George Orwell: 1984

106060847_82990d4948Zur Wiederlektüre nach über 20 Jahren bin ich auf etwas verschlungenem Weg gekommen: Als ich mir die die Verfilmung des »Merchant of Venice« durch Michael Radford anschaute und mich zu erinnern versuchte, ob ich schon jemals einen anderen Fim dieses Regisseurs gesehen hatte, stellte ich überrascht fest, dass er auch für die Verfilmung von »1984« verantwortlich war. Ich habe dann zuerst den Film nach 22 Jahren noch einmal angeschaut und dann, neugierig wie nah am Buch die Verfilmung wohl sein möchte (sie ist erstaunlich nah am Buch!), das ebenfalls 22 Jahre alte und noch ungelesene Taschenbuch mit der Übersetzung durch Michael Walter aus dem Regal gezogen. Ich hatte noch zu Schulzeiten die ältere Übersetzung von Kurt Wagenseil gelesen, dann im Jahr des Titels brav die neue Übersetzung gekauft, eingestellt und seitdem von Mal zu Mal mit umgezogen.

Weit besser hätt’ ich doch mein weniges verpraßt,
Als mit dem wenigen belastet hier zu schwitzen!
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

Nun aber zum Buch: Wiedergefunden habe ich nicht, was ich erwartet hatte. Was sich im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt und mit den Jahren auch meine frühere Lektüre überlagert hat, ist das Bild eines technisierten Überwachungsstaates. Überwachungsstaat mag gerade noch angehen, von Technisierung aber kann kaum die Rede sein. Überhaupt wird nur ein geringer Anteil der Bevölkerung – hauptsächlich die Mitglieder der »Äußeren Partei« – tatsächlich überwacht und auch bei denen ist der Grad der Kontrolle höchst unklar, was einen nicht unwesentlichen Anteil der von der Partei ausgeübten Macht darstellt.

Vorherrschend aber ist ganz etwas anderes: Not und Elend in einem immerwährenden Kriegszustand, nahezu kompletter Mangel an futuristischer Technik – einzig der »Sprechschreiber« geht wesentlich über den technischen Horizont der 1940er Jahre hinaus –, statt dessen krudeste ideologische und psychologische Methoden, deren Anwendung nicht nur in Bezug auf den Erfolg fraglich erscheinen müsste, sondern auch im fiktionalen Gefüge des Romans eigentlich keinen Platz hat. Wenn die Partei tatsächlich die Vergangenheit so perfekt beherrscht, wie es der Roman vorgibt, so braucht sie auch Märtyrerschaft nicht zu fürchten, da die »vaporisierten« Gedankenverbrecher ja niemals existiert haben. Sie könnte sich daher getrost den mit den Delinquenten betriebenen Aufwand, der dazu führen soll, sie zu linientreuen Genossen zu machen, bevor man sie beseitigt, sparen und die Festgenommenen ohne weiteres ins Jenseits befördern. Geständnisse und Schauprozesse, so man sie denn für die Propaganda benötigt, lassen sich sicherlich unaufwendiger produzieren. Auch bleibt der Versuch unverständlich, die Vergangeheit überhaupt beherrschen zu wollen und immer erneut umzuschreiben anstatt sie einfach auszulöschen. Warum werden denn gedruckte Nachrichten überhaupt noch produziert und ausgeliefert? Wem hat die Partei denn überhaupt etwas zu beweisen? »Doppeldenk« und »Televisor« lassen solchen Aufwand als unnötig erscheinen.

Einzig durch das implizite Menschenbild wird der dritte Teil des Romans interessant: Es existiert in Orwells Utopie kein letzter Zufluchtsort des Individuums in seiner Gedankenwelt, den die Macht nicht erreichen könnte, wenn sie es einmal darauf angelegt hat. Auch der letzte Widerstand des Einzelnen kann gebrochen werden, wenn es die Mächtigen tatsächlich darauf anlegen würden. Insoweit ist Winston Smith eine interessante Gegenfigur zu Kleists Michael Kohlhaas, der sich noch durch das Akzeptieren seines Todes dem Zugriff des Mächtigen entziehen kann.

