Rudyard Kipling: Kim

»Je mehr man über die Eingeborenen weiß, desto weniger kann man vorhersagen, was sie tun werden oder was nicht.«

Rudyard Kipling ist in Deutschland in der Hauptsache als Autor des „Dschungelbuchs“ wahrgenommen worden; nur wenige dürften wissen, dass er 1907 der erste englische Literaturnobelpreisträger wurde und bis heute der jüngste Träger dieses Preises geblieben ist – Kipling war erst 41 Jahre alt, als ihm der Preis verliehen wurde. Während ihn die meisten deutschen Leser als eine Art von Kinderbuch-Autor ansehen werden, war Kipling in seiner Heimat aufgrund seines politischen Engagements eine höchst umstrittene Person; von seinen Gegnern wurde er gern als Faschist beschimpft, war aber im Grunde wenig mehr als ein erzkonservativer Militarist, der mit der Militärpolitik der britischen Regierungen stets höchst unzufrieden blieb. Auch sein Bild Indiens wurde von seinen ideologischen Kontrahenten gern bespöttelt: Wie man bei George Orwell lesen kann, wurde diesem von Bekannten Kiplings versichert, Kipling habe von Indien nur wenig Ahnung gehabt.

Wie dem auch immer gewesen sein mag, bildet „Kim“ zusammen mit den beiden „Dschungelbüchern“ die Grundlage für das Indien-Bild zahlreicher Europäer. Kipling wurde 1865 in Bombay geboren und stand über die Schwestern seiner Mutter sowohl mit der künstlerischen als auch der politischen Elite Englands in verwandtschaftlicher Beziehung. Kiplings Vater war Künstler und Kunstpädagoge und später Museumsdirektor in Indien; Kipling erhielt zuerst die bei vermögenden Engländern übliche Erziehung in England; er wohnte in dieser Zeit bei seiner Tante Georgiana Burne-Jones, der Frau des Präraphaeliten Edward Burne-Jones. Eine anschließende universitäre Ausbildung in England konnte Kiplings Vater nicht finanzieren, so dass Kipling 1882 nach Indien zurückkehrte und in Lahore einen Job als Journalist bei der Civil & Military Gazette übernahm. In dieser Tageszeitung erschienen dann auch seine ersten Gedichte und Erzählungen. Bereits 1889 verließ Kipling Indien wieder und erreichte nach einer Weltreise London. Bereits verheiratet lebte Kipling anschließend für einige Zeit in den USA, bevor er sich dauerhaft in England niederließ. Als er 1907 den Literaturnobelpreis erhielt, war er bereits ein ebenso weltbekannter wie umstrittener Autor. Alle seine vier Romane hat Kipling in dem Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende verfasst – „Kim“ erschien als letzter 1901 in Buchform –, später beschränkte er sich auf Erzählungen und Gedichte.

Kim, der titelgebende Protagonist des Romans, ist ein halb irischer, halb indischer Waisenjunge, der bei einer Schwester seiner indischen Mutter in Lahore aufwächst. Als der Roman beginnt, ist Kim etwa 12 Jahre alt – die Handlung ist historisch nicht präzise einzuordnen, spielt aber sicherlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts – und von einem eingeborenen Inder kaum zu unterscheiden. Er bewegt sich auf den Basaren wie ein Fisch im Wasser, hat Freunde unter den Fakiren und ist insbesondere befreundet mit dem afghanischen Pferdehändler Mahbub Ali, für den er von Zeit zu Zeit diskret kleine Aufträge erledigt. Erzählanlass aber ist, dass Kim vor dem Museum von Lahore einen Lama, also einen buddhistischen Mönch aus Tibet kennenlernt, dem er sich nahezu augenblicklich als Schüler zugesellt. Die beiden beginnen eine Reise durch Nordindien, da der Lama auf der Suche nach einem geheimnisvollen Fluss ist, der ihm Erleuchtung bringen soll.

Unterwegs treffen die beiden auf das Regiment, zu dem Kims Vater gehörte; Kim wird als Engländer erkannt und man will ihn in eine englische Wai­sen­schu­le stecken. Doch der Lama verpflichtet sich, für Kims Ausbildung zu bezahlen, und so besucht Kim – zwar zuerst nur widerwillig – eine der besten englischen Schulen in Lucknow. Natürlich erweist es sich, dass Mahbub Ali für den englischen Geheimdienst in Indien arbeitet und Kim aufgrund seiner Intelligenz und seiner Fähigkeit, als Inder durchzugehen, für eine Karriere in diesem Dienst vorgesehen ist. Während der Ferien erhält er eine Spezialausbildung als Spion und wird nach dem Ende seiner Schulzeit – er ist nun etwa 16 Jahre alt – zusammen mit seinem Lama wieder auf die Straßen Nordindiens geschickt. Es spinnen sich eine Reihe von Geheimdienst-Abenteuern an, in denen sich Kim natürlich aufs Beste bewährt, aber auch an seine körperlichen Grenzen gerät. Das Buch hat ein offenes Ende, das den Protagonisten nach seiner ersten Bewährungsprobe quasi als Unseren Mann in Ambala in die Welt entlässt.

Kipling erzählt diese Geschichte vor einem breiten Panorama nordindischer Kultur und Landschaft. Hindus, Moslems und Buddhisten treffen aufeinander, Kim und sein Lama geraten bis in die Berglandschaft des Himalaya mit ihren wieder ganz eigenen, lakonischen Bergbauern. Auch sprachlich ist die Erzählung von einer ungewöhnlichen Fülle geprägt; wenn Kipling vielleicht auch nicht so sehr viel von der Politik Indiens verstanden haben mag, wie man dort sprach, wusste er ziemlich genau. Es ist dieser kulturelle Reichtum, der das Buch zu einem Klassiker hat werden lassen. Leider geht in sprachlicher Hinsicht in der Übersetzung notwendig viel verloren, aber Gisbert Haefs ausführlicher Kommentar und sein Nachwort holen einiges davon wieder ein.

