Abenteuer der Vernunft

Goethe ist das Muster dessen, was man als einen Universaldilettanten ansehen darf, und es ist in diesem Fall nicht einmal negativ gemeint. Goethe hatte seit früher Jugend ein ungewöhnlich breit gestreutes Interesse an nahezu allen Na­tur­er­schei­nun­gen, betrieb Forschungen auf eigene Faust, ohne den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Ent­wick­lung auf den entsprechenden Gebieten zu kennen oder für die Analyse seiner eigenen Neugier methodisch ausreichend gerüstet zu sein. Insbesondere seine lebenslange Antipathie gegen die mathematischen Fundamente der Naturwissenschaft stand ihm für einen wirklich erschöpfenden Zugang zu physikalischen Phänomenen immer im Weg.

Mit Abenteuer der Vernunft präsentiert die Klassik Stiftung Weimar nach ihrer eigenen Aussage zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über Goethes naturwissenschaftliche Sammlung. Der Katalog versammelt auf mehr als 420 Seiten Begleittexte zu den Ausstellungsstücken, die nicht nur das jeweilige Interesse Goethes thematisieren, sondern seine Einsichten immer auch in den allgemeinen wissenschaftlichen Horizont der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert darstellen. Der historisch wenig bewusste heutige Leser hat vom Zustand der Naturwissenschaften dieser Zeit in der Regel nicht einmal annähernd eine Vorstellung: Es beginnt wahrscheinlich damit, dass die biblische Schöpfungsgeschichte in weiten Teilen immer noch als eine exakte Beschreibung der Weltentstehung betrachtet wurde und werden musste. Die Forschung hatte keine Ahnung vom tatsächlichen Alter des Planeten und eine nur unvollständige Vorstellung von den die Erdkruste gestaltenden Kräften. Zwar hatte man schon begriffen, dass Pflanzen und Tiere in engeren und weiteren Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­sen zueinander stehen, aber echte Theorien der Entwicklung der Arten waren erst bruchstückhaft und theoretisch nicht gut verstanden. Der Artbegriff selbst war noch statisch; das Konzept aussterbender Arten begann sich gerade erst zu entwickeln. In der Chemie machte man große Entdeckungen, war aber von einem systematischen Verständnis der Beziehung der chemischen Elementen untereinander noch weit entfernt. Einzig und allein in der Physik schien Newton grundlegende und unbestreitbare Einsichten gehabt zu haben; aber auch hier war man von einem modernen Verständnis der Natur noch weit entfernt: noch keine Atomtheorie, das Sonnensystem bildete wesentlich das Universum, wenn es sich auch jüngst als bei weitem nicht so begrenzt erwiesen hatte, wie seit Jahrtausenden angenommen worden war; auch das Phänomen der Sterne war noch nicht gut, das der Nebel gar nicht verstanden.

Goethe war an nahezu allen wissenschaftlichen Fragen und Ent­wick­lun­gen seiner Zeit interessiert. Er selbst stand früh in Opposition zur Newtonischen Optik und hat seine eigene Farbenlehre sicherlich für einen wesentlichen Beitrag zur Naturwissenschaft gehalten. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log dokumentiert Goethes breite Beschäftigung mit den Na­tur­wis­sen­schaf­ten gut; wer sich die Mühe macht, den Katalog wirklich durch­zu­ar­bei­ten, bekommt neben einem umfassenden Bild von der Goetheschen Neugier auch eine grundlegende Einsicht in das Weltbild der Forschung dieser Zeit. Dabei werden – das kann nicht weiter überraschen – Goethes eigene Einsichten und Theorien in einem so günstigen Licht dargestellt, wie es sich einrichten lässt, ohne die ihnen notwendig innewohnenden Mängel zu leugnen. Man könnte Goethes wissenschaftliche Beschäftigung auch in einem deutlich harscheren Bild darstellen, ohne sich den Vorwurf ein­zu­han­deln, man sei unfair. Aber angesichts der Fülle des gebotenen Materials und der Güte der allgemeinen Darstellung bleibt eine solche Kritik klein­lich.

Für alle in einem breiteren Sinne an Goethe Interessierten ein um­fang­rei­ches und umfassendes Lesebuch.

Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800. Ausstellungskatalog. Hg. v. Kristin Knebel, Gisela Maul u. Thomas Schmuck. Dresden: Sandstein, 2019. Pappband, Fadenheftung, Kunstdruckpapier (26 cm × 24 cm), 423 Seiten. 38,– €.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels

Ein schmales Bändchen mit drei Aufsätzen des Shakespeare-Übersetzers Frank Günther, dem nur noch ein Band in der Gesamtausgabe bei ars vivendi fehlt, um als erster Mensch den Stratforder Meister vollständig in eine andere Sprache übersetzt zu haben.

Im ersten plädiert er für die Aktualität der Dramen, bzw. dafür, dass jeder heutige Zuschauer oder Leser vor der Aufgabe stünde, diese Aktualität durch Rekurs auf seine eigenen Lebenserfahrung herzustellen. Der zweite beschäftigt sich mit der Metamorphose Bottoms in einen Esel, der literarischen Tradition dieser Metamorphose und schließt ab mit einer überraschenden Aktualisierung dieser Metamorphose aus seiner eigenen Lebenserfahrung. Im dritten schließlich antwortet er auf die zehn ahnungslosen Bemerkungen Roland Emmerichs zur Frage der Autorschaft Shakespeares.

Für Shakespeare-Kenner und -Freunde eine amüsante Lektüre an einem verregneten Nachmittag.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels. Cadolzburg: ars vivendi, 2019. Klappenbroschur, 48 Seiten. 10,– €.

Jahresrückblick 2019

Das Lesejahr war aufgrund diverser Umstände nicht so ergiebig wie die letzten Jahre, aber dafür war der Anteil an schlechten oder überflüssigen Lektüren diesmal vergleichsweise gering.

Wirklich schlecht, da komplett stammtischgeschwätzig, war nur Rainer Erlingers Warum die Wahrheit sagen? Überflüssige Lektüren waren Martin Amis’ Gierig – was nur bedingt gegen das Buch spricht; es passt einfach nicht in meine Lektüregeschichte, weil es Türen einrennt, die bei mir nie geschlossen waren – und Iwan Bunins Ein unbekannter Freund, das ich wegen der Übersetzerin gelesen habe, das sich aber als gehaltlos erwies.

Auf der positiven Seite stand in diesem Jahr in der Hauptsache die Neu- und Wiederlektüre der Werke Dostojewskijs, die auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden wird. Da ist – vor allem Dank der Übersetzerin Swetlana Geier – zur Zeit jedes neue Buch eine Freude. Hier ist auch die musterhafte Biographie Dostojewskijs von Andreas Guski hervorzuheben. Gern weise ich auch noch einmal auf die gesammelte Prosa H. C. Artmanns und auf die gelungenen Neuübersetzungen der Bücher Raymond Queneaus durch Frank Heibert hin.

Allen Lesern ins Stammbuch (125)

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und läßt sich von diesen alles gefallen.

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre

Allen Lesern ins Stammbuch (124)

Die Illusion der Klarheit kommt zustande, sagte Linda, weil der Text immer deutlicher ist als das Leben dessen, der ihn geschrieben hat. Der Text ist sogar klarer als das Leben jedes beliebigen Lesers. Darin liegt die fürchterliche Verlockung der Literatur; das Leben soll endlich dem Text folgen, es soll sich in Klarheit verwandeln.

Wilhelm Genazino
Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

„konkrete poesie“ / „visuelle poesie“

schreibe einen text. jetzt
entferne sämtliche lügen.

cia rinne

Wie progressiv mein Deutschunterricht gewesen ist, begriff ich erst, als mir klar wurde, dass die Kenntnis von Gedichten Ernst Jandls oder Gerhard Rühms durchaus nicht zur Allgemeinbildung der meisten deutschen Gymnasiasten gehörte. Dass jene Gedichte, die ich unter dem Schlagwort „Konkrete Poesie“ kennengelernt hatte, eine sehr moderne Spielart der Lyrik waren, war mir klar; eine wie schmale Spalte sie bildeten dagegen nicht. Und noch später fand ich dann erst die Vorläufer, die spätestens seit der Barocklyrik existieren. Dass diese Spielart des Wortspiels überhaupt so bekannt ist, wie sie es ist, verdankt sich zu einem wesentlichen Teil auch der Sammlung Eugen Gomringers, die 1972 zum ersten Mal erschien und eine essentielle Auswahl vorstellte. Reclam hat nun im vergangenen Jahr eine erweiterte Neuauflage des Bändchens aufgelegt, die zusätzlich Gedichte von neun weiteren Autoren liefert.

