Wolfgang Feelisch: in’sait

In einer seiner Notizen entwirft Ludwig Hohl zwei Anzeigen, von denen eine wie folgt lautet:

»Weihnachten steht vor der Tür! Was schenkst du deinen Verwandten, Freunden und Bekannten? Am besten Bücher. Wir empfehlen dir:

Goethes kleine Prosa in leichtverständlicher Form und von äußerster Dauerhaftigkeit. Unser Haus ist imstande, dieses Buch und bald auch andere zu einem erstaunlich billigen Preis zu liefern infolge einer genialen und höchst modernen Erfindung.

Diese neue Art Bücher wird sich zum Aufstellen im Bücherschrank vorzüglich eignen, von der bekannten, altväterischen Art Bücher aber sich durch folgende Vorzüge unterscheiden: Eine Dauerhaftigkeit, die schon an Unzerstörbarkeit grenzt (auch bei häufigem Ausleihen!); höchste Prunkhaftigkeit des Deckels; den viel niedrigeren Preis.

Dieser alle Konkurrenz in den Wind schlagende niedrige Preis wird dadurch ermöglicht, daß das Innere des Buches aus einem Brett gestaltet ist (echtes Eichenholz!). Nach dem Muster der Holzschinken — man muß nur auf die Ideen kommen! Unsere Erfindung ist gesetzlich geschützt.

Kraft dieser erstrangigen Erfindung werden wir zweifellos in kurzem alle Verlagshäuser überflügelt haben. Von jenen freilich sehen wir ab, die elende Machwerke in die Welt setzen, traurige Unterhaltungs-Werke und erbarmenswürdige Spannungs-Romane, die man lesen muß; denn wir, fern jenen verachtungswürdigen Niederungen, befassen uns allein mit der großen und wahren Literatur, mit den tiefen und ernsten Büchern der Autoren, die etwas zu sagen haben, und die sich zum Aufstellen im schönen Bücherschrank vorzüglich eignen und jedem Besitzer zur Ehre gereichen.«

Feelisch-in-sait-CoverDie Idee scheint so naheliegend, dass sie tatsächlich zumindest einmal umgesetzt worden ist: Der Remscheider Künstler Wolfgang Feelisch ließ 1969 ein kleines Büchlein mit dem schön verschriebenen Titel „in’sait“ – ja, drucken kann man nur eingeschränkt sagen, also: produzieren, das alle die von Hohl gepriesenen Vorzüge aufweist. Wer es aus dem Bücherregal zieht und aufschlägt, sieht sich jeder weiteren Mühe enthoben:

Feelisch-in-sait-Inside

Leider weiß ich nicht, in welcher Auflage das Werk damals entstanden ist und ob die Idee vielleicht auch darüber hinaus Verbreitung und Freunde gefunden hat.

Wolfgang Feelisch: in’sait. Krefeld: Verlag Pro, 1969. Broschur, keine Seiten. Lange schon vergriffen.

Ron Powers: Mark Twain

Powers-Mark-TwainRelativ neue, umfangreiche Biographie Mark Twains, die von der Kritik zu Recht hoch gelobt wurde. Powers versteht es in den meisten Fällen, ein gutes Gleichgewicht zwischen detailverliebter Darstellung einzelner Ereignisse und dem Blick auf das große Ganze zu wahren. Er scheut sich nicht, Samuel L. Clemens auch mit seinen Schwächen und menschlichen Unzulänglichkeiten darzustellen (bewegend etwa die Stelle, an der Twain mit Schrecken begreift, dass seine Frau und seine Töchter immer in einer gewissen Furcht vor seiner Launenhaftigkeit gelebt haben), und stellt den Erfolg des Schriftstellers ebenso wie das Scheitern des Geschäftsmannes gleichrangig nebeneinander.

