Allen Lesern ins Stammbuch (121)

»Was lesen Sie denn zum Beispiel jetzt?«

Fr. Rat. Morgens nach dem Kaffee – und dazu trink ich eine Bouteille Wasser, weil mir aus Eifer das Blut in den Kopf steigt – les ich zwei Stund und länger, aber alle Augenblick muß ichs Buch hinlegen und mich verwundern. Vorige Woche fing ich ein Buch an über die Inquisition von Goa. Da muß ich sagen, wenn auch mein Glauben mir bis zum Bergversetzen gelungen wär, so versetzt solch ein Buch mitsamt denen Bergen mich außer allen Glauben!

»Wär’s da nicht besser, Sie lesen solche Bücher nicht? – die nur Ihr Gemüt beunruhigen und Ihnen keine Erheiterung sind.«

Fr. Rat. Was halten Sie von mir, daß Sie mir einen so schwächlichen Rat geben? – Sollt ich meinen Geist mehr schonen als meinen Leib? – Der kann auch nicht auf Rosen gebettet liegen! und die Seel würde samt ihm zugrund gehen, die kein ander Exerzitium hätt als bloß Wohlbehagen. – Der Geist ist grad dazu gemacht, sich durch Dorn und Distel zu reißen, ich kann den Rat von Ihnen nicht gut heißen, ihn wie einen Schlemmer zu behandlen!

Bettina von Arnim
Dies Buch gehört dem König

H. C. Artmann: Gesammelte Prosa

Von Zeit zu Zeit stößt man in seiner Lesegeschichte auf Schriftsteller, für die man sich innerlich genötigt fühlt, das Wort Dichter zu verwenden, um ihre Besonderheit zu bezeichnen. Einer davon ist, nicht nur für mich, Hans Carl Artmann, als Autor eigentlich nur unter seinen Initialen geläufig. Obwohl er sicherlich als Lyriker die weitreichendere Wirkung gehabt hat, gibt es von ihm auch ein umfangreiches Prosawerk, das der Residenz Verlag jetzt noch einmal aufgelegt hat. Die beiden dicken Bände sind angefüllt mit phantastischen Texten, voller virtuoser Spielereien mit den Formen, Stimmen und Phrasen der vergangenen Jahrhunderte.

Immer wenn man umblättert, betritt man eine neue Welt: Gerade noch verstrickt in einem verdrehten Abenteuerroman, findet man sich plötzlich wieder in einem phantastischen Sindtbart-Märchen mit einer zauberhaften „printzessin“, gerät danach unter Menschenfresser, von denen man ganz eigentümliche Sitten und Gebräuche erfährt.

Wer unter den menschenfressern erzogen, dem schmeckt keine zuspeis, es sei denn, sie hat hand oder fuß.

Bei Artmann ist Literatur eine anarchische, freie und beglückende Gegenwelt, seine Prosa gibt dem Leser jenes „wundersame Gemisch“ von freier Phantasie, spielerischer Belesenheit und genau beobachteter Welt. Und es nimmt und nimmt kein Ende.

Von Zeit zu Zeit ist es nötig, den Satz Lichtenbergs zu wiederholen:

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

H. C. Artmann: Gesammelte Prosa. Hg. v. Klaus Reichert. Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 22019. Broschur, 789 + 669 Seiten. 49,90 €.

Martin Amis: Gierig

»Sie Arschloch«, sagte sie.

Von Zeit zu Zeit falle ich doch wieder einmal auf die Schaumschlägerei einer Empfehlung herein: So diesmal, als Martin Amis’ Roman in einem Atemzug mit Nabokovs Lolita genannt und zugleich als bester Roman des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. Ich hätte es wissen müssen, denn schließlich kenne ich den besten Roman des 20. Jahrhunderts.