Rudyard Kipling: Kim. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. Fischer Taschenbuch 90526. Frankfurt/M.: Fischer, 22016. Broschur, 431 Seiten. 10,99 €.

Sinclair Lewis: Babbitt

Ihm gefiel keines der Bücher. Er spürte darin einen Geist der Rebellion gegen alles Biedere und Bürgerliche. Diesen Autoren – und er fürchtete, sie waren sogar berühmt – lag offenbar nichts daran, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, bei der man seine Sorgen vergessen konnte.

Sinclair Lewis war auch so eine Lücke in meiner Lesegeschichte. Der Mann hatte 1930 als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis bekommen und war in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten US-Autoren. Sein Babbitt wurde erstmal schon 1925 – nur drei Jahre nach seinem Erscheinen – auf Deutsch vorgelegt in einer Übersetzung, die sich bis zuletzt auf dem Markt gehalten hat (die letzte Auflage bei Rowohlt scheint 1995 gedruckt worden zu sein). Nun legt Manesse eine Neuübersetzung durch Bernhard Robben vor, einem der fleißigsten und im Großen und Ganzen zuverlässigen Übersetzer englischer und amerikanischer Hochliteratur.

Babbitt spielt zu Anfang der 20er Jahre in der von Lewis erfundenen Großstadt Zenith irgendwo an der us-amerikanischen Ostküste. Sein Titelheld Georg F. Babbitt ist eine Null des gehobenen Mittelstandes, Immobilienmakler, Mitte 40, von sehr mäßiger Bildung, verheiratet mit Myra, drei Kinder, von denen  zwei noch zur Schule gehen. Die Fabel des Buches ist das Durcharbeiten dessen, was man gemeinhin eine Mid­life­cri­sis nennt. Babbitt ist dort angekommen, wo es nicht mehr recht vorwärts geht: Die Geschäfte laufen gut, kleinere und mittlere Betrügereien werden erfolgreich abgewickelt, seine Ehe ist so langweilig, wie er das erwarten darf, man gibt hier und da eine kleine Party, aber so richtig bewegt sich nichts im Leben des George F. Babbitt. Aus der Bahn wirft ihn dann, dass sein Freund aus Studientagen Paul Riesling nicht nur eine Geliebte hat, sondern schließlich sogar ins Gefängnis muss, weil er auf seine Gattin geschossen und sie verletzt hat.

Babbitt sieht sich vor die Frage gestellt, ob das alles gewesen sein kann. Er versucht, verzweifelt eine Geliebte zu finden, bis ihn dann eine le­bens­fro­he Witwe nimmt, weil gerade nichts besseres da ist. Er versucht es mit Saufen und durchgemachten Nächten, mit der Flucht in die Natur und wird am Ende ein Liberaler, also ein politisch und gesellschaftliche toleranter Mensch, womit er in seiner näheren Umgebung erheblich aneckt. Zwar wird seinen Lebenskrise toleriert, aber als er sich schließlich für einen Anwalt stark macht, der in Sachen Arbeitsrecht und Ge­werk­schaf­ten aktiv ist, hört der Spaß auf: Babbitt wird sozial geächtet und geschäftlich ausgebootet. Eine glückliche Blinddarmentzündung seiner Frau verschafft aber seiner Sentimentalität wieder die Oberhand, so dass es ihm letztendlich gelingt, sich wieder in die Normalität seines alten Lebens einzufinden. Sogar ein besserer Vater ist er durch das Durchlaufen der Krise geworden.

Babbitt ist eine böse und in manchen Teilen scharfe Satire auf den Kult der Normalität in der modernen Gesellschaft. Babbitt ist ein Idiot unter Idioten, die sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen und einander in die Taschen arbeiten. Dieser Kult der Normalität nimmt zum Ende des Buches hin sogar leicht faschistische Züge an, als Babbitt mit wachsendem Druck dazu genötigt wird, einer „Liga Anständiger Bürger“ (im Original die G.C.L., Good Citizens’ League) beizutreten. Der doch noch erfolgende, erleichterte Beitritt Babbitts zum Verein ist das abschließende, ver­nich­ten­de Urteil des Autors über seine Figur.

Das Buch liest sich in der Übersetzung Robben flott weg; der Übersetzer hat auf eine zu deutliche Differenzierung der im Original verwendeten Slangs verzichtet, ja verflacht insgesamt die sprachliche Differenzierung des Buches. Einige wenige Stellen hat er offenbar nur flüchtig gelesen oder auch nicht verstanden; an anderen zeigt er die für ihn üblichen sprachlichen Manierismus: So erscheint es mir etwa fraglich, ob man “chicken croquettes” tatsächlich mit „panierte Hühnerbällchen“ übersetzen sollte. Aber das alles sind Kleinigkeiten, die in der Textmasse verschwinden. Wichtiger ist, dass Robben den satirischen Ton des Textes und seinen Humor genau trifft und so dem deutschen Leser einen ziemlich genauen Eindruck vom amerikanischen Original liefert.

Für mich ist Sinclair Lewis eine echte Entdeckung, und dies wird nicht das letzte Buch sein, das ich von ihm lesen werde.

Sinclair Lewis: Babbitt. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. München: Manesse, 2017. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 784 Seiten. 28,– €.

Aus dem Zugang (1)

Sinclair Lewis wurde 1930 als erstem US-Amerikaner der Nobelpreis für Literatur verliehen. Besondere Erwähnung fanden in der Laudatio unter anderen sein Roman Main Street (1920) und sein Bestseller Babbitt (1922), der gerade bei Manesse in einer neuen Übersetzung von Bernhard Robben vorgelegt wurde. Nun war Sinclair Lewis schon lange ein Desiderat meiner Lesegeschichte, so dass ich die Gelegenheit genutzt habe, und ich wurde nicht enttäuscht: Babbitt ist eine witzige Satire auf den us-amerikanischen Mittelstand der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und ohne Zweifel eines der wichtigen literarischen Vorbilder für die Bascombe-Romane Richard Fords, der allerdings nicht einmal halb so viel wagt wie Sinclair.