Erstaunlich, aber dann auch wieder sehr verständlich ist, dass der Roman seine Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein der westlichen Welt so ganz verloren zu haben scheint. Das Gespenst des Überwachungsstaates scheint an Bedrohlichkeit eingebüßt zu haben oder seine Form hat sich inzwischen so verändert, dass Orwells Vision nicht mehr greift. Es steht zu befürchten, dass der Roman in den nächsten zehn Jahren gänzlich obsolet werden wird, falls er es nicht heute schon ist.

Aktuelle Ausgabe:
Orwell, George: 1984
Ullstein Taschenbuch. ISBN 3-548-23410-0
Paperback – 320 Seiten – 7,95 Eur[D]

P.S.: Im Anschluss habe ich auch noch einmal Anthony Burgess’ Essay über Orwells »1984« gelesen, der beispielhaft deutlich macht, wie sehr der Roman eine Extrapolation aus der unmittelbaren Lebenswelt Orwells zum Zeitpunkt der Niederschrift ist.

John Steinbeck: Tortilla Flat

106060846_41dd06354eEin immer noch ganz wundersames Buch, das wahrscheinlich von den meisten Lesern literarisch unterschätzt wird, weil es sich so angenehm und amüsant liest. Tatsächlich steckt es voller literarischer Bezüge und Parodien: Nicht nur ist es eine subtile Satire auf die europäische Adelsgesellschaft, sondern Steinbeck parallelisiert seinen Gruppe von Tagedieben ganz bewußt mit Artus und seiner Tafelrunde, die im Gegenzug als edle Räuberbande erscheinen. Außerdem steckt natürlich ein gerüttelt Maß an »Don Quixote« im Buch und zugleich auch viel vom »Lazarillo« und seinen Brüdern. Steinbeck erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Autor mit gewichtigen literarischen Wurzeln. Dass er aus diesen Wurzeln eine so eingängige Kunst herauszutreiben versteht, zeichnet ihn umso mehr aus.

Auch dieses Buch ist wie »Von Mäusen und Menschen« noch in der schlechten Übersetzung von Elisabeth Rotten im Handel. Es ist zu hoffen, dass die Reihe der Steinbeck-Neuübersetzungen im Zsolnay Verlag auch diese Ausgabe bald ersetzt.

Steinbeck, John: Tortilla Flat
Roman
dtv. ISBN 3-423-10764-2
Kartoniert – 176 Seiten – 7,50 Eur[D]

Harry G. Frankfurt: Bullshit

103220188_f96c1d10b9Eine sprachphilosophische Annäherung an den Begriff Bullshit, der – wie einige andere sprachliche Details – zum Glück unübersetzt bleibt. Nur der Titel ist etwas irreführend gewählt; das englische »On Bullshit« trifft den Inhalt des Büchleins genauer. Methodisch steht die Untersuchung Wittgensteins Spätphilosophie nahe, was sich aber in keiner Weise negativ auf die Verständlichkeit des Textes auswirkt. Insgesamt bestätigt der kurze Text wieder einmal das Vorurteil, dass der angelsächsischen Philosophie oft eine Leichtigkeit der Darstellung eigen ist, die in der deutschen Tradition nur selten erreicht wird. Der Autor nimmt weder sich, noch seinen Essay, noch sein Thema übermäßig ernst. Er schließt sich bewußt an eine Vorläuferuntersuchung an: Max Black: »The Prevalence of Humbug« (Ithaca, 1985). Frankfurts sprachphilosophische Reflexionen münden schließlich in einigen einfachen, aber treffenden Überlegungen zu Wahrheit und Lüge und inwieweit der Bullshitter in einem ambivalenten Verhältnis zu beiden steht. Von hier aus ließe sich die Untersuchung leicht in das Gebiet der klassischen Rhetorik und Philosophie verlängern, vielleicht beginnend mit Platons »Gorgias«.

