William Faulkner: Absalom, Absalom!

«Mein Gott, was ist der Süden herrlich, wie? Besser als im Theater, wie? Besser als Ben Hur, wie? Kein Wunder, dass ihr da ab und zu mal wegmüsst.»

Faulkner-Absalom

Es ist eine sehr schöne Entscheidung, unmittelbar auf die Neuübersetzung von „Schall und Wahn“ die von „Absalom, Absalom!“ folgen zu lassen, auch wenn in der Chronologie der Werke Faulkners sieben Jahre und vier Romane zwischen diesen beiden Büchern liegen. Der Grund ist, dass in „Absalom, Absalom!“ Quentin Compson einer der Protagonisten und Erzähler ist, dessen wahrscheinlich letzten Lebenstag im Harvard des Jahres 1910 wir im zweiten Abschnitt von „Schall und Wahn“ mitverfolgt haben. Auf diese Weise bekommt der Leser einen Sinn dafür, wie die meisten Texte Faulkners miteinander in Verbindung stehen und zusammen eine einzige Welt entstehen lassen, deren Vorbild allerdings, als Faulkner seine Romane niederschreibt, als bereits endgültig untergegangen und verloren angesehen werden musste.

„Absalom, Absalom!“ besteht wesentlich aus zwei großen Erzählzusammenhängen, die durch Quentin Compson als Augenzeugen, Erzähler und Wiedererzähler miteinander verbunden sind. Die ersten Kapitel schildern einen Tag im September 1909, unmittelbar bevor Quentin zum Studium nach Harvard aufbricht. Er wird von der alten Miss Rosa Coldfield aufgefordert, ihn zu besuchen, um ihn zu überreden, mit ihr einen nächtlichen Ausflug zum Haus ihrer seit langem verstorbenen Schwester Ellen Sutpen (geb. Coldfield) zu machen. Halb von Miss Rosa, halb von seinem Vater bekommt Quentin an diesem Tag ein Gutteil der Tragödie der Familie Sutpen erzählt: Wie ihr Begründer Thomas Sutpen im Jahr 1833 in Begleitung einer Gruppe von Sklaven und eines französischen Architekten in Jefferson auftaucht, sich Indianerland außerhalb von Jefferson verschafft (keiner weiß genau, wie das vor sich gegangen ist), dort das größte Haus der Gegend errichtet und beginnt, auf seiner Plantage Sutpens Hundred Baumwolle anzubauen, sich dann mit der Tochter eines kleinen Kaufmanns in Jefferson verlobt, wahrscheinlich durch eine fragwürdige Spekulation mit dem Geld seines Schwiegervaters zu Reichtum kommt, die Verlobte heiratet und mit ihr zwei Kinder zeugt, Henry und Judith Sutpen, die in der Isolation des Herrenhauses von Sutpens Hundred groß werden.

Das Unglück beginnt über die Familie hereinzubrechen, als Henry die damals neue Universität Oxford besucht und dort Freundschaft mit Charles Bon schließt, einem ein wenig älteren Mann, zu dem er nahezu sofort eine vertraute Freundschaft beginnt. Schon bald steht für ihn fest, dass Charles der einzige Mann ist, denn er sich für seine Schwester wünschen würde, und so bringt er ihn bei nächster Gelegenheit mit zu sich nach Haus. Charles verhält sich bei diesem Besuch mehr als korrekt, aber Judiths Mutter Ellen ist sofort von dem Gedanken überwältigt, hier den idealen Schwiegersohn vor sich zu haben, und sie posaunt die Verlobung zwischen Judith und Charles überall heraus, bevor zwischen den jungen Leuten auch nur ein Wort über eine solche Verbindung gesprochen worden ist.

Zum Eklat kommt es am folgenden Weihnachtsfest: Thomas Sutpen hat eine Aussprache mit seinem Sohn Henry, der daraufhin zusammen mit Charles vorgeblich für immer das Haus seines Vaters verlässt. Der Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861 hält die sich anbahnende Familienkatastrophe noch für vier Jahre in der Schwebe, doch Ellen Sutpen ist vom Scheitern ihrer Ehepläne für die Tochter so erschüttert, dass sie sich in ihr Zimmer zurückzieht und über zwei Jahre hin langsam stirbt. Als Henry und Charles, die zusammen beim selben Südstaaten-Regiment gedient haben, nach dem Ende des Krieges gemeinsam wieder auf Sutpens Hundred eintreffen, erschießt Henry Charles unmittelbar nach der Ankunft und flieht anschließend, um nicht für den Mord zur Verantwortung gezogen werden zu können.

Quentin wird von seinem Vater in dem Glauben bestärkt, Thomas Sutpen hätte seinem Sohn Henry an jenem Weihnachtsabend des Jahres 1860 offenbart, dass Charles in New Orleans bereits mit einer Farbigen verheiratet sei, mit der er auch einen Sohn habe, und dass deshalb eine Heirat mit Judith nicht in Frage komme. Quentin hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass die Beziehung eines weißen Mannes zu einer schwarzen Frau, selbst wenn es sich tatsächlich um eine Ehe gehandelt haben sollte, einen ausreichenden Grund für das Verhalten Henrys darstellen würde. So bleibt das Geschehen vorerst unzureichend geklärt; auch über die nächtliche Fahrt mit Miss Rosa hinaus zu Sutpens Hundred erfährt der Leser erst am Ende des Buches näheres.

Der zweite große Erzählzusammenhang beginnt einige Monate später, im Januar 1910 in Harvard. (In diesem Zusammenhang ist auf einen sehr unglücklichen Druckfehler hinzuweisen: Am Anfang von Kapitel 6 ist der Brief, den Quentin von seinem Vater erhält und der ihn über den Tod von Miss Rosa informiert, auf den 10. Januar 1919, statt richtig 1910 datiert; das könnte bei Lesern, die versuchen, die innere Chronologie der Abläufe zu konstruieren doch zu einiger Verwirrung führen, insbesondere auch bei denen, die aus „Schall und Wahn“ erinnern, dass Quentin Compson sich im Juni 1910 das Leben nimmt.) Quentin hat seinem Mitbewohner Shrevlin McCannon, einem kanadischen Studenten, die Geschichte der Sutpens, soweit er sie kennt, erzählt.

