Arthur Conan Doyle: The Complete Sherlock Holmes

Wer was versteckt, der findets auch wieder.

James Joyce

Ich habe für die zweite vollständige Lektüre der Doyleschen Sherlock-Holmes-Romane und -Erzählungen wohl gute sechs Jahre gebraucht. Es war eines der ersten Bücher, die ich mir für den Kindle gekauft habe, und es war in dieser Zeit mein Vademecum, das immer herhalten musste, wenn unterwegs gerade kein anderes Buch zur Hand war oder ich keine Lust auf anstrengendere Lektüre hatte. Den ersten Durchgang habe ich zu Studienzeiten mit der damals aktuellen Neuausgabe des seligen Haffmans Verlages erledigt, den zweiten nun im englischen Original. Dabei soll betont werden, dass dieser Complete Sherlock Holmes so wie die meisten anderen sogenannten Gesamtausgaben natürlich nicht komplett ist, sondern nur jene Texte enthält, denen die Ehre zuteil wurde, von Doyle selbst in Buchform veröffentlicht zu werden. Für mich und mein Interesse genügte das immer.

Nun ist Sherlock Holmes im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich über den Status einer literarischen Figur hinausgewachsen und zu so etwas wie einer kulturellen Ikone geworden. Natürlich ist dieser Prozess nicht ohne Verwerfungen abgelaufen, aber die unzähligen Verwandlungen, Ironisierungen und Neuerfindungen der Figur im Laufe ihrer mehr als hundertjährigen Existenz sind so vielgestaltig, dass sich zwangsläufig die Frage aufdrängt, warum gerade mit ihr eine solche Erfolgsgeschichte geschrieben wurde. An der literarischen Qualität der Texte kann es kaum liegen, denn das immer in ihnen wieder variierte Grundmuster ist sehr eng, die Texte sind sehr offensichtlich von ihrer Auflösung her konstruiert und Holmes’ Scharfsinn daher immer eine Täuschung, auf die nur die naivsten Leser dankbar hereinfallen dürften.

Holmes verkörpert zuerst einmal einen reizvollen und komplexen gesellschaftlichen Außenseiter: Seine unhöfliche Direktheit, seine Arroganz, sein Drogenkonsum bilden die (tolerable) dunkle Seite seines vorgeblichen Genies. Zu seiner intellektuellen Überlegenheit, die sich nicht nur aus seinem ungewöhnlichen Vermögen zum deduktiven Denken, sondern auch aus seiner extrem verfeinerten Beobachtungsgabe besteht,  treten seine emotionale Selbstbeherrschung, seine sportliche Fitness, seine Verachtung gesellschaftlicher Konventionen und sein aus all dem resultierendes Einzelgängertum hinzu. Alle diese Aspekte machen die Figur zu einem menschlichen Superhelden, ebenso souverän und überlegen wie verletzlich und leidend – immer eine gute Mischung.

Entscheidend für die Faszination der Figur und ihren Erfolg scheint mir aber noch etwas anderes zu sein: Holmes verkörpert wie kein Zweiter die Illusion, dass sich eine für den alltäglichen Blick undurchschaubar chaotische Welt rational durchdringen und erklären lässt. Holmes weist immer aufs Neue nach, dass sich das irrational oder gar unmöglich erscheinende Material der Welt am Ende doch einer rationalen Ordnung fügt. Insofern ist Holmes der Herakles des aufklärerischen Mythos von der prinzipiellen rationalen Erklärbarkeit der Welt. Und vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass dieser Mythos von den Wissenschaften des 20. Jahrhunderts so erfolgreich durch sich selbst dekonstruiert worden ist, die Holmes zu einer Sehnsuchtsfigur nach den guten alten Zeiten des Rationalismus gemacht hat.

Arthur Conan Doyle: The Complete Sherlock Holmes. O.O.: Middleton Classics, 2010. Kindle-Edition, ca. 1560 Seiten. 1,02 €.

John le Carré: Tinker Tailor Soldier Spy

LeCarreSmiley.jpgDer erste von drei Romanen um George Smiley, die die Karla-Trilogie (“The Quest for Karla”) bilden. Neben dieser Trilogie existieren noch zwei weitere Romane vom Anfang der 60er Jahre mit Smiley als Protagonisten: Call for the Dead” und “A Murder of Quality” (in denen er allerdings noch etwa zehn Jahre älter ist). Angeregt durch die in jeder Hinsicht brillante Verfilmung durch Tomas Alfredson habe ich mir den knapp 1.600 Seiten umfassenden Sammelband der Trilogie – “Smiley Versus Karla” – zugelegt und nach ungefähr 35 Jahren le Carrés Klassiker “Tinker Tailor Soldier Spy” noch einmal gelesen; die beiden anderen Teile sollen in nächster Zeit folgen.

Le Carrés Spionage-Thriller bilden, ob gewollt oder unfreiwillig, eine exakte Gegenfolie zur Welt des MI6-Agenten Bond, James Bond. George Smiley ist nicht nur äußerlich ein typischer Buchhalter, er ist es auch seiner Methode nach: Langsam, gründlich, unwiderstehlich. Zu Anfang von “Tinker Tailor Soldier Spy” (1974) befindet er sich im Ruhestand; er ist zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Chef des Geheimdienstes MI6 Control, von dem nicht einmal sein vertrautester Mitarbeiter Smiley den bürgerlichen Namen kannte, aus dem Dienst entlassen worden. Anlass der Entmachtung Controls war die missglückte Operation Testify, bei der der Agent Jim Prideaux in der Nähe von Brno (Brünn) in der Tschechoslowakei angeschossen und gefangen genommen wurde. Control ist nur wenige Monate nach seiner Entmachtung gestorben, und George Smiley lebt ein geordnetes, diszipliniertes und vollständig langweiliges Pensionistenleben, nachdem ihn auch seine Frau Ann einmal mehr verlassen hat.

Doch er bekommt unerwartet einen Auftrag durch den für den Geheimdienst zuständigen Staatssekretär Oliver Lacon: Einer der Auslandsagenten des MI6, Ricky Tarr, ist nach sechs Monaten überraschend wieder in London aufgetaucht und hat Kontakt zu seinem Agentenführer Peter Guillam, einem ehemaligen Vertrauten Smileys, aufgenommen. Tarr erzählt die Geschichte der gescheiterten Anwerbung einer sowjetischen Agentin in Istanbul, die vorgegeben hatte, einen Doppelagenten in der Führungsriege des MI6 enttarnen zu können. Tarr hatte dies an die Zentrale in London, den sogenannten Circus (benannt nach seiner Adresse, dem Cambridge Circus) gemeldet, doch bevor er die Agentin in Sicherheit bringen kann, wird sie von den Sicherheitsbeamten der Delegation, der sie angehört, nach Moskau verfrachtet. Tarr ist klug genug, dies rasche Verschwinden als eine Bestätigung des Verdachts zu verstehen, dass sich ein Doppelagent in der Spitze des MI6 befindet, und taucht daher selbst unter. Erst die Befürchtung, dass ihm russische Agenten auf den Fersen sind, veranlasst ihn, nach London zurückzukehren.