Ich will auch gar nicht sagen, dass das Buch schlecht ist. Es ist im Gegenteil bei all seiner Flachheit von einer erheblichen Präzision, mit großer Geduld des Autors verfasst, zeigt ein Stück Welt, dass in dieser Unverstelltheit wahrscheinlich zuvor literarisch nicht erfasst wurde und was der Dinge zu loben mehr sind. Ich sehe auch ein, dass bestimmte Bücher geschrieben worden sein müssen, weil die Zeitläufte selbst den Autor in gewisser Weise dazu nötigen. Es ist eben nur unglaublich langweilig und platt.

Der Ich-Erzähler ist ein kompletter Vollidiot, mit dem Autor und Leser nach 20 Seiten fertig sind: Ein erfolgreicher Werbefuzzi, Alkoholiker, abhängig von Tabletten und anderen Drogen, exzessiver Nutzer von Pornographie, Frauenverächter – was man haben will. Was mit dieser Figur passiert oder nicht passiert ist schon auf 30 Seiten vollständig unerheblich, geschweige denn auf den 572, die der Roman in der deutschen Ausgabe hat. Ich habe 100 Seiten gelesen, weitere 100 quer gelesen und es dann zu Seite gelegt.

Empfehlen kann ich es nicht, höchstens zur Selbstkasteiung.

Martin Amis: Gierig. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Zürich: Kein & Aber, 2015. Broschur, 572 Seiten. 13,– €.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl

Heute vor 200 Jahren verstarb Jane Austen nach einer kurzen, aber durchaus erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin im Alter von nur 41 Jahren. In diesem Gedenkjahr legt Manesse eine Neuübersetzung ihres ersten veröffentlichten Romans “Sense and Sensibility” (1811) vor. Zu Inhalt und literarhistorischer Einordnung des Buches ist hier an anderer Stelle schon etwas gesagt worden, das nicht wiederholt zu werden braucht.

Die Neuübersetzung von Andrea Ott liefert einen eingängigen Text für den heutigen Markt, der sich grundsätzlich durch eine geschmeidige, glatte Sprache auszeichnet. Insofern wird sie den meisten der nicht­phi­lo­lo­gischen Leserinnen Jane Austens entgegenkommen. Ott nimmt sich aber zu diesem Zweck große Freiheiten in Wortstellung und Ausdruck heraus, die ihren Text ein deutliches Stück vom Original weiter entfernen als die von mir wegen ihrer hohen Präzision geschätzte Übersetzung von Ursula und Christian Grawe. So bezeichnet Austen zum Beispiel gleich auf der ersten Seite die zweite Ehefrau Henry Dashwoods mit den Worten “by his present lady”, also gerade nicht als “his second wife”. Nun ist es sachlich natürlich nicht falsch, das mit „von seiner jetzigen Frau“ zu übersetzen, aber es trifft den Ton des Originals nicht; besser ist das von den Grawes verwendete Wort „Gemahlin“, das zwar altertümelnd daherkommen mag, der Stillage Austens aber eindeutig näher steht.

Dieses kleine Beispiel soll pars pro toto meine grundsätzliche Ein­schät­zung der Übersetzung Otts illustrieren und keine Kritik an deren Arbeit darstellen. Es gilt für alle Übersetzungen, dass sie immer nur in der Lage sind, höchstens auf einen oder zwei Aspekte des Originals scharf zu stellen. Wer einen inhaltlich korrekten und zugleich eingängigen Text lesen möchte, ist mit dieser Neuausgabe gut bedient; wer allerdings einen Text sucht, der ihm eine Vorstellung vom Stil und auch der Kantigkeit Jane Austens liefert, wird auch weiterhin zu der Ausgabe bei Reclam greifen.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Zürich: Manesse, 2017. Pappband, Lesebändchen, 412 Seiten. 26,95 €.

Welttag des Buches – Paradies

Da war einmal ein Königssohn, niemand hatte so viele und so schöne Bücher als er; alles, was in dieser Welt geschehen, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Bildern bewundern. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten, aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin, und der gerade war es, an den er am meisten dachte.

