Michael Chabon: Die Geheimnisse von Pittsburgh

978-3-462-03946-7 Erstlingsroman nach dem bewährten Strickmuster »der letzte Sommer der Jugend«. Ich-Erzähler ist der Student der Volkswirtschaft Art Bechstein, dessen Vater ein hochrangiges Mitglied einer nicht näher bezeichneten jüdischen Verbrecher-Organisation ist. Erzählanlass ist die Begegnung Arts mit dem homosexuellen Arthur Lecomte, der es offensichtlich auf eine Liebesbeziehung mit Art abgesehen hat, und der Bibliothekarin Phlox Lombardi, die dieselben Absichten verfolgt. Als weitere wichtige Figur tritt der Alkoholiker und Rocker Cleveland Arning hinzu, der für Arts Onkel Lenny Wucherzinsen eintreibt, aber gern ein richtiger Krimineller wäre.

Im Zentrum der locker gestrickten Handlung steht die emotionale Verwirrung Arts, der sich sowohl in Arthur als auch in Phlox verliebt und mit beiden eine Zeitlang eine Liebesbeziehung führt. Beide Beziehungen scheinen weitgehend von der Sexualität bestimmt zu sein, jedenfalls konnte ich – auch entgegen den Beteuerungen des Ich-Erzählers – keine andere Motivation entdecken. Immerhin gelingt dem Autor ein eher unerwartetes Ende de Romans.

Das Buch hat alles, was solch ein Buch braucht: Ein bisschen abseitigen Sex, ein paar albern unbeschwerte Szenen einer verklingenden Jugend, ein paar Besäufnisse, ein wenig Eifersucht, eine überwältigende Schönheit – Jane Bellwether –, die mit einem anderen liiert ist, und nicht zuletzt den morbid gefährlichen Hintergrund einer jüdischen Mafia. Einzig Drogen spielen – abgesehen vom Alkohol – erfreulicherweise keine bedeutende Rolle im Buch. Wenn man als Leser das Strickmuster erkennt und nicht mehr selbst in dem Alter des Erzählers ist, hat das Buch einige Längen, die aber tolerabel sind. Eine nette Lektüre, doch sollte man nicht zu viel erwarten.

Michael Chabon: Die Geheimnisse von Pittsburgh. Aus dem amerikanischen Englisch von Denis Scheck. KiWi 1011. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008. 302 Seiten. 8,95 €.

Philipp Theisohn: Plagiat

978-3-520-35101-2 Eine Geschichte des Plagiats, nicht der Plagiate. Natürlich werden auch klassische und moderne Fälle von Plagiaten behandelt, doch das Buch stellt im Wesentlichen die Entwicklung des Begriffs und der Funktion des Plagiats von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart dar. Die Darstellung scheint für alle Epochen souverän und auf der Höhe des Gegenstandes zu sein. Dabei erscheint als Gegenstand nicht ein objektiver Tatbestand, der als Plagiat zu identifizieren wäre, sondern das Plagiat erweist sich seit den Anfängen der schriftlichen Literatur im Kern als Plagiatserzählung, also die Behauptung und Darstellung des Plagiats entweder durch den, der sich bestohlen glaubt, oder durch den, der meint, einen Dieb gestellt zu haben. Der Plagiatserzählung steht einerseits die Einsicht entgegen, dass es sich bei Literatur erfahrungsgemäß nahezu immer um Plagiate handelt und dass andererseits Plagiatserzählungen nur in den wenigsten Fällen ein objektiver Tatbestand entspricht, der diese Erfahrung überschreitet. So erscheint die Plagiatserzählung in vielen Fällen als nichts anderes denn die Ausstellung der unvermeidlichen Partizipation eines Werks am Bestand der Literatur.