Aus dem Brief des Vaters erfahren Quentin, Shrevlin und der Leser nun eine weitere Schicht der Tragödie der Familie Sutpen: Thomas Sutpen hatte dem Großvater Quentins erzählt, dass er bereits verheiratet war, bevor er zum ersten Mal in Jefferson auftauchte. Als Sohn aus ärmlichsten Verhältnissen hatte er auf Haiti sein Glück gesucht, dort einem Plantagenbesitzer bei einem Sklavenaufstand beigestanden und anschließend dessen Tochter geheiratet. Mit ihr hat er einen Sohn gezeugt, eben jenen Charles Bon, den sein Sohn Henry auf der Universität kennenlernen sollte. Doch hat er seine erste Frau verstoßen, die Ehe wurde geschieden und Thomas Sutpen, der auf das Erbe und die Mitgift seiner ersten Frau verzichtet, baute sich in Jefferson ein neues Leben auf. Die Heirat zwischen Judith und Charles verbietet sich also, da es sich um Halbgeschwister handelt.

Aber auch diese neue Wendung lässt Fragen offen: Wieso hat Henry Charles nach Ende des Krieges überhaupt nach Sutpens Hundred zurückgebracht, um ihn dann dort zu erschießen, bevor er Judith wiedersehen konnte? Wieso hat Charles Judith zuvor noch einen Brief geschrieben, indem er ihre Heirat als eine nun beschlossene Sache ankündigte? War es tatsächlich Zufall, dass sich Charles und Henry in Oxford getroffen haben? Um diese und andere offene Fragen zu beantworten, konstruieren nun Quentin und Shrevlin zusammen eine weitere Ebene der Familiengeschichte, die auf eine Pointe hinausläuft, die hier nicht verraten werden soll.

„Absalom, Absalom!“ (der Titel geht auf die biblische Geschichte um Abschalom, einen Sohn König Davids, zurück, der seinen Halbbruder Amnon umbringen lässt, nachdem der Abschaloms Schwester Tamar vergewaltigt hatte (2. Samuel 13); „Absalom, Absalom!“ ist der Klageruf König Davids, als er vom Tod seines aufsässigen und widerspenstigen Sohns erfährt (2. Samuel 19), ist ein bewusst an den großen Tragödien der Antike und Shakespeares orientierter Roman, der den Untergang der Familie Sutpen und den der Südstaaten miteinander parallelisiert. Das Buch stellt besonders im ersten Drittel einige Ansprüche an seine Leser, da sich die Zusammenhänge unter den Figuren, die Position der jeweiligen Erzähler etc. erst peu à peu offenbaren. Hinzukommen die sehr anspruchsvolle grammatikalische Struktur und die Länge vieler Sätze, die einen Einstieg in den Roman zusätzlich schwierig machen; ein wenig Geduld ist auf Seiten der Leser also schon erforderlich.

Man muss dem Übersetzer Nikolaus Stingl das Kompliment machen, dass er besonders das erste, sprachlich und strukturell sehr anspruchsvolle Drittel des Romans meisterlich übersetzt hat. Andererseits erlaubt sich die Übersetzung hier und da einige Freiheiten bei der Übertragung, mit denen wenigstens ich nicht ganz glücklich geworden bin; auch wird der bei Faulkner sorgfältig nachgeahmte starke Dialekt vieler Schwarzer wie so oft in einer recht sanften und zurückhaltenden Weise im Deutschen wiedergegeben. Und ob ich mich getraut hätte, in einem Roman, dessen Titel bereits auf das zentrale strukturelle Motiv der Wiederholung verweist, nicht jede wortwörtliche Wiederholung auch in der Zielsprache entsprechend nachzubauen, bezweifle ich.

Insgesamt muss man aber festhalten, dass diese Übersetzung einmal mehr einen entscheidenden Fortschritt für die Wahrnehmung Faulkners im deutschen Sprachraum darstellt, so sie denn gelesen werden sollte. Dies liegt auch daran, dass die alte Übersetzung von Hermann Stresau aus dem Jahr 1938 auf den vom amerikanischen Verlag der Erstausgabe bearbeiteten Text zurückgeht und nicht auf die Rekonstruktion von Faulkners Original, die erst seit 1986 im Druck vorliegt. Dass mit dieser Neuausgabe den deutschen Lesern zum ersten Mal der korrigierte Text von „Absalom, Absalom!“ zugänglich gemacht wird, findet übrigens nirgendwo im Buch Erwähnung. In diesem Fall hätte ein, wenn auch noch so kurzes Nachwort dem Buch gut getan. Entschädigt werden die Leser dafür mit einer übersetzten Version der von Faulkner handgezeichneten Karte des Yoknapatawpha County, einer Chronologie der Ereignisse und einem genealogisch geordneten Personenverzeichnis (in dem sich leider gleich der zweite Druckfehler bei einer Jahreszahl findet).

Wie auch bei den Bänden zuvor ist festzuhalten: Diese Reihe der Neuübersetzungen der Romane Faulkners ist eine wirkliche Gelegenheit für deutschsprachige Leser, einen der großen amerikanischen Erzähler des 20. Jahrhunderts (wieder) zu entdecken, und es sind uns noch viele weitere Bände zu wünschen!

William Faulkner: Absalom, Absalom! Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Reinbek: Rowohlt, 2015. Pappband, Lesebändchen, 478 Seiten. 24,95 €.

10 Jahre Bonaventura

Dieses Blog hat tatsächlich das für ein elektronisches Medium beinahe biblische Alter von 10 Jahren erreicht: Am 19. September 2005 begann Bonaventura mit kurzen Besprechungen zweier nicht ganz so gelungener Bücher von Hans Dieter Zimmermann und Alex Capus. Seitdem sind hier an die 600 Werke von knapp 500 Autoren besprochen worden; hinzu kamen Zitate, Marginalien und hier und da eine Meldung. Die aktuellen statistischen Zahlen finden sich stets rechts im Menü.

Der Nachtwächter will auch sonst gar kein weiteres Aufhebens von der Sache machen, aber so ganz ohne eine Markierung sollte das Datum doch nicht vorübergehen. Er selbst freut sich auf ein weiteres Jahrzehnt literarischen Nachtlebens. In nächster Zeit werden Besprechungen von Büchern William Faulkners, Henry James’ und Richard Fords auf dem Programm stehen.

