewusst hatte, sondern auch aus einem kleinen Kunstfälscherring, den zu gründen er die Idee hatte und dessen stiller Teilhaber er ist.
Die Hauptakteure der Kunstfälscher sitzen in London und sind drei Freunde des verstorbenen Malers Philip Derwatt, der sich vor etwa acht Jahren in Griechenland umgebracht hat. Die Freunde – unter ihnen der Maler Bernard Tufts –, die zuerst erfolgreich Bilder aus dem Nachlass Derwatts auf den Markt brachten, fangen zuerst an, den Nachlass durch Fälschungen Tufts zu erweitern und lassen schließlich, auf Anregung Tom Ripleys, Derwatt, dessen Leiche nie gefunden wurde, wieder auferstehen, um die Geschäfte fortführen zu können: Derwatt lebe angeblich zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Mexiko, von wo aus er seine Gemälde regelmäßig nach London expediere, um sie über die Galerie seiner Freunde Ed und Jeff verkaufen zu lassen. Darüber hinaus partizipieren die Freunde und Ripley auch an einer Firma, die Künstlerbedarf unter dem Namen Derwatts vertreibt und einer Derwatt-Kunstschule in Perugia.
Die Handlung des Romans setzt ein, als der amerikanischer Sammler Thomas Murchison den Verdacht entwickelt, bei einem von ihm erworbenen Derwatt-Gemälde handele es sich um eine Fälschung: Murchison ist aufgefallen, dass für das von ihm erworbenen Bild eine Farbe verwendet wurde, die Derwatt zuvor bereits aufgegeben und durch eine Mischung anderer Farben ersetzt hatte. Tom Ripley hat den Einfall, sich als Derwatt zu verkleiden und überraschend in London zu erscheinen, um Murchison die Echtheit seines Bildes persönlich zu garantieren. Murchison fällt zwar auf die Verkleidung herein, lässt aber nicht von seiner Theorie ab, sondern ist eher geneigt zu glauben, Derwatt selbst könne in das Geschäft mit den Fälschung verwickelt sein, um seine lukrative Produktion auf diese Weise zu erweitern. Ripley wechselt daraufhin die Strategie, sucht nun unverkleidet die Bekanntschaft Murchisons und überredet ihn, ihn nach Frankreich zu begleiten, um dort zwei weitere Bilder Derwatts zu begutachten.
Im Hause Ripleys erweist sich Murchison als immun gegen die Überredungskünste Ripleys, so dass diesem am Ende nichts besseres mehr einfällt, als Murchison in seinem Keller zu erschlagen und die Leiche in der Nähe seines Hauses zu vergraben. Das Gepäck Murchisons fährt er zum Flughafen Orly und lässt es dort einfach auf dem Bürgersteig stehen, in der Hoffnung, dass es bald gestohlen werde.
Dies alles macht etwa das erste Drittel des Romans aus; die restlichen zwei Drittel erzählen zum einen von Toms Anstrengungen, den Nachforschungen der französischen und englischen Polizei zu entkommen, zum anderen von seinen Bemühungen, den nervösen und depressiven Fälscher Bernard Tufts unter Kontrolle zu halten, der durch das Auftauchen Murchisons in Panik versetzt worden ist. Tufts ist die psychologisch bei weitem interessanteste Figur des Romans: Sein Erfolg als Fälscher des von ihm bewunderten Derwatt stört nachhaltig sein Selbstbild. Im Grunde ist er der Überzeugung, Derwatt malerisch nicht das Wasser reichen zu können, sieht aber zugleich, dass erst seine Fälschungen Derwatts Erfolg begründet haben. Sein eigenes Werk hat sich im Gegensatz zu dem Derwatts in den Jahren der Fälschertätigkeit nicht weiterentwickelt; außerdem ist er tief in seinem Inneren davon überzeugt, dass er das künstlerische Vermächtnis Derwatts durch die Fälschungen trivialisiert hat.
Die Kombination aus Angst vor der Entdeckung, Gewissensbissen und Identitätsverlust treibt Tufts an den Rand des Wahnsinns. Nachdem er von Tom Ripley zu einem Komplizen des Mordes an Murchison gemacht wurde, versucht er, Tom umzubringen, begräbt den vermeintlich Toten in dem ehemals für Murchison bestimmten Grab – aus dieser Episode ergibt sich der Titel des Romans – und flieht. Da Tom befürchten muss, dass Tufts sich der Polizei offenbaren wird, um die für ihn unerträgliche Situation zu beenden, macht er sich auf die Suche nach ihm; er stellt ihn nach Umwegen schließlich in Salzburg. Auch hier sei natürlich der Verlauf des Finales und Toms abschließende Lösung all seiner Schwierigkeiten nicht verraten.
