Henry James: Washington Square

«Gütiger Himmel, was für ein blödes Weib», rief Morris sich im Stillen zu.

James-Washington-SquareBei Manesse kümmert man sich erfreulicherweise wieder um Henry James, von dem es zwischenzeitlich mal den Anschein hatte, dass er in Deutschland langsam vergessen würde. James nimmt in der englischsprachigen Literatur in etwa die Stelle ein, die Theodor Fontane in der deutschsprachigen besetzt. Das heißt, dass seine Romane oft im gehobenen Bürgertum spielen und typische Probleme der bürgerlichen Gesellschaft darstellen. Hinzukommt bei James, der in Amerika geboren wurde, einen Großteil seines Lebens aber in Europa verbrachte und schließlich sogar englischer Staatsbürger wurde, die Faszination der Amerikaner für das alte Europa bzw. das halb bewundernde, halb kopfschüttelnde Unverständnis der Europäer für ihre nordamerikanischen Kusinen und Vettern.

„Washington Square“ (1881) ist einer von James’ frühen, vergleichsweise kurzen Romanen. Erzählt wird die Geschichte der verhinderten Eheschließung Catherine Slopers etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Catherine ist die Tochter eines angesehen New Yorker Arztes, deren Mutter recht bald nach Catherines Geburt verstorben ist. Aufgezogen wurde Catherine von ihrer Tante Lavinia Penniman, die nach dem Tod ihres Ehemannes vorübergehend in das Haus ihres Bruders ein-, doch nie wieder ausgezogen ist. Catherine ist ein in beinahe jeglicher Hinsicht durchschnittliches Mädchen: Sie enttäuscht ihren Vater, was ihre Intelligenz angeht, und ihre Tante, soweit es ihre Befähigung zu romantischer Leidenschaft betrifft. Den einzigen Vorzug, den sie gesellschaftlich für sich verbuchen kann, ist das mütterliche Vermögen, das ihr 10.000 $ im Jahr einbringt, und das väterliche Erbe, das eines Tages den doppelten Betrag hinzufügen wird. Gesegnet mit diesen herausstechenden Vorzügen wird sie – wie es kommen muss – zum Ziel eines gutaussehenden Mitgiftjägers, Morris Townsend, der sein eigenes kleines Vermögen bei Reisen durch die Welt durchgebracht hat und sich nun eine Ehefrau sucht, um der Notwendigkeit einer Beschäftigung zu entgehen.

Der nüchterne Doktor Sloper durchschaut die Absichten Townsends rasch und teilt seiner Tochter mit, dass er gegen die zwischen den beiden jungen Leuten verabredete Verlobung sei. Da Catherine volljährig sei, könne er sie an der Heirat mit Townsend nicht hindern, er werde sie aber enterben, was dem Enthusiasmus des jungen Mannes sicher einen Dämpfer aufsetzen werde. Da sich Catherine von dieser Drohung unbeeindruckt zeigt, entschließt er sich, sie mit auf eine Europareise zu nehmen, damit die junge Frau Abstand zum obskuren Objekt ihrer Begierde gewinnen kann. Doch auch nach einem Jahr in Europa – das James nur summarisch abhandelt – hat sich weder an Catherines Gefühlslage noch an Slopers hartnäckigem Widerstand gegen den Ehemann in spe etwas geändert. Als Catherine dies ihrem Verlobten mitteilt, macht dieser endgültig einen Rückzieher, lässt seine Geliebte sitzen und verschwindet aus New York. Nach einer relativ kurzen Trauerphase scheint die junge Frau diesen Verrat verwunden zu haben, doch bleibt kein Zweifel daran, dass sie zu heiraten nicht mehr in Betracht zieht. Der Roman endet mit einer späten Wiederbegegnung der beiden Liebesleute nach dem Tod des Arztes, doch wie das ausgeht, soll hier nicht verraten werden.

Der Witz des Romans besteht weniger in der gerade geschilderten Fabel als vielmehr darin, dass seine Protagonistin zwischen zwei gänzlich unterschiedliche Charaktere gestellt wird, die zwei Grundtendenzen des 19. Jahrhunderts repräsentieren: Der wissenschaftlich-rationalistische Vater und die romantisch-gefühlsschwangere Tante. Beide missverstehen die Heldin auf exemplarische Weise: Der Vater, der erwartet, dass seine charakterliche Analyse einen ausreichenden Grund für seine Tochter darstellen muss, von ihrer ersten Verliebtheit in einen Mann überhaupt zu lassen; die Tante, die eine große Romanze mit Flucht und heimlicher Ehe und Liebe, die über alle Schwierigkeiten siegt, inszeniert haben möchte, ja, die von ihrer Nichte erwartet, jene Liebesbeziehung zu Morris Townsend zu leben, die sie sich für ihr eigenes Leben zusammenphantasiert hat. Beides greift an dem durch und durch normalen Erleben Catherines vorbei: Catherine wünscht sich einen Ehemann, sie wünscht sich Aufmerksamkeit und Rechtschaffenheit, eine eigene Familie und einen Menschen, der sie um ihrer selbst willen liebt. Dass auch sie damit an der Realität vorbeilebt, ist die ironische Pointe der von James erfundenen Konstellation. Allerdings erfüllt sie auch im Scheitern nicht die Ansprüche ihrer Umwelt: Weder gesteht sie ihrem Vater zu, dass er Recht hatte und eine Ehe mit Townsend ihr Unglück bedeutet hätte, noch ist sie die große Verweifelte, die in das Weltbild ihrer Tante passen würde. Sie lebt in einem ganz alltäglichen Unglück vor sich hin, fast mit einem Schulterzucken gegenüber der Chance, die sich eröffnet hatte und die nun vertan ist. Es ist sehr schmerzlich gewesen, aber nun ist es vorüber.

