Die Britannica lesen …

britannicaIn der westlichen Welt, dem Gebiet der sogenannten christlich-abendländischen Kultur wird man heute schon als Ausnahme-Erscheinung angesehen, wenn man die Bibel, das Buch der Bücher, komplett gelesen hat. Aber es gibt ein Buch, bei dem es noch weitaus ungewöhnlicher ist, es komplett gelesen zu haben: Die Enzyclopædia Britannica! Die Britannica oder die EB, wie Ihre Benutzer sie liebevoll abkürzen, ist das umfangreichste moderne Lexikon der westlichen Welt. Und sie ist nicht nur umfangreich, sie ist auch gut! Der amerikanische Journalist A. J. Jacobs hat es unternommen, die rund 33.000 Seiten der Britannica zu lesen. Und er hat ein Buch darüber geschrieben! Nun wird manch einer denken, was soll schon dabei herauskommen, wenn einer über eine so langweilige Sache wie das Lesen eines Lexikons ein Buch schreibt. Sie werden sich wundern, was für ein erstaunlich lebendiges und witziges Buch dabei herausgekommen ist!

Die Geschichte, die Jacobs von seiner Lektüre erzählt, ist von Anfang an eine sehr persönliche: Er versucht nämlich mit seiner Lektüre der Britannica seinen Vater zu übertreffen, einen erfolgreichen Anwalt, der auch einmal damit begonnen hatte, die EB zu lesen, aber früh schon stecken geblieben war. Außerdem versuchen Jacobs und seine Frau seit einiger Zeit ein Kind zu bekommen und angesichts der von seinem Sprößling zukünftig zu erwartenden Fragen will Jacobs dringend etwas für seine Bildung tun. Er arbeitet als Journalist beim New Yorker Magazin »Esquire«, und wie viele Menschen fürchtet er, langsam zu verblöden, nachdem er mit dem aktiven Lernen aufgehört hat. Und last not least will er mit seinem neu erworbenen Wissen auch ein wenig angeben und auftrumpfen – aber das legt sich mit der Zeit.

All dies führt dazu, dass er sich die aktuelle Ausgabe der EB (2002) bestellt und einfach bei A mit dem Lesen beginnt. Dazu muss man denjenigen, die nie in die EB hineingeschaut haben, erklären, dass die EB grob gesprochen in zwei Teile gegliedert ist (eigentlich sind es mehr, aber das soll uns hier nicht interessieren): Von den 29 Lexikon-Bänden sind nur die ersten zwölf so aufgebaut, wie man es von einem »normalen« Lexikon kennt: Viele Stichwörter und zu jedem eine mehr oder weniger kurze Erklärung, eventuell einige Hinweise zur weiteren Lektüre – fertig, nächstes Stichwort. Diese Bände 1–12 heißen Micropædia, durchlaufen das gesamte Alphabet und umfassen gut 13.000 Seiten. Auf sie folgen 17 weitere Bände (13–29), die Macropædia, etwa 20.000 Seiten (jede Seite der Britannica umfasst dabei den Text von mehr als vier (!) Schreibmaschinenseiten), die nur durch etwa 600 Stichwörter gegliedert sind. Zu jedem dieser Stichwörter bietet die Macropædia einen umfassenden Einführungstext. Um das in diesen umfangreichen Texten enthaltene Wissen sinnvoll aufzuschlüsseln, verfügt die EB über zwei zusätzliche Indexbände.

Durch diesen Aufbau ist die EB wie kein anderes Lexikon für eine vollständige Lektüre geeignet, denn die Nutzer bekommen in der Macropædia große Wissensgebiete in systematischer Darstellung präsentiert. Und so liest Jacobs sich durch beide Teile der EB zugleich, immer dem Alphabet folgend. Das Glück für die Leser des Buches ist nun, dass Jacobs ein witziger Kopf ist, der uns nicht nur an ausgewählten Stichwörtern seiner 15 Monate dauernden Wissens-Odysee teilnehmen lässt, sondern der uns auch erzählt, wie seine Frau, seine Verwandten und Bekannten, nicht zuletzt seine Kollegen auf sein Projekt reagieren, wie ihn das Wissen verändert, was ihn betroffen macht, was ihm merkwürdig vorkommt usw. usf. Jacobs kümmert sich überhaupt um die Kultur und den Kult der Information: Er interviewed den Moderator von »Jeopardy!« und wird Kandidat beim amerikanischen »Wer wird Millionär?«, nur um an der 32.000-$-Frage zu scheitern, weil sein Gedächtnis und sein »allwissender« Telefonjoker versagen. Und schließlich besucht er die Redaktion der Britannica in Chicago und macht unmittelbare Bekanntschaft mit der mühsamen Arbeit der Lexikon-Recherche.