Lacon beauftragt nun  Smiley als einen Außenstehenden damit, den möglichen Doppelagenten zu enttarnen; dabei arbeitet Smiley mit Peter Guillam, der die Vorgeschichte ohnehin kennt, und seinem alten Freund Kommissar Mendel zusammen. Ein Großteil seiner Agententätigkeit besteht, wie schon gesagt, aus Aktenstudium, dem Erstellen von Chronologien und dem diskreten Befragen von Zeugen. Stück für Stück erarbeitet er sich ein vollständiges Bild von den Vorgängen in den letzten Monaten unter Controls Führung, bis er schließlich in der Lage ist, dem Doppelagenten eine Falle zu stellen und ihn zu enttarnen.

Dabei geht es le Carré aber weniger um die Methode selbst als vielmehr um die Erinnerungen Smileys, seine Einschätzungen der anderen Mitspieler dieses Spiels, seine eigene berufsbedingte Paranoia und die der anderen, seine Gefühle für seine Frau Ann, die ein Verhältnis mit einem seiner Freunde hatte, Bill Haydon, der zugleich einer der Verdächtigen ist usw. usf. Was die Qualität der Agenten-Romane le Carrés immer ausgemacht hat, war die weitgehende Gleichgültigkeit des Plots – der dennoch immer präzise konstruiert ist – und die differenzierte Darstellung der reduzierten Innenwelt der Protagonisten. Hinzukommt le Carrés gewählte und immer genau auf den jeweils Sprechenden zugeschnittene Sprache. Von daher sind auch le Carrés Romane der 60er und 70er Jahre ein hübsches Beispiel für Dürrenmatts poetologische Formel für den Kriminalroman: Kunst da zu tun, wo sie niemand vermutet.

John le Carré: Tinker Tailor Soldier Spy. In : Smiley Versus Karla. S. 1–422. London: Hodder & Stoughton, 2011. Broschur, 1582 Seiten. Ca. 26,– €.

Vladimir Nabokov: Verzweiflung

O ja, ich war der reine Künstler aus der Romandichtung.

nabokov_werke_03Der letzte der von den Gesammelten Werken so­ge­nann­ten frühen Romanen Nabokovs, 1932 noch in Berlin auf Russisch verfasst, dann vom Autor selbst ins Englische übersetzt und 1965 für eine Neuausgabe noch einmal überarbeitet. Die Fabel bildet ein Kri­mi­nal­ro­man, der nach dem Vorbild eines tatsächlichen Falls von Versicherungsbetrug erfunden ist: Der rus­sisch­stäm­mi­ge Berliner Schokoladenfabrikant Hermann begegnet bei einer Geschäftsreise in Prag zufällig dem Landstreicher Felix, den er für seinen perfekten Doppelgänger hält. Diese – wie sich später erweist – wohl nur von ihm so empfundene Ähnlichkeit bringt ihn auf den Gedanken, er könne den Landstreicher umbringen, dessen Leiche für die seine ausgeben, seine Frau eine Versicherungsprämie kassieren lassen und sie später in Frankreich erneut unter der Identität seines Opfers heiraten.

Der Plan scheitert mustergültig: Nicht nur wird die aufgefundene Leiche nicht für einen Moment für die des Täters gehalten, Hermann ist auch sofort der Hauptverdächtige und hat sich zudem bei der Aus­füh­rung der Tat so dämlich angestellt, dass die Identität des Opfers und damit Hermanns Deck-Identität festgestellt werden und Hermann binnen kurzem in Frankreich festgenommen werden kann.

Diese im Grunde recht banale Handlung wird vom Ich-Erzähler Hermann nicht nur stark literarisch überhöht – der Text ist nicht nur penetrant mit Spiegel-, Traum- und Doppelungsmotiven durchsetzt, sondern weist auch zahlreiche, durchaus witzige poetologische Pas­sa­gen auf, in denen sich der Möchtegernautor Hermann etwa über seine Kollegen Dostojewskij und Turgenjew lustig macht und umfangreiche Überlegungen zum literarischen Schreiben anstellt.

Nabokov selbst macht in seinem Vorwort zur Neuausgabe von 1965 auf die Ver­wandt­schaft Hermanns mit Humbert Humbert aufmerksam: Auch er ist ein Täter, der über seine vergangene Tat schreibt, auch er tut dies aus der nachträglichen Perspektive desjenigen, dessen Tä­ter­schaft entdeckt worden ist, auch er erweist sich als ein unzuverlässiger Erzähler, der den Leser zuerst für sich einnimmt, so dass dem erst peu à peu klar wird, wem er sich eigentlich gegenübersieht. In „Lolita“ ist dies alles allerdings um mehrere Stufen subtiler gemacht; „Ver­zweif­lung“ wirkt für den späteren Leser daher wie ein satirischer Vor­ent­wurf, was es natürlich nicht sein kann, da Nabokov 1932 im besten Falle eine vollständig unbestimmte Ahnung von diesem späteren Meisterstück gehabt haben kann.

Insgesamt ein hübsch gemachter, gut lesbarer Roman, der schon viel vom späteren Meister erahnen lässt.

Vladimir Nabokov: Verzweiflung. Aus dem Englischen von Klaus Birkenhauer. In: Gesammelte Werke III. Frühe Romane 3. Hg. v. Dieter E. Zimmer. Reinbek: Rowohlt, 1997. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 273 (von 813) Seiten. 39,95 €.

Patricia Highsmith: Ripley Under Water

Tom fiel ins Bett und schlief wie ein Toter.

Highsmith-Ripley-5Erst 1991, elf Jahre nach „Der Junge, der Ripley folgte“, erschien der fünfte und letzte Band der Ripley-Reihe. Er fällt in mehr als einer Hinsicht aus dem Muster, das die Reihe bis dahin konstituiert hatte und lässt den Leser mit der Frage zurück, warum die Autorin daran interessiert war, auch diese Ripley-Geschichte noch zu erzählen.

Dass die Handlung nur fünf Jahre nach der von „Ripley Under Ground“, also im Jahr 1972 angesiedelt ist, dürfte das erste sein, worüber sich Leser der Reihe wundern könnten. Bis zu diesem Roman befand sich Ripley in einer ständigen Fortentwicklung, die nun aber mit „Der Junge, der Ripley folgte“ abgeschlossen zu sein scheint. Der wichtigste Grund hierfür ist wohl, dass die Leiche des in „Ripley Under Ground“ ermordeten amerikanischen Kunstenthusiasten Murchison, die dort in einem kleinen Fluss abgelegt worden war, in diesem Roman wieder eine bedeutende Rolle spielen soll. Da sie zu diesem Zweck in einem Zustand sein muss, der eine Identifizierung schwer, aber nicht gänzlich unmöglich erscheinen lassen soll, kann Highsmith die Handlung nur eine begrenzte Anzahl von Jahren nach dem Mord spielen lassen.

