Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen

Im Allgemeinen gelüstet es niemanden nach einem vorgegebenen Vergnügen.

Meine letzte Lektüre Balzacs liegt über 30 Jahre zurück. Nach dem Studium hatte ich antiquarisch die von Ernst Stadler herausgegebene Gesamtausgabe der „Menschlichen Komödie“ erworben und einige Romane gelesen, Balzac aber bald als einen oberflächlichen Schnellschreiber wieder beiseite gelegt. Nun hat sich aber in der letzten Zeit mein Buchändler wiederholt lobend über Balzac geäußert; hinzukommt, dass Hanser gleich zwei Bücher hat neu übersetzen lassen, eines davon immerhin von Melanie Walz. Also habe ich mich zur Prüfung meines Vorurteils hinreißen lassen.

„Verlorene Illusionen“ ist ein aus drei Romanen zusammengeschusterter Roman über die Freunde David Séchard und Lucien Chardon. Beide sind als Schulfreunde in Angoulême aufgewachsen, David als Sohn eines Druckers, der selbst aus einfachsten Verhältnissen kommend, sich den Besitz der Druckerei hart ergaunert erarbeitet hat, Lucien als Sohn eines Apothekers und glücklosen Erfinders, dessen früher Tod seine Frau und beide Kinder in Armut zurückgelassen hat. Die Handlung des ersten Teils – „Die zwei Dichter“, und mehr habe ich diesmal auch nicht gelesen – spielt in der Hauptsache im Jahr 1821 in Angoulême. Dem von seiner Lehre als Drucker in Paris zurückkehrenden David wird von seinem Vater dessen veraltete Druckerei unter belastenden finanziellen Forderungen übergeben. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig für David, da gerade ein modernes Konkurrenzunternehmen an den Ort gekommen ist, das die Zukunft der alten Druckerei überschattet. Dennoch wagt es David nicht, den Forderungen seines Vaters zu widersprechen und ergibt sich in das voraussehbar schlechte Geschäft.

Lucien, den Mutter und Schwester finanziell über Wasser halten, träumt von einer Karriere als Schriftsteller, kann aber außer einigen Gedichten, über deren Qualität der Leser im Unklaren gehalten wird, nur einen begonnenen Roman „Der Bogenschütze Karls IX.“ vorweisen. Sein eigentliches Talent aber liegt in seinem guten Aussehen. David, der Luciens Interesse für Literatur teilt, stellt den eigentlich nutzlosen Freund ein, und die beiden vegetieren einige Zeit miteinander vor sich hin.

Fahrt nimmt der Roman auf, als Lucien zum Spielzeug der lokalen Adeligen Louise de Bargeton wird, die sich für etwas besseres hält als ihre Mitadeligen. Sie verfällt Luciens Schönheit, kann sich aber als Mäzenin des jungen Dichters gerieren, um ihre Vernarrtheit vor sich selbst und ihrem Ehemann zu verkappen. Natürlich verliebt sich der junge Dummkopf unsterblich in seine Gönnerin, aber die Erfüllung ihrer Liebe ist unter den Bedingungen der Provinz zum Scheitern verurteilt, wie uns Balzac sehr ausführlich darlegt, nur um wenige Seiten weiter überraschend die mitadeligen Neiderinnen Louisens so zu charakterisieren:

Die Frauen die am züchtigsten Entrüstung bekundeten und die Sittenverderbnis beklagten, waren niemand anderes als Amélie, Zéphirine, Fifine und Lolotte, die allesamt verbotenem Glück frönten.

S. 167

Wie heißt es so richtig bei Loriot? „Es geht nicht!“ „Aber es muss gehen, andere machen es doch auch.“

Und so ist die ganze zweite Hälfte dieses kurzen Romans: Alles wimmelt vor Plattitüden und Ad-hoc-Einfällen eines schludrig vor sich hin fabulierenden Schreiberlings: David, der mittellos aus Paris zurückgekehrt war, weil ihm sein Vater das Erbe der Mutter vorenthält, und der deshalb die Druckerei seines Vaters bei ihm auf Pump kaufen musste, hat plötzlich, weil dringend Geld für seine bevorstehende Hochzeit mit Éve, der Schwester Luciens, und den Umbau des väterlichen Hauses nötig ist, „aus Paris einen Notgroschen mitgebracht“ (S. 156). Wie zu erwarten ruiniert ihn den Umbau des Hauses komplett. Als Lucien aber Geld braucht, um nach Paris zu fliehen, sind wundersamer Weise doch wieder 2000 Francs vorhanden, von denen er liebend gern die Hälfte Lucien mitgibt. David begibt sich an dem Tag, der zur Krise des Romans führt, zu seinem Vater aufs Land „in der Hoffnung, die Schönheit der Schwiegertochter werde den alten Schlaukopf dazu bewegen, sich an den gewaltigen Ausgaben für das Umgestalten des Hauses zu beteiligen“ (S. 159). Wie das gelingen soll, ohne die Schwiegertochter in spe wenigstens mitzunehmen und vorzuzeigen, bleibt Balzacs Geheimnis. Zum Glück ist David am nächsten Morgen zurück, um beim gemeinsamen Frühstück mit Lucien zu erfahren, dass Louisens Ehemann sich mit dem Mann duelliert hat, der Gerüchte über eine Affäre zwischen seiner Ehefrau und Lucien gestreut hat. Warum David aber für diesen ereignisreichen Tag extra aus der Stadt gebracht werden musste, hat Balzac inzwischen vergessen.