Diese Spannung zwischen dem individuellen Werk und der Referenz des literarischen Horizonts wird in unterschiedlichen Epochen auf sehr verschiedene Weise genutzt bzw. scheinbar aufgelöst. Die historische Entwicklung dieser Lösungen ist es, was Theisohns Literaturgeschichte darstellt. Theisohn ist dabei, wenigstens soweit ich es beurteilen kann, immer auf der Höhe der verhandelten Epoche und ihm gelingen – im Gegensatz zur Behauptung des Untertitels des Buchs – an vielen Stellen durchaus originelle und anregende Einzelinterpretationen. Auch seine Paraphrasen poetologischer und theoretischer Konzepte sind klar, ohne im Anspruch nachzugeben. Eine anspruchsvolle und anregende Lektüre, für die eine grundlegende Kenntnis der Tradition der westlichen Literatur eine hilfreiche Voraussetzung ist.

Philipp Theisohn: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart: Kröner, 2009. Leinen, 577 Seiten. 26,90 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (29)

Kein Jahr vergeht, in welchem die Meßcataloge nicht hundert neue lyrische Werke, eben so viel oder noch mehr Romane und wenigstens halb so viel Schauspiele verzeichnen. Die Zahl unserer lebenden Dichter ist eine Myriade, und nicht einmal zu viel für die mehr als tausend jetzt in Deutschland bestehenden Buchhandlungen. Die Poesie, ehemals monarchisch, priesterlich oder wenigstens aristokratisch, ist demokratisirt worden, und nicht nur glaubt sich jeder, sobald es ihm nur einfällt, berechtigt zu schreiben und drucken zu lassen, sondern eine zahlreiche Classe von Proletariern der Presse wird von den Verlegern zur poetischen Fabrikarbeit förmlich gedungen. Ein Kriterium des guten Geschmacks gibt es nicht mehr. Reiche Verleger und Lobassecuranz- gesellschaften unter den Literaten selbst, oder das politische und kirchliche Parteiinteresse diktiren das öffentliche Urtheil. Nie zuvor ist daher so viel Schlechtes angepriesen und verbreitet, so viel Gutes verachtet und unterdrückt worden.

Wolfgang Menzel
Deutsche Dichtung (1859)

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

978-3-550-08720-2 Jedem, der sich mit dem Thema dieses Buchs mehr als nur oberflächlich beschäftigt hat, dürfte seine überwältigende Schwierigkeit klar sein. Für seine ernsthafte Behandlung wäre nicht nur eine grundlegende Bestimmung dessen zu leisten, wonach die Frage nach dem Sinn überhaupt fragen soll, sondern auch eine Abgrenzung gegenüber allen nicht philosophischen Ansätzen, nicht nur denen der Religionen, sondern auch denen der sogenannten Esoterik. Dazu wäre eine systematische Aufarbeitung dieser Angebote notwendig, um wenigstens einige Hoffnung haben zu können, zu einer eigenständigen und wesentlich philosophischen Antwort zu gelangen. Andererseits muss die Chance, tatsächlich zu einer solchen Antwort zu gelangen, angesichts von 2.500 Jahren Philosophiegeschichte als nahezu aussichtslos eingeschätzt werden: Wäre eine allgemeingültige oder wenigstens allgemein akzeptable Antwort gefunden worden, so wäre das wohl kaum jemandem unbekannt.

Was ist also von einem knapp 160 Seiten starken Buch zu diesem Thema zu erwarten? Nichts! Und genau so ist es auch. Professor Eagleton hat sich die Mühe gemacht, eine Zeit lang alles aufzuschreiben, was ihm zur Frage nach dem Sinn des Lebens durch den Kopf gegangen ist. Besondere Sorgfalt hat er nicht walten lassen; auch sonderlich sortiert hat er es anschließend nicht. Zwischendurch regt er sich mal über reiche Prominente auf, die er allerdings hauptsächlich aus dem »Goldenen Blatt« zu kennen scheint, dann räsoniert er einige Seiten über Samuel Becketts »Warten auf Godot«, wobei er eine genaue Kenntnis des Stücks beim Leser wohl einfach voraussetzt. Dann redet er wieder ein wenig über Wittgenstein, wozu ihm etwas bei Aristoteles einfällt. Achja, dann waren da ja auch noch Schopenhauer und Nietzsche, zwei wirklich unangenehme Zeitgenossen. Und dann gibt es noch diese eine Stelle bei Wittgenstein:

Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.