Am schönsten an der deutschen Ausgabe ist die Bauchbinde, mit der der Suhrkamp Verlag das Buch ausliefert:

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Dies Zitat ist wahrscheinlich als praktische Übung für die Leser gedacht, denn nachdem man das Buch gelesen hat, weiß man mit einiger Sicherheit, was man schon geahnt hat: Bei diesem Satz handelt es sich um einen klassischen Fall von Bullshit, um so mehr wenn er als Werbeslogan gerade auf diesem Buch daherkommt.

Frankfurt, Harry G.: Bullshit
Suhrkamp, 2006. ISBN 3-518-58450-2
Leinen, gelumbeckt – 73 Seiten – 8,00 Eur[D]

James Risen: State of War

100244076_49372c6bcdEin recht oberflächlich informierendes Buch, dem es hauptsächlich darum geht, sogenannte Sensationen über die Unfähigkeit der Regierung Bush und des CIA zu versammeln. Das Buch ist flüchtig und daher schlecht übersetzt, aber es hat sich im Laufe der Lektüre in mir der Eindruck verfestigt, dass es auch schon flüchtig und schlecht geschrieben wurde. Risen kann – aus verständlichen Gründen – seine Quellen sicht benennen und ist in vielen Details auf Einschätzungen von ungenannten Insidern angewiesen, deren Urteilsfähigkeit und Einsicht in die Sache man nicht einschätzen kann. So bleibt das allermeiste auf der Ebene des Hörensagens. Der durchweg journalistische Stil, der mehr Vorgängen als deren Analyse verpflichtet ist, tut ein Übriges.

Einige wenige Geschichten sind interessant, so etwa der Versuch des CIA sich über familiäre Kontaktpersonen Informationen über das Programm des Irak zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu verschaffen, was durchweg zu dem Ergebnis geführt hat, dass ein solches Programm bereits vor langer Zeit aufgegeben wurde und aufgrund der internationalen Boykott-Maßnahmen gegen den Irak auch nicht wieder würde aufgenommen werden können. Diese Informationslage wurde aber laut Risen der Regierung Bushs nie zur Kenntnis gebracht, da sich der CIA darüber im Klaren war, dass derartige Einschätzungen dort nicht erwünscht waren.

Empfehlenswert für diejenigen, die sich ihre antiamerikanischen Ressentiments bestätigen wollen; zur soliden Information kaum geeignet.

Risen, James: State of War
Hoffmann und Campe, 2006. ISBN 3-455-09522-4
Gebunden – 180 Seiten – 19,95 Eur[D]

Hermann Schreiber: Kanzlersturz

97763068_28ade66b71Für mich die Einstiegslektüre in das Thema. Schreiber zitiert im Verlauf seiner Darstellung die wichtigsten bisherigen Publikationen in Auszügen und nimmt auch eine Bewertung dieser Quellen vor. Schreiber war als Journalist Zeitzeuge eines Teils der Ereignisse und sein Buch zeichnet sich durch eine dezidierte, sachliche und klare Darstellung aus. Schreiber spekuliert an den Leerstellen der vorliegenden Quellen nicht, sondern bietet vernünftige Interpretationen dieser Leerstellen an. Er gibt neben der Darstellung der eigentlichen Krisenzeit eine Kurzbiographie Günter Guillaumes und eine solide Charakterisierung Willy Brandts und seiner persönlichen Lebensumstände. Schreiber präsentiert eine kritische Sicht aller Beteiligten und entwickelt den Rücktritt Brandts als eine Folge von Fehleinschätzungen diverser Entscheidungsträger, die letztlich in einer vermeidbaren Zuspitzung der Sachlage und einer nicht angemessenen Entscheidung Brandts kulminiert. In Schreibers Darstellung erscheint dieser Rücktritt, der für die Geschichte der SPD und der Bundesrepublik sicherlich ein bedeutender Wendepunkt war, alles andere als notwendig. Das Buch scheint mir für einen ersten Überblick ausgezeichnet geeignet zu sein.

