Das kongolesische Zebra

carre_zebraNach sicherlich mehr als 20 Jahren wieder einmal einen John le Carré gelesen; eigentlich sollte es »The Constant Gardener« werden, auch weil mir der Film recht gut gefallen hatte, aber dann ist mir »Geheime Melodie« in die Hand gefallen, und die Faulheit hat mich dazu getrieben, das deutsche statt des englischen Buchs zu lesen.

Worum geht’s? Bruno Salvador, ein im Kongo von einem Missionar gezeugter und dann als vorgebliche Waise in einem Kinderheim unter der Aufsicht seines ihn verleugnenden Vaters aufgewachsener junger Mann mit großem Sprachtalent wird in England Dolmetscher für diverse bekannte und unbekanntere afrikanischische Sprachen. Er wird vom englischen Geheimdienst engagiert und gerät so eines Tages auf eine geheime Konferenz, auf der divergierende Interessengruppen des Kongos versuchen, unter der Leitung des alternden, chrasmatischen Führers Mwangaza einen Staatsstreich in einer Teilregion des Kongo zu organisieren. Treibende Kraft hinter diesem Komplott ist ein anonymes Konsortium, das sich im Gegenzug für die zur Verfügung gestellten Waffen an den Bodenschätzen des Kongo bereichern will.

Bruno Salvador nutzt am Ende der Konferenz eine Gelegenheit mehrere Cassetten mit Mitschnitten der Konferenz zu stehlen, in der Absicht, einen neuerlichen Krieg im Kongo zu verhindern. In dieses Vorhaben wird auch Brunos neue Freundin Hannah verstrickt, die er erst am Tag vor der geheimen Konferenz kennengelernt hat. Auch sie stammt aus dem Kongo und ist eine Bewunderin des Mwangaza. Nach einige nicht sehr spannenden Verwicklungen endet der versuchte Staatsstreich in einem Desaster und Hannah und Bruno werden in den Kongo abgeschoben. Dort wird alles gut.

Ja und? Ein routiniert geschriebener, nicht sehr spannender Roman, der weder in den Haupt- noch in den Nebenfiguren besonders überzeugt. Der Ich-Erzähler ist eine höchst naive Figur, die sich überrascht sieht, dass alle Personen, von denen er Hilfe erwartet, mehr oder weniger in die Abläufe verstrickt sind, obwohl er zuvor schon weiß, dass sie mehr oder weniger in die Abläufe verstrickt sind. Die interessanteste Figur des Buches, Hannah, kommt nur auf etwa 10 % der Seiten überhaupt vor und ist dann auch noch seitenweise mit irgendwelchen Liebeshändeln beschäftigt. Wenn sie schließlich auf offener Straße entführt wird, stellt sich dies als wesentlich harmlos heraus. Überhaupt scheint das Buch von der realistischen Annahme auszugehen, dass »Helden« nicht nur überflüssig, sondern gänzlich unglaubwürdig sind. Das wenigstens könnte man goutieren.

Immerhin ist es erstaunlich, dass le Carré mit weit über 70 Jahren noch die Mühe auf sich nimmt, Romane zu schreiben. Vielleicht lege ich in Kürze »The Constant Gardener« wenigstens mal auf den Nachttisch.

John le Carré: Geheime Melodie. List, 2006. Pappband, 415 Seiten. 22,– €.

»Sylvie und Bruno«

carroll_sylvieEin in mehrfacher Hinsicht merkwürdiges Buch: Es ist der umfangreichste Text von Lewis Carroll und wahrscheinlich auch einer seiner ungelesensten. Arno Schmidt hat das Buch sehr gelobt und an ihm seine These demonstriert, dass es sich bei Carroll um den »Kirchenvater aller modernen Literatur« handele, was nur eine knollige Ansicht mehr ist.

Für Arno Schmidt war das Buch wichtig, weil es ein Beipiel für das ist, was er ein »Längeres Gedankenspiel« nennt. Carroll konstruiert in »Sylvie und Bruno« einen Doppelroman, dessen beide Ebenen über den Ich-Erzähler miteinander verbunden sind: Auf der »Realitäts«-Ebene ist es eine Liebesgeschichte zwischen Arthur, einem jungen Freund des Ich-Erzählers, und Lady Muriel, die einander nach längeren Umständen endlich finden, dann wieder verlieren usw. usf. Ich will nicht zuviel verraten, wenn auch alles sehr vorhersehbar konstruiert ist. Spannend wird das Buch aber dadurch, dass der Erzähler regelmäßig in »irrliche« Zustände gerät, in denen er teils Beobachter, teils Mitspieler einer Elfenwelt ist, deren Protagonisten die Geschwister Sylvie und Bruno sind. Sylvie ist Brunos ältere Schwester, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, während Bruno noch ganz phantastisches Kind ist. Auf dieser zweiten Ebene herrschen ausgelassene Phantastik und Wortwitz, während die »Realität« des Romans zunehmend altbacken moralischer und bis an die Grenze des Erträglichen religiös durchtränkt wird.