Zur Feier des Tages sei nur noch einmal Arno Schmidt zitiert:

Lest doch! Lest doch …

Eric H. Cline: 1177 v. Chr.

Cline-1177vChrEs ist bei populären wissenschaftlichen Sachbüchern eher selten der Fall, dass es ihr Autor wagt, das Wir wissen es nicht als die derzeit gültige Antwort auf ein Problem hinzustellen; umso angenehmer, wenn es einem dann doch hin und wieder begegnet. Eric H. Cline, Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington University, gibt in diesem Buch einen umfassenden Überblick über den derzeitigen Kenntnisstand zu Entstehung und Untergang der bronzezeitlichen Kulturen im östlichen Mittelmeerraum.

Mehr als 300 Jahre lang – von der Herrschaft der Hatschepsut ab ca. 1500 v. Chr. bis zum Zusammenbruch nach 1200 v. Chr. – war das Mittelmeer der späten Bronzezeit Schauplatz einer komplexen internationalisierten Welt, in der Minoer, Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitani, Kanaaniter, Zyprer und Ägypter miteinander interagierten. Es war eine kosmopolitische und globalisierte Welt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bis heute nur selten gegeben hat.

Cline macht einsichtig, wie sich über mehrere Jahrhunderte hinweg in diesem Gebiet zahlreiche Kulturen entwickelten und komplexe politische und ökonomische Beziehungen miteinander unterhielten. Er schildert dabei ausreichend detailliert und zugleich für den Laien nachvollziehbar, auf welche archäologischen Funde und schriftlichen Quellen sich unser momentanes Bild dieser Epoche stützt. Dabei findet stets eine ebenso zurückhaltende wie sichere Bewertung der vorgeschlagenen Deutungen der Artefakte statt: Cline nennt eine Spekulation eine Spekulation, eine Vermutung eine Vermutung und eine sichere Erkenntnis eine sichere Erkenntnis. Beim Leser entsteht so zugleich sowohl ein reiches Bild der bronzezeitlichen Welt im Großen als auch ein Bewusstsein davon, auf einer wie schmalen Grundlage von Funden bzw. Quellen dieses Bild basiert.

Das eigentliche Problem oder Rätsel der bronzezeitlichen Welt im Mittelmeerraum stellt aber ihr weitgehender Zusammenbruch im 12. Jahrhundert v.u.Z. dar, dem dann die sogenannten Dunklen Jahrhunderte folgen, bis – insbesondere in Griechenland – eine neue Kultur wieder archäologisch und historisch greifbar wird. Seit dem 19. Jahrhundert wird eine kontinuierliche, wissenschaftliche Diskussion über diesen Zusammenbruch der bronzezeitlichen Zivilisation(en) geführt, wobei dafür abwechselnd barbarische Eroberer (eine von den Griechen der klassischen Zeit selbst vertretene These; leider taugen die von ihnen angezeigten Dorer aufgrund der heute bekannten Faktenlage nicht als Täter), Naturkatastrophen (Erdbeben, Vulkanausbrüche), Klimawandel (Dürre), Hungersnöte, Seuchen (die einzige inzwischen wohl nicht mehr vertretene Erklärung, wenn man ihr Fehlen in Clines Buch als Indiz dafür nehmen darf) oder allgemein humane oder organisatorische Degenerationserscheinungen verantwortlich gemacht wurden.

Leider taugen alle diese Gründe nicht, um jeweils für sich allein den Untergang der Zivilisationen des östlichen Mittelmeerraums zu begründen. Die einzige tatsächlich fassbare Gruppe von Eroberern, die sogenannten Seevölker, deren genaue Herkunft und Zusammensetzung bis heute unklar sind, hat sicherlich einige Unruhe und Zerstörung verursacht, ist aber zu unbedeutend, um den ganzen Kulturraum zu destabilisieren. (Im titelgebenden Jahr 1177 v.u.Z. gab es eine Schlacht zwischen besagten Seevölkern und den Truppen des ägyptischen Pharaos Ramses III., in der die Ägypter siegreich blieben; ansonsten spielt das Jahr keine bedeutende Rolle im Buch und markiert höchstens symbolisch den Zeitpunkt des Untergangs der bronzezeitlichen Welt.) Auch hat es nachweislich in dieser Zeit Erdbeben, Trockenheit und Hungersnöte gegeben, doch auch mit ihren Folgen schien man in der Bronzezeit bereits einigermaßen umgehen zu können. Es wurde daher in den letzten Jahren vorgeschlagen, dass die bronzezeitliche Kultur einfach an sich selbst untergegangen ist: Sie soll so komplex geworden sein, dass es einer Reihe von Ereignissen, die jedes für sich genommen nicht ausgereicht hätten, den Untergang herbeizuführen, in der Kombination gelungen ist, das Gesamtsystem Bronzezeit zum Kollaps zu bringen. Es ist Cline hoch anzurechnen, dass er diese Theorie wie folgt einordnet:

Trotz allem kann es auch sein, dass wir mit der Komplexitätstheorie zur Analyse der Ursachen des Kollapses der Spätbronzezeit lediglich einen wissenschaftlichen (möglicherweise sogar pseudowissenschaftlichen) Begriff auf eine Situation anwenden, über die wir schlichtweg nicht genügend wissen, um überhaupt irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Wer sich einen Überblick über die Hochzeit der Zivilisation des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens in der späten Bronzezeit verschaffen will, dem sei dieses inhaltlich hervorragende, sehr gut lesbare Buch unbedingt empfohlen. Selbst demjenigen, der sich in der Welt der griechischen und ägyptischen Bronzezeit schon einigermaßen auskennt, bietet der präzise und ausgewogene Überblick über die Faktenlage, den Cline liefert, ein so konzises Bild dieser Epoche, wie es sich derzeit geben lässt. Eine der besten Einführungsdarstellungen überhaupt, die ich seit langem gelesen habe.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Darmstadt: Theiss, 2015. Pappband, 336 Seiten. 29,95 €.

Aus gegebenem Anlass (XVIII) – Es wird Herbst, die Blätter werden brauner!