„Ripley Under Ground“ ist eine beeindruckende Fortsetzung des Stoffs: Während „Der talentierte Mr. Ripley“ ein ironisches Spiel mit dem Coming-of-Age-Muster (das einen Aspekt des klassischen Entwicklungsromans variiert) darstellte, liefert der Nachfolger nicht nur ein psychologisch weit spannenderes Figurenensemble – und bereitet in einer Nebenhandlung die Fortsetzung der Romanreihe vor–, er hebt auch die Figur Ripleys auf eine andere Ebene. Der zuvor etwas unsichere, suchende junge Mann hat sich in einen selbstsicheren und mit sich und seiner Stellung in der Welt im Reinen befindlichen Erwachsenen verwandelt, der nur eben leider seine Einkünfte aus nicht ganz legalen Geschäften bezieht. Es ist nur dieses unglückliche Detail, das ihn immer wieder dazu nötigt, das zu tun, was andere als das Böse ansehen, er selbst aber nur als unvermeidliche Folge ungünstiger Umstände begreift. Er ist kein Verbrecher aus Leidenschaft (und auch kein Serienmörder, als der er ab und an bezeichnet wird), sondern ein Mensch, dem all das Mühe und Unannehmlichkeiten bereitet, die er lieber vermieden hätte. Das einzige, was ihm wirklich fehlt, ist ein Gewissen, aber gerade das ist es, was ihn in seinem Geschäft so erfolgreich macht. Wahrscheinlich ist es die bis auf diesen einzigen Aspekt weitgehende Normalität Ripleys, die uns diese Figur mehr als gerade noch erträglich macht.
Patricia Highsmith: Ripley Under Ground. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. detebe 23414. Zürich: Diogenes, 2003. Broschur, 443 Seiten. 11,90 €.
Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley
Irgend etwas fand sich immer. Das war Toms Credo.
Wie die regelmäßigen Leser meiner Nachtwachen sicherlich schon bemerkt haben, werden hier ausgesprochen selten Kriminalromane besprochen: Friedrich Dürrenmatt etwa ist eine Ausnahme, auch Arthur Conan Doyle wird seit langer Zeit in der Randspalte mitgeschleppt, aber sonst sind Mörderromane eher spärlich vertreten. Natürlich bleibt man in einem langen Leseleben nicht gänzlich unbeleckt: Chestertons Pfarrer Brown kenne ich ebenso vollständig wie Glausers Wachtmeister Studer, aber eine systematische oder auch nur ein wenig umfassendere Kenntnis des Genres fehlt mir. Das liegt wohl in der Hauptsache daran, dass es mir wie Marcel Reich-Ranicki ergeht – den ich sonst nicht gerne als Eideshelfer anführe:
Ich mag nämlich Kriminalromane nicht, es gibt einen Fehler bei mir, es liegt nur an mir, ich will gar nicht wissen, wer ermordet hat. Wer der Mörder ist, es ist kein Problem für mich.
Doch bin ich kürzlich zufällig erneut über Matt Damons Talentierten Mr. Ripley gestolpert, der mich neugierig darauf gemacht hat, die Serie der Ripley-Romane noch einmal zu lesen. Ich konnte dann auch noch erfreut feststellen, dass Diogenes die fünf Bücher inzwischen von guten Übersetzern hat neu übersetzen lassen, so dass es heute losgeht mit einer kleinen Ripley-Lesereihe:
„Der talentierte Mr. Ripley“ eröffnete 1955 die Serie. Die Handlung setzt ein in einem nicht genauer bestimmten Jahr der 1950er in New York: Der junge Tom Ripley, der sich zuvor mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, hat gerade eine Karriere als Gesetzesbrecher begonnen: Bei seinem letzten Job für die Steuerbehörde hat er sich eine Liste von Namen verschafft und versucht nun mit mäßigem Erfolg, fiktive Steuernachzahlungen einzutreiben. Doch bekommt er eine Chance, sich zu verbessern: Der Reeder Herbert Greenleaf will ihn nach Europa schicken, damit er seinen in Italien befindlichen Sohn Richard (Dickie), mit dem Tom eher flüchtig bekannt ist, überredet, nach Amerika zurückzukehren. Dickie, der sich aus einem eigenen, kleinen Vermögen finanziert, lebt als Maler ein sorgenfreies Leben in einem kleinen süditalienischen Küstenort namens Mongibello. Er ist dort mit der US-amerikanischen Schriftstellerin Marge Sherwood befreundet, die sich von dieser Beziehung wohl vergeblich eine Ehe erhofft. Als Tom bei ihm eintrifft wird schnell klar, dass Dickie keinerlei Neigung hat, sein bequemes Leben in Italien aufzugeben.
