Zum 150. Todestag Friedrich Rückerts

Amara, bittre, was du thust, ist bitter,
Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
Die Lippen aufthust oder zu, ist’s bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest,
Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Friedrich Rückert

Lila Azam Zanganeh: Der Zauberer

Zanganeh-ZaubererEine merkwürdige Mischung aus biographischer Studie, literarischem Essay und Fan-Prosa über Vladimir Nabokov und einige von seinen Büchern. Merkwürdig ist das Buch vor allem deshalb, weil es von einer Art naiver Begeisterung getragen ist, die normalerweise nicht lang genug überlebt, um in einem Buch dokumentiert zu werden. Für jemanden, der von Nabokov nur das Übliche oder gar kein Buch gelesen hat, mag das ganz nett sein, doch diejenigen, die sich nur ein wenig besser auskennen, werden schwerlich mit dem Buch zufrieden sein.

In der Hauptsache geht es um drei Bücher Nabokovs: die beiden Romane „Lolita“ und „Ada“ sowie seine Autobiographie „Erinnerung, sprich“; das ein oder andere wird zwar en passant zusätzlich zitiert, doch bleibt es bei marginalen Zitaten. Weder Nabokovs frühe Versuche im Kriminal- oder Unterhaltungsgenre werden erwähnt, noch seine Bücher, die sich in der Hauptsache um staatliche Gewalt, Gefangenschaft und Tod drehen. Denn Zanganeh geht es bei Nabokov wesentlich um eine Sache: um – ach! – die Liebe! Und die wahre Liebe gibt es natürlich immer nur in der Erinnerung, sei es Nabokovs sentimentaler Blick zurück auf seine russische Jugend oder Humbert Humberts erste und einzige pubertäre Verliebtheit an der Riviera.

Man muss fair sein und zugeben, dass Zanganeh sich wie Nabokov selbst darüber im Klaren ist, dass das Sentimentale nur eine Seite der Medaille darstellt und stets verquickt ist mit zerstörerischen Umständen: politischem Umsturz, Pädophilie oder Inzest. Doch diese Seite stört bei Zanganehs Neigung zur Sentimentalität, weshalb der unbelehrte Leser einen eher schiefen Eindruck von der Welt der Nabokovschen Fiktionen erhält. So ist Humbert Humbert zwar immer noch der egozentrische, verantwortungslose Asoziale des Romans, doch ist in Zanganehs Blick seine narzisstische Fixierung auf Dolly Haze trotz allem Liebe. Nabokov würde es wahrscheinlich mit einem schiefen Lächeln quittieren.

Neben der Auseinandersetzung mit einigen von Nabokovs Texten, wird er als Lepidopterologe gewürdigt (seine Fähigkeiten als Schachkomponist bleiben unerwähnt), sein Sohn Dmitri tritt auf und wir erfahren dies und das über die Autorin, die sich als Leserin Nabokovs immer wieder mit ins Spiel bringt. Zumindest dieser letzte Aspekt des Buches ist originell und trägt der Einsicht Rechnung, dass Lektüre im Idealfall immer die Verflechtung zweier – im Fall dieses Buches sogar dreier – Individualitäten darstellt.

Insgesamt für all jene (und das werden wohl die meisten sein), die Nabokov nicht oder nur aus dem einzigen Buch „Lolita“ kennen, wahrscheinlich eine anregende und informierende Lektüre, für einen Achtel-Kenner wie mich zu selektiv und enthusiastisch.

Lila Azam Zanganeh: Der Zauberer. Nabokov und das Glück. Aus dem Englischen von Susann Urban. Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg, 2015. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 240 Seiten. 19,95 € (Preis für Mitglieder) / 22,95 €.

Rene Pfeilschifter: Die Spätantike

Mit aller Macht beförderte Justinian das Heil seiner Untertanen, und sei es mit Gewalt.