Rosen auf den Weg gestreut

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!
Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.
Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen . . .
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Kurt Tucholsky

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution

Sämtliche Revolutionen beruhen zum Teil auf Mythen.

Figes-100-Jahre-Revolution

Orlando Figes, ein renommierter, auf Russland spezialisierter Historiker, möchte auch vom Jubiläum der Oktoberrevolution im Jahr 2017 profitieren und legt mit diesem Buch etwas vorzeitig eine kurze, auf eine breite Leserschaft zielende Darstellung der Entwicklung der Sowjetunion unter Lenin und Stalin vor. Um das Buch dem Anlass anzupassen und für den Markt attraktiv zu machen, wird es zur Geschichte einer einhundert Jahre andauernden Revolution zwischen 1891 (einem russischen Hungerjahr) und 1991 (dem Ende der Sowjetunion) aufgepeppt, unabhängig davon, ob es solch einen konstanten revolutionären Prozess tatsächlich gegeben hat oder nicht.

Das Buch gehört trotz seinem vergleichsweise geringen Umfang in die Kategorie „viel Soße, wenig Fleisch“. Die detailliertere Darstellung der Russischen Revolutionen beginnt mit den Ereignissen im Jahr 1905 und endet im wesentlichen mit Stalins Tod im Jahr 1953 (diese 48 Jahre nehmen etwa 260 der knapp 360 Seiten des Buches in Anspruch). Schon zur Ära Chrustschows weiß Figes kaum noch etwas zu sagen, das über eine Klippschulgeschichte hinausgehen würde. Da er sich zudem weitgehend auf das innenpolitische Geschehen der UdSSR beschränkt, entstehen am Rande Perlen der Geschichtsschreibung wie diese:

Nach dem amerikanischen Versuch, Castros Regierung im April 1961 durch die Schweinebucht-Invasion zu stürzen, begann Chrustschow, der gelobt hatte, Castros Revolution mit Sowjetraketen zu verteidigen, atomare Gefechtsköpfe in unmittelbarer Nähe der USA auf Kuba installieren zu lassen. Damit hatte er jedoch sein Blatt überreizt: Die Raketen wurde von CIA-Spionageflugzeugen entdeckt, und dreizehn Tage lang stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg, bis Chrustschow im Oktober 1962 schließlich einlenkte und sich bereit erklärte, die Raketen aus Kuba abzuziehen. Diese Demütigung besiegelte seinen Niedergang und das Ende der Reformen. (S. 311 f.)

Andererseits kann man froh sein, dass die Kuba-Krise überhaupt erwähnt wird und nicht wie etwa der Korea-Krieg oder das komplexe und spannungsreiche Verhältnis der UdSSR zur VR China schlicht unter den Tisch fällt.

Wer wenig Ahnung von Geschichte hat und sich für die Entstehung und die ersten gut drei Jahrzehnte der Sowjetunion unter Lenin und Stalin interessiert, ist mit dem Buch vielleicht gut bedient; allerdings ist man nach der Lektüre einiger Artikel aus der Enzyklopædia Britannica oder auch der Wikipedia wohl besser und konziser informiert. Für alle anderen ist die Lektüre des Buches wohl eher Zeitverschwendung; dass der Autor zudem zu Platituden, wie der oben als Motto zitierten, neigt, hat mir die Lektüre des Buches zusätzlich verleidet. Schade um das Geld und die Zeit.

Orlando Figes: Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin: Hanser Berlin, 2015. Pappband, Lesebändchen, 383 Seiten. 26,– €.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora

«Dann muss Deutschland eben zugrunde gehen!»
Erich Ludendorff
«Das wird unser böses Erbe sein, oder unser gutes Erbe, auf jeden Fall unser unwiderrufliches Erbe – und wir werden für immer an unsere Erinnerungen gekettet sein.»
Paolo Monelli

Leonhard-BuechseMit „Die Büchse der Pandora“ legt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard die wohl umfassendste Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs vor, die bislang verfasst wurde. Dies nicht nur im Sinne der 1014 Seiten, die seine Schilderung füllt, sondern besonders auch was deren Breite angeht. Während Herfried Münkler in seinem Buch „Der Große Krieg“ einen Schwerpunkt auf die militärischen Operationen und die deutsche politische Perspektive des Krieges legt, bezieht Leonhard auch die Entwicklungen an der sogenannten Heimatfront aller großen Kriegsteilnehmer kontinuierlich mit ein. Münklers und Leonhards Bücher liefern daher zusammen so etwas wie eine nahezu ideale Geschichte des Ersten Weltkriegs, wenn man sich der Mühe unterzieht, beide umfangreichen Bücher zur Kenntnis zu nehmen. Zusammen mit Christopher Clarks minutiöser Vorgeschichte „Die Schlafwandler“ ergibt sich ein Gesamtbild des Geschehens von bislang wohl nicht erreichter Genauigkeit sowohl im Detail, als auch, was die großen Zusammenhänge angeht.

Der Titel von Leonhards Buch geht auf die nette Anekdote zurück, dass die Kinder von Thomas Mann (der nach meinem gänzlich unmaßgeblichen Geschmack mit seinen Meinungen im Buch etwas zu präsent ist) Ende Juli 1914 zusammen mit Nachbarskindern die Aufführung eines mythologischen Stücks „Die Büchse der Pandora“ nach Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ planten, die Generalprobe am 1. August aber vom Kindermädchen der Familie Mann mit der Mitteilung abgebrochen wurde, dass der Krieg ausgebrochen und deshalb an eine Aufführung nicht mehr zu denken sei; die Büchse der Pandora war bereits an anderer Stelle geöffnet worden.

Leonhard nimmt, wie oben bereits gesagt, die nicht unerhebliche Mühe auf sich, neben der militärischen und politischen Entwicklung auch immer die gesellschaftlichen Veränderungen der großen, kriegsteilnehmenden Gesellschaften zu schildern. Die Haltungen und Handlungen der Kleinbürger und Arbeiter sowie der Gewerkschaften, das Schicksal von Minderheiten und feindlichen Ausländern, die Dynamik in multiethnischen Gesellschaften – nicht nur der Österreich-Ungarns und denen des Balkans, sondern auch der USA – nehmen einen erheblichen Teil der Darstellung ein. Leonhard wählt dabei allerdings mit den Kalenderjahren der Kriegszeit ein chronologisch so großschrittiges Ordnungsprinzip, dass dem Leser an vielen Stellen ein erhebliches Erinnerungsvermögen abgefordert wird, wenn er alle geschilderten Ereignisse und Zustände in eine korrekte chronologische Ordnung zueinander bringen will. Es ist Leonhard dabei allerdings zugute zu halten, dass jede andere Anordnung der Fülle an historischem Material, die er präsentiert, wahrscheinlich zu nicht geringeren Problemen geführt haben würde.