Clemens große Stärke als Schriftsteller war es, seine Person und seine Ansichten immer für mindestens ebenso wichtig zu halten wie die aller anderen und dabei zugleich – und dies ist der entscheidende Zusatz – weder sich noch die anderen zu ernst zu nehmen. Alles in allem ist Clemens wohl immer ein glücklicher Dilettant gewesen, der klug genug war, seinen Instinkten und, im richtigen Moment, einigen wenigen, guten Freunden zu vertrauen. Seine Geradlinigkeit und unverbildete Moralität – deren Grundlage, wie William Dean Howells so richtig bemerkte, eine unterschwellig Wut über den Zustand der Welt im Allgemeinen und der USA im Besonderen war – haben ihn zurecht zu einem umstrittenen US-amerikanischen Idol werden lassen. Mark Twain ist der Held des einfachen Mannes, ein Herkules des US-amerikanischen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

Es ist schade, dass diese kenntnisreiche und sehr gut lesbare Biographie bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Ron Powers: Mark Twain. A Life. New York u.a.: Free Press, 2005. Kindle-Edition, 2163 KB, 737 Seiten (gedruckte Ausgabe). 9,40 €.

Peter Rüedi: Dürrenmatt

In einer beispiellosen autobiographisch-erzählerisch-essayistischen Mischform, einer Art Ruinenbaumeisterei, stößt er zu einer neuen, multiperspektivischen Form von Literatur vor und entkommt mit ihr selbst dem Scheitern, indem er es akzeptiert.

978-3-257-06797-2Die Auseinandersetzung mit Friedrich Dürrenmatts Werk ist heute alles andere als simpel. Sie scheint gespannt zu sein zwischen zwei Polen: Einerseits ist ein Teil seines Werks offenbar obsolet geworden: »Die Physiker« etwa hat sich thematisch überlebt und ist dramaturgisch zu geradlinig, um außerhalb der Schullektüre noch Spannung zu erzeugen. Das Thema der christlichen Stücke – »Die Wiedertäufer«, »Der Blinde« oder »Ein Engel kommt nach Babylon« – ist zumindest in Europa sehr an den Rand der öffentlichen Diskussion geraten. Anderseits erscheint ein anderer, größerer Teil des Werks vielen Lesern nicht zu Unrecht esoterisch, philosophisch und schwer zugänglich. Einzig die Kriminalromane dürften sich noch einiger, ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Dementsprechend dünn fällt die essayistische und germanistische Beschäftigung mit Dürrenmatt aus.

Vor diesem Hintergrund muss Peter Rüedis Buch über Dürrenmatt gelesen werden, das vom Verlag wohl aus Hilflosigkeit mit dem phantasielosen Etikett Biographie gekennzeichnet worden ist, die damit verbundenen Erwartungen aber nur unvollkommen erfüllt. Sicherlich handelt es sich auch um eine – unvollständig bleibende – Biographie, vielmehr ist es aber ein weit ausholender Essay über Dürrenmatts Werk, der in der bisherigen Literatur über den Autor, wenigstens soweit ich sehe, völlig einzig dasteht. Für Rüedis Lektüre der Werke sind zwei Aspekte zentral: Er analysiert das Werk in weiten Teilen als das eines Christen, der sich Zeit seines Lebens mit dem Glauben seines Vaters auseinandergesetzt hat, und er liest Dürrenmatt wesentlich von der Selbstreflexion der späten »Stoffe« her. Während der erste Aspekt in der Literatur zu Dürrenmatt traditionell breit vertreten ist, scheint der zweite, besonders so, wie er bei Rüedi erscheint, die Möglichkeit einer grundsätzlichen Neuentdeckung und -bewertung Dürrenmatts zu eröffnen. Wenn Dürrenmatt als deutschsprachiger Autor überhaupt eine Zukunft – im Sinne eines Klassiker des 20. Jahrhunderts – hat, so wird sie hier begründet. In diesem Sinn ist Rüedis Buch wahrscheinlich der wichtigste Text der überhaupt bislang über Dürrenmatt geschrieben wurde.