Gerade das Ende des Romans kann den zeitgenössischen Lesern kaum gefallen haben und macht in gewisser Weise die Qualität dieses doch sonst weitgehend durchschnittlichen Romans aus. So ökonomisch und nüchtern James auch erzählt, er hat in dieser Phase noch die Tendenz sehr viel von dem zu erläutern, was sich ein aufmerksamer und mit der Zeit vertrauter Leser auch selbst denken könnte. Auch geraten die psychologischen Profile des Doktors und der Tante noch etwas holzschnittartig und übermäßig antagonistisch. Einzig Catherine hat eigentlich gar keinen wirklichen Charakter, was sie eindeutig zur interessantesten Figur des gesamten Romans macht.

Henry James: Washington Square. Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Blumenberg. Zürich: Manesse, 2014. Leinenband mit rotem Farbschnitt, Lesebändchen, 277 Seiten. 24,95 €.

Zweimal Buschkowsky

Es wird wohl so sein, dass es klügere Menschen als mich gibt.

Buschkowsky-Neukoelln„Wer ein Buch schreiben will,“ heißt es bei Arno Schmidt, „muß viel zu sagen haben : meistens mehr, als er hat.“ Das gilt umso mehr, wenn einer zwei Bücher schreiben will. Heinz Buschkowsky hat im Nachgang der Aufgeregtheiten um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) mit großem Erfolg ein Buch verfasst, in dem er als Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln seine Erfahrungen mit Migranten und der Integration thematisierte: „Neukölln ist überall“ (2012). Angetrieben vom Erfolg dieses Buches und sicherlich auch vom Verlag, der weitere fette Beute witterte, hat er zwei Jahre später einen weiteren Band unter dem Titel Buschkowsky-Gesellschaft„Die andere Gesellschaft“ folgen lassen. Es ist mehr als angemessen diese beiden Bücher in einer Rezension zu besprechen, denn im Wesentlichen sagt das zweite Buch nichts anderes als das erste, es sagt es bloß ein wenig anders und mit anderen Beispielen illustriert. Da sich bereits das Original in Wiederholungen erging, ist man gut beraten, sich das Geld für das zweite Buch (wenn nicht überhaupt für beide) zu sparen, so wie man sich ja auch nicht die zweite Nummer derselben Tageszeitung vom selben Tag kauft. Normalerweise lese ich solche auf ein eher breites Publikum zugeschnittenen, politischen Sachbücher nicht, aber in diesem Fall gab es einen sehr äußerlichen Anlass, mich mit den Büchern zu befassen.

Buschkowsky hat die angenehme Eigenschaft, dass er nicht gegen Einwanderung ist, sie im Gegenteil angesichts der mangelnden Reproduktionsbereitschaft der Deutschen für eine Notwendigkeit hält, um auch zukünftig in Deutschland den Lebensstandard und die Sozialsysteme wenigstens einigermaßen aufrecht zu erhalten. Die Probleme, die Buschkowsky in seinen Büchern schildert, sind also Probleme, die – so sie denn tatsächlich in bedeutendem Umfang bestehen sollten – notwendig durch einen Prozess der Integration gelöst werden müssen, da sie nicht durch eine Isolation Deutschlands gegenüber den Problemgruppen und ihren Herkunftsländern gelöst werden können. Integration oder vielleicht auch nur ein schlichtes Auskommen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – Buschkowsky möchte gern von Parallelgesellschaften sprechen, weil das die Sache dramatischer klingen lässt – miteinander ist also eine wichtige Voraussetzung für das zukünftige Funktionieren Deutschlands.

Buschkowsky ist auch alles andere als ein Panikmacher: Er kennt und benennt Beispiele gelungener Integration, bestreitet auch nicht, dass diese gar nicht so selten sind wie Xenophobe das gern hätten, sondern meint eben nur, so solle es immer gehen. Als Bürgermeister von Neukölln aber hatte er in der Hauptsache mit den eher schwierigen oder auch nicht gelingenden Fällen von Integration zu tun. Dabei liegt das Hauptgewicht seiner Darstellung auf Konflikten mit muslimischen Zuwanderern, einerseits türkischer, andererseits arabischer Herkunft. An dieser Stelle beginnen für den intelligenteren Leser nun die Schwierigkeiten: Buschkowskys Denken neigt sehr zur Vereinfachung komplexer Sachverhalte, zu pauschalisierenden Schwarzweiß-Malereien und geradlinigen Schuldzuweisungen. Verantwortlich für den Großteil der Schwierigkeiten, die die deutsche, bürgerliche Gesellschaft mit den muslimischen Migranten hat, ist eine Gruppe, die bei Buschkowsky Unterschicht heißt. Diese muslimische Unterschicht (ob es auch eine christliche Unterschicht gibt, erfahren wir nicht explizit, es wird aber auch nicht ausgeschlossen) zeichnet sich im Wesentlichen durch folgende Eigenschaften aus: Hartz-IV-Bezug (deshalb auch immer kinderreich), trotzdem in umfangreichem Besitz teurer Konsumgüter (Autos, Unterhaltungselektronik), bildungsfern, unzureichend Deutsch sprechend, desinteressiert an der Schulkarriere der eigenen Kinder, patriarchalisch organisiert, Frauen und Kinder schlagend, friedliche, besonders ältere Bürger verschreckend, die Polizei missachtend und einer archaischen Religion (Islam) und barbarischen Traditionen (Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Kriminalität und Bezug von Sozialleistungen) anhängend, um nur die schlimmsten zu nennen. Buschkowsky gibt sofort zu, dass nicht alle Muslime so sind, auch dass es „biodeutsche“ (das ist inklusive der Anführungszeichen der von ihm verwendete Terminus) Mitglieder der Unterschicht gibt, auf die einiges aus dem oben angeführten Katalog zutrifft, aber im Großen und Ganzen stimmt es eben doch.