Leser, die zuvor Münklers Buch gelesen haben, könnten sich im Vergleich auch an dem deutlich akademischeren Stil Leonhards stören, der dem historischen Laien sicherlich ein wenig Gewöhnung abverlangt. Auch setzt Leonhard deutlich mehr historisches Vorwissen voraus als Münkler oder Clark; die Zielgruppe von Leonhards Buch ist eindeutig eine andere. So mühsam es auch scheint, kann daher dem historischen Laien oder demjenigen, der sich in diese Zeit überhaupt erst einarbeiten will, nur die Lektüre aller drei Bücher angeraten werden: Clark, Münkler, Leonhard, und wohl am besten in dieser Reihenfolge (zusammen knapp 3.000 Seiten!).

Leonhard führt im Gegensatz zu Münkler seine Geschichte des Ersten Weltkriegs zudem über den 11. November 1918 fort, mit dem wichtigen Hinweis, dass dieses Datum nur das Ende der Kampfhandlungen im Westen markiert, während sich im Osten Europas und im Nahen Osten an den Großen Krieg nahtlos andere Kriege und Bürgerkriege anschlossen, die bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und darüber hinaus reichen, ja, dass einige der heutigen sogenannten Krisenregionen erst durch die Entscheidungen der Großmächte während des Ersten Weltkriegs konstituiert wurden. Auch weist Leonhard immer wieder darauf hin, dass zahlreiche Kolonialgebiete mit ihrer Teilnahme am Großen Krieg die Hoffnung auf nationale Souveränität oder zumindest größere politische Einflussnahme verbunden hatten, Erwartungen, die nach dem Ende des Krieges in Westeuropa nicht erfüllt wurden und so als internationales Konfliktpotenzial mit dem Krieg erst geschaffen wurden und nach ihm in oft zunehmend brisanter Weise fortbestanden. Auch wird in Leonhards Darstellung klar, wie der Erste Weltkrieg bereits die komplexen Grundlagen für den Zweiten liefert, ohne dass der Autor der bei einigen Historikern zuletzt beliebten Lesart von einem zweiten 30-jährigen Krieg (1914–1945) beitreten würde.

Wer nur die Zeit für eine große Darstellung des Ersten Weltkriegs aufbringen kann oder möchte, dem sei Leonhards Buch als die umfassendste empfohlen, allerdings eben mit dem Hinweis, dass seine an einigen Stellen recht kompakte Darstellung einiges an historischem Vorwissen fordert.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München: Beck, 2014. Leinen, Lesebändchen, 1157 Seiten. 38,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (81)

Du fragst, ob Du mir meine Bücher schikken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir sie vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuret seyn, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst, ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer.

Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werthers

Hazel Hutchison: Henry James

Hutchison-JamesWie an anderer Stelle bereits erwähnt, erfährt Henry James im Vorfeld der 100. Wiederkehr seines Todestages eine kleine Renaissance in Deutschland. Dazu gehört auch die Veröffentlichung einer kurzen, populären Biographie beim Parthas Verlag. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Englischen, und das Elend mit dem Buch beginnt bereits im Impressum, dem nicht zu entnehmen ist, wann und wo das Original einst erschienen ist (London: Hesperus Press, 2012). Die Autorin Hazel Hutchison ist, so der Waschzettel, „spezialisiert auf die Literatur des 19. Jahrhunderts“, eine Behauptung, die ich nicht per se in Zweifel ziehen will, … Für diese kurze Biographie wenigstens hat sie annähernd genug gelesen. Insgesamt kann man unempfindlicheren Lesern das Buch durchaus in die Hand geben, bei sensibleren Naturen würde ich davon abraten.

Das Buch ist eine jener Komplettkatastrophen, die nur selten in dieser Reinheit zutage treten: Die Autorin verfügt entweder nicht über ausreichend Bildung für das, worüber sie schreibt, oder sie hat schlicht schlampig gearbeitet, das Deutsch der Übersetzerin ist schlecht und ihre Übersetzung zumindest an einigen Stellen schlicht falsch und schließlich liegt auch noch ein Totalversagen der Lektorin vor, deren Namen der Verlag – vielleicht zur Strafe? – im Impressum ausdrücklich anführt.

Beginnen wir mit der Autorin: Mag es gerade noch so angehen, William Makepeace Thackeray als „comic novelist“ zu charakterisieren, so ist es ganz sicher falsch, jenes Fort, dessen Beschießung den Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs markiert, Fort Summer zu nennen (das allerdings könnte auch auf die Kappe von Übersetzerin oder Lektorin gehen; ich habe die Originalstelle nicht ansehen können) und es nach North, statt richtig nach South Carolina zu verlegen. Auch die Behauptung, der 14-jährige Henry James habe Gemälde der Präraffaeliten in der Londoner National Gallery gesehen, bezeugt die weitgehende Ahnungslosigkeit der Autorin, was die allgemeine Kultur des 19. Jahrhunderts angeht. (Es mag durchaus sein, dass James bereits um 1857 Bilder der Schule angeschaut hat, aber wenn, dann in der Royal Academy; die Sammlung der National Gallery enthielt zu dieser Zeit noch gar keine zeitgenössischen Werke.) Auch, dass sie zu faul ist nachzuschlagen, wie alt Turgenjew im November 1875 war, als James ihn kennenlernte, und sich mit einem nicht nur ungefähren, sondern einfach falschen „um die fünfzig“ begnügt, wirft kein gutes Licht auf das Buch.