Diese kurze Passage aus dem Tractatus logico-philosophicus kann vom Leser nur dann verstanden werden, wenn er weiß, wie die Sprachtheorie des frühen Wittgenstein funktioniert: Wittgensteins Konstrukt einer Idealsprache erlaubt ausschließlich ein Sprechen über konkrete Sachverhalte einer gegenständlichen Welt. Aufgrund dieser Struktur kann mit ihr nur über die »wissenschaftlichen Fragen« (die im Tractatus auch nicht identisch sind mit dem, was man sich gemeinhin darunter vorstellt) gesprochen werden. Wenn diese alle beantwortet wäre, bliebe aufgrund der Sprachstruktur keine mögliche, unbeantwortete Frage mehr übrig. Was übrig bleibt, darüber lässt sich nicht sprechen, wenigstens nicht in Wittgensteins Idealsprache.

Und wie lautet Professor Eagletons Kommentar zu diesen Sätzen?

Wie sollen wir diese kryptischen Sätze verstehen? Wittgenstein meint wahrscheinlich nicht, der Sinn des Lebens sei grundsätzlich eine Scheinfrage, sondern nur soweit es die Philosophie betrifft. […] Alle lebenswichtigen Fragen, so glaubte er, liegen außerhalb der strengen Grenzen des Subjekts. Der Sinn des Lebens ließ sich seines Erachtens nicht sagen, wie es in einer Tatsachenaussage geschieht, und für den frühen Wittgenstein hatten nur solche Aussagen Sinn. Wir erhaschen zumindest einen Blick auf den Sinn des Lebens, wenn wir erkennen, dass er nicht zu den Dingen gehört, die eine Antwort auf eine philosophisch sinnvolle Frage sein können.

Nein, Professor Eagleton, zumindest der frühe Wittgenstein meinte bestimmt etwas anderes und wahrscheinlich nicht das, was Sie sich da zusammenfaseln. Das mag für eine Konversation auf einer Gartenparty vielleicht gerade noch durchgehen, ist aber tatsächlich ein übles Gemisch aus Halbwissen und assoziativem Geraune. Und so ist im Wesentlichen das ganze Buch. Nirgends findet sich eine auch nur einigermaßen ernsthafte Auseinandersetzung mit einer der vorgeführten Positionen, alles bleibt im Beliebigen, und ich konnte während der Lektüre den Verdacht nicht loswerden, dass Eagleton eigentlich meint, man müsse nur wieder an den lieben Gott glauben, dann wäre alles in Ordnung. Und am besten als Katholik, denn die Protestanten sind eine üble, schwarzseherische und freudlose Bande – zumindest in Professor Eagletons Welt.

Alles im allen ein ärgerliches Buch, das deutlich hinter dem selbst gesetzten Anspruch zurückbleibt.

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Berlin: Ullstein, 42008. Pappband, 159 Seiten. 18,– €.

Viktor Glass: Goethes Hinrichtung

Der Titel Goethes Hinrichtung ist etwas reißerisch geraten, denn in keinem Sinne handelt Viktor Glass’ Roman von einer Hinrichtung, die Goethe zugehören würde. Erzählt wird im Gegenteil die  Geschichte der Anna Katharina Höhn, die 1783 wegen der Tötung ihres Neugeborenen in Weimar verurteilt und mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht wurde. Zuletzt hatte Sigrid Damm in ihrem Buch „Christiane und Goethe“ ein wenig Lamento um Goethes Verwicklung in diesen Fall gemacht, das in einer ebenso naiven wie pathetischen Einschätzung der Position Goethes gipfelte.

