Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin

Als sich Lombardo ans Werk machte, wusste er nicht, was es werden würde. Er mauerte sich nicht in Pläne ein, er schrieb drauflos; und dadurch drang er immer tiefer in sein Inneres. Wie ein beherzter Reisender, der sich durch trügerische Wälder schlägt, wurde er schließlich für seine Mühen belohnt.

Zum 200. Geburtstag Melvilles legt Manesse noch einmal dessen dritten Roman Mardi vor, der vor 170 Jahren erschienen ist. Melville hatte seine Laufbahn als Autor mit zwei Südsee-Romanen (Typee (1846) und Omoo (1847)) begonnen, die auf das allgemeine Interesse der Zeit an Reisebeschreibungen und die voyeuristischer Neugier auf die Südsee-Insulaner im Besonderen trafen und vergleichsweise erfolgreich waren. Natürlich waren Verleger und Publikum an einer Fortsetzung dieser Linie interessiert, aber Melville selbst war durch die Wiederholung des ewig Gleichen offenbar gelangweilt. Ihm ging es eher darum, seine Möglichkeiten als Autor auszutesten und den Rahmen dessen, was in einem Roman möglich war, auszuloten. Daher heißt es schon im kurzen Vorwort zum Roman:

Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden, kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorigen Erfahrung.

Dementsprechend fängt Mardi als ein ziemlich konventioneller Seefahrer-Roman an: Der Ich-Erzähler hat auf einem Walfänger angeheuert, um von einer der Südsee-Inseln fort und über die Zwischenstation der Galapagos-Inseln wieder in zivilisiertere Gebiete zu kommen. Doch der Kapitän der Arcturion ändert, da das Jagdglück ausbleibt, seinen Kurs nach Norden, um in arktischen Gewässern Wale zu finden. Der Erzähler macht sich deshalb zusammen mit einem Schiffskameraden nachts heimlich von Bord, um zurück zu den Südsee-Inseln zu segeln, solange sie noch erreichbar sind. Nach einiger Zeit schon ganz in der Nähe ihres Ziels stoßen die beiden Deserteure – die inzwischen von einem treibenden Schiff einen Eingeborenen als Passagier aufgelesen haben – auf ein Floß, auf dem ein älterer Priester und seine drei Söhne eine offenbar weiße, junge Frau transportieren. Als der Erzähler begreift, dass der Priester vorhat, dass Mädchen Yillah zu opfern, tötet er diesen eher beiläufig und entführt sie.

Auf der Insel, die die kleine Reisegesellschaft kurze Zeit später erreicht und die zur fiktiven Inselgruppe Mardi gehört, die dem Roman seinen Titel gibt, wird der Erzähler als Personifikation des Halbgottes Taji angesprochen und zusammen mit seinen Gefährten entsprechend wohlwollend aufgenommen. Es beginnt eine kurze Episode paradiesischen Glücks, bis eines Tages Yillah spurlos verschwunden ist. Taji macht sich zusammen mit König Media, dem Philosophen Babbalanja, dem Poeten Yoomy und dem Historiker Mohi auf die Suche nach Yillah, womit der eigentliche, fantastische Teil der Reise durch Mardi beginnt. Von dieser Stelle an wandelt sich der Charakter des Textes zum Teil von Kapitel zu Kapitel: Zuerst findet sich eine Swiftsche Satire diverser Sitten und Institutionen, aber schon bald schweift das Buch über zu Gesprächen über Philosophie, Waljagd und Paläontologie, Freiheit und Notwendigkeit, Deismus und Atheismus, der Allmacht Gottes, Demokratie und Monarchie, Poetik und Geschichtsschreibung und was der Dinge mehr sind. Innerhalb der Reise durch Mardi findet auch eine komplette Weltumsegelung statt, bei der Charakterisierungen ganzer Kontinente, aber auch einzelner Länder vorgenommen werden. Es findet sich eine Verhöhnung Englands ebenso wie eine scharfe Kritik der Sklaverei in den USA – nicht nur, aber besonders die Südstaaten betreffend – und auch satirische Portraits einzelner Politiker. Auch die Februarrevolution wird als zerstörerischer Vulkanausbruch im Reiche Franko allegorisiert.

Man kann nicht wirklich sagen, ob das Buch mit seinen 800 Seiten zu kurz oder zu lang geraten ist. Bis auf den roten Faden der Suche nach Yillah und der Verfolgung Tajis durch die drei Söhne des getöteten Priesters ist die zweite Hälfte des Romans weitgehend formlos und anekdotisch.  Er dokumentiert die weitgreifende Belesenheit des Autors, sein ernsthaftes Interesse an letzten Fragen, sein eigenwilliges religiöses Denken und nicht zuletzt sein politisches Engagement – von hier aus betrachtet, wird auch Moby-Dick zu einer deutlich politischeren Lektüre. Sowohl in seiner Auflösung der Form als auch in seinen enzyklopädischen Neigungen ist Mardi ein entscheidender Schritt Melvilles auf dem Weg zum Jahrhundertautor, der er durch Moby-Dick nur zwei Jahre später werden sollte.

Manesse hat die gute, moderne (und überhaupt einzige) Übersetzung des Romans komplett neu gesetzt, die Endnoten des Übersetzers in Fußnoten verwandelt – was angesichts der Tatsache, dass einige Teile des Textes für die meisten Leser doch der Erläuterung bedürfen, eine gute Entscheidung ist – und damit insgesamt ein sehr schönes Buch vorgelegt, bei dem einzig die Fadenheftung fehlt, um es als vollständig gelungen anzusehen.

Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin. Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Rainer G. Schmidt. Zürich: Manesse, 2019. Pappband, Lesebändchen, 824 Seiten. 45,– €.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie

Die Schattenlinie ist während des 1. Weltkriegs unter schwierigen persönlichen und finanziellen Umständen des Autors entstanden. Es ist die wohl am unmittelbarsten autobiographische Erzählung Conrads, die in wesentlichen Teilen den Verlauf seines ersten Kommandos als Kapitän wiedergibt. Der Band bei Hanser bringt nicht nur eine Neu-Übersetzung dieses Textes, sondern auch von Der geheime Teilhaber (The Secret Sharer), ohne dass dies aus der Titelei hervorginge; dieser Zusatz dient dem Übersetzer und Herausgeber des Bandes Daniel Göske zur interpretativen Annäherung an Die Schattenlinie, da im Zentrum beider Texte ein von seiner Mannschaft in bestimmter Weise isolierter Kapitän steht, der sein Schiff gerade erst übernommen hat. Was den Verlag veranlasst hat, diesen zweiten Text im Band sozusagen zu verstecken, bleibt ebenso rätselhaft wie der versteckte Deserteur und Doppelgänger des Kapitäns in dieser zweiten Erzählung.

Die Schattenlinie wird erzählt von einem namenlosen Alten, der sich an sein erstes Kommando erinnert: Er hatte gerade als junger Mann in Singapur aus einer Laune heraus als Erster Offizier abgeheuert und eigentlich vor, nach Europa zurückzukehren, als ihm auf eine recht umständliche Weise das Kommando über ein Schiff in Bangkok angeboten wird, dessen Kapitän verstorben ist. Er nimmt die Gelegenheit ohne zu zögern wahr und verlässt noch am selben Abend Singapur auf einem Dampfboot. In Bangkok aber erweisen sich die Zustände als schwierig: Ein Teil der Mannschaft ist an einem Fieber erkrankt und auch sonst dauert es sehr lange, bis das Segelschiff endlich zu Abfahrt bereit ist. Als es endlich soweit ist, liegt der Erste Offizier mit Fieber im Krankenhaus, doch der neue Kapitän weigert sich, ihn zurückzulassen. Endlich auf See gerät das Schiff in eine langanhaltende Flaute; zudem erweist sich, dass man das Fieber nicht losgeworden ist, sondern immer noch Männer an ihm erkranken. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der vorherige Kapitän des Schiffes das Chinin der Bordapotheke verkauft hat und man ohne wirksames Medikament gegen das Fieber dasteht. Je länger die Flaute anhält, desto mehr Männer sind unfähig, ihren Dienst an Bord zu leisten und als das Schiff endlich in einem Gewitter die ersehnte Fahrt aufnimmt, ist außer dem Kapitän praktisch nur noch der herzkranke Schiffskoch in der Lage, das Schiff zu segeln.

Der Geheime Teilhaber ist die Geschichte eines Kapitäns, der auf einer ersten Nachtwache auf einem gerade erst übernommenen Schiff zufällig den Deserteur eines anderen Schiffes entdeckt und heimlich an Bord nimmt. Er versteckt ihn in seiner Kabine und fährt schließlich ein riskantes seemännisches Manöver, um dem Versteckten nicht nur von Bord, sondern auch mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher an Land zu verhelfen. Wie oben schon gesagt dient dieser recht bekannte und umfangreich ausgedeutete Text dem Übersetzer in der Hauptsache dazu, im Nachwort einige interpretative Parallelen zu Die Schattenlinie zu ziehen.

Die neue Übersetzung ist wohl im Vergleich zu den Vorgängern am nächsten am Original; Göske lässt nicht nur die eher dunklen Stellen Conrads unangetastet, er bemüht sich auch, dessen zum Teil merkwürdige sprachliche Wendungen entsprechend ins Deutsche zu übertragen. Zudem sind beide Texte ausführlich kommentiert, wobei die Anmerkungen en passant auch die breite Kenntnis des Übersetzers von Conrads Gesamtwerk dokumentieren. Man würde sich wünschen, dass diesem Band noch einige Conrad-Übersetzungen mehr folgen werden.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Aus dem Englischen von Daniel Göske. München: Hanser, 2017.  Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 419 Seiten. 30,– €.

Robert Louis Stevenson: Der Pavillon in den Dünen

Dies war vielleicht das Verrückteste, was jemals von zwei Personen ausgeführt wurde, die für sich beanspruchen, bei Verstand zu sein.

Eine längere Erzählung des noch jungen Stevenson, die hauptsächlich 1879 in den USA entstanden ist und im folgenden Jahr veröffentlicht wurde. Sie markiert in gewisser Weise Stevensons Durchbruch als Autor, da sie sowohl von der Kritik als auch von Kollegen hoch gelobt wurde, obwohl Stevenson selbst sie eher für eine Handwerksarbeit hielt. Arthur Conan Doyle gefiel sie gar so gut, dass er sie auch noch viele Jahre später als die beste englische Erzählung überhaupt bezeichnete.

Erzählt wird vom Ich-Erzähler Frank Cassilis, einem etwas menschenscheuen Eigenbrötler, der in seinem dreißigsten Lebensjahr ein unstetes Wanderleben führt. Unter anderem bringt ihn seine Wanderschaft auch an einen Ort zurück, den er zuletzt vor neun Jahren besucht hat: Den Landsitz seines einzigen Studienfreundes Northmour, von dem er sich damals im Streit getrennt hatte. Bewohnt hatten beide damals ein Nebengebäude, eben den titelgebenden Pavillon in den Dünen. Kaum hat sich Cassilis in der Nähe mit seinem Zelt eingerichtet, so beobachtet er, wie eines Nachts der Pavillon für Besucher hergerichtet wird und in der Nacht darauf Northmour mit einer jungen Frau und einem älteren Herrn den Pavillon bezieht. Bald wird Cassilis in die Angelegenheiten dieser Leute verwickelt sein, sich in die junge Frau verliebt haben und sich zusammen mit seinem Rivalen um deren Gunst gegen eine Gruppe von Italienern verteidigen, die dem Vater der jungen Frau, einem betrügerischen Bankier, ans Leben wollen.