Es ist durch die Übersetzung nicht besser geworden: Bereits die Übersetzung der oben erwähnten Phrase vom „comic novelist“ mit „Komödiendichter“ ließ mich Arges befürchten, aber dies ist nur der Auftakt zu einer ganzen Bonanza von Rechtschreibfehlern, willkürlich gesetzten oder weggelassenen Kommas, fehlenden Apostrophen, adjektivisch gebrauchten Adverbien, grammatikalisch falschen Konstruktionen, falschen „dass“, unglücklichen Übersetzungen Falscher Freunde und gröbsten stilistischen Schnitzern, dass es bald aufhört, ärgerlich zu sein, und sich der Leser köstlich über die schiere Menge an Patzern zu amüsieren beginnt.

All dies hätte durch das Lektorat aufgefangen werden müssen, doch ist dies nicht nur nicht geschehen, die Lektorin hat ihren Beitrag zum Gelingen der vollständigen Katastrophe geleistet: So teilt uns etwa der Text mit, dass sich das Ehepaar Edith und Teddy Wharton 1905 ein Automobil zugelegt hatte, in dem herumkutschiert zu werden, Henry James offenbar großen Spaß bereitete. Auf der gegenüberliegenden Seite wird dies illustriert durch ein Bild, das das Ehepaar Wharton und Henry James angeblich 1904 in dem betreffenden Automobil zeigt. Auf S. 82 bekommen wir ein kleines Porträt-Bild von Constance Fenimore Woolson zu sehen, das sie im Jahre 1887 zeigt; ergänzend bringt S. 101 ein nahezu identisches Bild angeblich aus dem Jahr 1890. Hinzukommen falsche Worttrennungen, und sogar einer der heute so selten gewordenen Zwiebelfische hat es ins Buch geschafft.

Kurz gesagt: Mir ist seit Jahren kein so durch und durch schlampig gemachtes Buch mehr in die Hand gekommen. Mag sein, hier wurde ein neuer Standard begründet!

Hazel Hutchison: Henry James. Übersetzt von Ute Astrid Rall. Berlin: Parthas, 2015. Pappband, 224 Seiten. 24,80 €.

P.S.: Noch ein Detail am Rande: Das Buch ist bei der Deutschen Nationalbibliothek unter dem falschen Autorennamen Hutchinson erfasst. Vielleicht wird es ja so gnädigerweise unauffindbar.

Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen

Nabokov-Bastardzeichen„Das Bastardzeichen“ erschien nach einer längeren Pause im Schreiben Vladimir Nabokovs erst 1947 in den USA. Nach „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ (1941) hatte Nabokov nur als Auftragsarbeit seine Kurzeinführung zu „Nikolaj Gogol“ geschrieben, ansonsten war er damit beschäftigt gewesen, als Entomologe, Lehrer für Russisch und Dozent für zeitgenössische Literatur seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit „Bend Sinister“, wie der Text im Original heißt, kehrt er ab dem Herbst 1942 zur fiktionalen Prosa zurück.

Der Roman schließt in einem gewissen Sinne an „Einladung zur Enthauptung“ (1936) an: Auch hier bildet den Hintergrund der Fabel ein fiktives totalitäres System, das Züge sowohl des Sowjetstaates als auch des Dritten Reiches trägt. Protagonist ist der international berühmte Philosophieprofessor Adam Krug, der zu Beginn des Romans den überraschenden Tod seiner erkrankten Ehefrau erleben muss. Krug bleibt mit seinem kleinen Sohn zurück, dem er den Verlust der Mutter so lange wie möglich zu verheimlichen sucht. Zugleich versucht er nach Kräften, den politischen Umsturz in seinem Land zu ignorieren: Ein Schulkamerad Krugs, Paduk, genannt „Die Kröte“, hat mit seiner Partei des durchschnittlichen Menschen die Macht an sich gerissen und lässt umfangreich Verhaftungen vornehmen, die zuerst nur den Bekanntenkreis Krugs betreffen. Solange es noch problemlos möglich wäre, aus dem Land zu fliehen, weigert sich Krug dies zu tun, weil dies hieße, die Realität und Relevanz der politischen Welt anzuerkennen. Auch weigert er sich, für die Universität beim neuen Diktator vorstellig zu werden, ja, als er diesem schließlich mit sanftem Nachdruck vorgeführt wird, weigert er sich ebenso strikt, die Stelle des Rektors einer neuen Staatsuniversität zu übernehmen. Und als er schließlich wenigstens in seinen Träumen bereit ist, eine Flucht zu unternehmen, ist es zu spät: Krug wird verhaftet und in einer sich immer weiter zuspitzenden, alptraumhaften Sequenz der staatlichen Willkür zugeführt.

Das wesentliche erzählerische Mittel des Romans ist die Abfolge von Real- und Traumsequenzen, die, wie auch bereits in „Einladung zur Enthauptung“, nahtlos ineinander übergehen; nur von Zeit zu Zeit wird das Ende einer zu realistisch geratenen Traumsequenzen durch das Erwachen des Träumers markiert. Pointe dieser Technik ist hier allerdings, dass die letzte Sequenz des Buches, die die reale Vernichtung Krugs und seines Sohnes vorführt, alle Träume und Alpträume zuvor an Wahn übersteigt. Die totalitäre Wirklichkeit der Durchschnittsmenschen kann mit keiner Phantasie des Philosophen Schritt halten.

Die Leidenschaft, die der Autor offensichtlich in die Verdammung eines fiktiven Totalitarismus investiert, erklärt sich natürlich problemlos aus der Biographie Nabokovs, der aus Deutschland gleich zum zweiten Mal vor einer unmenschlichen Diktatur in eine Fremde und eine andere Sprache zu fliehen gezwungen war. Doch dem heutigen Leser mag es nicht unbedingt leicht fallen, sich auf diese Leidenschaft einzulassen, denn nicht nur sind Nabokovs Bilder der Gewalt gealtert, auch das Metaphernpaar Realität/Traum wirkt etwas zu abgegriffen und flach, um dem Grauen der Gewalt im 20. Jahrhundet gerecht zu werden. Das Schlimmste war es eben nicht, dass ein berühmter Philosoph und ein kleines Kind umgekommen sind, sondern das wahre Grauen lag ganz woanders; aber das konnte Nabokov kaum erahnen, als er das Buch schrieb.