Und so geht es in einem fort: In das an und für sich schon höchst peinliche Liebesgeständnis und den Heiratsantrag Davids an Éve gerät ein Lexikon-Artikel über Papierherstellung hinein, weil David viel später zum Erfinder umgeschrieben werden soll (S. 160 ff.), und Balzac über Papier eben auch noch Bescheid weiß. In dem aufgeregten mündlichen Bericht der Mutter Chardon vom Duell findet sich unwillkürlich ein angedeuteter Witz, weil er Balzac gerade einfällt oder er ihm erzählt wurde: Die Duellanten hätten sich „auf der Wiese von Monsieur Tulloye [getroffen], ein Name, der Anlass zu Wortspielen ist“ (S. 175). Wohlgemerkt: Das ist wörtliche Rede der Mutter! Und schließlich finden sich auch solche Perlen Balzacscher Poesie:

Dort atmete der süße Geist, der in jungen Ehen herrscht, wo die Orangenblüten und der Brautschleier noch das Leben krönen, wo der Liebesfrühling sich in allen Gegenständen gespiegelt findet, wo alles weiß, rein und blütenreich ist.

S. 176 f.

„Ach Kinder, wie ist es herrlich! Es ist aber auch zu und zu schön!“

Mit den unheilschwangeren Worten

Der Drucker stieg wieder in sein klappriges Kabriolett und entschwand bedrückten Herzens, denn Luciens Geschicke in Paris erfüllten ihn mit schrecklichen Vorahnungen.

S. 187

schließt der Roman bzw. dieser erste Teil. Sind Sie auch so gespannt wie ich, wie es weitergehen mag?

Mir ist durchaus bewusst, dass Balzac nicht wegen seiner schriftstellerischen Sorgfalt berühmt ist, sondern weil sich bei ihm das bürgerliche und subbürgerliche Leben im Frankreich des 19. Jahrhunderts in epischer Breite und außergewöhnlich detailliert und mit vielen seiner Verwerfungen widerspiegelt, dennoch ist es mir unmöglich, eine so schlecht erfundene und geschriebene Prosa zu lesen. Ich kehre also ohne Reue zu meinem alten Vorurteil zurück.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Melanie Walz. München: Hanser, 2014. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 960 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Charles Dickens: David Copperfield

Cover

„David Copperfield“ (1849/50) ist wahrscheinlich der beliebteste Roman von Charles Dickens und gehört damit auch zu den am häufigsten ins Deutsche übersetzten (die Wikipedia-Seite führt, die vorliegende Übersetzung eingeschlossen, zwanzig deutschsprachige Übertragungen bzw. Bearbeitungen auf). Nun legt Melanie Walz, deren Übersetzungen ich bislang durchweg gelungen fand, eine weitere deutsche Fassung vor, die leider nur als oberflächlich und fehlerhaft bezeichnet werden kann. Es handelt sich dabei nicht nur um Stellen, bei denen man stilistisch anderer Auffassung sein kann, sondern leider um zahlreiche Fehler, die sich nur mit einer zu flüchtigen Übersetzungsarbeit und einem mangelhaften Lektorat erklären lassen:

Seite (Walz)OriginalÜbersetzung Walz
79to have any duties imposed upon you that can be undertaken by me.um dich Aufgaben zu unterziehen, die ich nicht übernehmen kann.
123but I did them, there being no Mr. and Miss Murdstone here, and got through them without disgrace.aber es gelang mir, weil kein Mr. Murdstone und keine Miss Murdstone zugegen waren, und [ich] kam gut zurecht.
165I had my own old plate, with a brown view of a man-of-war in full sail upon it, which Peggotty had hoarded somewhere all the time I had been away,Ich bekam meinen eigenen alten Teller mit einer braun getönten Ansicht eines Kriegsschiffs unter vollen Segeln, das [recte: den] Pegotty während meiner Abwesenheit irgendwo versteckt hatte
216informing her, I recollect, that I never could love another,und wie ich mich erinnere, erklärte mir [recte: ihr], dass ich nie eine andere lieben würde
324As she would not hear of staying to dinner, lest she should by any chance fail to arrive at home with the grey pony before dark;Da sie nicht zu überreden war, zum Essen zu bleiben, um auf keinen Fall [zu verfehlen,] mit dem grauen Pony vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukommen,
327and almost as stiff and heavy as the great stone urns that flanked them, and were set up, on the top of the red-brick wall, at regular distances all round the court, like sublimated skittles, for Time to play at.und fast so steif wie die großen steinernen Vasen, die daran entlang in regelmäßigen Abständen auf der roten Ziegelmauer thronten, sinnbildhafte Figuren, mit denen die Zeit Kegel spielen durfte. [recte: veredelte Kegel, auf dass die Zeit mit ihnen spiele]
327and his shoes yawning like two caverns on the hearth-rug.Schuhen, die [auf dem Kaminvorleger] wie zwei Höhlen gähnten

Zu diesen eindeutigen Fehlern kommen noch zahlreiche Stellen hinzu, über die man sich zumindest streiten müsste. Natürlich kann eine solche Ansammlung von Ungenauigkeiten ganz verschiedene Ursachen haben, besser machen die möglichen Erklärungen aber die Übersetzung selbst leider nicht.