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Der chronologisch sechste und letzte Band von Becks „Geschichte der Antike“ – der Band zur klassischen Epoche Griechenlands fehlt derzeit noch – behandelt die Zeit von der Herrschaft Diokletians (284–305) bis zum Aufstieg des Islams zur führenden Macht im Nahen Osten, Nordafrika und auf der iberischen Halbinsel. Erst damit ist für ihn auch im oströmischen Reich die Antike endgültig abgeschlossen. Für Westrom bietet sich als Ende der Antike bereits die Mitte des 6. Jahrhunderts an, nachdem Italien durch die Befreiung von den Ostgoten durch Ostrom wirtschaftlich und kulturell weitgehend entkräftet worden ist.

Der Beginn der Spätantike ist im Wesentlichen durch zwei Veränderungen markiert: Dioklektians Reform des Kaisertums – kurzfristig gibt es zwei Augusti und zwei ihnen nachgeordnete Caesaren im römischen Reich –, die den Anfang von Ende der Einheit des römischen Reiches bildet, zum anderen der Aufstieg des Christentums zur römischen Staatsreligion unter Konstantin (306–337), womit zugleich die Verwerfungen des sich entwickelnden Christentums zur Staatsangelegenheit und damit nicht nur innenpolitisch wirksam werden,  sondern bei denen auch der Kaiser eine bedeutende Rolle als Schlichter oder Mitstreiter spielt.

Für die weitere Entwicklung erweisen sich zudem die zunehmend militärisch aufholenden Nachbarvölker als entscheidend, die das Reich kontinuierlich unter Druck setzen. Zwar gelingt es immer wieder, die entsprechenden Gruppen durch Ansiedlung und Zahlungen zu befrieden, ja sie sogar in die eigenen Legionen einzubinden, doch erweisen sich solche Konstruktionen immer wieder als instabil. Wenn es den Vandalen, Goten oder Franken zu langweilig wird, ziehen sie erneut auf Raub aus und machen Gallien, Spanien oder den Balkan unsicher. Im Osten droht immer aufs Neue das Sasanidenreich, mit dem Frieden nur sporadisch zu halten ist.

Der eigentliche Zusammenbruch beginnt dann, als 476 der germanische Offizier Odoaker von den Germanen der Legion zum König gewählt wird und den letzten weströmischen Kaiser Romulus schlicht absetzt (nicht einmal mit dessen Ermordung hat er sich aufgehalten.) Als der oströmische Kaiser Zenon dann 488 versucht, die ihm lästigen (Ost-)Goten zu instrumentalisieren, um Odoakers Germanen aus Italien zu vertreiben, ersetzt er nur den Teufel durch Beelzebub, denn Theoderich hat wenig besseres zu tun, als sich das befreite Italien als gotisches Königreich zu eigen zu machen. Und als unter Kaiser Justinian (527–565) versucht wird, das Reich noch einmal zu einen, wird Italien derart gründlich in Grund und Boden befreit, dass es von da an für das Reich keine Rolle mehr spielen und eine leichte Beute der Langobarden werden sollte.

Und auch Ostrom kann sich nur unvollkommen halten: Im 7. (und 8.) Jahrhundert geht der Balkan zum Großteil an die von Norden einfallenden Slawen verloren, während man im Osten und in Nordafrika Besitzungen an die aggressiv expandierenden, islamischen Araber verliert. Das verbleibende byzantinische Reich ist nurmehr ein Schatten Ostroms und verliert auch kulturell zunehmend den Kontakt zum ehemaligen römischen Reich. Mit dem Tod Kaiser Herakleios 641 endet bei Pfeilschifter die Epoche der Antike wohl zum spätestmöglichen Zeitpunkt.

Pfeilschifters Darstellung ist – ebenso wie Eichs im Vorgängerband – gut strukturiert und stellt neben der Chronologie der Ereignisse in systematischen Kapiteln die politische und soziale Struktur insbesondere des oströmischen Reichs sowie die komplexe Genese des Christentums auch für den historischen Laien gut nachvollziehbar dar.