Darüber hinweg trösten kann man sich vielleicht mit jenem Kapitel, indem sich Nabokov über einige Shakespeare-Deuter des 19. Jahrhunderts lustig macht, oder auch mit jener Passage, in der er eine Reihe unzusammenhängender Fakten als Notizen Krugs für einen Essay ausgibt, deren Zusammenhang allerdings nicht einmal mehr Krug noch zu durchschauen weiß.

Es mag auch sinnvoll sein, wenigstens einen Hinweis zu dem etwas kryptischen Titel zu geben: „Bend Sinister“ ist ein Fachbegriff aus der Heraldik, der auf Deutsch Bastardbalken oder Bastardfaden heißt und in Wappen dazu dient, den unehelichen Zweig eine Familie kenntlich zu machen. Wer allerdings in diesem Roman aus welchen Gründen der Bastard ist, wird jeder Leser mit sich selbst ausmachen müssen.

Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen. Deutsch von Dieter E. Zimmer. Gesammelte Werke VII. Reinbek: Rowohlt, 1990. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 347 Seiten. 23,– €.

Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren

James-Tagebuch-50-JahreHenry James hat eine bedeutende Anzahl von Erzählungen geschrieben, die zusammen an die 4.700 Seiten füllen, was gut 40 % seines erzählerischen Gesamtwerks entspricht. Das Phänomen, dass die Erzählung in ihren verschiedenen kürzeren Formen während des 20. Jahrhunderts gegenüber dem Roman langsam aber sicher an Boden verloren hat und heute jede Erzählung, die es – unter welchen setzerischen Bedingungen auch immer – auf 150 Seiten oder mehr bringt, vom Vertrieb sofort als Roman ausgeschrien wird, ist hier schon an einigen Stellen thematisiert worden. Für James boten kürzere Erzählungen einerseits die Möglichkeit eines relativ stetigen und sicheren literarischen Einkommens, andererseits lieferten sie ihm ein disziplinierendes Gerüst, denn sie entstanden in der Regel unter dem Druck konkreter Erscheinungstermine.

Manesse schöpft schon seit einigen Jahren aus dem reichen Fundus der Jamesschen Erzählungen und bringt immer wieder Sammlungen mit bislang unübersetzten Stücken heraus. Diesmal hat man mit Friedhelm Rathjen einen Übersetzer gefunden, dem es gelingt, die von James mit Sorgfalt ausdifferenzierten unterschiedlichen Ton- und Stillagen der einzelnen Erzähler auch im Deutschen herauszuarbeiten. Der vorgelegte Band ist eine hübsche Gelegenheit, Henry James als Erzähler kennenzulernen. Die sechs versammelten Erzählungen sind:

Louisa Pallandt (1888)

Der Erzähler ist ein alter, amerikanischer Junggeselle, der in Bad Homburg beim Warten auf die Ankunft seines jungen Neffen, den er mit den Sehenswürdigkeiten Europas vertraut machen soll, seine alte Liebe Louisa Pallandt und deren Tochter Linda wiedertrifft. Louisa hat ihn einst für einen reicheren Ehekandidaten sitzen lassen, der sich allerdings als Bankrotteur erwies, bald verstorben ist und Louisa und die gemeinsame Tochter in relativer Armut zurückgelassen hat. Louisa führte seitdem ein unruhiges Wanderleben in Europa, das im 19. Jahrhundert zahlreichen US-Amerikanern ein preiswerteres Leben ermöglichte. Der Erzähler begegnet seiner alten Liebe mit einiger Reserviertheit, doch als schließlich sein Neffe Archie zu der Gruppe stößt, geschieht das stets Unvermeidliche, wenn attraktive junge Leute aufeinandertreffen. Doch wird das junge Glück von der plötzlichen Abreise der Damen unerwartet unterbrochen.

Erst Wochen später teilt Linda Archie in einem Brief mit, dass sie sich inzwischen mit ihrer Mutter am Lago Maggiore aufhält. Von Archies Verliebtheit getrieben, reisen die Herren ebenfalls dorthin, doch gleich bei der ersten Begegnung zeichnet Louisa dem Erzähler ein recht dunkles Bild von ihrer Tochter. Diese sei ein kaltes, herzloses Wesen, von ihr selbst dazu erzogen, um jeden Preis eine hohe gesellschaftliche Stellung und Reichtum zu erlangen. Louisa eröffne ihm dies, um Buße zu tun für ihre eigene ehemalige Grausamkeit, und werde deshalb auch dafür sorgen, dass Archie nicht in den Fängen dieser Sirene ende. Der Erzähler bleibt ebenso verstört zurück wie der Leser, doch sind in dieser ersten Erzählung bereits die zentralen Themen der Sammlung vorgegeben: Liebe, romantische Leidenschaft und bürgerliche Ehe sowie das für James überhaupt wichtige Motiv der Tradierung und Widerspiegelung sozialer und psychologischer Muster in unterschiedlichen Beziehungen beziehungsweise Generationen.

Der Beldonald-Holbein (1901)

ist die einzige Erzählung dieser Sammlung, in der es nicht in irgendeiner Weise um die Schwierigkeiten der Vermittlung von romantischer Liebe und bürgerlichen Vorstellungen von Sitte und Anstand geht. Erzählt wird vielmehr vom Auftauchen einer älteren Dame mit einem Holbeinschen Charaktergesicht in der Londoner Gesellschaft. Sie soll eigentlich als hässliche Gegenfolie der um ihren Status als Schönheit besorgten Lady Beldonald dienen und ist zu diesem Zweck extra aus Amerika eingeführt worden, wird aber bei ihrem ersten Besuch im Atelier des Malers, der der Erzähler dieser Anekdote ist, als Modell entdeckt. Die Lady, die eigentlich portraitiert werden sollte, verhindert zwar, dass ein Bild ihrer Gefährtin entsteht, erträgt aber ihren Ruhm als Holbein für eine Weile, bevor sie sie zurück nach Amerika verfrachtet. Dort stirbt die vom Ruhm Abgeschnittene nach nur kurzer Zeit an Vereinsamung. Diese späte Erzählung, die sich über den seltsam schiefen Gegensatz von Oberflächlichkeit bei gleichzeitiger hoher Kultiviertheit in London einerseits und der US-amerikanischen Ignoranz gegenüber der europäischen Kulturtradition andererseits lustig macht, ist ein mildes satirisches Kabinettstück, hängt mit den übrigen Erzählungen des Bandes aber nur lose zusammen.