Noch in einer weiteren Hinsicht ist das Buch merkwürdig zu nennen, denn obwohl es alles andere als bekannt ist, hat es seit 1980 gleich zweieinhalb Übersetzungen dieses Textes gegeben. Im Jahr 1980 erschien nämlich beim Robinson Verlag der erste Band des auch im Englischen zweibändigen Werkes in einer Übersetzung von Michael Walter. Sie trägt den ein wenig schmidtsch anmutenden Titel »Sylvie & Bruno. Eine Historie« und hat die weitere Merkwürdigkeit, dass gemäß Arno Schmidts Vorstellung vom »Längeren Gedankenspiel« die beiden Ebenen des Buches auch drucktechnisch kenntlich gemacht wurden: Behandelt der Text die »Realität«, so rückt der Textblock an den linken Rand der Seite, erzählt er von der Elfenwelt, so rückt er nach rechts. Das ist ohne Frage nach dem Vorbild von Schmidts Roman »Kaff auch Mare Crisium« so gestaltet worden. Offenbar war das Buch bei Robinson kein Erfolg, denn der zweite Band ist dort nie erschienen.

Einige Jahre später lieferte dann Goldmann eine vollständige deutsche Ausgabe in der Fassung Dieter H. Stündels unter dem etwas reißerischen Titel »Sylvie & Bruno. Ein phantastischer Nonsense-Roman«; mag sein, dass der Übersetzer am Untertitel unschuldig war, denn diese Übersetzung ist dann 1994 bei Häusser in Darmstadt nochmals gedruckt worden, nun allerdings mit dem ebenso frei erfundenen Untertitel »Die Geschichte einer Liebe«.

Und als sei dies alles nicht genug, hat im vergangenen Jahr dtv eine weitere Ausgabe vorgelegt, diesmal unter dem gänzlich unauffälligen Titel »Sylvie und Bruno. Eine Geschichte« und wieder in einer Übersetzung durch Michael Walter, der allerdings diesmal für die zahlreichen Gedichte des Buches auf die Mitarbeit von Sabine Hübner gebaut hat. Besonders wird diese Ausgabe durch die Tatsache, dass Walter den Text offensichtlich komplett neu übersetzt hat. Seine neue Übersetzung unterscheidet sich in Wortwahl und Duktus prägnant von der früheren, und wir haben hier den seltenen Fall, die zeitliche Verwerfung von 25 Jahren in der Entwicklung eines Übersetzers studieren zu können. Man möchte fast sagen: Schade, dass dies nicht an einem besseren Buch geschehen ist als gerade an Carrolls »Sylvie und Bruno« – aber man kann nicht alles haben.

Auch in der Neuübersetzung Walters ist das Buch für den modernen Leser nicht wirklich zu retten, wenn man einmal von eher theoretischen Annäherungen wie denen Schmidts absieht, die für Schmidts Werk sicherlich von Bedeutung sind, für den unverdorbenen unbelasteten Leser aber keine große Rolle spielen können. Die Feengeschichte des Buchs ist durchaus gelungen, und die zahlreichen Gedichte des Buches bringen die Art von Vergnügen, die man bei Carroll gewohnt ist. Was aber die »Realität« des Buches angeht, so ist sie – wie bereits angedeutet – in weiten Teilen eher hölzern und ermüdend; nur hier und da blitzt ein Gedankenspiel auf, das ahnen lässt, was Carroll möglich gewesen wäre, wenn er nicht um jeden Preis einen Roman hätte schreiben wollen. Von daher ist das Buch nur Lesern mit großer Geduld zu empfehlen oder solchen, die den Differenzen der beiden Walterschen Übersetzungen nachspüren wollen.

Lewis Carroll: Sylvie und Bruno. Eine Geschichte. Aus dem Englischen von Michael Walter und Sabine Hübner. Mit 92 Illustrationen von Harry Furniss. dtv 13289. München: dtv, 2006. 15,– €.

Die eine Hälfte des Verfalls

gibbon_printEs ist ein merkwürdiger Torso, den dtv im November 2003 mit seiner neuen, anspruchsvollen Übersetzung des Gibbon dem deutschen Publikum vorgelegt hat: Mit Michael Walter übersetzt einer der profiliertesten und besten Kenner des Englischen des 18. Jahrhunderts das bedeutende Geschichtswerk der vorromantischen Epoche neu und – lässt es zugleich bleiben. Edward Gibbons »Decline and Fall of the Roman Empire« ist im englischsprachigen Raum wahrscheinlich die bis heute meistgelesene umfangreiche geschichtliche Darstellung überhaupt. Das Buch sorgte aufgrund seines distanzierten Blicks auf das frühe Christentum im Römischen Reich schon während seines Erscheinens europaweit für Aufregung, und die ersten Bände wurden bereits vor Abschluss des Gesamtwerks erstmals ins Deutsche übersetzt. Seitdem hat Gibbons monumentale Darstellung immer neue Auflagen sowohl des Gesamtwerks als auch diverser Ausgliederungen erlebt.

Der Text der neuen dtv-Ausgabe umfasst die ersten drei der insgesamt sechs Bände des Originals und endet mit dem Untergang des Weströmischen Reiches. Die nachfolgenden drei Bände, die die Geschichte Ostroms, sprich Byzanz’ bzw. Konstantinopels bis zur Eroberung der Stadt im Jahr 1453 enthalten, fehlen kommentarlos. Es findet sich weder eine herausgeberische Reflexion zu dieser Halbierung noch etwa die Ankündigung einer Fortsetzung oder Vervollständigung der vorgelegten Ausgabe.