Schreiber, Hermann: Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat
Ullstein Taschenbuch, 2005. ISBN 3-548-36726-7
Paperback – 272 Seiten – 8,95 Eur[D]

Paul Auster: Nacht des Orakels

93774460_4fb48e4a47Nach der (soweit ich seine Bücher bis dato kenne) üblichen Auster-Manier sehr routiniert erzählter Roman. Im Zentrum steht der Schriftsteller Sidney Orr, der nach langer Krankheit zum Schreiben zurückfindet, während seine Ehefrau gleichzeitig versucht, eine durch eine ungewollte Schwangerschaft ausgelöste schwere Krise ihrer Ehe zu überwinden. Die titelgebende »Nacht des Orakels« ist ein Buch im Buch im Buch: Nachdem Sidney in einem kleinen Papiergeschäft in der Nähe seiner Wohnung ein blaues Notizbuch aus portugiesischer Herstellung gekauft hat, beginnt er eine Erzählung zu schreiben, die sich aus einer Episode in Hammetts »The Maltese Falcon« entwickelt. Sie erzählt von einem Lektor, der durch einen Beinahe-Unfall aufgerüttelt, seine Frau und sein ihn unbefriedigendes Leben verläßt und nach Kansas City flieht, ohne zuerst irgendwem davon Nachricht zu geben. Mit seinem alten Leben verbindet ihn nur noch der postume Roman der Schriftstellerin Sylvia Maxwell, der eben den Titel »Nacht des Orakels« trägt. Auch den Inhalt dieses Romans erfindet Orr im Verlauf seines skizzenhaften ersten Entwurfs.

Wie bei Auster zu erwarten, sind die drei Ebenen der Erzählung sorgfältig miteinander verzahnt, ohne dass dabei in diesem Fall wirklich der Eindruck eines geschlossenen Ganzen entsteht. Das ist aber vielleicht auch gar nicht wichtig, weil das Buch eben auch von den Unabgeschlossenheiten und Zufällene erzählt, die das Leben eines jeden Menschen wesentlich mitbestimmen. Und auch davon, dass man gewisse Dinge einfach hinter sich lassen muss, damit man nicht das eigene Leben und das, was man liebt und einem wichtig ist, zerstört.

Mich hat das Buch nicht so gefangen genommen wie z. B. Austers »Das Buch der Illusionen«. Aber das mögen andere Leser anders empfinden. Das Buch hat mir aber Lust auf den nächsten Auster gemacht.

Auster, Paul: Nacht des Orakels
Rowohlt, 2005. ISBN 3-499-23987-6
Paperback – 288 Seiten – 19,00 × 11,50 cm – 8,90 Eur[D]

Robert Graves: I, Claudius

93774459_50f35b4db8Die erneute Lektüre wurde angeregt durch ein Gespräch über die hervorragende BBC-Serie nach Graves beiden Claudius-Romanen, die ich vor einiger Zeit auf DVD gekauft hatte. Ich hatte das Buch als Jugendlicher auf Deutsch gelesen und dann vor über zwanzig Jahren die hier gezeigte deutsch-englische Ausgabe aus dem Jahr 1941 geschenkt bekommen. The Albatros war ein Leipziger Verlag, der auf englische Texte für deutsche Leser spezialisiert war. Der Text ist sehr sorgfältig gesetzt, der Buchblock fadengeheftet und anschließend broschiert. Ich habe das Buch während der Lektüre recht lieb gewonnen.