Zum Glück gibt es ein Rezept gegen diese Unterschicht: verpflichtenden Ganztagesunterricht ab dem Kindergartenalter! Zwar sind die Schulen bereits jetzt mit den Kindern der Unterschicht überfordert, aber wenn man nur den Einfluss der religiösen, mittelalterlichen und gewalttätigen Unterschicht-Väter, die zwar ihre Kinder gern schlagen, sich aber sonst nicht weiter um sie kümmern, reduzieren kann, wird bald alles gut werden. Für die, bei denen das dennoch nicht klappt, verschärft man das Jugendstrafrecht, um Schulschwänzern und Serientätern konsequent zu zeigen, was sie sich in einer freiheitlichen Gesellschaft einhandeln, wenn sie nicht so wollen, wie es ihnen die Erfinder und Bewahrer der herrlichen Freiheit vorschreiben.

An zwei Stellen steht Buschkowsky gefährlich nah vor einer wirklichen Einsicht, kann aber den letzten Schritt glücklich vermeiden: Zum einen stellt er verwundert fest, dass in Glasgow Muslime und Nicht-muslime ganz entspannt nebeneinander leben; auch erwähnt er den Umstand, dass es dort eine sehr lange Tradition des Zusammenlebens gibt, zieht aber keine weiteren Schlüsse daraus. Noch einmal begegnet ihm das Phänomen in gewandelter Form, als er über die Italiener in Deutschland nachdenkt:

Ein Phänomen sind die Italiener. Sie gelten in der soziologischen Forschung und Integrationsbetrachtung als eine recht schlecht integrierte Volksgruppe. Auch italienischen Eltern sagt man nach, dass sie über die gleichen erzieherischen Unarten verfügen wie problembeladene türkisch- oder arabischstämmige Eltern. Sie kümmern sich nur nachlässig um ihre Kinder, insbesondere wenn es um die Schule geht. Sie gelten als bildungsfern und haben auch Probleme mit der Berufsqualifikation. Trotzdem ist die italienische Bevölkerung [er meint den italienischstämmigen Teil der deutschen Bevölkerung], pauschal betrachtet, durchaus beliebt. Man sieht ihnen fast alles nach, denn »Italiener sind halt so«.

Dies ist die Stelle, wo man den Kopf einschalten müsste, und sich zum Beispiel zu fragen, ob das immer schon so war. (Als Kind aus einer italienisch-deutschen Partnerschaft kann ich versichern, dass das nicht immer so war.) Und man könnte versuchen herauszufinden, wie sich das Bild der Italiener in Deutschland seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gewandelt hat und wie und wann ihre Stellung als gesellschaftliche Parias auf die Türken übergegangen ist. Stattdessen liefert Buschkowsky folgende Erklärung:

Irgendwie [sic!] muss die Schönheit des Heimatlandes und die Urlaubstradition ein Höchstmaß an Empathie bewirken. So betrachtet, macht das für die Türkischstämmigen Hoffnung.

Wenn nur die Türkei ein bisserl schöner wäre …

Ich will es dabei belassen – es ist ohnehin schon zu lang geworden – und nicht noch die Begrifflichkeit Buschkowskys im einzelnen betrachten und fragen, was denn zum Beispiel „bildungsfern“ genau bedeuten soll. Ist einer schon bildungsfern, der einen Satz wie diesen schreibt:

Die Chinesen sagen nicht umsonst: »Du kannst nicht Diener zweier Herren sein.«

Aus meiner Sicht ist das ziemlich bildungsfern, aber wer bin ich, so etwas zu beurteilen.

Zwei sehr redundante Bücher voller oberflächlicher Urteile, Schwarzweiß-Zeichnungen, harscher Rhetorik, schiefer Analysen und mangelnder Selbstreflexion. Heinz Buschkowsky ist mit seinen Büchern nicht auf dem Weg zu einer Lösung, er ist selbst ein Teil der Integrationsproblematik dieses Landes.

Heinz Buschkowsky: Neukölln ist überall. Berlin: Ullstein, 92012. Pappband, 399 Seiten. 19,99 €.

Ders.: Die andere Gesellschaft. Berlin: Ullstein, 2014. Pappband, 302 Seiten. 19,99 €.

Sade

Sade verdient also besondere Beachtung weder als Schriftsteller noch als sexuell Pervertierter.

Simone de Beauvoir

Sade-Rezeption

Die Person und das Werk des Marquis de Sade sorgen seit über 200 Jahren für intellektuelle Nervosität und moralische Aufregung. Von den einen als eine durchtriebene Zuspitzung der Ideologie der Aufklärung ins Absurde, von den anderen als eine Blütenlese von Obszönitäten gelesen, ist es Sade gelungen, kontinuierlich im Gedächtnis einer Moderne zu verbleiben, deren Wahnsinn er am Horizont seines eigenen Dilettantismus nicht einmal erahnen konnte.

Das vorliegende Buch sammelt theoretische Dokumente der Sade-Rezeption von 1789 bis 2014, wenn man das Nachwort der Herausgeberin mit hinzunimmt. Das Haupt- und Schmuckstück ist Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Aufsatz „Juliette oder Aufklärung und Moral“ von 1944, der allerdings Sade gleich so maßlos überschätzt, dass an ihm – Sade, nicht dem Aufsatz – bereits das gesamte Projekt der Aufklärung nahtlos in das Morden der Nationalsozialisten übergeht. Das ist ideologisch hübsch gemacht, findet auch auf einem argumentativen Niveau statt, an das keiner der anderen Essays auch nur annähernd heranreicht, ist aber, tritt man einen Schritt zurück und wendet sich einem der Romane zu, die die Grundlage für solch einen Gedankengang bilden sollen, von erhabener Albernheit. Wenigstens muss man den beiden Autoren zugute halten, dass sie die einzigen sind, die den für Sades Phantasien zentralen Zusammenhang zwischen Macht und Sexualität ernst nehmen, der in beinahe allen anderen Texten höchstens am Rande eine Rolle spielt.