Davon wenigstens ist Viktor Glass weit entfernt. Er entwickelt die Geschichte der Schwangerschaft, Kindstötung, Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Höhns parallel zur Biografie Goethes in diesen Monaten. Beide Ebenen sind alles in allem solide recherchiert, die Lücken angemessen aufgefüllt, wenn mir auch einige Details unverständlich geblieben sind, so etwa die Anwesenheit Lenzens in Weimar, der bekanntlich zu dieser Zeit längst in Moskau lebte. Aber solche Kleinigkeiten fallen sicherlich noch unter die Lizenz der dichterischen Freiheit. Ob etwa Glassens Version, der junge Herzog Carl August habe die Re­gie­rungs­ge­schäf­te nur ungern übernommen, während Anna Amalia sie leichten Herzens hinter sich gelassen habe, auch noch unter diese Lizenz fällt, bliebe kritisch zu hinterfragen.

Problematischer ist aber sicherlich die Deutung der Rolle Goethes in der Sache Höhn, die Glass entwickelt: Bei ihm ist Goethe ein konsequenter Gegner der Todesstrafe und daher auch im Fall Höhn eigentlich für eine Begnadigung der Höhnin zu lebenslangem Zuchthaus. Diese Ehrenrettung geschieht sicher in der besten Absicht; auch behauptet Glass, Goethe habe diese Haltung ebenso in seinen Schriften vertreten, ohne allerdings auch nur ein konkretes Beispiel mehr anführen zu können als die Figur des Gretchens im „Faust“. Eine solche Idealisierung Goethes steht in einem offensichtlichen Gegensatz zu dem von Goethe im Fall Höhn abgegebenen Gutachten, das sich zwar zögerlich aber doch deutlich für die Beibehaltung der Todesstrafe im Falle von Kindstötungen ausspricht. Glass muss dieses Gutachten deshalb einerseits zu einer neutralen, unter großem zeitlichen Druck abgegebenen Stellungnahme verbiegen und andererseits seine Abfassung zu einem vorläufigen und hinhaltenden Urteil umdeuten, das Goethe in einer Sitzung des Geheimen Consiliums in Glassens Sinne mündlich zu widerrufen gedenkt. Leider findet nun gerade diese Sitzung nie statt, so dass Goethes Votum  in seiner in Glass’ Sinne „unglücklichen“ Formulierung stehen bleibt.

Solange sich der Leser darüber im Klaren ist, dass es sich in wesentlichen Teilen dieses Goethe-Bilds um freie Fantasien des Romanautors handelt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben oder gegen die doch wenigstens mehr Indizien sprechen als für sie, kann die Lektüre dieses Goethe-Höhn-Romans durchaus gewinnbringend sein. Seine Illustration des Le­bens­all­tags in einer Mühle des 18. Jahrhunderts ist ebenso überzeugend, wie die Beschreibung des Prozesses gegen Anna Katharina Höhn detailreich und informativ. Es ist allerdings eher zu befürchten, dass die meisten Leser das Ganze für die sprichwörtliche bare Münze nehmen.

Viktor Glass: Goethes Hinrichtung. Berlin: Rotbuch, 2009. Pappband, Lesebändchen, 223 Seiten. 19,90 €.

Unendlicher Spaß? Deutscher Humor!

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat zur Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Infinite Jest von David Foster Wallace für 100 Tage ein Leserblog aufgemacht. Hier darf eine handverlesene Auswahl von Autoren seine Leseeindrücke des Buches niederschreiben. Im Grunde eine richtige Idee: Warum sollen solche Initiativen nicht von den Verlagen ausgehen? Und warum sollen nicht einige gute Leser (und viele Autoren sind gute Leser) den Ton vorgeben, in dem über ein Buch gesprochen wird?

Auf den ersten Blick ist das alles auch eine Bereicherung, die Beiträge sind bunt gemischt vom Erlebnisbericht bis zur theoretischen Auseinandersetzung. Leider ist das alles aber auch einmal mehr sehr deutsch geraten. In ihrem heutigen Beitrag schreibt die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner das folgende:

Doofe Sportarten

Ich mag amerikanische Autoren, seitdem ich lesen kann, aber ich habe ihrer Vorliebe für Baseball nie irgendetwas abgewinnen können und mir auch nie die Mühe gemacht, die Regeln zu verstehen. Mit Football und Tennis geht es mir ähnlich. In der Hochzeit der deutschen Tennisleidenschaften der Achtziger mit ganzen Nächten voller Grand-Slam-Turniere und Wimbledon-Wettbewerbe im Fernsehen, bin ich lieber zum Fußball gegangen. Tennis ist immer irgendwie mit Boris Becker verbunden und das spricht nicht gerade für diesen Sport.