Da der Übersetzer im Nachwort anmerkt, er habe den Text sprachlich auf das Deutsche des 21. Jahrhunderts heruntergebrochen (die von Robben verwendete Redeweise vom „möglichst zeitlos […] halten“ der Sprache ist natürlich kompletter Unfug), habe ich mir aus den USA antiquarisch einen Band der Library of America bestellt, um den Grad des Gefälles beurteilen zu können. Der Band war mit 9 € verdächtig billig und erwies sich bei seiner Ankunft als ein Bibliotheksexemplar.

Wie man dem (von mir von einer weiteren Kunststoff-Schicht befreiten) Umschlag des Buches bereits ansieht, hat der Band einiges mitgemacht. Er entstammt – so kann man einem Exlibris auf dem vorderen Vorsatz entnehmen – einer 60 Bände der Library of America umfassenden Schenkung der Andrew W. Mellon Foundation sowie des GFWC Senior Woman’s Club of Muhlenberg (Vorsicht: Link zu Facebook!) an die Muhlenberg Community Library. Die Schenkung muss Ende 1993 oder Anfang 1994 geschehen sein, da das Buch im Mai 1994 in den Bestand der Bibliothek eingearbeitet worden ist, wie es die Ausleihkarte heute noch dokumentiert:

Was diese Karte eben leider auch dokumentiert, ist, dass sich in Muhlenberg (das heute ironischerweise ein Stadtteil von Reading, Pa. ist!) niemand, aber auch gleich gar niemand für die beiden Romane Sinclair Lewis’ interessiert hat. Und so hat sich – leider lässt der Band keinen Schluss darauf zu, wann dies geschehen ist – eine Bibliothekarin in Muhlenberg wahrscheinlich schweren Herzens entschlossen, Platz im Regal zu schaffen und das Geschenk an einen Antiquar zu verkaufen. Ob es direkt oder wie es sonst bei einem Internethändler in Dallas gelandet ist, der es mir dann für 10,60 $ nach Deutschland geschickt hat, ist ebenfalls nicht zu eruieren, jedenfalls nicht von hier aus. Ich will es nun hüten und pflegen, solange ich kann.

Mehr über Babbitt und Sinclair Lewis in Bälde auf dieser Seite.

William Faulkner: Absalom, Absalom!

«Mein Gott, was ist der Süden herrlich, wie? Besser als im Theater, wie? Besser als Ben Hur, wie? Kein Wunder, dass ihr da ab und zu mal wegmüsst.»

Faulkner-AbsalomEs ist eine sehr schöne Entscheidung, unmittelbar auf die Neuübersetzung von „Schall und Wahn“ die von „Absalom, Absalom!“ folgen zu lassen, auch wenn in der Chronologie der Werke Faulkners sieben Jahre und vier Romane zwischen diesen beiden Büchern liegen. Der Grund ist, dass in „Absalom, Absalom!“ Quentin Compson einer der Protagonisten und Erzähler ist, dessen wahrscheinlich letzten Lebenstag im Harvard des Jahres 1910 wir im zweiten Abschnitt von „Schall und Wahn“ mitverfolgt haben. Auf diese Weise bekommt der Leser einen Sinn dafür, wie die meisten Texte Faulkners miteinander in Verbindung stehen und zusammen eine einzige Welt entstehen lassen, deren Vorbild allerdings, als Faulkner seine Romane niederschreibt, als bereits endgültig untergegangen und verloren angesehen werden musste.

„Absalom, Absalom!“ besteht wesentlich aus zwei großen Erzählzusammenhängen, die durch Quentin Compson als Augenzeugen, Erzähler und Wiedererzähler miteinander verbunden sind. Die ersten Kapitel schildern einen Tag im September 1909, unmittelbar bevor Quentin zum Studium nach Harvard aufbricht. Er wird von der alten Miss Rosa Coldfield aufgefordert, ihn zu besuchen, um ihn zu überreden, mit ihr einen nächtlichen Ausflug zum Haus ihrer seit langem verstorbenen Schwester Ellen Sutpen (geb. Coldfield) zu machen. Halb von Miss Rosa, halb von seinem Vater bekommt Quentin an diesem Tag ein Gutteil der Tragödie der Familie Sutpen erzählt: Wie ihr Begründer Thomas Sutpen im Jahr 1833 in Begleitung einer Gruppe von Sklaven und eines französischen Architekten in Jefferson auftaucht, sich Indianerland außerhalb von Jefferson verschafft (keiner weiß genau, wie das vor sich gegangen ist), dort das größte Haus der Gegend errichtet und beginnt, auf seiner Plantage Sutpens Hundred Baumwolle anzubauen, sich dann mit der Tochter eines kleinen Kaufmanns in Jefferson verlobt, wahrscheinlich durch eine fragwürdige Spekulation mit dem Geld seines Schwiegervaters zu Reichtum kommt, die Verlobte heiratet und mit ihr zwei Kinder zeugt, Henry und Judith Sutpen, die in der Isolation des Herrenhauses von Sutpens Hundred groß werden.

Das Unglück beginnt über die Familie hereinzubrechen, als Henry die damals neue Universität Oxford besucht und dort Freundschaft mit Charles Bon schließt, einem ein wenig älteren Mann, zu dem er nahezu sofort eine vertraute Freundschaft beginnt. Schon bald steht für ihn fest, dass Charles der einzige Mann ist, denn er sich für seine Schwester wünschen würde, und so bringt er ihn bei nächster Gelegenheit mit zu sich nach Haus. Charles verhält sich bei diesem Besuch mehr als korrekt, aber Judiths Mutter Ellen ist sofort von dem Gedanken überwältigt, hier den idealen Schwiegersohn vor sich zu haben, und sie posaunt die Verlobung zwischen Judith und Charles überall heraus, bevor zwischen den jungen Leuten auch nur ein Wort über eine solche Verbindung gesprochen worden ist.