Mit diesem sechsten Band ist die Beck’sche Becks „Geschichte der Antike“ abgeschlossen. Mit der Beschränkung auf die griechische und römische Geschichte folgt man einem eher traditionellen Begriff der Antike; man würde sich zur Ergänzung zumindest einen ähnlich gut gemachten Band auch zum alten Ägypten wünschen, eventuell auch mit Ausblicken auf den aktuellen Forschungsstand zu den Phöniziern. In den selbst gesteckten Grenzen kann diese Geschichte der Antike durchweg nur empfohlen werden; ich warte mit Spannung auf den für dieses Jahr angekündigten Band zur klassischen Epoche Griechenlands.

Rene Pfeilschifter: Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher. C. H. Beck Paperback 6156. München: Beck, 2014. Klappenbroschur, 304 Seiten. 16,95 €.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit

Auch Becks „Geschichte der Antike“ folgt der klassischen Dreiteilung der Geschichte des römischen Imperiums in die Epoche der Republik, die Kaiserzeit und die Spätantike. Während sich die Grenze zwischen Republik und Kaiserreich mehr oder weniger von selbst versteht, kann von einem Ende der römischen Kaiserzeit nur in einem metaphorischen Sinn die Rede sein, da in der Zeit der Spätantike mehr Kaiser das römische Reich beherrscht haben als je zuvor.

Armin Eichs „Die römische Kaiserzeit“ schließt daher nahezu nahtlos an den Vorgängerband an und endet mit der Regierungszeit Kaiser Carus (282–283), also vor der Reform der Institution des Kaisertums unter Diocletian (284–305), umfasst also eine Spanne von etwa 310 Jahren. Eichs Darstellung besticht in allen Stufen der Entwicklung des Reiches in dieser Zeit durch Klarheit und Strukturiertheit, wobei die Kapitel der chronologischen Abfolge der Ereignisse durch solche der systematischen Analyse der politischen und soziologischen Verhältnisse ergänzt werden. Auch inhaltlich erscheint Eichs Geschichte der Kaiserzeit tadellos, wenn auch wahrscheinlich Kleopatra etwas gegen die Behauptung einzuwenden gehabt hätte, Gaius Iulius Caesar habe keine „direkten männlichen Nachkommen“ gehabt.

Erstaunlich und letztlich nur ansatzweise zu erklären bleibt aber immer die Stabilität des römischen Imperiums trotz massiver innen- und außerpolitischer Verwerfungen. Besonders im dritten Jahrhundert bewährt sich das Reich als Reich auch gegen massive Angriffe durch Germannengruppen im Westen und das Sasanidenreich im Osten und der schnellen Abfolge von Kaisern, die oft nach nur kurzer Regierungszeit ermordet und ersetzt werden. Auch wenn man aus heutiger Sicht die Krise bzw. Krisen des 3. Jahrhunderts als Anfang vom Ende der römischen Herrschaft über den Mittelmerraum und Westeuropa deuten kann, so ist dies für die Zeitgenossen alles andere als klar. Im Gegenteil beginnt der oben schon erwähnte Kaiser Carus, nachdem sich die Lage im Westen wieder einigermaßen beruhigt hat, umgehend einen neuen Krieg im Osten, offenbar in der Überzeugung, dass sich auch dort die Verhältnisse der Blütezeit römischer Herrschaft wieder würden etablieren lassen. Wie sehr er damit das Kräfteverhältnis zwischen Rom und seinen Nachbarn untzerschätzt haben sollte, werden aber erst die kommenden Jahrhunderte erweisen.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit. Die Legionen und das Imperium. C. H. Beck Paperback 6155. München: Beck, 2014. Klappenbroschur, 304 Seiten. 16,95 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (84)

Zu einer Stunde hat der Verdruß eigenmächtig die Oberhand in mir, zu der andern die Fröhlichkeit. Nehme ich Bücher zur Hand, da ich zu gewissen Zeiten in mancher Stelle ausnehmende Schönheiten gefunden haben würde, die meine Seele gerühret hätten: so finde ich an derselben, wenn ich ein andermal wieder darüber komme, ich mag sie drehen und wenden wie ich will, ich mag sie, von welcher Seite ich will, betrachten, nichts als eine mir unbekannte und ungestalte Masse. Ja, ich kann so gar nicht einmal allezeit wieder auf meine eigenen Gedanken kommen.