Eine weitere Merkwürdigkeit tritt hinzu: Mit Michael Walter zeichnet, wie bereits gesagt, ein profilierter und stilistisch brillanter Übersetzer für den deutschen Text dieser Teil-Ausgabe verantwortlich, wenigstens für einen Teil des Teils. Denn Walter scheint seine Übersetzung nach dem Kapitel XXXII abgebrochen zu haben; alle Fußnoten, die Kapitel XXXIII bis XXXVIII und die den dritten Band des Gesamtwerks abschließenden »General Observations on the Fall of the Roman Empire in the West« sind von Walter Kumpmann übersetzt. Auch diesen Umstand thematisiert die Ausgabe so wenig wie möglich, geschweige denn, dass sie ihn erklärt.

gibbon_fallAls sei dies alles nicht merkwürdig genug, hat sich der Verlag der Digitalen Bibliothek, die normalerweise für umfängliche und möglichst vollständige Ausgaben steht, entschlossen, den Torso des dtv-Verlages unverändert (inklusive der Druckfehler) und ohne Ergänzungen auf einer CD-ROM zu publizieren. Dabei ist das mit den »Ergänzungen« allerdings auch leichter hingeschrieben als getan, denn die letzte einigermaßen vollständige Ausgabe des »Verfalls und Untergangs« stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts und dürfte vermutlich in einem auffälligen stilistischen Kontrast zu Walters Übersetzung stehen. Und die Beigabe des englischen Textes hätte die digitale Ausgabe nicht nur im Preis bedeutend teurer (und damit unverkäuflicher) gemacht, sondern den fragmentarischen Charakter dieser deutschen Ausgabe entweder verdoppelt oder überaus auffällig gemacht, je nachdem ob man nur drei oder alle sechs Bände im Englischen beigegeben hätte.

Sieht man von all diesen Halbheiten einmal ab, so präsentieren die beiden Ausgaben den seit ungefähr 200 Jahren vollständigsten und sicherlich lesbarsten Gibbon in deutscher Sprache. Für den heutigen Leser ist weniger die sachliche Richtigkeit der Darstellung Gibbons en détail entscheidend als vielmehr sein erzählender Stil, sein origineller Blick und sein Humor, denn dies sind die Eigenschaften, die den konstanten Erfolg des Buches über die Jahrzehnte hinweg garantiert haben.

Mit dem ehrwürdigen Prokonsul [Gordian] wurde zugleich sein Sohn, der ihn als Legat nach Africa begleitet hatte, zum Kaiser erklärt. Er war weniger sittenstreng, doch im Wesen ebenso liebenswürdig wie sein Vater. Zweiundzwanzig anerkannte Konkubinen und eine zweiundsechzigtausend Bände umfassende Bibliothek bezeugten die Vielfalt seiner Neigungen, und wie seine Hervorbringungen beweisen, dienten beide Sammlungen mehr dem Gebrauch als zur Prahlerei.

Die Ausgabe wird ergänzt durch zahlreiche Bibliographien, ein Personenregister und einen hervorragenden, knapp 100 Seiten langen Essay von Wilfried Nippel über Gibbon. Zwischen der gedruckten und der digitalen Ausgabe besteht ein Preisunterschied von 48,– € und dies könnte ein Vermarktungsmodell für die Zukunft darstellen: Umfangreiche Werke, die im Taschebuch erscheinen, werden nach einigen Jahren als digitale Ausgaben auf den Markt gebracht, die so zum Taschenbuch des Taschenbuchs werden könnten. Die üblichen Vorteile einer digitalen Ausgabe mit der bewährten Software der Digitalen Bibliothek mit Volltextsuche, Lesezeichen, Notizen und Markierung verstehen sich als Dreingaben inzwischen ja beinahe von selbst.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. 6 Bde. dtv, 2003. Kartoniert, 2296 Seiten. 78,– €.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. Digitale Bibliothek Band 161. Berlin: Directmedia Publishing, 2007. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Das witzigste Buch der Welt

shandyAnlässlich der stark beworbenen Neuausgabe der Übersetzung von Michael Walter beim Eichborn Verlag möchte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, auf eines der witzigsten Bücher der Weltliteratur hinzuweisen: Laurence Sternes »Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman«. Es gibt nicht viele Bücher, die man in seinem Leben immer und immer wieder lesen kann, ohne dass sie ihren Reiz und Witz irgendwann einmal verlieren; der »Tristram Shandy« gehört sicherlich dazu.

Denn ungewöhnlich ist das Buch in beinahe jeder Hisicht. Aber langsam! Fangen wir mit dem an, was sich ohne zu große Verwirrung zu stiften, sagen lässt: »Tristram Shandy« ist zwischen 1759 und 1767 in neun Bänden in London erschienen. Sein Autor, Laurence Sterne (1713–1768), entstammte einer englischen Offiziersfamilie, war in Irland geboren worden, und zu dem Zeitpunkt, als er seinen Roman schrieb, seit 20 Jahren Geistlicher. Die ersten beiden Bände des »Tristram Shandy« machten den Autor über Nacht berühmt und zu einem gefeierten und gesuchten Gast der Londoner Salons. Auch in Paris, das er Ende 1762 auf dem Weg nach Südfrankreich besuchte, wurde er triumphal empfangen und gefeiert. Er war einer der Literaturstars seiner Zeit. Neben dem »Tristram Shandy« existiert noch eine Sammlung von Predigten und im Todesjahr 1768 erschien »A Sentimental Journey through France and Italy« in zwei Bänden. Damit ist Sternes Werk auch schon so gut wie ausgeschöpft.