Zum zweiten fehlt in „Ripley Under Water“ die bis dahin übliche, für die US-Leser exotische europäische Kulisse. Als Ersatz dafür reist Ripley mit Frau (und Kind, hätte ich beinahe geschrieben, es ist aber nur eine Freundin seiner Frau) nach Marokko. Anscheinend war der Reiz Europas Ende der 80er Jahre bereits abgenutzt, so dass etwa Kopenhagen oder Stockholm durch das provinziellere Tanger ersetzt wurden.

Die dritte gravierende Abweichung vom Muster besteht darin, dass Ripley diesmal kein Mann an die Seite gestellt wird, mit dem er für eine Weile kooperiert, der dann aber letztlich sterben muss, sondern dass er hier zum ersten und einzigen Mal auf einen echten Feind trifft: David Pritchard, US-Amerikaner, taucht zusammen mit seiner Frau Janice unversehens in Villeperce auf und beginnt, Ripley mit Anrufen und Unterstellungen zu traktieren. Er vermutet, Ripley habe Murchison umgebracht und hegt denselben Verdacht auch im Falle Dickie Greenleafs. Pritchard ist offensichtlich von sadistischer Natur; es geht ihm weniger darum, Ripley zu überführen, als vielmehr, ihn unter Druck zu setzen und sich winden zu sehen. Den Gefallen tut ihm Ripley aber nur bedingt: Als Pritchard dem Ehepaar Ripley nach Tanger folgt, stellt ihn Ripley dort und schlägt ihn böse zusammen. Er zügelt allerdings seine aufwallende Wut und lässt ihn am Leben.

Nach Villeperce zurückgekehrt, beginnt Pritchard die Flüsschen und Kanäle der Gegend nach der Leiche Murchinsons abzusuchen. Wie er zu der Überzeugung gelangt ist, Ripley habe sie versenkt und nicht vergraben, erklärt uns Frau Highsmith leider nicht. Die schließlich gefundene Leiche dient am Ende dann auch der Auflösung der gesamten Affäre. Dass Ripley aus all dem unbeschadet hervorgehen wird, wissen aber alle Leser von „Der Junge, der Ripley folgte“ bereits.

Das Buch ist – verglichen mit den anderen Teile der Reihe – schwach: Die Handlung ist nur ein Nachklapp von „Ripley Under Ground“, Pritchard nur das Abziehbild eines Psychopathen, der Konflikt wird nicht wirklich durchgespielt, die Auflösung ist banal und die Polizei begriffsstutzig wie immer. Bleibt die Frage, warum Highsmith ihrem Helden die Begegnung mit einem Sadisten zumuten wollte. Vielleicht hatte sie das Gefühl, die Geschichte von „Ripley Under Ground“ nicht wirklich zu Ende gebracht zu haben (was übrigens für dieses Buch genauso gilt, denn die Autopsie der Leiche durch die französische Polizei steht am Ende immer noch aus). Vielleicht war es auch die Idee, Ripley einmal unter konstantem Druck durch einen Dritten zu zeigen, also nicht in einer Situation, die er durch sein Talent zur Improvisation und Lüge rasch entschärfen oder durch einen abrupten Akt der Gewalt lösen kann. Leider kommt dieser Lesart die Begegnung Ripleys und Pritchards in Tanger in die Quere, wo Ripley sogar das Messer schon in der Tasche hat, seinen Quälgeist aber dennoch nicht tötet. Genug Material zur Rechtfertigung der Tat vor sich selbst hatte er bis dahin schon angesammelt, dennoch verlängert Highsmith die Quälerei bis zu einem Ende, in der das Böse des Bösen sich schließlich selbst in die Falle geht. Zwar kommt Ripley hier und da in die Nähe einer Paranoia, aber bekanntlich bedeutet paranoid zu sein nicht, dass niemand hinter einem her ist. Nichts von alle dem überzeugt wirklich, und wahrscheinlich hätte niemand etwas vermisst, wenn Highsmith diesen Roman nicht geschrieben hätte.

Patricia Highsmith: Ripley Under Water. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23421. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 433 Seiten. 11,90 €.

Patricia Highsmith: Der Junge, der Ripley folgte

War das der Weg, die Jugend zu belehren? Banalitäten zu brüllen?

Highsmith-Ripley-4Im Jahr 1980 erschien der vierte Ripley-Roman. Seine Handlung ist zwei Jahre früher angesetzt, also etwa 25 Jahre nach dem ersten Ripley-Abenteuer (das 1955 erschien) und knapp zehn Jahre nach der Handlung von „Ripley’s Game“. Ripley dürfte also inzwischen auf die 50 zugehen, er lebt immer noch in Villeperce in der Nähe von Paris, ist immer noch mit Héloïse verheiratet, macht immer noch kleine, illegale Geschäfte mit Reeves Minot aus Hamburg und selbst die alte Derwatt-Connection existiert noch. Alles, was zu einer gutbürgerlichen Existenz zu fehlen scheint, sind Kinder. Also verpasst Highsmith ihrem Helden ohne Gewissen einen Sohn.

Es ist kein leiblicher Sohn, sondern ein junger Mann, der sich etwas verirrt hat in der Welt und eines Abends Ripley von einer Kneipe aus nachgeht und so ihre Bekanntschaft provoziert. Der Junge ist US-Amerikaner und arbeitet in einem Dorf in der Nähe als Gärtner. Ripley hegt sehr bald den Verdacht, dass es sich um Frank Pierson handeln könnte, vermisster Sohn eines kürzlich in den USA zu Tode gekommenen Lebensmittel-Magnaten. Diese Ahnung erweist sich als richtig – wie übrigens alle weiteren Ahnungen und Vermutungen Ripleys durch den ganzen Roman –, und zwischen den beiden entspinnt sich sehr rasch ein erstaunliches Vertrauensverhältnis. So gesteht Frank rasch und ohne gedrängt worden zu sein, dass er es war, der seinen Vater getötet hat, indem er dessen elektrischen Rollstuhl auf der Klippe hinter dem Anwesen der Familie in Maine in Gang gesetzt und seinen Vater zu Tode habe stürzen lassen. Anschließend sei er, obwohl nur von einer alten Haushälterin verdächtigt, der aber niemand glaubt, mit dem gestohlenen Pass seines älteren Bruders nach Europa weggelaufen und habe seitdem in England und Frankreich gelebt. Von Ripley wisse er durch seinen Vater, der ein (gefälschtes) Gemälde Derwatts besaß und die Verwicklungen aus „Ripley Under Ground“ in den Zeitungen verfolgt hatte.

Nach seinem Geständnis adoptiert Ripley den jungen Mann ad hoc: Er holt ihn in sein eigenes Haus, bewahrt so gut es geht das Inkognito Franks und will ihn nicht nur vor potentiellen Entführern beschützen, sondern besorgt ihm sogar einen gefälschten Pass und reist mit ihm nach Deutschland, als Franks Bruder zusammen mit einem Privatdetektiv in Paris auftaucht. Die Wahl des Reiseziels fällt auf Berlin, da man dort die wenigsten amerikanischen Touristen vermutet. Doch auch in Berlin wird Frank Pierson nahezu sofort erkannt und bei einem Ausflug in den Grunewald umgehend entführt, womit die Kriminalhandlung dieses nur hilfsweise als Krimi zu lesenden Romans beginnt. Nachdem Ripley bei einer gescheiterten Geldübergabe einen der Entführer erschlagen hat, gelingt ihm eine abenteuerliche Aktion, bei der er als Frau verkleidet die Entführer vom Ort einer vorgeblichen zweiten Geldübergabe aus verfolgt, in deren Wohnung eindringt, die Entführer in Panik versetzt und zur Flucht veranlasst und Frank unverletzt befreit. Nach einem Umweg über Hamburg bringt Ripley Frank nach Paris zu Bruder und Privatdetektiv, ja, er entschließt sich auch noch, Frank in die USA zu begleiten. Angesichts der vorherigen Männerfreundschaften Ripleys dürfte es keinen Leser verwundern, das auch Frank Pierson das Ende des Romans nicht erlebt.