Zum Eklat kommt es am folgenden Weihnachtsfest: Thomas Sutpen hat eine Aussprache mit seinem Sohn Henry, der daraufhin zusammen mit Charles vorgeblich für immer das Haus seines Vaters verlässt. Der Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861 hält die sich anbahnende Familienkatastrophe noch für vier Jahre in der Schwebe, doch Ellen Sutpen ist vom Scheitern ihrer Ehepläne für die Tochter so erschüttert, dass sie sich in ihr Zimmer zurückzieht und über zwei Jahre hin langsam stirbt. Als Henry und Charles, die zusammen beim selben Südstaaten-Regiment gedient haben, nach dem Ende des Krieges gemeinsam wieder auf Sutpens Hundred eintreffen, erschießt Henry Charles unmittelbar nach der Ankunft und flieht anschließend, um nicht für den Mord zur Verantwortung gezogen werden zu können.

Quentin wird von seinem Vater in dem Glauben bestärkt, Thomas Sutpen hätte seinem Sohn Henry an jenem Weihnachtsabend des Jahres 1860 offenbart, dass Charles in New Orleans bereits mit einer Farbigen verheiratet sei, mit der er auch einen Sohn habe, und dass deshalb eine Heirat mit Judith nicht in Frage komme. Quentin hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass die Beziehung eines weißen Mannes zu einer schwarzen Frau, selbst wenn es sich tatsächlich um eine Ehe gehandelt haben sollte, einen ausreichenden Grund für das Verhalten Henrys darstellen würde. So bleibt das Geschehen vorerst unzureichend geklärt; auch über die nächtliche Fahrt mit Miss Rosa hinaus zu Sutpens Hundred erfährt der Leser erst am Ende des Buches näheres.

Der zweite große Erzählzusammenhang beginnt einige Monate später, im Januar 1910 in Harvard. (In diesem Zusammenhang ist auf einen sehr unglücklichen Druckfehler hinzuweisen: Am Anfang von Kapitel 6 ist der Brief, den Quentin von seinem Vater erhält und der ihn über den Tod von Miss Rosa informiert, auf den 10. Januar 1919, statt richtig 1910 datiert; das könnte bei Lesern, die versuchen, die innere Chronologie der Abläufe zu konstruieren doch zu einiger Verwirrung führen, insbesondere auch bei denen, die aus „Schall und Wahn“ erinnern, dass Quentin Compson sich im Juni 1910 das Leben nimmt.) Quentin hat seinem Mitbewohner Shrevlin McCannon, einem kanadischen Studenten, die Geschichte der Sutpens, soweit er sie kennt, erzählt.

Aus dem Brief des Vaters erfahren Quentin, Shrevlin und der Leser nun eine weitere Schicht der Tragödie der Familie Sutpen: Thomas Sutpen hatte dem Großvater Quentins erzählt, dass er bereits verheiratet war, bevor er zum ersten Mal in Jefferson auftauchte. Als Sohn aus ärmlichsten Verhältnissen hatte er auf Haiti sein Glück gesucht, dort einem Plantagenbesitzer bei einem Sklavenaufstand beigestanden und anschließend dessen Tochter geheiratet. Mit ihr hat er einen Sohn gezeugt, eben jenen Charles Bon, den sein Sohn Henry auf der Universität kennenlernen sollte. Doch hat er seine erste Frau verstoßen, die Ehe wurde geschieden und Thomas Sutpen, der auf das Erbe und die Mitgift seiner ersten Frau verzichtet, baute sich in Jefferson ein neues Leben auf. Die Heirat zwischen Judith und Charles verbietet sich also, da es sich um Halbgeschwister handelt.

Aber auch diese neue Wendung lässt Fragen offen: Wieso hat Henry Charles nach Ende des Krieges überhaupt nach Sutpens Hundred zurückgebracht, um ihn dann dort zu erschießen, bevor er Judith wiedersehen konnte? Wieso hat Charles Judith zuvor noch einen Brief geschrieben, indem er ihre Heirat als eine nun beschlossene Sache ankündigte? War es tatsächlich Zufall, dass sich Charles und Henry in Oxford getroffen haben? Um diese und andere offene Fragen zu beantworten, konstruieren nun Quentin und Shrevlin zusammen eine weitere Ebene der Familiengeschichte, die auf eine Pointe hinausläuft, die hier nicht verraten werden soll.

„Absalom, Absalom!“ (der Titel geht auf die biblische Geschichte um Abschalom, einen Sohn König Davids, zurück, der seinen Halbbruder Amnon umbringen lässt, nachdem der Abschaloms Schwester Tamar vergewaltigt hatte (2. Samuel 13); „Absalom, Absalom!“ ist der Klageruf König Davids, als er vom Tod seines aufsässigen und widerspenstigen Sohns erfährt (2. Samuel 19)) ist ein bewusst an den großen Tragödien der Antike und Shakespeares orientierter Roman, der den Untergang der Familie Sutpen und den der Südstaaten miteinander parallelisiert. Das Buch stellt besonders im ersten Drittel einige Ansprüche an seine Leser, da sich die Zusammenhänge unter den Figuren, die Position der jeweiligen Erzähler etc. erst peu à peu offenbaren. Hinzukommen die sehr anspruchsvolle grammatikalische Struktur und die Länge vieler Sätze, die einen Einstieg in den Roman zusätzlich schwierig machen; ein wenig Geduld ist auf Seiten der Leser also schon erforderlich.