Die Erzählung ist nett gebaut, bringt zu Anfang etwas Schauerromantik ins Spiel, wird dann zur Kriminalerzählung mit aktuellem politischem Hintergrund, in die geschickt eine Liebesgeschichte eingeflochten ist. Es erstaunt nicht, dass Stevenson selbst von einem Handwerksstück (carpentry) spricht, denn die Erzählung liegt ganz in der Linie der populären Literatur der Zeit. Sie zeichnet sich aber durch eine außergewöhnlich hohe Ökonomie aus, erzählt nur das unbedingt Notwendige und erspart dem Leser so viel Geschwätz. Zugleich weiß Stevenson die Klaviatur der Spannung und der Emotion souverän zu bedienen, so dass man von einem rundherum gelungenen Kurz-Roman sprechen könnte, wenn es so etwas damals schon gegeben hätte. (Heute würden die meisten Verlage auf einem vergleichbaren Produkt gnadenlos die Kennmarke Roman absetzen.)

Die Neuübersetzung bei Mare von Lucien Deprijck ist durchweg gut; das kleinformatige Bändchen (15½ × 10 cm) mit seinem bedruckten Leineneinband sehr gefällig; einzig die Fadenheftung fehlt, um das Büchlein perfekt zu machen.

Robert Louis Stevenson: Der Pavillon in den Dünen. Aus dem Englischen von Lucien Deprijck. Hamburg: mare, 2018. Bedrucktes Leinen, Lesebändchen, 159 Seiten. 20,– €.

Joseph Conrad: Lord Jim

Es war eine merkwürdige, melancholische Vorstellung, aus dem Halbbewussten hervorgekommen wie alle unsere Illusionen – die, vermute ich, einfach nur Bilder einer fernen, unerreichbaren Wahrheit sind, die wir nur undeutlich erkennen.

Joseph Conrad gehört zu meinen eher frühen Lektüren, als ich in Schriftstellern noch Denker vermutete und in ihren Büchern einen tieferen Sinn. Gerade hierfür ist Joseph Conrad ein nahezu idealer Kandidat, da er wohl selbst glaubte, dass allem ein geheimer Sinn innewohnt, den er nur nicht recht in Worte zu fassen, den er aber durch eigenes und nacherzähltes Raunen dem Leser anzudeuten vermochte. Insbesondere die unmittelbare Begegnung des Menschen mit den Naturgewalten, vorzüglich dem Meer in seiner Schönheit und Gefährlichkeit führen ihn zu den existentiellen Einsichten, die die Bücher durchraunen. Dabei sind attraktive, zum Teil spannende, immer gut lesbare Texte entstanden.

Lord Jim, das durch sein Erscheinungsdatum die Jahrhundertgrenze markiert, ist einer der langen Romane Joseph Conrads. Man merkt ihm seine Entwicklung aus einem wesentlich kürzeren Entwurf an, da die erzählerische Konstruktion, dass es sich bei mindestens 70 % des Romans um die Erzählung Charles Marlows an einem einzigen Abend handelt, doch sehr strapaziert wirkt. Überhaupt leidet auch dieses Buch unter der Pest des 19. Jahrhunderts, dass alles zu Ende erzählt werden muss und es deswegen mindestens 100 Seiten mehr hat, als ihm gut tut. Es ist wohl nicht falsch, das Buch in zwei Hauptteile einzuteilen, die durch Einleitung, Überleitung und Ende gerahmt sind: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Reise des Pilgerschiffs Patna, der zweite Teil mit der Karriere des Titelhelden als Eingeborenenkönig irgendwo in Südostasien. Nach einer auktorialen Einführung der Figur Jims nutzt Conrad den Wechsel zum Erzähler Marlow – den er später unter anderem auch für sein berühmtes Herz der Finsternis gebrauchen sollte – um den Leser für weitere 50 Seiten über den Ausgang der ersten Krise in Jims jungem Leben im Unklaren zu lassen.

Jim jedenfalls versagt für einen Augenblick in einer Krisensituation und wird von der Ironie des Schicksals sofort für dieses Versagen heftig niedergeschlagen: Er verliert sein gerade erst erworbenes Offizierspatent und ist in ein Leben entlang der Küste gezwungen, wo er sich für verschiedene Schiffsausstatter als Hafenagent verdingt. Immer, wenn ihn die Geschichte seiner Schande einholt, zieht er weiter nach Osten. Schließlich trifft er in Mr. Stein einen ihm geneigten Menschen, der ihm einen entlegenen Handelsposten im fiktiven Patusan anbietet, wo Jim als einer von nur zwei Weißen Karriere als eigentliche Macht vor Ort macht, sich in ein Mädchen verliebt und endlich einen kleinen Platz auf der Welt gefunden zu haben scheint, wo er seine Jugendträume von Bedeutung, Einfluss und Verantwortung ausleben kann. Natürlich muss auch hier ein Ende gefunden werden, weshalb das Buch leider in einer Art von Piratengeschichte endet, die nur als angeklebt bezeichnet werden kann.

Abstrakt betrachtet haltet es sich bei Lord Jim um eine Variation auf den im 19. Jahrhundert beliebten Entwicklungsroman mit der besonderen Pointe, dass die Gesellschaft, in der Jim nach seinem Fall seinen Ort und seine Bestimmung findet, am gegenüberliegenden Längengrad der Welt liegt. Man kann dies sowohl als Kritik der westlichen Welt und ihrer unmoralischen Moral verstehen wollen oder auch als Missbilligung der merkwürdig hochgespannten Persönlichkeit Jims, der erst sehr spät und sehr endgültig zu einer Einsicht in die tatsächliche Verfasstheit der Welt gelangt. Gerade die letzte Lesart sollte in der Wahrnehmung des Lesers gekontert werden durch die Sympathie, die beide Erzählerfiguren Jim entgegenbringen, indem sie immer und immer wieder betonen, Jim sei „einer von uns“ (diese Formel wird mindestens acht Mal auf den knapp 500 Seiten des Romans benutzt).