Trotz dieser im Gesamturteil überwiegenden positiven Einschätzung sollen die schwerwiegenden Schwächen des Textes nicht unterschlagen werden: Das Buch macht einen durch und durch unfertigen Eindruck. Rüedi scheint nicht die Kraft oder Übersicht gehabt zu haben, die mehr als 730 Textseiten zu irgendeiner Form von Abrundung oder zu einem Abschluss zu bringen. Der biographische Anteil bleibt wesentlich in den 50er Jahren stecken; zwar werden auch die späteren Jahre erwähnt, aber ihre Behandlung bleibt im Gegensatz zu den ersten gut fünfzehn Nachkriegsjahren flüchtig und oberflächlich, fast als handele es sich um den ersten Teil einer deutlich umfangreicher konzipierten Biographie, die dann unter dem Druck der Ökonomie oder auch der Zeit gewaltsam zu einem Ende gebracht wurde.

Auch beim essayistischen Gehalt bleiben wesentliche Desiderate: Bestimmte Stücke werden gar nicht oder nur marginal behandelt, so etwa »Frank der Fünfte«, zu dem nur das Schlagwort Shakespeare fällt, oder das wichtige, späte »Achterloo«, mit dem Dürrenmatt entgegen seinen Plänen doch noch einmal zur Bühne zurückkehrt und die Irrenhaus-Metapher, die sich durch das gesamte Werk zieht, einmal mehr durchspielt. Was die Dramaturgie angeht, ist es schade, dass »Das Sterben der Pythia« offenbar unterschätzt wird. In diesem einen Stück hätte Rüedi viele wichtige Themen, Motive und Vorbilder der Dürrenmattschen Dramaturgie beieinander gehabt: Shakespeare, Wedekind und Brecht, die Gegenbildlichkeit von Tragödie und Komödie, die Dramaturgien vom Stoff und von der Idee her, sie alle lassen sich an diesem kurzen Stück Prosa exemplarisch vorführen und analysieren.

Was vollständig fehlt, ist ein literarhistorischer Horizont: Zwar gibt es Auseinandersetzungen mit Frisch – dessen schwieriges Verhältnis mit Dürrenmatt Rüedi bereits an anderer Stelle ausführlich gewürdigt hat – und Brecht, aber es findet sich auch nicht der kleinste Ansatz, Dürrenmatt in den Kanon der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts einzuordnen. Nirgends wird zum Beispiel »Der Tunnels« mit den Romanen des französischen Existenzialismus in Beziehung gesetzt, obwohl hier wie dort die Wirkung Kierkegaards und Nietzsches mit Händen zu greifen ist. Nirgends werden Dürrenmatts Stücke in der Geschichte des deutschen oder gar des europäischen Dramas (Sartre, Ionesco, Beckett) verortet. Auch die sehr spezifische Sprache der Bühnenfiguren Dürrenmatts, ihr verknapptes,karges, emotionales und zugleich distanziertes Sprechen wird nur an einer Stelle kurz erwähnt, der Versuch einer Analyse unterbleibt aber. Das alles mag vielleicht verzeihlich erscheinen, da Rüedi offensichtlich ohnehin zu viel für die ihm zur Verfügung stehenden Seiten zu sagen hatte, ein Mangel bleibt es dennoch.

Doch auch entgegen allen Einwänden ist zu betonen, dass dies wahrscheinlich das Wichtigste Buch über Dürrenmatt ist, das bislang erschienen ist, und es steht zu befürchten, dass dies auch lange so bleiben wird. Ein Muss für jeden, der sich ernsthaft mit der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt.

Peter Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen. Zürich: Diogenes, 2011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 960 Seiten. 28,90 €.

Helmut Siepmann: Kleine Geschichte der portugiesischen Literatur

3-406-49476-5Eine für eine kleine Geschichte schon recht umfangreiche und, soweit ich das beurteilen kann, vollständige Darstellung der portugiesischen Literatur mit dem üblichen Schwergewicht auf dem 20. Jahrhundert. Alle wichtigen Autoren werden ausführlich behandelt, zentrale Werke sowohl inhaltlich referiert als auch kultur- und geistesgeschichtlich verortet. Eine gute Einführung, die aber deutlich für Studenten der Romanistik geschrieben wurde, so dass der Laie vielleicht für einzelne Begriffe den Übersetzer von Google zur Hilfe nehmen muss.