Und nebenher versöhnt er sich mit seinem Vater, zeugt mit seiner Frau endlich ein Kind, lernt lauter Sachen, die er vorher nicht wusste, erinnert sich an Dinge und Zusammenhänge, die er schon einmal vergessen hatte, und behält zugleich seine Distanz zu all dem, was er da liest. Mit der Zeit kennt er den Jargon der Britannica und benennt ihn auch, er lernt ihre Vorlieben und Idiosynkrasien (gleich mal im Lexikon nachschlagen, was das nun wieder bedeutet!) erkennen, schärft seinen Blick für Skuriles, Absurdes und Erschreckendes. Und das wichtigste: Er hält durch! Nach 15 Monaten kommt er tatsächlich beim Stichwort »Żywiec« an und hat es geschafft. Er gibt zu, nicht jedes Wort und nicht jede Seite stets mit der gleichen Aufmerksamkeit studiert zu haben, aber er hat alle Seiten gelesen. Was er tatsächlich davon behalten hat und wird, wird keiner – auch er selbst nicht – jemals wirklich wissen.

Das Buch ist vom Verlag List sorgfältig und liebevoll ausgestattet worden: Es hat einen Goldschnitt (sogar an allen drei Schnitten, wo sich die EB mit einem vergoldeten Kopfschnitt begnügt), ein Lesebändchen, trägt das Markenzeichen der EB, die schottische Distel, auf dem Umschlag und am Fuß jeder Seite, hat lebende Kolumnentitel, die das jeweilige Stichwort, bei dem man sich gerade befindet, anführen und – natürlich! – ein Register. Einzig Kunstledereinband und Fadenheftung fehlen, aber die hätten das Buch nur unvernünftig teuer gemacht. Ein Reiseabenteuer durch die Wissenskreise, eine äußerst vergnügliche und intelligente Unterhaltung zwischen Sachbuch und Autobiographie. Ich habe mich lange nicht mehr so vergnügt mit einem Buch unterhalten!

A. J. Jacobs: Britannica & ich. Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden. Aus dem Amerikanischen von Thomas Mohr. List, 2006. Pappband mit Schutzumschlag und Lesebändchen. 427 Seiten. 19,95 €.

Das Unheil, das in den Kulissen wartet

everymanSpätestens seit dem Erfolg von »Der menschliche Makel« sind Neuveröffentlichungen von Philip Roth auch in Deutschland ein Ereignis. In den USA ist Roth inzwischen fraglos ein Klassiker geworden: Die »Library of America« hat mit einer Roth-Werkausgabe begonnen. Und es gibt weltweit eine wachsende Schar von Roth-Lesern, die jedes Jahr darauf warten, dass das Nobelpreis-Komitee endlich ein Einsehen hat und Roth ehrt, solange es noch möglich ist. Nun hat der große alte Mann der amerikanischen Literatur ein Buch über den Tod geschrieben, seine Auseinandersetzung mit dem Unausweichlichen.

Das Buch beginnt mit der Beerdigung des namenlosen Protagonisten, um auch nicht einen Moment lang einen Zweifel daran zu lassen, wie die Geschichte ausgehen wird. Am Grab von Roth’ Jedermann versammelt sich eine kleine Schar Verwandter und Bekannter: Seine Tochter Nancy – die einzige Personen, zu der er zuletzt noch eine engere Beziehung gehabt hatte –, die mittlere seiner drei Ex-Frauen, sein Bruder, die beiden Söhne aus erster Ehe, die ihn gehasst haben, ein paar ehemalige Kollegen und einige Mitbewohner des Seniorendorfs, in dem er zuletzt gelebt hatte. Der Friedhof ist trist und heruntergekommen, aber ›Jedermanns‹ Eltern liegen dort begraben und seine Tochter hatte sich gedacht, er würde vielleicht gern dort liegen, wo er nicht so gänzlich alleine sei.

Nachdem die Trauergemeinde auseinander gegangen ist, setzt die Erzählung vom lebenslangen Sterben des Toten ein: von seiner ersten Operation eines Leistenbruchs in seinen Kinderjahren über einen Blinddarm-Durchbruch, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte über eine schwere Herz-Operation, in der im fünf Bypässe gelegt werden bis hin zur Verstopfung einer Nierenarterie, mit der im eigentlichen Sinne das Alter des Protagonisten beginnt.

Roth erzählt in kurzen Abschnitten, und beinahe alles, was er erzählt, handelt von Verlust, Scheitern und Tod im Leben seines Helden. Selbst dort, wo für einige Zeit etwas zu gelingen scheint, ist es nur Vorspiel für eine weiteren Niederlage, den nächsten Schritt zum Untergang hin. Roth’ Protagonist nimmt nicht leicht Abschied, er blickt mit Trauer und Reue auf sein Leben zurück; nur seine Tochter Nancy scheint ohne Abstriche auf der Haben-Seite seiner Lebensbilanz zu stehen, alles andere erscheint gemischt aus Lust und Leid: Seine drei Ehen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen gescheitert sind, seine Leidenschaft für die Malerei, die sich nicht als die späte Erfüllung seines Lebens erwiesen hat, auf die er gehofft hatte, seine innige Beziehung zu seinem Bruder, die er aus Neid und Eifersucht auf dessen anscheinend unerschütterliche Gesundheit langsam in die Brüche gehen lässt.

Roth erspart seinem Helden nicht die Einsamkeit des Sterbens und die Härten des Abschieds: Kurz nachdem sein Jedermann noch einmal aus einer Laune heraus vergeblich versucht, ein sexuelles Abenteuer mit einer jungen Frau zu initiieren, bekommt er die Nachricht, dass seine zweite Frau Phoebe – Nancys Mutter – eine Schlaganfall erlitten hat und dass von drei Kollegen, mit denen er eng und freundschaftlich zusammengearbeitet hat, einer verstorben ist und zwei ernsthaft erkrankt sind. Zu all dem kommt hinzu, dass er sich selbst einmal mehr einer Operation unterziehen muss, eigentlich ein leichter Eingriff, der ihn aber nichtsdestotrotz in Todesangst versetzt.