Man muss dem Übersetzer Nikolaus Stingl das Kompliment machen, dass er besonders das erste, sprachlich und strukturell sehr anspruchsvolle Drittel des Romans meisterlich übersetzt hat. Andererseits erlaubt sich die Übersetzung hier und da einige Freiheiten bei der Übertragung, mit denen wenigstens ich nicht ganz glücklich geworden bin; auch wird der bei Faulkner sorgfältig nachgeahmte starke Dialekt vieler Schwarzer wie so oft in einer recht sanften und zurückhaltenden Weise im Deutschen wiedergegeben. Und ob ich mich getraut hätte, in einem Roman, dessen Titel bereits auf das zentrale strukturelle Motiv der Wiederholung verweist, nicht jede wortwörtliche Wiederholung auch in der Zielsprache entsprechend nachzubauen, bezweifle ich.

Insgesamt muss man aber festhalten, dass diese Übersetzung einmal mehr einen entscheidenden Fortschritt für die Wahrnehmung Faulkners im deutschen Sprachraum darstellt, so sie denn gelesen werden sollte. Dies liegt auch daran, dass die alte Übersetzung von Hermann Stresau aus dem Jahr 1938 auf den vom amerikanischen Verlag der Erstausgabe bearbeiteten Text zurückgeht und nicht auf die Rekonstruktion von Faulkners Original, die erst seit 1986 im Druck vorliegt. Dass mit dieser Neuausgabe den deutschen Lesern zum ersten Mal der korrigierte Text von „Absalom, Absalom!“ zugänglich gemacht wird, findet übrigens nirgendwo im Buch Erwähnung. In diesem Fall hätte ein, wenn auch noch so kurzes Nachwort dem Buch gut getan. Entschädigt werden die Leser dafür mit einer übersetzten Version der von Faulkner handgezeichneten Karte des Yoknapatawpha County, einer Chronologie der Ereignisse und einem genealogisch geordneten Personenverzeichnis (in dem sich leider gleich der zweite Druckfehler bei einer Jahreszahl findet).

Wie auch bei den Bänden zuvor ist festzuhalten: Diese Reihe der Neuübersetzungen der Romane Faulkners ist eine wirkliche Gelegenheit für deutschsprachige Leser, einen der großen amerikanischen Erzähler des 20. Jahrhunderts (wieder) zu entdecken, und es sind uns noch viele weitere Bände zu wünschen!

William Faulkner: Absalom, Absalom! Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Reinbek: Rowohlt, 2015. Pappband, Lesebändchen, 478 Seiten. 24,95 €.

Heiko Postma: Ein Großklassiker a. D.?

Postma-HauptmannGerhart Hauptmann ist ein komplizierter Fall der deutschen Literaturgeschichte: Hatte er als No­bel­preis­trä­ger in der Weimarer Republik ohne Zweifel den Status eines der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur (er war sogar zeitweise als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten im Gespräch), so verführten ihn Eitelkeit und Über­heb­lich­keit dazu, sich mit den Vertretern des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes einzulassen, ein Verhältnis, in dem wahrscheinlich auf beiden Seiten die Überzeugung herrschte, man nutze den jeweils anderen zum eigenen Vorteil aus. Nach dem Krieg ist es Hauptmann durch seinen Tod erspart geblieben, vom nächsten Regime instrumentalisiert zu werden; doch auch eine echte bürgerliche Re­ha­bi­li­tie­rung un­ter­blieb auf diese Weise. So besteht wohl auch heute noch bei den ohnehin nicht so zahlreichen Lesern, die sich über eine reine Schullektüre hinaus mit Hauptmann einlassen, ein im besten Fall zwie­späl­ti­ges Verhältnis zu diesem Autor.

Auch im Buchhandel spiegelt sich das eher komplizierte Verhältnis der Leser zu Hauptmann wieder: Einerseits ist die letzte umfangreiche Werkausgabe, die Centenar-Ausgabe von 1962 in elf Bänden, prob­lem­los greifbar, andererseits sind als Einzelausgaben nur die klassischen Schullektüren und die wenigen noch gespielten Dramen lieferbar. Vor zwei Jahren ist dann zu Hauptmanns 150-jährigem Geburtstag noch einmal pflichtschuldigst eine Biographie von Peter Sprengel er­schie­nen, doch kann man sich des Eindrucks eines langen Abgesangs nur schlecht erwehren.

Auch der lange Essay von Heiko Postma – nur eines in einer ganzen Reihe von literaturhistorischen Büchlein, die von dem Hannoveraner Autor im JMB Verlag erschienen sind – steht, wie sich bereits am Titel ablesen lässt, im Zeichen dieses eher ambivalenten Verhältnisses. Postma liefert nur eine rudimentäre Bio­gra­phie, ohne dabei allerdings Hauptmanns Eitelkeit, seinen Versuch, sich zum Nachfolger Goethes im 20. Jahrhundert zu stilisieren, seine Verwicklung mit dem Regime des Dritten Reichs etc. zu verschweigen. Doch die Hauptmasse des Textes bilden Werkbesprechungen und län­ge­re Zitate, besonders aus den Dramen und den heute fast durchweg unbekannten Versepen Hauptmanns. Von den Romanen bespricht Postma nur „Atlantis“ ein wenig ausführlicher, und die Erzählungen, unter denen sich ganz erstaunliche epigonale Perlen finden lassen, werden nur an einer einzigen Stelle en passant erwähnt. Zum Ausgleich glänzt Postma etwa mit einer ausführlichen Darstellung des Hauptmannschen Atriden-Zyklus, der als Ergänzung und Aufhebung der Goetheschen „Iphigenie auf Tauris“ konzipiert wurde und von dem Postma sicherlich zu Recht feststellt, dass er eine Präsenz auf den deutschen Bühnen verdient hätte.

Ansonsten wäre dem Bändchen eine etwas zurückhaltendere Ty­po­gra­phie ganz gut bekommen, aber das ist auch schon der einzige Kri­tik­punkt, den ich habe finden können. Für eine erste Einführung ist das Buch nicht umfassend genug, doch für alle, die sich für Hauptmann doch einmal über den „Bahnwärter Thiel“ hinaus interessieren wollen, liefert es eine spannende und originelle Auswahl von Lek­tü­re­an­re­gun­gen, die einem Zugänge zur umfangreichen Centenar-Ausgabe eröffnen können.