Nachdem ich an „Ripley’s Game“ kritisiert hatte, dass die psychologische Charakterisierung des zweiten Protagonisten Jonathan Trevanny aufgrund der Fülle aufgeregter Handlungen zu kurz gekommen war, ist dieses Verhältnis hier vollständig umgekehrt. Zwar spielt Highsmith offenbar kurz mit dem Gedanken einer möglichen Verwicklung Ripleys in die Folgen des Deutschen Herbstes – die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers wird ausdrücklich erwähnt –, aber letztlich erweisen sich die Entführer Franks als eine Gruppe von Dilettanten ohne erkennbare politische Motive. Im Zentrum steht dagegen diesmal die Vater-Sohn-Beziehung Ripleys und Franks, wobei sich Highsmith selbst über diese merkwürdige emotionale Konstruktion lustig macht, wenn sie Ripley zusätzlich auch noch zu Franks Adoptiv-Mutter macht in dem Moment, als er sich anschickt, den Jungen aus den Händen der Entführer zu befreien. Auch diesmal erweist sich Ripley wieder als eine bemerkenswerte Mischung von empathischer und gefühlloser Natur: Einerseits geht er sorgsam und einfühlsam mit dem jungen Mann um, erweist sich zugleich als verantwortungsbewusst, indem er ihm zuredet, zu seiner Familie zurückzukehren, andererseits gelingt es ihm nahezu augenblicklich, jede Trauer um Franks Tod zu verdrängen und sich bruchlos wieder in sein altes Leben zu finden.

In erzähltechnischer Hinsicht ist es nett zu beobachten, wie Highsmith sich an dem Problem abarbeitet, den abschließenden Tod Franks ausreichend zu motivieren: Sie glaubt selbst nicht so recht, dass die Gewissensbisse des Jungen über die Tötung seines Vaters dafür ausreichen, sondern sie baut zusätzlich noch eine unglückliche Liebesgeschichte zu einer nie leibhaftig auftretenden Teresa (sozusagen Highsmith’ Rosaline) ein, um den für die Ripley-Romane charakteristischen Abgang des zweiten Protagonisten zu garantieren.

Ripley muss letztendlich allein bleiben, koste es, was es wolle, selbst wenn er in Frank wenigstens für eine Weile jemanden findet, in dem er sein früheres Selbst (Unsicherheit, Weltfremdheit, Verlangen nach Anerkennung und Liebe) widergespiegelt sehen kann. Ripley will in Frank wohl wesentlich noch einmal sich selbst retten, und nur weil der Junge eine ausreichende Projektionsfläche für diesen Narzissmus bietet, bemüht er sich so hartnäckig um ihn. Und so gerät dieser Roman zu dem psychologisch wohl spannendsten der Reihe.

Patricia Highsmith: Der Jungen, der Ripley folgte. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23418. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 476 Seiten. 11,90 €.

Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund

Im Vergleich zur Mafia hielt Tom sich für fast tugendhaft.

Highsmith-Ripley-3Auch wenn der dritte Ripley-Roman erst 1974 erschien, ist seine Handlung nur sechs Monate nach der von „Ripley Under Ground“ angesiedelt. Sie knüpft unmittelbar an einen der erzählerischen Nebenstränge des Vorgängers an: Für Reeves Minot, einen Hamburger Hehler, hatte Ripley dort kleinere Aufträge erledigt, die zumeist darin bestanden, aus dem Gepäck von Bekannten kleinere Gegenstände zu entwenden, die Reeves dort platziert hatte, und in Paris abzuliefern. Nun versucht Reeves aber, sich in der Hamburger Glücksspiel-Szene zu etablieren. Dazu will er den Einfluss der Mafia zurückdrängen und zu diesem Zweck einen Krieg zwischen zwei Mafia-Familien anzetteln, der nicht nur diese Familien ablenkt und beschäftigt, sondern auch die Hamburger Polizei veranlassen soll, sich des Mafia-Problems anzunehmen.

Reeves sucht daher nach jemandem, der nicht mit der kriminellen Szene verbunden ist und dennoch bereit wäre, gegen Bezahlung einen oder zwei Morde auszuführen. Er fragt auch Tom Ripley, ob er jemanden kenne, der dafür in Frage komme. In einem Augenblick zynischen Humors schlägt Ripley einen kleinen Handwerker aus Fontainebleau vor, der ihn bei Gelegenheit einer Party einmal unfreundlich behandelt hatte: Jonathan Trevanny ist Exil-Engländer und Bilderrahmer, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, und er ist an Leukämie erkrankt. Verständlicherweise macht er sich Sorgen darum, wovon Frau und Kind nach seinem Tod leben werden. Er ist also anfällig für das Angebot Reeves’, ihm für zwei Morde eine erhebliche Menge Geld auf ein Schweizer Konto zu überweisen.

Auf den ersten Mord lässt sich Jonathan noch relativ leicht ein: Er lässt sich von Reeves für eine medizinische Konsultation nach Hamburg einladen und erschießt während des dortigen Aufenthalts einen kleineren Mafioso auf einem U-Bahnhof. Das ganze läuft so glatt ab, wie es geplant war und Reeves zahlt auch einen Teil des versprochenen Geldes. Der zweite Mord ist deutlich kniffliger: Er soll auf einer Zugfahrt zwischen München und Paris geschehen, und Jonathan soll ihn statt mit einer Schusswaffe mit einer Würgeschlinge, einer Garotte ausführen. Außerdem handelt es sich bei dem zweiten Opfer um einen bedeutenderen Mann der Mafia, der von zwei Leibwächtern begleitet wird. Für alle Fälle hat Jonathan auch eine Schusswaffe dabei und ist kurz davor, sie zu benutzen, als wie aus dem Nichts Tom Ripley auftaucht und die Tötung des Mafioso an Jonathans Stelle übernimmt. Sie werfen dann auch noch gemeinsam einen der Leibwächter aus dem Zug.

Die Mafia ist nicht ganz so dumm, wie Reeves erwartet, und wirft eine Bombe in seine Hamburger Wohnung. Auch den erst nach Amsterdam und dann nach Ascona Geflohenen stöbert sie bald auf, und so führt sie die Spur sehr bald zu Ripley und schließlich auch zu Jonathan. Auch diesmal werde ich die konkrete Auflösung des Romans natürlich nicht verraten, aber es geht auch in diesem Fall nicht ohne weitere Tote ab.