Das Buch findet seinen grandiosen Abschluss in einem Friedhofsbesuch: Auf dem Friedhof, mit dem das Buch beginnt, unterhält sich Roth’ Jedermann bei einem Besuch am Grab seiner Eltern mit dem lokalen Totengräber, selbst schon ein alter Mann, der das Gewerbe zusammen mit seinem Sohn betreibt. In diesem sachlichen Gespräch über das Handwerk des Totengräbers erlangt der Namenlose plötzlich Ruhe. Er trifft einen Menschen, für den der Umgang mit dem Tod alltäglich ist, der die Toten seines Friedhofs und ihre Geschichten kennt. Diese Alltäglichkeit des Todes und die Sorgfalt, mit der der Totengräber seine Arbeit verrichtet, versöhnen den Protagonisten mit einem Mal – nur wenige Seiten später ist er tot.

Roth’ »Jedermann« schließt sich nur sehr locker an die Tradition des Jedermann-Stoffs an. Der auffälligste Unterschied dürfte sein, dass Roth Gott explizit aus seinem Buch ausschließt: Sein Jedermann wird nicht von einem Gott vor Gericht zitiert, sein Held ist sicher, dass der Tod bloß der Tod ist »– sonst nichts.« Dieser »Jedermann« ist eine sehr säkularisierte Fassung des alten »Spiels vom Sterben des reichen Mannes«. Einzig bei der abschließenden Begegnung mit dem Totengräber meint man einen Hauch von Mysterium zu spüren, als unterhalte sich Jedermann hier auf einmal mit dem Tod selbst, als räsoniere Hamlet noch einmal mit dem alten Totengräber über Yoricks Schädel. Aber vielleicht gilt auch hierfür das Wort Horatios: »Die Dinge so betrachten, hieße sie allzugenau betrachten.«

Philip Roth: Jedermann. Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. Hanser, 2006. 172 Seiten. 17,90 €.

Vladimir Nabokov: Lolita

lolitaAls Vladimir Nabokov im Sommer 1953 begann, seinen Roman »Lolita« zu schreiben, war er ein unbekannter russischer Emigrant, der an der Cornell University in New York Literatur unterrichtete und Romane in englischer Sprache schrieb, die zwar Kollegen und Kritiker schätzten, die aber sonst kaum gelesen wurden. Als im November 1959 der englische Generalstaatsanwalt bekannt gab, dass er gegen die Publikation und den Vertrieb des Romans »Lolita« in England nicht vorgehen würde, war der Weltruhm Nabokovs endgültig gesichert: Es war von staatlicher Seite anerkannt worden, dass es sich bei »Lolita« um Kunst, nicht um Pornographie handelt.

Vladimir Nabokov ist in den Augen einer breiten Öffentlichkeit der Autor eines einzigen Buches: »Lolita«. Mit dem Skandal um dieses Werk ist Nabokov in die Weltliteratur eingegangen, und das, obwohl es sich für die meisten bei »Lolita« wohl eher um ein Gerücht als um ein Buch handeln dürfte. Viele haben sicherlich inzwischen eine der beiden Verfilmungen gesehen: Die frühe von 1962, die den Regisseur Stanley Kubrick zu einer Marke machte, und die spätere von 1997, die – wenn auch nur unwesentlich freizügiger als die 35 Jahre ältere – auch heute noch in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern keine Jugendfreigabe besitzt.

Lolita erzählt die Geschichte einer Obsession. Erzählt wird sie vom Protagonisten des Romans – einem Professor für romanische Literatur – aus der Ich-Perspektive als Erinnerung und Rechtfertigung für die Tat, wegen der er im Gefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet: Er hat einen Mann erschossen und versucht nun sich selbst, der Jury und der Welt begreiflich zu machen, was zu diesem Mord geführt hat. Als das Buch erscheint, ist sein Held bereits tot: Gestorben in der Untersuchungshaft an einem gebrochenen Herzen – »Koronarthrombose« nennt es der Totenschein –, nur einen guten Monat bevor das Objekt seiner Begierden und Sehnsüchte, seine geliebte Lolita stirbt.

Humbert Humberts – so der obskure Name des Erzählers, der aber nur ein Pseudonym sein soll – Geschichte beginnt aber nicht damit, dass er Lolita kennenlernt, sondern mit der Erzählung von einer Jugendliebe: Als er 13 Jahre alt ist verliebt er sich im Hotel seines Vaters an der Riviera in die Tochter eines Gastes, eine kurze, leidenschaftliche Sommerliebe zweier Kinder, die damit endet, dass Annabel vier Monate später auf Korfu an Typhus stirbt. Humbert hat diesen Verlust nie verwunden.

Und so ist er sich selbst weitgehend wehrlos ausgeliefert, als er sich viele Jahre später – inzwischen amerikanischer Staatsbürger – für den Sommer in das kleine Städtchen Ramsdale begibt, um dort an einem Buch zu arbeiten, und dabei auf Lolita, die Tochter seiner alleinstehenden Wirtin trifft.