Der Ich-Erzähler und Held des »Tristram Shandy« ist wahrscheinlich einer der ungewöhnlichsten, sicherlich aber der unordentlichste Erzähler der Weltliteratur. Von jedem Gedanken, jedem Einfall lässt er sich ablenken, immer fällt ihm noch etwas ein, das er noch kurz erzählen muss, bevor er mit seiner Geschichte weiterkommen kann, wobei er in der Abschweifung gleich die nächste Abschweifung beginnt und so weiter und so fort. Den Anfang seiner Lebensgeschichte macht er mit einem Bericht, beinahe schon einer Klage über seine eigene Zeugung:

Wenn doch mein Vater oder meine Mutter oder eigentlich beide – denn beide waren gleichmäßig dazu verpflichtet – hübsch bedacht hätten, was sie vornahmen, als sie mich zeugten! Hätten sie geziemend erwogen, wieviel von dem abhinge, was sie damals taten – daß es also nicht nur die Erzeugung eines vernünftigen Wesens galt, sondern daß möglicherweise die glückliche Bildung und ausgiebige Wärme des Körpers, daß vielleicht des Menschen Geist und seine ganze Gemütsbeschaffenheit, ja sogar – denn was wußten sie vom Gegenteile? – das Wohl und Geschick seines ganzen Hauses durch ihren damals vorherrschenden Seelen- und Körperzustand bestimmt werden konnte; – wenn sie, wie gesagt, das alles getreulich erwogen und überdacht hätten und dementsprechendvorgegangenwären, sowürde ich nach meiner Uberzeugung eine ganz andere Figur in der Welt gemacht haben als die, in welcher mich fortan der Leser dieses Buches erblicken wird.

(Übers. v. Rudolf Kassner)

Und nachdem er im Folgenden die Umstände seiner Zeugung mit einiger Sorgfalt »ab ovo« – um wie Tristram Shandy selbst mit Horaz zu sprechen – dargelegt hat, braucht der Erzähler immerhin bis ins dritte Buch hinein, um überhaupt bis zu seiner Geburt und zugleich Nottaufe vorzudringen. Im Weiteren erfahren wir, warum nach Auffassung der Kirche Kinder nicht mit ihren Müttern verwandt sind, was für eine geheimnisvolle Bewandnis es mit Nasen und Namen hat, wie und – im doppelten Sinne – wo Tristrams Onkel Toby in Flandern bei der Belagerung von Namur verletzt wurde und was diese Verletzung für Folgen zeitigte, wir kommen an der berühmten schwarzen und der noch berühmteren bunten Seite des Buches vorüber – jene ein Symbol der Trauer, diese ein Symbol der Buntscheckigkeit des Buches und des Lebens –, vermissen ein ganz und gar aus dem Buch herausgerissenes Kapitel, werden vom Erzähler zum Kapitelanfang zurückgeschickt, weil wir beim Lesen nicht gut genug aufgepasst haben, und was der Leseabenteuer mehr sind. »Tristram Shandy« ist eine solch übersprudelnde Quelle von Einfällen, Pointen, nichtsnutzigen Verweisen, falschen und richtigen Zitaten, philosophischen Weis- und Dummheiten, dass es eine reine Freude ist. In diesem Buch kann man versinken, die Welt vergesssen und sie wiederfinden. In jeglicher Hinsicht ein Zauberbuch.

Das Buch war im 18. Jahrhundert ein solch grandioser Erfolg, dass es nicht nur rasch in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt wurde, sondern dass es eine ganze Reihe von Nachahmern gefunden hat: Die Sterneiana sind auch in Deutschland eine wichtige Literaturtradition, die sich bis ins zwanzigste Jahrhundert fortgesetzt hat; aber davon müssen wir ein andermal erzählen.

Die nun bei Eichborn wieder aufgelegte Übersetzung Michael Walters ist die späteste und modernste Übersetzung des Textes. Die erste deutsche Übersetzung stammt von dem bedeutenden Verleger und Übersetzer Johann Christoph Bode und erschien 1774. Später ist das Werk noch des öfteren übersetzt worden; die Eindeutschungen von Seubert (1880) und Kassner (1937) dürften auch heute noch bedeutsame Alternativen darstellen. Dass sich schließlich Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einer der besten deutschen Übersetzer – Michael Walter – daran gemacht hat, den »Tristram Shandy« neu ins Deutsche zu übertragen, hatte seine erste Ursache in einem Aufsatz Arno Schmidts. Der hatte in »Alas, poor Yorick!« (1963) nicht nur eine der damals noch im Druck befindlichen Überarbeitungen der Bodeschen Übersetzung auf gut irokesisch massakriert, sondern verstärkt auch auf den seiner Meinung nach weitgehend ignorierten sexuellen Grundbass des Buches hingewiesen.

Michael Walter machte es sich nun zur Aufgabe, eine Übersetzung zu liefern, die gerade diesen Basso continuo sexueller Anspielungen und Wortspiele deutschen Lesern sichtbar machen sollte. Dabei ist ihm dieser Klang zum Teil recht deutlich geraten, hier und da sicher auch deutlicher als im Original. Aber wenigstens eines kann der deutsche Leser der Walterschen Übersetzung nur mit Mühe: Ignorieren, dass es sich bei »Tristram Shandy« auch um ein Buch des sexuellen Witzes handelt.