Herauszuheben ist ansonsten noch Thomas de Quinceys Vortrag „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“, der für sich genommen ein sehr witziger Text, allerdings mit der Sade-Rezeption nur im atmosphärischen Sinne verbunden ist. Von allem anderen war ich eher enttäuscht, wenn ich auch hier und da Schlimmeres erwartet hatte. So war mir beispielsweise das etwas selbstgefällige Geschwätz einer Susan Sontag bei weitem nicht so widerständig wie früher – wahrscheinlich werde auch ich altersmilde. Aber zu oft regieren Sätze wie:

Das Frankreich des 18. Jahrhunderts ist für seine Frivolität bekannt. Die Ausschweifungen der reichen Müßiggänger und Müßiggängerinnen [sic!] kannten keine Grenzen. (Viktor Jerofejew)

So etwas beschleunigt die Lektüre natürlich ungemein. Was der Band aber deutlich werden lässt, ist, dass Sades Dilettantismus den eigentlichen Kern seines Werks bildet: Seine zusammengelesenen Philosopheme, die eklektizistischen, flüchtigen und oft krummen Gedankengänge seiner Philosophie der Folterkammer sind der ideale Nährboden, auf dem jedermann (und auch jede Frau, wenn’s beliebt) seine ganz eigenen Pflänzchen anbauen kann. So ist denn vieles, was über Sade geschrieben wurde, wie Sades Werk selbst: letztlich gänzlich belanglos.

Sade. Stationen einer Rezeption. Hg. v. Ursula Pia Jauch. stw 2115. Berlin: Suhrkamp, 2014. Broschur, 469 Seiten. 20,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (79)

Wendet sich Jemand von den Werkstätten zu den Bibliotheken, und bewundert er die ungeheure Mannichfaltigkeit der  vorhandenen Bücher, so wird sein Staunen sich in das Gegentheil  verkehren, wenn er den Gegenstand und Inhalt dieser Bücher  untersucht und näher betrachtet. Wenn er da gesehen hat, dass  die Wiederholungen kein Ende nehmen, und die Menschen  immer dasselbe reden und treiben, so wird seine Bewunderung dieser Mannichfaltigkeit sich umwandeln in ein Verwundern über die Dürftigkeit und Geringfügigkeit dessen, was den Verstand der Menschen bis jetzt gefesselt und beschäftigt hat.

Francis Bacon
Neues Organon

Aus gegebenem Anlass (XVII) – Bloomsday

Doch Malachias’ Erzählung begann sie mit kaltem Grausen zu erfüllen. Er beschwor die Szene vor ihnen herauf. Die geheime Tür in der Täfelung neben dem Kamin glitt zurück, und in der Mauerhöhlung erschien … Haines! Wem von uns lief es da nicht eiskalt über den Rücken? Er hatte in der einen Hand ein Portfolio mit keltischer Literatur, in der anderen aber eine Phiole, auf welcher das Wort Gift zu lesen stand. Überraschung, Grausen, Ekel malten sich auf allen Gesichtern, indessen er sie mit einem gräßlichen Grinsen betrachtete. Ich sah einen solchen Empfang voraus, begann er mit schauerlichem Lachen, für welches, so scheint es, der Geschichte die Schuld zu geben ist. Ja, es ist wahr. Ich bin der Mörder von Samuel Childs. Und welche Strafe ist mir geworden! Das Inferno hat keine Schrecken mehr für mich. Davon mag meine Erscheinung wohl künden. Donner und Ewigkeit, wie soll ich überhaupt wohl Ruhe finden, murmelte er dumpf, wo ich die ganze Zeit durch Dublin wandere mit meinen lumpigen paar Liedern und er hinter mir her ist wie ein Gespenst oder ein Nachtmahr? Meine Hölle und die Irlands liegt in diesem Leben. Wie habe ich nicht versucht, das Verbrechen in mir zu tilgen! Zerstreuungen, Saatkrähenschießen, die ersische Sprache (er zitierte ein weniges davon), Laudanum (er hob die Phiole an seine Lippen), Wohnen unter freiem Himmel. Vergebens! Sein Geist umschleicht mich. Nur im Rausch noch finde ich Hoffen … Ah! Vernichtung! Der schwarze Panther! Mit einem Schrei war er jäh wieder verschwunden, und die Täfelung glitt an ihre Stelle zurück. Einen Augenblick später erschien sein Kopf in der Thür gegenüber und sagte: Trefft mich am Bahnhof Westland Row um zehn nach elf. Fort war er!

James Joyce:
Ulysses

In eigener Sache

Auf Lesen mit Links ist zu lesen:

Wünschenswert wäre es, wenn qualitätsvolle Literaturblogs wie LesenMitLinks, Die Büchersäufer, Begleitschreiben, Bonaventura, inadaequat, Der Umblätterer und auch die einzigartige Dschungel. Anderswelt mit ihrer Rezensions-Rubrik mehr Beachtung erfahren würden (…)

Dem kann sich der Nachtwächter nur rückhaltlos anschließen!

John le Carré: Tinker Tailor Soldier Spy

LeCarreSmiley.jpgDer erste von drei Romanen um George Smiley, die die Karla-Trilogie (“The Quest for Karla”) bilden. Neben dieser Trilogie existieren noch zwei weitere Romane vom Anfang der 60er Jahre mit Smiley als Protagonisten: Call for the Dead” und “A Murder of Quality” (in denen er allerdings noch etwa zehn Jahre älter ist). Angeregt durch die in jeder Hinsicht brillante Verfilmung durch Tomas Alfredson habe ich mir den knapp 1.600 Seiten umfassenden Sammelband der Trilogie – “Smiley Versus Karla” – zugelegt und nach ungefähr 35 Jahren le Carrés Klassiker “Tinker Tailor Soldier Spy” noch einmal gelesen; die beiden anderen Teile sollen in nächster Zeit folgen.