Ich schwächele etwas mit meinem Spaß, weil das Tennisturnier im Roman nicht aufhören will. Ich habe vor lauter Langeweile vorgeblättert, das geht noch 40 Seiten so weiter und dann kommt Orin mit Football. Auch nicht gerade meine Lieblingssportart. Ich sehne mich nach einem blutigen Boxkampf oder einer grundsoliden 100-m-Freistil-Staffel, aber leider wäre Hal sowohl als Boxer als auch als Schwimmer eher unglaubhaft. O.K., ich muss da jetzt durch.

Das ist nun nichts als Doofes Gemaule; soll sie doch was anderes lesen oder weiterblättern, wenn ihr die verständliche Vorliebe des Autors für bestimmte nationale Sportarten nicht passt.

Ich habe also spontan einen Kommentar abgesetzt:

Wenn einem ein Buch so gar nicht passt, sollte man sich vielleicht einfach ein eigenes schreiben. Es ist aber zu befürchten, dass Figuren wie Lothar Matthäus oder Lukas Podolski ebenso wenig für den Fußball sprechen wie Boris Becker für das Tennis.

Es mag nicht ganz genau dieser Wortlaut gewesen sein, aber es ist ziemlich nahe dran. Der Kommentar wurde einfach gelöscht. Es ist das gute Recht eines Bloginhabers, so etwas zu tun. Habe ich also einen zweiten Kommentar geschrieben:

Darf ich fragen, warum mein Kommentar gelöscht wurde?

Durfte ich offensichtlich auch nicht, denn auch dieser Kommentar verschwand im digitalen Orkus. Also eine Mail an den Verantwortlichen Guido Graf geschrieben:

Sehr geehrter Herr Graf,

ich habe heute versucht, einen Kommentar auf http://www.unendlicherspass.de/2009/09/07/doofe-sportarten/ abzugeben. Er ist gelöscht worden, obwohl er – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – keinen anstößigen Inhalt hatte. Auch meine Nachfrage, warum der Kommentar gelöscht worden sei, wurde kommentarlos gelöscht.

Ist das die Art, wie KiWi mit seinen Lesern umzugehen wünscht? Ich bin ein wenig vor den Kopf gestoßen.

Mit bestem Gruß, Marius Fränzel

Und gleich bekam ich eine zackige Antwort:

Sehr geehrter Herr Fränzel,

wo der Spaß endet – darüber kann man sicher streiten, aber in diesem Fall schien meiner – leider maßgeblichen – Meinung nach die Grenze überschritten.

Ich möchte Sie nicht davon abhalten, das mit Helge Malchow zu diskutieren. Meine – s.o. – Meinung ist nicht automatisch identisch mit der des Verlags.

Beste Grüße,

Guido Graf

Tja, selbst der Unendliche Spaß endet an den Grenzen des deutschen Humors!

Robert Gernhardt: Denken wir uns

978-3-10-025510-5 Posthum erschienener, letzter Erzählband Robert Gernhardts mit 26 Erzählungen, den der Autor angeblich noch selbst zusammengestellt hat. Die Erzählungen beginnen mit der auch den Titel liefernden Phrase »Denken wir uns«, sind ansonsten aber sowohl thematisch als auch qualitativ sehr unterschiedlich. Die Spannbreite reicht vom breitgewalzten Witz über den in eine Erzählung gegossenen essayistischen Einfall, autobiografische oder poetologische Erzählungen bis hin zu eher klassischen Formen.