Ich habe daher zu Beginn des 16. Kapitels die Lektüre eingestellt. Ein großer Aufwand wurde leider vertan!

Charles Dickens: David Copperfield. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2024. Pappband, Lesebändchen, 1295 Seiten. 45,– €.

Jahresrückblick 2022

Das Jahr 2022 war ein etwas durchschnittliches Lektüre-Jahr, sowohl was die Menge der gelesenen und hier besprochenen Bücher angeht als auch nach deren Qualität. Wirklich negative Ausreißer gab es aber keine; es hat sich auch in diesem Jahr die Tendenz bei mir verfestigt, nur noch tote Autoren zu lesen, und der Anteil des Wiedergelesenen hat sich, so wenigstens mein ungeprüfter Eindruck, erhöht.

In der Erinnerung stechen hervor:

  • Gogols Tote Seelen, die in der Übersetzung von Vera Bischitzky sich als überraschend frisches Buch erwiesen.
  • Thomas Manns Der Erwählte, der seit über 40 Jahren zu meinen liebsten Büchern gehört.
  • Die beiden abschließenden Teile von Anthony Burgess The Malayan Trilogy in der Übersetzung von Ludger Tolksdorf.
  • Und – noch kurz vor Toresschluss – Joseph Conrads Lord Jim in der neuen Übersetzung von Michael Walter; wahrscheinlich der Höhepunkt dieses Lesejahres.

Joseph Conrad: Lord Jim (2)

Vor knapp vier Jahren habe ich Lord Jim in der Übersetzung durch Manfred Allié hier vorgestellt und das Buch, mit Ausnahme der Ausstattung, sehr gelobt. Nun hat in diesem Jahr der Hanser Verlag eine Neuübersetzung durch Michael Walter, einen der besten Übersetzer aus dem Englischen, vorgelegt. Ich habe Walters Übersetzung jetzt kursorisch gelesen und stichprobenhaft beide Übersetzungen und das Original miteinander verglichen.

Auf Manfred Allíe war ich zuerst durch seine Übersetzung von Das Herz der Finsternis gestoßen, die sich als erste Übersetzung erfolgreich darum bemühte, den Ton des englischen Originals ins Deutsche zu transportieren. Nun stellt Lord Jim andere Anforderungen an den Übersetzer, aber ich fand, auch hier hatte sich Allíe aufs Beste bewährt. Trotzdem muss ich nun zugeben, dass die Lektüre von Walters Übersetzung eine reine Freude ist. Sein Deutsch ist von einer erstaunlich schlichten Eleganz, mit nautischen Begriffen durchsetzt, so wie es sich auch bei Conrad findet; vielleicht ist die Lektüre ein wenig zu widerstandslos, wenn man es mit dem Original vergleicht, aber es ist hier ein her­aus­ra­gen­des Sprachkunstwerk gelungen. Beim Vergleich mit dem Original fällt auf, dass Walter im Zweifel immer versucht, in Struktur und Wortwahl sehr nah am Original zu bleiben. Ich würde von der Übersetzung Allíes nicht abraten, aber wer es sich leisten kann, sollte – auch weil er das unvergleichlich viel schönere und besser gemachte Buch erhält–, unbedingt zur Übersetzung von Michael Walter greifen.

Joseph Conrad: Lord Jim. Aus dem Englischen von Michael Walter. München: Hanser, 2002. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten Dünndruck. 36,– €.

George Orwell: Reise durch Ruinen

Die Welt wird sich in drei Lager teilen, und letztlich werden davon zwei übrig bleiben, denn Großbritannien ist nicht stark genug, um allein zu stehen, und wird deshalb Teil des amerikanischen Systems werden. Die kleineren Nationen werden sich um die Großen gruppieren – entlang von Linien, die sich heute schon recht genau abzeichnen.

Orwell war, bevor er durch seine beiden späten Bücher berühmt wurde, schon länger als zehn Jahre unter anderem auch als Journalist tätig. Da er ein politisch interessierter Beobachter der europäischen Entwicklung war – im Gegensatz zu der Mehrheit der linken Intellektuellen Westeuropas hatte er ein sehr distanziertes Verhältnis zur Sowjetunion unter Stalin entwickelt –, war es nur natürlich, dass er sich im März 1945 im Auftrag des Observers mit den britischen Truppen auf den Kontinent begab, um im Rückraum der Front Eindrücke aus erster Hand zu sammeln und den englischen Zeitungslesern zu berichten.

Der vorliegende Band versammelt elf dieser Zeitungsberichte aus dem Jahr 1945 (nur einer davon beschäftigt sich speziell mit der Lage in Österreich), ergänzt um zwei Artikel von 1940 (über Hitlers Mein Kampf) und 1943 (über einen Band mit Essays von Thomas Mann) sowie einen abschließenden Essay zur aktuellen Weltlage, der zwar kurz vor dem Abwurf der ersten Atombombe am 6. August 1945 geschrieben wurde, aber dennoch eine sehr klarsichtige Analyse der politischen Weltlage liefert.