Tom gelingt es vergleichsweise rasch, sich mit Dickie zu befreunden und ihn von Marge mehr und mehr zu isolieren. Je mehr Zeit die beiden Männer miteinander verbringen, desto mehr identifiziert sich Tom mit Dickie und versucht ihn zu imitieren. Schließlich überredet er ihn zu einer Reise zu zweit nach Norditalien, wo er auf Dickies immer größer werdende Distanziertheit mit einem Mordplan reagiert, den er in Sanremo während einer Bootsfahrt dann umsetzt: Er erschlägt Dickie mit einem Ruder, versenkt seine Leiche mit dem Anker des Bootes und anschließend in Ufernähe auch das Boot. Nachdem er Dickie beseitigt hat, schlüpft er in dessen Rolle und lebt eine Zeitlang ungestört als Dickie Greenleaf in Rom.
Zur Krise des Romans kommt es, als mit Fredie Miles ein Freund Dickies auftaucht, der Toms Hochstapelei zu enttarnen droht. Tom weiß sich in seiner Überrumpelung nicht anders zu helfen, als Fredie umgehend zu erschlagen. Natürlich wird die Leiche schnell entdeckt, und Tom gerät in seiner Rolle als Dickie einerseits mehr und mehr in den Verdacht, in den Mord wenigstens verwickelt zu sein und droht andererseits durch eine Begegnung mit der um Dickie besorgten Marge aufzufliegen. Er setzt sich daher zuerst nach Palermo ab, gibt dann aber Dickies Identität auf und reist als Tom Ripley nach Venedig. Als dann auch noch Dickies Vater und ein von diesem engagierter Privatdetektiv in Venedig auftauchen, ist Tom einem Nervenzusammenbruch nahe. Es sollen die letzten Wendungen der Geschichte hier nicht ausgeplaudert werden, aber man kann sich aufgrund der nachfolgenden Bände schon denken, dass es nicht ganz und gar vernichtend für Tom Ripley endet.
Tom Ripley ist ein paradimatisch negativer Protogonist: Er ist narzistisch – und bestreitet übrigens wahrscheinlich zu Recht, homosexuell zu sein, da er nur sich selbst wirklich zu lieben in der Lage ist –, unsympathisch, rücksichtslos und ihm fehlt jegliche Moral. Er kennt kein Mitleid, weder für seine Opfer noch für sonst jemanden außer sich selbst. Ihm fehlt es an Persönlichkeit und Kultiviertheit, weshalb ihn Dickies ungekünstelte Selbstsicherheit fasziniert und er dessen Persönlichkeit zu imitieren versucht. Er ist überheblich bis zur Dummheit und hat mehr als einmal schlicht Glück, mit seinen Plänen und Intrigen durchzukommen. Trotz dieser ungewöhnlich umfangreichen Ansammlung negativer Eigenschaften, gelingt es einem als Leser nicht, sich von der Faszination für diese Figur vollständig freizumachen. Das liegt zum einen natürlich an der von Highsmith sehr wirkungsvoll eingesetzten personalen Erzählperspektive, die alle Ereignisse aus Ripleys Perspektive schildert und an seine Einschätzungen bindet. Zum anderen ist es natürlich die immer wach gehaltene Frage, ob es ihm tatsächlich gelingen wird, seine Verbrechen und Hochstapelei durchzusetzen. Und man muss Highsmith zugute halten, dass sie ihr Geschäft als Kriminalautorin versteht; nur an einer einzigen Stelle ist wenigstens mir ein Detail unklar geblieben, nämlich wo Ripley das Gepäck Dickies lässt, als er aus Sanremo flüchtet. Aber es mag sein, dass ich da etwas überlesen habe.
[Nachtrag 21.07.2014: Wie man dem Kommentar von Sven entnehmen kann, habe ich in der Tat etwas überlesen.]
Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Lizenzausgabe: SZ-Bibliothek, Bd. 16. München: Süddeutsche Zeitung, 2004. Pappband, 333 Seiten. Lieferbar als Diogenes Taschenbuch, detebe 23404. Zürich: Diogenes, 72003. Broschur, 426 Seiten. 11,90 €.
Arnold Zweig: Junge Frau von 1914
Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus kein gutes Prinzip. Er wird Deutschland zugrunde richten, wenn man ihn nicht zwingt, die Pfähle zurückzustecken.
Dieser 1931 erschienene Roman ist sowohl der Chronologie der Handlung als auch der Entstehung nach der zweite des Zyklus Der große Krieg der weißen Männer. Allgemeines zum Zyklus und seiner Entstehung ist bereits bei der Besprechung des Bandes „Die Zeit ist reif“ von 1957 gesagt worden, der die Vorgeschichte zu „Junge Frau von 1914“ liefert. In ihm wurde die Handlung unmittelbar bis an die von „Junge Frau von 1914“ herangeführt, der dementsprechend im Frühjahr 1915 einsetzt, als der Schriftsteller Werner Bertin in Berlin seinen Gestellungsbefehl erhält. Er muss zur militärischen Grundausbildung nach Küstrin und wird anschließend als Armierungssoldat, also als Soldat ohne Ausbildung an der Waffe eingesetzt werden.