konkrete poesie – das sind texte zum meditieren, zum spielen und mitspielen. sie helfen das gesicht der wörter wieder zu entdecken, im trivialen das komplexe, im komplexen das triviale.

Die Sammlung zeigt eine erstaunliche Breite an Stilen und Ansätzen, die von rein formalen Spielen über rhetorische Studien bis zu sehr direkt politischen Gedichten reicht. Natürlich kann immer nur ein sehr schmaler Ausschnitt aus dem lyrischen Werk der Autoren aufgenommen werden, aber der Band ist ein idealer Einstieg in diese Form moderner Lyrik, von dem ausgehend sich ganz eigene Welten entdecken lassen.

a short history of life
(en vers, tout calculé)

verehren
verkehren
verzehren
vermehren
vers ehren
gegen ehren

(so kann das nicht weitergehen)

cia rinne

Ergänzend hat Gomringer im Jahr 1996 den Band „visuelle poesie“ zusammengestellt, dessen Beiträge einen deutlich stärkeren optischen Einschlag haben. Wer sich den einen Band besorgt, sollte auch gleich den anderen mit bestellen.

konkrete poesie. anthologie von eugen gomringer. Erweiterte Neuausgabe. RUB 19554. Stuttgart: Reclam, 2018. Broschur, 271 Seiten. 8,80 €.

visuelle poesie. anthologie von eugen gomringer. RUB 9351. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 153 Seiten. 4,80 €.

Andreas Guski: Dostojewskij

Ein einfacher Romancier, der nichts Seriöses geschrieben hat.

Isidor, Metropolit von Petersburg

Ich bin als Leser von Biographien nicht leicht zufriedenzustellen, aber von Zeit zu Zeit fällt einem dann doch einmal ein Buch in die Hand, das man mit einem bewundernden und zufriedenen Kopfnicken beendet. Andreas Guski ist es gelungen, eine nicht nur gut lesbare, sondern auch umfassende und ausgewogene Biografie des vielleicht komplexesten russischen Klassikers des 19. Jahrhunderts zu verfassen. Seine Deutungen der einzelnen Werke sind durch die Bank solide, frei von Jargon und auch für den interessierten Laien verständlich, ohne dabei auf die Darstellung ihrer inneren Widersprüche und komplexen ideologischen Verwerfungen zu verzichten. Auch die für den Biographen normalerweise eher heiklen Themen wie etwa Dostojewskijs Antisemitismus oder die ihm von seinen Gegnern unterstellte Neigung zur Pädophilie werden unaufgeregt und ohne apologetischen Aufwand besprochen. Natürlich hat man als quasi professioneller Leser der Literatur des 19. Jahrhunderts immer an der einen und anderen Stelle Einwände, aber sie betreffen in diesem Fall immer nur Nuancen und Halbtöne.

Dostojewskij, der in Deutschland in der Hauptsache mit seinen fünf bzw. sechs letzten Romanen zur Kenntnis genommen wird, ist einer der schwierigsten Fälle unter den bedeutenden Autoren des 19. Jahrhunderts: Einerseits ein in der Wolle gefärbter russischer Nationalist, fanatischer orthodoxer Christ, Gegner der Reformation, der Moderne, des Individualismus, des Materialismus und Kapitalismus, eng verbunden mit und zugleich abgestoßen von der Romantik Westeuropas, liefert er andererseits in seinen späten Romanen eine komplexe Aus­ein­an­der­set­zung ohne ideologische Scheuklappen mit gerade diesen Themen immer am Fall konkreter Personen unter ganz konkreten Umständen. Immer widmet er auch den Figuren, die nach seiner Auffassung das Böse, das Übel, das Verbrechen oder die Gefährdung der Moderne repräsentieren, die gleiche Sorgfalt, denselben oder gar mehr Raum und Gedanken als jenen Heiligen, die für den christlichen Heilsweg stehen, der wenigstens die Russen aus dem Chaos der Moderne führen soll. Und all das geschieht im Rahmen von Verbrechens- und Kriminal-Erzählungen, wie sie populistischer und massenwirksamer kaum je erdacht worden sind. Er war ein übler literarischer Verführer mit den besten und zugleich dümmsten denkbaren Ab- und Ansichten.