Dass ich Lord Jim gerade jetzt wieder gelesen habe, verdankt sich eher einem Zufall: Im letzten Jahr wurde Conrads Die Schattenlinie neu übersetzt – ebenfalls in nächster Zeit hier zu besprechen – und in diesem Zusammenhang habe ich meinem Buchhändler gegenüber einmal mehr die Übersetzung von Herz der Finsternis durch Manfred Allié gelobt; mein Buchhändler fand rasch heraus, dass Allié inzwischen auch den Lord Jim ins Deutsche übertragen hatte. Und auch diesmal hat sich der Übersetzer am Text bewährt. Es ist nicht einfach, das Raunende und Indirekte Conrads zu übersetzen: Es gerät leicht ins mystische Schwafeln oder in die blanke Undeutlichkeit, aber Allié ist es auch hier gelungen, den Grundton Conrads und seine Indirektheit sehr angemessen ins Deutsche zu übertragen.

Das Buch als Buch allerdings ist leider eines der Ärgernisse, wie sie sich immer öfter im Buchhandel finden: Für das sogenannte Hardcover (was einen festen statt eines flexiblen Pappkarton als Umschlag bedeutet, nicht mehr) wurde der Satzspiegel des Taschenbuchs schlicht optisch aufgeblasen (dieses Verfahren hat eine ganze Reihe von Großdruck-Büchern erzeugt), und man hat sich bei Fischer nicht einmal die Mühe gemacht, eine eigenes Cover-Bild für den Schutzumschlag zu entwerfen, sondern einfach den Umschlag des Taschenbuchs benutzt. Daher ziert dieses Hardcover das Logo der Fischer Taschenbuchreihe. Was der Käufer also für die 8,– €, die das Hardcover mehr kostet als das Taschenbuch, bekommt ist ein optisch hässlicher Buchsatz und ein fester Pappendeckel um das Buch geklebt; auch ein angeklebtes Stofflesezeichen findet sich. Zum Ausgleich kostet wenigstens das E-Book, zu dem ich angesichts der Qualität der gedruckten Ware raten würde, nur 3,99 €.

Joseph Conrad: Lord Jim. Eine Erzählung. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Frankfurt: S. Fischer, 2014. Pappband, Lesebändchen, 493 Seiten. 22,99 €.

Fjodor Dostojewskij: Der Spieler

Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!

Der Spieler ist der kürzeste und zugänglichste der letzten sechs Romane Dostojewskijs. Er entstand 1866 unter erheblichem Zeitdruck, da Dostojewskij sich seinem Verleger gegenüber verpflichtet hatte, bis zum 1. November des Jahres einen Roman im Umfang von mindestens zwölf Druckbögen zu liefern. Weil er aber zur selben Zeit noch an Verbrechen und Strafe arbeitete, engagierte Dostojewskij eine Stenografin (seine spätere Ehefrau Anna Grigorjewna) und diktierte ihr den kurzen Roman in nur 26 Tagen. Die Art seiner Entstehung und die von Außen vorgegebene Beschränkung des Umfangs tragen wohl erheblich zu dem Erfolg dieses späten Romans Dostojewskijs bei, da sie den Autor gezwungen haben, sich ganz auf sein erzählerisches Talent zu verlassen und Fabel und Ausführung vergleichsweise einfach zu halten.

Erzählt wird der Roman von dem jungen Adeligen Alexej Iwanowitsch (seinen Familiennamen erfahren wir nicht), der im Hause des pensionierten Generals Zagorjanskij als Hauslehrer angestellt ist. Die Erzählung beginnt, als Alexej mit der Familie des Generals im fiktiven Kurbad Roulettenburg wieder zusammentrifft, nachdem er im Auftrag der Familie eine längere Reise durch Westeuropa hinter sich gebracht hat. Zur unmittelbaren Familie gehören die Schwester des Generals Marja Filippowna, die im Roman aber nur eine verschwindende Rolle spielt, sowie drei seiner Kinder: Seine bereits erwachsene Stieftochter Praskowja, genannt Polina, in die der Erzähler leidenschaftlich aber unglücklich verliebt ist, und die beiden noch sehr jungen Kinder Mischa und Nadja, die im Wesentlichen Alexejs Rolle als Hauslehrer rechtfertigen, die er im Roman aber nie auch nur eine Minute lang unterrichtet. Zum näheren Umfeld dieser Gruppe gehören auch der Marquis des Grieux, bei dem der General hoch verschuldet ist und dem er seine Güter verpfändet hat, sowie Mademoiselle Blanche, eine professionelle Kokotte, in die der alternde General offenbar verliebt ist und die auf eine Eheschließung mit dem leider nur potenziell reichen Russen spekuliert. Das finanzielle Schicksal der gesamten Gruppe hängt von einer Erbschaft ab und mithin vom Tod der vermögenden Antonida W. Tarasewitschewa, die in der Fantasie der Familie in Moskau ihrem Ende entgegen sicht. Zudem umkreist die Familie der reiche Engländer Mister Astley, offenbar ein Bewunderer Polinas, die aber in eine Affäre mit des Grieux verwickelt zu sein scheint.

In dieses in der Hauptsache um sich selbst kreisende Figurenensemble bricht nun mit einem Mal die im Sterben vermutete Moskauer Erbtante ein, die nicht nur mit klarer Auffassung und deutlicher Sprache die vorhandenen Verhältnisse auf den Punkt bringt, sondern auch sofort und rettungslos dem Roulette verfällt, indem sie, wie literarisch üblich, zuerst mit unwahrscheinlichem Glück Gewinne einstreicht, um anschließend in kurzer Zeit einen bedeutenden Teil ihres Vermögens zu verspielen. Als sie ganz und gar mittellos dasteht, löst sie Mister Astley in ihrem Hotel aus und bezahlt ihr die Rückreise nach Moskau. Mit der Abreise der Tante bricht auch die Gruppe um den General auseinander: des Grieux, der nun weiß, dass eine Erbschaft des Generals nicht mehr zu erwarten ist, reist ab und gibt die Versteigerung der verpfändeten Güter in Auftrag, Mademoiselle Blanche wendet sich im Augenblick anderen potenziellen Ehemännern zu, und Polina bleibt, von des Grieux verlassen, verzweifelt zurück und wendet sich in einem Moment der Schwäche für eine Nacht dem Erzähler zu. Mit dieser Nacht beginnt das rauschhafte und temporeiche letzte Drittel des Romans, das hier nicht nacherzählt werden muss. Nur soviel sei gesagt, dass sich aus ihm der Titel des Romans ergibt, denn es schildert im Wesentlichen die Entwicklung Alexejs zum pathologischen Spieler.