Während der drei Monate in Küstrin kommt es zu einem Vorfall zwischen ihm und seiner langjährigen Geliebten Lenore Wahl, dessen Folgen einen Großteil der Handlung des Romans bestimmen: Obwohl wir Bertin bislang nur als einen empfindsamen, rücksichtsvollen und etwas weltfremden jungen Mann kennen, sollen ihn die wenigen Wochen in der Kaserne so verroht haben, dass es bei einem Spaziergang der beiden Liebenden zu einer Vergewaltigung Lenores kommt. Doch merkwürdigerweise ist es nicht dieser gewaltsame sexuelle Übergriff, der für Lenore zur Krise ihrer Beziehung mit Bertin führt, sondern erst die aus ihm folgende Schwangerschaft. Da Lenores Eltern immer noch gegen eine Verbindung zwischen Lenore und Werner sind, sieht sie keine andere Möglichkeit, als das Kind abtreiben zu lassen. Unterstützt von ihrem jüngeren Bruder David, der noch das Gymnasium besucht, findet sie eine Berliner Privatklinik, in der der illegale Eingriff vorgenommen wird. Auch die Finanzierung des Klinikaufenthalts ist durch einen gerade rechtzeitig eintreffenden Vorschuss auf eines der Stücke Bertins gesichert. Zur eigentlichen Verwerfung zwischen Lenore und Werner kommt es aber erst nach der Abtreibung, als Werner seine Geliebte am Wochenende in der Klinik besucht, sich aber weigert, seine Rückkehr in den Dienst herauszuzögern und sich stattdessen um seine rekonvaleszente Freundin zu kümmern. Da Bertins Einheit unmittelbar danach auf den Balkan verlegt wird, kommt es zu keiner Aussprache zwischen den beiden.
Lenore durchläuft in den nächsten Monaten eine merkwürdig inkonsequente Entwicklung: Nachdem sie sich ihre Wut gegen Werner in einem Brief von der Seele geschrieben hat, den sie allerdings nicht abschickt, sondern ihrem Bruder zur Verwahrung gibt, versucht sie sich ein selbstständiges Leben aufzubauen, indem sie sich autodidaktisch zur Hilfslehrerin auszubilden versucht. Gleichzeitig aber macht sie sich gegenüber ihren Eltern für ihre offizielle Verbindung mit Werner stark: Zuerst kann sie eine Verlobung mit ihm durchsetzen, weil es den Wahls als nützlich erscheint, einen Familienangehörigen im Feld zu haben, da es die Einberufung Davids hinauszögern könnte. Als Bertins Einheit schließlich nach Verdun verlegt werden soll, sucht Lenore einen Weg, ihn gänzlich vom Militärdienst befreien zu lassen, bekommt aber nur den Hinweis, dass eine Hochzeit ihm einen Urlaub garantiert. Sie setzt mit Hilfe ihres liberalen Großvaters bei ihren Eltern die Hochzeit mit Werner durch und betreibt aktiv den Urlaubsantrag für ihren Verlobten. Bertin erhält nach mehr als einem Jahr Militärdienst für seine Hochzeit ganze vier Tage Urlaub, heiratet Lenore in Berlin und verbringt zwei Flittertage mit ihr in der Potsdamer Villa der Familie Wahl. Mit seiner Rückkehr zum Dienst vor Verdun endet der Roman.
Eingewoben in diese Haupthandlung finden sich Aspekte der deutschen Kriegswelt der Jahre 1915/1916: Die magere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln – wobei sich die reichen Wahls dabei natürlich noch gut zu helfen wissen –, die patriotischen Verwerfungen und Beschränktheiten des Zusammenlebens, der Antisemitismus des preußischen Militärs, die Überschattung des zivilen Alltags durch die ständige Bedrohung des militärischen Totschlags, die Verflechtung der Wirtschaft mit der Kriegsmaschinerie, die nationalen Ideologien, die jeden Friedensgedanken des Defätismus verdächtigen müssen usw. usf. Besonders die antisemitschen Tendenzen werden deutlich herausgestellt: Nicht nur in der Anekdote, dass ein Berliner Rabbiner auf der Suche nach der Leiche eines jüdischen Offiziers, um sie in die Heimat zu überfuhren, diese unter einem Misthaufen von Schweinekot beerdigt findet, sondern auch in der ausführlichen Schilderung des humanen Plans der preußischen Militärführung, die Juden aus den besetzten russischen Gebieten vor dem Verhungern zu bewahren und zwangsweise in die USA zu exportieren, unbesehen davon, dass für diese Reise weder geeignete Schiffe zur Verfügung stehen, noch die Reiseroute selbst gesichert werden kann. Dass der Plan nicht umgesetzt wird, ist einzig dem Umstand zu verdanken, dass die zur Beratung herangezogenen jüdischen Bankiers darauf hinweisen, dass die Preußen hiermit zum einen gegen das Völkerrecht verstoßen würden, sie selbst zum anderen sich um die Einwerbung finanzieller Mittel und humanitärer Unterstützung bemühen werden, um wenigstens die schlimmste Not zu lindern. Auch Zweig konnte 1931 nicht erahnen, welche Ereignisse in dieser historischen Anekdote ihre Schatten vorauswarfen.