Dass dieses Buch weit und breit die einzige umfangreiche Darstellung zur Geschichte der portugiesischen Literatur ist und offensichtlich nach dem Erstdruck nicht noch einmal aufgelegt wurde, zeigt einmal mehr, welch stiefmütterlichen Platz die Literatur Portugals im Bewusstsein der sonst so weltoffenen deutschen Leser immer noch einnimmt.

Helmut Siepmann: Kleine Geschichte der portugiesischen Literatur. Beck’sche Reihe 1547. München: C. H. Beck, 2003. 320 Seiten. Zurzeit nur antiquarisch lieferbar.

100 100-Seiter

Der Umblätterer hat ein sehr schönes Projekt gestartet: Es soll ein Kanon von 100 kurzen Büchern vorgestellt werden und das natürlich möglichst kurz und knapp. Dass dabei die Rezensionen auf Bonaventura als ausdrückliches Vorbild genannt werden, freut den Nachtwächter natürlich. Ich werde mich wahrscheinlich auch aktiv am Projekt beteiligen.

Karl Kraus: Literatur und Lüge

Der 3-518-37813-9 dritte Band der Karl-Kraus-Werkausgabe, der den Fokus auf Literaturkritik legt. Neben einigen positiven Essays etwa zu Peter Altenberg oder Frank Wedekind stehen in der Hauptsache negative Kritiken des zeitgenössischen Literaturbetriebs und der Literaturgeschichte gegenüber. Nicht in allen Fällen scheint dem heutigen Leser der von Kraus betriebene kritische Aufwand der Bedeutung der Anlässe dieser Kritik angemessen; anders gesagt: Kraus scheint des öfteren mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Immer noch vergnüglich zu lesen sind die »Übersetzungen aus Harden« oder Kraus’ Dokumentation der zeitgenössischen Vorurteile der Literarhistoriker,

die in keinem Zusammenhang mit der Literatur stehen und darum nur Literarhistoriker heißen.

Auch der Essay zu Arthur Schnitzler enthält immer noch gültige und nötige Anmerkungen zur Einordnung dieses überschätzten Autors:

Es ist das Los der Süßwasserdichter, daß sie die Begrenzung spüren, sich unbehaglich fühlen und dennoch drin bleiben müssen.

Insgesamt hat aber auch die Lektüre dieses Bandes den Eindruck verdichtet, dass man Kraus mit größeren Pausen lesen sollte, damit er einem nicht mit seiner stets gleichbleibenden Intensität auf die Nerven geht.

Karl Kraus: Literatur und Lüge. st 1313. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987. 381 Seiten. 10,– €.

Philipp Theisohn: Plagiat

978-3-520-35101-2 Eine Geschichte des Plagiats, nicht der Plagiate. Natürlich werden auch klassische und moderne Fälle von Plagiaten behandelt, doch das Buch stellt im Wesentlichen die Entwicklung des Begriffs und der Funktion des Plagiats von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart dar. Die Darstellung scheint für alle Epochen souverän und auf der Höhe des Gegenstandes zu sein. Dabei erscheint als Gegenstand nicht ein objektiver Tatbestand, der als Plagiat zu identifizieren wäre, sondern das Plagiat erweist sich seit den Anfängen der schriftlichen Literatur im Kern als Plagiatserzählung, also die Behauptung und Darstellung des Plagiats entweder durch den, der sich bestohlen glaubt, oder durch den, der meint, einen Dieb gestellt zu haben. Der Plagiatserzählung steht einerseits die Einsicht entgegen, dass es sich bei Literatur erfahrungsgemäß nahezu immer um Plagiate handelt und dass andererseits Plagiatserzählungen nur in den wenigsten Fällen ein objektiver Tatbestand entspricht, der diese Erfahrung überschreitet. So erscheint die Plagiatserzählung in vielen Fällen als nichts anderes denn die Ausstellung der unvermeidlichen Partizipation eines Werks am Bestand der Literatur.