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren (1879)

erzählt die Geschichte eines älteren englischen Generals, der nach vielen Jahren den Ort seiner ersten großen Liebe wieder aufsucht: Florenz. Dort trifft er auf einen jungen Landsmann, der sich zu der Tochter der ehemaligen Angebeteten des Generals in einer nahezu identischen Beziehung befindet wie der General einstmals zur Mutter. Da der General der Auffassung ist, die Mutter habe ihm seinerzeit übel mitgespielt und sei überhaupt eine unmoralische Kokotte gewesen, macht er es sich zur Aufgabe, den jungen Mann vor demselben Schicksal zu bewahren. Am Ende erweist sich wieder einmal, dass es immer einen Narren mehr gibt, als jeder glaubt.

Der spezielle Fall (1898)

erzählt die Geschichte zweier Affären bzw. ihrer Folgen: Zum einen hatte der junge Barton Reeve eine Affäre mit einer verheirateten Frau, Mrs. Kate Despard, Gattin eines britischen Colonels, von der er nun erwartet, sich scheiden zu lassen, was Mrs. Despard aber trotz ihrer Abneigung gegenüber ihrem Ehemann nicht willig zu tun ist. Zum anderen hatte der mit Barton befreundete Philip Mackern eine Affäre mit der bereits anderweitig verlobten jungen Freundin Mrs. Despards, Margaret Hamer, die sich weigert, sich von ihrem in Indien als Offizier stationierten Verlobten loszusagen. Beide Männer versuchen über die jeweils andere Frau Druck auf ihre Angehimmelte auszuüben. Wie alles tatsächlich ausgeht, interessiert James schon gar nicht mehr; ihm genügt es, die Überschreitungen der gesellschaftlichen Etikette und die daraus resultierenden Hilflosigkeiten der Beteiligten zu schildern, die sich aus der gesellschaftlich nicht sanktionierten Intimität der Affären ergeben.

Die Eindrücke einer Kusine (1884)

ist ebenfalls als Tagebuch geschrieben: Die alte Jungfer Catherine Condit begleitet ihre reiche Kusine Eunice aus Europa nach New York, obwohl es ihr dort gar nicht behagt. Eunice ist noch minderjährig, erwartet aber die Übertragung eines erheblichen Vermögens, das lange Jahre von einem Mr. Caliph als Treuhänder verwaltet wurde. Während sich die Damen in New York etwas langweilen, beginnt der Halbbruder von Mr. Caliph, Adrian Frank, Eunice den Hof zu machen, während Mr. Caliph vorgibt, dass es bei der Übertragung des Vermögens noch einige Schwierigkeiten zu bewältigen gibt. Nach einigem Hin und Her stellt sich natürlich heraus, dass Mr. Caliph Eunices Vermögen veruntreut hat und nun versucht, ihr in Form des Vermögens seines Halbbruders einen Ausgleich zu verschaffen. Eunice aber will nicht Adrian heiraten, sondern ist verliebt in Mr.Caliph, während sich Adrian mittlerweile in Catherine verliebt hat. Auch die Auflösung dieser Verwicklungen kann man sich selbst zurechtlegen, so wie das meiste andere an dieser Erzählung, die für ihren Inhalt zweifellos viel zu lang geraten ist.

Die entscheidende Bedingung (1900)

ist das Schmuckstück dieser Sammlung. Erzählt wird die Geschichte zweier Engländer, Bertram Braddle und Henry Chilver, die bei ihrer Rückreise aus den USA, die sie hauptsächlich bereist haben, um die vielbesprochenen amerikanischen Frauen kennenzulernen, Mrs. Damerel begegnen und sich beide in sie verlieben. Bertram als der ältere und situiertere von beiden ist derjenige, der so etwas wie eine Beziehung mit ihr beginnt, sich nach einiger Zeit in England auch mit ihr verlobt, aber von einem nagenden Zweifel beherrscht wird, ob Mrs. Damerel nicht eine dunkle Vergangenheit habe. Dieser Zweifel wird noch dadurch geschürt, dass ihm seine Verlobte sagt, sie habe ihm durchaus etwas zu gestehen, werde es ihm aber erst sechs Monate nach der Hochzeit verraten, wenn er es dann noch wissen wolle. Anstatt seine Geliebte zu heiraten, verschwindet Bertram wieder in die USA, um dort – vergeblich – Nachforschungen über sie anzustellen.

Seine Abwesenheit nutzt Henry dazu aus, Mrs. Damerel den Hof zu machen, die denn auch die Verlobung mit dem abwesenden Bertram löst und Henry heiratet. Sieben Monate nach der Hochzeit treffen die beiden Freunde einander wieder in London, und Bertram muss zu seinem innerlichen Entsetzen erfahren, dass Henry seine Frau nicht nur unter derselben Bedingung geheiratet hat, sondern von sich aus die Schweigefrist um weitere sechs Monate verlängert hat. Bertram bricht daraufhin den Kontakt zum Ehepaar wieder ab, taucht aber weitere acht Monate später bei Mrs. Chilver auf, um zu versuchen, von ihr das dunkle Geheimnis ihres Vorlebens zu erfahren. Der Schluss dieser Erzählung soll hier selbstverständlich nicht verraten werden.

James muss es großes Vergnügen gemacht haben, die einander umkreisenden Gespräche dieser beiden Gentlemen niederzuschreiben, denen es – und wenn etwas sie auch noch so plagt – niemals erlaubt ist, eine unverstellte Äußerung zu tun, sondern die stets mit großem Geschick um den heißen Brei herumreden. Selbst an der Stelle, wo sie allen Grund hätten, einander zu hassen oder zu verachten, bewahren sie eine bewundernswerte Contenance und soziale Distanz. Und natürlich erweist sich ihnen am Ende die Amerikanerin in jeglicher Hinsicht als überlegen. Wer James kennen und schätzen lernen möchte, beginne mit dieser Erzählung!

Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren. Aus dem Englischen übersetzt von Friedhelm Rathjen. Zürich: Manesse, 2015. Leinenband mit rotem Farbschnitt, Lesebändchen, 406 Seiten. 26,95 €.