Heiko Postma: Ein Großklassiker a. D.? Über den Dramatiker, Erzähler und Vers-Epiker Gerhart Hauptmann (1862 – 1946). Hannover: JMB, 2009. Broschur, 66 Seiten. 9,80 €.

William Faulkner: Schall und Wahn

Komische Leut. Gut dass ich keiner von denen bin.

Faulkner-SchallRowohlt setzt seine Reihe von Neuübersetzungen von Romanen William Faulkners – „Licht im August“ (2008), „Als ich im Sterben lag“ (2012) – mit dem 1929 erschienenen „Schall und Wahn“ fort. Der Titel des amerikanischen Originals „The Sound and the Fury“ ist eine offensichtliche Anspielung auf eine Passage aus Shakespeares „Macbeth“:

Life’s but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

Nun wäre angesichts dieses Hintergrundes der Titel wahrscheinlich genauer mit „Der Lärm und die Raserei“ oder auch, wie Übersetzer Frank Heibert in seinem Nachwort vorschlägt, „Das Tönen und Wüten“ übersetzt. Allerdings, schließt Heibert seine Reflexion über mögliche Titelvarianten, habe bei

der Titelentscheidung […] nicht der Übersetzer das letzte Wort.
Auf Deutsch heißt dieser Roman «Schall und Wahn».

Der Roman ist aufgeteilt in vier große Abschnitte, von denen drei an den drei Tagen von Karfreitag bis Ostersonntag des Jahres 1928 im fiktiven Mississippi-Städtchen Jefferson spielen. Der zweite Teil ist auf den 2. Juni 1910 datiert und ist in Harvard angesiedelt. Jedes der Kapitel hat einen eigenen Erzähler, wobei die Erzählhaltungen von Abschnitt zu Abschnitt immer traditioneller werden. Der erste Abschnitt, der wohl am besten dem Programm des oben angeführten Shakespeare-Zitats folgt, wird vom geistig behinderten Benjy, dem jüngsten der drei Söhne der Familie Compson erzählt. Benjy ist 1928 dreiunddreißig Jahre alt und bedarf ständiger Aufsicht und Hilfe. Er ist nach einem Übergriff auf ein kleines Mädchen kastriert worden und hätte anschließend nach dem Willen seines Bruders Jason in eine geschlossene Anstalt gesteckt werden sollen. Doch aus Rücksicht auf die Mutter lebt er weiterhin im elterlichen Haus, unter ständiger Aufsicht eines schwarzen Bediensteten, zumeist des erst 14-jährigen Lusters.

Benjy ist naturgemäß ein denkbar ungeeigneter Erzähler: Er kann kaum zwei Gedanken folgerichtig hintereinander setzen, seine Erinnerungen und Eindrücke nicht in eine zuverlässige zeitliche Abfolge bringen, keine seiner Erfahrungen tatsächlich begreifen oder sich in ein Verhältnis zu ihr setzen etc. Er ist tief geprägt von den Erlebnissen seiner Kindheit, die in seinem Gedanken- und Er­fah­rungs­strom immer wieder auftauchen. Besonders die Liebe zu seiner Schwester Candy ist eine der Konstanten in dem Chaos in Benjys Kopf. Erst die zweite Hälfte des Romans wird vieles von dem, was Benjy erzählt, verständlich werden lassen.

Der zweite Abschnitt wird von Quentin Compson erzählt, der im Jahr 1910 in Harvard studiert. Der Leser kann vermuten, dass es sich bei dem erzählten Tag um denjenigen handelt, an dessen Ende sich Quentin ertränken wird. Quentin verbringt den Tag mit einer an­schei­nend ziellosen Fahrt durch Harvard und dessen ländliches Umfeld. In einer kleinen Stadt läuft ihm längere Zeit ein kleines italienisches Mädchen nach, weshalb er unter dem Verdacht verhaftet wird, er habe das Mädchen entführen wollen. Nachdem sich dieser Verdacht vor dem Friedensrichter, vor den Quentin gestellt wird, als unbegründet erweist, nimmt Quentin mit einigen Kommilitonen an einem Picknick teil, bei dem er allerdings eine Schlägerei beginnt. Er kehrt allein nach Harvard zurück und ordnet seine Habseligkeiten als Vorbereitung für seinen Selbstmord. Die Erzählung bricht ab, unmittelbar bevor Quentin sein Zimmer wahrscheinlich zum letzten Mal verlässt.

Quentins Ich-Erzählung ist natürlich deutlich klarer strukturiert als die Benjys, doch wird auch hier dem Leser einiges an Aufmerksamkeit und interpretierendem Lesen abverlangt. Quentins Denken ist getränkt von einem tiefem Schuldgefühl wegen seiner Liebe zu seiner Schwester Candace, die offenbar vor kurzer Zeit geheiratet hat. Wir werden später erfahren, dass Candy diese Ehe eingeht, um ihrer unehelich, nicht von ihrem Ehemann gezeugten Tochter eine Familie zu geben. Quentin verachtet Candys Ehemann und ist eifersüchtig auf ihn, macht sich zugleich aber schwere Vorwürfe wegen dieser Gefühle, die er selbst als inzestuös empfindet. Dieser innere Konflikt ist zumindest einer der Gründe für Quentins Entschluss, sich selbst zu töten.