Diese Spannung zwischen dem individuellen Werk und der Referenz des literarischen Horizonts wird in unterschiedlichen Epochen auf sehr verschiedene Weise genutzt bzw. scheinbar aufgelöst. Die historische Entwicklung dieser Lösungen ist es, was Theisohns Literaturgeschichte darstellt. Theisohn ist dabei, wenigstens soweit ich es beurteilen kann, immer auf der Höhe der verhandelten Epoche und ihm gelingen – im Gegensatz zur Behauptung des Untertitels des Buchs – an vielen Stellen durchaus originelle und anregende Einzelinterpretationen. Auch seine Paraphrasen poetologischer und theoretischer Konzepte sind klar, ohne im Anspruch nachzugeben. Eine anspruchsvolle und anregende Lektüre, für die eine grundlegende Kenntnis der Tradition der westlichen Literatur eine hilfreiche Voraussetzung ist.

Philipp Theisohn: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart: Kröner, 2009. Leinen, 577 Seiten. 26,90 €.

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte

978-3-406-58663-7 Der Band entstammt der Reihe der Oxford University Press A Very Short Introduction, aus der hier zuletzt Bände von Leofranc Holford-Strevens und Harry Sidebottom vorgestellt wurden. Nicholas Boyle ist in Deutschland bekannt durch seine großangelegte, bislang aber fragmentarisch gebliebene Goethe-Biografie. Seine Kleine deutsche Literaturgeschichte zielt wohl in der Hauptsache auf Studenten des Blütenfachs Germanistik an englischen und amerikanischen Universitäten. Es ist daher verständlich, dass Boyle einen bedeutenden Teil des Bändchens darauf verwendet, die historischen und sozialen Bedingungen zu vermitteln, unter denen die deutsche Literatur entstand. Dabei werden die Literaturen Österreichs und der Schweiz in kurzen getrennten Kapiteln behandelt, die allein vom Umfang her nur als ungenügend bezeichnet werden können.

Aber auch die im engeren Sinne deutsche Literatur wird in einer so abstrakten und oberflächlichen Weise vorgeführt, dass bezweifelt werden darf, ob das Buch überhaupt jemandem einen angemessenen Eindruck der deutschen Literatur vermittelt. So führt Boyle etwa die wichtigen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts, die sich heute in der deutschen Literatur als wirksam zeigen, ausschließlich auf einen Konflikt innerhalb des bürgerlichen Lagers zurück: Hier habe es einen gesellschaftlichen Gegensatz von Staatsbeamten einerseits, die eine rationalistische Aufklärung betrieben hätten, und einer bürgerlich-liberalen Aufklärung andererseits gegeben. Eine solche Dichotomie, die als hauptsächliches Erklärungsmuster Boyles bis ins 19. Jahrhundert hinein dienen muss, greift für die komplexe Lage des geistigen Umbruchs im 18. Jahrhundert offenbar zu kurz. Sie negiert, dass sich die Emanzipation des Bürgertums gegen eine höfisch geprägte Kultur mit zahlreichen aufklärerischen Bestrebungen kreuzt und auf diese Weise die unterschiedlichsten Position hervorbringt. Lessings Die Erziehung des Menschengeschlechts etwa als »Demontage der christlichen Heiligen Schriften« zu charakterisieren, beweist ein grundlegendes Unverständnis für bedeutende Teile der deutschen Aufklärung, zu deren Hauptforce neben Lessing auch Kant gehörte. Während sich diese deutschen Aufklärer einem französischen Projekt der Ersetzung des Christentums durch einen Kult der Vernunft gegenübersahen, versuchten sie selbst zu zeigen, dass sich Vernunft und ein Kernbestand an göttlicher Offenbarung nicht widersprachen, sondern als einander ergänzend gelesen werden konnten.

Als ebenso fragwürdig muss der Versuch angesehen werden, die Romantik in eine kritisch-fortschrittliche und eine »preußisch-eskapistische« aufteilen zu wollen. Die Behandlung Tiecks, Hoffmanns und Eichendorffs als Vertreter letzterer Richtung, die auf nicht mehr als 1½ Seiten geschieht, wird weder deren Einzelwerken noch deren Entwicklung innerhalb der Romantik in irgendeiner Weise gerecht.