Hans Christian Andersen
Der Garten des Paradieses

Jahresrückblick 2016

Auch für das vergangene Jahr die Höhen und Tiefen der Lektüre in einem kurzen Überblick, wobei ich vorausschicken möchte, dass ich in diesem Jahr keine wirklich durch und durch schlechten Bücher in die Hand bekommen habe. Viel Lesezeit des Jahres war Shakespeare und Jane Austen gewidmet, wobei ich es albern fände, „König Richard III.“ oder „Stolz und Vorurteil“ unter den besten Lektüren aufzulisten. Die beiden laufen daher außer Konkurrenz.

Die drei besten Lektüren des Jahres 2016:

  1. Giorgio Agamben: Homo sacer – wahrscheinlich die anregendste philosophisch-politische Lektüre seit vielen Jahren! Unbedingt lesenswert.
  2. John Dos Passos: Manhattan Transfer – eine seit langem fehlende Neuübersetzung, die das Buch zum ersten Mal auf Deutsch erkennbar macht.
  3. Virginia Woolf: Orlando – auch in diesem Fall erschließt eine Neu­über­set­zung den Text in seiner sehr feinen formalen und sprachlichen Ge­ar­bei­tet­heit.

Die drei schlechtesten Lektüren des Jahres 2016:

  1. William Shakespeare: Die Fremden – eine vollständig überflüssige Veröffentlichung, die versucht, aus der Solidarität der Deutschen mit den Flüchtlingen des Jahres 2016 Kapital zu schlagen.
  2. Michael Krüger: Das Irrenhaus – ein Buch wie aus dem Labor eines Creativ-Writing-Seminars: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.
  3. Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun – ein Roman, der sich mir überhaupt nicht erschlossen hat. Als historisches Phänomen verständlich, als Romanprojekt zumindest mit komplett unzugänglich.

Jane Austen: Überredung

Annes Absicht war es, niemandem im Weg zu sein …

austen-ueberredung„Überredung“ ist der letzte Roman Jane Austens, den sie wenige Monate vor ihrem Tod fertiggestellt hat und der von ihrem Bruder zusammen mit dem üb­er­ar­bei­te­ten, älteren „Northanger Abtei“ postum her­aus­ge­ge­ben wurde. „Überredung“ hat nur etwa den halben Umfang seiner beiden Vorläufer „Mansfield Park“ und „Emma“, was dem Buch erzählerisch sehr zugute kommt. Es ist unklar, ob diese Entscheidung zugunsten der kürzeren Form eine ästhetische war oder Austen durch ihre Erkrankung aufgenötigt wurde.

Auch in diesem Fall variiert Austen wieder Charakter und sozialen Stand ihrer Protagonistin: Anne Elliot ist die zweite von drei Töchtern des Barons Walter Elliot, der nach dem Tod seiner Frau für einige Jahre deutlich über seine Verhältnisse gelebt hat und sich nun beträchtlich einschränken muss, um seine Schulden begleichen zu können. Seine jüngste Tochter Mary ist verheiratet mit einem Mann, der sich zuerst um Anne beworben hatte, von dieser aber abgewiesen worden war. Anne hatte vor dem Antrag ihres späteren Schwagers bereits einen Heiratsantrag von dem damals mittellosen Marine-Offizier Frederick Wentworth erhalten, diesen aber entgegen ihrer Neigung auf Zureden ihrer mütterlichen Freundin Lady Russell abgelehnt. Aufgrund dieser Situation hat man sie im väterlichen Haushalt quasi aufgegeben; die wenige Aufmerksamkeit, die der eitle und egozentrische Baron überhaupt aufbringen kann, gilt nun ihrer älteren, ebenfalls noch unverheirateten Schwester Elizabeth.