Erzählerisch ist der Roman klar in drei Teile gegliedert, in denen der Ich-Erzähler aus immer größerem zeitlichen Abstand die Geschehnisse von ungefähr zwei Jahren berichtet. Während das Buch als eine Art Tagebuch beginnt, überwältigen die Ereignisse ab der Abreise der Erbtante den Erzähler derart, dass er erst in der Rückschau in der Lage ist, sie niederzuschreiben. Ein weiterer zeitlicher Sprung geht mit dem Beginn seiner Karriere als Spieler einher. Stilistisch ist der Roman temporeich und in weiten Teilen vom Humor Dostojewskijs bestimmt, den man im Westen gern ignoriert und der in der Übersetzung Swetlana Geiers besonders zur Geltung kommt. Das alles hat diesen für Dostojewskijs Spätwerk vergleichsweise kleinen Roman zu Recht zu einem seiner beliebtesten gemacht. Eine ausgezeichnete Einstiegslektüre für alle, die Dostojewskij kennenlernen wollen.

Fjodor Dostojewskij: Der Spieler. (Aus den Aufzeichnungen eines jungen Mannes). Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Zürich: Amman, 2009. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 231 Seiten. Nicht mehr lieferbar. Lieferbar sind seitenidentische Taschenbuchausgaben im Fischer Verlag.

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Wir sind Totgeborene, werden wir doch schon lange nicht mehr von lebendigen Vätern gezeugt, und das gefällt uns immer besser und besser. Wir bekommen Geschmack daran. Bald werden wir so weit sein, daß wir von einer Idee gezeugt werden.

Die vergleichsweise kurzen Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864) entstanden unmittelbar vor der Serie der letzten sechs Romane Do­sto­jews­kijs, die wir als seine Hauptwerke betrachten. Viele seiner späteren Themen und Motive tauchen hier bereits auf oder werden wenigstens angespielt. In der Hauptsache aber dürfte wichtig sein, dass hier eine ideologische Lebenshaltung der Zeit auf ihre Konsequenzen hin durchgespielt wird; mit diesem Buch wird quasi das psychologische Labor Dostojewskijs eröffnet.

Erzähler ist ein namenloser, 40-jähriger Mann, der seit einiger Zeit keiner Arbeit mehr nachgeht, da er von einer kleinen Erbschaft leben kann. Er bewohnt schon lange das im Titel besagte Kellerloch und wendet sich mit seiner Niederschrift an ein fiktives Publikum, angeblich um seine Erzählung zu konzentrieren. Allerdings muss die gesamte Schrift im Verdacht stehen, eine rhetorische Verteidigung seiner Existenz vor einer inneren moralischen Jury zu sein.

Der Text zerfällt in zwei Teile: Der erste ist eine essayistische Reflexion des Erzählers seiner eigenen Existenz, der zweite Teil erzählt einige nur scheinbar anekdotische Erlebnisse, die bereits 16 Jahre zurückliegen. Der erste Teil beginnt mit folgender Selbstbeschreibung:

Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich. Ich glaube, meine Leber ist krank. Übrigens habe ich keinen blassen Dunst von meiner Krankheit und weiß gar nicht mit Sicherheit, was an mir krank ist. Für meine Gesundheit tue ich nichts und habe auch nie etwas dafür getan, obwohl ich vor der Medizin und den Ärzten alle Achtung habe. Zudem bin ich noch äußerst abergläubisch, so weit z.B., daß ich vor der Medizin alle Achtung habe. (Ich bin gebildet genug, um nicht abergläubisch zu sein, aber ich bin abergläubisch.) Nein, meine Herrschaften, wenn ich für meine Gesundheit nichts tue, so geschieht das nur aus Bosheit.

Ein solcher Auftakt steht aller romantischen Romantradition diametral entgegen. Auch in weiteren Verlauf dieses essayistischen Teils kokettiert der Ich-Erzähler mit seiner Verworfenheit, wobei die meisten seiner Eigenschaften, die er als besonders schlecht anführt, von den meisten Menschen, die sich für normal halten würden, wohl geteilt werden: Ehrgeiz, Argwohn, Empfindlichkeit und so weiter. Was ihn allerdings aus der Masse tatsächlich heraushebt, ist seine Feier der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, die ihm ein Leiden bereiten, das er tief zu genießen vorgibt. Dieser essayistische Teil ist von tiefer Widersprüchlichkeit geprägt: Einerseits betrachtet sich der Erzähler als klüger, gebildeter, reflektierter als seine normalen Mitmenschen, andererseits verwandelt er die Verachtung, die ihm seine Mitmenschen offensichtlich entgegengebracht haben, in den Genuss von Rachsucht und Bosheit, die aber merkwürdig abstrakt bleiben.

Im Rahmen dieser psychologischen Selbststilisierung des Erzählers werden auch philosophische Probleme erörtert: Willensfreiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Rationalität werden in lockerer und weitgehend unsystematischer Weise besprochen. Das Menschenbild, das dabei zutage tritt, kann man wohl als eine Art von Ad-hoc-Nihilismus verstehen, die sich aber nicht bis zur endgültigen und ausdrücklichen Verneinung der menschlichen Gesellschaft und ihrer Werte durcharbeitet; es ist daher kein Wunder, dass dieses Buch auf Friedrich Nietzsche einen so großen Eindruck gemacht hat.