Le Carrés Spionage-Thriller bilden, ob gewollt oder unfreiwillig, eine exakte Gegenfolie zur Welt des MI6-Agenten Bond, James Bond. George Smiley ist nicht nur äußerlich ein typischer Buchhalter, er ist es auch seiner Methode nach: Langsam, gründlich, unwiderstehlich. Zu Anfang von “Tinker Tailor Soldier Spy” (1974) befindet er sich im Ruhestand; er ist zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Chef des Geheimdienstes MI6 Control, von dem nicht einmal sein vertrautester Mitarbeiter Smiley den bürgerlichen Namen kannte, aus dem Dienst entlassen worden. Anlass der Entmachtung Controls war die missglückte Operation Testify, bei der der Agent Jim Prideaux in der Nähe von Brno (Brünn) in der Tschechoslowakei angeschossen und gefangen genommen wurde. Control ist nur wenige Monate nach seiner Entmachtung gestorben, und George Smiley lebt ein geordnetes, diszipliniertes und vollständig langweiliges Pensionistenleben, nachdem ihn auch seine Frau Ann einmal mehr verlassen hat.

Doch er bekommt unerwartet einen Auftrag durch den für den Geheimdienst zuständigen Staatssekretär Oliver Lacon: Einer der Auslandsagenten des MI6, Ricky Tarr, ist nach sechs Monaten überraschend wieder in London aufgetaucht und hat Kontakt zu seinem Agentenführer Peter Guillam, einem ehemaligen Vertrauten Smileys, aufgenommen. Tarr erzählt die Geschichte der gescheiterten Anwerbung einer sowjetischen Agentin in Istanbul, die vorgegeben hatte, einen Doppelagenten in der Führungsriege des MI6 enttarnen zu können. Tarr hatte dies an die Zentrale in London, den sogenannten Circus (benannt nach seiner Adresse, dem Cambridge Circus) gemeldet, doch bevor er die Agentin in Sicherheit bringen kann, wird sie von den Sicherheitsbeamten der Delegation, der sie angehört, nach Moskau verfrachtet. Tarr ist klug genug, dies rasche Verschwinden als eine Bestätigung des Verdachts zu verstehen, dass sich ein Doppelagent in der Spitze des MI6 befindet, und taucht daher selbst unter. Erst die Befürchtung, dass ihm russische Agenten auf den Fersen sind, veranlasst ihn, nach London zurückzukehren.

Lacon beauftragt nun  Smiley als einen Außenstehenden damit, den möglichen Doppelagenten zu enttarnen; dabei arbeitet Smiley mit Peter Guillam, der die Vorgeschichte ohnehin kennt, und seinem alten Freund Kommissar Mendel zusammen. Ein Großteil seiner Agententätigkeit besteht, wie schon gesagt, aus Aktenstudium, dem Erstellen von Chronologien und dem diskreten Befragen von Zeugen. Stück für Stück erarbeitet er sich ein vollständiges Bild von den Vorgängen in den letzten Monaten unter Controls Führung, bis er schließlich in der Lage ist, dem Doppelagenten eine Falle zu stellen und ihn zu enttarnen.

Dabei geht es le Carré aber weniger um die Methode selbst als vielmehr um die Erinnerungen Smileys, seine Einschätzungen der anderen Mitspieler dieses Spiels, seine eigene berufsbedingte Paranoia und die der anderen, seine Gefühle für seine Frau Ann, die ein Verhältnis mit einem seiner Freunde hatte, Bill Haydon, der zugleich einer der Verdächtigen ist usw. usf. Was die Qualität der Agenten-Romane le Carrés immer ausgemacht hat, war die weitgehende Gleichgültigkeit des Plots – der dennoch immer präzise konstruiert ist – und die differenzierte Darstellung der reduzierten Innenwelt der Protagonisten. Hinzukommt le Carrés gewählte und immer genau auf den jeweils Sprechenden zugeschnittene Sprache. Von daher sind auch le Carrés Romane der 60er und 70er Jahre ein hübsches Beispiel für Dürrenmatts poetologische Formel für den Kriminalroman: Kunst da zu tun, wo sie niemand vermutet.

John le Carré: Tinker Tailor Soldier Spy. In : Smiley Versus Karla. S. 1–422. London: Hodder & Stoughton, 2011. Broschur, 1582 Seiten. Ca. 26,– €.

W. Daniel Wilson: Goethes Erotica und die Weimarer ›Zensoren‹

Zunächst war die sittliche Libertinage also eine Erfindung der Propaganda gegen heterodoxe Denker. Im 17. Jahrhundert untermauerten englische Sittenstrolche in der Tat ihre sexuellen Freizügigkeiten mit einer Verachtung herkömmlicher Religion, die sie als heuchlerisch und sinnenfeindlich anprangerten.

Wilson-Goethes-Erotica

W. Daniel Wilson gibt gern das Enfant terrible der Goethe-Forschung. Im Jahr 1999 gelang ihm mit „Das Goethe-Tabu“ der erste größere Erfolg in dieser Rolle, als er nachwies, dass es sich bei Goethe – einem Mann der immerhin ein knappes Jahrzehnt Minister und den Großteil seines Lebens Geheimer Rat in einem deutschen Kleinstaat gewesen war – nicht um das Vorbild eines liberalen Demokraten gehandelt hatte, sondern um einen ziemlich konservativen, staatserhaltenden und restriktiven politischen Kleingeist, der vor der Zensur freiheitlichen Gedankengutes auch nicht einen Augenblick zurückschreckte. Die meisten Goethe-Kenner gähnten angesichts dieser tiefen Einsicht, die ihnen schon vor etwa hundert Jahren einmal irgendwo über den Weg gelaufen war, aber immerhin ließ sich dadurch eine Ikone der akademischen Goethe-Verkennung wie Katharina Mommsen zu Dummheiten im Goethe-Jahrbuch hinreißen. In London poppten die Sektkorken!