Der Roman beginnt mit der Auflösung des Haushaltes auf dem Herrensitz der Elliots: Walter Elliot ist gezwungen, sein Haus zu vermieten und in bescheidenere Verhältnisse nach Bath zu übersiedeln. Ins Haus zieht ein Admiral ein, der mit einer Schwester Frederick Wentworth’ verheiratet ist. Wentworth hat in den napoleonischen Kriegen sein Glück gemacht, ist nun ein wohlhabender Kapitän und – entsprechend dem ersten Satz von „Stolz und Vorurteil“ – auf der Suche nach einer Frau. Durch die Verbindung mit dem Haushalt seiner Schwester kommt es natürlich zur Wiederbegegnung mit Anne …

Auch in diesem Fall ist es nicht nacherzählenswert, wie Austen die letztliche Wiedervereingung der füreinander bestimmten Liebesleute bewerkstelligt. Interessant ist dagegen die Gestaltung der Protagonistin: Anne Elliot ist einmal mehr ein Gegenentwurf zu einer von Austens früheren Figuren: Wo Emma Woodhouse das Zentrum der sie umgebenden Gesellschaft bildet, ist Anne Elliot so etwas wie eine graue Maus. Von ihrer Schwester Mary wie eine bessere Bedienstete behandelt, von ihrer Familie als schwieriger Fall abgeschrieben, mit ihrer einzigen Liebe zu Wentworth gescheitert, hat sich Anne resignierend mit ihrer Rolle abgefunden. Sie hat keine realistischere Aussicht auf eine Zukunft als als alte Jungfer im Haushalt ihres Vaters oder einer ihrer Schwestern ihr Leben zuzubringen, als ihre zukünftigen Neffen und Nichten umsorgende, geliebte Tante und guter Geist des Haushalts. Austen stellt diesem Leben am Rande einer Familie des niederen Adels ganz bewusst den weit menschlicheren Umgang in der bürgerlichen Sphäre der anderen Marine-Offiziere um Kapitän Wentworth entgegen, in der allein Anne unabhängig von ihrem familiären und ehelichen Status wahrgenommen wird. Wenn bei Austen irgendwo eine gesellschaftliche Utopie zu finden ist, dann hier.

Es kann nur als sehr bedauerlich angesehen werden, dass Austen nur eine so kurze Karriere als Schriftstellerin beschieden gewesen ist. „Überredung“ zeigt, dass sie in der Lage war, sich von den literarischen Klischees ihrer Zeit weitgehend zu befreien und zu erzählerischen Konzepten vorzustoßen, die wir normalerweise erst Autoren des bürgerlichen Realismus zuschreiben. Von dieser Autorin wäre noch viel zu erwarten gewesen.

Jane Austen: Überredung. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 7972. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 320 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Jane Austen: Emma

Die Zeit verging.

austen-emmaBei „Emma“ handelt es sich um Austens längsten und – gemessen an ihrem eigenen Gesamtwerk – zugleich langweiligsten Roman. Für ihn spricht zwar der anspruchsvolle Versuch, beim Publikum mit einer negativen Heldin durchzukommen, aber Emmas Wandlung zur idealen Gattin im zweiten Teil des Romans verdirbt das ohnehin nur halbherzig unternommenen Experiment. Der Roman erschien 1815 und war die letzte Veröffentlichung Austens zu Lebzeiten; ihre letzten beiden Romane gab ihr Bruder Henry aus dem Nachlass heraus.

Erzählt werden einige Monate aus dem Leben von Emma Woodhouse. Emma unterscheidet sich von allen bisherigen Heldinnen Austens darin, dass sie zum einen wohlhabend ist – sie lebt in einem wohlversorgten Haushalt und ist die einzige Erbin ihres Vaters – und zum anderen keinerlei Ambitionen zu haben scheint zu heiraten. Damit Austen sich aber nicht zu weit von ihrem einzigen und zentralen Thema entfernt, pflegt Emma als Hobby die Eheanbahnung für andere, eine Tätigkeit, für die sie sich besonders begabt glaubt, in deren Verlauf sich ihr Mangel an Menschenkenntnis, Selbsterkenntnis und Bescheidenheit aber nur zu deutlich erweist. Doch unter dem Einfluss des unbestechlichen Mr. Knightley, der sie bereits seit ihren Kindertagen kennt, wandelt sich Emma zu einer hehren Lichtgestalt, bemerkt, dass sie – wie jede andere Frau – natürlich auch nichts anderes zum Lebensglück braucht als einen Ehemann und heiratet den unerträglich moralisierenden, zum Hintüberfallen aufrechten Mr. Knightley; sie hat auch nicht anderes verdient.