Der Band zeigt einmal mehr einen routinierten Autor, der sein Handwerk versteht. Oft sind die Erzählungen aber leider deutlich zu lang für die Pointe oder ihnen fehlt überhaupt eine Pointe, wobei der Autor zum Ausgleich mit diesem Mangel kokettiert. Doch wenn man sich an dem disparaten Material und den recht unterschiedlichen Stilebenen nicht stört, lässt sich der eine oder andere interessante Fund machen. Man sollte nur eben keinen geschlossen konzipierten Band erwarten.

Robert Gernhardt: Denken wir uns. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2007. Pappband, 240 Seiten. 18,90 €.

Curzio Malaparte: Die Haut

Malapartes Nachkriegs-Buch, das zusammen mit dem Vorläufer Kaputt seinen Ruhm begründete. Nachdem Malaparte in Deutschland während der 90-er Jahre weitgehend vergessen zu sein schien, wurden seine beiden Hauptwerke 2005 und 2006 erneut aufgelegt und sind inzwischen auch wieder im Taschenbuch erhältlich. Malaparte selbst ist wohl eine der schillerndsten Figuren der italienischen Literatur des letzten Jahrhunderts. Er wurde 1898 als Sohn eines Sachsen und einer Mailänderin geboren – Malaparte trug den bürgerlichen Namen Kurt Erich Suckert – , bewährte sich im Ersten Weltkrieg, ging dann in den diplomatischen Dienst und wurde einer der frühen Anhänger des Duce. Allerdings kam es schnell zu Konflikten mit den Faschisten, die Malapartes Erinnerung an den Ersten Weltkrieg nicht mochten. Die Folge war sein Ausscheiden aus dem Diplomatischen Dienst. Von 1928 bis 1931 arbeitete er als Chefredakteur der Tageszeitung La Stampa. 1933 wurde er verhaftet und wegen kritischer Äußerungen zu fünf Jahren Verbannung auf Lipari verurteilt, von denen er aber wohl nur ein Jahr tatsächlich abgesessen hat. Im Zweiten Weltkrieg hat er als Kriegskorrespondent sowohl in Afrika als auch in Russland, Finnland und auf dem Balkan gearbeitet, später wird er Verbindungsoffizier des italienischen Militärs zu den amerikanischen Streitkräften. In den 50-er Jahren wollte Malaparte dann Kommunist werden, wurde aber nicht in die Partei aufgenommen.

Die Haut enthält eine fiktive Autobiografie Malapartes von 1943 bis 1945. Der Ich-Erzähler begleitet als Verbindungsoffizier die US-Truppen von Neapel bis nach Norditalien. Es ist unklar, wie groß der Anteil tatsächlichen Geschehens an den Erlebnissen und Gesprächen des Ich-Erzählers ist. Malaparte scheint im Gegensatz zu dem Eindruck, den Die Haut vermittelt, den größten Teil  des beschriebenen Zeitraums auf Ischia verbracht zu haben. Das Buch ist erzählerisch von Ton und Stil der journalistischen Arbeit Malapartes geprägt; es handelt sich also nicht um einen Roman im klassischen Sinne.

Das erste Drittel des Buches spielt in Neapel und berichtet in der Hauptsache vom kulturellen und moralischen Verfall, dem die Kultur der Stadt durch Hunger, Elend, Tod und nicht zuletzt die Begegnung mit den amerikanischen Befreiern ausgesetzt ist. Malaparte prangert die weit verbreitete Prostitution an, mit der die neapolitanischen Frauen weiter Gesellschaftsschichten ihren Familien Brot verschaffen. Er beklagt den moralischen und kulturellen Verfall – wobei er letzteren, sicher nicht unproblematisch, am steigenden Einfluss Homosexueller demonstriert –, ironisiert zugleich die Ahnungslosigkeit und Naivität der Amerikaner, für die Europa eine Art glorifizierter Sündenpfuhl zu sein scheint.