Diesmal habe ich natürlich gemerkt, wie sehr »I, Claudius« ein geschickt aufgefüllter Sueton ist. Aber die Betonung liegt eben auf dem Wort geschickt, denn Graves gelingt es ganz erstaunlich gut, auf der Grundlage des Berichts von Sueton eine Romanhandlung zu stricken, die die Zeit von den letzten Jahren der Regierung Augustus’ bis zur Einsetzung von Claudius als Kaiser umfasst. Die meisten Leser werden sich so wie ich auf den ersten einhundert Seiten auf den Berichtston des Romans einstellen müssen. Graves gestaltet Claudius als einen Historiker, der auch in dieser privaten Familiengeschichte seine eigentliche Berufung nicht verleugnen kann und will. Später wird der Text auch reicher an Dialogen und damit unmittelbarer in seiner Darstellung, aber er gerät nie zu einem der typischen historischen Romane, wie etwa Clavell oder Jennings sie später geschrieben haben. Mir ist unklar, wie weit dies Berechnung des Autors ist oder ob er einfach Zeit gebraucht hat, um den Ton für das Buch zu finden.

»I, Claudius« ist ein gewendeter Narrrenroman: Claudius kann gelesen werden als klassische Narrenfigur, an deren vermeindlicher Beschränktheit sich die fürchterliche Normalität seiner Welt bricht; in einer solchen Lektüre ist das Spannenste wahrscheinlich, dass der Narr Claudius beinahe als der einzig geistig Gesunde erscheint, während der überwiegende Teil seiner Familie sich auf die ein oder andere Weise dem Wahnsinn überantwortet. Claudius ist der Fels in der Brandung, dessen Stoizismus dem Leser die Ungeheuerlichkeit der berichteten Ereignisse erst glaubhaft und wahrscheinlich macht.

Eine Rezension des Nachfolgebandes »Claudius the God« folgt hier bei Gelegenheit.

Aktuelle Ausgabe:
Graves, Robert: I, Claudius
Penguin, 2001. ISBN 0-14-000318-5
Kartoniert – 400 Seiten – ca. 15,00 Eur

John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen

84998200_1985ed1e21Das Buch selbst ist ein Klassiker und gehört für zahlreiche deutsche Leser dem Kanon ihrer Schullektüre im Englischunterricht an. Der Text kommt dem Verständnis entgegen durch seine klaren intentionalen Strukturen, seine theatralische Form und seine bewusst einfache Sprache (sieht man einmal von den eventuellen Schwierigkeiten deutscher Leser mit der von Steinbeck phonetisch abgebildeten Alltagssprache ab) und ist daher für eine schulische Lektüre gut geeignet.

Es ist allerdings aus dem gleichen Grund unverständlich, dass gerade diese Übersetzung aus dem Jahr 1940 durch Elisabeth Rotten noch immer lieferbar ist. Ohne der Übersetzerin einen Vorwurf machen zu wollen, besonders da mir die näheren Umstände, unter denen sie gearbeitet hat, nicht bekannt sind, muss man feststellen, dass ihre Übertragung eine mittlere Katastrophe darstellt. Nicht nur trifft Rottens besserwisserische Übersetzungsmethode Steinbecks Ton höchstens einmal zufällig, ihr Vokabular ist gänzlich unzureichend, viele idiomatische Phrasen sind ihr unbekannt und werden daher aufs Geratewohl übertragen und hier und da läßt sie ganze Sätze oder Satzteile einfach aus, ohne dass dafür andere Gründe als Flüchtigkeit erkennbar wären. Warum dtv diese Version des Textes immer noch im Druck hält, wird noch unverständlicher durch die Tatsache, dass mit der Neuübersetzung von Mirjam Pressler eine um Klassen bessere Alternative im selben Verlag vorliegt, wenn sie auch deutlich teuer ist als die alte Ausgabe.