Seitdem liefert Wilson mit schöner Regelmäßigkeit weitere schockierende Erkenntnisse über Goethe: Der habe – wenn auch vielleicht nicht selbst homosexuell – über Homosexualität nicht nur Bescheid gewusst (wer mag es ihm verraten haben?), sondern diese Kenntnisse sogar hier und da in seinen Schriften aufscheinen lassen. Ei, der Doppeldaus!

Und heuer: Goethes Erotica! Nun wäre das Sexuelle bei Goethe durchaus ein reizvolles Thema, galt der Weimarer Meister doch zahlreichen seiner Zeitgenossen als zu freizügig und seine Schriften als nicht unbedingt geeignet, um in die Hände eines unverheirateten Mädchens – schon damals die bedeutendsten und dankbarsten Rezipienten deutscher Klassik – gelegt zu werden. Dazu müsste man sich etwa mit dem „Faust“ beschäftigen, in dem die Sexualität als Mittel zur Lebensfreude eine bedeutende Rolle spielt:

Faust.
Ich bin ihr nah’, und wär’ ich noch so fern,
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren.

Mephistopheles.
Gar wohl, mein Freund! Ich hab’ euch oft beneidet
Um’s Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

Faust.
Entfliehe, Kuppler!

Mephistopheles.
Schön! Ihr schimpft, und ich muß lachen.
Der Gott, der Bub’ und Mädchen schuf,
Erkannte gleich den edelsten Beruf,
Auch selbst Gelegenheit zu machen.
Nur fort, es ist ein großer Jammer!
Ihr sollt in eures Liebchens Kammer,
Nicht etwa in den Tod.

Im „Faust“ ist es immer wieder eher erstaunlich, was verlegerische und staatliche Zensur im Buch haben stehen lassen als die wenigen Zensurstriche, die dann doch erzwungen wurden.

Faust mit der jungen tanzend.
Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwey schöne Aepfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich steig hinan.

Die Schöne.
Der Aepfelchen begehrt ihr sehr
Und schon vom Paradiese her.
Wie freudig fühl’ ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.

Mephistopheles mit der Alten.
Einst hatt’ ich einen wüsten Traum;
Da sah ich einen gespaltnen Baum ,
Der hatt’ ein — — —;
So — es war, gefiel mir’s doch.

Die Alte.
Ich biete meinen besten Gruß
Dem Ritter mit dem Pferdefuß!
Halt’ er einen — — bereit,
Wenn er — — — nicht scheut.

Auch hier passierten die weiblichen Brüste (wieder biblisch verbrämt) unbehelligt die Zensur, doch das ,ungeheure Loch‘, das aus dem Reimwort ,doch‘ und der für den Versrhythmus erforderlichen Silbenzahl eventuell erraten werden konnte, ist dann zuviel. Zusätzlich wird auch das Adjektiv ,groß‘ in der darauffolgenden Zeile gestrichen, um das korrekte Verständnis noch weiter zu erschweren. (Wer wissen will, was die Zensurstriche der letzten Strophe verbergen, soll ruhig einmal eine Goethe-Ausgabe zur Hand nehmen oder zumindest googlen).

Noch interessanter aber scheint mir, dass nur wenige Verse später eine geni(t)ale Anspielung dem wachsamen Auge der Zensoren entgangen ist:

Mephistopheles […] zu Faust der aus dem Tanz getreten ist.
Was lässest du das schöne Mädchen fahren?
Das dir zum Tanz so lieblich sang.

Faust.
Ach! mitten im Gesange sprang
Ein rothes Mäuschen ihr aus dem Munde.

Mephistopheles.
Das ist was rechts! Das nimmt man nicht genau.
Genug die Maus war doch nicht grau.
Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?

Auch im Zweiten Teil der Tragödie fanden sich entsprechend schlimme, die Zeitgenossen erregende Stellen, so etwa der von den Ärschlein der Faust in den Himmel entführenden Engel sexuell erregte Mephistopheles (erstaunlich, dass wenigstens einer der Leser der Erstausgabe überhaupt bis zu dieser Stelle vorgedrungen ist). Weit süffigere aber hatte Goethe so gut versteckt, dass sie nicht einmal von den Herausgebern bemerkt worden waren:

Alt-Wälder sind’s! die Eiche starret mächtig,
Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;
Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,
Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.

Und mütterlich im stillen Schattenkreise
Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.

Auch das darf mit Fug ein Schäferstündchen heißen!

Dann könnte man etwa über jenen ehelichen Geschlechtsverkehr und doppelten Ehebruch nachdenken, den Goethe in „Die Wahlverwandtschaften“ mit einer für seine Zeit außerordentlichen Deutlichkeit schildert und der ihm viel Kritik aus den Kreisen ordentlicher Bürger einbrachte. Denn merke:

Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren können.

Um den erotischen oder sexuellen Anteil an Goethes Werken richtig einschätzen zu können, wäre allerdings einiges an Vorarbeit zu leisten: So wäre zu sichten, was es an erotischer und pornographischer Literatur im 18. Jahrhundert gab, wie sie reproduziert und gehandelt wurde, wer mit wem darüber wie kommuniziert hat, ob und wie sich die Grenzbezeichnungen ,Unsittliches‘, ,Erotisches (Erotica)‘ und ,Pornographie‘ im allgemeinen Gebrauch der Zeit voneinander unterschieden (anstatt wie Wilson im aktuellen Duden (!) nachzuschauen, wie der Pornographie definiert), wie unterschiedlich antike und neuzeitliche Erotica bewertet und behandelt wurden, wie mit offen unsittlichen Autoren wie Shakespeare verfahren wurde, welche überaus differenzierten Unterschiede die Zeitgenossen Goethes zwischen privater und öffentlicher Rezeption und zwischen privatem und öffentlichem Urteil machten usw. usf. Das alles ist ein sehr weites Feld, auf dem nicht nur literarhistorische, sondern auch wichtige soziologische und hygienische Erkenntnisse über das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert zu heben wären.