Schon gut, schon gut, ich mag ein Schwätzer sein, ein harmloser, lästiger Schwätzer, wie wir es ja alle sind. Aber was soll man denn tun, wenn die einzige und direkte Bestimmung eines jeglichen klugen Menschen in Schwatzen besteht: das heißt darin, mit Vorsatz leeres Stroh zu dreschen.

Der umfangreichere zweite Teil schildert, wie schon gesagt, einige Anekdoten aus dem Leben des 24-Jährigen, die sein berufliches, gesellschaftliches und emotionales Versagen konkret vorführen. Er soll zum einen so etwas wie eine praktische Demonstration der zuvor theoretisch erörterten Lage des Erzählers sein, zum anderen liefert er in aller Kürze einen negativen Entwicklungsroman, der die Entstehung der Isolation des Erzählers von der ihn umgebenden Gesellschaft musterhaft vorführt.

Nur im allerletzten Absatz des Buches taucht so etwas wie eine neutrale Instanz auf, die einen distanzierteren Blick auf das Erzählte andeutet:

Übrigens sind hier die Aufzeichnungen dieses paradoxen Menschen noch nicht zu Ende. Er konnte es nicht lassen und setzte sie fort. Aber auch uns will scheinen, daß man hier ohne weiteres aufhören kann.

Dieses „uns will scheinen“ ist die einzige Stelle, in der sich der Autor vom Inhalt des Buches distanziert. Dass es Dostojewskij später verstanden hat, auch diese letzte, neutrale Herausgeber-Fiktion noch fortzulassen, macht nicht wenig von der Bedeutung seiner späten Romane aus.

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Fischer Klassik 90102. Frankfurt/M.: Fischer, 2011. Broschur, 162 Seiten. 11,– €.

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens

«Die ganze Wahrheit? Wenn man ein Huhn zerlegt, Ethan, ist alles Huhn, trotzdem gibt es helles und dunkles Fleisch.»

Der Winter unseres Miss­ver­gnü­gens von 1961 ist John Steinbeck letzter Roman. Der Literaturnobelpreis, den er 1962 erhielt, veränderte seinen Status als Prominenter so stark, dass er danach bei zunehmender Krankheit vor lauter öffentlichem Engagement nur noch wenig zum Schreiben kam. So sind dieser Roman und die 1962 noch erschienene, autobiographische Reise mit Charlie seine letzten Bücher gewesen. Erzählt wird im Winter unseres Missvergnügens hauptsächlich die Geschichte Ethan Allen Hawleys, eines jungen Mannes, verheiratet, mit zwei Kindern, der seine Familie und sich als Verkäufer in einem Leb­ens­mit­tel­la­den über Wasser hält. Der Laden hat im einmal gehört, aber er war als ein unerfahrener Kriegsheimkehrer pleite gegangen und der Käufer des Ladens, ein italienischer Einwanderer, hatte ihm eine Stelle als Verkäufer im selben Geschäft angeboten.

Die Handlung spielt in zwei kurzen Episoden um Ostern und den 4. Juli 1960 herum in dem kleinen, fiktiven, us-amerikanischen Ostküstenstädtchen New Baytown. Ethan gehört zu einer der Gründerfamilien des Städtchen, die ehemals durch den Walfang reich geworden, dann aber heruntergekommen war. Ethans Vater hatte die Reste des Familienvermögens durchgebracht und so bleibt Ethan nichts als das Haus und der Nachruhm der Familie. Sein Misserfolg als Kaufmann hängt ihm immer noch nach, aber um die Osterfeiertage herum beschließt er, in die Klasse der wohlhabenden Bürger zurückzukehren. Den Plan, mit dem er das ins Werk setzen will, entwickelt er im Laufe dieser Tage.

An der Oberfläche erzählt der Roman den Ablauf einiger weniger Tage, an denen sich eine entscheidende Wendungen in Ethans Leben einstellt. Im Hintergrund aber erzählt Steinbeck auch die Geschichte einer kleinen, von Tradition und Korruption gezeichneten Gemeinde und einer Gesellschaft, die trotz ihrer öffentlichen Moral von Ehrlichkeit, Fleiß und Rechtschaffenheit im Wesentlichen von Eigennutz, Betrug und Lügen geprägt ist.

New Baytown hatte so lange geschlafen. Jene Männer, die die Stadt regierten, in politischer, moralischer und wirtschaftlicher Hinsicht, beherrschten das Gemeinwesen schon so lang, dass sie in ihren Gewohnheiten festgefahren waren. Stadtdirektor und Stadtrat, Richter und Polizei waren für die Ewigkeit eingesetzt. Der Stadtdirektor verkaufte Baumaterial an die Stadt, und die Richter ließen Strafzettel verschwinden, wie sie es seit jeher taten, weshalb ihnen dies auch nicht illegal schien – obwohl die Gesetzbücher es behaupteten. Sie fanden es nicht unmoralisch, weil sie normale Menschen waren. Kein Mensch war unmoralisch. Die Nachbarn ausgenommen.

In diesem normalen Städtchen ist Ethan so etwas wie ein Einhorn: ein ehrlicher Mann, der sich – zumindest zu Anfang – weigert, an dem allgemeinen Spiel des Betrugs und der Bereicherung teilzunehmen. Als er dann beschließt, doch mitzumachen, soll das nicht ohne Folgen bleiben. Aber das soll jeder Leser selbst entdecken.

Der Roman ist in locker wechselnder Perspektive erzählt: Personales und Ich-Erzählen lösen einander ab; im zweiten Teil gibt es auch Kapitel, die ganz traditionell auktorial daherkommen. Breite Passagen sind dialogisch gefasst; überhaupt ist der Gegensatz zwischen dem, was die Figuren sagen, dem, was sie denken und beabsichtigen und schließlich dem, was sie tun, das zentrale Spannungselement des Romans. Steinbeck lässt sich lange Zeit, bevor er seinen Lesern erlaubt, seinem Protagonisten auf die Spur zu kommen, und selbst als der dann endlich weiß, was Ethan plant, sollte er sich nicht zu sehr darauf verlassen.