„Ripley’s Game“ folgt insoweit dem Muster von „Ripley Under Ground“ als auch hier ein weiterer Protagonist an Ripleys Seite tritt. Leider geht das Konzept in diesem Fall nur bedingt auf. Sicherlich ist Jonathan Trevanny eine spannende Figur: ein Normalbürger, durch seine Vorgeschichte entwurzelt und aufgrund seiner tödlichen Erkrankung verführbar, der sich aus Sorge für Frau und Kind auf ein Verbrechen einlässt, dessen Folgen er nicht absehen kann. Als diese Folgen dann eintreten, erweist er sich einerseits als vergleichsweise hilflos, besonders was seine Frau angeht, andererseits aber als gedankenlos mutig, beinahe skrupellos, was den Kampf mit der Mafia betrifft. Doch bleiben diese Eigenschaften letztlich unvermittelt nebeneinander stehen, da Highsmith vor lauter Betriebsamkeit der Handlung nicht recht dazu kommt, den Charakter Jonathans zu entwickeln. Bis zuletzt ist er zwar in seiner Motivation, nicht aber als Persönlichkeit verständlich.

Dagegen wird Ripleys Charakter um ein paar charmante Details ergänzt: Zwar stürzt er Jonathan wegen einer Kleinigkeit in eine Situation, der er offenbar nicht gewachsen sein kann, aber er hat zugleich Gewissen genug, ihn auf dem Höhepunkt der sich daraus ergebenden Schwierigkeiten zu retten, nicht ohne ein beträchtliches Vergnügen aus der Gefahr zu ziehen, in die ihn der Mord an einem Mafioso bringt. Am hübschesten aber fand ich eine kleine Nuance, die sich zeigt, als Ripley daran geht, zwei weitere von ihm ohne Zögern ermordete Mafiosi in ihrem Wagen zu verbrennen:

Tom goß Benzin über die Zeitungen und die beiden Leichen darunter, spritzte auch ein bißchen auf das Dach und auf die Polster der Vordersitze, die leider aus Plastik waren, nicht aus Stoff. Er blickte hinauf in die Bäume, deren Äste genau über ihm ein fast geschlossenes Dach bildeten; das frische Laub war noch nicht sommerlich grün. Ein paar Blätter würden versengt werden, aber es war ja für eine gute Sache.

Bleibt vielleicht für Leser mit der Gnade der späten Geburt noch der deutsche Untertitel zu erklären: „Der amerikanische Freund“ ist der Titel der Verfilmung des Romans durch Wim Wenders, die 1977 in die Kinos kam und so den Untertitel für die Erstauflage der Taschenbuchausgabe lieferte, die im selben Jahr erschien. Die Wendung vom „amerikanischen Freund“ findet sich übrigens gleich mehrfach in „Ripley Under Ground“, den Wenders in seiner Verfilmung zum Teil mit verarbeitet hatte. Jedenfalls hat Diogenes den etwas merkwürdigen Nachklapp zum englischen Originaltitel auch für die Neuübersetzung von 2003 übernommen.

Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23416. Zürich: Diogenes, 2004. Broschur, 404 Seiten. 10,90 €.

Patricia Highsmith: Ripley Under Ground

Tom wußte es. Er war ein mystischer Ursprung, ein Quell des Bösen.

Highsmith-Ripley-2Erst im Jahr 1970, also 15 Jahre nach dem Auftakterfolg „Der talentierte Mr. Ripley“ liefert Patricia Highsmith den zweiten Roman um den Betrüger, Hochstapler und Mörder Thomas Ripley. Die Handlung spielt wahrscheinlich im Jahr 1968 in der Hauptsache in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich und London. Tom Ripley führt inzwischen ein zurückgezogenes und unauffälliges Leben als amerikanischer Neureicher in Europa: Er ist verheiratet mit Héloïse, Tochter aus reichen Hause, und vertreibt sich seine Zeit zumeist mit Lesen, Gartenarbeit und Malen. Seine Einkünfte stammen nicht nur aus dem Erbe Dickie Greenleafs, das er sich am Ende des Vorläuferromans zu erschwindeln gewusst hatte, sondern auch aus einem kleinen Kunstfälscherring, den zu gründen er die Idee hatte und dessen stiller Teilhaber er ist.

Die Hauptakteure der Kunstfälscher sitzen in London und sind drei Freunde des verstorbenen Malers Philip Derwatt, der sich vor etwa acht Jahren in Griechenland umgebracht hat. Die Freunde – unter ihnen der Maler Bernard Tufts –, die zuerst erfolgreich Bilder aus dem Nachlass Derwatts auf den Markt brachten, fangen zuerst an, den Nachlass durch Fälschungen Tufts zu erweitern und lassen schließlich, auf Anregung Tom Ripleys, Derwatt, dessen Leiche nie gefunden wurde, wieder auferstehen, um die Geschäfte fortführen zu können: Derwatt lebe angeblich zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Mexiko, von wo aus er seine Gemälde regelmäßig nach London expediere, um sie über die Galerie seiner Freunde Ed und Jeff verkaufen zu lassen. Darüber hinaus partizipieren die Freunde und Ripley auch an einer Firma, die Künstlerbedarf unter dem Namen Derwatts vertreibt und einer Derwatt-Kunstschule in Perugia.

Die Handlung des Romans setzt ein, als der amerikanischer Sammler Thomas Murchison den Verdacht entwickelt, bei einem von ihm erworbenen Derwatt-Gemälde handele es sich um eine Fälschung: Murchison ist aufgefallen, dass für das von ihm erworbenen Bild eine Farbe verwendet wurde, die Derwatt zuvor bereits aufgegeben und durch eine Mischung anderer Farben ersetzt hatte. Tom Ripley hat den Einfall, sich als Derwatt zu verkleiden und überraschend in London zu erscheinen, um Murchison die Echtheit seines Bildes persönlich zu garantieren. Murchison fällt zwar auf die Verkleidung herein, lässt aber nicht von seiner Theorie ab, sondern ist eher geneigt zu glauben, Derwatt selbst könne in das Geschäft mit den Fälschung verwickelt sein, um seine lukrative Produktion auf diese Weise zu erweitern. Ripley wechselt  daraufhin die Strategie, sucht nun unverkleidet die Bekanntschaft Murchisons und überredet ihn, ihn nach Frankreich zu begleiten, um dort zwei weitere Bilder Derwatts zu begutachten.

Im Hause Ripleys erweist sich Murchison als immun gegen die Überredungskünste Ripleys, so dass diesem am Ende nichts besseres mehr einfällt als Murchison in seinem Keller zu erschlagen und die Leiche in der Nähe seines Hauses zu vergraben. Das Gepäck Murchisons fährt er zum Flughafen Orly und lässt es dort einfach auf dem Bürgersteig stehen, in der Hoffnung, dass es bald gestohlen werde.