Michel de Montaigne

Wolfgang Blösel: Die römische Republik

Es bleibt immer interessant genug, wie sich da im wilden Westen, in Rom wieder einmal so ein Wolfsstaat (wie damals Sparta) brutal groß frißt.

Arno Schmidt

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Der Titel des chronologisch vierten Bandes von Becks „Geschichte der Antike“ bezeichnet ebenfalls den Inhalt bloß pars pro toto, da der Band mit der Frühzeit Roms und der mythischen Königszeit beginnt. Er überschneidet sich natürlich zum Teil mit dem Band zum Hellenismus, was aber aufgrund der auf Rom zentrierten Perspektive nicht weiter stört. Dargestellt wird die Geschichte des römischen Stadtstaates und des aus ihm erwachsenden Reichs von 9. Jahrhundert v.u.Z. bis zur Begründung des monarchischen Prinzipats durch Octavian Anfang 27 v.u.Z.

Dabei setzt Blösel den eigentlichen Untergang der Republik auf das Jahr 43 an, als das 2. sogenannte Triumvirat 300 Senatoren und 2.000 Ritter umbringen lässt, um die eigenen Machtbasis zu stabilisieren. Die verbleibende Oberschicht Roms stellt politisch keine Gefahr für die Triumvirn mehr dar, die wohl alle drei das Bündnis eingegangen sind, um auf diesem Weg letztlich zur Alleinherrschaft nach caesarischem Vorbild gelangen zu können.

Die erste Hälfte des Buches gerät etwas zäh, was sich nicht nur aus der vergleichsweise dünnen Quellenlage ergibt, sondern auch daraus, dass der Autor nicht unbedingt zu den begnadetsten Schriftstellern gehört – „Seine Kontrastierung findet ihre Bestätigung in den Befürchtungen“ lässt sich auf Deutsch auch ein wenig eleganter ausdrücken. Spannender wird es erst mit der Zeit der Gracchen, in der dann auch substanziell über politische Motivationen der Protagonisten spekulieren werden kann. Die Darstellung der Karriere Cäsars, des 1. Triumvirats und seiner Folgen ist untadelig, soweit ich das beurteilen kann, auch wenn Blösels Urteil über Cäsar vielleicht ein wenig negativer ausfällt, als es sein müsste.

Für alle, die sich für die Entstehung des römischen Reichs interessieren, eine knappe und durchweg empfehlenswerte Lektüre, die an den historischen Laien aber – wie auch die Bände zuvor – einige Ansprüche stellt. So werden zum Beispiel die Genese, die Aufgaben- und Machtbereiche der römischen Magistrate (Quästoren, Ädilen, Prätoren und Konsulen) eher beiläufig abgehandelt, so dass sich ein unvorbereiteter Leser über diese Strukturen des römischen Staates wird anderswo systematisch kundig machen wollen.

Was mich bei diesem erneuten Durchgang durch die römische Geschichte vor der Zeitwende mehr als je zuvor erstaunt hat, ist, dass sich das politische System Roms trotz aller Willkür und allen Gewalttaten seiner Mitspieler solange als einigermaßen stabil und – im Sinne der Akteure – funktional erhalten hat. Natürlich erklärt sich das aus einem zufälligen Zusammenspiel von individuellen Eigenschaften der Akteure und unvorhersehbaren Umständen, aber die Idee, dass eine Staatsform ihre Stabilität aus dem Gegeneinander intrinsischer Motivationen Einzelner und der gesellschaftlichen Gruppierungen beziehen kann, solange sich die Gegenspieler wenigstens im Großen und Ganzen an einen bestimmten Satz politischer Regeln halten, ist faszinierend. Das bedeutet nicht, dass das System nicht doch am Ende in ein anderes umschlagen wird, aber was die römische Republik alles aushalten konnte, ohne zu kollabieren, ist und bleibt erstaunlich.