Aber keine Sorge, Wilson macht nichts von alledem. Stattdessen konzentriert er sich im Wesentlichen auf zwei Gedichtzyklen Goethes nach antiken Vorbildern – die „Römischen Elegien“ und die „Venezianischen Epigramme“ – und deren Publikationsgeschichte; ganz am Ende kommt noch ein bisschen „West-östlicher Divan“ dazu, weil ihm wohl wer gesteckt hat, dass es auch da verborgene Sauereien gibt. Dabei konstruiert sich der Skandal in zwei Tatbeständen: Zum einen, dass beide Zyklen zu Goethes Lebzeiten (und auch später noch) nicht vollständig abgedruckt wurden, was Wilson gerne unter Zensur, nein, Entschuldigung: ,Zensur‘ bzw. ,Selbstzensur‘ verbucht haben möchte. Zum anderen, dass in den Handschriften der „Venezianischen Epigramme“ Stellen abgeschabt und ausradiert und später sogar ausgeschnitten wurden. Schauen wir uns die Teilskandale nacheinander an:

Schon bei der Niederschrift beider Gedichtzyklen war Goethe bewusst, dass an eine vollständige Veröffentlichung dieser Gedichte in ihrer ursprünglichen Form kaum zu denken war. Die „Römischen Elegien“ waren für Schillers Zeitschrift „Die Horen“ vorgesehen, eine Auswahl der „Venezianischen Epigramme“ für einen von Schiller herausgegebenen Musen-Almanach. In beiden Fällen nahm Schiller also seine Pflichten als Herausgeber wahr, las die Texte, besprach mit Goethe, was im Druck mitteilbar wäre, was man seiner Meinung nach streichen müsste bzw. welche der Epigramme für den Almanach überhaupt nicht in Frage kämen (das waren die explizit sexuellen und die antiklerikalen bzw. antichristlichen). Außerdem hatte Goethe die Elegien dem Herzog Karl August und Herdern vorgelesen, bei denen er damit rechnen konnte, dass sie die antikisierende Form goutieren und den dazu passenden Inhalt wie erwachsene Männer wahrnehmen konnten. Beide lobten die Gedichte, rieten von einer Veröffentlichung dennoch gänzlich ab, was Goethe aber nicht daran hinderte, die Elegien mit Ausnahme von vieren in den „Horen“ erscheinen zu lassen. Auf Schillers Vorschläge zur Einkürzung zweier Elegien reagierte er, in dem er diese komplett zurückzog; er wollte sie also lieber gar nicht als verstümmelt drucken lassen. Nichts von all dem ist skandalös, nichts hat mit Zensur oder Selbstzensur zu tun, ob nun in Anführungsstrichen oder nicht, sondern es stellt einen für fast alle Zeiten ganz normalen Publikationsprozess dar. Wilson dagegen möchte aus dem Vorgang um die Elegien eine große Enttäuschung Goethes konstruieren, die im Nachklapp fast noch zu einer Staatsaffäre geworden wäre, wenn man nur wüsste, ob und weshalb der Herzog ein späteres Gedicht Goethes im Geheimen Consilium hat besprechen lassen wollen. Doch: Dem Skandaliseur ist nix zu schwör: Mit Hilfe der Wörtchen ,wahrscheinlich‘, , sicherlich‘ und ,offenbar‘ (dies besonders gern an Stellen verwendet, an denen nun wirklich nichts, aber auch gar nichts offenbar ist) kann man immer einen Skandal dort erzeugen, wo nichts ist.

Beim zweiten Teilskandal handelt es sich um die Frage, wer für die Abschabungen bzw. das Ausschneiden aus den Handschriften der „Venezianischen Epigramme“ verantwortlich war. Hier ist hervorzuheben, dass sich Wilson wenigstens dafür stark macht, die Großherzogin Sophie vom Verdacht auszunehmen, aber ansonsten kann er auch hier nur ausführlich herumraten und vermuten, wer es nicht gewesen ist. Schließlich legt er sich im Ausschluss-Verfahren beim Abschaben auf Walther von Goethe und beim Ausschneiden auf Bernhard Suphan oder Carl August Hugo Burkhardt, ja, nun gerade nicht fest.

All das ließe sich auch auf 8 statt auf 180 Seiten sagen, macht aber dann kein rechtes Skandalon. Folgen noch einige gehaltlose Anwürfe gegen die Hamburger Ausgabe und ihren Herausgeber sowie ein wenig oberflächlich Angelesenes über den ,Libertin‘ (siehe oben das Motto über die „englischen Sittenstrolche“!) und ob Goethe einer war (eigentlich nicht, aber in einigen Zügen dann doch vielleicht eher oder auch naja soso). Um noch ein letztes Mal den Dichter selbst zu bemühen:

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Schlägst du ihn aber mit Gewalt
In feste Form, er nimmt Gestalt.

W. Daniel Wilson: Goethes Erotica und die Weimarer ›Zensoren‹. Hannover: Wehrhahn, 2015. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 256 Seiten. 19,80 €.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Einmal mehr zeigt sich hier die Tendenz, die in der Argumentation so vieler Akteure in der Krise zu beobachten ist: nämlich sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der unter unwiderstehlichen externen Zwängen handelt, während die Verantwortung für die Entscheidung über Krieg und Frieden eindeutig dem Gegner aufgebürdet wird.