Dies alles macht etwa das erste Drittel des Romans aus; die restlichen zwei Drittel erzählen zum einen von Toms Anstrengungen, den Nachforschungen der französischen und englischen Polizei zu entkommen, zum anderen von seinen Bemühungen, den nervösen und depressiven Fälscher Bernard Tufts unter Kontrolle zu halten, der durch das Auftauchen Murchisons in Panik versetzt worden ist. Tufts ist die psychologisch bei weitem interessanteste Figur des Romans: Sein Erfolg als Fälscher des von ihm bewunderten Derwatt stört nachhaltig sein Selbstbild. Im Grunde ist er der Überzeugung, Derwatt malerisch nicht das Wasser reichen zu können, sieht aber zugleich, dass erst seine Fälschungen Derwatts Erfolg begründet haben. Sein eigenes Werk hat sich im Gegensatz zu dem Derwatts in den Jahren der Fälschertätigkeit nicht weiter entwickelt; außerdem ist er tief in seinem Inneren davon überzeugt, dass er das künstlerische Vermächtnis Derwatts durch die Fälschungen trivialisiert hat.

Die Kombination aus Angst vor der Entdeckung, Gewissensbissen und Identitätsverlust treibt Tufts an den Rand des Wahnsinns. Nachdem er von Tom Ripley zu einem Komplizen des Mordes an Murchison gemacht wurde, versucht er, Tom umzubringen, begräbt den vermeintlich Toten in dem ehemals für Murchison bestimmten Grab – aus dieser Episode ergibt sich der Titel des Romans – und flieht. Da Tom befürchten muss, dass Tufts sich der Polizei offenbaren wird, um die für ihn unerträgliche Situation zu beenden, macht er sich auf die Suche nach ihm; er stellt ihn nach Umwegen schließlich in Salzburg. Auch hier sei natürlich der Verlauf des Finales und Toms abschließende Lösung all seiner Schwierigkeiten nicht verraten.

„Ripley Under Ground“ ist eine beeindruckende Fortsetzung des Stoffs: Während „Der talentierte Mr. Ripley“ ein ironisches Spiel mit dem Coming-of-Age-Muster (das einen Aspekt des klassischen Entwicklungsromans variiert) darstellte, liefert der Nachfolger nicht nur ein psychologisch weit spannenderes Figurenensemble – und bereitet in einer Nebenhandlung die Fortsetzung der Romanreihe vor–, er hebt auch die Figur Ripleys auf eine andere Ebene. Der zuvor etwas unsichere, suchende junge Mann hat sich in einen selbstsicheren und mit sich und seiner Stellung in der Welt im Reinen befindlichen Erwachsenen verwandelt, der nur eben leider seine Einkünfte aus nicht ganz legalen Geschäften bezieht. Es ist nur dieses unglückliche Detail, das ihn immer wieder dazu nötigt, das zu tun, was andere als das Böse ansehen, er selbst aber nur als unvermeidliche Folge ungünstiger Umstände begreift. Er ist kein Verbrecher aus Leidenschaft (und auch kein Serienmörder, als der er ab und an bezeichnet wird), sondern ein Mensch, dem all das Mühe und Unannehmlichkeiten bereitet, die er lieber vermieden hätte. Das einzige, was ihm wirklich fehlt, ist ein Gewissen, aber gerade das ist es, was ihn in seinem Geschäft so erfolgreich macht. Wahrscheinlich ist es die bis auf diesen einzigen Aspekt weitgehende Normalität Ripleys, die uns diese Figur mehr als gerade noch erträglich macht.

Patricia Highsmith: Ripley Under Ground. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. detebe 23414. Zürich: Diogenes, 2003. Broschur, 443 Seiten. 11,90 €.

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

Irgend etwas fand sich immer. Das war Toms Credo.

Highsmith-Ripley-1Wie die regelmäßigen Leser meiner Nachtwachen sicherlich schon bemerkt haben, werden hier ausgesprochen selten Kriminalromane besprochen: Friedrich Dürrenmatt etwa ist eine Ausnahme, auch Arthur Conan Doyle wird seit langer Zeit in der Randspalte mitgeschleppt, aber sonst sind Mörderromane eher spärlich vertreten. Natürlich bleibt man in einem langen Leseleben nicht gänzlich unbeleckt: Chestertons Pfarrer Brown kenne ich ebenso vollständig wie Glausers Wachtmeister Studer, aber eine systematische oder auch nur ein wenig umfassendere Kenntnis des Genres fehlt mir. Das liegt wohl in der Hauptsache daran, dass es mir wie Marcel Reich-Ranicki ergeht – den ich sonst nicht gerne als Eideshelfer anführe:

Ich mag nämlich Kriminalromane nicht, es gibt einen Fehler bei mir, es liegt nur an mir, ich will gar nicht wissen, wer ermordet hat. Wer der Mörder ist, es ist kein Problem für mich.

Doch bin ich kürzlich zufällig erneut über Matt Damons Talentierten Mr. Ripley gestolpert, der mich neugierig darauf gemacht hat, die Serie der Ripley-Romane noch einmal zu lesen. Ich konnte dann auch noch erfreut feststellen, dass Diogenes die fünf Bücher inzwischen von guten Übersetzern hat neu übersetzen lassen, so dass es heute losgeht mit einer kleinen Ripley-Lesereihe:

„Der talentierte Mr. Ripley“ eröffnete 1955 die Serie. Die Handlung setzt ein in einem nicht genauer bestimmten Jahr der 1950er in New York: Der junge Tom Ripley, der sich zuvor mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, hat gerade eine Karriere als Gesetzesbrecher begonnen: Bei seinem letzten Job für die Steuerbehörde hat er sich eine Liste von Namen verschafft und versucht nun mit mäßigem Erfolg, fiktive Steuernachzahlungen einzutreiben. Doch bekommt er eine Chance, sich zu verbessern: Der Reeder Herbert Greenleaf will ihn nach Europa schicken, damit er seinen in Italien befindlichen Sohn Richard (Dickie), mit dem Tom eher flüchtig bekannt ist, überredet, nach Amerika zurückzukehren. Dickie, der sich aus einem eigenen, kleinen Vermögen finanziert, lebt als Maler ein sorgenfreies Leben in einem kleinen süditalienischen Küstenort namens Mongibello. Er ist dort mit der US-amerikanischen Schriftstellerin Marge Sherwood befreundet, die sich von dieser Beziehung wohl vergeblich eine Ehe erhofft. Als Tom bei ihm eintrifft wird schnell klar, dass Dickie keinerlei Neigung hat, sein bequemes Leben in Italien aufzugeben.

Tom gelingt es vergleichsweise rasch, sich mit Dickie zu befreunden und ihn von Marge mehr und mehr zu isolieren. Je mehr Zeit die beiden Männer miteinander verbringen, desto mehr identifiziert sich Tom mit Dickie und versucht ihn zu imitieren. Schließlich überredet er ihn zu einer Reise zu zweit nach Norditalien, wo er auf Dickies immer größer werdende Distanziertheit mit einem Mordplan reagiert, den er in Sanremo während einer Bootsfahrt dann umsetzt: Er erschlägt Dickie mit einem Ruder, versenkt seine Leiche mit dem Anker des Bootes und anschließend in Ufernähe auch das Boot. Nachdem er Dickie beseitigt hat, schlüpft er in dessen Rolle und lebt eine Zeitlang ungestört als Dickie Greenleaf in Rom.