Da sich Boyle nicht nur der Belletristik widmet, sondern sich immer auch Ausflüge in die Philosophie erlaubt, lässt sich leicht denken, dass man eine Rezension des Bändchen allein mit der Aufzählung all jener Schriftsteller füllen könnte, die Boyle nicht einmal erwähnt. Wenn dem wenigstens eine empathische und sinnvermittelnde Behandlung der erwähnten Werke gegenüberstünde, so wäre dies verzeihlich. Da Boyles Darstellung aber abgehoben und akademisch bleibt, ist das Buch für deutsche Leser überflüssig, und für die englischsprachige Welt ist seine Existenz nur zu bedauern.

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München: C. H. Beck, 2009. Pappband, 272 Seiten. 17,90 €.

Monologe auf Mallorca + Die Ursache bin ich selbst

bernhard_monologe Thomas Bernhard ist sicherlich einer der bemerkenswertesten deutschsprachigen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Selbst seine Kritiker müssen ihm einen unbändigen Stilwillen zugestehen, eine Konsequenz und philosophische Grundierung seiner Stücke, Erzählungen und Romane, die unter seinen Kollegen ihresgleichen sucht. Er ist wohl auch derjenige unter seinen Zeitgenossen, der die meisten Nachahmer gefunden hat, ohne dass diese Nachahmer in irgend einem Sinn seine Schüler gewesen wäre. Und noch die Parodien seiner Texte tragen den Stempel seines Stils, den man zwar leicht auszuhöhlen, aber kaum zu desavouieren vermag. Es könnte sich durchaus einmal erweisen, dass Bernhard der einflussreichste deutschsprachige Autor seiner Generation war.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt sind zwei große Fernseh-Interviews mit Thomas Bernhard entstanden: Eine Herausforderung: Monologe auf Mallorca (1980) und  Ein Widerspruch: Die Ursache bin ich selbst (1986). Beide wurden auf Bernhards ausdrücklichen Wunsch von Krista Fleischmann geführt und produziert. Obwohl beide »Gespräche« hauptsächlich als Monologe Bernhards angelegt sind, unterscheiden sie sich sehr stark voneinander: Im früheren erscheint Bernhard überraschend gelöst und entspannt. Alle Äußerungen scheinen ironisch grundiert, nur hier und da bestimmen Pessimismus und Misanthropie den Ton. Bernhard erscheint hier beinahe kokett. Das zweite Gespräch, das in der Hauptsache in Madrid entstand, ist im Grundton deutlich ernster, aggressiver und pessimistischer. Den Höhepunkt bildet hier sicherlich der Besuch eines Stierkampfs, bei dem die Kamera zugleich die Tötung des Stiers in der Arena und Bernhards immer hilflosere Reaktionen auf dieses Geschehen verfolgt. Durchsetzt sind die Monologe Bernhards in diesem Fall durch Zitate aus dem kurz zuvor erschienen Buch Auslöschung, gelesen von Bruno Ganz.

Über die Nützlichkeit dieser beiden Dokumentationen für das Verständnis des Bernhardschen Werkes kann sicherlich gestritten werden. Bernhard geht in beiden Fällen ganz bewusst mit dem Medium des Fernsehens um, inszeniert sich und wird zugleich inszeniert. Auf der einen Seite steht die Kalkulation des Autors auf eine bestimmte Wirkung, auf der anderen Seite wird die Kalkulation gekontert von der Einsicht, dass sich die Wirkung genau dieser Kalkulation entzieht. Es ließe sich spekulieren, ob das zweite Gespräch nicht versuche, dem falschen Bild des ersten ausgleichend ein anderes falsches Bild entgegenzusetzen, aber ein solcher Ansatz griffe sicherlich zu kurz, da er die weiteren Veröffentlichungen Bernhards in der Zwischenzeit ignorierte. Es kann in diesem Sinne Raimund Fellinger, der im Begleitheft den Kontext der Interviews umreißt, darin nur zugestimmt werden, dass diese beiden Gespräche Teil des literarischen Werks von Thomas Bernhard sind.

Thomas Bernhard / Krista Fleischmann: Monologe auf Mallorca + Die Ursache bin ich selbst. Die großen Interviews mit Thomas Bernhard. filmedition suhrkamp Nr. 4. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008. 1 DVD (Länge: 94 Min.) und 1 Begleitheft (44 Seiten). 19,90 € (unverbindliche Preisempfehlung).