Es mag sein, dass Jane Austen selbst von dem Abziehbild, das ihre Fanny Price im Wesentlichen darstellt, so gelangweilt war, dass sie auf den Gedanken verfiel, ob es nicht möglich sei, einen Roman mit einer negativen Heldin zu schreiben. Emma wird also als absolutes Gegenteil gestaltet: reich, verwöhnt, eingebildet und zu selbstverliebt, um heiraten zu wollen. Woran Austen letztlich scheitert, ist, für diese neue Art von Heldin ein Schicksal zu erfinden, das sich ebenso radikal von der Schablone der zeitgenössischen Romane unterscheidet wie die Grundkonzeption der Protagonistin. Stattdessen liefert Austen einmal mehr eine vollständig geradlinige, vorhersehbare und kaum über ihre Konstruktion hinausreichende Fabel. Auch von ihrem Humor ist in diesem Roman wenig zu spüren, so dass es kein Wunder ist, dass dieser Roman mit großem Erfolg und Gwyneth Paltrow zu einer Seifenoper verarbeitet worden ist.

Jane Austen: Emma. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 7633. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 560 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Jane Austen: Mansfield Park

Ich kenne so viele, die in der festen Erwartung und im Vertrauen auf einen ganz besonderen Vorteil bei der Verbindung oder ein Talent oder eine gute Eigenschaft bei ihrem Partner geheiratet haben, sich dabei völlig getäuscht sahen und gezwungen waren, sich mit dem genauen Gegenteil abzufinden. Was ist das anderes als ein Reinfall?

austen-mansfield-park-reclamDer dritte Roman Jane Austens, wenn man nach der Reihenfolge der Veröffentlichung geht, erschienen 1814. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern hat er nicht mehrere Stufen der Überarbeitung durchlaufen, was ihm auch deutlich anzumerken ist: Ihm fehlt sowohl die erzählerische Dichte als auch in weiten Teilen jene durchgängig ironisch distanzierte Erzählhaltung, die die beiden Romane zuvor auszeichnet. Statt dessen wirken lange Passagen der Erzählung ausschließlich impressionistisch; sie schildern zwar präzise die Verhältnisse und Beschäftigungen der Bewohner von Mansfield Park, sie tragen aber kaum etwas zur Entwicklung der Protagonistin oder der Handlung bei.

Erzählt wird die Geschichte der etwa 18-jährigen Fanny Price. Fanny entstammt einer kinderreichen, bürgerlichen Familie, die in bescheidenen Verhältnissen in Portsmouth lebt. Im Alter von neun Jahren wird Fanny auf Anregung einer ihrer Tanten – der durchweg als egozentrisch und missgünstig geschilderten Witwe Mrs. Norris – in den Haushalt ihres sehr wohlhabenden Onkels Sir Thomas Bertram aufgenommen. Die Bertrams haben bereits vier ältere Kinder: Tom, der den Besitz der Bertrams einmal erben wird, Edmund, für den die für einen jüngeren Sohn eines Adeligen durchaus typische Karriere eines Geistlichen vorgesehen ist, und Maria und Julia, die natürlich gut verheiratet werden sollen. Es entwickelt sich früh schon eine besondere Freundschaft zwischen Fanny und Edmund, die sich zum Zeitpunkt der Haupthandlung zumindest bei Fanny zu einer handfesten, insgeheimen Liebe gemausert hat, ohne dass Fanny sich Hoffnungen machen dürfte, dass Edmund sie heiratet. Aber natürlich geht es aus, wie es ausgehen muss.

Im Gegensatz zu den beiden früheren Romanen ist die Fabel des Romans sehr geradlinig erzählt; ihr fehlt jede überraschende Wendung, jede verdeckte Motivation, jedes Geheimnis. Alle Absichten der Figuren werden stets sofort ausgeplaudert, der Leser verfügt zu jeder Zeit über alle zum vollständigen Verstehen der Handlung benötigten Informationen. Weder ist er überrascht, als sich der Bösewicht als Bösewicht herausstellt, noch ist es überraschend, wie sich dies erweist. Auch wird der Bösewicht nur zu dem einen Zweck entlarvt, die Protagonistin auf einfache Weise von der Bedrohung durch seine Heiratsabsichten zu befreien. Austen gelingt es nur an ganz wenigen Stellen, sich erzählerisch über das Niveau jedes beliebigen Romans ihrer Zeit zu erheben.