Ohne jede Frage ist die Waltersche Eindeutschung grandios und virtuos geraten. Aber vielleicht ist es doch besser, das Buch zuerst einmal – mehrmals lesen wird man es ohnehin, wenn man es denn einmal mit Genuss gelesen hat – in der Übersetzung von Rudolf Kassner zu lesen (Diogenes Taschenbuch 20950). Auch Kassner hat die sexuelle Ebene des Textes durchaus wahrgenommen und mitübersetzt, ist aber deutlich dezenter als Walter. Und so mag es der einen oder dem anderen eher gelingen, auch auf die anderen Töne zu hören, die bei Walter manchmal drohen im allzureichen Glockenklang unterzugehen. Aber ganz gleich, welchen Zugang man auch wählt, für »Tristram Shandy« gilt der alte Satz Lichtenbergs: »Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.«

Laurence Sterne: Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys. Aus dem Englischen von Rudolf Kassner. Zürich: Diogenes, 1982. (detebe-Klassiker 20950). Broschiert, 810 Seiten. 14,90 €.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Ins Deutsche übertr. u. hrsg. v. Michael Walter. Neuausgabe Frankfurt: Eichborn, 2006. 852 Seiten. 39,90 €.

David Lodge: Autor, Autor

188967399_14e15afd94David Lodge, englischer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, hat sein neues Buch einem Klassiker der englischsprachigen Literatur gewidmet: Es erzählt die Lebensgeschichte des amerikanischen Autors Henry James (1843–1916). Doch »Autor, Autor« ist keine Biografie, sondern ein Roman, der sich aber in nahezu allen Details an die Tatsachen hält.

Henry James hat heute in der englischsprachigen Welt in etwa den Status, den Theodor Fontane in der deutschsprachigen Literatur einnimmt: eine der wichtigen Stationen auf dem Weg zum modernen Roman. Das war aber nicht immer so. David Lodge konzentriert sich im Hauptteil seines Buches auf eine Zeit der Krise im Leben von Henry James, der seit Ende 1876 hauptsächlich in London lebte. Ende der 1880er Jahre ist sein Ruhm als Autor im Schwinden begriffen, der Absatz seiner Bücher geht von Jahr zu Jahr zurück und James sieht sich auf lange Sicht einer ernsthaften finanziellen Notlage gegenüber.

Da kommt es ihm gerade recht, dass er Ende 1888 die Anfrage einer englischen Theatertruppe bekommt, die ihn bittet, seinen Roman »Der Amerikaner« zu einem Theaterstück umzuarbeiten. Nach anfänglichem Zögern begreift James dieses Angebot als Chance, seine finanzielle Lage dauerhaft abzusichern. Er geht nicht nur auf das Angebot ein, sondern entwirft zugleich den Plan, eine Karriere als Bühnenautor zu beginnen. Erst nach mehr als fünf Jahren wird James die Fruchtlosigkeit seiner Versuche endgültig einsehen. Lodge beschreibt die Hoffnungen, Anstrengungen, Erfolge und Niederlagen, die James in diesen Jahren durchlebt, mit großer Sensibilität und Empathie.

Begleitet wird die Erzählung dieser Lebensphase von der Darstellung zweier wichtiger Freundschaften mit anderen Autoren: George du Maurier (dem Großvater von Daphne du Maurier), eigentlich Zeichner, der 1894 mit seinem Roman »Trilby« einen Megaseller schreibt, und Constance Fenimore Woolson, der Frau, die dem lebenslang keuschen Henry James wohl am nächsten stand; auch sie war als Autorin kommerziell wesentlich erfolgreicher als James.

Dieser Hauptteil wird durch die Erzählung der letzten Wochen gerahmt, die Henry James durchlebt: Seinem langsamen geistigen Verfall nach einem Schlaganfall, der Ehrung durch das englische Königshaus mit dem Order of Merit, seinem Tod und schließlich einem Ausblick auf seinen Nachruhm, der in der englischsprachigen Welt bis heute anhält.

Lodges »Autor, Autor« ist ein ruhig und sorgfältig erzählter Roman, was seinem Inhalt auch ganz angemessen ist. An einer Stelle macht sich Lodge beinahe ein wenig lustig über Henry James und zugleich über sich selbst:

Das Thema […] war reizvoll, aber er gab bereitwillig zu, daß der Roman mit zu vielen Kommentaren behaftet und im Tempo zu gemächlich war. [S. 137]

Doch wer ein wenig Geduld für das Buch aufbringt und sich für Schriftsteller und das späte 19. Jahrhundert interessiert, sollte »Autor, Autor« auf jeden Fall lesen.

David Lodge: Autor, Autor. Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, 2006. Fadenheftung; 544 Seiten. 17,90 €.

August Wilhelm Schlegel: Etwas über William Shakespeare …

154528499_9fb0ea1878_zImmer noch in den Nachwehen der Lektüre von König Richard II. Bei der Sekundärlektüre bin ich unter anderem auf die frühen Aufsätze August Wilhelm Schlegels gestoßen, die seinen ersten Übersetzungen Shakespeares vorausgehen: »Etwas über William Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm Meisters« und »Über Shakespeares Romeo und Julie«, beide zuerst in Schillers »Horen« (1796 und 1797) erschienen. Begleitet wurden die Aufsätze von ersten Proben der Schlegelschen Übersetzung aus »Romeo und Julia« und »Der Sturm«. Schlegel war damals für kurze Zeit ein Mitarbeiter an Schillers Zeitschrift, geriet allerdings mehr und mehr in eine unangenehme Situation, da sowohl seine Verlobte und baldige Ehefrau als auch sein Bruder eine immer öffentlichere Opposition gegen Schiller in Szene setzten. Schon im Mai 1797 endet die kurze Zusammenarbeit.