Die zehn Artikel zur Lage in Deutschland kreisen immer wieder um einige zentrale Themen:

  • Das Schicksal der Displaced Persons, also der nach Deutschland verschleppten Fremdarbeiter, die nun in ihre Länder zurückgeführt werden sollen, was in den letzten Kriegstagen eine nicht zu unterschätzende Aufgabe darstellt.
  • Die Schwierigkeit der Versorgung der Bevölkerung im kommenden Winter 1945/46, da es den Bauern an Arbeitskräften fehlt – die meisten deutschen Männer stehen noch im Feld oder sind Kriegsgefangene; die Zwangsarbeiter sind befreit und warten entweder auf ihren Rücktransport oder machen sich bereits selbstständig auf den Weg in ihre Heimat.
  • Die politischen Ansichten der Deutschen, speziell ihr Eindruck, dass die Alliierten nicht nach einem gemeinsamen Plan agieren und sich bald untereinander verstreiten werden. Er registriert bei den Deutschen immer erneut große Sympathien für die Briten und Amerikaner und Antipathie oder sogar Furcht vor den Franzosen und Russen. Er hält diese schiefe Wahrnehmung wohl zurecht für ein Hindernis bei der politischen Neugestaltung des Landes, für die zu dieser Zeit – der Krieg ist noch nicht zu Ende – noch keine offiziellen Pläne vorzuliegen scheinen.
  • Die herkulische Aufgabe des Wiederaufbaus Europas, wobei er nicht nur die zerstörten Städte Deutschlands im Blick hat, sondern auch die von den deutschen Streitkräften in England, Frankreich und Osteuropa hinterlassenen Zerstörung. Zu diesem Themenfeld gehören auch Überlegungen, dass eine Reorganisation der Industrie – zumindest soweit sie noch existiert – zu einer Friedenswirtschaft alles andere als rasch umzusetzen sein wird.

Trotz dieser natürlich durch Orwells unmittelbares Erleben bedingten thematischen Enge entsteht ein lebendiges Bild des Westens und Südwesten Deutschlands in den Wochen unmittelbar vor Kriegsende, in denen sich die Niederlage auch für die Deutschen schon klar abzeichnete. Für die wenigen Seiten, die der Band umfasst, ist er erstaunlich inhaltsreich und liefert zugleich einiges an Material zum Verständnis besonders von 1984.

George Orwell: Reisen durch Ruinen. Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. München: Beck, 2021. Bedruckter Pappband, 111 Seiten. 16,– €.

Michel Winock: Flaubert

Die Worte schienen ihm durchaus nicht zuzuströmen, für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.

Thomas Mann

Der Hanser Verlag hat im Vorfeld des 200. Geburtstages von Gustave Flaubert die in Frankreich hochgelobte Biographie des Historikers Michel Winock aus dem Jahr 2013 ins Deutsche übertragen lassen. Winock ist zweifellos das, was man einen Fan nennen könnte, aber sein Buch bewahrt dennoch eine weitreichende Obejktivität, nicht nur, was Flaubert selbst angeht, sondern auch die vorhergehende Literatur über ihn betreffend. Es kommt dem Buch sicherlich sehr zugute, dass Winock kein Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist und so bei einigen der umstrittenen Themen der Flaubert-Forschung die gegensätzlichen Auffassungen schlicht einander gegenüberstellen und dann auf sich beruhen lassen kann. Ebenso ist seine souveräne Position zu Sartres überbordener Interpretation Flauberts erfrischend.

Gustave Flaubert ist ein erstaunlicher Autor: Sein Werk besteht im Wesentlichen aus drei schwierigen Romanen und drei Erzählungen, ergänzt durch das Fragment eines vierten Romans, der bis heute Leser eher irritiert als fasziniert. Zu seinen Lebzeiten scharfer Kritik ausgesetzt, stieg er im 20. Jahrhundert zu einem der Gründungsväter der modernen und Klassiker der französischen Literatur auf; sein Einfluss auf Schriftsteller seiner und nachfolgender Generationen kann kaum überschätzt werden.

Im Vergleich mit seine Kollegen hat Flaubert auf der einen Seite ein weitgehend einsiedlerisches Leben in der Provinz geführt, das der Arbeit an seinen Romane gewidmet war, die langsam und unter den größten stilistischen Skrupeln entstanden sind. Er musste stets seine juvenile Neigung zum Romantizismus und zum sprachlichen Überschwang im Zaum halten, und sein Glaube, dass ein Erzähler sich jedes Urteils über seine Figuren und deren Handlungen enthalten müsse, hat zu seinem bemerkenswert kühlen und distanzierten Stil geführt. Seine Stoffe entstammen einerseits unmittelbar seiner Gegenwart, andererseits einer phantastisch imaginierten Antike, in die er alle seine andern Orts unterdrückten Leidenschaften und schwarzen Gedanken projizierte.