Die Neuausgabe bei Manesse ersetzt die ältere, bereits 1963 erschienene Übersetzung von Harry Kahn (Geld bringt Geld). Diese Übersetzung machte zumindest klar, wie schwierig es ist, Steinbeck gut zu übersetzen. Steinbecks Texte haben bei aller Ernsthaftigkeit ihrer Stoffe einen leichten, immer humoristischen Grundton, der insbesondere auch die Dialoge prägt. Zugleich gibt es in Der Winter unseres Missvergnügens einen durchgängigen, peu à peu wachsenden zornigen Unterton, der im letzten Kapitel auf ganz überraschende Weise kulminiert. Es ist sehr, sehr schwierig, das in einer anderen Sprache nachzubilden. Bernhard Robben ist dies alles andere als kleine Kunststück mit einer Souveränität gelungen, die man nur bewundern kann. Robben gehört schon lange zu den besten Übersetzern aus dem Englischen, aber hier ist ihm ein besonderes Meisterstück gelungen. Dem deutschen Text fehlt nichts von der Leichtigkeit und Eingängigkeit des Originals; insbesondere die ehelichen Dialoge zwischen Ethan und Mary sind mit einer Genauigkeit getroffen, die man bei Kenntnis des Originals kaum für möglich halten würde. Ein echter Glücksfall!

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Zürich: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 606 Seiten. 25,– €.

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans

Als Vorbereitung für die Lektüre von Shaws Die heilige Johanna habe ich noch einmal Schillers sehr merkwürdiges Stück über Jeanne d’Arc gelesen. Es entstand um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert unmittelbar nach der Wallenstein-Trilogie und Maria Stuart. Der Stoff hat Schiller offenbar erheblichen Widerstand entgegengesetzt, was auf der einen Seite das Märchenhafte – „romantische“! – des Stückes erklärt, andererseits die schon einigen Zeitgenossen unangenehme Veränderung des historischen Schicksals Johannas, indem Schiller sie auf dem Schlachtfeld sterben lässt und Verrat, Prozess und Hinrichtung schlicht ausblendet.

Das Problem des Stoffes dürfte auch bereits für Schiller im Wesentlichen gewesen sein, dass Johannas Auftrag und ihre aus diesem Auftrag folgende Autorität auf ihren Visionen beruhen. Dabei ist es unerheblich, ob diese Visionen die Jungfrau Maria (Schiller) oder die heilige Katharina und Margareta (so die historischen Quellen) präsentiert haben; es besteht in jedem Falle die Notwendigkeit den Status dieser Visionen zu reflektieren. Bei Schiller geschieht dies nur am Rande, in dem er in einer späten Szene des dritten Aufzugs den Teufel leibhaftig in der Gestalt eines schwarzen Rittes auftreten lässt, der Johanna davor warnt, sich nach Reims zu begeben und ihre Sendung zu erfüllen. Nur an dieser einzigen Stelle objektiviert Schiller das Eingreifen der christlichen Hinterwelt in das historische Geschehen (konsequenterweise wurde die entsprechende Szene bei den zeitgenössischen Aufführungen denn auch zumeist gestrichen); ob Johanna aber eine Gesandte oder Wahnsinnige, eine Heilige oder Ketzerin ist, bleibt völlig unklar, da diese Frage – ganz gleich, wie sie beschieden würde – die tragische Dramaturgie des Stücks aushebeln würde. Aus diesem Grunde darf der Prozess um Johanna bei Schiller nicht einmal erwähnt werden.

Schiller ist daher dazu gezwungen, Johanna auf ganz merkwürdige Weise zu psychologisieren: Da sie, um ohne den historischen Verrat an ihr eine tragische Figur werden zu können, in irgendeiner Weise schuldlos schuldig werden muss, erfindet er in die bis dahin durchweg unmenschliche Figur das unwillkürliche Gefühl einer Verliebtheit hinein, das ihren Sündenfall herstellt. Im inneren Bewusstsein ihrer Schuld gerät sie in ein Miss­ver­hält­nis zu ihren Mitmenschen, die ihr Verhalten in Unkenntnis der inneren Verhältnisse Johannas missdeuten müssen, was zu Johannas plötzlichem und wenig notwendigem Fall aus der Gnade von König, Hof und Familie führt. Ihre nachfolgende Besinnung und Sühnung im Tod bei der Rettung ihres Königs sind notwendig im Sinne der tragischen Dramaturgie, aber psychologisch eine Niederlage, da die durch ihre Verliebtheit einmal gewonnene Menschlichkeit der Figur sogleich wieder aufgegeben wird, um sie in ihr tragisches Ende zu zwingen. Man wundert sich, dass gegen dieses erkünstelte Pathos nicht mehr Zeitgenossen Einwände erhoben haben.

Natürlich muss Schiller zugute gehalten werden, dass der historische Stoff schon auf den ersten Blick für eine Dramatisierung außergewöhnliche Schwierigkeiten bereit hält. Will man ihn aber – man entschuldige diesen faden Scherz – nun einmal auf Teufel komm raus dramatisieren, ja, tragödisieren, so ist Schillers Wurf allein deswegen einiger Respekt zu zollen. Und doch scheint ihm gleich zweierlei nicht zu gelingen: weder die Menschlichkeit seiner Protagonistin zu gewinnen, noch den Stoff aus dem Legendenhafte ins Historische zu transponieren. Doch wenigstens den Versuch des einen oder anderen darf man vielleicht erwarten.

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans. In: Sämtliche Werke. Berliner Ausgabe. Bd. 4. Berlin: Aufbau, 2005. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 901 Seiten.

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte

Es ist witzlos, ein charmanter Bursche zu sein, es sei denn, man hat Vermögen.