Clark-SchlafwandlerChristopher Clark, der als Historiker in Deutschland wegen seiner konzisen Biographie Wilhelms II. bekannt sein sollte, es aber wohl eher wegen der verschnarchten „Deutschland-Saga“ des ZDF ist, hat zeitig zu den 100-Jahr-Gedenktagen zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine umfangreiche Studie zu den Vorbedingungen vorgelegt, die den Ausbruch des Krieges ermöglicht und befördert haben. Das Buch ist in den Feuilletons ausgiebig besprochen worden, in der Hauptsache deshalb, weil sich Clark der traditionellen Schuldfrage konsequent entzieht und an ihre Stelle eine Darstellung und Analyse der Akteure und Umstände in allen kriegsbeteiligten Nationen setzt.

Clarks Darstellung ist in drei Teile gegliedert: Der erste stellt ausführlich die politische Situation in Serbien nach dem gewaltsamen Umsturz im Jahr 1903 bis ins Jahr 1914 dar: Der alte König Aleksandar Obrenović wird zusammen mit seiner Frau ermordet und durch eine deutlich schwächere Figur – Petar I. Karađorđević – ersetzt, Teile des Militärs, die sich zudem noch in Geheimbünden organisieren, übernehmen hinter den Kulissen die Macht und das nationale politische Programm kreist im Wesentlichen um den Gedanken eines Großserbiens, für dessen Verwirklichung Österreich-Ungarn eines der Haupthindernisse darstellt. Der zweite Teil beschreibt für denselben Zeitraum die internationale und besonders die Lage der europäischen Teilnehmer am späteren Großen Krieg: den wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg Russlands, der von allen anderen europäischen Großmächten zudem noch deutlich überschätzt wird, den scheiternden Versuch Deutschlands, Frankreich international zu isolieren, die erfolgreiche Bündnispolitik der Franzosen, die sich Russland als natürlichen Verbündeten gegen Deutschland verpflichten können und Serbien als Gegner Österreich-Ungarns auf dem Balkan fördern, die schwankende und sich nach allen Richtungen absichern wollende Politik der Engländer, das mit seinen internen strukturellen Problemen kämpfende Österreich-Ungarn usw. usf. In diesem Teil wird auch die Entwicklung des 1. und 2. Balkankrieges und deren Folgen beschrieben, die Verwerfungen der Staaten auf dem Balkan untereinander und als Folge der schwindenden Macht des Osmanischen Reiches. Der dritte Teil schließlich widmet sich detailliert dem Attentat von Sarajevo und der daraus folgenden Juli-Krise.

Das erste, was man wohl hervorheben muss, ist Clarks unglaublicher Fleiß und seine umfassende Kenntnis der historischen Lage und Akteure. Trotz der äußerst komplexen Sachverhalte, die Clark vermitteln muss, ist seine Darstellung immer klar strukturiert; die aufgrund der Aufteilung des Buches unvermeidlichen Redundanzen sind auf ein Mindestmaß beschränkt; alle zentralen Akteure werden auch an jenen Stellen verständlich, an denen sie sich auf den ersten Blick inkonsequent und selbstwidersprüchlich zu verhalten scheinen. Clark erzeugt im Leser die Illusion, er könne die Vernünftigkeit des Weltgeistes, die konsequent in das erste ungeheuerliche Gemetzel des 20. Jahrhunderts geführt hat, wenigstens für einen Augenblick begreifen. Dass dies notwendig eine Illusion ist, weiß Clark natürlich selbst:

Selbst wenn wir annehmen, dass kompakte Exekutiven mit einer einheitlichen und kohärenten Zielsetzung die Außenpolitik der europäischen Mächte vor dem Krieg formulierten und steuerten, wäre die Rekonstruktion der Beziehungen unter ihnen dennoch eine beängstigende Aufgabe, wenn man bedenkt, dass man die Beziehung zwischen zwei Mächten nie ganz verstehen kann, ohne auf die Beziehungen zu den anderen zu verweisen. Doch im Europa der Jahre 1903 bis 1914 war die Wirklichkeit sogar noch komplexer, als das »internationale« Modell vermuten lässt. [S. 315]

Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Aber sie war darüber hinaus multipolar und wahrhaft interaktiv – genau das macht sie zu dem komplexesten Ereignis der Moderne, und eben deshalb geht die Diskussion über den Ursprung des Ersten Weltkrieges weiter, selbst ein Jahrhundert nach den tödlichen Schüssen Gavrilo Princips an der Franz-Josephs-Straße. [S. 717]

Das Buch ist für das Verständnis des Prozesses, der zum Ersten Weltkrieg geführt hat, unverzichtbar; nach seiner Lektüre lässt sich weder die Frage nach der Kriegsschuld, noch die nach der Unvermeidlichkeit des Krieges noch sinnvoll stellen: Selbst ein so zögerlicher und eigentlich unwilliger Kriegsteilnehmer wie Großbritannien, das noch die besten Bedingungen dafür auswies, dem Großen Krieg auszuweichen, sieht sich schließlich dazu genötigt, dem allgemeinen Gang der Dinge nachzugeben und sich auf ein Unternehmen einzulassen, das am Ende aller politischen und militärischen Vernunft Hohn sprechen sollte. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich ernsthaft mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, selbst für jene, die seiner grundsätzlichen These von der überbordenen Komplexität des Prozesses prinzipiell skeptisch gegenüberstehen.

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. München: DVA, 2013. Pappband, 895 Seiten. 39,99 €. (Es liegt inzwischen auch schon eine broschierte Ausgabe vor.)

P. S.: Die gleichnamige Romantrilogie Hermann Brochs, von der ich vermutete, sie habe zur Wahl des Titels geführt, scheint Clark gar nicht zu kennen; jedenfalls wird sie weder zitiert, noch im Literaturverzeichnis aufgeführt.