Zur Krise des Romans kommt es, als mit Fredie Miles ein Freund Dickies auftaucht, der Toms Hochstapelei zu enttarnen droht. Tom weiß sich in seiner Überrumpelung nicht anders zu helfen, als Fredie umgehend zu erschlagen. Natürlich wird die Leiche schnell entdeckt, und Tom gerät in seiner Rolle als Dickie einerseits mehr und mehr in den Verdacht, in den Mord wenigstens verwickelt zu sein und droht andererseits durch eine Begegnung mit der um Dickie besorgten Marge aufzufliegen. Er setzt sich daher zuerst nach Palermo ab, gibt dann aber Dickies Identität auf und reist als Tom Ripley nach Venedig. Als dann auch noch Dickies Vater und ein von diesem engagierter Privatdetektiv in Venedig auftauchen, ist Tom einem Nervenzusammenbruch nahe. Es sollen die letzten Wendungen der Geschichte hier nicht ausgeplaudert werden, aber man kann sich aufgrund der nachfolgenden Bände schon denken, dass es nicht ganz und gar vernichtend für Tom Ripley endet.

Tom Ripley ist ein paradimatisch negativer Protogonist: Er ist narzistisch – und bestreitet übrigens wahrscheinlich zu Recht, homosexuell zu sein, da er nur sich selbst wirklich zu lieben in der Lage ist –, unsympathisch, rücksichtslos und ihm fehlt jegliche Moral. Er kennt kein Mitleid, weder für seine Opfer noch für sonst jemanden außer sich selbst. Ihm fehlt es an Persönlichkeit und Kultiviertheit, weshalb ihn Dickies ungekünstelte Selbstsicherheit fasziniert und er dessen Persönlichkeit zu imitieren versucht. Er ist überheblich bis zur Dummheit und hat mehr als einmal schlicht Glück, mit seinen Plänen und Intrigen durchzukommen. Trotz dieser ungewöhnlich umfangreichen Ansammlung negativer Eigenschaften, gelingt es einem als Leser nicht, sich von der Faszination für diese Figur vollständig freizumachen. Das liegt zum einen natürlich an der von Highsmith sehr wirkungsvoll eingesetzten personalen Erzählperspektive, die alle Ereignisse aus Ripleys Perspektive schildert und an seine Einschätzungen bindet. Zum anderen ist es natürlich die immer wach gehaltene Frage, ob es ihm tatsächlich gelingen wird, seine Verbrechen und Hochstapelei durchzusetzen. Und man muss Highsmith zugute halten, dass sie ihr Geschäft als Kriminalautorin versteht; nur an einer einzigen Stelle ist wenigstens mir ein Detail unklar geblieben, nämlich wo Ripley das Gepäck Dickies lässt, als er aus Sanremo flüchtet. Aber es mag sein, dass ich da etwas überlesen habe.

[Nachtrag 21.07.2014: Wie man dem Kommentar von Sven entnehmen kann, habe ich in der Tat etwas überlesen.]

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Lizenzausgabe: SZ-Bibliothek, Bd. 16. München: Süddeutsche Zeitung, 2004. Pappband, 333 Seiten. Lieferbar als Diogenes Taschenbuch, detebe 23404. Zürich: Diogenes, 72003. Broschur, 426 Seiten. 11,90 €.

Gustave Flaubert: Bücherwahn

Ja, er war trunken von dem, was er empfunden hatte; er war erschöpft von seinen Tagen; er war besoffen vom Leben.

Flaubert_BücherwahnJedes Jahr bringt der Hanser Verlag zur Weihnachtszeit ein kleines Büchlein heraus, das als Präsent der Buchhändler an ihre liebsten Kunden gedacht ist oder an solche, die es werden sollen. In diesem Jahr ist es eine Neuübersetzung von Gustave Flauberts erster Veröffentlichung geworden: »Bücherwahn« wurde 1836 vom erst Fünfzehnjährigen geschrieben und erschien bereits im Jahr darauf im Kulturblättchen »Le Colibri«. Natürlich will Hanser damit nicht nur Lesern eine Freude, sondern auch auf seine Neuübersetzung der »Madame Bovary« aufmerksam machen, die hier bei Gelegenheit auch besprochen werden soll.

Erzählt wird in »Bücherwahn« die tief romantisch gefärbte Geschichte des ehemaligen Mönchs Giacomo, der als Buchhändler und Büchernarr ein ärmliches Leben in Barcelona fristet, weil er nur Buchhändler geworden ist, um eine große Bibliothek sein Eigen nennen zu können. Als ihm jedoch ein konkurrierender Kollege bei einer Auktion ein Unikat (das scheinbar einzige erhaltene Exemplar der ersten in Spanien gedruckten Bibel) vor der Nase wegschnappt, verliert Giacomo anscheinend die Kontrolle über seine Leidenschaft: Er zündet dem Kollegen den Laden an, stürzt sich selbst ins Feuer und rettet das obskure Objekt seiner Begierde. Als die Polizei in Giacomos Besitz das vermeintliche Unikat findet, wird er nicht nur der Brandstiftung angeklagt, sondern auch einer Serie ungeklärter Morde, die das Land in Aufruhr versetzen. Den höchst merkwürdigen Ausgang des Prozesses will ich um der lieben Spannung willen hier nicht verraten.

Die Erzählung weist viele Schwächen auf, wie man sie vom Text eines fünfzehnjährigen Autors erwarten darf: Angefangene Erzählstränge laufen einfach ins Nichts, zwei Bücher werden miteinander verwechselt, wobei unklar bleibt, ob die Verwirrung beim Autor oder bei der Figur liegt, die Mordserie taucht gänzlich unvorbereitet und schlecht motiviert in der Handlung auf und was der Kleinigkeiten mehr sind. Allerdings spürt man schon den späteren Meister: Die romantische Atmosphäre ist gut getroffen, die Ausführung ist dicht und ohne Geschwätzigkeit, und der Leser wird am Ende mit einem hübschen psychologischen Rätsel allein gelassen.

Wer Flaubert und/oder die Übersetzerin Elisabeth Edl schätzt, sollte sich das hübsche Bändchen noch rasch von seinem Buchhändler erbitten.

Gustave Flaubert: Bücherwahn. Deutsch von Elisabeth Edl. Mit Vignetten von Wolf Erlbruch. München: Hanser, 2012. Broschur, 32 Seiten.