Auf der anderen Seite war er ein aktiver Promoter und Regisseur der Theaterstücke seines Kollegen Louis Bouilhet, der ohne die Freundschaft mit Flaubert heute vollständig vergessen wäre, ein unermüdlicher Briefschreiber, der auf diese Weise durchaus intensive Freundschaften auch zu bedeutenden Kolleginnen und Kollegen (Georg Sand, Iwan Turgenew) unterhielt. Er hat eine Wohnung in Paris unterhalten und gehörte zum Künstlerkreis um die Brüder Goncourt, die in ihren Tagebüchern einige der schönsten und gehässigsten Porträts seiner Persönlichkeit geliefert haben. Er hat Nordafrika, Ägypten, den Nahen Osten und Istanbul bereist und war regelmäßig in England, wahrscheinlich um eine heimliche Geliebte zu treffen – tatsächlich so heimlich, dass auch heute noch nur darüber spekuliert werden kann. Zu diesen persönlichen Widersprüchen treten Flauberts soziologische und politische Vorurteile hinzu, die alles andere als ein einheitliches Weltbild ergeben und zu denen auch noch seine allgemeine Misanthropie und seine tiefe Verachtung der menschlichen, besonders aber der bürgerlichen Dummheit hinzutreten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Winocks resümierendes, letztes Kapitel sich weitgehend in einer Auflistung dieser Gegensätze erschöpft. Flaubert war alles andere als eine gerundete und in sich geschlossene Persönlichkeit, und so erscheint er auch in Winocks Erzählung.

Was die sachliche Ebene angeht ist das Buch, soweit ich sehe, bis auf eine Winzigkeit fehlerfrei. In der ersten Hälfte habe ich als Leser ein wenig zu oft gedacht, das hätte ich so auch schon bei Maxime Du Campe oder Guy de Maupassant gelesen, aber das muss einen anderen Leser durchaus nicht stören. Die Interpretationen der Werke sind durchweg gut bis herausragend – wer sich einen Eindruck von der Qualität des Buches verschaffen will, lese die der Education sentimental gewidmeten Kapitel XVIII bis XX. Bei der Analyse von Leben und Werk wird nebenbei eine kurze Geschichte Frankreichs von der Juli-Revolution bis in die frühen Jahre der Dritten Republik hinein mitgeliefert. Zudem finden sich knappe biographische Portraits etwa von Louis Bouilhet, George Sand oder Maxime Du Camp.

Alles in allem eine runde, gut lesbare und ausgewogene Biographie, nach deren Lektüre man sich als ausreichend informiert und gerüstet für die Lektüre der Werke Flauberts fühlen darf.

Michel Winock: Flaubert. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim. München: Hanser, 2021. Pappband, Lesebändchen, 655 Seiten. 36,– €

Aravind Adiga: Amnestie

Dhanajaya Rajaratnam, genannt Danny, ist ein Tamile, der ohne Aufenthaltsgenehmigung in Sydney lebt. Er stammt aus Sri Lanka, war auch schon einmal in Dubai beschäftigt und ist als Student nach Australien gekommen. Das College, an dem er studieren sollte, erwies sich aber als eine schlecht getarnte Schleuser-Organisation, die sich an den Studiengebühren der Ausländer bereichert und ihnen im Gegenzug nur fragwürdige Diplome anbieten konnte. Danny hat dieses Studium bald aufgegeben und sich als Putzmann selbstständig gemacht. Er lebt nun seit vier Jahren in Australien, und die meiste Zeit gelingt es ihm, in aller Öffentlichkeit unsichtbar zu bleiben. Doch an dem Tag, von dem Amnestie erzählt, läuft Danny beinahe in eine Morduntersuchung hinein. Eine der Bewohnerinnen im Haus gegenüber dem, in dem er die Wohnung eines Anwaltes putzt, ist ermordet worden. Danny ahnt nicht nur sofort, dass er die Ermordete kennt, er hat auch einen starken Verdacht, wer der Mörder sein könnte.

Das Mordopfer Radha und ihr mutmaßlicher Mörder Prakash waren ein Liebespaar, zusammengehalten durch die gemeinsame Spielsucht und überhaupt ihre Sehnsucht, sich selbst zu spüren. Danny putzte bei Rahda, die versprach sich für ihn einzusetzen und ihm eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung oder wenigstens einen Straferlass zu verschaffen. Danny wurde zum regelmäßigen Begleiter bei den Ausflügen des Paares in Kneipen und Spielhallen. Und Danny erfährt auch, dass der Mord an einer Stelle geschehen ist, die das Paar schon des Öfteren aufgesucht hatte. Danny begeht nun den Fehler – und das ist die einzige wirkliche Crux der Fabel – diesen mutmaßlichen Mörder anzurufen, der sofort ahnt, dass Danny ihn verdächtigt. Von diesem Moment an liefern sich beide eine Art von Katz-und-Maus-Spiel, dessen Verlauf und Ausgang hier nicht verraten werden müssen.

Parallel zu diesem einen Tag wird uns nicht nur die Geschichte Dannys in den vier Jahren in Australien erzählt, sondern wenigstens in Teilen seine übrige Lebensgeschichte seit seiner Kindheit in Batticaloa in Sri Lanka. Danny ist ein überdurchschnittlich intelligenter, sogar gebildeter junger Mann, der in Europa wahrscheinlich eine gute akademische Ausbildung bekommen und eine erfolgreiche Karriere angestrebt hätte. Doch in Sydney ist er nur Opfer all jener, die seine Furcht vor Internierung und Deportation ausnutzen.