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.

Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.

Humbert verliebt sich rettungslos in das kokette Mädchen, dem es Spaß macht, mit dem etwas weltfremden Kauz zu flirten und ihre Macht über ihn auszuspielen. Humbert geht soweit, ihre Mutter zu heiraten, bloß um in Lolitas Nähe bleiben zu können. Als ein »glücklicher Zufall« zum Tod der Mutter führt, beginnt Humbert eine ziellose Fahrt mit Lolita durch Amerika, von Motel zu Motel, immer in der Furcht entdeckt, verfolgt, verhaftet zu werden.

Die Geschichte endet wie sie enden muss: Humberts Eifersucht – die nicht unbegründet ist, wie sich herausstellt – führt zu Streit und Entzweiung, und schließlich verschwindet Lolita eines Tages mit dem Mann, den Humbert Jahre später erschießen wird, weil er ihm Lolita geraubt hat.

»Lolita« ist wesentlich ein trauriges Buch, das Buch eines Sentimentalen, der auf sein gescheitertes Leben zurück- und einem Todesurteil entgegenblickt. »Lolita« ist alles andere als ein erotisches Buch – auch wenn sein Thema die sexuelle Beziehung eines alten Mannes zu einem minderjährigen Mädchen ist – und nichts in dem Buch rechtfertigt auch nur den den Verdacht, es können sich um ein pornographisches Werk handeln. »Lolita« ist allerdings ein herausragendes Buch, geschrieben von einem der lesenswerten Autoren des 20. Jahrhunderts, der ohne den Skandal um das Buch sicherlich auch weiterhin eine Randexistenz im Literaturbetrieb seiner Zeit hätte führen müssen.

Ich rate all denen, die das Buch noch nicht kennen, »Lolita« auf die Leseliste zu setzen und dadurch vielleicht einen Autor kennen zu lernen, der über dieses eine Buch hinaus ein Gesamtwerk geschaffen hat, das zu den intelligentesten und literarischsten des 20. Jahrhunderts gehört!

Vladimir Nabokov: Lolita. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1999. 8,90 €.

Wolf von Niebelschütz (1913–1960)

kammerherrWolf von Niebelschütz ist immer noch einer der Geheimtipps der deutschen Nachkriegsliteratur. Er hat zwei umfangreiche Romane geschrieben, die beide seit ihrem Erscheinen mehr oder weniger kontinuierliche lieferbar waren, also seit vielen Jahrzehnten sich langsam aber sicher eine immer noch wachsende Menge von Lesern erobern konnten. Solche Slowseller leben von der Mund-zu-Mund- Propaganda, von Lesern, die sich Buchempfehlungen wie Geschenke überreichen. Allerdings fehlt bis heute eine umfangreichere biographische Darstellung zu Wolf von Niebelschütz oder sonst eine umgangreichere akademische Belästigung des Autors. Also: Paradiesische Zustände für Leser!

Wolf von Niebelschütz wurde am 24. Januar 1913 in Berlin geboren. Er entstammt einer schlesisch-böhmischen Adelsfamilie und wuchs in Magdeburg auf, da sein Vater dort nach dem Ersten Weltkrieg eine journalistische Tätigkeit ausübte. Er war das dritte von sechs Kindern und verlebte offensichtlich eine weitgehend glückliche Kindheit in der Zeit zwischen den Kriegen. Er interessierte sich früh für Literatur und Musik, lernte zeichnen und war ein hervorragender Schüler.

1927 wechselte Wolf von Niebelschütz auf das Internat von Schulpforta – in dem auch Friedrich Nietzsche seine Schulbildung erhalten hatte –, wo er sich mit den gehobenen Ansprüchen einer Eliteschule konfrontiert sah, die ihm zuerst durchaus Schwierigkeiten bereiteten. Dennoch bestand er dort 1932 das Abitur und begann ein Studium der Geschichte und Kunstgeschichte (auch sein Vater war Kunsthistoriker) in Wien.

Spätestens seit der Zeit in Schulpforta schrieb Wolf von Niebelschütz Gedichte. Die frühesten hat er später selbst verbrannt, aber während der Studienzeit entstanden die ersten Gedichte, die für gut befunden und auch 1939 in der »Neuen Rundschau« gedruckt wurden. Im Januar 1940 wurde Wolf von Niebelschütz dann zur Wehrmacht eingezogen.

Niebelschütz diente als Feldwebel im besetzten Frankreich und das Schreiben wird zum Fluchtpunkt seiner Existenz. Während er tagsüber Dienst schiebt, verbringt er seine Nächte mit dem Schreiben: Ab 1942 entsteht auf einem Wehrmachtsschreibtisch der Großteil seines ersten umfangreichen Romans: Der Blaue Kammerherr. Galanter Roman in vier Bänden. Der Roman umfasst etwa 1.000 Seiten und spielt im Jahr 1732 in dem erfundenen Inselreich Myrrha im Mittelmeer. Die Handlung ist umfangreich und märchenhaft, umfasst wahre Liebe und edle Abenteuer, Staatshändel und Revolution und ist getragen von einer ganz seltenen Mischung aus Vergangenheitssehnsucht und utopischer Hoffnung:

»Kinder, genießt das XVIIIte Jahrhundert, das XIXte wird fürchterlich. Aber das XXste!« – und sie gruppierte ihre Hand auf der Brust – »gnade Gott Eurer armen progéniture! Wer da wagen wollte, Phantasie zu haben, oder Rang, oder Brillanten, oder ein Pantherfell!«

Das Buch erfuhr sowohl schwärmerische Anerkennung als auch krasseste Ablehnung! 1952 verlieh die Stadt Düsseldorf ihren renommierten Immermann-Preis an Wolf von Niebelschütz, aber das war auch schon beinahe der einzige Höhepunkt seiner öffentlichen Anerkennung. 1950 hatte er einen unerwarteten und einzelnen Erfolg mit seiner Komödie »Eulenspiegel in Mölln« bei den »Festspielen des Nordens« gehabt, aber diesem lokalen Publikumserfolg folgten keine weiteren Aufführungen. Und so lebte Wolf von Niebelschütz beinahe ausschließlich von Auftragsarbeiten: 1954 erschien seine Biographie über Robert Gerling – mit dem beinahe schon komischen Untertitel »Ein dramatisches Kapitel deutscher Versicherungsgeschichte« – und von da an erhielt er regelmäßig Aufträge für Festschriften der deutschen Industrie. Immerhin konnte er sich auf diese Weise bescheidene Reisen nach Italien, Korfu und in die Provence finanzieren, wo er zeichnete und Notizen für seinen zweiten und letzten Roman machte.

finsternisDie Kinder der Finsternis spielt im 12. Jahrhundert in der fiktiven Grenzmark Kelgurien, die Niebelschütz zwischen die Provence und das maurische Nordspanien hineinerfindet. Held des Buches ist Barral, ein Bastardsohn des Barons Peregrin von Ghissi, der zu Anfang des Romans als Schäfer lebt und zur Herrschaft über Kelgurien hochgeschwemmt wird. Und Barral erweist sich als kompetenter und guter Herrscher: Er versucht mit allen Mitteln sein Land aus den Umwälzungen der Zeiten herauszuhalten, Kriege zu vermeiden und seine Untertanen zu schützen. Er ist aber auch ein tragischer Held: Alles, was er für andere anfängt, gelingt ihm, alles, was er für sich selbst wünscht, missrät. Das Buch erzählt aber nicht nur die Geschichte des Protagonisten, sondern es enthält auch eine der beeindruckendsten Darstellungen der mittelalterlich-maurischen Kutur in Spanien: Man wird wohl sonst kaum noch ein so einprägsames und zugleich kenntnisreich gezeichnetes Bild von der technischen, medizinischen, kulturellen und ethischen Überlegenheit der islamischen Kultur des Mittelalters finden. Die Kinder der Finsternis ist eines der Musterstücke für das in Deutschland eher vernachlässigte Genre des Historischen Romans. Die eine oder der andere wird sich auf den ersten Seiten an den etwas gehobenen Sprachduktus gewöhnen müssen, aber man wird bald merken, dass es die kleine Mühe lohnt.

Warf ein Baum nicht genügend Frucht, so gingen zwei Männer zu ihm und stritten sich, während er zuhörte, ob man ihn ausroden solle, er trage ja nicht; schon schlug der Eine die Axt stumpf gegen den Stamm, danach mit der Schneide, diesen Schlag fing der Andere ab und bat für den Baum, er werde sich ganz gewiß Mühe geben, wenn man ihm nur ein halbes Jahr Zeit lasse. Erfolg: der Baum bekam Angst, strengte sich an und warf das Dreifache.

Wolf von Niebelschütz starb nur wenige Monate nach dem Erscheinen seines zweiten Romans am 22. Juli 1960 an den Folgen einer Gehirntumor-Operation. Er ist nur 47 Jahre alt geworden und hat zwei bemerkenswerte Bücher der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur hinterlassen. Er passt in keine der großen Tendenzen der Zeit, sondern ragt wie ein Fragment der vorletzten Jahrhundertwende in unsere Welt hinein.

Klopstock schrieb:

Die Blinden

Saßen zwei Blinde bei einer Schilderei. Der eine fühlte auf der unrechten Seite herum, sagte: ist niedrig Buschwerk, wird etwa für einen Weidmann gekonterfeit sein. Der andre fühlte auf der rechten Seite herum, sagte: Hügel sind’s, etliche nur, all das Andre ist Ebne. Trat noch ein Blinder, ihr guter Gesell, herein, ließ sich den Zwist erzählen, fühlte auf dem glatten Rahmen herum, sagte: was? stilles ebnes Meer ist’s, worin sich die liebe Sonne spiegelt. Hatten die Blinden einen andern guten Gesellen, der konnt’ sehen. Da sie selbigem nun den Zwist der Länge nach hatten erzählt, sprach er: bin hergewandert, euch zur Musika einzuladen, weil mir ein trefflicher Geiger ankommen ist. Habt wohl eh’ davon sagen hören, daß unter Zeiten der Himmel voller Geigen hinge. Da hat er eine herabgenommen, so spielt er! Aber die Streitigkeit? So kommt doch. Ich mag die Schilderei nicht ansehn; sie betrübt mich nur, ’s ist Hermann, der von seinen eignen Blutsfreunden ermordet wird! Aber kommt immer. Der Mann wartet in der Laub’ auf uns, und still ist’s, und Mondschein auch.