Die beiden Aufsätze enthalten so etwas wie eine Programmatik des Schlegelschen Übersetzungsprojektes, das ursprünglich den gesamten Bestand an Shakespeares Stücken umfassen sollte. »Etwas über William Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm Meisters« nimmt, wie der Titel schon andeutet, seinen Ausgang bei den Äußerungen Wilhelm Meisters über »Hamlet«, besonders im 13., 14. und 15. Kapitel der »Lehrjahre«, bleibt aber nicht dort stehen, sondern beschäftigt sich im Weiteren sehr detailliert mit formalen Aspekten, insbesondere der Dialogführung und Versifikation bei Shakespeare.

»Über Shakespeares Romeo und Julie« ist eine Verteidigung des Stücks an mehreren Fronten: Shakespeares inhaltlicher Rückgriff auf auf das Gedicht Brookes, dem es nicht nur die Handlung, sondern auch mannigfache Details verdankt, wird dadurch gerechtfertigt, dass gerade hierdurch sich Shakespeares dramatisches Genie am lautersten beweisen könne – ein gänzlich belangloser Einwand, da zu Shakespeares Zeit natürlich niemand, am wenigstens Shakespeare selbst, die Not hatte, die Originalität seiner Stücke beweisen zu müssen. Anschließend verteidigt Schlegel das Stück gegen verschiedene Einwände und Bearbeitungen der englischen Shakespeare-Kritik, die dem deutschen Publikum bis dahin wahrscheinlich durchweg fremd und deshalb auch unerheblich waren. Spannend wird dieser Aufsatz, der recht deutlich das intellektuelle Rüstzeug aufscheinen lässt, mit dem sich Schlegel an die Übersetzung begeben hat, durch die von ihm entwickelte romantische Dramaturgie des Stückes, die die Figuren auch in den überspanntesten Momenten als natürlich und wahrhaftig verstehen will.

Leider sind die meisten Schriften August Wilhelm Schlegels im Buchhandel zur Zeit nur in einer hochpreisigen Reprintausgabe zugänglich:

Schlegel, August W. von: Sämmtliche Werke
Olms, 1971 ff. ISBN 3-487-03354-2
Leinen – CLVII, 6196 Seiten – 714,79 Eur[D]

Die hier besprochenen Aufsätze sind im Band 7 dieser Ausgabe zu finden.

William Shakespeare: König Richard II.

139681116_ad38eae79eFrank Günthers Neuübersetzung des Shakespeareschen Gesamtwerks bringt seit einigen Jahren mit bewundernswerter Regelmäßigkeit etwa vier Bände pro Jahr hervor. Derzeit liegen 23 Bände von geplanten 39 vor; die Bände sind vorzüglich ausgestattet: Ein angenehm ganz leicht gelbliches Werkdruckpapier, ein silbergrauer Leineneinband mit für jeden Band individueller zweifarbiger Prägung, deren Motiv sich auf dem Vorsatzpapier wiederholt und zwei Lesebändchen in den Farben des Vorsatzes. Neben dem exklusiven Inhalt schlägt diese Ausstattung mit 25 bzw. 28 € pro Band zu Buche, von denen allerdings bei Subskription des Gesamtwerks noch 15 % nachgelassen werden.

Alle Bände liefern den kompletten englische Text und die Neuübersetzung Günthers auf gegenüberliegenden Seiten und einen umfangreichen Anhang mit ausführlichen Erläuterungen, Nachrichten des Übersetzers »aus der Übersetzerwerkstatt« zum jeweiligen Band und einem Essay eines Shakespeareforschers, der sich mit der Entstehung, den Quellen, der zeitgeschichtlichen Einordnung und der Rezeption des Werkes beschäftigt. Von Geschmacksfragen im Einzelnen abgesehen, kann diese Edition nur als vorbildlich bezeichnet werden.

Natürlich steht und fällt eine solche neue deutsche Gesamtausgabe Shakespeares mit der Qualität der angebotenen Übersetzung. Shakespeare hat in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine so reiche Übersetzertätigkeit hervorgerufen wie kein anderer englischsprachiger Autor sonst. Er wurde während des 19. Jahrhunderts dann nach Goethe und Schiller der »dritte Klassiker« im deutschen Sprachraum, und die Schlegel/Tiecksche Übertragung der Stücke bekam einen Normcharakter, der bald von den konkreten Zeitumständen, die diese Texte hervorgebracht hatten, gänzlich losgelöst erschien. Gegen diese scheinbare Zeitlosigkeit nicht nur einzelne Übersetzungen, sondern gleich eine komplette Neuausgabe eines einzigen Übersetzers setzen zu wollen, ist alles andere als kleines Unternehmen.

Günther versucht es daher bei seinen Übersetzungen mit so wenig Programmatik wie möglich und so viel Pragmatik wie nötig. Sein Ziel ist es, den heutigen deutschen Lesern und Zuschauern einen Text anzubieten, der ihnen Shakespeare so unmittelbar wie möglich zugänglich macht. Sprachliche Barrieren sollen weitgehend vermieden werden, Pointen als Pointen, Sprachspiele als Sprachspiele erkennbar sein. Das hat seine natürlichen Grenzen, die Günther auch anerkennt und deutlich macht. Günther erhebt auch nicht den Anspruch, dass seine Übersetzung alle anderen überflüssig macht, eher dass sie die anderen Versuche ergänzt und einen alternativen Zugang zum Werk Shakespeares öffnet. Er ist sich dabei der unvermeidlichen Subjektivität eines solchen Unternehmens bewusst, ohne diese Subjektivität als Ausrede für Beliebigkeit oder Bequemlichkeit zu missbrauchen.