Der Roman braucht eine Weile, um das richtige Tempo zu finden. Lange Zeit kann man den Verdacht hegen, das alles sei zwar präzise recherchiert, aber kaum originell und unterscheide sich nicht wesentlich von etlichen Dokumentationen, die es inzwischen zu sogenannten Illegalen in der westlichen Welt gibt. Erst die Zuspitzung des psychologischen Duells zwischen Danny und Prakash hilft der etwas zu berechenbaren politischen Ebene des Romans auf.

Alles in allem ein passables Buch zwischen politischer Botschaft und Psycho-Krimi, aber man sollte keinen zweiten Weißen Tiger erwarten.

Aravind Adiga: Amnestie. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. München: Beck, 2020. Pappband, 286 Seiten. 24,– €.

Petron: Satyrica

Petrons Episodenroman, wahrscheinlich aus Neronischer Zeit (zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts), ist leider nur fragmentarisch überliefert. Die zeitliche Einordnung und die Verfasserfrage sind nicht ganz sicher zu klären, aber als wahrscheinlichste Variante gilt immer noch, dass der aus dem Umfeld Neros bekannte Titus Petronius Arbiter das Buch geschrieben hat. Es ist offensichtlich als Parodie auf die Homerische Odyssee angelegt; sein Erzähler Enkolp durchläuft eine lockere Folge von sozialen, intellektuellen, sexuellen, kulinarischen und handgreiflichen Abenteuern, die ein zugespitztes Panorama des Lebens der römischen Unterschicht liefern.

An einigen Stellen ist der Humor des Buches für den heutigen Leser wahrscheinlich etwas zu behäbig, an anderen Stellen zu grob, doch wenn man sich auf es einlässt, ist das Buch eine durchweg vergnügliche Lektüre. Leider macht sich der fragmentarische Charakter der Überlieferung an zu vielen Stellen bemerkbar, doch dem lässt sich nicht aufhelfen.

Die Neuübersetzung durch Karl-Wilhelm Weeber, der für eine ganze Flut von Büchern über römische Kultur und insbesondere römisches Alltagsleben verantwortlich zeichnet, ist sehr flott zu lesen, ohne dass sie sich, soweit ich das erkennen kann, vom Original entfernt. Im Gegenteil bildet Weeber zahlreiche grammatikalische Verwerfungen, die dazu dienen, sich über die Bildung diverser Figuren lustig zu machen, getreulich ab. Seine Übersetzung trifft auf jeden Fall den Tenor des Buches besser als so mancher der philologisch disziplinierteren Vorläufer.

Petron: Satyrica. Aus dem Lateinischen von Karl-Wilhelm Weeber. RUB 19553. Stuttgart: Reclam, 2018. Broschur, 297 Seiten. 7.– €.

George Eliot: Middlemarch

«Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muss.»

Diese Lektüre stand nun seit über 30 Jahren an! Während meines Studiums hegte ich als ein mögliches Buchprojekt, etwas über die Darstellung der Ehe in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts (also so ungefähr zwischen Jane Austen und Theodor Fontane) zu schreiben. Die Institution der Ehe als zentrale Organisationsform bürgerlichen Lebens war dem späten 18. Jahrhundert offensichtlich schon sehr fragwürdig geworden, doch die volle Krise setzt erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Sie wird verschärft durch die Liebes-Ideologie der Romantik, die Spiegelungen der Trivialliteratur, den zunehmenden Individualismus und die sich aus dem 18. Jahrhundert fortsetzende Krise des christlichen Glaubens.

Offensichtlich profitierte von England bis Russland, von Skandinavien bis nach Italien eine ganze Schriftsteller-Tradition davon, diese Krise des bürgerlichen Selbstverständnisses zu thematisieren, und erschuf neben dem Liebes- auch explizit den Eheroman, der sich von der Eheanbahnung bis zur Analyse des Scheiterns allen Phasen, Durchgangs- und sonstigen Erscheinungsformen der Institution widmete. Noch heute zehrt ein Gutteil jener Trivial-Dramen, die für Film und Fernsehen produziert werden, vom Ausschlachten dieser Romantradition.

Als ich damals versuchte, mir einen wenigstens ungefähren Überblick zu verschaffen, was denn für einen solches Projekt zu lesen wäre, ist mir natürlich auch George Eliots Middlemarch (1871–1874) untergekommen. Das Buch hat in Großbritannien und darüber hinaus in der englischsprachigen Welt einen legendären Ruf und taucht mit großer Konstanz in den Auflistungen der besten Werke der englischen Literatur auf. Und es ist – wenigstens zu einem bedeutenden Teil – auch ein Eheroman, eigentlich sogar der Roman zweier Ehen, wenn auch noch viel mehr Eheleute in ihm vorkommen. Aber er ist eben auch 1.200 Seiten lang und wurde deshalb in der Liste der zu lesenden Bücher regelmäßig nach unten verschoben. Nun sind aber im vergangenen Jahr anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin gleich zwei Neuausgaben des Romans erschienen: eine Bearbeitung der Übersetzung von Rainer Zerbst aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts und eine neue Übersetzung durch Melanie Walz. Da ich ihre Übersetzungen sehr schätze, war dies der Anlass, das Buch endlich zu lesen.