Im Großen und Ganzen stellt sich die frühe „Junge Frau von 1914“ als stilistisch deutlich schlichter und entspannter dar als der über 25 Jahre später entstandene Roman „Die Zeit ist reif“. Auch er ist nicht frei von romantisierender Exaltation, doch ist sie auf einige wenige Passagen beschränkt. Die Protagonistin Lenore Wahl vermag allerdings auch diesmal nicht vollständig zu überzeugen: Obwohl Zweig explizit Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“ als Vorbild heranzitiert, bleibt Lenore am Ende doch nur ein Frauchen: Weder zieht sie irgendeine Konsequenz aus dem auch von ihr als Vergewaltigung begriffenen Übergriff Werners, noch konfrontiert sie selbst ihn am Ende mit ihrer Verletztheit und ihrer Wut. Werner erfährt all dies zwar aus dem von David aufbewahrten und mehrere Monate später an Werner gesendeten Brief Lenores, aber weder reagiert er selbst in irgend einer Weise auf diesen Brief noch ist er – verständlicherweise – Thema zwischen den jungen Brautleuten während der vier Tage Hochzeits-Urlaub Werners. Es bleibt abzuwarten, ob Zweig diesen schwelenden Konflikt in der Folge noch wird wirksam werden lassen. Soweit wie dieser Roman reicht, hat Lenore zwar gut spotten über die spießbürgerliche Welt ihrer Eltern, es ist aber kaum zu erkennen, wie sie selbst dieser Schablone zu entkommen gedenkt. Doch der Zyklus ist ja noch lang …
Arnold Zweig: Junge Frau von 1914. Berlin: Aufbau-Verlag, 131967. Leinen, Fadenheftung, 347 Seiten. Lieferbar ist derzeit eine günstige Hardcover-Ausgabe des Aufbauverlages.
Wolfgang Feelisch: in’sait
In einer seiner Notizen entwirft Ludwig Hohl zwei Anzeigen, von denen eine wie folgt lautet:
»Weihnachten steht vor der Tür! Was schenkst du deinen Verwandten, Freunden und Bekannten? Am besten Bücher. Wir empfehlen dir:
Goethes kleine Prosa in leichtverständlicher Form und von äußerster Dauerhaftigkeit. Unser Haus ist imstande, dieses Buch und bald auch andere zu einem erstaunlich billigen Preis zu liefern infolge einer genialen und höchst modernen Erfindung.
Diese neue Art Bücher wird sich zum Aufstellen im Bücherschrank vorzüglich eignen, von der bekannten, altväterischen Art Bücher aber sich durch folgende Vorzüge unterscheiden: Eine Dauerhaftigkeit, die schon an Unzerstörbarkeit grenzt (auch bei häufigem Ausleihen!); höchste Prunkhaftigkeit des Deckels; den viel niedrigeren Preis.
Dieser alle Konkurrenz in den Wind schlagende niedrige Preis wird dadurch ermöglicht, daß das Innere des Buches aus einem Brett gestaltet ist (echtes Eichenholz!). Nach dem Muster der Holzschinken — man muß nur auf die Ideen kommen! Unsere Erfindung ist gesetzlich geschützt.
Kraft dieser erstrangigen Erfindung werden wir zweifellos in kurzem alle Verlagshäuser überflügelt haben. Von jenen freilich sehen wir ab, die elende Machwerke in die Welt setzen, traurige Unterhaltungs-Werke und erbarmenswürdige Spannungs-Romane, die man lesen muß; denn wir, fern jenen verachtungswürdigen Niederungen, befassen uns allein mit der großen und wahren Literatur, mit den tiefen und ernsten Büchern der Autoren, die etwas zu sagen haben, und die sich zum Aufstellen im schönen Bücherschrank vorzüglich eignen und jedem Besitzer zur Ehre gereichen.«
Die Idee scheint so naheliegend, dass sie tatsächlich zumindest einmal umgesetzt worden ist: Der Remscheider Künstler Wolfgang Feelisch ließ 1969 ein kleines Büchlein mit dem schön verschriebenen Titel „in’sait“ – ja, drucken kann man nur eingeschränkt sagen, also: produzieren, das alle die von Hohl gepriesenen Vorzüge aufweist. Wer es aus dem Bücherregal zieht und aufschlägt, sieht sich jeder weiteren Mühe enthoben:

Leider weiß ich nicht, in welcher Auflage das Werk damals entstanden ist und ob die Idee vielleicht auch darüber hinaus Verbreitung und Freunde gefunden hat.
Wolfgang Feelisch: in’sait. Krefeld: Verlag Pro, 1969. Broschur, keine Seiten. Lange schon vergriffen.