Für mich ist die Übersetzung von Frank Günther rasch meine Leseausgabe Shakespeares geworden, nicht nur, weil sie bequem den englischen und einen guten deutschen Text parallel liefert, sondern auch wegen der Anhänge, die in der Regel alle wesentlichen Kommentare und Hinweise zur historischen Einordnung und zum Verständnis des Stückes enthalten.

William Shakespeare: König Richard II. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachiuge Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 10. Cadolzburg: ars vivendi, 2000. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen,352 Seiten. 28,– €.

Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time

136098253_a6be5e40b6Ein durch und durch freundliches und liebenswertes Buch, dem allerdings passagenweise seine Konzeption als Jugendbuch deutlich anzumerken ist. Erzählt wird das Buch von Christopher Boone, einem leicht autistischen 15-Jährigen, dessen Leben zunehmend aus den Fugen gerät, nachdem er den mit einer Gartenforke getöteten Hund einer Nachbarin entdeckt und sich entschließt, seinem Vorbild Sherlock Holmes folgend aufzuklären, wer für den Tod des Hundes verantwortlich ist. Christopher lebt mit seinem Vater zusammen in dem kleinen englischen Ort Swindon, besucht eine Sonderschule und ist offensichtlich mathematisch und naturwissenschaftlich hochbegabt. Er weiß auch um diese Begabung, und sein Ziel ist es, eine staatliche Mathematik-Prüfung zu bestehen, die ihm später den Zugang zur Universität ermöglichen wird.

Das Besondere am Buch ist, dass die weitgehend entlang von bekannten Klischees erzählte Fabel durch die Sicht Christophers auf die Welt gebrochen wird. Sowohl seine durchgängige Furcht vor Fremden und Fremdem als auch seine Methode, die Welt durch Pläne, Zahlen und Listen »in Ordnung« zu bringen und zu halten, machen den Witz des Buches aus. Das beginnt schon damit, dass die Kapitel nicht wie gewöhnlich mit natürlichen Zahlen, sondern mit Primzahlen durchgezählt werden. Zwischendurch erzählt Christopher auch immer mal wieder eines seiner liebsten mathematische Rätsel oder eine bemerkenswerte naturwissenschaftliche Tatsache. So wird beispielsweise en passant das »Ziegen-Problem« gelöst oder dem Leser das Problem des »Zukunftslichtkegels« veranschaulicht. Cristopher erklärt außerdem sehr genau, wie sich seine Wahrnehmung der Welt von der eines »normalen« Menschen unterscheidet, und warum dieser Unterschied dazu führt, dass er sich in neuen Umgebungen und mit unbekannten Menschen so unsicher fühlt.

Angesichts seiner großen erzählerischen Vorzüge sollte man dem Buch seine etwas triviale Fabel schlicht verzeihen. Ein Buch zum Selbstlesen und Weiterverschenken!

Haddon, Mark: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time.
Vintage, 2004. ISBN 1-4000-7783-4
Broschiert – 226 Seiten – ab ca. 5,00 EUR

Deutschsprachige Ausgabe:
Haddon, Mark: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Goldmann. ISBN 3-442-46093-X
Kartoniert – 288 Seiten – 8,95 Eur[D]

George Orwell: 1984

106060847_82990d4948Zur Wiederlektüre nach über 20 Jahren bin ich auf etwas verschlungenem Weg gekommen: Als ich mir die die Verfilmung des »Merchant of Venice« durch Michael Radford anschaute und mich zu erinnern versuchte, ob ich schon jemals einen anderen Fim dieses Regisseurs gesehen hatte, stellte ich überrascht fest, dass er auch für die Verfilmung von »1984« verantwortlich war. Ich habe dann zuerst den Film nach 22 Jahren noch einmal angeschaut und dann, neugierig wie nah am Buch die Verfilmung wohl sein möchte (sie ist erstaunlich nah am Buch!), das ebenfalls 22 Jahre alte und noch ungelesene Taschenbuch mit der Übersetzung durch Michael Walter aus dem Regal gezogen. Ich hatte noch zu Schulzeiten die ältere Übersetzung von Kurt Wagenseil gelesen, dann im Jahr des Titels brav die neue Übersetzung gekauft, eingestellt und seitdem von Mal zu Mal mit umgezogen.

Weit besser hätt’ ich doch mein weniges verpraßt,
Als mit dem wenigen belastet hier zu schwitzen!
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

Nun aber zum Buch: Wiedergefunden habe ich nicht, was ich erwartet hatte. Was sich im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt und mit den Jahren auch meine frühere Lektüre überlagert hat, ist das Bild eines technisierten Überwachungsstaates. Überwachungsstaat mag gerade noch angehen, von Technisierung aber kann kaum die Rede sein. Überhaupt wird nur ein geringer Anteil der Bevölkerung – hauptsächlich die Mitglieder der »Äußeren Partei« – tatsächlich überwacht und auch bei denen ist der Grad der Kontrolle höchst unklar, was einen nicht unwesentlichen Anteil der von der Partei ausgeübten Macht darstellt.