Wolfgang Blösel: Die römische Republik. Forum und Expansion. C. H. Beck Paperback 6154. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 304 Seiten. 16,95 €.

Jahresrückblick 2015

Auch für das vergangene Jahr die Höhen und Tiefen der Lektüre in einem kurzen Überblick diesmal mit einer sich zufällig ergebenden Aufteilung zwischen Belletristik und Sachbuch.

Die drei besten Lektüren des Jahres 2015:

  1. Philip Roth: Der menschliche Makel – ein sehr fein gearbeiteter Roman über grobe Vorurteile und die Macht des moralischen Klatsches.
  2. William Faulkner: Absalom, Absalom! – einer der ganz großen US-amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts über Folgen des Rassismus und anderer Lügen.
  3. Henry James: Die Gesandten – subtile Neuübersetzung eines der bedeutenden Spätwerke Henry James’, in dem beinahe nichts passiert und sich dennoch alles ständig in Bewegung befindet.

Die drei schlechtesten Lektüren des Jahres 2015:

  1. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit – ein gutes Beispiel dafür, wie man mit einem halbverstandenen und gar nicht durchdachten Konzept die Welt nicht begreifen kann.
  2. Hazel Hutchison: Henry James – eines der schlampigsten Bücher, das ich je in der Hand gehabt habe: Inhalt, Übersetzung und Lektorat sind indiskutabel.
  3. Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution – ein weiteres Exemplum für ein schludriges Sachbuch eines eigentlich versierten Historikers, das auf ein breites Publikum abzielt, das es ohnehin nicht besser weiß.

Ödön von Horváth: Der ewige Spießer

Überhaupt entwickle sich die Technik kolossal, erst neulich habe ein Amerikaner den künstlichen Menschen erfunden, das sei wirklich großartig, daß der menschliche Geist solche Höhen erklimme, und sie werde es ja auch noch erleben, daß, wenn das so weitergehe, alle echten Menschen zugrund gehen würden.

Horvath-Prosa

Horváths kleiner Roman „Der ewige Spießer“ ist wahrscheinlich aufgrund des griffigen Titels sein bekanntester erzählender Text. Horváth war seinen Zeitgenossen in erster Linie als Bühnenautor bekannt; „Der ewige Spießer“ ist seine erste längere Erzählung. Sie enthält drei locker miteinander verknüpfte, anekdotisch angelegte Teile:

Der erste und umfangreichste enthält die Geschichte einer Barcelona-Reise des Münchner Gebrauchtwagenhändlers Alfons Kobler (und der Leser mag alle negativen Geschäftspraktiken, die sich im populären Vorurteil mit diesem Berufsstand verbinden, auf Kobler projizieren), der seinen Gewinn aus dem betrügerischen Verkauf eines Sportwagens in seine Zukunft zu investieren versucht, indem er sich auf der Weltausstellung in Barcelona (1929) eine reiche Erbin oder Witwe angeln will. Die Reise per Eisenbahn über Österreich, Norditalien, Südfrankreich nach Spanien bringt zahlreiche Bekanntschaften, unter anderem auch die zu dem Schriftsteller und Journalisten Rudolf Schmitz, mit dem er zusammen in Marseilles frisst, säuft und ein Bordell besucht. Noch auf der Fahrt lernt Kobler die Frau seiner Träume, die Tochter eines Industriellen aus dem Ruhrgebiet, kennen, die sich, in Barcelona angekommen, auch planmäßig von ihm verführen lässt, nur um ihm am nächsten Morgen ihren überraschend angereisten Verlobten vorzustellen, einen reichen Amerikaner, auf dessen Geld das Geschäft ihres Vater angewiesen ist. Nach dieser enttäuschenden Fehlinvestition reist Kobler ohne Zögern zurück nach München.