Neben den beiden Bänden sogenannter Märchen erschien 1891 ein weiteres schmales Büchlein von Oscar Wilde mit dem Titel Lord Arthur Savile’s Crime and Other Storys. Enthalten waren vier Erzählungen, die Wilde in seiner Zeit als Redakteur der Frauenzeitschrift The Woman’s World geschrieben hatte. Die beiden längeren haben einen humoristischen Grundton, die beiden kürzeren sind von eher anekdotischer Natur. Berühmt geworden ist aus dieser Sammlung Das Gespenst der Cantervilles, in dem eine sehr praktische und abgeklärte us-amerikanische Familie ein altes englisches Schloss kauft und das Schlossgespenst das Fürchten lehrt. Doch ganz zum Schluss wird das Schloss durch die Güte der Tochter der Familie sogar von seinem alten Spuk befreit. Es mag sein, dass Wilde, der die USA aus eigener Anschauung kannte, dies für alle alten Gespenster des Vereinigten Königsreich erhoffte.

In der Titelgeschichte wird Lord Savile aus seiner Hand vorhergesagt, er werde einen Mord begehen, eine Sache, die ihm so peinlich ist, dass er sie gern noch vor seiner bald bevorstehenden Hochzeit erledigt hätte. Seine Versuche an unangenehmen Verwandten enden kläglich, doch dann spielt ihm das Schicksal eine unwiderstehliche Gelegenheit zu. …

Die Prosagedichte sind 1894 unter diesem Titel erschienen und enthalten sechs sehr kurze, etwas verblasene Text, die sich in pseudo-biblischer Sprache an zumeist biblisch-mythologischen Motiven abarbeiten. Möglicherweise gelingt es der einen oder dem anderen, darin mehr als stilistische Phraseologie zu erwittern; ich selbst konnte mit dem abgehobenen Zeugs nichts anfangen.

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Werke in 5 Bänden, Bd. 2. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 151 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray

Wir leben in einer Zeit, wo man zuviel liest, um klug zu sein, und wo man zu viel denkt, um schön zu sein. 

Wildes einziger Roman, entstanden 1890, ist eine Mischung gängiger zeitgenössischer literarischer Tendenzen: Je ein Teil Schauer- und Mord-Geschichte, ein Gutteil Dekadenz-Roman, ein wenig Künstler- und der übliche Schuss Entwicklungsroman und schon ist der Plot fertig. Dies alles ist exzellent miteinander legiert worden und bildet auf den ersten Blick eine überzeugende Einheit; es leidet zwar unter dem Mangel eines bedeutenden Teils der Phantastik, nämlich dass das zentrale Motiv – hier die Übertragung von Alter und moralischem Verfall vom Protagonisten auf sein Abbild – gänzlich unerklärt bleiben muss, aber Wilde gelingt es, diesen Einfall geschickt mit der moralischen Ebene des Romans zu verflechten. 

Die Grundzüge der Fabel dürften weithin bekannt sein: Der junge, auffallend gutaussehende Dorian Gray wird von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward portraitiert. Während der letzten Sitzung lernt er im Atelier den Dandy Lord Henry Wotton kennen, der ihm seine rhetorische Theorie eines neuen Hedonismus aufschwätzt. Dorian gerät rasch unter den Einfluss Lord Henrys, was sich zum ersten Mal deutlich zeigt, als sich Dorian in eine Schauspielerin verliebt, die gerade als er sie zum ersten Mal seinen Freunden Basil und Lord Henry vorführen will, ihr darstellerisches Vermögen verliert und durchfällt. Enttäuscht und blamiert wendet sich Dorian von ihr ab und stellt daheim fest, dass sich dieser grausame Zug seines Charakters zwar in Hallwards Portrait, nicht aber in seinem Gesicht abgezeichnet hat. Auch die nachfolgende Trauer über den Selbstmord der Schauspielerin verwindet Dorian mit Hilfe von Lord Henrys Geschwätz rasch und wird so ein schlechter Mensch. 

Dorians weitere Karriere zum moralisches Monster erspart Wilde sich und uns, stattdessen bekommen wir in Kapitel 11 einen kunsthistorischen Vortrag serviert, der die umfangreiche Belesenheit Wildes dokumentiert. Wir finden Dorian nach einigen Jahren wieder als einen notorisch bekannten Lebemann, immer noch so schön wie früher und immer noch ebenso hohl. Seine Karriere des moralischen Verfalls gipfelt in einem Mord, den er noch vertuschen kann, der aber zu einer nicht unerheblichen Paranoia führt; hinzukommt, dass der Bruder der Schauspielerin versucht, deren Tod zu rächen, sich aber für den Augenblick von Dorians scheinbarem Alter verwirren lässt. Als jedoch alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden sind, möchte Dorian endlich ein neues Leben beginnen und ein guter Mensch werden. Zu diesem Zweck will er das schicksalshafte Portrait endlich zerstören, das sich aber auch am Ende als mächtiger erweist als er.

Sieht man von all diesem unerklärlichen Unfug ab, so ist es ein ganz nettes Buch. Gerade, dass die Schauer- und Mord-Romantik nur einen Nebenstrang der Erzählung bildet und Wilde das Hauptgewicht auf die moralische Entwicklung seines Protagonisten legt, macht die Geschichte erträglich. Alles in allem ist Das Bild des Dorian Gray das Gesellenstück eines Autors, der sehr genau weiß, wie die zeitgenössische Literatur funktioniert und aus seiner Analyse ein Modell des modernen Romans zu basteln versteht, das er dann mit einer einigermaßen interessanten Handlung auszustaffieren versteht. So schreiben Literaturkritiker oder -professoren ihre Romane.

Die Übersetzung von Hans Wolf ist sehr gut lesbar, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen stilistisch nicht ganz auf der Höhe von Wildes sehr elegantem Englisch ist. Sie dürfte aber wohl den wirklich zahlreichen älteren Übersetzungen klar vorzuziehen sein.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray. Aus dem Englischen von Hans Wolf. Werke in 5 Bänden, Bd. 1. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 352 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.