All das dürfte zum einen der vergleichsweise raschen Entstehung des Romans geschuldet sein: Austen hatte mit den beiden Veröffentlichungen zuvor (die beide mehrfache Überarbeitungen deutlich älterer Entwürfe waren) außergewöhnliche Erfolge gefeiert und sah sich gedrängt, möglichst rasch den nächsten Roman nachzuliefern. Zum anderen kann man Austen zugestehen, dass sie in „Mansfield Park“ den Versuch macht, eine für sie gänzlich neue Art von Protagonistin zu entwickeln: Im Gegensatz zu Elinor Dashwood oder Elizabeth Bennet, die beide durch Selbstbewusstsein und sicheres Urteil charakterisiert sind, befindet sich Fanny Price nicht nur in einer gedrückten und abhängigen äußeren Lage, sondern sie hat zudem einen von Bescheidenheit, Zurückhaltung und Selbstzweifeln geprägten Charakter. Ihr wird von ihrer Tante Mrs. Norris keine Chance gegeben, ihre Position als arme Verwandte im Hause Bertram zu vergessen; dass sie sich in diese Position klaglos einfindet, dass sie Vernachlässigung und Zurücksetzung als ihrer Position im Haus angemessen empfindet, dass sie sich schließlich lesend selbst ausbildet, macht sie zu einer Heroin des Tugendkults ihrer Zeit, und genau das ist es, was Austen in der Masse des Textes daran hindert, ihren früheren ironischen Ton fortzusetzen: Fanny ist am Ende in jedem Detail eine positive Protagonistin – oder ist wenigsten so beabsichtigt –, mit der Austen durch und durch einverstanden ist und deren Tugend sich auf das Herrlichste bewähren muss. Genau das ist der Kern der Langeweile, die der Roman über weite Strecken verbreitet.

Jane Austen: Mansfield Park. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 8007. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 572 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Christian Grawe: Jane Austen. 100 Seiten

grawe-austen-100-seitenDas Bändchen ist Teil einer neuen Reihe bei Reclam. Es handelt sich dabei weniger um eine Biographie im eigentlichen Sinne als vielmehr um eine lockere Annäherung an das literarische Phänomen Jane Austen. Christian Grawe zeichnete zusammen mit seiner Frau Ursula für die erste vollständige Austen-Übersetzung aus einer Hand verantwortlich und darf als einer der besten deutschen Kenner Austens gelten. Er hat auch die erste umfangreiche deutschsprachige Biographie Austens verfasst, beinahe zehn Jahre bevor das Buch von Elsemarie Maletzke zum Bestseller wurde.

Natürlich enthält das schmale Bändchen auch einige biographische Skizzen, aber es werden auch die wichtigsten Verfilmungen der Romane besprochen, einige Austen-Hasser kommen zu Wort, der Austen-Kult und seine Gedenkstätten im Süden Englands werden vorgestellt, es gibt Lesevorschläge für Austen-Neulinge, Auszüge aus Briefen und Romanen usw. usf. Natürlich ist das ganze eine Art Gemischtwarenladen, aber es ist gut geschrieben und wirbt für seine Sache: Wer von Austen nur wenig oder nichts weiß, bekommt ein lebendiges und interessantes Bild von ihr gezeichnet, das Lust auf mehr macht. Das einzige, was mich ein wenig hat zusammenzucken lassen, ist der Preis von 10 € für solch ein Bändchen; da kann man nur hoffen, dass der Autor ein ordentliches Garantiehonorar bekommen hat.

Christian Grawe: Jane Austen. 100 Seiten. Reclam Tb. 20417. Stuttgart: Reclam, 2016. Broschur, 100 Seiten. 10,– €.