Steinbeck, John: Von Mäusen und Menschen
Deutsch von Elisabeth Rotten
dtv, 1987. ISBN 3-423-10797-9
Kartoniert – 120 Seiten – 6,00 Eur[D]

Empfohlene Ausgabe:
Steinbeck, John: Von Mäusen und Menschen
Deutsch von Mirjam Pressler
dtv, 2002. ISBN 3-423-62072-2
Kartoniert – 144 Seiten – 7,50 Eur[D]

Annette Pehnt: John Steinbeck

75985123_5843951f57Die derzeit einzige lieferbare deutschsprachige Biographie zu John Steinbeck, dessen Bücher allerdings in einer überraschenden Breite in deutscher Übersetzung vorliegen, was darauf hindeutet, dass sie nicht viel von ihrer Popularität verloren zu haben scheinen – allen voran natürlich »Von Mäusen und Menschen«, das zumindest im Englischunterricht noch zum Kanon gehört.

Die Biographie von Annette Pehnt ist in der Reihe »dtv portrait« erschienen, mit der dtv in direkte Konkurrenz zu den Rowohltschen Bildmonographien getreten ist. Auch diese Konkurrenz belebte das Geschäft, denn nach einer längerern Phase der Stagnation hat sich in den vergangenen Jahren das Niveau der Rowohltschen Bildmonographien sehr erfreulich entwickelt: Viele ältere und kaum mehr brauchbare Bände der Reihe sind durch neu verfasste ersetzt und auch Lesefreundlichkeit und Erscheinungbild sind verbessert worden. Die dtv-Reihe ist bei weitem nicht so umfangreich wie die Rowohltsche, steht aber, was die Attraktivität der Bände angeht, der Konkurrenz in nichts nach. Im Fall des vorliegenden Bandes ist der Buchblock sogar fadengeheftet und das bei einem Preis von 8,50 €. Mit solchen Büchern kann man arbeiteten.

Die Biographie von Annette Pehnt informiert leider nur sehr knapp über den eigentlich biographischen Stoff, erzählt dafür aber auf vielen Seiten Inhalte der wichtigsten Bücher Steinbecks nach. Ich kenne nun die englischsprachige Literatur zu Steinbeck nicht, kann mir also kein Bild davon machen, wie forschungsaufwendig eine andere Gewichtung des präsentierten Materials gewesen wäre. Mir wäre es nur eben lieber gewesen, wenn ich mehr zu Steinbeck selbst erfahren hätte, da ich die Bücher selbst lesen kann und will.

Grundsätzlich leidet diese Biographie daran, dass sie den Eindruck vermittelt, dass die Autorin Steinbeck als Menschen nicht mag und als Autor bestenfalls für drittranging hält. Mit dem letzteren mag sie vielleicht sogar Recht haben, aber man kann auch über einen drittrangigen Autor, besonders über einen, dessen Bücher auch fast 40 Jahre nach seinem Tod noch ungebrochen populär sind, sicherlich interessanteres sagen als immer wieder ›trotz der schwerwiegenden Schwächen des Buches‹ oder ähnliches. Das »Phänomen Steinbeck«, dem sein Erfolg ein Anlass dazu war, sich als Autor zu misstrauen, beschreibt Pehnt zwar, verweigert aber jegliche Analyse. Stattdessen stellt sie mit derselben Naivität, die sie dem Autor Steinbeck an zahlreichen Stellen attestiert, ihr buntes Bild der Welt neben dessen Bücher und hält dies anscheinend für eine Form der kritischen Auseinandersetzung. Ganz drollig gerät es, wenn sie versucht, gut feministisch Steinbeck seinen Machismo vorzuhalten und durch gleichzeitige Kritik des weiblichen Gegenlagers eine ausgleichende Ungerechtigkeit herzustellen.

Leider kein gutes Buch, das sich nur für eine erste, oberflächliche Information eignet.