Auschwitz auf der Bühne

weiss_ermittlung_dvd Am 20. Dezember 1963 wurde das Hauptverfahren im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess eröffnet. Es wurden insgesamt 183 Verhandlungstage bis zum 20. August 1965. Bereits am 05. Mai 1965 informiert der Suhrkamp Verlag in einem Rundschreiben darüber, dass er Die Ermittlung von Peter Weiss zu einer »allgemeinen Uraufführung am 19. Oktober« freigebe. Dies führte zu einer sogenannten Ringuraufführung an insgesamt 15 Theatern in der BRD (4 Bühnen) und der DDR (11 Bühnen). Eine dieser Aufführungen war eine szenische Lesung der ostdeutschen Akademie der Künste im Saal der DDR-Volkskammer in Berlin. Diese Lesung, die unter Beteiligung beträchtlicher Prominenz stattfand, hat sowohl in der DDR als auch in der BRD – verständlicherweise unter verschiedenen Vorzeichen – eine große Resonanz erzeugt. Das Fernsehen der DDR hat die Lesung komplett aufgezeichnet und sowohl in Ausschnitten als auch komplett ausgestrahlt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat nun in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv in Potsdam und der Akademie der Künste Berlin eine verdienstvolle Doppel-DVD herausgebracht: Eine DVD-ROM enthält eine ausführliche Dokumentation (Texte, Hör- und Video-Dokumente) zur Entstehung des Stückes, der szenischen Lesung in der Volkskammer im besonderen, des gesellschaftlichen, politischen und kulturkritischen Umfelds der Aufführungen sowie der Debatten vor und nach den Aufführungen sowohl im Osten als auch im Westen. Eine Video-DVD präsentiert die komplette Lesung in der Volkskammer. Die Dokumentation ist erstaunlich reichhaltig und zeigt, dass nur wenige Stimmen sich dem allgemeinen Tenor der Diskussion entzogen haben. Im Westen war die Diskussion durch die Kritik bestimmt, dass das Stück das Thema Auschwitz unzureichend behandle, wenn auch hier und da der Hinweis fällt, dass das Stück das Phänomen Auschwitz gar nicht behandle, sondern den Frankfurter Prozess. Im Osten dagegen ermüdet bald der Hinweis darauf, dass eigentlich die westdeutsche Großindustrie auf die Anklagebank gehöre, so richtig auch der Prozess gegen die Angeklagten gewesen sein, wenn auch die Strafen zu milde ausgefallen seien. Hier und da finden sich allerdings durchaus auch originelle und weiterführende Gedanken.

Kulturhistorisch stellt die Auseinandersetzung mit dem Stück von Peter Weiss einen wichtigen Schritt in der BRD-Debatte der 60er-Jahre über die Bewältigung der NS-Vergangenheit dar. Besonders die nur wenige Jahre später sich ausbildende Studenten- und Jugendbewegung hat aus dem Mangel der Elterngeneration, sich diesem Thema zu stellen, einen erheblichen Anteil ihrer Dynamik bezogen. Es ist daher sehr spannend zu verfolgen, wie sich nur wenigen Jahre zuvor das etablierte und das kritische Kulturmanagement mit dieser Frage auseinandergesetzt hat.

Da die beiden DVDs zum Spottpreis von 6,– € inklusive Versand von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten werden, ist jeder und jedem ans Herz zu legen, sich diese Doppel-DVD zu besorgen!

Auschwitz auf der Bühne. Peter Weiss | »Die Ermittlung« in Ost und West. Hg. v. der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam und der Akademie der Künste Berlin. 2 DVDs. 6,– €.

Die DVD-ROM bedarf keiner Installation. Sie läuft ab Windows 2000 bzw. MAC OS X ab 10.3.8, Prozessor ab Pentium 2 bzw. Apple Power PC G4, Arbeitsspeicher ab 256 MB. Texte können als pdf exportiert werden, aus denen dann per cut & paste Textzitate kopiert werden können.

Bitte beachten Sie, dass die Lizenzausgaben der Bundeszentrale für politische Bildung immer nur für kurze Zeit lieferbar sind.