Und der geübte Leser merkt gleich von der ersten Seite an, dass es sich bei diesem Buch tatsächlich um eines der ganz großen der Literatur des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von etwa zwei Dutzend Figuren in und um den kleinen fiktiven mittelenglischen Ort Middlemarch herum, wobei die Handlung ungefähr fünf Jahre um das Jahr 1830 herum umfasst. Es beginnt und endet mit der Geschichte Dorothea Brookes, einer jungen Frau mit großem Wissensdurst, der durch ihren Erziehungs- und Bildungsgang nicht gesättigt wurde. Sie lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester im Haushalt ihres Onkels, der eine Art von Universal-Stümper darstellt, auf allen Wissensgebieten beleckt, aber nirgendwo richtig nass geworden. Dorothea hat also eine Vorstellung davon entwickelt, was alles zu wissen wäre, ohne dass sie in ihrem Drang irgend eine Unterstützung gefunden hätte. Quasi ersatzweise ist sie überaus fromm geworden und in Middlemarch stark sozial engagiert.

Diese auffallende junge Frau heiratet nun einen Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie, einen Geistlichen, der seit Jahrzehnten an einer umfassenden Darstellung der europäischen Mythologie arbeitet, die aber über den Status gesammelter Notizen und fragmentarischer Aufsätze nie hinausgekommen und fachwissenschaftlich seit langem überholt ist. Dorothea heiratet Edward Casaubon in der Vorstellung, sie könne ihn als Sekretärin unterstützen und sich auf diese Weise langsam das Wissen erarbeiten, dass sie in Casaubon verkörpert sieht. Natürlich wird diese Hoffnung rasch enttäuscht: Zwar erlaubt ihr Ehemann einige Zuarbeiten, aber zu einer wirklichen Zusammenarbeit lässt er es nie auch nur ansatzweise kommen. Im Gegenteil beweist er sich schon auf der gemeinsamen Hochzeitsreise nach Rom als eigenbrötlerischer Sonderling, der kaum in der Lage ist, auf die Bedürfnisse, Erwartungen und Gefühle seiner jungen Frau einzugehen.

Die zweite Ehekatastrophe des Romans steht unter gänzlich anderen Vorzeichen: Ihren Mittelpunkt bildet Tertius Lydgate, ein junger Arzt, der nach Middlemarch kommt, da er hier eine etablierte Praxis übernehmen kann. Er bringt neue Vorstellungen und Methoden mit in die Provinz, die er auch eloquent vertritt und durch die er nicht nur seine eingesessenen Kollegen verärgert, sondern auch seine potenziellen Patienten verstört. Er wird rasch medizinischer Leiter eines neuen Fieberhospitals, das durch den lokalen Bankier Nicholas Bulstrode gebaut und finanziert wird, und kommt in Kontakt mit der wohlhabenden Kaufmanns-Familie Vincy, deren beide Kinder Fred und Rosamond weitere prominente Figuren des Romans sind. Eigentlich will Lydgate ledig bleiben, doch lässt er sich auf einen Flirt mit der attraktiven Rosamond ein, der unglücklicher Weise in eine Verlobung hineinrutscht. Auch diese Ehe erweist sich nicht als ideal: Lydgate hat sich durch die Hochzeit, die Einrichtung eines großen Hauses und Geschenke an seine anspruchsvolle Verlobte finanziell übernommen und bemerkt zu spät, dass seine Einnahmen nicht ausreichen, um seine Schulden bezahlen zu können. Da sein Schwiegervater nicht willens und wohl auch nicht in der Lage ist, das Ehepaar aus der Notlage zu befreien, und auch Lydgates Verwandte abwinken, muss das Ehepaar eine Pfändung über sich ergehen lassen. In dieser Krise geraten Lydgate, der sich ganz praktisch in bescheidenere Verhältnisse fügen will, und seine Frau sehr aneinander und es scheint über viele Seiten hinweg so zu sein, als habe diese Ehe, die darüber hinaus auch noch durch eine frühe Fehlgeburt belastet ist, überhaupt keine Zukunft.

Um diese beiden zentralen Ehegeschichten herum erzählt Eliot ein ganzes Geflecht weiterer Schicksale und Ereignisse: Von Rosamonds Bruder Fred, einem Taugenichts, der lange braucht, um einen passenden Platz in der Welt Middlemarchs zu finden, von der halben Künstlernatur Will Ladislaw, der als Gegenfigur zu seinem Cousin Edward Casaubon fungiert und für Dorothea so etwas wie ein gänzlich anderes Leben repräsentiert, vom politischen Leben der Provinz, in dem Onkel Brooke sich als Abgeordneter bewerben möchte, von den verschiedenen Pfarrhäusern der Gegend, von Bulstrodes Vorgeschichte, die einen unheiligen Einfluss nicht nur auf sein Leben, sondern auch auf das Lydgate haben soll – diese Nebenhandlung mit ihrem Bösewicht Raffles ist die einzige, die ein wenig nach Dickens riecht, was wiederum deutlich macht, wie überlegen das ganze übrige des Romans ist –, vom reichen Erbonkel Peter Featherstone, der Fred mit der Aussicht auf ein üppiges Erbe terrorisiert, von den medizinischen Gepflogenheiten der Zeit und der vom Kontinent her drohenden Cholera-Epidemie, von der Armut der Hintersassen, die auf Gedeih und Verderb von der Qualität des Grundherrn oder seines Verwalters abhängig sind, von den religiösen Verwerfungen der Zeit, die als Folgen der Reformation immer noch Vorurteile und Ausgrenzungen in der Gesellschaft erschaffen und was der Dinge mehr sind.