Allen Lesern ins Stammbuch (69)
Die Kinder, wenn ihnen ein Buch, ein Stück gefällt, wollen
immer sogleich vom selben Autor mehr lesen; lesen, wenn sie
dazu gelangen können, von den Stücken, die dieser Autor
verfaßt hat, eines nach dem andern durch, bis sie den Autor
ausgelesen haben, was sie dann bedauern. – So auch mancher
Erwachsene.Was aber tut der Leser, wenn ihm ein Stück gefällt? Ohne
Ausnahme das eine: er liest nochmals. Das zweite Lesen wird
den ersten Eindruck nie nur bestätigen, sondern aufheben oder vertiefen.
Kein wirklicher Leser hat ein wirkliches Kunstwerk je ausgelesen.Ludwig Hohl
Die Notizen
Ludwig Hohl: Die Notizen
Faust hat er gelesen, Spinoza hat er gelesen. Auch Wallace hat er gelesen, und den hat er auch verstanden.
Ludwig Hohl (1904–1980) ist wahrscheinlich der unbekannteste unter den unbekannten, aber immerhin gedruckten Schweizer Schriftstellern. Unter seinen Werken gelten „Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung“ als sein Hauptwerk. Die Bücher Hohls sind immer nur sporadisch im Druck; seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kümmert sich Suhrkamp um den Autor. Die letzte Welle von Veröffentlichungen gab es vor etwa 10 Jahren; jetzt hat Suhrkamp fünf Titel in der Bibliothek Suhrkamp wieder aufgelegt.
„Die Notizen“ sind zwischen 1934 und 1936 in den Niederlanden niedergeschrieben worden. Sie sind thematisch organisiert und die einzelne Notiz umfasst in den meisten Fällen nur wenige Zeilen, einige wenige haben die Länge kurzer Essays. Nicht alle Themen erscheinen dem heutigen Leser gleich wichtig oder auch nur gleich gewichtet. Aber Abschnitte wie zum Beispiel „Der Leser“ (IV) oder „Literatur“ (IX) enthalten Aphorismen und Essays, die sich mit dem Besten der Literatur des 20. Jahrhunderts messen können.
Wer einen der großen Unbekannten der deutschsprachigen Literatur kennen und schätzen lernen möchte, der lege sich „Die Notizen“ für eine blätternde und zufällige Lektüre auf den Nachttisch.
Ludwig Hohl: Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung. bs 1483. Berlin: Suhrkamp, 2014. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 832 Seiten. 24,95 €.
Arnold Zweig: Die Zeit ist reif
Mit sechs vollendeten Bänden und insgesamt knapp 2.900 Seiten stellt Arnold Zweigs Zyklus „Der große Krieg der weißen Männer“ die umfangreichste literarische Auseinandersetzung eines deutschsprachigen Schriftstellers mit dem Ersten Weltkrieg dar. Den Keim des Zyklus bildete der 1927 erschienene (auf 1928 vordatierte) Roman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, den Zweig schon während der Niederschrift zu einer Trilogie des Übergangs auszubauen plante. „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ war einer der erfolgreichsten deutschen Antikriegsromane und erreichte bis 1933, als der Autor ins Exil ging und seine Schriften in Deutschland verboten und verbrannt wurden, immerhin eine Auflage von 300.000 Exemplaren.
Während der Entstehung des ersten Bandes der geplanten Trilogie wurde Zweig klar, dass er den Stoff werde auf zwei Bände aufteilen müssen. So erschien 1931 „Junge Frau von 1914“ und – bereits aus dem Exil in Haifa heraus im Querido Verlag – 1935 „Erziehung vor Verdun“. Diese drei Bände sollten die bekanntesten und erfolgreichsten des Zyklus bleiben. Wie geplant, schloss Zweig 1937 die nun zur Tetralogie gewachsene Serie mit „Einsetzung eines Königs“ (ebenfalls im Querido Verlag) vorerst ab.
Erst nach der Rückkehr aus dem Exil nach Ostberlin erweiterte Zweig den Zyklus: Er sollte nach seiner Planung letztendlich acht Bände umfassen, doch konnte Zweig nur noch zwei weitere fertigstellen. Im Jahr 1954 erschien im Aufbau-Verlag der Roman „Die Feuerpause“, dessen Handlung chronologisch zwischen „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ und „Einsetzung eines Königs“ angesiedelt ist und der noch einmal auf Material zurückgreift, das bereits in „Erziehung vor Verdun“ verarbeitet worden war. Anschließend plante Zweig um die nun fünf Bände einen weiteren Ring zu legen: 1957 wurde „Die Zeit ist reif“ gedruckt, der die Vorgeschichte der beiden Hauptfiguren Werner Bertin und Lenore Wahl lieferte. Unveröffentlichtes Fragment blieb der Band „Das Eis bricht“, der die Handlung über die eigentliche Kriegszeit hinaus in die entstehende Weimarer Republik verlängern sollte; darüber hinaus plante Zweig noch einen Band „In eine bessere Zeit“, der wohl eine Anbindung des Zyklus an die Jetztzeit des Autors liefern sollte.
Nach der inneren Chronologie der Erzählung ergibt sich also folgendes Bild des Zyklus:
- „Die Zeit ist reif“ (1957)
- „Junge Frau von 1914“ (1931)
- „Erziehung vor Verdun“ (1935)
- „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927)
- „Die Feuerpause“ (1954)
- „Einsetzung eines Königs“ (1937)
- „Das Eis bricht“ (unveröffentl. Fragment)
- „In eine bessere Zeit“ (nicht verwirklichter Plan)
Ich werde die Romane des Zyklus hier in den kommenden Monaten entlang der Chronologie der Handlung vorstellen. Meiner Lektüre liegen Einzelausgaben des Aufbau-Verlages zwischen 1959 und 1980 zugrunde, die ich während meiner Studienzeit antiquarisch erworben habe. Derzeit sind beim Aufbau Verlag (jetzt nur echt ohne Bindestrich) nur vier der sechs Titel ( die Nummern 2, 3, 4 und 6 der oben stehenden Liste) im Taschenbuch lieferbar. Warum es der Verlag bislang versäumt hat, den Zyklus in diesem Jahr wieder vollständig aufzulegen und entsprechend zu bewerben, ist mir unbekannt. Aber das Jahr ist ja noch lang.
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„Die Zeit ist reif“ (1957) ist also der zuletzt entstandene, in der Chronologie der Ereignisse aber früheste Roman des Zyklus. Erzählt wird in der Hauptsache die Geschichte des deutsch-jüdischen Liebespaares Lenore Wahl und Werner Bertin vom August 1913 bis zum beginnenden Frühjahr 1915, die sich als Kommilitonen in München kennengelernt haben. Sie befinden sich im August 1913 auf einer Ferienreise in Tirol und Norditalien, verbringen einige glückliche Tage in Venedig und reisen dann wieder nach Deutschland zurück.
Lenore Wahl stammt aus großbürgerlichen Verhältnissen in Berlin: Ihr Vater Hugo ist Mitinhaber einer zusammen mit ihrem Großvater Markus geführten Bank. Lenore studiert Kunstgeschichte und verheimlicht ihre Liebesbeziehung mit Werner vor ihren Eltern, nicht aber vor ihrem deutlich liberaleren Großvater. Werner Bertin stammt aus einer schlesischen Handwerker-Familie und ist offiziell Jura-Student. Er steht seit längerer Zeit kurz vor dem Abschluss seines Studiums mit der Promotion. Tatsächlich arbeitet er aber schon mehrere Jahre an einer Karriere als Schriftsteller, hat auch bereits einen Roman – „Liebe auf den letzten Blick“ – veröffentlicht, der ihm von allen vernünftigen Leuten in der Erzählung Lob und Anerkennung einbringt. Zur Zeit der Italien-Reise mit Lenore arbeitet er an einem Drama um einen mittelalterlichen jüdischen Bischof [sic!], der in einen Konflikt mit einem deutschen Hauptmann gerät. Außerdem wird er von Lenores Großvater auf eine Preisaufgabe der Freimaurerloge in St. Peterburg aufmerksam gemacht, die „eine Abhandlung über Gott und die Gegenwart“ mit einem erheblichen Geldbetrag prämieren will. Zwar steht Werner diesem Thema vorerst fern, doch der Geldbetrag und die mit dem Gewinn verbundene Publizität, die die Hochzeitspläne des Paares befördern könnten, sind als Anreize stark genug.
Nachdem die beiden Hauptfiguren nach Deutschland zurückgekehrt sind, trennt sie der Autor vorerst: Werner übernimmt, um Geld zu verdienen, stellvertretend einen Posten als Redakteur einer Zeitschrift in Breslau, während Lenore von ihrem Großvater mit Geschäften nach Straßburg geschickt wird, wo sie einen jungen Bankier kennenlernt, mit dem sie Karneval 1914 in München eine kurze Affäre haben wird. Anschließend werden beide für ein Semester wieder in München vereint, wo sie in einem Vorort als Studenten praktisch in wilder Ehe leben. Die Julikrise und der Kriegsausbruch am 1. August 1914 treffen sie so überraschend wie die meisten anderen Deutschen. Werner ist aufgrund seiner schwachen körperlichen Konstitution und seiner starken Sehbehinderung nur eingeschränkt tauglich und muss vorerst nicht damit rechnen, zur Reichswehr eingezogen zu werden. Beide beschließen, ihre Studien in Berlin fortzusetzen, da Lenore angesichts des Krieges in die Nähe ihrer Familie zurück soll.