Hinzukommt sein zerrissenes, nomadisches, von Armut, Krankheit, Überschuldung und Ungerechtigkeit geprägtes Leben, seine Verfallenheit an das Roulette, von dem er immer wieder und gegen jede bessere Einsicht seine Rettung erhofft hat, sein Kampf mit dem Schreiben – Dostojewskij ist ein gutes Beispiel für die Behauptung Thomas Manns, ein Schriftsteller sei ein Mensch, dem das Schreiben besonders schwer falle –, die zum Teil herkulische Arbeitsleistung als Redakteur usw. usf. Erst sehr spät hat sich in seinem Leben ein förderliches Equilibrium ein­ge­stellt, noch später erfolgte seine Anerkennung als dritter Großer im Bunde zusammen mit Tolstoi und Turgenew. Als er dann im 20. Jahr­hun­dert in Russland ideologisch in Ungnade fiel, wurde er in Westeuropa erst richtig entdeckt, auch wenn er hier bis heute als schwierige Lektüre gilt.

Andreas Guski eröffnet mit seiner Biographie einen exzellenten Zugang zu Autor und Werk, den alle Interessierten und Neugierigen nutzen sollten.

Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie. München: C. H. Beck, 2018. Pappband, Lesebändchen, 460 Seiten. 28,– €.

Jahresrückblick 2018

Auch in diesem Jahr waren es in der Hauptsache Übersetzungen, die bei der Lektüre als besonders gut oder schlecht herausragten. Als auffallend negativ müssen verzeichnet werden:

  • Mark Greengrass: Das verlorene Paradies – das Buch selbst ist gut und informativ, wenn auch im formalen Aufbau gewöhnungsbedürftig. Die Übersetzung von Michael Haupt dagegen ist geschwätzig und über das verzeihliche Maß hinaus unpräzise.
  • Bernard Shaw: Pygmalion – hier ist bereits das Buch selbst eher ärgerlich. Shaw, der Zeit seines Lebens Shakespeare kleingeredet hat in der Hoffnung, jemand möge ihn doch eines Tages mit ihm vergleichen, liefert zwar eine flotte Komödie, aber das Stück bleibt sowohl formal als auch inhaltlich weitgehend ungenügend. Auch die Übersetzung von Harald Müller ist eher unterirdisch.

Positive Überraschungen waren in diesem Jahr:

  • John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens – dieser Neuübersetzung von Bernhard Robben gelingt das Kunststück, den Text Steinbecks wirklich angemessen ins Deutsche zu übertragen: die sprachlich anspruchsvollen Dialoge ebenso wie den humoristischen Grundton und den stetig wachsenden, untergründigen Zorn des Buches. Ein Meisterstück!
  • Erfreulich war die Sterne-Werkausgabe in der Übersetzung von Michael Walter, der für Sterne ein ganz eigenes, quasi-barockes Deutsch erfunden hat. Insbesondere der Briefband dieser Ausgabe sticht heraus.
  • Zuletzt sei die Faustedition hervorgehoben, die auf musterhafte Weise eine gedruckte und eine elektronische Ausgabe miteinander verbindet.