Doch sie spotteten nur des Sehenden, fochten das Ding fernerhin unter sich aus, und ließen ihn allein zum Geiger gehen.

»Die heißlaufende Info- und Entertainment-Gesellschaft«

spiegel-bestNun hat es auch den SPIEGEL erwischt: Nachdem SZ, BILD, Brigitte, Stern und Zeit alle ihre Buch- oder DVD-Editionen gestartet haben, will auch Deutschlands bedeutendstes Nachrichtenmagazin endlich nicht mehr länger hintanstehen und veröffentlicht seine eigene Buchreihe: »SPIEGEL-Edition – Die Bestseller«. Grundlage für die Auswahl der 40 Titel, bunt gemischt aus Belletristik und Sachbuch, waren die SPIEGEL-Bestsellerlisten. Das alles wäre nur einen kurzen Hinweis wert, aber Volker Hage, Matthias Matussek und Mathias Schreiber haben sich zusammengetan und eine Ankündigung für die Reihe geschrieben, die es in sich hat!

Denn unter dem Titel »Proviant für die Zukunft« wollen sie uns nicht nur den zusammengelaufenen Bücherhaufen als »Kanon« von Büchern, von denen »man sich nicht mehr trennen möchte«, verkaufen, sondern man serviert uns als Dreingabe auch gleich noch eine komplett neue Bestseller-Theorie:

Das skandalös gute Gewissen der SPIEGEL-Redakteure bei ihrer Bestseller-Auswahl setzt einen Gesinnungs- und Stimmungswandel in dieser Sache voraus, der viele Komponenten hat. Der asketische Kultur-Utopist mit sperriger Ware ist nicht mehr unbedingt als Alleinvertreter der Wahrheit geadelt. Wahrheit findet sich auch in dem, was amüsiert, was gemocht wird, was die Lebensstile, Gedankenflüge und Träume der vielen beflügelt.

Zunehmend dürfen auch in den Feuilletons Bestseller von John Updike, Thomas Brussig, Salman Rushdie oder Zeruya Shalev die Grundüberzeugung des Bestsellerautors Marcel Reich-Ranicki („Mein Leben“) bestätigen, dass formal ehrgeizige, intelligente Literatur sehr wohl unterhaltsam sein kann.

Was die SPIEGEL-Edition aus fast einem halben Jahrhundert Bestselleritis herausgefiltert hat, kann sich gerade unter diesem Gesichtspunkt sehen lassen: Der Buchmarkt, so zeigt sich, gab reihenweise Titeln die Ehre, die tief ins Zeitgeschehen griffen, in die Abgründe der Geschichte und der Gefühle. Das gilt für Joachim Fests geistesgeschichtlich anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Monstrum Hitler ebenso wie für Barbara Tuchmans farbig erzählte Exkursion ins 14. Jahrhundert, für Christoph Ransmayrs verrückt genaue Suche nach dem Dichter Ovid oder Peter Handkes Liebesleidensreise im „Kurzen Brief zum langen Abschied“.

Versuchen wir das doch gerade mal in eine Relation zu setzen, damit wir begreifen, was da steht: Dass die SPIEGEL-Kulturredakteure es geschafft haben, aus mehreren Tausend Titeln, die seit 45 Jahren auf den Bestsellerlisten des SPIEGEL aufgetaucht sind, »reihenweise« 40 einigermaßen ordentliche Bücher auszuwählen, soll ein Beleg dafür sein, dass »der Bestseller« besser ist als sein Ruf. Was für eine tiefgründige Argumentation! Da wundert’s nicht, wenn’s gleich zuvor heißt, wir lebten »in einer sich beschleunigenden, ja heißlaufenden Info- und Entertainment-Gesellschaft« – diese Vermischung von redaktionellem Gefasel und Werbung in eigener Sache ist ein handfester Beleg dafür.

Ansonsten ist die Reihe recht nett geraten und – wie fast alle diese Reihen – so nötig wie ein Kropf, da alle Titel auch leicht und preiswert in anderen Ausgaben erhältlich sind. Einige wenige Überraschungen haben mich gefreut: Milan Kunderas »Der Scherz« zum Beispiel, das wahrscheinlich seine komplette spätere Produktion überragt, oder Michail Bulgakows »Der Meister und Margarita«, das für einen ehemaligen Bestseller heute schon wieder merkwürdig unbekannt ist. Ansonsten finden sich wie gewohnt viele Titel, die zahlreich gekauft und selten gelesen wurden – wie das bei Bestsellern eben so ist. Es soll allerdings vereinzelte Leser geben haben, die Christoph Ransmayrs »Die letzte Welt« mit Genuss und bis zum Ende gelesen haben; die mindestens 30.000, die es für einen Bestseller braucht, waren das aber nie und nimmer.