Im zweiten und dritten Teil steht eine der ehemaligen Geliebten Koblers im Mittelpunkt: Anna Pollinger wird aufgrund eines Firmenbankrotts arbeitslos und gerät aus Zufall und ein wenig gegen ihren Willen in die Prostitution. Sie macht dann die Bekanntschaft des ebenfalls arbeitslosen Josef Reithofer, der ihren Status als Prostituierte nicht erkennt und von dem sie sich – quasi unter falschen Voraussetzungen – ins Kino einladen lässt. Als Reithofer endlich begreift, dass für eine nähere Bekanntschaft die Aufnahme einer geschäftlichen Beziehung die Voraussetzung bildet, ist er zu Recht erbost, dass sich Anna eine Einladung ins Kino erschwindelt hat. Dennoch vermittelt Reithofer Anna noch in derselben Nacht eine Stelle als Näherin, von der er durch eine zufällige Bekanntschaft in einer Kneipe erfahren hat; dies ist die einzige selbstlose Handlung im ganzen Roman.

Den ewigen Spießer des Titels findet man mit wenigen Ausnahmen in allen Figuren des Buchs (ein einzelner Fahrgast im Zug, Anna und Reithofer sind vielleicht ausgenommen), er zeigt sich in allen Facetten vom nationalistischen Grantler bis zum rückgratlosen Opportunisten, vom betrügerischen Geschäftsmann bis zum aalglatten Sohn eines Kriegsgewinnlers. Menschlichkeit und Mitleid existieren, aber sie sind Ausnahmen in einer Welt, in der jede und jeder ob freiwillig oder erzwungen an seinen Vorteil denkt beziehungsweise denken muss.

Sprachlich erscheint der Text auf den ersten Blick leger und nahe der Umgangssprache, aber hier und da blitzen sehr präzise Spitzen auf, die deutlich machen, wie exakt Horváth gearbeitet hat:

»›Ihr junge Generation habt keine Seele‹, hat er gesagt. Quatsch! Was ist das schon, Seele?« Er knöpfte sich die Hosen zu.

Bei aller Schwäche in der Form ein kleines inhaltliches und sprachliches Meisterstück.

Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. In: Prosa und Stücke. Suhrkamp Quarto. S. 124–230. Frankfurt: Suhrkamp, 2008. Broschur, 1514 Seiten. 25,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (83)

Für Kunst hatte er kaum was übrig. Zwar ließ er sich sein Lexikon prunkvoll einbinden, denn das sei schöner als die schönste Tapete oder Waffen an der Wand. Auch las er gern Titel und Kapitelüberschriften, aber am liebsten vertiefte er sich in Zitate auf Abreißkalendern.

Ödön von Horváth
Der ewige Spießer

Peter Scholz: Der Hellenismus

Niemand hat das Recht zu tun, was er will, doch alles ist zum Besten geordnet.

Ptolemäischer Rechtsgrundsatz

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Der chronologisch dritte Band von Becks „Geschichte der Antike“ – der Band zur Griechischen Klassik soll im kommenden Jahr erscheinen – ist nach dem originellen Band zum archaischen Griechenland eine kleine Enttäuschung. Es ist dem Autor zugutezuhalten, dass es eine undankbare Aufgabe ist, die Geschichte des Hellenismus nachzuzeichnen, da ein Großteil des historischen Stoffs von den Haupt- und Staatsaktionen der Diadochenreiche gebildet wird. In seinem Resümee schreibt Peter Scholz:

Die von Alexander gleichsam begründete, mit seinem Tod einsetzende Epoche des Hellenismus bietet, was die Lektüre der vorangehenden Seiten vermitteln wollte, eine schwer überschaubare Fülle von Herrschern und ihren Familien, von großen Protagonisten und kleinen Akteuren, eine ermüdende Vielzahl kleiner Konflikte und großer Kriege, von Morden an Herrschern und Mitgliedern der jeweiligen Herrscherfamilien, von schwierigen Herrscherwechseln und damit im Zusammenhang stehenden höfischen Intrigen. Aus den zahllosen Einzelereignissen, die kaum Anspruch erheben können, im allgemeinen historischen Gedächtnis zu verbleiben, lassen sich jedoch im Überblick einige besonders charakteristische Merkmale und Errungenschaften des hellenistischen Zeitalters herausarbeiten, die es verdienen, als Merkmale der hellenistischen Geschichte erinnert zu werden. (S. 302 f.)