Johann Wolfgang Goethe: Faust – Faustedition

Das Freie Deutsche Hochstift, die Klassik Stiftung Weimar und die Julius-Ma­xi­mi­lians-Universität Würzburg haben in Kooperation unter dem Projekttitel Faustedition eine historisch-kritische Ausgabe des gesamten Faust erstellt, der sich – je nach Perspektive – in zwei bzw. drei Teile gliedert. Einerseits befindet sich der gesamte konstituierte Text inklusive aller Textvarianten auf der Webseite des Projektes, andererseits sind im Wallstein Verlag drei Textbände erschienen: Zum einen der konstituierte Text, zum anderen als Doppelband ein Faksimile des Manuskriptes des zweiten Teils der Tragödie sowie eine Transkription der Handschrift im gleichen Format (26 × 41 cm):

Das Faksimile darf auch zu vollem Recht so heißen, denn in sorgfältiger Handarbeit wurden hier alle Ein- und Überklebungen reproduziert, die in der Handschrift vorgenommen wurden, so dass sich der Leser einbilden darf, tatsächlich mit der Handschrift selbst umzugehen.

Diese aufwändige und in jeglicher Hinsicht vorbildliche Edition ermöglicht es dem Forscher und interessierten Leser nicht nur, auf einfachste Weise alle relevanten Ausgaben des gesamtes Faust auf einen Schlag miteinander zu vergleichen, er hat auch erstmals die Möglichkeit, sich selbst ein direktes Bild von der Handschrift des zweiten Teils zu machen. Die Leseausgabe des konstituierten Textes (die gerade in die 2. Auflage geht) gibt ihm zudem einen verlässlichen und zitierfähigen Text an die Hand. Dort, wo er die Entscheidungen der Herausgeber prüfen will, sind alle Varianten der Texte nur einen Mausklick entfernt.

Hier wurde eine exzellente Kombination aus gedruckter und digitaler Ausgabe vorgelegt, die die Stärken beider Medien zum Vorteil der Leser nutzt. Von hier aus lässt sich dieses Jahrhundertbuch der deutschen Literatur vollständig neu entdecken.

  • Faustedition. Vollständige Dokumentation der Quellen, Textgenese, aller relevanten Ausgaben und des konstituierten Textes. Derzeit in der Version RC 1.1.
  • Johann Wolfgang Goethe: Faust. Eine Tragödie. Konstituierter Text. Hg. v. Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis. Göttingen: Wallstein, 2018. Leinen im Schuber, Fadenheftung, 574 Seiten. 39,– €.
  • Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Gesamthandschrift. Faksimile und Transkription. Hg. v. Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis. Göttingen: Wallstein, 2018. 2 Bände im Schuber, Leinenrücken, Fadenheftung, Kunstdruckpapier, 386 + 406 Seiten. 199,– €.
  • Es gibt zudem eine Komplettausgabe, die die beiden oben aufgeführten Teile umfasst und mit 224,– € zu Buche schlägt.

Allen Lesern ins Stammbuch (114)

Der Tod des Hofrats Büttner, der sich in der Mitte des Winters ereignete, legte mir ein mühevolles und dem Geiste wenig fruchtendes Geschäft auf. Die Eigenheiten dieses wunderlichen Mannes lassen sich in wenige Worte fassen: unbegrenzte Neigung zum wissenschaftlichen Besitz, beschränkte Genauigkeitsliebe und völliger Mangel an allgemein überschauendem Ordnungsgeiste. Seine ansehnliche Bibliothek zu vermehren, wendete er die Pension an, die man ihm jährlich für die schuldige Summe der Stammbibliothek darreichte. Mehrere Zimmer im Seitengebäude des Schlosses waren ihm zur Wohnung eingegeben und diese sämtlich besetzt und belegt. In allen Auktionen bestellte er sich Bücher, und als der alte Schloßvoigt, sein Kommissionär, ihm einstmals eröffnete, daß ein bedeutendes Buch schon zweimal vorhanden sei, hieß es dagegen: ein gutes Buch könne man nicht oft genug haben.

Nach seinem Tode fand sich ein großes Zimmer, auf dessen Boden die sämtlichen Auktionserwerbnisse partienweis, wie sie angekommen, nebeneinander hingelegt waren. Die Wandschränke standen gefüllt, in dem Zimmer selbst konnte man keinen Fuß vor den andern setzen. Auf alte gebrechliche Stühle waren Stöße roher Bücher, wie sie von der Messe kamen, gehäuft; die gebrechlichen Füße knickten zusammen, und das Neue schob sich flözweise über das Alte hin.

Johann Wolfgang von Goethe
Tag- und Jahreshefte 1802