Du kaufst jetzt Günter Grass, …

Wieder einmal große Aufregung im Vorfeld einer Grass-Ver­öf­fent­li­chung! Diesmal durch sein um 60 Jahre verzögertes Geständnis, er sei in der Waffen-SS gewesen. Helle Aufregung bei all denen, die sich professionell aufregen, Experten werden befragt, wie diese Nachricht denn nun einzuschätzen sei, ob Grass als moralische Instanz beschädigt würde, ob seine Bücher nun nichts mehr wert sind oder was sonst noch Schreckliches geschehen könnte. Von Marcel Reich-Ranicki habe ich bislang noch nichts gelesen, aber da kommt sicherlich auch noch was. Ich dagegen frage mich, was sich denn eigentlich geändert hat?

Dass Grass als Jugendlicher bis zur Kapitulation an den Endsieg geglaubt hat, konnte, wer wollte, problemlos nachlesen. Dass Grass als junger Mensch im Krieg aktiv war, ebenso. Dass er zu den Verblendeten und Verführten gehört hat – wie viele andere auch – war ebenso bekannt. Nun wissen wir, dass er eine andere Uniform getragen hat, als bislang angenommen wurde – so what? Grass hat keine Kriegsverbrechen begangen, nicht einmal in einer Einheit gedient, der Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden.

Sein Biograph Michael Jürgs aber erklärt in einem Gespräch im Deutschlandradio die »moralische Instanz Grass« für »eigentlich erledigt«, weil – wie er Kempowski nachsprach – das Bekenntnis »ein wenig spät« gekommen sei. Selbst die Gutwilligen halten Grass die zahlreichen Gelegenheiten vor, bei denen er sich hätte offenbaren können, »ohne dass man ihm einen Vorwurf daraus gemacht hätte«. Man hätte wahrscheinlich nur so reagiert wie jetzt – da versteht man gleich, warum er so lange zu schweigen versucht hat.

Nehmen wir die Aufregung mal für einen kurzen Moment lang ernst, selbst wenn wir wissen, dass es nur Mediengeschrei ist: Grass ist über viele Jahre hinweg zu einer Medien-Ikone aufgebaut worden. Auf der Liste der zehn Top-Denker Deutschlands der Zeitschrift »Cicero«, einem weithin unbekannten intellektuellen Fachblatt, steht Grass auf Position 1. Er hat dort Harald Schmidt um Haaresbreite geschlagen. So sieht das mit den »Denkern« in Deutschland nämlich aus. Anders gesagt: Grass war immer schon eitel genug, um zu jeder Sache eine Meinung zu haben, von der er wusste, dass sie einer ausreichend großen und medienmächtigen Minderheit in den Kram passen würde. Der Minderheit war Grassens Votum immer recht, und spätestens nachdem er den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, war kein Halten mehr.

Dabei waren Grassens Meinungen immer schon windig. Er neigte dazu, zu komplizierten Sachverhalten einfache Ansichten zu pflegen, weniger mit differenzierten Analysen zu glänzen als vielmehr mit einer aufrechten, moralisierenden Pose, sich mehr auf seine Stimm- als auf seine Denkkraft zu verlassen. Als Schriftsteller hat er Unmengen von unliterarischem und unlesbarem Schamott geliefert – ich erinnere mich mit Grausen an »Die Rättin« und »Der Butt«; »Das weite Feld« war wenigstens in der ersten Häfte einigermaßen erträglich –, und einige wenige denken auch heute noch, dass es das bestgehütete Geheimnis von Günter Grass ist, dass er gar keine Romane schreiben kann. Schon 1981 hat Friedrich Dürrenmatt in einem Interview die schöne Äußerung getan:

Günter Grass hat mir sehr höflich den Butt versprochen, aber er hat ihn dann nie geschickt, also brauchte ich ihn auch nicht zu lesen. Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben.

Das hat mir schon damals aus der Seele gesprochen. Dies »späte Bekenntnis« ist eine gute Gelegenheit, Grass als das zu durchschauen, was er seit vielen Jahrzehnten ist: Die erfolgreiche Marketingstrategie einer Interessengruppe. Dass er selbst das bislang nicht begriffen zu haben scheint, macht ihn so erfolgreich. – »Nachbarin! Euer Fläschchen!«

Christoph Martin Wieland (1733–1813)

wielandEr war der erste ernsthafte deutsche Übersetzer Shakespeares, Gründungsvater des Weimarischen Musenhofs, väterlicher Freund Goethes und Heinrich von Kleists, Romanautor von Rang, Griechen- und Römerfreund und bedeutender Übersetzer antiker Autoren, Herausgeber einer der wichtigsten deutschen literarischen und politischen Zeitschriften, des »Teutschen Merkur« – alles in allem eine der herausragenden Gestalten der Literatur seiner Zeit und doch heute nur noch wenig gelesen. Sehr zu Unrecht, wie ich meine.

»In Deutschland«, schreibt Arno Schmidt, »haben wir ja ein ganz einfaches Mittel, einen intelligenten Menschen zu erkennen. […] Wenn er Wieland liebt.« Und auch die Antwort, die Schmidt auf diesen provokanten Satz folgen lässt, dürfte heute noch ebenso zutreffen: »er sagte würdig: ›Ich kenne ihn nicht‹.«

Dabei ist das sehr schade und gar keine Frage von Bildung oder Intelligenz, sondern einfach eine des Lesevergnügens. Wielands Romane und Verserzählungen sind von einem ausgesuchten Humor, sind gedankenreich und wortgewaltig. Manche Literaturgeschichte versucht Wieland als Spätling des Rokoko abzutun, aber damit wird man seiner literarischen Beweglichkeit und seinem aufklärerischen Geist keineswegs gerecht.