Pehnt, Annette: John Steinbeck
dtv, 1998. ISBN 3-423-31010-3
Kartoniert – 160 Seiten – 8,50 Eur[D]

Thomas Lehr: 42

75985124_b71c24fe58Erzählt wird die Geschichte von Adrian Haffner, einem Münchner Journalisten, der zusammen mit einer größeren Besuchergruppe einen Detektor des Kernforschungszentrums CERN besichtigt und bei seiner Rückkehr an die Erdoberfläche zusammen mit 70 anderen Chronifizierten feststellen muss, dass derweil die Zeit stehengeblieben ist. Nur für die besagten 70 existiert die Zeit in ihrer nächsten Umgebung weiter, sie tragen eine Chronosphäre um sich herum; das ganze übrige Universum steht still. Man kann sich denken, dass dies einige Verwirrung auslöst. So ist dann der Roman auch geworden.

»42« gehört nicht zu der Sorte von Büchern, die ich normalerweise lese; ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt zu einer Sorte von Büchern gehört, aber es mag sein, dass dort draußen inzwischen eine neue Art von Literatur existiert, mit der ich hier erstmalig in Berührung gekommen bin. Das erstaunlichste an dem Buch war für mich die nahezu komplette Weltlosigkeit des Textes, anders gesagt: Das ganze Buch, seine Handlung, seine Gespräche, seine Figuren sind vollständig dem Kopf des Autors entsprungen. Dass reale Orte wie Genf, Zürich, München, Berlin oder Florenz im Buch vorkommen, ist gänzlich zufällig und gleichgültig; wichtig an diesen Orten ist auch nicht ihr Da- oder So-sein, sondern nur ihre Entfernung voneinander, die der Ich-Erzähler zu Fuß zurücklegt, damit er überhaupt irgendetwas zu tun hat außer die ewig gleichen wirren Gedankengänge zu Papier zu bringen.

Das Buch hat insgesamt wenig zu erzählen, viel zu wenig für die 368 Seiten, die der Autor letztendlich gefüllt hat. Es verbreitet daher über weite Strecken die fürchterlichste Langeweile: Immer erneut wird beschrieben, wie irgendwelche als »Fuzzis« bezeichneten Menschen regungslos irgendwo herumstehen, wie sich das sich nicht verändernde Licht nicht verändert und die gleichbleibende Hitze gleich bleibt. Zwischendurch ein, zwei sexistische Phantasien und dann geht es mit der nächsten wirren Reflexionskaskade weiter. Und was vielleicht das schrecklichste ist: Das Buch ist weitgehend humorfrei – »die Nullzeit ist ernst.« [S. 191]

Sehr merkwürdig erscheint mir allerdings, dass der Autor sich die Mühe macht, seinen doch recht dünnen Phantasieanlass – die Zeit bleibt stehen und nur einige wenige Menschen sind nicht betroffen – überhaupt mit einer pseudonaturwissenschaftlichen Rahmung zu versehen, da er selbst recht bald einsehen muss, dass es auch nicht den Hauch einer möglichen wissenschaftlichen Erklärung für das phantasierte Ereignis geben könnte. Ob nun CERN oder ein falsch montierter Haushaltsmixer die Katastrophe verursacht haben soll, ist für das Buch völlig unerheblich. Am merkwürdigsten dann schließlich das gänzlich unsinnige Geschwurbel, mit dem das Buch endet und das noch weniger einleuchtend wäre als alles Vorangegangene, wenn das denn überhaupt möglich wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!

Nur an einer Stelle hat mir der Autor so recht aus dem Herzen gesprochen: »Mir ist völlig rätselhaft und auch ziemlich gleichgültig, weshalb er ausgerechnet mir etwas anvertrauen möchte« [S. 336].

Lehr, Thomas: 42
Aufbau-Vlg, 2005. ISBN 3-351-03042-8
Gebunden – 368 Seiten – 21,5 × 12,5 cm – 22,90 Eur[D]