»Wenn die Japaner Amerika besetzt hätten«, sagte ich, »und sich mit euren Frauen so aufgeführt hätten, wie ihr euch mit den unseren aufführt, was würden Sie da sagen, Mrs. Flat?«
»Aber wir sind keine Japaner!« warf Oberst Brand ein.
»Die Japaner sind Farbige«, sagte Mrs. Flat.
»Für besiegte Völker«, sagte ich, »sind alle Sieger Farbige.«
Verlegenes Schweigen folgte meinen Worten. Alle blickten verwundert und bekümmert auf mich: schlichte arglose Männer, Amerikaner, die reinsten und gerechtesten unter den Menschen, und sie sahen mich mit stummer Sympathie an, verwundert und bekümmert, daß die Wahrheit in meinen Worten sie zum Erröten brachte.

Von Neapel aus zieht der Ich-Erzähler mit den amerikanischen Truppen nordwärts, erlebt die Befreiung Roms, die öffentliche Zurschaustellung des Leichnams von Mussolini in Mailand, ein kommunistisches Standgericht über junge Faschisten in Florenz und zahlreiche andere Episoden. Malaparte erweist sich dabei als ein intensiver, genauer Beobachter, der zu allem Geschehen eine ironische, oft auch zynische Distanz einnimmt, wobei er stets betont, dass diese Haltung aus einer hohen Moralität folgt, die aber unter den gegebenen Umständen nicht aufrecht erhalten werden könne. Im Hintergrund steht stets eine sentimentale Trauer um die verlorene Kultur des 19. Jahrhunderts, als deren Paradigma Marcel Prousts Recherche herhalten muss. Der italienischen Adel scheint noch in den Ruinen dieser Kultur zu leben, mehr existiert von ihr aber nicht. Die normalen Nachkriegs-Italiener sind zugleich Befreite und Besiegte, ihre ursprüngliche Kultur ist vernichtet, ihre Zukunft erscheint von der Tradition abgelöst und ungewiss.

Der Titel Die Haut bezieht sich wohl auf eine Episode, die beim Einzug der Amerikaner in Rom geschildert wird:

Aber als wir auf der Höhe von Tor di Nona waren, kam ein Mann der Kolonne entgegengelaufen, mit den Armen fuchtelnd und schreiend: »Viva l’America!«; dann glitt er aus, fiel und wurde von den Raupen eines Sherman erfaßt. Ein Schrei des Entsetzens erhob sich in der Menge. Ich sprang aus dem Wagen, machte mir Platz und beugte mich über einen formlosen Leichnam.

Dieser überrollte Italiener, von dem nur mehr die Haut auf der Straße zurückbleibt, ist wohl die eindringlichste Metapher, die Malaparte für den Zustand gefunden hat, in den er Italien durch den Zweiten Weltkrieg versetzt sah.

Ein sehr intensives, in der Grundhaltung des Autors sicherlich nicht unproblematisches Buch, das aber den unbestreitbaren Vorteil hat, ungewöhnlich welthaltig, aufrichtig und unverstellt zu sein. Man findet dergleichen nicht oft.

Curzio Malaparte: Die Haut. Aus dem Italienischen von Hellmut Ludwig. Fischer Taschenbuch 17411. Frankfurt/M.: Fischer, 2008. 445 Seiten. 12,95 €.

Joseph Roth – Leben und Werk in Bildern

978-3-462-04102-6 Zusammen mit der umfangreichen Biografie Joseph Roths hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch einen Bildband zu Leben und Werk herausgebracht. Es handelt sich um eine überarbeitete Neuauflage eines bereits 1994 erschienenen Bandes, dem wiederum ein Ausstellungskatalog von 1989 vorausgegangen zu sein scheint. Den Grad der Überarbeitung kann ich nicht einschätzen, da ich die erste Auflage nicht kenne. Umfangreicher ist der Band durch die Überarbeitung jedenfalls nicht geworden.

Das Buch präsentiert eine umfangreiche Auswahl an Bildern Roths und seiner Wegbegleiter, Freunde und Bekannten, Faksimiles von Briefen, Manuskripten, Zeitungsausschnitten, Verträgen, Buchumschlägen und anderen Dokumenten. Zusammen mit den Texten der Herausgeber ergibt sich eine reich bebilderte Kurzbiografie Roths, angereichert durch Briefe und autobiografische Texte Roths.