Émile Zola: Das Tier im Menschen

Was lag schon an den Unbekannten aus der Menge, die unterwegs herausgestürzt, unter den Rädern zermalmt worden waren! Man hatte die Toten weggetragen, das Blut abgewaschen, und man fuhr wieder los, der Zukunft entgegen.

zola_rougonMit »Das Tier im Menschen«, dem 17. Band der Rougon-Macquart, nähert sich der Zyklus deutlich seinem Ende und damit auch dem Ende des Zweiten Kaiserreichs. Seine Handlung spielt in den Jahren 1869 und 1870 und er umfasst gleich drei Themenkreise: Zum ersten handelt es sich um einen Eisenbahner-Roman, womit auch dieser Aspekt der Entwicklung der modernen Gesellschaft im Zyklus erfasst ist, zum zweiten ist er ein Kriminal- und Justizroman und zum dritten liefert er das Porträt eines psychopathischen Mörders. Bei letzterem handelt es sich um Jacques Lantier, den dritten Sohn der Wäscherin Gervaise Macquart (»Der Totschläger«), dessen Brüder Etienne (»Germinal«) und Claude (»Das Werk«) dem Leser des Zyklus bereits bekannt sind. Jacques arbeitet als Lokomotivführer erster Klasse auf der Strecke Paris–Le Havre; er ist ein Einzelgänger, der nur mit der Familie seiner Zieh-Mutter Phasie, einer Cousine seines Vaters, die direkt an der von ihm befahrenen Strecke ein kleines Haus bewohnt, noch Umgang hat. Da Jacques in sich die mit sexueller Erregung verbundene Lust fühlt, eine Frau zu töten, versucht er sich von Frauen fernzuhalten. Gleich, als der Leser ihn kennenlernt, entgeht seine Milchschwester Flore, die in Jacques verliebt ist, nur knapp ihrer Ermordung, da er sich im letzten Augenblick von ihr abwendet und davonläuft.

Doch den eigentlichen Auftakt des Romans bildet ein anderer Mord: Roubaud, der stellvertretende Bahnhofsvorsteher von Le Havre, entdeckt bei einem dienstlichen Besuch in Paris, zu dem er seine Ehefrau Séverine mitgenommen hat, zufällig dass diese als junges Mädchen von ihrem gemeinsamen Gönner und Protektor, dem Gerichtspräsidenten Grandmorin, missbraucht worden ist. In einem Anfall von Wut und Eifersucht entschließt sich Roubaud, den Präsidenten auf der gemeinsamen Rückfahrt von Paris zu ermorden. Nicht nur glückt das Verbrechen, ihm gelingt es auch, den Anschein zu erwecken, er habe sich während der Fahrt in einem anderen Abteil aufgehalten. Zufällig aber wird Jacques Lantier, der gerade seine Verwandten besucht, Zeuge des Mordes, ohne allerdings den Mörder in dem vorbeifahrenden Zug erkennen zu können.

Die Tat Roubauds hat weitreichende Folgen: Der mit dem Fall betraute Untersuchungsrichter Denizet hat zwei Hauptverdächtige, zum einen Roubaud, zum anderen den Arbeiter Cabuche, dem als Motiv eine persönliche Rache unterstellt werden kann. Allerdings wird dem Richter von politischer Seite nahegelegt, den Fall auf Eis zu legen, da man in Regierungskreisen befürchtet, die sich um den Ermordeten rankenden Gerüchte eines unsittlichen Lebenswandels könnten während eines Prozesses von der politischen Opposition ausgeschlachtet werden. Roubaud wiederum, der argwöhnt, von Jacques trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen erkannt worden zu sein, treibt ihm seine Frau Séverine in die Arme und verfällt selbst der Spielleidenschaft.

Dies sind die Voraussetzungen für ein labiles Gleichgewicht, das sich etabliert: Jacques und Séverine haben eine jeden Freitag in Paris ausgelebte Affäre, durch die sich Jacques von seiner Mordlust befreit wähnt, und Roubaud ist mit sich selbst und dem Kartenspiel beschäftigt. Den Anstoß zur schließlichen Katastrophe gibt Flores Eifersucht, die der Affäre Jacques und Séverines ein Ende setzen will, indem sie beide dadurch zu töten gedenkt, dass sie den von Jacques geführten Zug, in dem sie auch Séverine weiß, zum Entgleisen bringt; die Beschreibung dieses Zugunglücks, das die beiden Liebenden allerdings überleben, ist einer der Höhepunkte des Romans.

Flore begeht aus Wut und Selbstvorwürfen über ihre Tat Selbstmord; Séverine kümmert sich um den nur leicht verletzten Jacques und überredet ihn dazu, ihren Mann zu ermorden, damit sie das von Grandmorin vermachte Erbe an sich bringen und zusammen nach Amerika auswandern können. Doch kurz vor der Tat überfällt Jacques die alte Mordgier, und er ersticht Séverine und flieht. Der von dem Liebespaar herbeigelockte Roubaud findet den Arbeiter Cabuche, der ebenfalls in Séverine verliebt ist und als erster am Ort des Verbrechens eintrifft, mit blutigen Händen über der Leiche seiner Frau. Dies alles gipfelt im Triumpf des Untersuchungsrichters Denizet, der nun in einem Indizienprozess die gemeinsame Täterschaft Roubauds und Cabuches sowohl beim Mord an Grandmorin als auch bei der Ermordung Séverines nachweist und beide zu lebenslanger Haft verurteilen lässt. Jacques geht frei aus, nur um von seinem Heizer Pecqueux wiederum aus Eifersucht von der Lokomotive unter die Räder seines eigenen Zugs geworfen zu werden, wobei auch Pecqueux ums Leben kommt. Der Roman endet mit dem Bild des führerlos nach Norden den Schlachtfeldern des Krieges von 1870/71 entgegenrasenden Zugs:

Was lag schon an den Opfern, die die Lokomotive unterwegs zermalmte! Fuhr sie nicht trotz allem der Zukunft entgegen, unbekümmert um das vergossene Blut? Ohne Führer inmitten der Finsternis, wie ein blindes und taubes Tier, das man in den Tod rennen ließ, rollte und rollte sie dahin, beladen mit jenem Kanonenfutter, jenen Soldaten, die schon stumpfsinnig vor Müdigkeit und betrunken waren und die sangen.

Dieses furiose, sich konsequent steigernde Finale und die für das Ende des 19. Jahrhunderts schonungslose und direkte Darstellung der Morde haben ihre Wirkung nicht verfehlt und das Buch zu einem weiteren erfolgreichen literarischen Skandal des Zyklus werden lassen. Als später Leser des Romans kann man sich aber der Frage nur schwer entziehen, ob Zola im letzten Drittel des Buches nicht deutlich zu dick aufträgt. Während etwa die abschließende Katastrophe in »Germinal« einen nur konsequenten Abschluss liefert, gerät die fortgesetzte Aufhäufung von Tod, Gewalt und Grausamkeiten in »Das Tier im Menschen« in den Verdacht, allein um der schaurigen Wirkung betrieben zu werden. Sicherlich ist die den Roman beschließende Metapher vom führerlos in die Zukunft rasende Zug großartig, und ebenso sicher verlangte der Publikumsgeschmack nach der höheren Gerechtigkeit von Jacques Lantiers Tod, aber mit ein wenig Abstand betrachtet, schrammt das ganze, gerade auch, weil es gekonnt gemacht ist, nur gerade so am Kitsch vorbei.

Abgesehen von diesen reißerischen Tendenzen findet Zola mit »Das Tier im Menschen« zu seinen eigentlichen Themen, dem Verfall des Zweiten Kaiserreichs und der Familie Rougon-Macquart, zurück. Ihm war bewusst, dass es nur noch wenige hundert Seiten bis zum Abschluss des Zyklus sein würden.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk.