Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel

Das ist die Welt; [/] Sie steigt und fällt [/] Und rollt beständig; [/] Sie klingt wie Glas; [/] Wie bald bricht das? [/] Ist hohl inwendig. [/] Hier glänzt sie sehr, [/] Und hier noch mehr, [/] Ich bin lebendig! [/] Mein lieber Sohn, [/] Halt dich davon! [/] Du mußt sterben! [/] Sie ist von Thon, [/] Es giebt Scherben.

Goethe

Dem dreiteiligen Titel entsprechend enthält der Band drei Texte, von denen zwei wohl als Essay bezeichnet werden dürfen, während der mittlere eine Mischung aus autobiographischer Erzählung und nacherzählender Wiedergabe eines Vortrags der Autorin in Mexiko darstellt. Alle drei Texte sind stark assoziativ gearbeitet: „Marmor“ etwa geht von der Beobachtung eines Marmortransportes auf einer griechischen Fähre aus und beschäftigt sich dann lange mit dem Pygmalion-Mythos, spricht aber auch über den Marmor in der Berliner Staatsbibliothek (einem der Schreiborte der Autorin), einen dort lebenden Marder oder Iltis, Schweine als bildhauerische Objekte und das eine und andere mehr. Diese lockere Strukturierung wird als durchaus programmatisch begriffen:

… das Ideal einer ›Brühwürfelliteratur‹, eher Zustand als Werk, ein Text im Werden, Erinnerungssplitter und Notate, Zitate in Anführungszeichen, aber ohne Quellenangaben, aus dem Zusammenhang Gerissenes, eine diffuse Geschichte, die sich im Halbdunkel erzählt – ihr Motor, die vage Ahnung, dass im Nebel etwas Erhellendes zu finden ist, im getrübten Blick auf eine fremdgewordene Welt, in dem Unbehagen und Unbeschwertheit nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Wenn ich wüsste, was ich tue, dann täte ich es nicht.

S. 128

Ich habe das Buch, alles in allem genommen, gern und rasch gelesen; sicherlich war ich nicht mit allem einverstanden, aber mehr als ein Angebot zum Mit- und Weiterdenken will das Buch wohl nicht sein und kalkuliert so die Distanz in der Rezeption mit ein. Vielleicht liefert die Autorin später noch einen Text zum Feuer nach, der dem Band besonders mit Blick auf den Untertitel „Woraus die Welt gemacht ist“ zusätzlich eine gänzlich andere Dimension mitgegeben hätte.

Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Berlin: Suhrkamp, 2026. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 176 Seiten. 24,– €

Roberto Bolaño: 2666

978-3-446-23396-6 Ich habe aufgegeben. Ich habe tapfer bis etwa zur Mitte des Buches durchgehalten, bis in das vierte Kapitel hinein, das weitgehend mit der Aufzählung diverser Frauenmorde angefüllt ist. Dann habe ich noch kursorisch im letzten Kapitel herumgelesen und es dann aufgegeben. Ich habe nicht verstanden, warum ich das lesen soll; es hat mich aufrichtig nicht interessiert. Mag sein, ich habe da etwas nicht verstanden, mag auch sein, es gibt da nichts zu verstehen, sondern man soll all diesen Text hinnehmen, wie man auch das Leben hinnimmt. Nur dass das ein Irrtum wäre – ein Buch ist nicht das Leben, und es wäre auch überflüssig, wenn es das wäre. Und das Leben ist viel, viel witziger als dieses Buch.

Das Buch zerfällt auf natürlichem Wege in fünf Teile. Teil 1 langweilt uns mit der Erzählung von vier Literaturwissenschaftlern – einer Frau und drei Männern –, dem harten, internationalen Kern der Archimboldi-Forschung. Benno von Archimboldi ist ein fiktiver deutscher Autor, dessen Biografie wir in Teil 5 zu lesen bekommen. Teil 2 erzählt aus dem Leben des Philosophieprofessors Amalfitano, dem drei der vier oben genannten Archimboldi-Forscher in der nordmexikanischen Stadt Santa Teresa begegnet sind. Amalfitano hängt ein Geometriebuch an einer Wäscheleine auf. Teil 3 stellt uns einen US-amerikanischen Journalisten vor, der einen verstorbenen Kollegen vertreten muss und in Santa Teresa von einem Boxkampf berichten soll. Er lernt dort unter anderem Rosa Amalfitano kennen, die Tochter des Professors. Teil 4 ist hauptsächlich angefüllt mit der unverbundenen Aufzählung zahlreicher Morde an Frauen in Santa Teresa, von denen immer wieder vermutet wird, sie würden miteinander zusammenhängen, obwohl dies augenscheinlich nicht der Fall ist – so wie die Teile des Romans. Teil 5 erzählt auf gut 300 Seiten das Leben von Hans Reiter, der sich als Schriftsteller Benno von Archimboldi nennt.

Das ganze ist in einer etwas umständlichen Sprache geschrieben, die hier und da zu Ausreißern neigt:

… als würde ein Schwall stinkender Luft in eine Damen-Bindenwerbung fahren …

Oder:

Der Abendhimmel erinnerte an eine fleischfressende Pflanze.

Glücklich, wer sich dabei etwas Konkretes vorstellen kann.

Das Buch soll in der spanischsprechenden Welt und den USA ein riesiger Erfolg gewesen sein, was ich nicht bezweifle. Was ich bezweifle oder nicht recht verstehe, ist, wer das Buch lesen soll, wem es Spaß macht, dieser mäandernden Erzählung über mehr als 1.000 Seiten zu folgen, ohne dass ein Ziel erkennbar wäre, eine Ordnung des Erzählten oder auch nur der Hauch eines Sinns. Wie schon gesagt: Wahrscheinlich habe ich das Buch nicht verstanden oder irgendwo irgendeine entscheidende Wendung verpasst. Ich jedenfalls habe aufgegeben.

Roberto Bolaño: 2666. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. München: Carl Hanser, 2009. Bedruckter Pappband, Farbschnitt an drei Seiten (nur bei der ersten Auflage), Fadenheftung, Lesebändchen, 1096 Seiten. 29,90 €.