Das Buch ist von einem erstaunlichen Reichtum gesellschaftlicher Details, psychologisch in den Hauptfiguren außergewöhnlich fein gearbeitet, in der Konstruktion auf der Höhe der besten Zeitgenossen, ohne dass es in seiner Wirkung auf diese Konstruktion angewiesen wäre, sprachlich aufs sorgfältigste differenziert – kurz: ein echtes Wunderwerk der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Sicherlich ist es für einen nachgeborenen Leser nicht vollkommen: Gerade in der Auflösung der Geschichten Dorotheas und Lydgates zeigen sich deutlich Muster der Trivialliteratur, wie sie von den Leserinnen schlicht von einem Roman erwartet wurden. Aber das sind Nebensächlichkeiten, die sich aus den Zwängen des Marktes ergeben, denen sich immer nur ganz wenige Ausnahmen entziehen können. Mit dem, was der Autorin gelungen ist, überstrahlt das Buch auch die besten Exemplare der zeitgenössischen Literatur. Es kann in der Übersetzung von Melanie Walz jeder ernsthaften Leserin nur dringend empfohlen werden!

George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2019. Leinen, Lesebändchen, bedrucktes Vorsatzpapier, 1263 Seiten. 45,– €.

Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

Wolfe war mit seinem Schau heimwärts, Engel für mich eine der großen Entdeckungen der letzten Jahre. Bereits eine flüchtige biographische Annäherung an den Autor macht klar, dass Deutschland unter allen europäischen Staaten den größten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn gemacht hat. Nun ist bei Manesse eine Sammlung aller – so wenigstens der Herausgeber im Vorwort – Deutschland betreffenden Notizen, Briefe und kurzer Texte erschienen. Dokumentiert werden auf diesem Weg sechs Reisen Wolfes nach Deutschland zwischen 1926 und 1936. Während sich gleich zu Anfang eine Spannung zwischen seiner sentimentalen Begeisterung für die Landschaft und alten Städte einerseits und seiner Antipathie gegen eine bestimmte Sorte specknackiger Grobiane andererseits zeigt, steht am Ende sein Erschrecken über dass unter der Nazi-Diktatur unfrei gewordene Land.

Dabei dokumentiert Wolfe nicht nur die Unfreiheit, die Einzug ins private Leben der Deutschen genommen hat – Einschränkungen bei der Verfügung über das eigene Vermögen, Gastgeber, die Bedenken haben, wen Wolfe mit zu einer Party bringen könnte, ein Mann (Vorbild für ihn ist Heinz Ledig, der Sohn seines Verlegers Ernst Rowohlt), der sich Sorgen macht, man werde ihm seine wilde Ehe verbieten, wenn sie entdeckt wird etc. pp. –, sondern in einer Reiseerzählung auch die Judenverfolgung des Dritten Reichs.

Dem steht gegenüber, dass Wolfe in derselben Zeit in Deutschland eine Art von Ruhm und Prominenz erfährt, die ihm in seinem Heimatland weitgehend unbekannt sind. In Deutschland wird er nicht nur von seinem Verleger als bedeutender Autor gefeiert, er ist auch ein geschätzter Gast des US-amerikanischen Botschafters, unternimmt mit dessen Tochter einen Ausflug nach Eisenach und Weimar, wird von einer Party zur nächsten gereicht usw. usf. Finanziell zahlt sich das aber nur bedingt aus, da Wolfe seine Tantiemen nicht ins Ausland transferieren darf; so unternimmt er seine letzte Reise nach Deutschland wohl in der Hauptsache, um das Geld auszugeben, das sich aus dem Verkauf seiner Bücher dort inzwischen angesammelt hatte.

Insgesamt kann der Band natürlich kein sehr geschlossenes Bild liefern, da er sehr unterschiedliche Textsorten vereint, die mit recht verschiedenen Intentionen verfasst wurde. Die Notizbuch-Einträge gehen oft nicht über reine Erinnerungsnotate hinaus, die Briefe sind sehr unterschiedlich in Ton und Stilisierung je nachdem, wer ihr Empfänger ist, und kurze Erzählungen sind nicht unbedingt Wolfes Stärke als Erzähler. Dennoch alles in allem ein sehr lesenswerter und informativer Band, sowohl was die Person Wolfes angeht, als auch seinen Blick auf das sich verändernde Deutschland der Zwischenkriegsjahre betreffend.

Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise. Hg. v. Oliver Lubrich. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Renate Haen, Barbara von Treskow und Irma Wehrli. Zürich: Manesse, 2020. Pappband, Lesebändchen, 410 Seiten. 25,– €.