Der dritte Abschnitt wird von Jason, dem dritten Sohn der Compsons erzählt. Auch Jason lebt immer noch im elterlichen Haus, und er ist es, der durch seine Tätigkeit als Verkäufer in einem Ladengeschäft die Familie finanziell über Wasser hält. Im Haushalt der Compson lebt außer der Mutter Caroline, Benjy und Jason auch Candys Tochter Quentin (!), die von ihrer Mutter nach der Scheidung ihrer ersten Ehe zur Familie in Jefferson gebracht wurde. Quentin ist 17 Jahre alt und rebelliert gegen ihren sie und die übrige Familie tyrannisierenden Onkel Jason. Jason ist nicht nur ständig schlecht gelaunt und geneigt, jedermann nach Möglichkeit zu quälen, er unterschlägt auch sys­te­ma­tisch die Unterhaltszahlungen, die Candy für ihre Tochter schickt. Der verbitterte und geldgierige Mann spekuliert mit diesem Geld an der Baumwoll-Börse, die aber im wesentlichen auch nur seinen Hass auf die Welt, die Juden und die Schwarzen schürt. Jasons Ich-Erzählung folgt am ehesten traditionellen Vorbildern, wie sie die Erzähler des 19. Jahrhundert geliefert haben.

Der vierte Abschnitt schließlich hat einen auktorialen Erzähler, der im Großteil seiner Erzählung dem Tagesablauf von Dilsey, der schwarzen Haushälterin der Compsons und Mutter Lusters, folgt. Dilsey hat außer Luster noch eine Tochter, Frony, die aber nicht im Haus lebt. Sie be­sorgt nicht nur den Haushalt, sondern hat auch die Kinder der Comp­sons erzogen, da weder die hypochondrische Mutter Caroline noch der stets betrunkene Vater Jason (sen.) dazu in der Lage waren. Sie ist das ausgleichende Element im Haus der Compson und sorgt immer wieder dafür, dass die Streitereien der weißen Familie nicht in Gewalt und Chaos enden. Allerdings muss Jason (jun.) an dem im letzten Ab­schnitt erzählten Ostersonntag 1928 feststellen, dass seine Nichte, die ihn zwei Tage zuvor flehentlich gebeten hatte, ihr das Geld aus­zu­zahlen, das ihre Mutter ihr gerade geschickt hatte, und von ihm mit 10 Dollars abgespeist wurde, in sein Zimmer eingebrochen ist, seine Geldschatulle aufgebrochen und mit 7000 Dollars das Weite gesucht hat. Ein Großteil dieses Geldes ist der von Jason un­ter­schla­ge­ne Unterhalt, so dass sich Quentin wenigstens zum Teil nur das Geld wiederholt, dass Jason ihr vorenthalten hat. Jason versucht noch, Quentin und den Schausteller, mit dem sie aus Jefferson geflohen ist, einzuholen, muss aber schließlich einsehen, dass der Versuch zwecklos ist. Mit einem letzten Wutanfall Jasons gegen Luster endet der Roman.

„Schall und Wahn“ ist 1928 entstanden und lässt überdeutlich den Einfluss von Joyces „Ulysses“ auf Faulkner erkennen: Der Wechsel der Erzählform und der Erzähler von Abschnitt zu Abschnitt, das ex­pe­ri­men­tel­le Zuspitzen der Subjektivität des Erzählens besonders im ersten Abschnitt, das Erzählen eher eines Zustands als einer Handlung, die Reduktion des Erzählten auf kurze Zeiträume lassen sich alle problemlos auf das Vorbild des „Ulysses“ zurückführen. Heutige Leser, die in der Rezeption dieser Art von Texten geübter sind als Faulkners zeitgenössisches Publikum (es gibt allerdings auch heute noch Ausnahmen), können durchaus den Eindruck haben, dass auch eine deutlich kürzere Fassung des Textes denselben Eindruck vermitteln würde. Doch sollte man nicht vergessen, dass diese Formen Ende der 20er Jahre noch weitgehend neu und wenig eingeübt waren und sowohl auf der Seite der Schriftsteller als auch auf der der Leser noch eine bedeutende Unsicherheit über die Wirkung und die Tragfähigkeit dieser Formen bestand.

Die Übersetzung Frank Heiberts ist sorgfältig und präzise und vermeidet es, den Text zu verflachen oder der sogenannten Lesbarkeit zu opfern. Auch typographisch geht diese Neuausgabe sehr sorgsam mit dem Original um und reproduziert Faulkners typographische Manierismen – etwa längere Folgen von Leerzeichen, um etwas ungesagt Bleibendes zu markieren, oder das Einfügen einer kleinen Graphik eines Auges an einer Stelle, wo eine Werbetafel mit einem entsprechenden Symbol beschrieben wird – zuverlässig.

Ein Klassiker der Moderne, der erheblichen Einfluss auf die Ent­wick­lung der US-amerikanischen Literatur gehabt hat und einen der Grund­stei­ne zu Faulkners Ruhm bildet. Es ist zu hoffen, dass Rowohlt seine Reihe von Neuübersetzungen Faulkners noch lange fortsetzen wird.

William Faulkner: Schall und Wahn. Übersetzt von Frank Heibert. Reinbek: Rowohlt, 2014. Pappband, Lesebändchen, 381 Seiten.
24,95 €.

Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod

Der fröhliche Selbstmörder, der sich schon dreißig Jahre vorher darauf freut.

Zu Beginn von Woody Allens „Annie Hall“ erzählt Alvy Singer zwei Witze; der erste geht so:

Es gibt da einen alten Witz. Äh: Zwei ältere Damen sitzen in einem Catskill-Berghotel – sagt die eine: »Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich!« – sagt die andere: »Stimmt, und diese kleinen Portionen!« – Naja, und im wesentlichen sehe ich so auch das Leben.

Canetti_TodDas Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und die Versuche zur Überwindung des Todes – mystisch als individuelle Unsterblichkeit, metaphorisch in der Erinnerung der Lebenden oder im Werk oder biologisch in den Nachkommen – sind bereits früh als entscheidende Antriebe menschlichen Handelns verstanden worden. Es wird aber wohl nur wenige Beispiele einer so ausgeprägten Todfeindschaft geben, wie sie „Das Buch gegen den Tod“ dokumentiert. Elias Canetti begriff sich als radikalen Gegner des Skandalons Tod und plante spätestens seit 1942 ein Buch gegen den Tod zu schreiben, zu dem aber letztendlich nie mehr als umfangreiche Notizen entstanden sind.