Leider liegt das Hauptgewicht des Textes nicht auf den „charakteristischen Merkmalen“, die nur zwischendurch auf wenigen Seiten zusammengefasst werden, sondern auf der Auflistung und Nacherzählung eben der „ermüdenden Vielzahl“ jener Daten, die sich in ähnlicher Zusammenstellung auch in jeder anderen Darstellung der Epoche finden lässt.

Scholz beginnt seine Darstellung mit einer ausführlichen Schilderung der Karriere Alexanders III. als Gewaltmensch, wobei das Bild dieses historischen Protagonisten letztlich widersprüchlich bleibt. Während Scholz einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit Alexanders Egozentrismus betont, kann er es andererseits nicht umgehen, seine innovativen, wenn auch vielleicht ungelenken Versuche zur Vereinigung der griechisch-makedonischen und persischen Kultur zu schildern, die dem Bild des ausschließlich an der Selbststilisierung zum Heros Egomanen widersprechen. Auch Scholz’ These, Alexander habe auf nichtmilitärische Probleme ausschließlich ad hoc und ohne genügendes Gesamtkonzept reagiert, überzeugt nur, wenn man moderne Maßstäbe der Soziologie bzw. politischen Theorie anlegt. Alexanders Gesamtentwurf für sein Reich mag uns unzureichend erscheinen, aber zum einen war etwas ähnliches nie zuvor unternommen worden und zum anderen hatte kein Zeitgenosse jemals auch nur ansatzweise über politische Probleme dieser Größenordnung nachgedacht. Betrachtet man etwa versuchsweise Platons Analyse der Staatsformen als Anhalt für den theoretischen Horizont der Zeit, so kann von Alexander fairerweise kein substantielles Konzept für eine Durchstrukturierung seines Reichs erwartet werden. Reflektiert man gar die Reaktionen von Alexanders Mitstreitern auf seine Annäherung an persische Sitten und Rituale, so kommt man kaum umhin, ihn bei aller Egozentrik immerhin für einen originellen Kopf halten zu müssen, was immer man von seiner allgemeinen Tendenz zu Massenschlächtereien auch sonst halten mag.

Nach Alexanders Tod folgt Scholz all den oben angedeuteten Wirren und Verwicklungen der Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes bis zum Aufstieg der Römer als neue Ordnungsmacht. Warum es den Römern gelingt, eine zwar weiterhin fragile, im Vergleich zur Epoche des Hellenismus aber immerhin kontinuierliche Herrschaft im östlichen Mittelmeerraum zu errichten, wird von Scholz nicht mehr im Detail thematisiert. Bei ihm bleibt es bei einer Kritik des wesentlich auf die Person des Königs bezogene Staatsform der hellenistischen Reiche, in der jeder Herrscherwechsel, ja, sogar jeder militärische Erfolg letztlich zu einer immer erneuten Destabilisierung des gesamten internationalen Systems führen. Der Eindruck, der dem Leser bleibt, ist, dass es keinem der Nachfolger Alexanders gelungen ist, auch nur in Ansätzen die Idee zu einer Staatsform zu finden, die nicht wesentlich von dem Individuum an der Spitze und seiner Individualität abhängig ist. Im Primat der staatlichen Struktur über den Herrscher scheint eine der Pointen der Überlegenheit und des Erfolgs der Römer zu bestehen. Mag sein, dass dies die historische Lehre aus dem Chaos des Hellenismus ist.

Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. C. H. Beck Paperback 6153. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 352 Seiten. 16,95 €.