Vorherrschend aber ist ganz etwas anderes: Not und Elend in einem immerwährenden Kriegszustand, nahezu kompletter Mangel an futuristischer Technik – einzig der »Sprechschreiber« geht wesentlich über den technischen Horizont der 1940er Jahre hinaus –, statt dessen krudeste ideologische und psychologische Methoden, deren Anwendung nicht nur in Bezug auf den Erfolg fraglich erscheinen müsste, sondern auch im fiktionalen Gefüge des Romans eigentlich keinen Platz hat. Wenn die Partei tatsächlich die Vergangenheit so perfekt beherrscht, wie es der Roman vorgibt, so braucht sie auch Märtyrerschaft nicht zu fürchten, da die »vaporisierten« Gedankenverbrecher ja niemals existiert haben. Sie könnte sich daher getrost den mit den Delinquenten betriebenen Aufwand, der dazu führen soll, sie zu linientreuen Genossen zu machen, bevor man sie beseitigt, sparen und die Festgenommenen ohne weiteres ins Jenseits befördern. Geständnisse und Schauprozesse, so man sie denn für die Propaganda benötigt, lassen sich sicherlich unaufwendiger produzieren. Auch bleibt der Versuch unverständlich, die Vergangeheit überhaupt beherrschen zu wollen und immer erneut umzuschreiben anstatt sie einfach auszulöschen. Warum werden denn gedruckte Nachrichten überhaupt noch produziert und ausgeliefert? Wem hat die Partei denn überhaupt etwas zu beweisen? »Doppeldenk« und »Televisor« lassen solchen Aufwand als unnötig erscheinen.

Einzig durch das implizite Menschenbild wird der dritte Teil des Romans interessant: Es existiert in Orwells Utopie kein letzter Zufluchtsort des Individuums in seiner Gedankenwelt, den die Macht nicht erreichen könnte, wenn sie es einmal darauf angelegt hat. Auch der letzte Widerstand des Einzelnen kann gebrochen werden, wenn es die Mächtigen tatsächlich darauf anlegen würden. Insoweit ist Winston Smith eine interessante Gegenfigur zu Kleists Michael Kohlhaas, der sich noch durch das Akzeptieren seines Todes dem Zugriff des Mächtigen entziehen kann.

Erstaunlich, aber dann auch wieder sehr verständlich ist, dass der Roman seine Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein der westlichen Welt so ganz verloren zu haben scheint. Das Gespenst des Überwachungsstaates scheint an Bedrohlichkeit eingebüßt zu haben oder seine Form hat sich inzwischen so verändert, dass Orwells Vision nicht mehr greift. Es steht zu befürchten, dass der Roman in den nächsten zehn Jahren gänzlich obsolet werden wird, falls er es nicht heute schon ist.

Aktuelle Ausgabe:
Orwell, George: 1984
Ullstein Taschenbuch. ISBN 3-548-23410-0
Paperback – 320 Seiten – 7,95 Eur[D]

P.S.: Im Anschluss habe ich auch noch einmal Anthony Burgess’ Essay über Orwells »1984« gelesen, der beispielhaft deutlich macht, wie sehr der Roman eine Extrapolation aus der unmittelbaren Lebenswelt Orwells zum Zeitpunkt der Niederschrift ist.

Robert Graves: I, Claudius

93774459_50f35b4db8Die erneute Lektüre wurde angeregt durch ein Gespräch über die hervorragende BBC-Serie nach Graves beiden Claudius-Romanen, die ich vor einiger Zeit auf DVD gekauft hatte. Ich hatte das Buch als Jugendlicher auf Deutsch gelesen und dann vor über zwanzig Jahren die hier gezeigte deutsch-englische Ausgabe aus dem Jahr 1941 geschenkt bekommen. The Albatros war ein Leipziger Verlag, der auf englische Texte für deutsche Leser spezialisiert war. Der Text ist sehr sorgfältig gesetzt, der Buchblock fadengeheftet und anschließend broschiert. Ich habe das Buch während der Lektüre recht lieb gewonnen.

Diesmal habe ich natürlich gemerkt, wie sehr »I, Claudius« ein geschickt aufgefüllter Sueton ist. Aber die Betonung liegt eben auf dem Wort geschickt, denn Graves gelingt es ganz erstaunlich gut, auf der Grundlage des Berichts von Sueton eine Romanhandlung zu stricken, die die Zeit von den letzten Jahren der Regierung Augustus’ bis zur Einsetzung von Claudius als Kaiser umfasst. Die meisten Leser werden sich so wie ich auf den ersten einhundert Seiten auf den Berichtston des Romans einstellen müssen. Graves gestaltet Claudius als einen Historiker, der auch in dieser privaten Familiengeschichte seine eigentliche Berufung nicht verleugnen kann und will. Später wird der Text auch reicher an Dialogen und damit unmittelbarer in seiner Darstellung, aber er gerät nie zu einem der typischen historischen Romane, wie etwa Clavell oder Jennings sie später geschrieben haben. Mir ist unklar, wie weit dies Berechnung des Autors ist oder ob er einfach Zeit gebraucht hat, um den Ton für das Buch zu finden.

»I, Claudius« ist ein gewendeter Narrrenroman: Claudius kann gelesen werden als klassische Narrenfigur, an deren vermeindlicher Beschränktheit sich die fürchterliche Normalität seiner Welt bricht; in einer solchen Lektüre ist das Spannenste wahrscheinlich, dass der Narr Claudius beinahe als der einzig geistig Gesunde erscheint, während der überwiegende Teil seiner Familie sich auf die ein oder andere Weise dem Wahnsinn überantwortet. Claudius ist der Fels in der Brandung, dessen Stoizismus dem Leser die Ungeheuerlichkeit der berichteten Ereignisse erst glaubhaft und wahrscheinlich macht.

Eine Rezension des Nachfolgebandes »Claudius the God« folgt hier bei Gelegenheit.

Aktuelle Ausgabe:
Graves, Robert: I, Claudius
Penguin, 2001. ISBN 0-14-000318-5
Kartoniert – 400 Seiten – ca. 15,00 Eur