Lesern, denen die Biografie von Sternburgs zu umfangreich ist, bietet der Band eine zwar etwas kostspielige, aber knappe und attraktive Alternative.

Heinz Lunzer / Victoria Lunzer-Talos (Hg.): Joseph Roth. Leben und Werk in Bildern. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009. Leinenband, Kunstdruckpapier, Fadenheftung, 280 Seiten. 39,95 €.

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel

978-3-250-60131-9 Das Thema Max Frisch lässt mich doch noch nicht ganz los: Ursula Priess, Tochter aus Frischs erster Ehe, hat ein Erinnerungsbuch über ihren Vater geschrieben, das den nicht unfrischschen Untertitel »Eine Bestandsaufnahme« trägt. Es handelt sich nicht um den Versuch einer auch nur einigermaßen geschlossenen Darstellung, sondern um eine Aneinanderreihung von kürzeren Notizen, Reflexionen, Situationen, Erlebnissen etc., wobei keine chronologische, sondern höchstens eine leichte thematische Ordnung zu erkennen ist.

Das Buch in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil findet sich als eine Art von Rahmenerzählung der Bericht der Autorin über eine Begegnung mit einem offenbar deutlich älteren Mann in Venedig. Sie ist diesem Mann zuvor nur ein einziges Mal begegnet, hat anschließend aber über längere Zeit Telefonate mit ihm geführt. Nun trifft man sich zu einem Rendezvous in Venedig, bei dem sich herausstellt, dass der Mann ein intimer Freund Ingeborg Bachmanns gewesen sein muss, wohl auch zu eben der Zeit, als Bachmann und Frisch versuchten, ein Paar zu sein. Der zweite Teil dreht sich dann in der Hauptsache um die letzten Monate im Leben Frischs.

Ursula Priess erzählt von einem schwierigen und belasteten Verhältnis zu ihrem Vater, das allerdings immer wieder durch Momente des Verständnisses, des Verzeihens und der unverstellten Zuneigung zwischen Vater und Tochter konterkariert wird. Priess hat, wenn ich es richtig verstanden habe, lange Zeit darunter gelitten, als Tochter des berühmten Vaters wahrgenommen zu werden und weniger als sie selbst. Auch die Trennung des Vaters von ihrer Mutter und seinen Entschluss, als Schriftsteller zu leben, scheint sie ihm zu Lebzeiten nie recht verziehen zu haben. Noch der letzte Streit zwischen Tochter und Vater, als Frisch schon todkrank ist und seine eigene Todesanzeige entwirft – öffentliche Selbstinszenierung bis über den Tod hinaus! –, dreht sich um Priess’ Mutter und Frischs Dasein als öffentliche Person.

Man muss dem Buch zugutehalten, dass es eine aufrichtige und gut lesbare Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem sicherlich nicht einfachen Vater ist. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass Priess auf jeder Seite darum bemüht ist, nichts zu beschönigen, ihr eigenes Versagen ihrem Vater gegenüber genauso darzustellen wie seine Härte, Unnachgiebigkeit und Schwierigkeit. Diese Aufrichtigkeit ist es, die das Buch auszeichnet und über die biografischen Details zu Frisch hinaus interessant macht. Ein wirklich gutes Buch ist es aber wohl dennoch nicht geworden. Dazu fehlt es ihm an Struktur und letztlich auch an dem Willen oder dem Vermögen, das Verhältnis zwischen Vater und Tochter wirklich auf den Begriff zu bringen oder wenigstens ein klares Bild von ihm zu zeichnen. So werden die letzten Seiten etwa mit einigen Traumberichten gefüllt, von denen mir vollständig unklar ist, was sie zum verhandelten Thema beitragen; die Tochter träumt vom Vater dies und das – nun gut, und was besagt das? Das ist der Autorin wohl ebenso unklar, wie es mir geblieben ist.

Für Frisch-Kenner ist das Buch eine Pflichtlektüre; dass es darüber hinaus von Interesse ist, würde ich eher bezweifeln.

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel. Zürich: Amman, 2009. Pappband, 171 Seiten. 18,95 €.