Nach einer weiteren kurzen Trennung treffen sich die Liebenden also in Berlin wieder. Von nun an werden die Hochzeitspläne zwischen den beiden die Hauptrolle spielen: Werner wird auch von Lenore ihren Eltern vorgestellt, aber hauptsächlich aufgrund seiner offen geäußerten Kritik am hohenzollerschen Kaiserhaus nehmen beide Eltern Wahl, die über den Status der Beziehung zwischen Lenore und Werner immer noch im Unklaren sind, gegen den jungen Mann eine sehr ablehnde Haltung ein. Die Preisschrift über „Gott und die Gegenwart“ stellt Werner zwar fertig, aber der Kriegsausbruch und der Autor verhindern gemeinsam, dass sie St. Petersburg erreichen kann. Werner plant daher, sie als Dissertation einzureichen, da seine ursprüngliche Dissertation auch weiterhin nicht fertiggestellt ist; doch auch dieser Plan zerschlägt sich aufgrund der mangelhaften formalen Ausbildung Werners.
Der Roman schließt mit den Gedanken Werners, ob es nicht seine Pflicht sei, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden. Als ironische Spitze inszeniert Zweig schließlich eine Begegnung zwischen dem jungen Paar und zwei preußischen Militärs, die in einer Nebenhandlung des Romans eine Rolle spielen und auch im weiteren Romanzyklus Schlüsselstellen einnehmen werden. Bei dieser zufälligen Begegnungen legen die beiden Militärs den jungen Leuten die Frage vor, ob man der italienischen Forderung nach dem Anschluss Südtirols an Italien nachgeben oder eine dritte, südliche Front riskieren solle. Mit dem begeisterten Bekenntnis der beiden Studenten dazu, dass Südtirol eine alte deutsche Kulturlandschaft darstelle und nicht aufgegeben werden dürfen, entlässt sie der Autor in die sich anbahnende Katastrophe.
Sowohl Lenore Wahl als auch Werner Bertin sind als Typen angelegt: Während Lenore als positives Exempel einer nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit strebenden jungen Frau gestaltet ist, die sich besonders durch körperliche und sexuelle Freizügigkeit (alles gemessen an den bürgerlichen Standards des Kaiserreiches) auszeichnet und mehr und mehr zu einem realistischen Bild ihres Freundes Werner gelangt, ist Werner Bertin der typische unpolitische, bürgerliche Intellektuelle, der zwar große weltpolitische Reden führt, von der Sache und den realen Zusammenhängen letztlich aber wenig versteht. Er wird zwar immer wieder als intellektuell und schriftstellerisch begabt geschildert, zugleich wird er aber von mehreren Figuren des Romans explizit als „Dummkopf“ eingeschätzt.
Die beide in den Protagonisten angelegten Dichotomien überzeugen nur bedingt: Bei Lenore bleiben ihr emanzipatorisches Streben und ihre romantische Bindung an Werner bis zum Ende unvermittelt nebeneinander stehen, wobei besonders ihre romantischen Gefühle in einer Sprache geschildert werden, die die Grenze zum Kitsch gefährlich streift:
Und so fortan, dachte sie, in einer Formel des alten Goethe ihrer beider ganzes junges Leben umfassend. Und hingewendet zum Schicksal, dessen Gegenwart sie auf kindliche Weise hinter die unendliche Bläue des Himmels setzte: Sollte einer von ihnen die Bürden des Bündnisses tragen, so sie, deren Rücken bisher von der Schwere des Irdischen verschont geblieben. Nimm mich an, bat sie, stumm vor Liebe; ein weitgeöffnetes Auge von jenseits der Luft blickte, schien ihr, Gewährung; es überrann sie heiß, sie straffte die Schultern, ballte die kleinen Fäuste, griff gleichsam zu. Sie wußte nicht, was alles sie damit auf sich nahm.
(Zu Zweigs Verteidigung muss betont werden, dass nur ein kleiner Teil des Romans in stilistischem Schulst wie diesem verfasst ist.) Auch Werner Bertins Gestaltung kommt über die Spannung zwischen einer von den harten Realitäten unbeleckten Intellektualität und den angeblich tatsächlichen Anforderungen der Zeit nicht hinaus. Hinzu kommt, dass sich der heutige Leser des Romans kaum des Eindrucks erwehren kann, dass sich das alles auch knapper und prägnanter hätte darstellen lassen. Zwar ist das Bestreben Zweigs verständlich, seinen Zyklus in die Vor- bzw. Nachkriegszeit hinein zu ergänzen, es bleibt aber kritisch zu fragen, ob die immerhin 600 Seiten dieses Spätwerks wirklich genug Zugewinn bringen, um seine Lektüre zu empfehlen.
Arnold Zweig: Die Zeit ist reif. Berlin: Aufbau-Verlag, 31959. Leinen, Fadenheftung, 600 Seiten. Derzeit nicht lieferbar.
Welttag des Buches
Es ist sehr gut, die von andern hundertmal gelesenen Bücher immer noch einmal zu lesen, denn obgleich das Objekt einerlei bleibt, so ist doch das Subjekt verschieden.
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