Wer war Christoph Martin Wieland?

Er wird 1733 als Sohn eines Pfarrers in der Nähe von Biberach geboren und erhält eine gute Schulbildung. Zum ersten Studium geht er nach Erfurt, wo er sich für die Philosophie einschreibt, die ihn zeitlebens begleiten und beschäftigen wird. Später studiert er noch zwei Jahre Jura in Tübingen und lebt dann für einige Jahre in Zürich, wo er unter anderem als Hauslehrer arbeitet. In diese Zeit fällt auch seine Liebe zu seiner Cousine Sophie Gutermann, mit der er sich zwar verlobt, die diese Verlobung aber löst, um Georg Michael Frank von La Roche zu heiraten. Unter ihrem Ehenamen Sophie von La Roche wird sie eine der führenden Autorinnen in Deutschland werden.

Wieland kehrt 1760 nach Biberach zurück und beginnt ernsthaft an seiner Karriere als Autor zu arbeiten. Es entstehen in rascher Folge die Übersetzungen von 22 Stücken William Shakespeares, die die erste Grundlage für die näherer Bekanntschaft der deutschen Leser mit diesem »dritten deutschen Klassiker« bilden. 1764 erscheint sein erster großer Roman: »Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva«, ein Märchen im Geiste des »Don Quixote«. Und nur zwei Jahre später folgt »Die Geschichte des Agathon«, eine moralische Erzählung in griechisch-antikem Gewand; nach diesem Muster wird Wieland noch zahlreiche Erfolge schreiben. 1769 übersiedelt Wieland zurück nach Erfurt und tritt dort eine Stelle als Philosophie-Professor an. Im September 1772 verpflichtet ihn die Weimarer Herzogin Anna Amalie als Erzieher ihres bereits 15-jährigen Sohnes Carl August. Wieland nimmt dieses finanziell verlockende Angebot an, das ihm für den Rest seines Lebens eine Grundversorgung durch den Weimarer Hof garantiert.

Leben in Weimar und Oßmannstedt

Wieland ist es, der die Bekanntschaft Carl Augusts mit Goethe anregt und vermittelt, die schließlich ab 1775 zur Entstehung des Weimarischen Musenhofs führt. Wieland arbeitet auch nach seiner Entlassung als Prinzenerzieher unermüdlich weiter: Es folgen seine Übersetzungen des Horaz und des Lukian, für den »Teutschen Merkur« entstehen zahllose Aufsätze zu aktuellen politischen und philosophischen Themen und er schreibt weitere Romane und Versepen: Der satirische Roman »Die Abderiten« (bis heute eine hoch vergnügliche Lektüre!), die Verserzählung »Oberon«, der an Lukian angelehnte Dialogroman »Peregrinus Proteus«, »Agathodämon«, und nicht zuletzt der sehr wichtige Roman »Aristipp und einige seiner Zeitgenossen«, der so etwas wie das philosophische Vermächtnis Wielands enthält.

Unterdessen hat Wieland 1803 ein Landgut in der Nähe Weimars, in Oßmannstedt, erworben und hofft, damit die Einkommenslage seiner Familie verbessern zu können, was sich aber auf lange Sicht als Illusion erweist. In Oßmannstedt besuchen ihn Heinrich von Kleist, der zu der Zeit mit seiner Tragödie »Robert Guiskard« ringt, und die unglückliche Sophie Brentano, die Enkelin seiner Jugendliebe Sophie von La Roche und Schwester Clemens Brentanos, die im September 1803 in Oßmanstedt stirbt und auch dort auf dem Gute Wielands beigesetzt wird. Die Grabstätte liegt in einem Ilmbogen und nimmt später auch Wielands Ehefrau und schließlich ihn selbst auf. Die Grabstätte blieb bis heute unversehrt und ist eines der schönsten Dichtergräber der Deutschen Klassiker.

1803 verkauft Wieland das Gut in Oßmannstedt und zieht für die letzten zehn Lebensjahre nach Weimar zurück. 1808 kommt er noch in den »Genuss«, in Erfurt dem französischen Kaiser Napoleon beim Frühstücken zuschauen zu dürfen, ansonsten verbringt er seine späten Lebensjahre mit der Übersetzung der Briefe Ciceros. Am 20. Januar 1813 stirbt Wieland in Weimar und wird in Oßmanstedt beigesetzt.

Wieland wiederentdecken!

Schon zu seinen Lebzeiten galten Wielands Romane als ein wenig unmodern und überholt. Heute haben wir Leser die Chance, unbeeinflusst von solchen Vorurteilen einen witzigen und intelligenten Autor für uns wiederzuentdecken, von dem es viel, viel zu Lesen gibt. In den 80er Jahren gab es eine kleine Wieland-Renaissance, als Franz Greno in seinem Verlag die »Sämmtlichen Werke« Wielands in der Fassung letzter Hand in einer preiswerten Reprint-Ausgabe wieder auf den Markt brachte. Die Ausgabe dürfte heute noch zahlreich in den Antiquariaten zu finden sein. Viel Lesestoff für Neugierige und Literaturbeflissene.