Sven Hanuschek, Peter von Matt und Kristian Wachinger haben nun aus den bereits veröffentlichten Notizen Canettis und dem Nachlass eine Auswahl zusammengestellt, die eine wenigstens ungefähre Vorstellung davon geben können, wie „Das Buch gegen den Tod“ hätte aussehen können. Etwa zwei Drittel des präsentierten Materials war bislang noch unveröffentlicht; angeordnet ist es chronologisch, wobei in jedem Jahr die bereits gedruckten Notizen den ungedruckten vorangestellt sind. Das Material bewegt sich vom aphoristischen Einzeiler über Zitate aus Zeitungen und Büchern bis hin zu autobiographischen Einträgen und Briefentwürfen, so etwa diejenigen, die sich um die Begegnungen und Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard drehen.

Aus all dem ergibt sich kein einheitliches Bild, sondern eine Gemengelage diverser mythologisch und rationalistischer Zugriffe, die immer wieder neu gewendet und durchdacht werden. Hin und wieder finden sich ganz unvermittelt Gedanken von einer bemerkenswerten Originalität:

Zum Mond
Vielleicht fehlen noch Tote auf dem Mond. Mit den ersten Menschen, die dort zugrundegehen, mit seinen ersten Toten, wird er uns vertrauter werden. (S. 133)

Wer das zu Ende denken kann, wird sowohl dem Begriff der Heimat als auch dem Sinn von Friedhöfen ein ganzes Stück näher sein.

Interessanterweise fehlt der biologische Zugriff auf den Tod als eine notwendige Voraussetzung höherer Evolution beinahe vollständig. Ob dies an der Auswahl liegt oder ob dieser Aspekt erst sehr spät im Denken Canettis auftaucht, kann aus dem vorliegenden Material nicht beurteilt werden. Erst unter den Notizen aus dem Jahr 1993 taucht das folgende Fragment eines Gedankens auf:

Der Darwinismus, der aus dem Tod etwas Fortschrittliches macht. (S. 304)

Wenigstens ich finde es sehr schade, dass dies als Gegengewicht zu dem mythologischen Denken Canettis erst so spät, zu spät wirksam zu werden scheint.

Kein Buch für eine systematische Lektüre, aber eine anregende und in allen Teilen interessante Materialsammlung.

Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod. Hg. v. Sven Hanuschek, Peter von Matt und Kristian Wachinger. München: Hanser, 2014. Pappband, 352 Seiten. 24,90 €.

Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese

Eine besondere Lektüre durch meine Teilnahme an dem Leseprojekt Gordimer Lesen, die ich zusammen mit der Lektüre des Buches vorzeitig beendet habe. Zu den Gründen, die dazu geführt haben, habe ich dort ein Posting verfasst.

Der Roman spielt hauptsächlich in den Jahren nach der Aufhebung der Apartheid und dem Wahlsieg des ANC in Südafrika. Im Zentrum scheint ein junges Ehepaar zu stehen, das aufgrund der Tatsache, dass er ein weißer Jude und sie eine schwarze Methodistin ist, vor der Revolution eine geheime Ehe geführt haben. Sie haben am Kampf gegen das Apartheids-Regime teilgenommen und beginnen nun eine bürgerliche Existenz zu führen: Er wird Universitäts-Dozent, sie arbeitet für die Staatsanwaltschaft.

Doch ist das Ehepaar nicht das eigentliche Thema des Buchs: Der Fokus der Erzählung liegt auf den gesellschaftlichen und sozialen Realitäten im nun endlich freiheitlichen Südafrika, die – wen überrascht es? – von den Idealvorstellungen der ehemaligen Revolutionäre erheblich abweichen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden auch weiterhin von unterschiedlichen rassistischen Vorurteilen überschattet, einige der ehemaligen Freiheitskämpfer entpuppen sich als korrupte, selbstsüchtige und machtbesessene Machos, Armut und ungleiche Bildungschancen existieren immer noch und die Flüchtlinge aus den Nachbarländern werden zum sozialen Bodensatz der neuen Gesellschaftsordnung. All dies wird mit einer unterschwelligen Mischung von Zorn und Enttäuschung geschildert, wobei die Schilderungen selbst oberflächlich und ohne analytischen Zugriff bleiben; jeder bessere Zeitungsartikel dürfte detaillierter, neutraler und solider über die Sachverhalte informieren. Auch den Antrieb des Erzählens selbst reflektiert die Autorin nicht. Sie dringt zwar bis zu der Frage vor, warum die Revolutionäre denn erwartet und geglaubt hätten, dass gerade in Südafrika das Goldenen Zeitalter ausbrechen werde, statt dass sich eine der ganz gewöhnlichen Spielarten des modernen Elends einstelle, aber sie bleibt von der Frage fixiert und dringt auch hier zu keinem analytischen oder selbstkritischen Gedanken durch. Und die politische Naivität der Autorin schlägt direkt auf die Figuren durch.

Da es Gordimer wesentlich um die Darstellung der südafrikanischen Gesellschaft und nicht um die Fabel geht, bleiben die Figuren flach, die Handlung springt erratisch, folgt erst diesem und dann jenem Einfall. Es werden Nebenfiguren eingeführt, die augenblicklich und folgenlos wieder verschwinden. Es wird keinerlei Form oder Struktur erkennbar. Der Großteil der Gedanken der Figuren, wenn sie denn überhaupt welche zugeschrieben bekommen, sind trivial, die Auswahl der verwendeten Motive ist voraussehbar und langweilig. Einzig die Sprache, die Gordimer verwendet, ist sperrig (die bedauernswerte Übersetzerin tut übrigens ihr Bestes, das im Deutschen nachzubilden) und verhindert, dass sich die Leser wie in einem Trivialroman einrichten. Aber das allein genügt selbstverständlich nicht, um ein gelungenes Buch auszumachen.

Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Berlin: Berlin Verlag, 2012. Pappband, Lesebändchen, 506 Seiten. 22,99 €.